Die norwegische Szene ist zwar bekannt dafür, sehr umtriebig zu sein, doch sind die meisten Bands entweder auf Retro-Rock’n’Roll oder die härteren Metal-Gangarten fokussiert. Glam Rock gehört in Oslo eher zur seltenen Ware und so stechen NiteRain um so mehr heraus. Die vier jungen Musiker haben sich nämlich ganz dem Glam Metal und Sleaze Rock verschrieben. Diesen garnieren sie auf ihrem Debüt CROSSFIRE geschickt mit Rock’n’Roll-Licks, im Blues verwurzelten Riffs und vereinzelten „dubsteppenden“ Effekten und erinnern nicht zuletzt dank Sebastian Tvedtnæs’ Vince-Neil-Soundalike-Gesangs an die frühen Mötley Crüe. Mit diesem Sound haben sie sich sogar schon – völlig zu Recht – eine Support-Tour mit den legendären L.A. Guns verdient, leider aber fehlt es Baz, wie der Norweger-Frontmann genannt wird, an stimmlicher Variabilität. So bohren sich die Vocals nach bereits sechs von elf Songs etwas unangenehm in die Nervenstränge der Gehörgänge. CROSSFIRE ist dennoch eine gelungene Glam-Platte, die NiteRain als einen bedeutenden Player in der europäischen Szene etablieren könnte.
The Chills – SOMEWHERE BEAUTIFUL
Von all den fantastischen Neuseeland-Bands, die 1986, dank des TUATARA-Samplers, hierzulande in der Indie-Fan-Gemeinde für Furore sorgten, waren The Chills die mit dem größten Crossover-Potenzial. Songs wie ›Pink Frost‹ oder später ›Heavenly Pop Hit‹ würden in einer besseren Welt die Charts anführen. Ihr letztes Album veröffentlichten The Chills 1996. 2004 gab es noch mal ein Lebenszeichen in Form einer selbst vertriebenen CD. Und jetzt kommt als Vorbote von eventuell neuem Material eine Live-CD. Das Konzert fand Silvester 2011 im Rahmen einer privaten Geburtstagsparty in Central Otago/Neuseeland statt. Sicher, es gibt Bands, die erst live ihr ganzes Potenzial ausspielen und es mit Glück auch schaffen, das auf Platte zu bannen. Aber gerade Acts, die auf der Suche nach dem perfekten Pop-Song sind, sind im Studio eigentlich besser aufgehoben. Das gilt auch für The Chills. Trotzdem ist es natürlich schön, nach all den Jahren wieder von ihnen zu hören. Die Live-Versionen sind rauer als die Studio-Takes, zwischendurch bricht auch mal der Sound weg, was die Widerhörensfreude aber nicht schmälert. Jetzt warten wir auf neue Songs.
Central Park – CONNECT IT!
Historisch wertvoll, qualitativ hochwertig.
Da hat jemand tief in der Grabbelkiste gewühlt. Bis in die Zeiten, als Vokuhila und Rotzbremsen über den Münchener Gosch’n noch Ausdruck stählerner Manneskraft waren. 1983 gründete sich in Bayerns Hauptstadt die Band Central Park, die sich bis zum Split 1989 mit ihrer farbenfrohen Mixtur aus Progressive Rock à la Saga und Yes, AOR und feinen Hardrock-Nuancen im Stil von Deep Purple durch viele Konzerte überregional einen guten Namen erspielten, ohne ein einziges Album zu veröffentlichen. Das Debüt UNEXPECTED erschien erst 2006 nach der Reunion, dem 2011 mit REFLECTED ein toller Nachfolger zur Seite gestellt wurde. Dazwischen absolvierten Central Park Auftritte mit Fish und Pavlov’s Dog sowie auf Festivals. Durch Zufall tauchten in einem Keller 1-Zoll-Analogbänder eines Live-Mitschnitts von 1985 in der Münchner Moll-Halle auf, die von den Central-Park-Gründern Artur Silber und Jochen Scheffter mit akribischem Aufwand restauriert wurden. Hier ist es also, das in klarem, lebendigem Soundgewand eingekleidete Live-Dokument mit zwölf Songs. Central Park besaßen ein Händchen für die Vermengung anspruchsvoller Songstrukturen mit melodischen Elementen, so dass das Material trotz seiner zweifellos vorhandenen Komplexität immer griffig bleibt. Spieltechnisch ist ebenfalls alles im grünen Bereich, weshalb sich die Frage stellt, warum Central Park in den 80ern nicht die Beachtung fanden, die sie eigentlich verdient gehabt hätten. Parallel zu CONNECT IT! bringen Central Park mit LIVE AT THE TEATRON MUNICH eine DVD auf den Markt, die ein Konzert zeigt, das einige Wochen vor der endgültigen Auflösung dieser Kult-Truppe auf die Bretter gebracht wurde.
Iron Mask – FIFTH SON OF WINTERDOOM
Auf ihrem fünften Album FIFTH SON OF WINTERDOOM haben die Belgier noch einmal an der Feinjustierung ihres Stils gearbeitet, den man schlicht Neo-Classical-Metal nennen darf. Die von Gitarrist Dushan Petrossi 2002 gegründete Band hatte über die Jahre hinweg einen deutlichen Sängerverschleiß. Auf BLACK AS DEATH (2011) und dem aktuellen Album konnte sich jedoch Mark Boals als (Haupt-)Sänger etablieren, neben ihm kommt noch Roma Siadletski zum Zuge, der für die „härteren“ Passagen zuständig ist. Petrossis Faszination für Yngwie Malmsteen prägt den Stil der Truppe, die konzeptbedingt wenig Innovatives bietet. Dem Neo-Classical-Metal lässt sich eben kaum noch Neues hinzufügen, dafür haben die Klassiker des Genres die Messlatten zu hoch gelegt. Iron Mask versuchen auch nicht, diese Klassiker zu übertrumpfen, sondern liefern solide Hausmannskost ab. Die zwölf Songs liegen qualitativ nahe beieinander, sind sauber ausgearbeitet und gut produziert. Dennoch wird man das Gefühl nie los, das alles schon einmal gehört zu haben. Kurzum, wer auf Malmsteen, Magic Kingdom (Petrossis zweites Standbein), Rhapsody Of Fire, Michael Romeo und sehr frühe Stratovarius steht, der kann bei Iron Mask nicht viel falsch machen.
Imperial State Electric – REPTILE BRAIN MUSIC
Die Nachfolgeband der großen Hellacopters veröffentlicht ihr drittes – und zwar drittes hervorragendes – Album. Aus diesem Grund sollten Imperial State Electric ab Veröffentlichung von REPTILE BRAIN MUSIC endgültig nicht mehr mit vorherigem Satz vorgestellt werden. Mittlerweile darf hier ohne Bedenken von hundertprozentiger Verlässlichkeit geredet werden. Nicke Andersson, Dolph de Borst, Tobias Egge und Thomas Eriksson haben wieder mal 12 abwechslungsreiche Stücke reinen Rock’n’Rolls gebaut. In Sound und Stil vor vierzig Jahren angesiedelt tänzeln sie ganz natürlich über den bräunlich orangenen Flokati einer 70s-Villa, bewegen sich dabei von Partyrockern (›Emptiness Into The Void‹ oder das von Bassist Dolf de Borst gesungene ›Reptile Brain‹) bis hin zu swingenden Psycho-Balladen (›Dead Things‹) und füllen alles was zwischen diesen beiden Extremen liegt mit Unmengen Soul aus.
Willie Nile – AMERICAN RIDE
Wenn ein Album AMERICAN RIDE heißt und der Künstler auf dem Cover-Artwork auch noch vor einem chromsatten Pickup-Truck älterer Bauart posiert, dann erwartet man fast automatisch typisch amerikanischen Working-Class-Rock, vorgetragen mit mehr oder minder dezenter Macho-Attitüde — doch damit tut man Willie Nile zutiefst Unrecht. Der Mann, der von Kollegen und Insidern traditionell geschätzt, von der breiten Masse aber leider ebenso traditionell ignoriert wird, ist keiner, der mit ausgeblichenem Baumwollhemd und fleckiger „GMC Trucks“-Mütze die Weiten der staubigen Landstraße preist, sondern ein New Yorker Stadtmensch, der mit dem Dutzend Songs von AMERICAN RIDE reflektiert und klug dem oft widersprüchlichen Wesen seines Heimatlandes und dem Geist des Rock’n’Roll nachspürt. Musikalisch zwar konventionell, aber beileibe nicht langweilig, textlich zumeist erfreulich klischeearm, ganz ohne den im Singer-Songwriter-Genre so beliebten Overkill an Metaphern, dafür geradlinig und unmissverständlich. Gutes Album von einem Künstler, der wesentlich mehr Zuspruch verdient hätte.
Jake Bugg – SHANGRI LA
Ein Biest namens Erfolg will gefüttert werden: Der nicht ganz so runde Nachfolger des brillanten Debüts.
Nur selten schraubte sich die Erwartungshaltung an einen Nachwuchsmusiker so hoch wie im Falle von Jake Bugg. Mit Lobeshymnen von Noel Gallagher, selbstbetiteltem Nummer-1-Debüt im heimischen Großbritannien und einer binnen Tagen ausverkauften Deutschlandtournee im Rücken, liegt die Meßlatte für den Nachfolger noch ein ganzes Stückchen höher. Wohl auch deshalb entschied sich das Management von Jake Bugg, den gerade mal 19 Jahre alten Senkrechtstarter aus Nottingham mit Produzentenkoryphäe Rick Rubin bekannt zu machen. Eine seltsame Kombination. Gilt Rubin doch als Studiogenie, das in die Jahre gekommenen Bands und Interpreten einen ordentlichen Karriereschub verpasst. Doch die Produktion des „wichtigen“ zweiten Albums eines noch unverbrauchten Talents steht auf einem ganz anderen Blatt. Um es gleich vorweg zu nehmen: Seinen typischen Stempel hat Rick Rubin Jake Bugg nur insofern aufgedrückt, dass er für ein erstklassig transparentes Klangbild sorgte. Bugg bleibt Bugg, wie der auf Rockabilly-Purismus getrimmte Albenaufmacher ›There’s A Beast And We All Feed It‹ mit unter zwei Minuten Spielzeit unterstreicht. Gleiches gilt auch für die Singles-Auskopplungen ›Slumville Sunrise‹ und ›What Doesn’t Kill You‹. So entspannt wie die akustischen Folkoden ›Me And You‹, ›A Song About Love‹ und ›Pine Trees‹ tönen, verliefen wohl auch die mit Bassist Jason Lader, Rhythmusgitarrist Matt Sweeney und Schlagzeuger Pete Thomas in Rubins Malibu-Studiokomplex Shangri La getätigten Aufnahmen, wie Bugg sich erinnert: „Ich stand gegen Mittag auf, trank einen Kaffee, dann ging ich ins Studio, nahm jeden Tag zwei, drei Songs auf, um dann den Abend und die Nacht zu umarmen.“ Rubin kam noch eine weitere Aufgabe zu: „Als ich im Studio ankam, hatte ich bis auf wenige Ausnahmen nur Songskizzen. Rick hat die Songs aus mir regelrecht herausgekitzelt“, gibt der Jungspund zu Protokoll. Genau da liegt auch der Unterschied zum viel gepriesenen Debüt, dessen Songs Zeit hatten zu reifen.
Buckcherry – THE BEST OF BUCKCHERRY
Langsam wird es ernst: Die Schokoweihnachtsmänner stehen in den Läden, die Blätter fallen von den Bäumen und die Plattenfirmen legen zum Veröffentlichungsendspurt 2013 an. Live-Alben, Boxsets und Greatest-Hits-Zusammenstellungen werden inflationär in die Regale respektive die Onlineshops gestellt. Im Fall von THE BEST OF BUCKCHERRY sind das zwölf musikalische Perlen aus allen Epochen der kalifornischen Sleaze / Hard Rocker. Die Scheibe ist für Einsteiger, die noch keines der sechs Studioalben aus der inzwischen achtzehnjährigen Karriere von Josh Todd & Co. besitzen, eine tolle Sache, da die wichtigsten Songs vertreten sind. Für langjährige Fans der Band gibt es leider nullkommanichts Neues auf THE BEST OF BUCKCHERRY zu entdecken. Des weiteren wirft die Langrille die Frage auf, warum die restlichen acht Singles der Band nicht enthalten sind. Bei einer Spielzeit von 44 Minuten wäre nach Adam Sleaze noch genug Platz gewesen.


