Im Sommer war sie mit den Pretenders noch im Vorprogramm von Fleetwood Mac unterwegs, jetzt überrascht Chrissie Hynde mit einem ehrfurchtgebietendem Album, mit dem wohl keiner gerechnet hat: eine meisterhaft produzierte Songsammlung mit von ihr interpretierten Jazz-Stücken und einigen ausgesuchten Titeln aus dem Rock/Pop/Folk-Umfeld. Das kann fürchterlich schiefgehen oder schlichtweg langweilen, aber bereits mit ihrer Version des Kinks-Songs ›Stop Your Sobbing‹ auf dem Pretenders-Debüt hatte Hynde, deren natürliches Vibrato sich perfekt für Jazz-Phrasierungen eignet, unter Beweis gestellt, wie sie sich fremde Songs aneignen kann. Doch VALVE BONE WOE geht radikal weiter. Hyndes Bearbeitungen von Stücken eines Charles Mingus oder John Coltrane sind trotz formvollendeter Streicher- und Bläserarrangements alles andere als Easy Listening Jazz. Die mit sirrend-flirrenden Verfremdungseffekten à la Scott Walker, Dub-Einlagen oder Elektronikblubbern angereicherten Tracks schweben frei zwischen Faszination und Verstörung. Und es gehört unendlich viel Mut dazu, sich an entrückten Meisterwerken wie Brian Wilsons ›Caroline No‹ oder gar an Nick Drakes ›River Man‹ zu versuchen – und dabei auch noch zu triumphieren.
Bei ihm sind wir alle mal gelandet. In den Nullerjahren gehörte der Anti-Folkie zum Kreis der neuen Hoffnungsträger. Souveränes Auftreten, Lümmeleien in den Texten, Nähe zu Jonathan Richman in der Stimme – es gab gute Gründe. Gerade Mädchen mochten ihn. Wenn man einer Eva ein Konzert mit Adam vorschlug, stand das Date. Nach SIXES & SEVENS im Jahr 2008 verflog die Euphorie aber zusehends. Alles, was dem New Yorker anfangs locker zuflog, wirkte im Laufe bemühter. Sein Überleben sicherte er sich mit Betätigung in anderen Kunstdisziplinen, er hat Filme gemacht und Skulpturen gefertigt. Jetzt, da man mal wieder auf ihn kommt, ist man überrascht, wie sehr sich alles nach FRIENDS OF MINE anhört. ›Freeze My Love‹ ist als Einzelexemplar ganz schön, aber danach ändert sich nichts. Immer wieder nur diese zarten Akustik-Dinger mit Kammermusik-Streichern, was soll das? Früher war es so, dass der Kerl lustvoll über Jessica Simpson lästerte, Emily mit Country-Schwung becircte oder robust auf Nat King Cole abfuhr. Jetzt feiert er sich allen Ernstes als ›Reasonable Man‹. Skandal! Die Zähmung eines einst Wilden nimmt Gestalt an. So ist er unmöglich ein Freund, der Adam.
6/10
Adam Green
ENGINE OF PARADISE
30TH CENTURY RECORDS/ROUGH TRADE
Status Quo sind Stehaufmännchen – nicht einmal der Tod von Rick Parfitt Ende 2016 konnte sie aufhalten. Es erschienen seitdem mehrere Livealben der Kultband, doch an ein neues Studiowerk war nicht denken. Bis jetzt. Denn nun werden tatsächlich Songs veröffentlicht, die ohne Rick Parfitt entstanden sind. BACKBONE (auf Deutsch: Rückgrat) beinhaltet drei Stücke, die Francis Rossi gemeinsam mit Langzeitkumpel Robert Young geschrieben hat, sowie Beiträge der anderen Bandmitglieder. Ursprünglich traf man sich mit dem neuen Rhythmusgitarristen Richie Malone zu unverfänglichen Jamsessions, die bald in ein ernsthaftes Unterfangen umschlugen und in den elf Stücken von BACKBONE gipfeln. Neues Material sollte nur veröffentlich werden, wenn es wirklich gut war, und genau das ist es auch. Status Quo klingen auf ihrem 33. Studioalbum (!) nicht wie eine Band, die über 50 Jahre auf dem Buckel hat, sondern wie frisch gebackene Boogie-Rock-Könige mit Spaß an der Sache. Vor allem der als erste Single ausgekoppelte Titeltrack fährt sofort in Ohr und Tanzbein, aber auch der Opener ›Waiting For A Woman‹, das rasante ›Liberty Lane‹ oder das eingängige ›I See You’re In Some Trouble‹ bringen Bewegung in den Organismus. Es geht also auch ohne Rick.
Das Lied, mit dem Queen 1970 in einem Rathaus der Welt ihre erste Visitenkarte gaben (das jedoch erst für ihr drittes Album aufgenommen wurde), ist nur knapp über zwei Minuten lang – aber das perfekte Destillat aus allem, was sie so großartig machte.
Ab Anfang der 70er arbeitete Mike Grose drei Jahrzehnte lang für die Spedition der Familie Grose in Saint Austell, Südwestengland. Die meisten Menschen, die dem bescheidenen Mann aus Cornwall heute begegnen, wären überrascht, zu erfahren, dass er mal Bassist bei Queen war. Am Abend des 27. Juni 1970, einem Samstag, spielten der damals 22-jährige Grose, Schlagzeuger Roger Taylor, Gitarrist Brian May und Sänger Fred Bulsara ihr erstes Konzert als Queen in der City Hall in Truro, Cornwall. „Und das erste Lied, das wir spielten, war ›Stone Cold Crazy‹“, wie sich Grose erinnert.
›Stone Cold Crazy‹ wurde zwar nie als Single veröffentlicht, aber es ist die absolute Essenz von Queen in den 70ern: laut, albern, bombastisch und unterhaltsam. Obwohl es erst 1974 auf dem dritten Album SHEER HEART ATTACK erschien, hatte der zukünftige Freddie Mercury es schon geschrieben, bevor die Band überhaupt existierte.
Im Sommer 1969 kämpfte er sich durch das letzte Semester am Ealing Art College und träumte davon, ein Popstar zu werden. Brian May und Roger Taylor kannte er schon über den Kunststudenten Tim Staffell, der mit ihnen beim Trio Smile sang und Bass spielte. Freddie war ihr größter Fan und manchmal auch ihr Roadie. Und er wollte unbedingt ihr Sänger sein. Zwischenzeitlich hatten ihn seine Überredungskünste zum Frontmann einer anderen Band gemacht, obwohl er noch nie auf einer Bühne gestanden hatte: Er trat im August 1969 dem Hardrocktrio Ibex bei. Zwei Monate später, nachdem er Led Zeppelin im Londoner Lyceum gesehen hatte, überredete er Ibex, ihren Namen in das viel härter klingende Wreckage zu ändern. ›Stone Cold Crazy‹ wurde angeblich zu dieser Zeit geschrieben.
Im Mai 1970 meinten es die Götter gut mit Bulsara: Er ersetzte Staffell bei Smile. Sein erster Vorschlag war wieder eine Namensänderung – Queen waren geboren. Taylor wiederum brachte seinen Freund Mike Grose in die Band, der aus Cornwall in die WG der Gruppe in Barnes zog. Grose erinnert sich daran, wie sie in jenem Sommer ›Stone Cold Crazy‹ und andere frühe Queen-Songs im Garten probten. „Das Lied war eine von Freddies verrückten Ideen“, sagte May unlängst. „Aber das Original war viel langsamer.“ Der Gitarrist schlug vor, das bluesige Riff zu beschleunigen, und das Resultat klang ein bisschen wie Led Zeps ›Communication Breakdown‹.
Der Auftritt in der City Hall in Truro war ein Benefizkonzert für das Rote Kreuz in Cornwall, für das Taylors Mutter Winifred Spenden sammelte. Sie hatte Smile gebucht, doch die wenigen Zuschauer, die ihre sieben Shilling und sechs Pence (ca. 50 Cent) zahlten, sahen sich stattdessen mit den frisch gekrönten Queen konfrontiert. Sie trugen zueinander passende schwarze Samthosen und der baldige Freddie Mercury stolzierte über die Bühne, als spiele er im Stadion von Wembley. Sein Posen waren in der Tat besser als sein Gesang. „Er klang wie ein ziemlich kräftig blökendes Schaf“, so Taylor.
Wenn Grenzen dichtgemacht werden und einzelne Länder auf diese Weise versuchen, sich von den Problemen der Welt abzuschotten, dann ist es vielleicht schon ein Statement, sein Album FREE zu nennen. Dem möglichen Drang, eine gute alte Protestplatte zu machen, hat Iggy Pop aber nicht nachgegeben. So einfach macht er es sich, und uns, nicht. „Words don’t mean shit to society“, ätzt er, um dann doch recht viele davon mit eherner Stimme sprechzusingen. Und tatsächlich meint man hier und da Verweise auf die Flüchtlingsthematik, auf Umweltzerstörung und kaltblütigen Kapitalismus herauszuhören, Spuren, die jedoch immer wieder verwischt werden. Die Dinge sind zu komplex, um sich bequem im Gut-Böse-Denken einzurichten. Es geht um fehlende Liebe, um einen weiblichen James Bond, um Cam-Girls, „big tits“ und „big dicks“. „If there’s more slaves today than there was yesterday/Then you gotta be fucking kidding me“, heißt es in ›Dirty Sanchez‹. Die Musik ist durchgehend karg und finster, der Beat monoton und unheilschwanger, das klassische Popsong-Schema mit Strophe, Refrain und Bridge quasi aufgehoben. In diese Verlorenheit hinein schicken jazzige Trompeten wiederum Momente größter Schönheit, wie die „few moments that make life any fucking good“, von denen Pop singt. „Rage, rage against the dying of the light“, fordert er gegen Ende in ›Do Not Go Gentle In The Good Night‹, um uns danach in die Dunkelheit zu entsenden: „Love and sex are gonna occur to you, and neither one will solve the darkness.“
Auf einer Protestveranstaltung für den inhaftierten WikiLeaks-Gründer Julian Assange in London hat Roger Waters den Pink-Floyd-Klassiker ›Wish You Were Here‹ gespielt.
Roger Waters ist diesen Montag in London bei einer Kundgebung unter dem Motto „Don’t Extradite Assange“ (Liefert Assange nicht aus) aufgetreten. Ziel des Protests war es, eine Auslieferung von Julian Assange an die USA zu verhindern. Dort würde dem Gründer von WikiLeaks für seine Veröffentlichung von geheimen US-Dokumenten ein Prozess blühen.
2012 war Assange in die Botschaft von Ecuador in London geflohen, nachdem ihm sexueller Missbrauch vorgeworfen worden war. Dieses Jahr wurde er verhaftet, momentan befindet er sich in einem Gefängnis in der Nähe von London.
Waters spielte bei der Kundgebung vor dem britischen Innenministerium eine Solofassung von Pink Floyds ›Wish You Were Here‹. „Julian Assange, we are with you“, sagte er danach. Bevor er „Free Julian Assange!“-Chöre initiierte. Ein Handy-Video zeigt den Auftritt.
CLASSIC ROCK hat mal wieder freien Eintritt zu verlosen!
Mit seinem neuen, psychedelischen Soloalbum OFF AT 11 im Gepäck kommt Gitarrenwunderknabe, Sänger und Songwriter JD Simo im Oktober nach Deutschland.
CLASSIC ROCK verlost 3×2 Tickets in eurer Wunschstadt. Wenn ihr gewinnen wollt, nehmt flugs bis zum 20. September teil und ergattert mit ein wenig Glück Freikarten für dieses Spektakel.
Jetzt teilnehmen:
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Ursprünglich hieß das kritische ›Big Cigars‹ mal ›Guantanamo‹. Im November soll es auf dem nächsten Album von The Who erscheinen.
The Who haben im Madison Square Garden in New York (2. September) ihren neuen Song ›Big Cigars‹ vorgestellt. „Down in Guantanamo/We still got the ball and chain“, singt Roger Daltrey darin. „That pretty piece of Cuba/Designed to cause men pain.“
Der Track ist erstmals auf der Compilation „TRUANCY: THE VERY BEST OF PETE TOWNSHEND“ veröffentlicht worden. Im November wird er unter neuem Titel Teil des noch unbetitelten ersten Studioalbums von The Who seit ENDLESS WIRE von 2006 sein, wie Townshend dem Publikum verriet.