Heute vor 49 Jahren erschien das vierte Studioalbum von Black Sabbath.
Eigentlich sollte das vierte Werk der Briten aus dem Jahr 1972 den gleichen Namen tragen wie der sechste Track ›Snowblind‹, aber der Plattenfirma war die Anlehnung an den Kokainkonsum der Band zu offensichtlich. So wurde dann simpel BLACK SABBATH VOL. 4 daraus. Als sie den Song, wie im Video zu sehen, sechs Jahre später in London spielten, trug Ozzy Osbourne passenderweise ein komplett weißes Outfit:
BLACK SABBATH VOL. 4 konnte an den Erfolg seiner drei Vorgänger anknüpfen und verkaufte in den USA mehr als eine Million Auflagen. Doch die gewählte Single ›Tomorrow’s Dream‹ floppte. Stattdessen konnten sich vor allem die Pianoballade ›Changes‹ und ›Supernaut‹ durchsetzen. Letzterer wurde von Frank Zappa und John Bonham als einer der Lieblingssongs benannt.
Doch auch der gewünschte Titeltrack ›Snowblind‹ konnte sich behaupten und ist bis heute auf fast jeder Setlist zu finden. Auch System of a Down und Zakk Wylde coverten das Stück bereits.
Everett True erinnert sich daran, wie jenes ikonische Album entstand, das alles verändern sollte.
Für diejenigen unter uns, die aus dem internationalen Pop-Untergrund kamen – diese lose Allianz aus Außenseitern, Riot Grrrls und DIY-Querulanten, die die Musikszene in Kurt Cobains Wahlheimat Olympia, Washington, in den späten 80ern dominierten –, schien es fast unmöglich, dass die Metalwelt so heiß darauf war, sich auf Nirvanas chaotischen Adrenalinrausch einzulassen. Wir waren es gewohnt, aufgrund unserer seltsamen Frisuren und der Liebe zu eigentümlichen B-Seiten verspottet und verhöhnt zu werden.
Als ich Nirvana im Mai 1991 traf, nahmen sie gerade NEVERMIND in den Sound City Studios in den grünen Vororten von Van Nuys auf. Sie waren wild und auf Krawall gebürstet. Ihre Konzerte waren irrwitzige Bekundungen von Spontanität und Unfug. Sie zündeten die Vorhänge in ihren Backstageräumen an, schmissen Gitarren in die Luft und zerdepperten sie dann am Bühnenrand. Mainstream-Radiosendern brachten sie keinerlei Respekt entgegen. Punk war das Gebot der Stunde, die Einstellung, die ihnen vorgab, lediglich den eigenen Instinkten zu folgen und auf alles andere zu pfeifen.
Produzent Butch Vig, den das Majorlabel DGC ins Spiel brachte und den später die Die-Hard-Fanszene als „kommerzielle“ Wahl sah, wurde angeheuert, weil er bereits mit den mächtigen Killdozer und Nirvanas ehemaligen Sub-Pop-Kollegen Tad gearbeitet hatte. Es war Vigs erstes Album für eine große Plattenfirma. Als NEVERMIND im Januar 1992 Michael Jackson von der eins in den Billboard Charts kickte, pennte Kurt Cobain noch immer auf dem Fußboden im Apartment seiner Freundin oder auf den Rücksitzen diverser Autos. Dave Grohl war ein dürrer Junge aus Washington DC, der ein paar Monate zuvor zu ihnen gestoßen war, weil niemand sonst diesseits von Dalve Crover von den Melvins die Drums so hart bearbeiten konnte. Krist Novoselic, ein Kid aus Aberdeen und Kindheitsfreund von Cobain, war schlacksig. Von Anfang an behauptete er, ein Baumkletterer, Teufelsanbeter und Basketballspieler zu sein. Und betrunken obendrein. Und eine Partykanone.
Am 2. Mai 1991 lieh sich die Band ein Drumset für Grohl (das Ding kostete über 1.500 $ für zehn Tage. Doppelt so viel, wie das ganze Vorgängeralbum BLEACH gekostet hatte) und fuhr runter ins Sound City. Krist und seine Freundin Shelli saßen im VW-Bus, der mit dem Equipement beladen war. Einige Tage zuvor waren Dave und Kurt von Olympia in Kurts ausrangiertem Datsun losgefahren. Sie hatten das Ding einige hundert Meilen bis nach Tacoma gebracht, wo sie es schließlich zurückließen und 30 Minuten lang mit Steinen bewarfen. Auf ihrer Weiterfahrt machten die beiden in San Francisco Halt, um sich die Punkband Flipper anzuschauen.
Die Arbeiten an dem Album liefen schleppend. Das Budget war auf 65.000 $ angesetzt, irgendwann hatte es jedoch die 120.000 $ gesprengt – inklusive der Remixes von Andy Wallace, der von Nirvanas A&R-Mann Gary Gersh angeheuert worden war und mit seiner Arbeit mal eben das Budget verdoppelte. Das Geld war gut angelegt, wenn man sich das Resultat, den unglaublichen Erfolg und Einfluss der Platte vor Augen hält. Als Kurt sich einmal darüber beschwerte, dass sich die Aufnahmen „mehr nach Mötley Crüe als nach Punk Rock“ anhörten, bezog er sich auf die Remixes von Wallace.
Während der Sessions für NEVERMIND traf Kurt auch seine künftige Frau Courtney Love bei einem Gig der Butthole Surfers im Hollywood Palladium. Ich rollte mich kämpfend mit ihr über den Boden, weil wir beide versuchten, in den VIP-Bereich zu kommen. Kurt erkannte mich und sprang sofort auf uns beide drauf. Die einzig gebliebene Erinnerung an diesen Abend ist, dass ich am nächsten Tag in der Wohnung der Band in den Oakwood Apartments aufwachte. Ich war nackt, lag unter einem Kaffeetisch aus Glas, die Bude war komplett zertrümmert und eine Wolke dicken Marihuanarauchs waberte durch die Luft, wo sich mein Fotograf noch angeregt mit Krist unterhielt.
Die ›Smells Like Teen Spirit‹-Single kam einige Monate später heraus. „Setzt euch, einen wärmeren Sound wird es in den kommenden Jahren nicht geben“, schrieb ich im Melody Maker und bezeichnete den Track als „die Single des Jahres“. Wie die Drums hineinfuhren und der Hauptrefrain. Wie Kurts krächzende, verlorene Jungenstimme klang. Sein Schreien. Es war einfach klar, dass hier etwas Magisches geschah, auch wenn es ›Lithium‹ und ›In Bloom‹ waren, die mich live in Tränen ausbrechen ließen. Es tat sich etwas, so viel war klar. Aber niemand konnte dieses Ausmaß auch nur erahnen. Kurt sagte mal, dass er wollte, dass „Nirvana so groß wie die Beatles werden“ würden – Vorsicht mit den eigenen Wünschen, sie könnten wahr werden.
In der Nacht, in der NEVERMIND rauskam, spielten Nirvana auf den letzten Drücker eine Show im kleinen Axis Club in Boston. „Die Aufregung war greifbar“, erinnert sich Fotograf Steve Gullick zurück. „Der Club bebte vor Energie, es war wie am Rand eines Tornados. Wir gingen zurück ins Hotel und auf MTV lief ›Teen Spirit‹ Ich dachte mir nur: Verdammte scheiße, das wird groß!“
(Texte: Paul Elliott, Rich Hobson, Jon Hotten, Rob Hughes, Emma Johnston, Dave Ling, Everett True, Philip Widing, Henry Yates)
Ob man dieses Wochenende lieber in tiefgründiger Grübelei verbringt, in anspruchsvolle und doch lockere Klänge der Mandoki Soulmates eintaucht, sich ruhigem Alternative der Connells hingibt oder ordentlich abfeiert mit Doll Circus: da sollte für jeden was dabei sein.
Quicksand: DISTANT POPULATIONS:
„Keine einzige Nummer überschreitet die Vier-Minuten-Marke, aber das merkt man nicht. Das Album ist tiefgründig, voller Substanz und thematisch so zeitgemäß wie es nur sein kann.“
Mandoki Soulmates: UTOPIA FOR REALISTS: HUNGARIAN PICTURES
„Die durchdacht konstruierten, dennoch erstaunlich locker und frei fließenden Kompositionen von zwei bis 27 Minuten Länge werden hier in selten schöner Einheit von Superstars des Jazz à la Al Di Meola, Randy Brecker, Till Brönner und Bill Evans sowie Giganten des Classic Rock angereichert.“
„Mit der auf EAT THIS! zelebrierten charismatischen Hommage an die Heydays der Popkultur, dürfte der Fünfer bei der aktuellen Retro-Chic-Welle eine stets wachsende Fanbase um sich scharen.“
„STEADMAN’S WAKE ist ein feines, in sich ruhendes Alternative-Rock-Album, das in der Klangwelt von The Posies, Big Star und den frühen R.E.M. seinen Claim absteckt.“
Neues Album zu Ehren von und mit Keyboarder Dave Greenfield
44 Jahre nach RATTUS NORVEGICUS ist das 18. Stranglers-Album ein Tribut an Dave Greenfield, der letztes Jahr an Covid verstarb. Sein unnachahmliches Keyboardspiel findet sich auf acht der Tracks. Ohne Drummer Jet Black ist DARK MATTERS eine überraschend liebliche Softrock-Platte geworden, voller grüblerischer Gedanken über Melancholie und Sterblichkeit. ›And If You Should See Dave …‹ ist ein perfekter Abschied von Jean-Jacques Burnels engem Verbündeten, der mit ›European Female‹-Tempo segelt, bevor er mit dem knochentrockenen Satz endet: „Hier wäre dein Solo.“ An anderen Stellen gibt es reife, gut überlegte Abhandlungen über das Leben und die Liebe (und ein wenig Geopolitik) mit ›Something’s Gonna Kill Me (It Might As Well Be Love)‹.
Zwischen dem ganzen Gerede über Marsianer-Invasionen findet sich die perfekte Balance zwischen hart und sanft. ›The Lines‹ ist poetisch. ›No Man’s Land‹ erinnert an die kantige Attacke der New-Wave-Ära, ›White Stallion‹ hingegen galoppiert nach einem proggigen Einstieg gut nach vorne. Unabhängig von der Besetzung: Dieses Album klingt nach den Stranglers – schön und sleazig.
Mit EAT THIS! legt uns die oberbayerische All-Bad-Girl-Group knappe 18 Monate nach ihrem ersten via YouTube veröffentlichten Lebenszeichen ein famoses ungeschliffenes, rotziges und grundehrliches Debüt auf den Plattenteller. Shake, The Snake (Gesang), Vero Pistolero (Bass), Terry Lee & Spacecat Katharella (beide Gitarre) und Mini Vanilli (Schlagzeug) rangieren auf der elf Songs starken Scheibe irgendwo zwischen Garage Rock, Punk, einer Prise Old School Metal und dunklem 60er California Rock mit einer eigenen und zeitlosen Note.
Das Gesamtpaket – angefangen beim Albumcover über den Look der Mädels bis hin zum Vibe ihrer Songs – erinnert stark an die Hochzeit kultiger 60er und 70er-Jahre-B-Movies. Mit der auf EAT THIS! zelebrierten charismatischen Hommage an die Heydays der Popkultur, dürfte der Fünfer bei der aktuellen Retro-Chic-Welle eine stets wachsende Fanbase um sich scharen. Sex-Slaves-Sänger und Combichrist-Gitarrist Eric 13 hat sich deswegen als bekennender Doll-Circus-Verehrer sofort einen Gästelistenplatz auf ›Wolf‹ gesichert.
Zwei Konzertmitschnitte als CD, 180-Gramm-Vinyl oder digital
Brillante Vokaltechnik, raffinierte Arrangements, eingängige Harmonien sowie intelligent-zweideutige Texte in stets exzellentem Songwriting: Allein schon die signifikanten Markenzeichen wiesen die US-Band Steely Dan als Unikat aus. Benannt nach einer Formulierung aus William Burroughs’ „Naked Lunch“ galten Donald Fagen und Walter Becker, die den Nukleus der Formation bildeten, spätestens nach dem LP-Triumvirat CAN’T BUY A THRILL (1972), COUNTDOWN TO ECSTASY (1973) und PRETZEL LOGIC (1974) als Pop-Professoren mit Genius-IQ. Auch nach Walter Beckers Ableben 2017 im Alter von 67 Jahren schließt Donald Fagen es nicht aus, den beiden letzten Studiowerken TWO AGAINST NATURE (2000) und EVERYTHING MUST GO (2003) noch – parallel zur Solokarriere – eine weitere Steely-Dan-Platte folgen zu lassen. Gleich zwei Veröffentlichungen stehen jedoch jetzt im Fokus. Als da wäre zum einen Fagens Solodebüt THE NIGHTFLY (1982), in den USA seinerzeit mit Platin veredelt, das eine Reanimation in voller Gänze erlebt. THE NIGHTFLY: LIVE, aufgezeichnet 2019 mit der von Fagen nach Beckers Tod in The Steely Dan Band umbenannten Gruppe, liefert in astreiner Klangqualität sowie mit ausgezeichneten Interpretationen sämtliche acht LP-Tracks des einst von Produzent Gary Katz (verantwortete sämtliche Originalalben von Steely Dan) beaufsichtigten THE NIGHTFLY. Darunter finden sich auch die Chartsingles ›I.G.Y.‹ und ›New Frontier‹. NORTHEAST CORRIDOR: STEELY DAN LIVE!, der erste Konzertmitschnitt von Steely Dan seit mehr als 25 Jahren, entstand 2018 im New Yorker Beacon Theatre, Philadelphias The Met sowie weiteren Locations und enthält ein Dutzend Klassiker: ›Aja‹, ›Peg‹, ›Bodhisattva‹, ›Kid Charlemagne‹, ›Hey Nineteen‹, ›Rikki Don’t Lose That Number‹, ›Reelin’ In The Years‹ sowie die brillante Funk-Jazz-Hymne ›Black Cow‹ tönen heute noch so zeitlos wie im Jahr ihrer Entstehung.
Donald Fagen, THE NIGHTFLY: LIVE, TEELY DAN
8 von 10 Punkten
Donald Fagen, NORTHEAST CORRIDOR: STEELY DAN LIVE!, UNIVERSAL
Bei dieser neuen Gruppe aus Schweden trifft klassisches 70er-Jahre-Songwriting auf 80er-Feeling. Soundmäßig kommt man indes ziemlich kontemporär druckvoll, mit mächtigen Gitarrenwällen daher. Wer die kompetent gespielten Tracks hört und sich zudem ein wenig in der skandinavischen Rockszene auskennt, wird schnell merken, dass es sich hier um alles andere als unbeleckte Anfänger handelt. Der wie eine Mischung aus Ian Gillan während seines Black-Sabbath-Gastspiels und einem etwas tiefer singenden Glenn Hughes zu Black-Country-Communion-Zeiten klingende Frontmann Pete Sandberg (Alien, Midnight Sun) beispielsweise, ist schon seit den späten 80ern dabei. Wer auf melodischen, dennoch deftigen Rock steht, sollte Nummern wie das düstere ›Devil’s Calling‹, das entspannte ›Fallen Angel‹ oder den Party-Riffrocker ›Cry Mercy‹ abchecken, die das Rad zwar nicht neu erfinden, aber schön abgehen. Ach ja: In den Videoclips der Herren sitzt Motörhead-/Scorpions-Drummer Mikkey Dee am Schlagzeug. Auf der gelungenen Platte spielt er aber leider nicht mit.
7 von 10 Punkten
Mad Invasion, EDGE OF THE WORLD, MAD INVASION/H’ART
Das „Extended Play“-Format hat es ihm offensichtlich angetan: Im März dieses Jahres erschien ZOOM IN, Ringo Starrs erste EP seit Beginn seiner Solokarriere, nun folgt also CHANGE THE WORLD. Der eingängige Pop/Rock-Titelsong, geschrieben von Steve Lukather und Joseph Williams, gibt Ringos optimistischer Alles-wird-gut-wenn-wir-nurwollen-Rhetorik ein weiteres Forum, ›Just That Way‹ ist flockiger Reggae-Pop und ›Coming Undone‹ tendiert mit Country-Flair und Bläserbegleitung ein wenig ins Schlagerhafte. Eine Coverversion von Bill Haleys ›Rock Around The Clock‹, fraglos eine leidlich originelle Wahl, gibt den Rausschmeißer und lässt einen nach vier Stücken, 13 Minuten und 17 Sekunden mit folgender Erkenntnis zurück: Ringo meint es gut, der Titelsong ist okay und die restlichen drei Stücke tun immerhin niemandem weh.