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Various Artists – JOHNNY CASH: FOREVER WORDS

Johnny Cash Forever Words

Das Vermächtnis strahlt hell.

Für seine AMERICAN RECORDINGS hatte sich Johnny Cash in den letzten Jahren seines Lebens noch einmal neu erfunden und sich all den universellen Wahrheiten, die ihn von jeher umtrieben, mit den Songs anderer aus oft ungewohnten Perspektiven genähert. Ganz ähnlich funktioniert nun auch FOREVER WORDS, auf dem Hochkaräter wie Kris Kristofferson, Willie Nelson, Roseanne Cash, Carlene Carter, Jewel, The Jayhawks oder Brad Paisley Gedichte, Geschichten und Briefe aus dem Nachlass des Man In Black vertonen. Her­ausragend sind die dabei entstandenen Songs immer dann, wenn die Künstler jenseits des oft ko­­pierten und nie erreichten 50er-Jahre-Markenzeichensounds des überlebensgroßen Vorbilds Inspira­tion aus der Kraft seiner Worte ziehen und seinen Geist in ihre eigene musikalische Welt mitnehmen. Chris Cornell etwa lässt in seinem herzzerreißend rau-emotionalen ›You Never Knew My Mind‹ Cashs berühmtes Soundgarden-Cover ›Rusty Cage‹ widerhallen, Bluegrass-Gigantin Alison Krauss greift bei ›The Captain’s Daughter‹ behutsam und organisch musikalische Eigenheiten Cashs auf, ohne ihre eigene Handschrift aufzugeben, und das frisch verheiratete Country-Traumpaar Ruston Kelly und Kacey Musgraves braucht für ›To June This Morning‹ kaum mehr als zwei Stimmen und ein Banjo, um Cashs innige Liebe zu seiner Frau einzufangen. So und nicht anders sollte gelungene Nachlassver­waltung klingen!

8/10

Various Artists
JOHNNY CASH FOREVER WORDS
LEGACY RECORDINGS/SONY

Bob Dylan: Aus Song-Klassiker wird schwules Liebeslied

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dylan pressFür die EP UNIVERSAL LOVE hat Bob Dylan den Standard ›She’s Funny That Way‹ in ›He’s Funny That Way‹ verwandelt.

Bob Dylan hat einen Track beigesteuert zur morgen erscheinenden Songsammlung UNIVERSAL LOVE. Darauf finden sich Stücke, die, wie die New York Times berichtet, als „Hochzeitslieder für gleichgeschlechtliche Paare“ funktionieren sollen.

Dylan änderte dafür den von Frank Sinatra und Nat King Cole popularisierten Standard ›She’s Funny That Way‹ (1929) in ›He’s Funny That Way‹ ab.

Laut Produzent Rob Kaplan war der Songwriter sofort bereit, beim Projekt mitzumachen: „Er sagte nicht nur, ‚ja, das mach ich‘. Es war eher wie: ‚Hey, ich hab schon eine Idee für einen Song‘.“

„Wenn man sich die Geschichte der Popmusik anschaut, sind Liebeslieder großteils aus einer heterosexuellen Perspektive verfasst“, so Co-Produzent Tom Murphy. „Wenn wir die Musik aber als etwas sehen, das die Menschen zusammenbringt, warum sollen diese beliebten Songs nicht offen sein für alle?“

Neben Dylan sind etwa Popsängerin St.Vincent oder Soulhoffnung Valerie June auf UNIVERSAL LOVE vertreten.

Bob Dylan mit ›He’s Funny That Way‹:

The Temperance Movement: Tiefer Einschnitt

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Für die Band aus Großbritannien lief zunächst alles optimal. Sie veröffentlichte 2013 ein Debütalbum, an dem es nichts auszusetzen gab. Die Blues-Neigung war da, der Geist des Rock‘n‘Roll unverkennbar und eine gesunde Härte genauso vorhanden wie die Neigung zu Hymnen. Aus dem Stand erspielte sich die Band eine Fangemeinde, zu der auch Vertreter der Prominenz gehörten. Mick Jagger und Keith Richards waren aus dem Stand so von den jungen Kollegen begeistert, dass sie The Temperance Movement fürs Vorprogramm engagierten. So sieht ein idealer Durchstart aus.

Danach kam Sand ins Getriebe. Ungefähr ein Jahr vor der Veröffentlichung von WHITE BEAR stieg Gitarrist Luke Potashnick aus, kurz darauf folgte ihm Schlagzeuger Damon Wilson. Wegen dieser personellen Veränderungen konnte die Band nicht ganz an das Niveau des Erstlings anknüpfen.

Alles wirkte phasenweise angestrengt, überhitzt und un­­entschlossen. Ein reichlich kurzes Vergnügen war es auch. Sänger Phil Campbell (den wir bitte nach wie vor nicht mit dem Motörhead-Gitarristen gleichen Namens verwechseln) erinnert sich noch gut an die Strapazen. „Luke hat sich der Familie wegen verabschiedet, er wurde Vater und wollte nicht mehr ständig auf Reisen sein. Er hat auch nicht erwartet, dass so eine Band ein richtiger Vollzeitjob sein kann. Damon hielt es etwas länger aus, quälte sich mit der Zeit aber nur noch ab, weil es auch bei ihm zuhause Verpflichtungen gab. Luke ging, Matt White kam für ihn hinzu und Damon hielt es noch eine Weile aus. Dann ging auch er 2017, ihn ersetzte Simon Lea. Diese Wechselspiele waren für uns nicht einfach. Alles geriet zeitweilig ins Ungleichgewicht.“

Heute spielen diese Schwierigkeiten keine Rolle mehr. Die neuen Mitglieder haben sich schnell eingelebt und neue Impulse gegeben. „Es gibt Beispiele wie das der Black Crowes. Auch da hat es einige Besetzungswechsel gegeben, aber sie haben dieser Band nie ge­­schadet. Das war jetzt auch bei Matt und Simon so. Sie waren Fans von The Temperance Movement und wussten genau, worauf sie sich einlassen. Beide sind mit vollem Einsatz bei der Sache. Simon spielt leicht hinter dem Beat und prescht nicht so voraus, wie es bei Damon war. So entsteht mehr Groove. Matt spielt die Gitarre nicht genau wie Luke, er bringt mehr Dynamik mit.“

Unabhängig von den Line-up-Wechseln war Phil und Gitarrist Paul Sayer klar, dass sich auch darüber hinaus etwas tun musste, weil man nicht ständig auf bewährte Wege vertrauen kann. Sie mussten sich neu herausfordern. Der Newcomerbonus war aufgebraucht, jetzt brauchten The Temperance Movement Ideen, die sie zu einer an­­haltend vertrauenswürdigen Kraft machen. Dass sie während der Entstehung des dritten Albums in diese Richtung gedacht haben, erkennt man bereits am Titel A DEEPER CUT.

„Wir wollten einen tieferen Einschnitt wagen und dabei noch mehr von dem offenbaren, was uns musikalisch ausmacht und uns als Band repräsentiert. Mit diesem Album stellen wir uns stilistisch breiter auf. Es sind neue Elemente vorhanden“, sagt Paul. Konkret lässt sich das an der Verwendung eines Instruments festmachen, das man bisher nicht unbedingt mit dieser Band assoziiert hat. „Ich spiele auf diesem Album mehr Piano“, führt Phil aus. „Das wollte ich schon auf den ersten beiden Platten machen, aber da hatte es nicht ge­­passt. Anders war es auf einer kleinen Tour, die zwischen der Veröffentlichung der letzten beiden Alben stattfand. Da stand jedes Mal ein Piano auf der Bühne. Sein Klang passte immer gut zu den akustisch gehaltenen Songs, die wir spielten. Das Piano harmoniert aber auch gut mit dem gitarrenorientierten Rock-Stil in dieser Band. Das Publikum ging richtig gut mit. Das hat uns ermutigt, damit weiter zu machen.“

Man muss nicht lange nachfragen, von welchem Musiker am Piano Phil besonders viel hält. „Das ist der Elton John in der Periode um HONKY CHATEAU und TUMBLEWEED CONNECTION herum. Das war meiner Meinung nach seine beste Phase. Da wollte er wie Little Richard oder Dr. John sein, hatte eine großartige Band hinter sich und kehrte diese Showman-Art heraus, die zu seinem Ding wurde. Ganz offensichtlich hat ihm auch gefallen, was er damals in Amerika erlebt hat. Da kam die Musik her, die er liebte. Er hielt sie für authentisch. Sie half ihm dabei, sich als Person und Musiker zu entwickeln. Das ganze britische Rock-Schnöseltum der damaligen Zeit hat ihm nicht so gefallen. Davon wollte er weg.“

Elton entdeckte die natürliche Schönheit im Blues und Country, aber auch die im Soul. Mit dieser Richtung können sich auch Phil und Paul identifizieren. Sie halten schwarze Musikeinflüsse für wichtig, das hört man an den Grooves auf A DEEPER CUT, aber auch an den simplen, zu Herzen gehenden Botschaften der Texte. Ihnen ge­­fällt die erfrischende Direktheit in Soul- und R&B-Songs, die zu Pop-Klassikern ge­­worden sind. ›It Takes Two‹ von Marvin Gaye & Kim Weston ist ein Beispiel. „Wahrscheinlich ist dieser Song zu einem Zeitpunkt entstanden, als es einen furchtbaren Moment in einer Beziehung gab. Es geht im Text darum, wie man mit solchen Unruhemomenten umgeht, wie man trotz allem weitermacht und wie man Probleme überwindet. In R&B-Songs erfährt man etwas über alltägliche Situationen, deshalb ist diese Musik bis heute populär. Ich bin froh, dass wir uns mehr in diese Richtung entwickeln. Wir wollen die Leute auch so direkt an­­sprechen und ihnen mitteilen, dass nach einer Krise im Leben alles wieder gut werden kann.“

Patti Smith: HORSES-Konzertdoku angekündigt

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Horses Patti Smith And Her Band FilmVor drei Jahren ging Patti Smith auf Tour, um ihr erstes Album in voller Länge zu spielen. Im April erscheint dazu der Film „Horses: Patti Smith And Her Band“.

Patti Smith hat eine neue Dokumentation angekündigt. „Horses: Patti Smith And Her Band“ dreht sich um Smith‘ Tournee zum 40-jährigen Jubiläum ihrer Debütplatte HORSES aus dem Jahr 1975.

Gedreht wurde der Konzertfilm Anfang 2016 beim Auftritt der Punk- und Rockikone im Wiltern Theatre in Los Angeles, dem letzten Konzert der Tour.

„Horses: Patti Smith And Her Band“ feiert am 23. April auf dem Tribeca Film Festival Premiere. Regie führte Fotograf und Filmemacher Steven Sebring, produziert wurde die Doku von Jimmy Iovine.

The Doors – LIVE AT THE ISLE OF WIGHT 1970

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doors live isle of wight

Und der Schöne ward zum Biest – erstmals in kompletter Länge und audiovisuell optimiert.

Über die Jahrzehnte kursierten haufenweise Gerüchte über die dubiosen Umstände des allzu frühen Endes von Jim Morrison, der am 3. Juli 1971 in Paris mit gerade mal 27 Jahren starb. Dass mit dem Doors-Frontmann einiges im Argen lag, konnten ein knappes Jahr zuvor zumindest diejenigen der über 600.000 Besucher des Isle-Of-Wight-Festivals bezeugen, die nahe genug an der Bühne saßen.

Es war gegen zwei Uhr nachts, als Jim Morrison, Keyboarder Ray Manzarek, Gitarrist Robby Krieger und Schlagzeuger John Densmore die Bühne enterten, um sieben Songs aufzuführen. Als einzige Lichtquelle diente ein roter Spot, da die Truppe im Vorfeld übersehen hatte, dass sie laut Vertrag selbst für die Ausleuchtung hätte sorgen müssen. Manzarek erinnerte sich an ein zwar gedämpftes, aber sehr intensives Set mit Morrison in gesanglich guter Form. Tatsächlich shoutete sich Mr. Mojo Risin‘ ohne Abstriche durch ein manisches ›Back Door Man‹, ein swingendes ›Break On Through (To The Other Side‹, ein elfminütiges ›When The Music’s Over‹, ein ambivalentes ›Ship Of Fools‹, den ›Roadhouse Blues‹, ein pflichtbewusstes ›Light My Fire‹ und ein knapp 20-minütiges Medley aus ›The End/Across The Sea/Away In India/Cross Road Blues/Wake Up!‹. Doch die statische Ge­­stalt im unwirklichen Rotschein wirkte beinahe gespenstisch: Vollbärtig, langhaarig und mächtig aufgedunsen, qualmte der dunkel gekleidete Morrison Kette und wirkte geistesabwesend.

Der einst so Schöne ward zum Biest mutiert, das sich selbst auf dem Altar der Kunst opfert. Beinah unnötig zu erwähnen, dass die letzte gefilmte Konzertsequenz der Doors schon fast einer Reliquie gleichkommt. Zumal sie nach 48 Jahren zu ersten Mal überhaupt in audiovisuell restaurierter Fassung, kompletter Länge und mit dem Bonusfilm „This Is The End“ (Regisseur Murray Lerner im Gespräch mit Band­mitgliedern und dem Manager) in den Formaten DVD + CD, DVD, Blu-Ray und Digital Video in den Handel kommt.

9/10

The Doors
LIVE AT THE ISLE OF WIGHT 1970
Eagle Rock/Universal

Iggy Pop: Schijndel/NiederLande, PAASPOP 2018 (01.04.2018)

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Iggy Pop

Happy motherfuckin‘ Easter!

Es ist ein offenes Ge­­heimnis: Iggy Pop zieht sich langsam, aber stetig aus dem Musikzirkus zurück. POST POP DEPRESSION von 2016 war sein letztes Studio-Album. Und aktuell be­­ackert er noch einmal den europäischen Festival-Zirkel – darunter das niederländische Paaspop, das seit 40 Jahren zwischen Eindhoven und Hertogenbosch stattfindet und sich zum dreitägigen Mega-Event gemausert hat. Mit 50.000 Zuschauern, die sich auf elf unterschiedlich große Zel­te verteilen, einem kunterbunten Spektrum (Fatboy Slim, Black Label Society, Bastille, Kadavar, Obituary), aber auch einer un­­glaublich familiären, friedlichen Atmosphäre.

Als Headliner am Sonntag-Abend lockt Iggy 20.000 Zuschauer an, begrüßt sie ganz charmant mit einem „happy motherfuckin‘ easter“ und serviert ein Best-Of-Set mit vielen kleinen Überraschungen. Ohne neues Material, dafür aber mit Klassikern wie ›I Wanna Be Your Dog‹, ›The Passenger‹, ›Lust For Life‹, ›Search And Destroy‹, ›TV Eye‹ oder Cover-Versionen von ›Real Wild Child (Wild One)‹ sowie – man höre und staune – David Bowies ›The Jean Genie‹. Eine Hommage an seinen verstorbenen Freund und Mentor – und ein Indiz dafür, dass Iggy auch mit 71 noch jede Menge Feuer hat. Das unterstreicht der gesamte Auftritt, der mit einem rauen, ungeschliffenen Sound, jeder Menge Vollgas und einer Extraportion Showmanship glänzt.

Eben Iggy, der die monströse Bühne zum Tänzeln, Schreien, Spucken und wild Gestikulieren nutzt. Der heftig mit den Ladies flirtet, Hände abklatscht, das Mikrofon auf den Boden knallt und wirklich immer in Aktion ist. Dessen freier Oberkörper inzwischen wie gegerbtes Leder wirkt, und der voll in seinem Element ist, offensichtlich jede Sekunde seines energetischen Vortrags genießt und stets den Draht zum Publikum sucht. Letzteres rockt er 75 Minuten lang in Grund und Boden. Danach ein tiefer Knicks, kombiniert mit einem gestreckten Mittelfinger – so verabschiedet sich ein ganz Großer. Nämlich mit Stil. Selbst irgendwo in der holländischen Provinz.

Monster Magnet: Wir sehen uns in der Hölle!

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Ganze fünf Jahre sind verstrichen, seit Dave Wyndorf in LAST PATROL ein Endzeitszenario entwarf, das die düstere Vision in psychedelische Klänge kleidete. Seither scheint die Welt ihrem Ende ein ganzes Stück näher gerückt zu sein. Was dem Monster-Magnet-Boss eigentlich gar nicht ins Konzept gepasst hat, als es an die Aufnahmen zum Nachfolger MINDFUCKER ging…

Einmal mehr erweist sich ein Telefonat mit Dave Wyndorf als un­­vorhersehbare Reise, die – ähnlich seiner Musik – von surreal über absurd bis angriffslustig viele Modi abdeckt, vor allem aber viele Themen. Die neue Platte, eh klar, das politische Weltgeschehen sowieso, und auch zu #MeToo hat er seine ganz eigene Meinung. Überraschend dagegen sein Exkurs über griechisches Essen… und so wurde aus einem standardmäßigen 30-Minuten-Interview ein dreistündiges Gespräch über alles Mögliche. Hier die Auszüge.

MINDFUCKER

„Nachdem ich mich bei LAST PATROL und noch viel mehr bei MILKING THE STARS in eine ganz bestimmte Richtung bewegt hatte – was sehr viel Spaß gemacht hat –, war es diesmal an der Zeit, wieder was komplett anderes zu machen. Das entstand einfach als Reaktion auf dieses Zerebrale von LAST PATROL, die Konzentration auf ein ganz bestimmtes Klangbild, und das Touren mit dieser Platte. Es hat wohl einen gewissen Neandertaler-In­stinkt in mir ausgelöst, so nach dem Motto: ‚Muss. ROCKEN. GRRRRRR!‘ Außerdem wollte ich ein Album ganz speziell für meine Band schreiben. Die Jungs sind der Wahnsinn, ganz tolle Musiker und gute Freunde, und ich wollte ihnen mit dieser Scheibe ein Geschenk machen, mit viel Eiern und viel Melodie. Einfach mal wieder Vollgas, schließlich liegen meine Wurzeln in straightem Haudrauf-Rock, und in meinem Kopf ist das noch immer die Musik der Stunde. Ich stelle mir das so vor wie einen Radiosender irgendwo in der vierten Dimension, wo es ganz selbstverständlich ist, dass ein Songs namens ›Mindfucker‹ läuft!“

Warum das Zeitgeschehen seine Pläne durchkreuzte

„Ich wollte also ein Album schreiben, das einfach nur gute Laune macht, balls to the wall und ab geht’s. LAST PATROL war ja eher düster gewesen und ich wollte wie gesagt einen Richtungswechsel. Na ja, aber dann wurde ich eben doch in den Strudel der Nachrichten ge­­zogen, während sich der Wahnsinn 2016 und 2017 entfaltete. Wie soll man Songs über das Partymachen schreiben, wenn die Welt vor den eigenen Augen in den Abgrund stürzt? Ich hätte es vielleicht ignorieren und als Statement gegen das alles trotzdem eine Platte ganz ohne Aussage machen können, aber das gelang mir einfach nicht. Also beließ ich es zumindest musikalisch beim ursprünglichen Plan, einfach mal wieder so richtig loszurocken, aber textlich ist MINDFUCKER vielleicht sogar noch pessimistischer als LAST PATROL geworden…“

Amerika, das Land der unmöglichen Beschränktheit

„Das Wahljahr 2016 war wirklich erschreckend. Trump fing als Witz an, und ich dachte niemals, dass er überhaupt nur in Betracht gezogen wird. Doch dann entfaltete sich dieser ganze Horror und es wurde mal wieder bestätigt: Die Leute sind tatsächlich so fucking dumm! Wir können einfach nicht unseren Scheiß auf die Reihe kriegen, Mann. Es ist unglaublich, dass genau die Leute ihn gewählt haben, die am meisten unter seiner Politik zu leiden haben werden. Aber er wurde ihnen als einer von ihnen verkauft, als ein hemdsärmeliger Außenseiter, einer, den sie kennen und der nun das Establishment aufmischt, um ihre Probleme zu lösen. Und die ganzen Sachen, die über ihn ans Licht kamen, haben sie nicht von ihm abweichen lassen. Es war ihnen egal, dass er ein Arschloch ist, denn er war IHR Arschloch, und weil er nicht aus der Hochpolitik kam, glaubten sie, dass er wirklich etwas anders machen wird. Aber man sollte doch wissen, dass es nie nur den einen Retter gibt, der alles wieder gut macht. Das ist einfach nicht die Realität. Aber darum geht es in der Politik ja schon lange nicht mehr. Dabei hatte der Amerikanische Traum mal wirklich eine Bedeutung. Er hörte in den 60ern nur leider auf, zu existieren. Von etwa 1948 bis 1959 konnte man wirklich alles erreichen, die Nachkriegsjahre waren eine Chance für alle. Doch dann… Die Leute glauben, Kennedy sei ein beliebter Präsident gewesen, doch das trifft viel mehr im Ausland zu. Damals ge­­wann er die Wahl nur sehr knapp. Interessanter war sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, er war der wirkliche Neuerer. Er beendete die gesetzliche Diskriminierung der Schwarzen, er sorgte für ein besseres Gesundheitssystem und noch mehr. Das führte dann wieder zum Aufschrei der Konservativen, die behaupteten, der Liberalismus würde nur für Chaos sorgen. So bekamen wir Nixon. Der Summer of Love war da schon vergessen. Die Leute haben vergessen, dass 1969 und 1970 mehr als 3.000 Bomben in den USA hochgegangen sind, das war eine sehr gewalttätige Zeit! Doch dann kam der Disco-Eskapismus der 70er, gefolgt von Reagan und dem Beginn der komplett entfesselten Geldscheffelkultur. Das liegt jetzt auch schon wieder 30, 40 Jahre zurück, und was haben wir daraus gelernt? Ich kann nur hoffen, dass wir aus dieser Misere endlich was lernen werden. Vielleicht musste das alles erst so beschissen werden, damit die Leute aufwachen. Aber wer weiß? Wir werden nie wissen, wie cool die Menschheit sein und was sie alles erreichen könnte, solange wir kein ordentliches Bildungs- und Gesundheitssystem haben. Aber davon sind wir weit entfernt, und es ist wichtiger denn je, dass die Menschen sich selbst bilden!“

Segen und Fluch des (Des)Informationszeitalters

„Was hatten wir nicht alle für Hoffnungen, als das Internet aufkam. Ein unkontrollierbares Instrument, um sich zu vernetzen, um Wissen zu verbreiten. Aber natürlich wurde es ebenfalls von der dunklen Seite pervertiert und eingesetzt. In dem Song ›When The Hammer Comes Down‹ gibt es die Zeile ‚You tapped a supernova when you left the truth to drown‘ [Ihr habt eine Supernova angezapft, als ihr die Wahrheit ertrinken ließt], denn das Ende der Wahrheit mag für manche politische Zwecke sehr gelegen kommen, doch die Rechnung präsentiert sich uns nun. Es gibt keinerlei Konsens mehr, jeder pocht nur noch auf seine Meinung, und wenn man etwas nicht hören will, plärrt man einfach nur noch darüber hinweg. Bevor wir alles in Brand stecken, wollen wir nicht erst mal miteinander reden? Doch diese Diskurskultur ist völlig verschwunden, und die Menschen werden nicht nur dumm gehalten, sondern sind auch noch stolz darauf. Das ist eine gewollte Ignoranz, die nun mit aller Kraft unterstützt und so zu einer unglaublich gefährlichen Waffe wird. Es ist kein Zufall, dass es das Informations- und nicht das Weisheitszeitalter heißt. Dabei brauchen wir nichts dringender als eine Gesellschaft, die auf Fakten basiert.“

#MeToo und die Folgen

„Ja, das war natürlich längst überfällig, und ich sehe es auch als ein Zeichen der Hoffnung des beginnenden Widerstands, dass das gerade jetzt Fahrt aufnimmt. Und damit eines klar ist: Es liegt mir absolut fern, irgendjemand in Schutz zu nehmen, der Leute mies behandelt, ob heute oder in der Vergangenheit. Aber wie das jetzt gehandhabt wird, macht mir Sorgen. Wenn du aus einer Entfernung von 15, 20 oder gar 30 Jahren eine faule Tomate auf jemanden werfen kannst, ohne dass Schuld oder Un­­schuld jemals noch belegt werden können, ist das schon ein Problem. Die Schweine sollten nicht ungeschoren davon kommen, aber es gibt leider auch Fälle, wo solche Anschuldigungen ganze Karrieren zerstören, ohne das jemand etwas Falsches getan hat. Doch alles wird heute von Hitzköpfen bestimmt, und die wollen eine Liste von Bösewichten und Opfern, schön schwarz und weiß. Aber Sex ist nun mal nicht so schwarz und weiß, das ist nicht nur dieses primitive Dschungelding mit Raubtier und Beute. Hey, ich hatte jede Menge Sex in meinem Leben, und da gibt es einfach Grauzonen. Und ihr könnt Jahrtausende des Missbrauchs nicht mit einem Hashtag aus dem Weg räumen. Rufmord, das wird in der Zukunft die stärkste Waffe, und wahrscheinlich kannst du irgendwann mal einen Schutz dagegen kaufen, so in etwa: ‚Reputation Defender, nur 48 Dollar im Monat!‘, und die kümmern sich dann um sämtliche üblen Sachen, die irgendwo über dich verbreitet werden. Meine Schwester findet das alles aber super. Sie sagt sogar: ‚Weißt du was? Wenn für diese Sache ein paar der Guten dran glauben müssen, war’s das wert.‘ Und ich denke mir nur, okay, ihr habt so viel Scheiße durchmachen müssen, das verstehe ich total. Aber dann macht bitte wenigstens kurzen Prozess mit uns.“

Die Zukunft von Monster Magnet

„Ich liebe immer noch meinen Beruf, es macht mir Spaß und gibt mir Kraft, Musik zu machen und zu spielen. Klar, ich werde schneller müde, aber ich bin dankbar, dass ich das schon so lange machen kann. Seit einiger Zeit aber kostet mich die Band mehr Geld, als sie einbringt, und das ist ein Problem. Spotify und Co. sind der größte Urheberrechtsraub der Geschichte, und auch der Live-Markt schrumpft. Es ist einfach nicht mehr möglich, eine mittelgroße Band zu sein, vor allem hier in den USA. Entweder du bist groß genug, um die Hallen ab 10.000 aufwärts vollzukriegen, oder du spielst in Bars und Spelunken. Dazwischen gibt es immer weniger. Wir könnten natürlich oldschool mit einem Lieferwagen losziehen, aber dafür sind wir ehrlich gesagt zu alt. Zum Glück sieht es in Europa noch etwas besser aus, und ich muss einmal mehr besonders Deutschland loben. Die Dinge laufen bei euch etwas anders, weil man merkt, dass den Leuten die Musik tatsächlich noch am Herzen liegt!“

Souvlak‘n‘Roll, baby!

„Ihr Deutschen seid geniale Rockfans, aber wenn es um ein Live-Publikum geht, ist Griechenland unschlagbar. Nirgends gehen die Leute so ab wie dort, das hat uns echt komplett überwältigt, und sie begegnen dir als Musiker mit großem Respekt, ganz anders als in Amerika oder Großbritannien, wo die Veranstalter dich wie Scheiße behandeln. Doch am meisten haute mich wirklich das Essen um. Als wir in den 90er-Jahren das erste Mal dort waren, verliebte ich mich so sehr in die griechische Küche, dass ich behauptete, ich sei krank, nur um länger dort bleiben zu können. So mussten wir sogar einen Flug in ein anderes Land sausen lassen und ein Konzert absagen, was ziemlich ernst ist, aber ich musste einfach mehr von diesem Zeug essen! Nur vor dem Tourmanager musste ich mich verstecken, damit der nicht die Wahrheit erfährt.“ (lacht)

 

Joshua Homme, Iggy Pop – AMERICAN VALHALLA

josh homme iggy pop american valhalla

Homme leidet an Post Pop Depression…

Wenn Ikone Iggy Pop ein neues Projekt angreift, kann es so verkehrt nicht sein. Wenn Josh Homme der betörenden Einladung seines großen Idols folgt und nicht gerade durch diverse Fehltritte negativ auffällt, dann entsteht einer dieser magischen und äußerst raren Momente in der Musikgeschichte. In diesem Fall handelt es sich um die Entstehung und Produktion von Pops letztem Album POST POP DEPRESSION, an der Hom­me maßgeblich beteiligt war. Die diesen Prozess rekapitulierende Dokumentation speist sich aus Interviews, wunderbaren Zwiegesprächen, intimen Vorträgen aus Tagebüchern der Protagonisten, Fo­­tos, Audio- und Livematerial und erzählt in fein kom­ponierter Retrospektive von dieser Kollabo­ration. Durch besondere Fokussierungen und teils Homevideo-artige Kameraführung wird wunderbar Atmosphäre geschaffen, die existenziellen Fragen zweier vielschichtiger Künstlernaturen – eine davon hat bereits Dreiviertel ihres Lebens hinter sich – dominieren den Subtext. An manchen Stellen wird es sehr bedeutungsschwanger, während Iggy schmunzelnd in seiner Hängematte schäkert, be­­müht Homme gern tiefgründige Metaphern. Verdenken kann man ihm dies nicht, die Worte passen zum Ereignis. Oder wie der QUOTSA-Mann ganz richtig feststellt: „So etwas passiert nicht zweimal im Leben.“

9/10

Joshua Homme, Iggy Pop
AMERICAN VALHALLA
Eagle Rock/Universal