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Jens Balzer – Das entfesselte Jahrzehnt: Sound und Geist der 70er

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Die Dialektik der 70er

Über die Geschichte schreiben, heißt nicht, einfach zu beschreiben, wie es denn wirklich war. Heißt nicht, man solle nur die Fakten aufzählen. Vielmehr bedeutet es, die (kausalen) Zusammenhänge zu erkennen, um so die Ereignisse in die richtige Umgebung einordnen zu können. So in etwa sagt es Walter Benjamin in seinen Thesen zum Begriff der Geschichte. Von einem solchen benjaminschen Geschichtsverständnis ausgehend, beschreibt auch Jens Balzer die 70er Jahre oder „das entfesselte Jahrzehnt“, wie er es nennt. Er erzählt nicht einfach nur, was da war. Stattdessen setzt er alle Geschehnisse miteinander in Beziehung. Immer wieder greift er in der Geschichte vor, um später wieder in ihr zurückzugehen. Im Großen ist seine Beschreibung chronologisch, im Kleinen aber knüpft er kluge Verbindungen, die nicht einfach so erfunden sind. Vielmehr gibt es sie wirklich, man muss nur genau hinsehen, aktiv denken. Der Untertitel des Buchs lautet „Sound und Geist der 70er“, und eben den Geist machen diese Verbindungen aus. Der Sound steht für die Ereignisse, der Geist besteht dazwischen. Er existiert in der Dialektik der 70er, im Kampf: These gegen Antithese. Einerseits war es ein „Jahrzehnt der Individuierung“, andererseits herrschte eine „Sehnsucht nach neuen Gemeinschaften“.

9/10

Text: Vincent Numberger

Das entfesselte Jahrzehnt: Sound und Geist der 70er
VON JENS BALZER
Rowohlt Berlin

Order 69 – ORDER 69

Analog und anders

„Auch wenn diese Musik anders klingt – Hendrix hätte es ganz sicher gefallen.“ Dieser Satz aus dem Pressetext ist durchaus etwas gewagt. Eine gewisse Andersartigkeit und Hendrix’sche Experimentierfreude sind aber letztlich nicht von der Hand zu weisen. Das Münsteraner Trio Order 69 musiziert auf seinem Debüt cool und noisy. Das hat was von britischem Blues der Invasion-Phase oder trashiger Beatmusik. Erinnert auch stellenweise an UK-Rhythm’n’Blues der Marke The Animals. Dann aber auch wieder an den Garagen-Sound der Stooges. Die Vocals changieren zwischen gesungen und spoken. Gitarrist und Sänger Ramin Safarabadi lässt auch gerne mal den einen oder anderen akzentuierenden Scream vom Stapel. Neben den ruppigen Gitarren darf auch gerne mal der Bass in den Vordergrund. Oder die Backgroundvocals bei einem Groover wie ›Without Intermission‹. Auf den Punkt gebracht und Lo-Fi auch eine Nummer wie ›Lady J‹, die erst vorantreibt, durch einen ruhigeren Part gebremst und dann mit einem Schrei aufgelöst wird. Als Vergleich taugen vielleicht die frühen Mando Diao, wobei Order 69 doch noisiger sind. Ob das nun Hendrix wirklich gefallen hätte? Order 69 und ihr analoger und anderer Sound werden ihre Hörer garantiert finden.

6 von 10 Punkten

Order 69, ORDER 69, BUG VALLEY/TIMEZONE

Elton John: „Bin kein dummer, kolonialistischer, imperialistischer englischer Idiot“

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Elton John über Brexit„Ich schäme mich für mein Land“: Elton John teilt bei seinem Konzert in Verona gegen den Brexit aus.

Anders als etwa seine Kollegen Roger Daltrey und Ringo Starr hält Elton John überhaupt nichts vom Ausstieg Großbritanniens aus der EU. Das machte er am Mittwoch (29. Mai) bei seinem Auftritt in Verona klar.

„Ich schäme mich für das, was mein Land getan hat“, sagte der Brite da. „Es bringt die Leute auseinander.“ Er sei „sick to death“ von Politikern, besonders von britischen Politikern, und vom Brexit. „Ich bin ein Europäer. Ich bin kein dummer, kolonialistischer, imperialistischer englischer Idiot.“

Elton John ist aktuell auf „Farewell Yellow Brick Road“-Tour unterwegs. Seit gestern läuft der Kinofilm „Rocketman“ über das Leben des Musikers in den Kinos.

Neuheiten: Ab heute im Plattenladen

Seit heute stehen die neuesten Alben von Okta Logue, der Texas Hippie Coalition, Vibravoid und Royal Republic in den Regalen.

Mit neuer Band an seiner Seite liefert Big Daddy Ritch nun das sechste Studioalbum der Texas Hippie Coalition:

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Von ihrer verträumten und angenehm unaufgeregten Seite zeigen sich Okta Logue auf RUNWAY MARKINGS:

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Die Schweden bringen mit ihrem vierten Longplayer durchgeknallte Party-Stimmung auf jede Tanzfläche:

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Auf dieser Live-Platte entführen einen Vibravoid in gewohnt Acid-getränkte Gefilde:

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Okta Logue – RUNWAY MARKINGS

Neuanfang mit Stil

Der Vorgänger DIAMONDS AND DES­PAIR begann mit ›Pitch Black Dark‹, jetzt geht es mit ›Devil’s Dance‹ los. Beide Songs muten im ersten Moment düster an, aber eines ist am Ende klar: Einen Pakt mit dem Teufel hat die Griesheimer Band nicht geschlossen. Sie lässt nach dem Label-Wechsel erkennen, dass sie nicht von Hysterie oder Paranoia geplagt ist. Sie schaltet auf Tagtraum um, lässt sich treiben und verfällt dem Psychedelic-Rock. Die Einflüsse sind eindeutig. Oasis haben es ihnen nach wie vor angetan, in ›River Street‹ sind Dire Straits ein Thema und im Titelsong spielen wie bei Pink Floyd außerirdische Assoziationen hinein. Okta Logue drücken aber nie die Wiederholungstaste, das zeigt sich besonders ab der Mitte des Albums. Da wird es schon mal temperamentvoll (›In Every Stream Home A Heartache‹), fällt Saxofon-Spiel auf (›The Wheel‹) und wird der Hauptschauplatz von der Westcoast nach Britannien ins Reich der Beatles und Hollies verlegt (›Julie‹ und ›Signals & Signs‹). Die wechselnden Nuancen sind wichtig. Sie sorgen dafür, dass man den Trip von Okta Logue auch jetzt wieder mit Interesse verfolgt. Bei ihnen erschlafft nichts. Sie bleiben auf ihrer Schneise eine der klar besten neueren deutschen Bands.

7 von 10

Okta Logue
RUNWAY MARKINGS
CLOUDS HILL/WARNER

Texas Hippie Coalition – HIGH IN THE SADDLE

Eine Zeitreise durch die späten 90er und frühen 00er Jahre.

Mit etwas Verspätung erscheint nun endlich der sechste Studio­streich der Texas Hippie Coalition. HIGH IN THE SADDLE sollte ur­­sprünglich im letzten Jahr in den Läden landen. Während des Kreativprozesses trennten sich allerdings die Wege von Frontmann Big Dad Ritch und seiner Band. Ritch suchte sich daraufhin neue (und überaus gute) Sidekicks und begab sich ins Studio. Der Hickhack rund um die Veröffentlichung hat dem Material offensichtlich nur noch mehr südstaatliche „Balls“ beschert, denn HIGH IN THE SADDLE knallt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Während der gesamten Spielzeit trifft man auf allerlei Querverweise an eine leider viel zu oft von selbsternannten Exper­ten vernachlässigten Epoche des Rock’n’Roll und Metal. Im ausklingenden alten und zu Beginn des neuen Jahrtausends gab es nämlich eine ganze Reihe an verdammt coolen Strömungen, und genau diese werfen Big Dad und seine neuen Pitmaster auf den BBQ-Smoker. Hier gibt es ein fettes Stück Pantera, dort eine Scheibe Black Label Society oder Corrosion Of Conformity und eine schmackhafte finale Glasur mit Static-X, Methods Of Mayhem und Drowning-Pool-Versatzstücken.

7 von 10 Punkten

Texas Hippie Coalition
HIGH IN THE SADDLE
E ONE/SPV

Vibravoid – INTERGALACTIC ACID FREAK OUT ORGASMS

Neo-Psychedelic mit viel Format

Schaut man mal näher in die Dis­cografie dieser Neo-Beatniks, so ist es kaum zu glauben, dass diese drei Freaks seit dem Jahr 2000 mit EPs, Live-Aufnahmen und offiziellen Stu­dio-Alben fast 40 (!) reguläre Veröffentlichungen herausgebracht haben. Auch bei diesem Live-Inferno flirrt, wabert und wackelt alles. Sänger und Gitarrist Christian Koch sowie Drummer Frank Matenaar und Multi-Instrumentalist Dario Treese sind eigentlich mehrere verschiedene Bands. Sie sind die Pink-Floyd-Cover-Band, die mit ihrer Version von ›Astronomy Domine‹ gefährlich nah an Roger Waters & Co. kommen. Mit Stücken wie ›Playing With Beuys‹ zelebrieren sie ihre Krautrock-Ver­bundenheit zu Amon Düül II – und mit einem Track wie ›Colour Your Mind‹ begibt sich diese Düsseldorf-Dortmund-Connection ganz in den Sixties-Kosmos von Bands wie The Fuzztones oder den Miracle Wor­kers. Hier ist das alles bestens miteinander verdrahtet.

8 von 10 Punkten

Vibravoid
INTERGALACTIC ACID FREAK OUT ORGASMS
STONED KARMA/CARGO

Bruce Springsteen: Hier das Video zu ›Tucson Train‹ sehen

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Bruce Springsteen Western StarsDer neue Clip von Bruce Springsteen ist da. Darin spielt er die Single ›Tucson Train‹ mit großer Band samt Bläsern und Streichern.

›Hello Sunshine‹, ›There Goes My Miracle‹, jetzt ›Tucson Train‹: Bruce Springsteen hat den dritten Song aus seinem neuen Album WESTERN STARS veröffentlicht. Diesmal mitsamt Schwarzweiß-Video, in dem er selbst auftritt – neben ihm seine Frau Patti Scialfa an der Akustikgitarre und eine Band mit Streichern und Bläsern.

WESTERN STARS erscheint am 14. Juni. Es ist die erste Studioplatte des Songwriters seit 2014. Die E Street Band war diesmal nicht an den Aufnahmen beteiligt, Springsteen hat aber für nächstes Jahr bereits ein neues Album plus Tour mit seiner Stammband angekündigt.

Bruce Springsteen im Video zu ›Tucson Train‹: