2019 sorgten Badflower mit ihrem Debüt OK, I’M SICK in den USA mächtig für Furore. 280 Millionen Streams auf Spotify, ein Platz in den „50 Best Rock Albums Of 2019“ und ein Goldüberzug der RIAA sprechen eine deutliche Sprache. Scheinbar unbeeindruckt vom Erfolg legt die Band um Mastermind Josh Katz mit THIS IS HOW THE WORLD ENDS genauso hungrig wie vor drei Jahren nach.
Die von Katz im Alleingang komponierten Stücke sind enorm abwechslungsreich, besitzen in puncto Songwriting Finesse und sind aufs Wesentliche reduziert arrangiert. Dabei klingt die Instrumentierung von THIS IS HOW THE WORLD ENDS keineswegs eindimensional, sondern grundehrlich. Joshs packende Lyrics springen dem Hörer dabei über die komplette Distanz förmlich ins Gesicht. Unterm Strich besitzen Badflower ohne Umschweife das Zeug, um in den Superstar-Olymp aufzusteigen.
Nachdem sie zuvor in Sachen Studioalben achteinhalb Jahre auf der faulen Haut gelegen haben, schieben die Herren Punkrock-Doktoren nun nicht einmal zwölf Monate nach dem letzten Werk schon ihr nächstes über den Tresen. Und was soll man sagen? Was Ohrwürmer mit unverschämtem Pop-Appeal angeht, die sich ebenso schnell wie hartnäckig in die Gehirnwindungen schrauben, haben es BelaFarinRod unverändert drauf. Hier jagt ein Gassenhauer den nächsten. Dabei gibt es neben den üblichen Rockabilly-, Stadionrock-, Schlager- und Metal-Elementen – z. B. beim Titeltrack – auch immer mal wieder angenehme Country-Einschübe zu verzeichnen.
Dazu sind die Texte einmal mehr extrem unterhaltsam. Durchzogen von augenzwinkernd albernen Wortspielen wird, etwa mit ›Anti‹, klar Stellung bezogen oder in Form von ›Nachmittag‹ Philosophisches über die Romantik verbreitet. Mit ›Doof‹ hat man zudem ein legitimes Sequel zum „Nazis sind blöd“-Klassiker ›Schrei nach Liebe‹ am Start. In dieser Form darf der Ein-Jahres-Rhythmus gern beibehalten werden.
Mit bereits sieben Jahren und zwei Alben auf dem Buckel, waren Soundgarden 1991 eigentlich schon Veteranen, als der Zeitgeist sie endlich bei BADMOTORFINGER einholte. Bei allem Respekt für ULTRAMEGA OK von 1988 und das darauffolgende LOUDER THAN LOVE, war es eben erst das dritte Album, ab dem die Geschichte der Band aus Seattle wichtig wird. Hier lieferten sie den perfekten Sturm aus aufgewühlter Schwere, dem keine andere Band, die unter dem Banner „Grunge“ operierte, das Wasser reichen konnte. „Es ist das WHITE ALBUM des Heavy Metal“, so Kim Thayil. „Es vereint zwölf verschiedene Wege, wie man das Grundkonzept von Härte gestalten kann.“
Soundgarden hatten sich von früheren Unstimmigkeiten wie wechselnden Bassisten und einem Shitstorm, weil sie bei A&M unterschrieben hatten erholt und gingen als Einheit ins Studio. Sie arbeiteten in einem disziplinierten, kreativen Rhythmus und mit geschärftem Instinkt für Melodien, die von Chris Cornells und Drummer Matt Camerons Projekt Temple Of The Dog herrührten. Die Musikalität des neuen Bassisten Ben Sheperd läutete eine neue Herangehensweise ans Songwriting ein: Alle arbeiteten zusammen und dieser neue Spirit wurde exemplarisch im unkonventionellen Kreischen von ›Jesus Christ Pose‹ demonstriert, einem Song, der in einer Art Jam heraufbeschworen und dann von Chris Cornell in Form geklopft (und vom gottesfürchtigen Sender MTV verbannt) wurde.
„Chris brachte die Idee mal mit zu einer Probe und wir dachten nur: ,Verdammte Scheiße, dieses abgedrehte Wrack ist nun ein Song‘“, erzählte Thayil dem Rolling Stone. Die besten Momente hat man tatsächlich Chris Cornell zu verdanken, egal, ob es um die zyklischen Tritte in ›Rusty Cage‹ ging, darum, wie sich ›Outshined‹ von hammerharten Riffs bei der Zeile „so now you know“ plötzlich in puren Sonnenschein verwandelt oder die unheilvolle Soundkulisse aus Beats und Gekreische in ›Mind Riot‹. Vor allem ›Rusty Cage‹ zeugte von dem Quantensprung, den Cornell als Texter gemacht hatte und wurde später vom „Man in Black“ auserkoren: „Als Johnny Cash diesen Song coverte, erhielt ich zum ersten Mal Komplimente für meine Texte“, erinnerte sich Cornell zurück.
Damals gelang es Produzent Terry Date auch endlich, den bis dato sehr sprunghaften Sound der Band einzufangen. Er beaufsichtigte eine Klangwelt, die wechselnde Taktvorzeichnungen, Droptunings und unheimliche Sümpfe an Dröhnen und Texturen in sich vereinte, die dem Hörer das Gefühl gaben, der Boden unter den eigenen Füßen könne jederzeit nachgeben. In einem Interview mit Raw meinte Cornell einmal: „Ich denke, man erlebt Zeiten, in denen man lernt, diese Art von Aggression aus sich herauszulassen. Retrospektiv würde ich sagen, LOUDER war ein wenig zu überproduziert und glatt“.
Das konnte man von BADMOTORFINGER nicht behaupten. Von den drei Alben, die den Grunge in diesem Jahr dominieren sollten – ein Triumvirat, das mit Nirvanas NEVERMIND und Pearl Jams TEN vervollständigt wurde –, klang Soundgardens BADMOTORFINGER mit Abstand am dunkelsten und gefährlichsten. Auch wenn diese Multi-Platin-Platte später in vollen Stadien gespielt wurde, hat sie doch unglaublich viel Biss. Auch drei Jahrzehnte später bleibt BADMOTORFINGER das schwarze Schaf des Grunge.
(Texte: Paul Elliott, Rich Hobson, Jon Hotten, Rob Hughes, Emma Johnston, Dave Ling, Everett True, Philip Widing, Henry Yates)
Vor kurzem haben Guns N‘ Roses eine neue Single veröffentlicht. Naja, zumindest fast. Ähnlich wie das vor einigen Wochen veröffentlichte ›Absurd‹ ist auch ›Hard Skool‹ nicht neu, sondern entstand während der Sessions zu CHINESE DEMOCRACY.
Damals wurde der Outtake noch als ›Jackie Chan‹ betitelt. Wann uns Guns N‘ Roses endlich mit komplett neuem Material beehren, bleibt weiterhin abzuwarten.
Seit ihrer Gründung 1971 haben Foghat ein paar Kerben in der Musikgeschichte hinterlassen, in ihren Vitrinen stehen acht Gold-Alben, ein Platin-Album und ein Doppel-Platin-Album. Traurigerweise verloren sie auch einige Mitglieder auf diesem langen Weg, der ein halbes Jahrhundert umfasst. Sänger und Gitarrist Dave Peverett starb im Jahr 2000, Rod Price (zweite Gitarre) im Jahr 2005 und Bassmann Craig MacGregor 2018. Der letzte Verbliebene ist Drummer Roger Earl, der nun für dieses Livealbum eine schlagkräftige Truppe zusammengetrommelt hat. Frontmann ist nun schon seit 19 Jahren Charlie Huhn (früher bei Ted Nugent, Gary Moore und Humble Pie), die zweite Gitarre bedient Bryan Bassett (früher bei Wild Cherry und Molly Hatchet) und Bassmann Rodney O’Quinn spielte zuvor bei der Pat Travers Band. Dieses Quartett ist am besten, wenn es den Foghat-Katalog in Feel-Good-Boogie-Woogie-Hardrock-Manier mit Slide-Gitarre serviert, der irgendwo zwischen Status Quo und Rose Tattoo angesiedelt ist. Und in dieser Form dürfen Foghat noch viele Jahre weitermachen – well done!
8 von 10 Punkten
Foghat, EIGHT DAYS ON THE ROAD, METALVILLE/ROUGH TRADE
Nach dem selbstbetitelten Debüt von 2014 hat das Trio um dUg Pinnick von King’s X ein weiteres Blues-Album aufgenommen. Mit zehn Tracks wollen die Musiker dem Genre, das, wie sie selbst sagen, schnell abgestanden klingen kann, neues Leben einhauchen. Mit Jams wie in ›Hold Me Close‹ beweisen Jabo Bihlman und sein Bruder Scot „Little“ Bihlman, dass sie nicht nur in ihrer Bihlman Brothers Band glänzen können, sondern ihre Fingerfertigkeiten auch durch Tätigkeiten als Sessionmusiker für Größen wie B.B. King, Ted Nugent und Kid Rock geschult sind. Mit dem simplen Titel EL DOS, also „Nummer zwei“, bleibt diese Platte stabil und entspannt bluesig.
Eingängige Tracks wie ›Who Wants A Spankin‹ wechseln sich ab mit Gospel-inspirierten Songs à la ›Hand Of God‹, das sowohl musikalisch als auch textlich den Einfluss von dUgs baptistischer Erziehung aufzeigt. Während die Tracks vor sich hin grooven, kommt man allerdings nicht umhin, ein wenig der von der Band laut angekündigten Energie zu vermissen.
Gut fünfeinhalb Dekaden sind vergangen, seitdem The Velvet Underground auf ihrem Debütalbum erstmalig die dunkle Seite des Rock ausloteten und seither mit ihren provokanten Erwachsenenmärchen von düsteren Obsessionen, bizarrem Fetischsex und Drogenmissbrauch ganze Fangenerationen faszinieren. Zeitnah zum achten Todestag von Chefexzentriker Lou Reed erscheint der Longplay-Erstling mit Andy Warhols legendärem Bananen-Artwork als neu eingespielte Version, auf der sich eine hochkarätige Musikerriege an der Original-Tracklist aus dem Jahr 1967 versucht. Mit teilweise überraschenden Künstlerpaarungen: Iggy Pop und Gitarrist Matt Sweeney verausgaben sich mit der psychedelischen Atonal-Orgie ›European Son‹, Sonic-Youth-Mastermind Thurston Moore begibt sich mit Primal-Scream-Sänger Bobby Gillespie auf rauschhaften ›Heroin‹-Trip, während St. Vincent das ursprünglich von Nico performte Drama ›All Tomorrow’s Parties‹ mit dem Pianisten Thomas Bartlett in eine experimentelle Contemporary-Classic-Version verwandelt. Spannendes Experiment mit hörenswertem Ergebnis.
8 von 10 Punkten
Various Artists, I’LL BE YOUR MIRROR – A TRIBUTE TO THE VELVET UNDERGROUND & NICO, VERVE/CAROLINE/UNIVERSAL
Ein hübsches Comeback der melodischen US-Alternative-Veteranen
Ganz ehrlich? Mitte der 90er war ich richtig wütend auf The Connells. Aus dem UK kamen so viele prima Gitarrenbands, in den deutschen Charts wurden sie alle ignoriert. Einen einzigen Quasi-Britpop-Top Ten-Hit gab’s 1995 hierzulande – und der kam aus North Carolina. Warum rotierten ausgerechnet The Connells mit ihrem schläfrigen ›74/75‹ auf MTV, während The Bluetones, Supergrass oder Teenage Fanclub ignoriert wurden? Mich ärgerte das. Was natürlich kindisch und albern war. Wie albern, merke ich endlich 2021. Das Sextett, das von mir als One-Hit-Wonder wahrgenommen wurde (aber tatsächlich zwischen 1985 und 2001 acht Alben veröffentlichte) hat sich nach längerer Auszeit für eine Neunte zusammengefunden. STEADMAN’S WAKE ist ein feines, in sich ruhendes Alternative-Rock-Album, das in der Klangwelt von The Posies, Big Star und den frühen R.E.M. seinen Claim absteckt. Das ist naturgemäß nicht spektakulär, findet aber für das, was es ist, ohne Zweifel auf höchstem Level statt, gekonnt, unaufgeregt, ausgereift.
Klicken wir doch noch mal ›74/75‹ auf YouTube an. Hey, eigentlich war die Nummer voll okay. Hübsche Strophen! Mann, was konnten wir verbockt sein, als wir Kids waren.
7 von 10 Punkten
The Connells, STEADMAN’S WAKE, BLACK PARK/MISSING PIECE/VIRGIN