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Voivod – LOST MACHINE – LIVE

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Von Corona-Trübsal keine Spur

Wenigstens einen positiven Aspekt hat die Pandemie für die von ihr stark betroffene Musikszene: Viele Künstler haben in der Quarantäne die Zeit gefunden, längst angedachte, doch nie in Angriff genommene Projekte zu realisieren. So auch die Psychedelic-Post-Thrash-Progger von Voivod. Ursprünglich als Livealbum mit Material von zwei verschiedenen Shows konzipiert, entschieden sich die Kanadier kurzerhand, die beiden 2019er Konzerte beim Montreal Jazz Fest und dem Quebec City Summer Fest separat zu veröffentlichen. Nach der in Montreal mitgeschnittenen 3-Track-EP THE END OF DORMANCY vom Juli folgt nun mit LOST MACHINE – LIVE das Quebec-Konzert. Ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie gut die Mitglieder des aktuellen Lineups inzwischen aufeinander eingespielt sind und zu welchen Höchstleistungen die Bandchemie diese antreibt. Oldschool-Klassiker wie ›Psychic Vacuum‹ und ›Into My Hypercube‹ bersten ebenso vor ungezügelter Spielfreude wie Prog-Metal-Material jüngeren Datums wie ›Obsolete Beings‹, ›Post Society‹ und ›Iconspiracy‹. Auch das Pink-Floyd-Cover ›Astronomy Domine‹, seit 1989 Bestandteil der Voivod-Setlist, wirkt revitalisiert und von einer frischen Beseeltheit durchdrungen. Daumen hoch für LOST MACHINE – LIVE!

7 von 10 Punkten

Voivod, LOST MACHINE – LIVE, CENTURY MEDIA/SONY

Roadwolf – UNCHAIN THE WOLF

Klassisch im klassischen Sinne

Wenn man das Debüt von Roadwolf mit nur einem Wort umschreiben dürfte, dann würde man sich wohl auf „klassisch“ festlegen. Denn das, was die Österreicher hier auf ihrem Erstling abfeiern, ist nichts weniger als oldschool Heavy Metal in Reinform. Ein Heavy Metal, der stets das benachbarte Genre des Hardrock streift, auf kraftvolle Riffs, galoppierende Beats und ordentlich Gesangspower setzt, die in jeglichen Tonlagen gleichermaßen Gas geben kann. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass man sofort die Einflüsse herauszuhören meint, die Roadwolf wohl geprägt haben mögen. Judas Priest sind deutlichst spürbar, ebenso ein paar Ozzy-Verwehungen, beispielsweise beim Anfang von ›Unchain The Wolf‹, Iron Maiden sowie „the Godfather“ Ronnie James Dio.

Nun könnte man vermuten, dass all diese deutlich herauslesbaren Einwirkungen beim Durchhören den Eindruck hinterlassen, es handle sich hier im einen lieblosen Abklatsch. Das ist auf UNCHAIN THE WOLF jedoch überhaupt nicht der Fall, denn auch wenn keiner der Songs bahnbrechend neu klingt, so spürt man doch die kundige Herangehensweise sowie die unbändige Leidenschaft des Quartetts in jeder gespielten und gesungenen Note.

7 von 10 Punkten

Roadwolf, UNCHAIN THE WOLF, METALIZE/SOULFOOD

Billy Joe Armstrong – NO FUN MONDAYS

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Coverversionen statt Frust schieben

Das 13. Green-Day-Album FATHER OF ALL MOTHERFUCKERS war im Februar 2020 gerade erst erschienen, da verhinderte die globale Pandemie die in dessen Windschatten geplante Tour der Punkrock-Titanen. Damit gar nicht erst Frust oder gar Langeweile aufkam, begann deren Frontmann umgehend damit, zu Hause Coverversionen einzuspielen und diese online zu stellen. Nun präsentiert Armstrong alle 14 Tracks in Form seines ersten Solowerks. Die locker-spontane, dabei warm und sonnig anmutende Atmosphäre der Aufnahmen ist dessen größter Trumpf – neben der spannenden Songauswahl natürlich. Mit Billy Braggs ›A New England‹ oder Kim Wildes ›Kids In America‹ hätte man vielleicht noch rechnen können. Aber John Lennons stürmisches ›Gimme Some Truth‹, das herrlich schlingernde ›Manic Monday‹ von The Bangles oder die Soundtrack-Nummer ›That Thing You Do!‹ aus „That Thing You Do!“ überraschen aber doch angenehm. Vom auf Italienisch gesungenen ›Amico‹ aus dem Repertoire des Toskaners Don Backy ganz zu schweigen. Klar, das Ganze klingt oft ziemlich nach Green Day. Aber ist das schlimm? Nein, ist es nicht.

7 von 10 Punkten

Billy Joe Armstrong, NO FUN MONDAYS, REPRISE/WARNER

Cats In Space – ATLANTIS

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Klassische Rockmusik in der Tradition der unvergessenen Hymnenrocker Boston

Gitarrist Greg Hart muss ein Boston-Fan sein. Nein, nicht von der amerikanischen Ostküstenmetropole, sondern von der gleichnamigen US-Band, die mit ihrem Ideengeber Tom Scholz in den späten 70ern sowohl mehrere veritable Hits hatte (›More Than A Feeling‹, ›Amanda‹, u. a.) als auch die Gitarrenindustrie nachhaltig veränderte. Hart und seine Band Cats In Space bedienen ganz ähnliche Parameter, setzen auf starkes Riffing und Gesangsmelodien, die vom ersten Strophenton bis zur letzten Refrain-Note den Hymnencharakter zum obersten Gebot erklären. Daher klingt das vierte CIS-Album ATLANTIS zwar geschichtlich gesehen ein wenig rückwärtsgewandt, kann aber aufgrund toller Songs und einiger Scholzmäßiger Gitarrensoli rundum begeistern.

Auch hier steht mit Damien Edwards natürlich der Sänger im Mittelpunkt, der Boston-Legende Brad Delp erstaunlich ähnlich klingt und wahres Gold in seiner Kehle hat. Ergo: Klasse Werk mit süchtig machendem Nostalgie-Charakter.

8 von 10 Punkten

Cats In Space, ATLANTIS, CARGO/SOULFOOD

Mark Kelly’s Marathon – MARATHON

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Marillion-Keyboarder mit neuem Projekt auf bewährten Pfaden

Wie auch bei seiner Hauptband Marillion besteht die künstlerische Welt von Keyboarder Mark Kelly aus einem Zusammenwirken progressiver Rockmusik und feiner Popkultur, mit Licks und Rhythmen, Grooves und Riffs, die sich fürs Radio eignen. Mit seinem neuen Projekt Marathon hat Kelly nun ein Vehikel geschaffen, das ihn vom klagenden Timbre seines Marillion-Frontmannes Steve Hogarth befreit und daher offener und weniger Grambelastet klingt.

In Oliver M. Smith hat er zudem einen Sänger gefunden, dessen Stimme ein wenig an den jungen Peter Gabriel erinnert und daher geradezu fantastische Hoffnungen nährt. Denn Smith gelingt das, was nur wirklich großen Sängern vorbehalten bleibt: Er dominiert mit seiner Stimme jedes Stück, so unscheinbar es auch sein mag. Übrigens: Als Gastmusiker ist auf MARATHON unter anderem Kellys Bandkollege Steve Rothery (Gitarre) zu hören. Man könnte sich also sogar eine Wiederholung großer Marillion-Tage à la MISPLACED CHILDHOOD (1985) oder CLUTCHING AT STRAWS (1987) vorstellen.

8 von 10 Punkten

Mark Kelly’s Marathon, MARATHON, EAR/EDEL

The New Madness – AFTER HOURS

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Musik für die Zeit nach der Krise

Theoretischer Überbau? Intellektueller Habitus? Kunstbeflissenheit? No way! Träte man mit diesen Worten an The New Madness heran, würden sie wohl antworten: „Hol dir was zu trinken, Professor!“ Das Debütalbum der Band um den dänischen Multiinstrumentalisten Bjarke Sørensen macht sich nichts aus grauer Theorie, hier sind Pragmatiker am Werk. Die Musik eignet sich ideal dazu, den Kopf frei zu kriegen. Am besten mit Freunden in der Lieblingsrockkneipe. Rock ohne Schnörkel, der auf wunderbare Weise an die inspirierten Momente der Hives oder Black Keys erinnert. Hier ist er, der Soundtrack für eine wilde Nacht in ferner Zukunft.

Mit viel Zug zum Refrain, pointierten Riffs , dreckigen Soli und kurzen Verschnaufpausen (›Go My Own Way‹) erobert die Gruppe ihre Hörerschaft allein durch puren Enthusiasmus. Klar, die Referenzen sind recht eng geschnürt, aber das Songwriting hat auf jeden Fall die Power, die es braucht, um oben mitzuspielen. Eine der Rock-Platten des Jahres!

8 von 10 Punkten

The New Madness, AFTER HOURS, CRUNCHY FROG/MEMBRAN

Lou Reed – LIVE AT ALICE TULLY HALL/MAGIC AND LOSS

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Von 1973 bis 1992: rarer Livemitschnitt und 16. Studiowerk jeweils in Doppel-Vinyl-Neuauflage

Als Lou Reed im Januar 1972 im Pariser Club Bataclan eine kurze Reunion mit Nico und John Cale von The Velvet Underground anging, wirkte er aufgedunsen, geradezu spießig normal und ziemlich passiv. Wenige Monate später, als das von David Bowie und Mick Ronson in den Londoner Trident Studios produzierte zweite Studioalbum – das Durchbruchswerk TRANSFORMER – im Kasten war, präsentierte sich der Singer/Songwriter aus Long Island plötzlich schlank und modisch dem Glam-Rock-Zeitgeist angepasst: Mit kontrastreichem Make-up, schwarzem Nagellack, Samtklamotten und Plateauschuhen von Londons In-Boutique Granny Takes A Trip präsentierte sich Mr. Reed fortan als The Phantom Of Rock. Reeds Begleitband The Tots aus New York stand ihrem Bandchef in Sachen Effemination in nichts nach. Mit Bassist Bobby Resigno, Schlagzeuger Scottie Clark sowie den Gitarristen Eddie Reynolds und Vinny Laporta ging es monatelang auf Tour. Bei der zweiten Show am 27. Januar 1973 in der Alice Tully Hall im New Yorker Lincoln Center entstand ein kompletter Mitschnitt in ausgezeichneter Klangqualität. Entgegen der Hard’n’Heavy-Formation mit der Gitarren-Armada Steve Hunter und Dick Wagner, die Reed nur wenige Monate später begleiten sollte, ähnelte die Mixtur aus VU-Originalen sowie Songs der Soloalben LOU REED und TRANSFORMER mehr der folkrockigen Stilistisk von The Velvet Underground bei den Gigs im Max’s Kansas City 1970. Ein famoser Artefakt im Doppel-LP-Format, exklusiv in Burgundy Vinyl. 20 Jahre später legte Reed sein 16. Studioalbum MAGIC AND LOSS vor. Mit Mike Rathke (Gitarre), Rob Wasserman (Bass), Michael Blair (Schlagzeug) und einem Harmoniechor aus Roger Moutenot und Little Jimmy Scott versammelte sich eine nahezu identische Begleitmannschaft im Studio wie beim stilistisch verwandten wie ziemlich erfolgreichen Vorgängerwerk NEW YORK. 14 spärlich instrumentierte Songs um die düsteren Themenkomplexe Magie, Verlust und Tod, darunter ›No Chance (Regret)‹, ›The Magician (Internally)‹, ›Power And Glory (The Situation)‹, ›Cremation (Ashes To Ashes)‹ und ›Goodbye Mass (In A Chapel Bodily Termination)‹, mehr oder minder live eingespielt. Ein ausgezeichnetes Spätwerk, das sich in der vorliegenden Vinyl-Inkarnation über drei LP-Seiten ausbreitet.

8 von 10 Punkten

Lou Reed, LIVE AT ALICE TULLY HALL – JANUARY 27, 1973 – 2ND SHOW, SONY/LEGACY RECORDINGS

8 von 10 Punkten

Lou Reed, MAGIC AND LOSS, RHINO/WARNER

Meilensteine: Jimi Hendrix und eine brennende Gitarre

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hendrix

31. März 1967: Jimi Hendrix zündet im Londoner Astoria erstmals seine Gitarre an.

Binnen Wochen nach Jimi Hendrix‘ Ankunft in London am 24. September 1966 er­­füllte Manager und Produzent Chas Chandler jenes Versprechen, das er ihm in New York gegeben hatte: „Ich mache einen Star aus dir.“ Noch am gleichen Abend stand der 24 Jahre alte Gitarrenvirtuose aus Seattle auf der Bühne des In-Spots Scotch Of St. James. Wenige Wo­­chen später führte Hendrix das mit Bassist Noel Redding und Schlagzeuger Mitch Mitchell besetzte Trio Experience an.

Nach Auftritten mit Cream, einer Frankreich-Tour als Support für Johnny Hallyday und einem von Londons Rock-Elite bestaunten Gig im Nachtclub Bag O‘Nails offerierten die Who-Manager Kit Lambert und Chris Stamp einen Deal mit ihrem Label Track Records. Populäre TV-Shows wie „Ready Steady Go!“ und „Top Of The Pops“ folgten: Anfang 1967 platzierte sich das Singledebüt ›Hey Joe‹ auf Rang 6 der UK-Charts. Die Nachfolgescheibe ›Purple Haze‹ landete im März gar auf Platz 3. Im gleichen Monat übernahm das Triumvirat auf UK-Package-Tour mit The Walker Brothers, Engelbert Humperdinck und Cat Stevens den Anheizerjob – und das buchstäblich. Als die Truppe am 31. März im Astoria in Londons Finsbury Park auftrat, fragte Chas Chandler den Journalisten Keith Altham, was man tun könne, um einen unvergesslichen Konzertabend zu bescheren. Altham schlug vor, Hendrix solle inmitten des finalen Songs ›Fire‹ seine 1965er Fender Stratocaster Sunburst in Brand stecken. Gesagt, getan.

Hendrix legte sein Instrument vor den Verstärker, stürmte zum Bühnenrand, um das Publikum abzulenken, während Chandler Feuerzeugbenzin über die Klampfe goß. Nach einigen vergeblichen Versuchen mit Streichhölzern entzündete Hendrix die Strat lichterloh – zog sich dabei allerdings leichte Brandwunden zu. Pressemanager Tony Garland griff sich die angekokelte Stratocaster, verstaute sie in der Garage seiner Eltern in Hove, East Sussex, wo sie Dekaden lag. Bei einer Auktion 2008 ging das gute Stück für stramme £280,000 an einen US-Sammler.