Monster Magnet: Wir sehen uns in der Hölle!

Ganze fünf Jahre sind verstrichen, seit Dave Wyndorf in LAST PATROL ein Endzeitszenario entwarf, das die düstere Vision in psychedelische Klänge kleidete. Seither scheint die Welt ihrem Ende ein ganzes Stück näher gerückt zu sein. Was dem Monster-Magnet-Boss eigentlich gar nicht ins Konzept gepasst hat, als es an die Aufnahmen zum Nachfolger MINDFUCKER ging…

Einmal mehr erweist sich ein Telefonat mit Dave Wyndorf als un­­vorhersehbare Reise, die – ähnlich seiner Musik – von surreal über absurd bis angriffslustig viele Modi abdeckt, vor allem aber viele Themen. Die neue Platte, eh klar, das politische Weltgeschehen sowieso, und auch zu #MeToo hat er seine ganz eigene Meinung. Überraschend dagegen sein Exkurs über griechisches Essen… und so wurde aus einem standardmäßigen 30-Minuten-Interview ein dreistündiges Gespräch über alles Mögliche. Hier die Auszüge.

MINDFUCKER

„Nachdem ich mich bei LAST PATROL und noch viel mehr bei MILKING THE STARS in eine ganz bestimmte Richtung bewegt hatte – was sehr viel Spaß gemacht hat –, war es diesmal an der Zeit, wieder was komplett anderes zu machen. Das entstand einfach als Reaktion auf dieses Zerebrale von LAST PATROL, die Konzentration auf ein ganz bestimmtes Klangbild, und das Touren mit dieser Platte. Es hat wohl einen gewissen Neandertaler-In­stinkt in mir ausgelöst, so nach dem Motto: ‚Muss. ROCKEN. GRRRRRR!‘ Außerdem wollte ich ein Album ganz speziell für meine Band schreiben. Die Jungs sind der Wahnsinn, ganz tolle Musiker und gute Freunde, und ich wollte ihnen mit dieser Scheibe ein Geschenk machen, mit viel Eiern und viel Melodie. Einfach mal wieder Vollgas, schließlich liegen meine Wurzeln in straightem Haudrauf-Rock, und in meinem Kopf ist das noch immer die Musik der Stunde. Ich stelle mir das so vor wie einen Radiosender irgendwo in der vierten Dimension, wo es ganz selbstverständlich ist, dass ein Songs namens ›Mindfucker‹ läuft!“

Warum das Zeitgeschehen seine Pläne durchkreuzte

„Ich wollte also ein Album schreiben, das einfach nur gute Laune macht, balls to the wall und ab geht’s. LAST PATROL war ja eher düster gewesen und ich wollte wie gesagt einen Richtungswechsel. Na ja, aber dann wurde ich eben doch in den Strudel der Nachrichten ge­­zogen, während sich der Wahnsinn 2016 und 2017 entfaltete. Wie soll man Songs über das Partymachen schreiben, wenn die Welt vor den eigenen Augen in den Abgrund stürzt? Ich hätte es vielleicht ignorieren und als Statement gegen das alles trotzdem eine Platte ganz ohne Aussage machen können, aber das gelang mir einfach nicht. Also beließ ich es zumindest musikalisch beim ursprünglichen Plan, einfach mal wieder so richtig loszurocken, aber textlich ist MINDFUCKER vielleicht sogar noch pessimistischer als LAST PATROL geworden…“

Amerika, das Land der unmöglichen Beschränktheit

„Das Wahljahr 2016 war wirklich erschreckend. Trump fing als Witz an, und ich dachte niemals, dass er überhaupt nur in Betracht gezogen wird. Doch dann entfaltete sich dieser ganze Horror und es wurde mal wieder bestätigt: Die Leute sind tatsächlich so fucking dumm! Wir können einfach nicht unseren Scheiß auf die Reihe kriegen, Mann. Es ist unglaublich, dass genau die Leute ihn gewählt haben, die am meisten unter seiner Politik zu leiden haben werden. Aber er wurde ihnen als einer von ihnen verkauft, als ein hemdsärmeliger Außenseiter, einer, den sie kennen und der nun das Establishment aufmischt, um ihre Probleme zu lösen. Und die ganzen Sachen, die über ihn ans Licht kamen, haben sie nicht von ihm abweichen lassen. Es war ihnen egal, dass er ein Arschloch ist, denn er war IHR Arschloch, und weil er nicht aus der Hochpolitik kam, glaubten sie, dass er wirklich etwas anders machen wird. Aber man sollte doch wissen, dass es nie nur den einen Retter gibt, der alles wieder gut macht. Das ist einfach nicht die Realität. Aber darum geht es in der Politik ja schon lange nicht mehr. Dabei hatte der Amerikanische Traum mal wirklich eine Bedeutung. Er hörte in den 60ern nur leider auf, zu existieren. Von etwa 1948 bis 1959 konnte man wirklich alles erreichen, die Nachkriegsjahre waren eine Chance für alle. Doch dann… Die Leute glauben, Kennedy sei ein beliebter Präsident gewesen, doch das trifft viel mehr im Ausland zu. Damals ge­­wann er die Wahl nur sehr knapp. Interessanter war sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, er war der wirkliche Neuerer. Er beendete die gesetzliche Diskriminierung der Schwarzen, er sorgte für ein besseres Gesundheitssystem und noch mehr. Das führte dann wieder zum Aufschrei der Konservativen, die behaupteten, der Liberalismus würde nur für Chaos sorgen. So bekamen wir Nixon. Der Summer of Love war da schon vergessen. Die Leute haben vergessen, dass 1969 und 1970 mehr als 3.000 Bomben in den USA hochgegangen sind, das war eine sehr gewalttätige Zeit! Doch dann kam der Disco-Eskapismus der 70er, gefolgt von Reagan und dem Beginn der komplett entfesselten Geldscheffelkultur. Das liegt jetzt auch schon wieder 30, 40 Jahre zurück, und was haben wir daraus gelernt? Ich kann nur hoffen, dass wir aus dieser Misere endlich was lernen werden. Vielleicht musste das alles erst so beschissen werden, damit die Leute aufwachen. Aber wer weiß? Wir werden nie wissen, wie cool die Menschheit sein und was sie alles erreichen könnte, solange wir kein ordentliches Bildungs- und Gesundheitssystem haben. Aber davon sind wir weit entfernt, und es ist wichtiger denn je, dass die Menschen sich selbst bilden!“

Segen und Fluch des (Des)Informationszeitalters

„Was hatten wir nicht alle für Hoffnungen, als das Internet aufkam. Ein unkontrollierbares Instrument, um sich zu vernetzen, um Wissen zu verbreiten. Aber natürlich wurde es ebenfalls von der dunklen Seite pervertiert und eingesetzt. In dem Song ›When The Hammer Comes Down‹ gibt es die Zeile ‚You tapped a supernova when you left the truth to drown‘ [Ihr habt eine Supernova angezapft, als ihr die Wahrheit ertrinken ließt], denn das Ende der Wahrheit mag für manche politische Zwecke sehr gelegen kommen, doch die Rechnung präsentiert sich uns nun. Es gibt keinerlei Konsens mehr, jeder pocht nur noch auf seine Meinung, und wenn man etwas nicht hören will, plärrt man einfach nur noch darüber hinweg. Bevor wir alles in Brand stecken, wollen wir nicht erst mal miteinander reden? Doch diese Diskurskultur ist völlig verschwunden, und die Menschen werden nicht nur dumm gehalten, sondern sind auch noch stolz darauf. Das ist eine gewollte Ignoranz, die nun mit aller Kraft unterstützt und so zu einer unglaublich gefährlichen Waffe wird. Es ist kein Zufall, dass es das Informations- und nicht das Weisheitszeitalter heißt. Dabei brauchen wir nichts dringender als eine Gesellschaft, die auf Fakten basiert.“

#MeToo und die Folgen

„Ja, das war natürlich längst überfällig, und ich sehe es auch als ein Zeichen der Hoffnung des beginnenden Widerstands, dass das gerade jetzt Fahrt aufnimmt. Und damit eines klar ist: Es liegt mir absolut fern, irgendjemand in Schutz zu nehmen, der Leute mies behandelt, ob heute oder in der Vergangenheit. Aber wie das jetzt gehandhabt wird, macht mir Sorgen. Wenn du aus einer Entfernung von 15, 20 oder gar 30 Jahren eine faule Tomate auf jemanden werfen kannst, ohne dass Schuld oder Un­­schuld jemals noch belegt werden können, ist das schon ein Problem. Die Schweine sollten nicht ungeschoren davon kommen, aber es gibt leider auch Fälle, wo solche Anschuldigungen ganze Karrieren zerstören, ohne das jemand etwas Falsches getan hat. Doch alles wird heute von Hitzköpfen bestimmt, und die wollen eine Liste von Bösewichten und Opfern, schön schwarz und weiß. Aber Sex ist nun mal nicht so schwarz und weiß, das ist nicht nur dieses primitive Dschungelding mit Raubtier und Beute. Hey, ich hatte jede Menge Sex in meinem Leben, und da gibt es einfach Grauzonen. Und ihr könnt Jahrtausende des Missbrauchs nicht mit einem Hashtag aus dem Weg räumen. Rufmord, das wird in der Zukunft die stärkste Waffe, und wahrscheinlich kannst du irgendwann mal einen Schutz dagegen kaufen, so in etwa: ‚Reputation Defender, nur 48 Dollar im Monat!‘, und die kümmern sich dann um sämtliche üblen Sachen, die irgendwo über dich verbreitet werden. Meine Schwester findet das alles aber super. Sie sagt sogar: ‚Weißt du was? Wenn für diese Sache ein paar der Guten dran glauben müssen, war’s das wert.‘ Und ich denke mir nur, okay, ihr habt so viel Scheiße durchmachen müssen, das verstehe ich total. Aber dann macht bitte wenigstens kurzen Prozess mit uns.“

Die Zukunft von Monster Magnet

„Ich liebe immer noch meinen Beruf, es macht mir Spaß und gibt mir Kraft, Musik zu machen und zu spielen. Klar, ich werde schneller müde, aber ich bin dankbar, dass ich das schon so lange machen kann. Seit einiger Zeit aber kostet mich die Band mehr Geld, als sie einbringt, und das ist ein Problem. Spotify und Co. sind der größte Urheberrechtsraub der Geschichte, und auch der Live-Markt schrumpft. Es ist einfach nicht mehr möglich, eine mittelgroße Band zu sein, vor allem hier in den USA. Entweder du bist groß genug, um die Hallen ab 10.000 aufwärts vollzukriegen, oder du spielst in Bars und Spelunken. Dazwischen gibt es immer weniger. Wir könnten natürlich oldschool mit einem Lieferwagen losziehen, aber dafür sind wir ehrlich gesagt zu alt. Zum Glück sieht es in Europa noch etwas besser aus, und ich muss einmal mehr besonders Deutschland loben. Die Dinge laufen bei euch etwas anders, weil man merkt, dass den Leuten die Musik tatsächlich noch am Herzen liegt!“

Souvlak‘n‘Roll, baby!

„Ihr Deutschen seid geniale Rockfans, aber wenn es um ein Live-Publikum geht, ist Griechenland unschlagbar. Nirgends gehen die Leute so ab wie dort, das hat uns echt komplett überwältigt, und sie begegnen dir als Musiker mit großem Respekt, ganz anders als in Amerika oder Großbritannien, wo die Veranstalter dich wie Scheiße behandeln. Doch am meisten haute mich wirklich das Essen um. Als wir in den 90er-Jahren das erste Mal dort waren, verliebte ich mich so sehr in die griechische Küche, dass ich behauptete, ich sei krank, nur um länger dort bleiben zu können. So mussten wir sogar einen Flug in ein anderes Land sausen lassen und ein Konzert absagen, was ziemlich ernst ist, aber ich musste einfach mehr von diesem Zeug essen! Nur vor dem Tourmanager musste ich mich verstecken, damit der nicht die Wahrheit erfährt.“ (lacht)

 

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