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Vibravoid: 30 Jahre Underground

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1990 nahmen Vibravoid in ihrer Heimatstadt Düsseldorf Kurs auf und segelten hinein in eine bewusstseinserweiternde Bandgeschichte, die bis heute von Pionierarbeit, ungewolltem Trendsetting, künstlerischer Autarkie und einer starken Verwurzelung im Underground geprägt ist. Im Interview erklärt Mastermind Christian alias „Der Doktor“, warum der Begriff Psychedelic ein absolutes Inflationsopfer ist, wieso er bereits vor einigen Monaten den Zusammenbruch des Systems prophezeite und wie Vibravoid es schaffen, pro Jahr mehrere erstklassige Veröffentlichungen wie das neue THE DECOMPOSITION OF NOISE ins Rennen zu bringen.

Was war die Initialzündung für deine Passion für Psychedelic?

Mir haben einfach in den 80er Jahren die 80er Jahre nicht gefallen. Silvester von ’89 auf ’90 habe ich aus dem Fenster gebrüllt: „Endlich ist die Scheiße vorbei!“ (lacht) Ich bin 1970 geboren und das, was mir musikalisch gefallen hat, stammte aus den 60ern. Meine Mutter war früher ein Rock’n’Roll-Fan und immer am Puls am Zeit. Meine Lieblingskindheitsbeschäftigung war es, mich vor dem Braun-Schneewittchensarg-Plattenspieler mit LPs von Hendrix, den Byrds und Co. füttern zu lassen. Meine Eltern wussten, dass sie dann ihre Ruhe haben.

Deiner Meinung nach treibt die aktuelle Stoner- bzw. Neo-Doom-Szene mit dem Begriff „Psychedelic“ Schindluder…

Es hat wenig Sinn, ständig darauf hinzuweisen, weil man schnell als Spinner abgestempelt wird. Die meisten Leute interessieren sich eh nicht dafür. Die ganze Rockgeschichte ist doch seit zwanzig Jahren tot. Als Techno vorbei war, war auch das soziokulturelle Leben der Musikszene mehr oder minder vorbei. Man sieht deutlich den Werteverfall in der Musik, in den letzten 50 Jahren hat ein deutlicher Abwärtstrend eingesetzt. Die Bands haben nichts mehr zu sagen, es gibt keine Botschaft mehr und man wagt nichts Neues. Viele versuchen, die alten Werte wieder aufzugreifen, um Authentizität zu erreichen. Da kann man zwar niemandem direkt einen Vorwurf machen, aber die Konsumierbarkeit wird immer höher, weil der Durchschnittsbürger keine Lust mehr hat, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.

Und wo sortierst du Vibravoid in diesem Szenario ein?

Ich sehe unsere Arbeit ein wenig als Zeitkapsel. Dadurch dass wir so extrem früh damit angefangen haben, können wir bestimmte Sichtweisen und Werte konservieren. Die Konsequenz liegt bei uns ja darin, diese Ideen, die wir schon vor dreißig Jahren hatten, weiterzutragen. Wir sind relativ außen vor.

Deine Definition von Psychedelic?

Der Wortstamm kommt ja aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „lesbare Seele“, was auch in der Freudschen Psychotherapie thematisiert wurde. Dass man die Blockade des Ichs lösen muss, um das Unterbewusstsein zu ergründen. Also dass alles dem Menschen Auferlegte erst mal nivelliert wird und man schaut, was wirklich dahinter steckt. Es geht um die Suche nach Wahrheit. Psychedelic ist deswegen kein wirkliches Genre, sondern eine grundsätzliche Haltung, die sich in der Musik widerspiegeln soll.

Funktioniert dieser Nivellierungsprozess ohne Drogen?

In der Psychiatrie geht „psychedelisch“ eindeutig mit Drogenkonsum einher. In den 60ern haben sich die Leute alles möglich reingeballert und konnten Teilen der Gesellschaftsstrukturen entfliehen, indem sie sich Freiräume erschufen. Wie man das am Ende macht – durch Drogen, Meditation oder logisches Denken – ist egal. Es geht um die kritische Reflexion. Aber ich kenne auch Menschen, die LSD genommen haben und bei denen das Leben danach nicht mehr das gleiche wie vorher war.

Wie erklärst du dir diese Vibravoid-Kombi aus Pionier-Sein und Underground?

Als in den letzten Jahren diese ganzen Psych-Festivals groß wurden, wurden wir kein einziges Mal eingeladen. Wir machen das seit Jahrzehnten und werden von diesem Revival komplett ausgeschlossen. Es scheint also nichts mit dem zu tun haben, was die Leute heute als Psychedelic verstehen. Aber wir kennen die Welt ja seit jeher nur aus der Außenseiterposition, sind schon immer an unserer eigenen Generation vorbeigeschossen. Und wenn keine Szene da war, dann haben wir uns halt selbst eine gebastelt. Was wir machen, ist heute noch genauso Underground wie vor 30 Jahren. Rein künstlerisch war es uns stets wichtig, absolut authentisch und nah an der Originalsache zu bleiben. Ich sage immer: Nach 1970 ist die Rockmusik eigentlich gestorben. Wir befinden uns nach wie vor in diesem Sterbeprozess. Da ist es schwer, Leute zu finden, die ähnlich ticken wie wir.

Besteht für dich Hoffnung, dass dieser Sterbeprozess aufhört?

Im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung sehe ich sehr schwarz. Gerade dieses Jahr 2020 ist ein offenes Buch, in dem man lesen kann, wie unsere Welt vor die Hunde geht. Die Dummheit und Ignoranz der Menschen, die politischen Systeme, die kippen – wenn das wenigstens zu einem Verstehen führen würde, wäre eine Renaissance in der Kunst möglich. Aber da sehe ich wenig Nährboden für so etwas.

Wie schnell entstand die neue und brandaktuelle Single ›Black Corona Death Mantra‹?

Das ging binnen einer Woche. Ich habe schnell gemerkt, dass da etwas passiert, das nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte. Die Corona-Welle, der soziale und wirtschaftliche Zusammenbruch der USA, zuvor noch der Brexit. Ich finde, wenn man heute etwas macht, sollte es schon aktuell sein. Ich hatte nach dem Vorfall mit George Floyd mit viel mehr Reaktionen aus der Musikszene gerechnet. Da kam irgendwie so gar nix.

Wann sind ›The Decomposition Of Noise‹ oder ›It Happened Tomorrow‹ entstanden?

Tatsächlich schon letztes Jahr als Soundtrack zu meinem Film „Im Zeichen des Zwilling“. Inhaltlich betrachtet habe ich mich im Nachhinein schon etwas erschrocken, wie aktuell das dann doch war. (lacht) Wobei es auch daran liegen kann, dass ich mich mit den Dingen auseinandersetze wie sie wirklich sind und in der logischen Konsequenz konnte es nur dahin führen, wo wir uns aktuell befinden. Mit dem Zusammenbruch des Systems rechne ich schon länger, aber dass es so zügig geht…

Ihr habt einen sehr frequenten Output. Wie sieht eine Woche im Leben des Doktors aus?

Der Doktor plädiert für den 60-Stunden-Tag. (lacht) Ich quäle mich um neun Uhr morgens aus dem Bett, erledige das Tagesgeschäft. Ab circa 18 Uhr fängt die Bandphase an und dauert bis in die frühen Morgenstunden. Und das täglich. In diesem Jahr wollten wir eigentlich zum Jubiläum auf Welt-Tournee gehen. Aber wir machen das jetzt wie die Beatles: Wenn wir nicht live spielen können, bringen wir einfach Platten raus.

Meat Loaf: Über Eigenheiten, Erfolg und Erfahrungen

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meat loafVon Urin als Wundermittel gegen Stimmverlust hält Meat Loaf ebenso wenig wie von Menschen, die Flaschen auf Musikerinnen werfen. Zudem weiß er heute auch ganz genau, in welche seiner Platten er besser kein Geld investiert hätte.

(Ein Artikel aus unserem Archiv aus dem Jahr 2016)

Geboren wurde er als Marvin Lee Aday. Später hat er seinen Vornamen in „Michael“ ändern lassen. Aber eigentlich kennt ihn die Welt nur als Meat Loaf. Seine Freunde hingegen nennen ihn schlicht „Meat“. Der Mann aus Dallas, Texas, ist spätestens seit 1977 jedem Rockfan ein Begriff. Mit BAT OUT OF HELL hat er eines der erfolgreichsten Alben des Genres veröffentlicht, über 43 Millionen Mal ist die Platte bis heute verkauft worden. Eine Leistung, die man nicht so einfach toppen kann. Daher wird sich Meat Loaf schwer tun, mit seinem jüngsten Werk BRAVER THAN WE ARE auch nur annähernd an diese Zahl heranzukommen. Das Gute daran: Er weiß das auch. Daher gibt er einfach sein Bestes. Mit 69 Jahren ist er entspannt genug, nicht mehr jedem Ruhmhappen hinterherhecheln zu müssen.

Meat, denkst du, du schaffst es, den Erfolg von BAT OUT OF HELL noch einmal zu wiederholen oder sogar zu toppen?
Ich denke gar nicht in solchen Dimensionen. Es gibt nur eine Sache, die ich tun kann: zu versuchen, dieselbe Integrität zu erreichen wie damals. Es ist mir seither nie wieder gelungen. Jetzt zum ersten Mal wieder – und ich habe eine verdammt lange Zeit dafür gebraucht.

Es gibt eine Menge Gerüchte um dich und deine Eigenheiten. Eines davon stammt aus den Achtzigern und besagt, dass du Urin getrunken hättest, um deine Stimme zu stärken. Wahr oder falsch?
Falsch. Jim Steinman [,der als Komponist bei u. a. BAT OUT OF HELL mitarbeitete,] hat diese Story im Übrigen in die Welt gesetzt. Diese Art von Humor ist genau nach seinem Geschmack…

Würdest du deine eigene Pisse trinken, um deine Stimme zu retten?
Aber selbstverständlich, da muss ich keine Sekunde überlegen!

Eine andere gemeine Frage: Wer von beiden ist besser – Hugh Laurie als Piano­spieler oder Jack Black als Sänger?
Ihr glaubt doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich diese Frage ernsthaft beantworte, oder? Pah! Da könnte ich auch gleich Äpfel mit Orangen vergleichen. Nein, nein, so nicht. Aber eines kann ich euch verraten: Jack Black war im Studio selbstbewusster als Hugh Laurie. Hugh ist nämlich ziemlich nervös gewesen. Falls das bei Jack auch der Fall gewesen sein sollte, so konnte er das zumindest ziemlich gut verbergen… Jedenfalls haben sich beide echt den Arsch aufgerissen für ihre Parts [auf HANG COOL, TEDDY BEAR von 2010], das möchte ich hier noch betonen.

„Ich weiß, dass es sich wie ein Klischee anhört, aber für mich zählt wirklich nur der Moment. Jede Sekunde ist wichtig.“

Du bist 1988 beim Reading Festival mit Flaschen beworfen worden und hast die Bühne verlassen. Was war heftiger verletzt: dein Gesicht oder dein Stolz?
Keines von beiden. Das war das einige Mal, an dem ich während einer Show von der Bühne marschiert bin. Denn anfangs bin ja nicht ich, sondern Bonnie Tyler, die mit mir aufgetreten ist, beschmissen worden. Sie wurde übel am Auge getroffen. Das konnte ich nicht auf uns sitzen lassen, also habe ich die Leute angeschrien, was das denn sollte. Und dann erst sind sie auf mich losgegangen. Die logische Konsequenz war, die Show sofort abzubrechen. Wenn ich den Typen erwischt hätte, der Bonnie das angetan hat, würde er heute noch am Stock gehen, so viel steht fest…

Was kann Meat Loaf, was niemand sonst schafft?
Alles mögliche! Es gibt nur eine Ausnahme: alles, was mit handwerklichen Tätigkeiten zu tun hat, ist nichts für mich. Ich könnte zwar in der Not einen platten Reifen wechseln, aber ich ziehe es trotzdem vor, den Pannendienst zu holen.

Welchen Moment würdest du als Tiefpunkt deiner Karriere bezeichnen?
Die letzten Monate des Jahres 2007. Alles um mich herum erschien mir nur noch schwarz. Es gab nur noch Negatives zu vermelden. Was ich durchgemacht habe, würden die Leute noch nicht mal Osama Bin Laden an den Hals wünschen.

Verrate uns deine besten und schlimmsten Drogenerfahrungen!
Am beschissensten sind Steroide. Sie machen einen unglaublich aggressiv. Man würde am liebsten in den nächsten Zoo marschieren und dem Löwen im Gehege den Kopf abreißen. Die beste Droge ist Nikotin. Obwohl Rauchen schlecht für den Körper ist und ich nicht vorhabe, wieder damit anzufangen, hat es mir doch tierisch Spaß gemacht, mit John Belushi in einen Club zu gehen, mir eine anzuzünden und dazu ein schönes Glas Jack Daniel’s reinzuziehen.

Erinnerst du dich noch an die fürchterlichste Review, die du je über dich lesen musstest?
Oh ja, und ob! Wir hatten 1978 im Hammersmith Odeon in London gespielt. Und der Bericht darüber im „Melody Maker“ hatte folgende Überschrift: „Fat Out Of Hell“. Es ging nicht in einer Silbe über meinen Gesang oder die Songs oder sonst irgendwas Musikalisches. Nein, es ging dem Schreiber nur darum, im Dreck zu wühlen, denn nur dafür war er gekommen. Und daher wählte er die billigsten und schmutzigsten Phrasen, die man sich nur vorstellen kann.

Deine größte Geldverschwendung?
BAT OUT OF HELL III. Ganz klar.

Auf welche deiner Leistungen bist du richtig stolz?
Ich weiß, dass es sich wie ein Klischee anhört, aber für mich zählt wirklich nur der Moment. Jede Sekunde ist wichtig.

Video der Woche: Robert Palmer mit ›Addicted To Love‹

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In Gedenken an Robert Palmer, der heute vor 17 Jahren in Paris verstorben ist, blicken wir zurück auf das Jahr 1986 und seinen größten Hit.

Damals veröffentlichte der Künstler im Novemer 1985 sein Album RIPTIDE, wenig später koppelte er ›Addicted To Love‹ als Single aus. Was vor allem bis heute im kollektiven Musikgedächtnis verankert ist: Das Video zum Song, das bis heute einen gewissen Ikonen-Status innehat.

Im von Terence Donovan gestalteten Clip singt Robert Palmer und inszeniert sich dabei als eine Art moderner Casanove. Begleitet wird er dabei von einer Band, die aus gleich gekleideten und gleich (stark) geschminkten Models besteht, die ihre Instrumente ganz offenkundig nicht spielen können und im Gegensatz zu den leidenschaftlichen Lyrics betont lustlos und unnahbar wirken.

Viele Kritiker warfen Palmer damals Chauvinismus vor, während einige andere das Video auch als plakative Parodie der in den 80er Jahren auf die Spitze getrieben Objektivierung von Frauen interpretierten. Andere wiederrum entnehmen der Darstellung im Video, dass die portraitierten Frauen durch ihre absichtliche Teilnahmslosigkeit am Geschehen als starke, fast schon einschüchternde Wesen rüberkommen, denen das Feedback eines Publikums völlig egal ist.

Palmer selbst bestritt jeglichen Sexismus und meinte, er hatte lediglich ein Hauptmerkmal der zeitgenössischen Popkultur aufgreifen wollen.

Wie auch immer man die Aussage des Videos interpretieren möchte, Fakt ist, dass ›Addicted To Love‹ Robert Palmer unsterblich gemacht hat.

Album des Lebens: AC/DC – BALLBREAKER

In der Rubrik „Album des Lebens“ stellen unsere CLASSIC ROCK-Autoren die Platte vor, die ihr Leben für immer verändert hat…

Sommer 1998. Schwüle Augusthitze drückte gegen die Fenster des schwarzen Mazda 323 F, den ich damals mit sieben Jahren immer liebevoll als „Knight-Rider-Au­to“ betitelte. Mein Vater schob eine eigens gesampelte CD in den Schlitz, während ich ungeduldig in meinem Kindersitz polterte. Seit die Technik sich so verdammt fortschrittlich entwickelt hatte, war er ganz wild darauf, Super-Kompilationen zusammenzustellen. Er drückte auf „Play“ und einige nette Songs klimperten adrett vor sich hin – namentlich ›29 Palms‹, ›Ain‘t Talking ‘Bout Love‹ und ›Sweet Child O‘ Mine‹.

Obwohl meine musikalische Sozialisierung zuvor nur durch die Klapptür zwischen meinem und dem Kinderzimmer meiner Schwester stattgefunden hatte und ich gezwungenermaßen East 17 und diversen Eurodance-Penetratoren ausgeliefert war, öffnete sich mein kleines Kinderherz sofort und gewährte den Stromgitarren Einlass. Just in diesem Moment geschah etwas Wunderbares und – retrospektiv betrachtet – das wohl wichtigste Ereignis meiner bisherigen Biographie. Die ersten Takte des nächsten Liedes ertönten und ich meinte, ein elektrisierendes Bitzeln am Scheitel zu verspüren. Was zur Hölle war das denn? Als Antwort setzten die Drums ein und ein Mann mit kreischender Stimme begann, etwas zu singen, von dem ich heute weiß, dass es „A rollin‘ rock, electric shock, she gives a lickin‘ that doesn‘t stop, she line ‘em up, push you ‘round, smokin‘ rings going round and round…“ lautete. Über die pädagogische Wertigkeit des Gesungenen soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.

Ich traute meinen Ohren nicht. So etwas Wunderbares hatte ich noch gar niemals erfahren! „Papa, was ist das denn?“, fragte ich völlig von der Rolle. „AC/DC“, antwortete er und veränderte damit den Ablauf meines Lebens. (Das ist nicht übertrieben.) „Äyysiidiisii“, murmelte ich wie besessen vor mich hin. Ab diesem Zeitpunkt setzte ich meiner Schwester BALLBREAKER entgegen. Etwas später, als ich mühsam sechs Euro zusammen gespart hatte, kaufte ich mir POWERAGE beim Müller-Markt in Rosenheim und entdeckte, dass einmal ein Mann namens Bon Scott existiert hatte und dass dieser Mann ein teuflisch sympathischer und einzigartiger Gott war. Beide Alben liefen ca. zwei Jahre lang ohne Unterbrechung, bis ich BACK IN BLACK zu Weihnachten bekam. Bis heute kann keine andere Musik solch derartige Glücksgefühle in mir auslösen wie ein Scott- oder Johnson-Song, wie Angus‘ wildes Gitarrengebretter, wie diese vielleicht beste Rhythmussektion der Rockmusik. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass meine Schwester AC/DC auf den Tod nicht ausstehen kann. Keine Ahnung, wieso.

Text: Jacqueline Floßmann

Rock-Jahrbuch: Das Achterbahnjahr 1980

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End-Of-The-Century-coverFür manche Rocker kommt das Jahr 1980 dem Einzug ins Paradies gleich – für andere ist es das furchtbarste in der Historie harter Musik. Doch egal, welche Haltung man dazu einnimmt: Als langweilig und nichtssagend würde diese zwölf aufregenden Monate wohl niemand bezeichnen.

Während der ersten frostigen Tage des neuen Jahrzehnts sorgen The Clash international für Furore: LONDON CALLING, in ihrer britischen Heimat schon seit September 1979 auf dem Markt, erobert nun auch die USA: Die Punks schaffen es bis auf Platz 27 der Billboard-Charts – eine Sensation.

In Deutschland ist der raue Sound weniger gefragt: Hierzulande stehen die Bestenlisten ganz im Zeichen von Pink Floyd: Mit THE WALL lösen sie Andrea Jürgens an der Spitze der Album-Charts ab und setzen sich dort für 17 Wochen fest. Auch die Single ›Another Brick In The Wall, Pt. 2‹ schafft es auf den Top-Thron, allerdings nur für insgesamt vier Wochen. In Sachen Rock gibt es ansonsten wenig Nummer-eins-Scheiben zu verzeichnen: Das Jahr wird von Roland Kaiser, ABBA oder Barbra Streisand dominiert. Lediglich ELO können noch punkten, und zwar dank ihrer Kollaboration mit Olivia Newton-John beim XANADU-Soundtrack.

Im Ausland verkaufen sich harte Riffs besser: Rush setzen im Januar mit ihrem Album PERMA­NENT WAVES zum großen Sprung an: Sie schalten in Sachen Komplexität einen Gang runter, integrieren zunehmend Keyboard-Parts und ernten damit prompt weltweiten Applaus: Ihre Single ›The Spirit Of Radio‹ wird zur Hymne.

Auch UFO machen ihre Sache gut – und das, obwohl sie den Abgang von Michael Schenker verkraften müssen. Doch die Band nutzt die Chance, endlich einmal fokussierter arbeiten zu können. Die Mitarbeit des Beatles-Produzenten George Martin spornt sie zusätzlich an, so dass NO PLACE TO RUN im Vergleich zum Vorgänger OBSESSION qualitativ nicht abfällt.

Und George Martin soll nicht der einzige Beatles-Intimus sein, der sich in diesem Jahr dem Rock’n’Roll zuwendet: Phil Spector entschließt sich dazu, mit den Ramones gemeinsame Sache zu machen und bringt mit ihnen im Februar END OF THE CENTURY auf den Markt. Darauf vertreten ist auch ein Cover von Spectors ›Baby I Love You‹.

Während Bryan Adams mit seinem Debüt erstmals in Sachen Rock unterwegs ist und einen Achtungserfolg verbuchen kann, ereignet sich in London eine Tragödie: AC/DC-Frontmann Bon Scott muss sich nach einer durchzechten Nacht im Auto seines Freundes Alistair Kinnear übergeben und erstickt an seinem Erbrochenen. Die Musikwelt trauert und hält zumindest für kurze Zeit den Atem an.

Besonders hart trifft die Nachricht die Musiker von Def Leppard, die gerade dabei sind, die Songs für ihr Debüt ON THROUGH THE NIGHT fertig zu stellen. Sie sind beim selben Manage­ment unter Vertrag wie AC/DC und haben Bon Scott kurz vor dessen Tod bei einer gemeinsamen Tour verehren gelernt. Sie lassen sich trotz der schlimmen Neuigkeiten aber nicht vom Rocken abhalten und schaffen es im März mit jugendlichem Elan und einer gehörigen Portion Unbekümmertheit bis auf Platz 15 der britischen Charts.

Kaskadeur – UNCANNY VALLEY

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Zappas vergessene Kinder

Moment mal. Da veröffentlicht die Potsdamer Band Stonehenge vielbeachtetes Material irgendwo zwischen Prog, Stoner Rock und sehr, sehr viel Orgel – und entscheidet sich mitten im Aufnehmen der nächsten Platte so mir nichts, dir nichts dazu, sich umzubenennen. Das ist karrieretechnisch so dämlich, dass einem die Band nur sympathisch sein kann. Kaskadeur klingen wie Frank Zappas vergessene Kinder, haben keinerlei Respekt vor Genregrenzen und wirbeln wie ein entfesselter Dreijähriger vor dem elterlichen Plattenregal durch die Musikwelt. Prog, Stoner, Doom, Psychedelic Rock, Jazz – alles darf, nichts muss. Zusammengehalten (oder auseinandergetrieben?) wird der Neustart UNCANNY VALLEY von obskur-angejazzten Zwischenstücken, die man nicht unbedingt verstehen muss, die aber irgendwie zum verblüffenden Ansatz der Band passen.

Hoffnungslos unkommerziell ist das natürlich alles und gewiss nicht für alle. Prog-Kenner werden das instrumentale Können aber mehr als goutieren und sich zudem an der starken Gesangsleistung von Enrico Semler erfreuen.

8 von 10 Punkten

Kaskadeur, UNCANNY VALLEY, NOISOLUTION/SOULFOOD

Deftones – OHMS

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Die Alt.Metal-Helden aus Sacramento liefern eine überragende Neunte ab

Von all den Bands, die die Nu-Metal-Szene Mitte der 90er hervorbrachte, waren die Deftones die abenteuerlustigste. Bei ihrem neunten Album setzt sich diese kreative Dynamik unvermindert fort. OHMS klingt umgehend vertraut, ohne irgendetwas wiederzukäuen, das sie zuvor gemacht haben. Diese Vertrautheit kommt vielmehr von Chino Morenos stetig fluktuierenden Vocals, die von einem Flüstern in ein digitales Schreien auf ›Genesis‹ und ›Ceremony‹ umschlagen.

Die Klangkulisse dahinter zeigt allerdings erneut eine Variation des Bandsounds. Dreampop mit metallischen Kanten ist immer noch das Grundgerüst, doch innerhalb dieser Parameter passiert so einiges: ›Urantia‹ könnte als Popsong durchgehen, wäre es nicht durchsetzt von Stephan Carpenters Monstergitarre. ›This Link Is Dead‹ besteht aus viereinhalb Minuten verzerrten Lärms, punktuiert von kurzen Melodie- Sonnenstrahlen. Das Highlight, ›Pompeji‹, ist schließlich eine apokalyptische Klanglandschaft, die zwischen Momenten des Glücks und der Rage changiert. Nichts davon ist eine echte Neuerfindung, doch bei den Deftones ging es schon immer mehr um große Schritte als um riesige Sprünge. Es ändert nichts an der Tatsache, dass sie ihre Verfolger weit hinter sich gelassen haben.

8 von 10 Punkten

Deftones, OHMS, WARNER

The Pretty Things – BARE AS BONE, BRIGHT AS BLOOD

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Ein dunkles Semi-Akustik-Werk – und ein fulminanter Abschied

Pretty Things nach 55 Jahren ihre Konzertkarriere, aus gesundheitlichen Gründen, wie es hieß. Dass Phil May im Mai 2020 nach einer Hüftoperation verstarb, bedeutet zweifellos das Ende dieser britischen Rock-Institution. Zur Erinnerung: Die Pretty Things waren immer gut, bisweilen sogar brillant, doch der Superstar-Status mancher Zeitgenossen blieb ihnen erstaunlicherweise verwehrt. BARE AS BONE, BRIGHT AS BLOOD war nicht von vornherein als jenes Abschiedswerk geplant, das es nun ist, zumal May und Kompagnon Dick Taylor weitere Studioarbeiten durchaus in Betracht zogen. Doch immerhin ist es ein würdiger letzter Gruß geworden, der in seiner reduzierten Form an die grandiosen Spätwerke von Johnny Cash erinnert: Das Statement zweier Haudegen, die eine Menge erlebt, den Geist von Blues und Rock aber niemals verraten haben. Wenn May am Ende von Cashs ›Redemption Day‹ beinahe beschwörend „freedom, freedom, freedom“ singt, wenn er in Gillian Welchs ›The Devil Had A Hold On Me‹ über manisches Außenseitertum, in ›Bright As Blood‹ über Frustration und Rastlosigkeit sinniert, dann ist das Folk-Blues von wahrhaft mystischer Dimension, dunkel und abgründig, der mit Leadbellys ›Black Girl‹ sowie Robert Johnsons ›Come Into My Kitchen‹ und ›Love In Vain‹ perfekt harmoniert.

BARE AS BONE, BRIGHT AS BLOOD mag sparsam instrumentiert sein und auf flotte Abgeh-Nummern verzichten, in Sachen Intensität beeindruckt es dennoch. Blues in seiner unprätentiösesten Form.

9 von 10 Punkten

The Pretty Things, BARE AS BONE, BRIGHT AS BLOOD, MADFISH/EDEL