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Start Blog Seite 454

Freddy And The Phantoms – A UNIVERSE FROM NOTHING

Schwere Zeiten, schwere Klänge

Dystopische Konzeptalben sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Verwunderlich ist dies nicht angesichts der (selbstverschuldeten) globalen Krisen, welche die Menschheit bedrohen. Fungierte allen voran jüngst noch die Klimaproblematik als Motor für kritische Inspiration, so scheint das fünfte Studioalbum von Freddy And The Phantoms auch wie die Faust aufs Corona-Auge zu passen. Obwohl Dantes „Göttliche Komödie“ oder Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ Modell für die Lyrics gestanden haben, passen Textzeilen wie „Nothing awaits us“ irgendwie auch perfekt in die aktuelle akute Krisenzeit.

Musikalisch betrachtet, wurden die elf neuen Songs der Dänen trotz eindeutiger nostalgischer Klänge und schöner Orgel im Soundspektrum doch erheblich in Richtung Retro-Futuristik erweitert. Der Vibe ist grundsätzlich härter als noch auf den Vorgängern, Fuzz-getriebene Stücke wie das groovige ›Bermuda Blues‹, ›Hunger‹ oder das abschließende ›Inferno‹ erinnern positiv an GREAT WESTERN VALKYRIE von den Rival Sons. Nummern wie ›Loners On The Run‹ oder ›Andromeda‹ brechen zwischendrin in epische Metal-Gefilde aus, ›Andromeda Pt. 2‹ hingegen kommt als barockes Orgelständchen des Weges. Trotz der diversen Einflüsse klingt A UNIVERSE FROM NOTHING wie aus einem Guss und präsentiert sich als stimmige Rockplatte mit Biss.

7 von 10 Punkten

Freddy And The Phantoms, A UNIVERSE FROM NOTHING, TARGET/SPV

Double Experience – ALIGNMENTS

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Als müsse man die ganze Welt umarmen …

Double Experience machen sogenannten Geek- oder Nerd-Rock und sind stolz darauf. Ihre Lieder bieten unverschämt melodische, geradezu zum Mitsingen zwingende Refrains, aber auch teilweise hochkomplexe Rhythmik und abgefahrene Songstrukturen. Dass man mit einem solchen Konzept durchaus höchst erfolgreich sein kann, beweisen mit multiplen Edelmetall-Ehrungen überschüttete Sujet-Kollegen wie Coheed And Cambria oder die Briten Muse. Und auch die Herrschaften aus Ottawa haben durchaus das Potenzial, zu Arenen füllenden Superstars zu mutieren. Das deuten sie auf ihrem nun schon vierten Album mehrfach sehr eindrucksvoll an. Der Reigen startet mit der sympathisch nervösen Alternative-Variante einer Stadionrock-Hymne in Form von ›Perish Me‹ – abgehackte, krachend harte Gitarrenriffs sowie das Gefühl, man müsse mal eben die ganze Welt umarmen. Darauf folgt ›New Me‹, das konsequent den typischen Kiss-Song der späten 70er in unsere Gegenwart transferiert. Mehr Ohrwurm geht kaum.

Nicht jede der restlichen neun Nummern zündet so gnadenlos. Spaß machen sie aber allesamt. Weitere Highlights sind das von Akustikgitarre geführte ›My List‹, das treibende ›The Imp‹ oder der unwiderstehliche Hidden Bonus Track ›Love Is Not Just Talk‹.

7 von 10 Punkten

Double Experience, ALIGNMENTS, DRAKKAR/SOULFOOD

The Damned: „Wir leben noch, was für eine Überraschung!“

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Fotocredit @Tony Wooliscroft
Nach allerhand Live-Alben und Jubiläumstouren zu verschiedenen Anlässen lassen The Damned nach zehn Jahren mit einem neuen Studioalbum von sich hören: EVIL SPIRITS, produziert von Tony Visconti, zeigt die britischen Urpunks im Glam- und Psych-Fieber. Zeit für ein Gespräch mit Gitarrist Captain Sensible über zeitlosen Sound, böse Geister und vegane Lederhosen.

 

Captain Sensible, ihr habt das Album mit Tony Visconti aufgenommen. Warum sind The Damned und er ein gutes Team?
Ich finde, der Sound der 70er-Jahre steht für Klarheit, Wärme und Ehrlichkeit. Die Studios damals verfügten über die ersten 24-Spur-Bandmaschinen, Marshall hatte seine Verstärker perfektioniert. Das Resultat waren toll klingende Platten. Wenn ein junger Mensch heute ohne auf das Cover zu schauen zuerst ›Cum On Feel The Noize‹ von Slade und danach ›God Save The Queen‹ von den Sex Pistols hört, würde er wohl sagen: klingt beides ähnlich super. Was zeigt, dass die Qualität des Klangs der 70er-Jahre längst die Genregrenzen sprengt. Mit EVIL SPIRITS wollten wir diesen Sound zu­­rück. Wir wollten das Aufschichten von Spuren vermeiden, das heute mit Hilfe von Software möglich ist – jedoch auf Kosten der Klarheit geht. Dafür brauchten wir einen Produzenten, der versteht, worauf es uns ankommt – weil er im besten Fall selbst ein paar der Klassiker von damals produziert hat. Und da war Tony Visconti natürlich die erste Wahl.

Es gibt die Mär, der Punk verfolgte das Ziel, Glamrock von der Bühne zu fegen. Was hältst du von der Theorie?
Für mich hat die nie gegolten. Ich war großer T.-Rex-Fan, trug Shirts der Band auf der Bühne. 1977 sah Marc Bolan dann ein Foto von mir in dem Shirt, das hat uns einen Platz im Vorprogramm der Tournee durch Großbritannien gebracht – leider die letzte Tour von Bolan, bevor er beim Autounfall verstarb. Für mich als Fan war es eine großartige Sache, am Bühnenrand zu stehen und zu sehen, wie Bolan die Stücke immer schneller und wilder spielte als auf den Platten.

Visconti hat auch T. Rex produziert.
Ja, hier schließt sich der Kreis. Und die Rechnung ist aufgegangen, wir mussten ihm die neuen Songs gar nicht vorspielen, damit er versteht, was wir vorhaben. Es reichte zu sagen: Wir möchten bei ›Devil In Disguise‹ eine Phasenverschiebung wie im Mittelteil von ›Itchycoo Park‹ oder bei ›Look Left‹ Harmonien wie bei den Walker Brothers – und er wusste sofort genau, was wir damit meinen.

Neben Glam gibt es auf der Platte auch viel 60s-Psychedelic zu hören.
Auch die Garage- und Psychrockplatten der 60er-Jahre klingen für mich bis heute enorm frisch. The Seeds, The Doors, The Electric Prunes, The Byrds – nichts von diesen Acts klingt schal. Für The Damned sind diese Einflüsse aber nicht neu, ich erinnere mich noch gut daran, als Anfang der 80er-Jahre in London ein Neo-Garage-Boom startete, alle hörten die Nuggets-Kompilation von Lenny Kaye und wollten eine Garage-Band gründen, unser Album STRAWBERRIES ist davon stark be­­einflusst. In gewisser Weise bearbeiten EVIL SPIRITS und STRAWBERRIES das gleiche Feld.

Was sind denn die EVIL SPIRITS, die bösen Geister, von denen das Album handelt?
Wenn es eine Uhr gäbe, die die verbliebene Zeit bis zum Jüngsten Gericht anzeigen würde, wie spät wäre es dann? Ich denke, uns bleiben noch zwei Minuten bis zum großen Glockenschlag. Aber wo sind die Proteste? Warum gibt es keinen Massenaufstand gegen die Wiederaufrüstung mit Atomwaffen? Was hält die Jugend davon ab, auf die Straße zu gehen? Diese Apathie spielt den Kriegstreibern in die Karten, und ich glaube, dass die Situation heute deshalb so gefährlich ist.

Wer ist der böseste aller bösen Geister?
Tony Blair. Er hat mein Vertrauen in die Demokratie erschüttert. Statt seine Versprechen einzulösen und die Eisenbahn oder an­­dere Betriebe wieder zu verstaatlichen, um sie den Investoren aus der Hand zu nehmen, hat er Großbritannien in den Krieg im Irak ge­­schickt.

Das erste Stück ›Standing On The Edge Of Tomorrow‹ klingt aber optimistisch.
Das Stück ist schnell, es hebt ab, das ist richtig. Die Frage, die wir stellen, lautet jedoch: Werden wir Menschen rechtzeitig die Technik entwickelt haben, um das Weltall zu kolonialisieren, bevor wir unseren Planeten zugrunde gerichtet haben? Na ja, und dann stellt sich eine weitere Frage, nämlich was die Außerirdischen wohl davon halten, dass wir Weltenzerstörer uns nun auf die Reise machen, um das Universum zu bevölkern. Warum sollte man Leute wie uns in seiner Nachbarschaft einziehen lassen? Wir haben vor der Aufnahme eine Menge Soundtracks gehört, die Musik von Ennio Morricone oder John Barry. Ein bisschen von dem Drama dieser Musik haben wir uns für das Stück geliehen, vor allem für das Posaunenfinale. Und: Unser Sänger Dave Vanian spielt eine Kesselpauke. Wer hätte das 1977 für möglich gehalten? (lacht)

Das Album schließt dann eher misanthropisch mit ›I Don’t Care‹…
Genau, das ist dann das Gegenstück, von Aufbruch keine Spur mehr, stattdessen: einfach weitermachen. Ein sehr menschliches Ende.

Ihr habt die Platte auch mithilfe einer Pledge-Kampagne vorfinanziert. Wie ge­­fällt dir dieses Crowdfunding-Modell?
Es hat für uns gut funktioniert, aber zu einhundert Prozent stehe ich nicht dahinter. Wenn der Moment gekommen ist, dass du überhaupt keine Begeisterung bei einer Plattenfirma mehr auslösen kannst, dann solltest du besser aufhören, weiterhin Platten aufzunehmen. Andererseits, es gibt nicht viele Labels, die The Damned verstehen. Uns haben Plattenverkäufe nie interessiert, wir verhalten uns nicht wie eine Popband, wir verstehen uns eher als Teil eines großen musikalischen Experiments. Keiner unserer Schritte ist vorhersehbar – und das treibt die Leute von den Plattenfirmen in den Wahnsinn. Kaum ein Label hält es lange mit uns aus, und ich muss gestehen, dass die Firmen auch nicht gerade Schlange stehen, um mit uns zu arbeiten. Daher waren wir nun konsequent und haben es mit der Crowdfunding-Kampagne versucht, wobei wir festhalten dürfen: Unsere Fans kamen mit uns überein, dass eine neue Platte von The Damned eine gute Idee sei.

The Rolling Stones: Neue Single ›Living In A Ghost Town‹

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The Rolling Stones PromoHeute liefern die Rolling Stones überraschend ihre erste neue Single in über acht Jahren ab.

Erst vor wenigen Tagen sorgten die Rolling Stones mit ihrer Wohnzimmerversion von ›You Can’t Always Get What You Want‹ im Zuge des ‚One World Together At Home‘-Streams für Aufsehen, jetzt legen Jagger und Co. mit einer neuen Single nach.

›Living In A Ghost Town‹ ist der erste neue Song nach dem grandiosen ›Doom And Gloom‹ von 2012.

Die Kommentare der Rolling Stones zur Überraschungssingle:
Mick: „Schon vor dem Lockdown waren die Stones im Studio und haben neues Material aufgenommen. Dabei war auch ein Song, der sehr gut zu den aktuellen Geschehnissen passte. Wir haben also während der Isolation weiter daran gearbeitet. Die Nummer heißt ›Living In A Ghost Town‹, wir hoffen, sie gefällt euch.“

Keith: “Lange Rede, kurzer Sinn: Diesen Track haben wir vor einem Jahr in L.A. aufgenommen, als Teil des neuen Albums. Und als die Kacke dann richtig am Dampfen war, beschlossen Mick und ich, dass wir wirklich an diesem Stück arbeiten sollten. Und hier ist es nun. Passt auf euch auf.“

Charlie: „Es hat mir wirklich Spaß gemacht, an dieser Nummer zu arbeiten. Ich denke, es fängt eine Stimmung ein und ich hoffe, die Leute, die sie anhören, stimmen mir da zu.“

Ronnie: „Vielen Dank für all eure Nachrichten in den letzten Wochen. Es bedeutet uns sehr viel, dass ihr unsere Musik liebt. Deswegen haben wir einen brandneuen Song für euch. Es hat eine fesselnde Melodie und nennt sich ›Living In A Ghost Town‹.“

Das Kultbuch: Jean-Paul Sartre – Der Ekel

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Sartre Der Ekel

Der Roman des Existentialismus „Life isn’t about finding yourself or about finding anything, life is about creating yourself“. Dieser Gedanke, formuliert von Bob Dylan in Martin Scorseses Dokumentation „Rolling Thunder Revue“, verdeutlicht in gewissem Sinne einen Aspekt, um den es in Sartres Roman „Der Ekel“ und überhaupt im ganzen Existentialismus geht: Die Existenz ist nicht zu legitimieren und sie ist nicht ableitbar. In ihr liegt nichts, das man finden könnte, um sie und damit auch sich selbst zu rechtfertigen. Man muss schon selbst etwas machen, man muss sich selbst erfinden und dem ganzen Dasein dadurch einen Sinn verleihen. Denn: Existenz heißt einfach nur, dass man da ist.

Sartres Protagonist, der Historiker Antoine Roquentin, lebt in der französischen Kleinstadt Bouville, um dort an einem historischen Buch zu arbeiten. Währenddessen ergreift immer wieder ein großer Ekel Besitz von ihm. In Tagebucheinträgen versucht er, dem auf den Grund zu gehen. Schließlich findet er dessen Ursprung im Wissen um die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz und der ganzen Welt. Er bricht seine Arbeit ab, denn durch das Schreiben über die Existenz anderer – er arbeitet an ein historisches Buch – kann er seinem eigenen Dasein keinen Grund geben. Aller Illusion beraubt, beginnt Roquentin als lebender Toter, völlig antriebslos wie sediert zu leben. Gegen Ende von Sartres Roman trifft er auf seine ehemalige Geliebte Anny. Während eines Gesprächs fällt ihm auf, dass sie einen ähnlichen Weg gegangen ist wie er, auch sie lebt vollkommen illusionslos. Im Wesen ist ihr beider Denken das gleiche, und doch finden sie nicht zueinander, sondern bleiben einsam, ja müssen sogar einsam bleiben. In anderen seiner Werke definiert Sartre alle menschliche Interaktion als Urteilen, zu dessen Begriff ja auch das Vergleichen gehört. So kann Roquentin sein Denken mit dem seiner ehemaligen Geliebten vergleichen, aber trotzdem kann er sie beide nicht zusammenführen. Es scheitert am Inneren. Das Denken ist, wie jede menschliche Kommunikation, etwas Äußeres, es lässt sich vergleichen und beurteilen. Beim Inneren ist das anders: Das Gefühl (oder das, was man so nennt), das beide aufgrund ihrer Illusionslosigkeit haben, kann nicht nach außen, denn dann würde es zum Äußeren, zum begrifflich Fassbaren, zum Existenten werden.

Anny kann ihn nicht verstehen, weil sie sein Gefühl nicht kennt. Sie kann das abstrakte Wesen, das in seinem Denken liegt, nicht kennen. Und genauso geht es Roquentin. Als Gegenspieler zur Existenz entwirft Sartre das Sein. An ihm ist nichts überflüssig, es ist unendlich und nicht lokalisierbar. In Shelton Brooks’ Lied ›Some Of These Days‹, interpretiert von der Jazzsängerin Sophie Tucker, findet Roquentin hinter der Musik, hinter dem Gesang dieses ewig währende Sein. Als abstraktes Wesen, das im Existenten (hier: im Lied) schlummert, kann es ihn vor dem Ekel retten. Er findet einen kleinen Hoffnungsschimmer: Das Leben legitimieren, indem man etwas erschafft, das ein solches Sein transportieren kann. Durch eine eigene Tat. (Vincent Numberger)

Buch-Neuerscheinungen: Wave in München, die wilden 70er und mehr…

Stefan WimmerGerade jetzt, wo so viele der gängigen Alltagsbeschäftigungen wegfallen und auch der Fernseher irgendwann nervt, kann man sich in wilde, bunte oder informative Leseabenteuer stürzen. CLASSIC ROCK hat die interessantesten Neuerscheinungen für euch unter die Lupe genommen…

Unterhaltsame Geschichte einer Wave-Jugend in der alten BRD

Auf Netflix wimmelt es von Serien, in denen vom Lieben und Scheitern junger Menschen erzählt wird. Die Formate heißen „I’m Not Okay With This“ oder „Sex Education“, gemeinsam haben sie, dass die Jugend lustvoll durchs Leben taumelt und traurige Musik hört. The Cure, The Smiths, The Human League: Das ist der Soundtrack dieser Serien, unabhängig davon, in welcher Zeit sie spielen. Stefan Wimmer verortet seinen Roman „Die 12 Leidensstationen nach Pasing“ ins Herz dieser Wave-Jahre. „Wir schreiben das Jahr 1985“, heißt es bereits im ersten Absatz, „Ronald Reagan versuchte Nicaragua platt zu machen, Kohl war der gewählte Kanzler Deutschlands“. Der Autor und Ich-Erzähler ist der Chronist der sogenannten Kajal-Clique aus Pasing, einem Stadtteil ganz im Westen von München. Sein Look: „täglich verwilderte, wasserstoffgefärbte Zottelhaare, Kajalschminke, Roboterstiefel und eine finstere schwarze Kutte, deren Ausschnitt durch die Sonne in meinem bleichen Hungerkörper förmlich eingebrannt war“. Die Clique (so nannten sich Jugendgruppen, wenn man für Banden schon zu alt war) zieht saufend durch die Vorstadt, immer auf der Suche nach einem Mysterium namens „Party“, denn dort gibt es noch mehr Alk, noch mehr gute Musik, vor allem aber: Mädchen! Sex! Doch die Vier werden nicht fündig, müssen sich stattdessen mit gewalttätigen Psychopathen herumschlagen. Sehr unterhaltsam schildert Stefan Wimmer das Milieu der BRD. Der schönste Verweis auf die eigene Jugend: Sein Love-Interest nennt der Chronist Baby Love, weil ihn das Mädchen an die Sängerin der 80s-Breakdance-Truppe Rock Steady Crew erinnere. Und schon hat man deren Hit im Ohr: „Hey you, the Rock Steady Crew …“ (André Boße)
7 von 10 Punkten

12 Leidensstationen nach Pasing

Die 12 Leidensstationen nach Pasing
VON STEFAN WIMMER
HEYNE HARDCORE

In der kommenden Ausgabe von CLASSIC ROCK wird Stefan Wimmer in der Rubrik ‚Plattensammler‘ seine fünf Lieblingsalben vorstellen. Das Heft erscheint am 06. Mai.

Greta Van Fleet im Interview: Almost Famous?

Greta Van fleet @travis shinnAls heller Stern am Rockhimmel werden sie gefeiert, als Zukunft unserer bereits seit den 70er-Jahren totgeglaubten Lieblingsmusik betitelt…

Zum ersten Mal in der Zeit bei CLASSIC ROCK fühlt man sich alt. Das mag einerseits natürlich mit der magischen und im Rock’n’Roll bekanntlich so einschüchternden 27 zusammenhängen, vor allem aber liegt es an den zwei jungen Burschen, die gerade ins Hotelzimmer und zu mir an die runde Interviewtafel geführt werden. Los Angeles, 12:00 Uhr mittags. Es ist sonnig in Kalifornien. Die Felsen und Schluchten be­­ginnen zu zittern und zu beben, als die Kinder der Sonne erwachen. Hübsch sehen sie aus, die beiden, mit ihrer babyglatten Haut, dem langen, seidigen Haar und einem Glanz in den Augen, der von Aufbruchstimmung zeugt, jedoch auch bereits ein äußerst einnehmendes Selbstbewusstsein ausstrahlt. 19 und 22 Jahre sind sie erst alt, Danny und Jake, ihrer Zeichen Schlagzeuger und Gitarrist der aufsteigenden Sterne am Rockhimmel: Greta Van Fleet.

Eine Gruppe mit seltsamem Namen (den haben sie übrigens von ihrer Nachbarin im beschaulichen Örtchen Frankenmuth ge­­klaut), die für mehr Aufsehen sorgt als sonst irgendwer in der letzten Zeit: „Die sind so verdammt jung“, hört man die Leute sagen. „Sie klingen genau wie Led Zeppelin“, kommt dann meistens an zweiter Stelle. Selbiges behauptet übrigens auch Maestro Plant höchstpersönlich. Das Verrückteste an der Geschichte? Jeder, verdammt nochmal jeder, kennt Greta Van Fleet und das, obwohl das Quartett um die Brüder Josh, Jake und Sam noch nicht einmal ihren ersten Longplayer, sondern „lediglich“ zwei EPs herausgebracht hat, die binnen kürzester Zeit einen Tsunami an Aufmerksamkeit losgetreten haben.

Im Oktober ist es nun endlich soweit und das lang ersehnte und lang geheimgehaltene ANTHEM OF A PEACEFUL ARMY erscheint. Schwer zu sagen, wann zuletzt so ein Rambazamba um ein Debütalbum veranstaltet wurde, aber eines ist sicher: Die Platte ist gelungen, das betonen auch ihre Erschaffer souverän. Wie es sich anfühlt, in so jungen Jahren derartig kometenhaft durchzustarten, was Elton John mit ihren neuerdings freizügigen Outfits zu tun hat und wie man das Korsett der eigenen Möglichkeiten und die Fratze des Ruhms bestmöglich bändigt (Achtung, das war ein Zitat-Test), erklären Danny Wagner (D) und Jake Kiszka (J) eloquent und mit einer ordentlichen Portion Professionalität im Interview.

Das erste Mal habe ich letztes Jahr im Oktober über euch geschrieben. Was einem na­­türlich sofort ins Auge springt, ist eure Heimatstadt Frankenmuth. Ich komme aus Bayern und Frankenmuth wird ja „Little Bavaria“ genannt. Kann es an einem Ort, der aussieht wie „Whoville“ aus „Der Grinch“, eine Rockszene geben?
J: Nicht wirklich. Ab und zu fanden ein paar Konzerte im Park statt, das war’s dann aber auch.
D: Musik ist willkommen, wird aber nicht unbedingt gefördert. Wobei die Stadt an sich jedoch Raum für diverse Arten von Kreativität und Kunst bietet. Es herrscht ein starker Zusammenhalt in Frankenmuth und es gibt viele Festivitäten. Wie ist das in Deutschland?

Na ja, also festivaltechnisch ist schon einiges geboten…
J: Wir waren ja schon in Deutschland und ich muss sagen: Frankenmuth macht eher einen mittelmäßigen Job, was die Imitation betrifft. (lacht)

Ein bisschen stereotypisiert, würde ich meinen. Wie konnten sich Greta Van Fleet in dieser Umgebung entwickeln?
J: Na ja, wir wuchsen etwa zehn Minuten außerhalb auf, Danny wohnte nur ein paar Meilen weiter. Ich denke, es trug maßgeblich zu unserem Sound bei, dass wir eben gerade keine Szene hatten, an der wir uns festhalten konnten. Nichts drängte uns in eine bestimmte Richtung, wir erschufen uns sozusagen aus dem Nichts.
D: Wir hatten damals einfach unfassbar viele Freiräume…

Und wart überhaupt nicht szenegebunden…
D: Genau, wir waren aneinander gebunden, aber irgendwie auch wieder nicht, weil wir es waren. Macht das jetzt Sinn? (lacht) Ich meine: Es gab keine festen Regeln, deswegen hingen wir zusammen ab und… irgendwie gab es da auf einmal etwas, auf das wir uns die ganze Woche freuen konnten. Sogar nach ein paar schrecklichen Tagen konntest du am Ende immer noch Musik zusammen machen. Das war unser Lichtblick…

Klingt stark nach Eskapismus. Hattet ihr das Gefühl, die Stadt war zu klein für euch?
J: Ja, total. Junge Leute heute erfahren ein sehr schematisches Aufwachsen. Du bist genau so viel in der Schule, wie du zuhause mit deiner Familie Zeit hast. Verrückt, oder? Und es geht immer um eine gewisse Art von Funktionieren. Eins nach dem anderen. Und Teil einer so kleinen Gemeinschaft zu sein, bringt auch mit sich, dass du in alles involviert bist, was es da eben gibt. Also in den Chor, eine Band und Sport. Alles ist irgendwie getaktet. Und ich denke, wir wollten einfach hinter diese Grenzen schauen und Musik war da eben das passende Ventil, auf das wir uns – wie Danny sagte – immerzu freuen konnten. Nach der Schule trafen wir uns in der Garage, um zu jammen…

Ländlichere Gegenden nähren meiner Erfahrung nach oft die Kreativität der jungen Leute. Hattet ihr ein musikalisches Erweckungserlebnis? Der Klassiker vieler älterer Musiker ist ja: Man hörte die Beatles im Radio und wusste, dass man in einer Band sein wollte…
D: Wir leben in anderen Zeiten heute, da ist so etwas eher schwierig. Die Musiklandschaft ist so anders. Aber für mich waren meine ersten Jams mit den Jungs sozusagen das erste Mal, dass ich mit anderen zusammengespielt habe. Und das ist wohl einem Erweckungserlebnis sehr ähnlich. Dein Puls vibriert, der Sound ist einfach so viel fetter mit einer Einheit an Künstlern…
Wann hast du dich dazu entschlossen, Schlagzeuger zu werden?
D: Als ich musste. (lacht)

Ihr brauchtet einen Drummer und darauf hin hast du angefangen?
D: Genau! Ich hatte ein Kit, spielte oft im Keller, ich war also kein kompletter Neuling. Aber ab diesem Zeitpunkt habe ich mich den Drums verschrieben. Ein weiteres Erweckungserlebnis. Ir­­gendwas in meinem Hirn machte „Klick“ und ich blieb einfach sofort dran, ich habe mich in das Instrument verliebt. Auf einmal bekam ich es einfach nicht mehr aus dem Kopf.
J: Ich denke, so geht es vielen Bands. Der Aha-Moment liegt darin, wenn du zusammen spielst und plötzlich diese kraftvolle Einheit entsteht. Das ist etwas, das die Künstlerseele immer weiter antreibt und dich dazu bringt, dich zu entwickeln, mehr zu erreichen und immer wieder an diesen Punkt kommen zu wollen. Es gibt nichts in der Welt, das dieses Gefühl schlagen kann.

Haben euch eure Eltern musikalisch beeinflusst?
D: Ich denke schon. Sie haben uns sanft herangeführt und als sie merkten, wie interessiert wir waren, hatten sie wirklich Spaß daran. Denn ab da konnten sie einen wichtigen Teil ihrer selbst an ihre Kinder weitergeben. Wir liebten es und sie liebten es.

Wer würde es nicht lieben, wenn sich die eigenen Kinder für coole Dinge interessieren!
D: Eben! (lacht)
J: Wir hatten eine große Vinylsammlung zuhause. Auch schon bevor wir ernsthaft mu­­sikalisch interessiert waren, benutzten wir die Platten als Spielzeug, nahmen sie aus der Hülle, legten sie auf und ließen sie drehen. Es war schon unser Spielplatz, bevor wir überhaupt kapierten, welche Schätze da versteckt liegen.

Nic Cester: Fan-Kollaboration bei ›Eyes On The Horizon‹

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Nic Cester FanvideoNic Cester hatte da eine schöne Idee, um die Leute ein wenig aus ihrem Isolationstrott zu holen.

Vor kurzem rief Nic Cester, ehemaliger Frontmann von Jet, seine Fans dazu auf, mit ihm gemeinsam seinen Song ›Eyes On The Horizon‹ seines Debütalbums SUGAR RUSH zu spielen.

Leute aus aller Welt schickten Videos ein und Nic sang dazu. Das fertig zusammengeschnittene Ergebnis gibt es nun hier zu sehen: