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Start Blog Seite 372

Thunder – ALL THE RIGHT NOISES

Schlichtweg großartig

Nach RIP IT UP von 2017 ist ALL THE RIGHT NOISES nun das erste Thunder-Album mit neuen Songs in vier Jahren. Und was soll man sagen: Manchmal kommt man einfach nicht um das abgedroschene „all killer no filler“ herum. Denn das, was Luke Morley, Danny Bowes und Co. hier abliefern ist nicht weniger als eine von vorne bis hinten stimmig durchkomponierte, abwechslungsreiche und dabei doch angenehm eingängige Platte, die auf qualitativer Ebene erst mal ihresgleichen suchen muss. Von treibenden Hardrockern wie dem Opener ›Last One Out Turn Off The Lights‹ oder stampfenden Hymnen à la ›Going To Sin City‹ mit Bläser-Arrangement über dunkle Alternative-Epic-Tracks wie ›Destruction‹, das auch auf eine Audioslave-Platte gepasst hätte, bis hin zu klassischen Morley-Balladen wie ›I’ll Be The One‹ bringen Thunder einen Song nach dem nächsten auf den Punkt.

Textlich setzen sich die Briten neben wenigen beschwingten Ausnahmen auf differenzierte und eloquente Art und Weise mit Themen wie dem Brexit, Depressionen oder Populismus auseinander und kommen in ›Young Man‹ berechtigterweise zu dem Schluss, dass sie froh sind, keine jungen Männer in diesen aufreibenden Zeiten sein zu müssen. Chapeau, Thunder!

9 von 10 Punkten

Thunder, ALL THE RIGHT NOISES, BMG RIGHTS/WARNER

Dead Poet Society – -!-

Muskulöser Alternative-Rock, der die eine oder andere interessante Abzweigung nimmt

Das Debüt der Gruppe aus Los Angeles, die sich bereits 2013 auf dem Boston’s Berklee College of Music kennenlernte, besticht durch einen sehr heterogenen musikalischen Ansatz: Spoken-Word-Intros, Metallriffs, Indie-Hymnen, Stoner Rock, Blueselemente, Breitwandballaden – all das vereinen die Amerikaner auf der 16 Tracks umfassenden Platte. Trotz der vielen Genrespielarten ist ein eigenes Herz innerhalb der Band erkennbar, was vor allem an der wandelbaren Stimme – zwischen zart und aggressiv ist hier alles möglich – des Bandvorstehers und Zweitgitarristen Jack Underkoffler liegt. Teilweise an Jeff Buckley erinnernd, kann er das gesamte Spektrum postpubertärer Gefühlszustände abbilden. Mitunter sind diese in tiefes Moll getaucht, Emo lässt grüßen, Songtitel wie ›I Never Loved Myself Like I Loved You‹ deuten es an.

Die sehr nihilistischen Texte wirken ausgestellt, die Verzweiflung verkommt mitunter zur Pose, aber letztlich ist das unterhaltsames Schauspiel mit einigen guten Songs und deshalb verzeihbar.

7 von 10 Punkten

Dead Poet Society, -!-, SPINEFARM/CAROLINE

White Void – ANTI

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Musikalische Freigeister am Werk

Lars Arne Nedland hat eine neue Formation am Start. Normalerweise tobt sich der Norweger bei den Black-Metal-Bands Solefald und Borknagar aus. Mit schwarzem Extrem-Metal hat das neue Projekt White Void aber so gar nichts zu tun. Die Band beschreibt ihren Stil als eine Mischung aus 70er-Jahre Okkult-Rock, Hardrock und britischem New Wave der 80er-Jahre. Die stilistische Vielfalt passt zu Nedlands Ruf als musikalischer Freigeist, der für White Void Mitstreiter aus der Elektro-Szene, dem Blues und dem Pop um sich geschart hat. Das schlicht ANTI benannte Debüt ist dementsprechend schwer einzuordnen. Die acht Songs kennzeichnet eine düstere Melodiösität, die aber immer wieder von eindringlichem Hardrock-Riffing aufgebrochen wird. Das Songwriting ist trotz vielfältiger Einflüsse eingängig und mit vielen Hooks versehen. Der Ohrwurmsong ›Do. Not. Sleep.‹ ist ein gutes Beispiel: Hier treffen typische 70er-Jahre-Hardrock-Gitarren auf die Keckheit des New Waves der 80er.

›Where You Go, You’ll Bring Nothing‹ erinnert an die Gothic-/Alternative-Rocker Anathema, und ›This Apocalypse Is For You‹ ist eine Uptempo-Nummer, die sich thematisch um Krisen dreht, der aber der lebensbejahende Geist des Boogie innewohnt. Wer nicht vor experimentell-facettenreichem Hardrock zurückschreckt, sollte White Void auf jeden Fall antesten.

7 von 10 Punkten

White Void, ANTI, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE

Text: Matthias Bossaller

Rob Zombie – THE LUNAR INJECTION KOOL AID ECLIPSE CONSPIRACY

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Alles andere als untot

Ebenso wenig wir von dem Filmemacher Rob Zombie in absehbarer Zeit eine romantische Komödie erwarten dürfen (allerhöchstens eine Zomcom), müssen wir bei einem neuen Album des Musikers Rob Zombie Experimente in puncto Konzept und Songwriting fürchten. Auch auf seiner siebten Platte bleibt der kalifornische „Hellbilly“ seinem Trademark Sound treu, nicht aber ohne diesen um interessante Farbtupfer zu bereichern. THE LUNAR INJECTION KOOL AID ECLIPSE CONSPIRACY ist in weiten Teilen genau das, was man von einem Zombie-Werk erwarten würde: auf den Punkt gebrachte Dampfhämmer, angereichert um allerlei Samples und Beats, darüber ein schwadronierender, wie ein manischer Straßenprediger im Dienste Satans auftretender Rob Zombie, der seine Schergen John 5 an der Gitarre, Piggy D am Bass und Ginger Fish am Schlagzeug kongenial durch ein Höllenfeuer aus detailreich inszenierten Wutausbrüchen mit hohem Ohrwurmpotenzial dirigiert.

Alles beim Alten? Nicht ganz. Mit eingeflochtenen Instrumentals wie insbesondere dem traumwandlerischen ›The Much Talked Of Metamorphosis‹ sowie dem Marilyn-Manson-artigen Stomper ›Shake Your Ass – Smoke Your Grass‹ präsentiert Zombie überzeugende Exkursionen aus der Komfortzone, die ihren Höhepunkt in der grotesk-entrückten Country-Apokalypse ›18th Century Cannibals, Excitable Morlocks & A One-Way Ticket On The Ghost Train‹ finden. Zombie am Zenit!

8 von 10 Punkten

Rob Zombie, THE LUNAR INJECTION KOOL AID ECLIPSE CONSPIRACY, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE

Conan: LIVE AT FREAK VALLEY

Doom mit verdoppelter Schwerkraft

Ein Conan-Konzert fühlt sich immer so an, als wäre die Anziehungskraft des Planeten plötzlich doppelt so groß. Der morastige, tiefstgestimmte Höhlendoom der drei selbsternannten Barbaren dringt durch jede Pore und zieht den gebannten Zuschauer hinab in die lichtlosen Tiefen des Ozeans. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass die Liverpooler Drei-Akkord-Masseure bei vier Studioplatten mit LIVE AT FREAK VALLEY jetzt schon auf ihre dritte Live-Platte kommen.

Konserviert 2017 beim kultigen Festival im nordrhein-westfälischen Niemandsland, gibt es neun gnadenlos drückende, wummernde, verkommene Exempel ihrer verrohten Doom-Kunst – und die ist nun mal gemacht für die gnadenlos übersteuernden Amps einer entfesselten Bühnenshow. Ersetzt wird ein Konzert dadurch zwar nicht, der Vortex, den die Briten erzeugen, wird aber spürbar. Hach, Konzerte …

7 von 10 Punkten

Conan, LIVE AT FREAK VALLEY, NAPALM/UNIVERSAL

Selig – MYRIADEN

Pop-Appeal und Sanftmut

Auf ihrem neuen Album vereinen Selig Gesellschaftskritik, Optimismus und verschiedenste musikalische Spielarten zu einem homogenen Guss. Stellenweise strahlt MYRIADEN einen starken Pop-Appeal aus, was man mögen muss, am Ende meistert die Hamburger Kultband aber auch diese Gratwanderung solide. Während auf der ersten Hälfte neben Jamiroquai-Tunes wie ›Spacetaxi‹ und einigen sehr radiotauglichen Passagen wie in ›Alles ist so‹ vor allem der nostalgische Opener ›Süßer Vogel‹ gefällt, widmen sich Plewka, Neander und Co. ab dem Feelgood-Rocker ›Selig‹ einer ihrer großen Stärken und zelebrieren den Rest mit teils herzerweichenden, immer wundervoll komponierten und lyrisch herrlich anschmiegsamen Arrangements.

›Paradies im Traumrausch‹ fühlt sich an, als würden einem unter Wasser transzendentale Ströme durch die Ohren fließen, ›Postkarte‹ glänzt durch knarzige Vintage-Vibes und Streicher, ›So lang gewartet‹ und ›Zeitlupenzeit‹ durchtränken die Seele mit großem Fernweh.

7 von 10 Punkten

Selig, MYRIADEN, UNIVERSAL

Mike Patton unterstützt die „Teenage Mutant Ninja Turtles“

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Faith No More werden nach Aussage von Sänger Mike Patton keine neue Musik mehr aufnehmen. Und so hat er sich – neben seinen weiteren Projekten Tomahawk und Mr. Bungle – anderen Freunden zugewandt. Vier grünen Freunden mit Augenbinden, den beliebten Cartoon-Helden „Teenage Mutant Ninja Turtles“, genauer gesagt.

Auch ihr neues Videospiel „Shredder’s Revenge“, dessen Veröffentlichung am 10. März bekannt gegeben wurde, braucht natürlich das bekannte Intro und hier kam diesmal Patton als Sänger ins Spiel. Hört hier den neuen Trailer:

Für alle, die sich jetzt in die späten Achtziger zurückwünschen, weil sie sich an die deutsche „Original-Version“ erinnert fühlen, gibt es hier Frank Zander. Ja, der sang nämlich den Trailer, der bei uns ab 1988 im TV lief.

Israel Nash – TOPAZ

Das ewige Zuhause

Seit einer guten Dekade, genauer seit dem Debüt NEW YORK TOWN von 2009, gehört der ursprünglich aus Missouri stammende Israel Nash Gripka (Israel Nash als Bühnenname) zu den Fackelträgern des Rock’n’Roll. Mehrere Jahre in New York ansässig, ist er durch seinen Umzug ins ländliche Dripping Springs in Texas in den vergangenen Jahren noch zwingender geworden. TOPAZ ist das erste Album, das Nash quasi im Alleingang aufgenommen hat. Obwohl es mitnichten danach klingt. Eher hat es den Anschein, als sei die ganze Welt bei ihm zu Besuch, in seinem ewigen Zuhause, wie er Haus und Land in seinem unmittelbaren Umfeld bezeichnet. Ein Jahr hat das gedauert, zwischen mehreren Tourneen eingespielt, immer dann, wenn Nash allein sein wollte. TOPAZ, Nashs insgesamt sechster Longplayer, ist ein Experiment mit festem Rock-Fundament, mit einem Hauch von Psychedelica und Folk, jetzt zusätzlich noch mit Bläsern und Gospelchören. Steht ihm absolut ausgezeichnet. Hat bisweilen was von Nathaniel Rateliff & The Night Sweats, ein mehr als großes Kompliment. Natürlich hat Nash immer noch haufenweise Neil Young in seiner Blutbahn wie das countryeske ›Canyonheart‹ oder das Fingerpicking in ›Closer‹ erahnen lassen. Jonathan Wilson grüßt in ›Sutherland Springs‹ und ›Down In The Country‹, ›Stay‹ ist etwas kitschig, aber dennoch schön. ›Dividing Lines‹ direkt zum Auftakt extrem zwingend mit lockerem Swing und feinen Bläsern bei herrlichem Sonnenaufgang, ›Southern Coasts‹ bietet entspannte Entschlackung, ›Pressure‹ erinnert an Gene Clark von den Byrds. Nach dem kurzzeitigen Zwischentief mit LIFTED ist Israel Nash mit TOPAZ abermals auf dem richtigen Weg.

8 von 10 Punkten

Israel Nash, TOPAZ, LOOSE MUSIC/ROUGH TRADE