The Damned: „Wir leben noch, was für eine Überraschung!“

Fotocredit @Tony Wooliscroft
Nach allerhand Live-Alben und Jubiläumstouren zu verschiedenen Anlässen lassen The Damned nach zehn Jahren mit einem neuen Studioalbum von sich hören: EVIL SPIRITS, produziert von Tony Visconti, zeigt die britischen Urpunks im Glam- und Psych-Fieber. Zeit für ein Gespräch mit Gitarrist Captain Sensible über zeitlosen Sound, böse Geister und vegane Lederhosen.

 

Captain Sensible, ihr habt das Album mit Tony Visconti aufgenommen. Warum sind The Damned und er ein gutes Team?
Ich finde, der Sound der 70er-Jahre steht für Klarheit, Wärme und Ehrlichkeit. Die Studios damals verfügten über die ersten 24-Spur-Bandmaschinen, Marshall hatte seine Verstärker perfektioniert. Das Resultat waren toll klingende Platten. Wenn ein junger Mensch heute ohne auf das Cover zu schauen zuerst ›Cum On Feel The Noize‹ von Slade und danach ›God Save The Queen‹ von den Sex Pistols hört, würde er wohl sagen: klingt beides ähnlich super. Was zeigt, dass die Qualität des Klangs der 70er-Jahre längst die Genregrenzen sprengt. Mit EVIL SPIRITS wollten wir diesen Sound zu­­rück. Wir wollten das Aufschichten von Spuren vermeiden, das heute mit Hilfe von Software möglich ist – jedoch auf Kosten der Klarheit geht. Dafür brauchten wir einen Produzenten, der versteht, worauf es uns ankommt – weil er im besten Fall selbst ein paar der Klassiker von damals produziert hat. Und da war Tony Visconti natürlich die erste Wahl.

Es gibt die Mär, der Punk verfolgte das Ziel, Glamrock von der Bühne zu fegen. Was hältst du von der Theorie?
Für mich hat die nie gegolten. Ich war großer T.-Rex-Fan, trug Shirts der Band auf der Bühne. 1977 sah Marc Bolan dann ein Foto von mir in dem Shirt, das hat uns einen Platz im Vorprogramm der Tournee durch Großbritannien gebracht – leider die letzte Tour von Bolan, bevor er beim Autounfall verstarb. Für mich als Fan war es eine großartige Sache, am Bühnenrand zu stehen und zu sehen, wie Bolan die Stücke immer schneller und wilder spielte als auf den Platten.

Visconti hat auch T. Rex produziert.
Ja, hier schließt sich der Kreis. Und die Rechnung ist aufgegangen, wir mussten ihm die neuen Songs gar nicht vorspielen, damit er versteht, was wir vorhaben. Es reichte zu sagen: Wir möchten bei ›Devil In Disguise‹ eine Phasenverschiebung wie im Mittelteil von ›Itchycoo Park‹ oder bei ›Look Left‹ Harmonien wie bei den Walker Brothers – und er wusste sofort genau, was wir damit meinen.

Neben Glam gibt es auf der Platte auch viel 60s-Psychedelic zu hören.
Auch die Garage- und Psychrockplatten der 60er-Jahre klingen für mich bis heute enorm frisch. The Seeds, The Doors, The Electric Prunes, The Byrds – nichts von diesen Acts klingt schal. Für The Damned sind diese Einflüsse aber nicht neu, ich erinnere mich noch gut daran, als Anfang der 80er-Jahre in London ein Neo-Garage-Boom startete, alle hörten die Nuggets-Kompilation von Lenny Kaye und wollten eine Garage-Band gründen, unser Album STRAWBERRIES ist davon stark be­­einflusst. In gewisser Weise bearbeiten EVIL SPIRITS und STRAWBERRIES das gleiche Feld.

Was sind denn die EVIL SPIRITS, die bösen Geister, von denen das Album handelt?
Wenn es eine Uhr gäbe, die die verbliebene Zeit bis zum Jüngsten Gericht anzeigen würde, wie spät wäre es dann? Ich denke, uns bleiben noch zwei Minuten bis zum großen Glockenschlag. Aber wo sind die Proteste? Warum gibt es keinen Massenaufstand gegen die Wiederaufrüstung mit Atomwaffen? Was hält die Jugend davon ab, auf die Straße zu gehen? Diese Apathie spielt den Kriegstreibern in die Karten, und ich glaube, dass die Situation heute deshalb so gefährlich ist.

Wer ist der böseste aller bösen Geister?
Tony Blair. Er hat mein Vertrauen in die Demokratie erschüttert. Statt seine Versprechen einzulösen und die Eisenbahn oder an­­dere Betriebe wieder zu verstaatlichen, um sie den Investoren aus der Hand zu nehmen, hat er Großbritannien in den Krieg im Irak ge­­schickt.

Das erste Stück ›Standing On The Edge Of Tomorrow‹ klingt aber optimistisch.
Das Stück ist schnell, es hebt ab, das ist richtig. Die Frage, die wir stellen, lautet jedoch: Werden wir Menschen rechtzeitig die Technik entwickelt haben, um das Weltall zu kolonialisieren, bevor wir unseren Planeten zugrunde gerichtet haben? Na ja, und dann stellt sich eine weitere Frage, nämlich was die Außerirdischen wohl davon halten, dass wir Weltenzerstörer uns nun auf die Reise machen, um das Universum zu bevölkern. Warum sollte man Leute wie uns in seiner Nachbarschaft einziehen lassen? Wir haben vor der Aufnahme eine Menge Soundtracks gehört, die Musik von Ennio Morricone oder John Barry. Ein bisschen von dem Drama dieser Musik haben wir uns für das Stück geliehen, vor allem für das Posaunenfinale. Und: Unser Sänger Dave Vanian spielt eine Kesselpauke. Wer hätte das 1977 für möglich gehalten? (lacht)

Das Album schließt dann eher misanthropisch mit ›I Don’t Care‹…
Genau, das ist dann das Gegenstück, von Aufbruch keine Spur mehr, stattdessen: einfach weitermachen. Ein sehr menschliches Ende.

Ihr habt die Platte auch mithilfe einer Pledge-Kampagne vorfinanziert. Wie ge­­fällt dir dieses Crowdfunding-Modell?
Es hat für uns gut funktioniert, aber zu einhundert Prozent stehe ich nicht dahinter. Wenn der Moment gekommen ist, dass du überhaupt keine Begeisterung bei einer Plattenfirma mehr auslösen kannst, dann solltest du besser aufhören, weiterhin Platten aufzunehmen. Andererseits, es gibt nicht viele Labels, die The Damned verstehen. Uns haben Plattenverkäufe nie interessiert, wir verhalten uns nicht wie eine Popband, wir verstehen uns eher als Teil eines großen musikalischen Experiments. Keiner unserer Schritte ist vorhersehbar – und das treibt die Leute von den Plattenfirmen in den Wahnsinn. Kaum ein Label hält es lange mit uns aus, und ich muss gestehen, dass die Firmen auch nicht gerade Schlange stehen, um mit uns zu arbeiten. Daher waren wir nun konsequent und haben es mit der Crowdfunding-Kampagne versucht, wobei wir festhalten dürfen: Unsere Fans kamen mit uns überein, dass eine neue Platte von The Damned eine gute Idee sei.

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