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Start Blog Seite 411

Nothing But Thieves – MORAL PANIC

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Indie? Alternative? Einfach gut!

Zu Beginn als Muse-Epigonen und Möchtegern-Radioheads abgetan, hatten Sänger/Gitarrist Conor
Mason & Co. mit ihrem 2017er-Zweitwerk BROKEN MACHINE schließlich ein eigenes Profil entwickelt; ein künstlerischer Wachstum, der sich beim Nachfolger nun noch verstärkt hat. Mit ›Unperson‹ steigen die
Briten furios ein und verbreiten mittels purer Energie sofort ein Gefühl von Dringlichkeit.

Bis zum sphärisch-sanften und lieblich verspielten ›Before We Drift Away‹, das einen schönen Abschluss als exakter Gegenpart zum nervösen Auftakt bildet, passiert hier jede Menge. ›Is Everbody Going Crazy?‹ etwa bietet einen in Verbindung mit düsterem Punkrock-Feeling kurios anmutenden Soul-Touch und gelingt dabei ganz hervorragend. Weitere Höhepunkte des vielschichtigen, dennoch wie aus einem Guss wirkenden Longplayers sind das mit Elementen von Dance Music spielende, dabei erstaunlich nachdenklich anmutende ›There Was A Sun‹, das pulsierende ›This Feels Like The End‹ und die berührende Halb-Ballade ›Free If We Want It‹.

8 von 10 Punkten

Nothing But Thieves, MORAL PANIC, SONY

Old Kerry McKee – MONO SECULAR SOUNDS

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Songs from the wood

Was fängt einer mit seiner Zeit an, dessen Hütte im Wald des ohnehin nur dünn besiedelten Nordschwedens steht? Wirklich viele Alternativen, die nicht irgendwie illegal oder zumindest creepy sind, gibt es da wohl nicht. Der eigentlich aus Göteborg stammende Joakim Malmborg alias Old Kerry McKee hat sich zum Glück dafür entschieden, Musik zu machen. Und da er fern jeder Szene (oder auch nur Mitspielern!) an keinerlei Konventionen und Kompromisse gebunden ist, kann er seine auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade kompatibel erscheinenden Stil-Vorlieben nach Herzenslust zu einem originellen Sound-Mix kombinieren. So serviert der Mann uns hier eine zunächst bizarr bis nervös, bald aber erstaunlich zugänglich, weil schön melancholisch anmutende Melange aus Folklore, Blues und – ja, tatsächlich! – Black Metal. Als Anspieltipps seien das knarzige ›Gypsy Rags/Death, Oh Death, Pt. 2‹, der Slow-Blues ›Woman From Tarnava‹ sowie das im Vergleich zum Rest des Materials nahezu beschwingte ›I’ve Been Building‹ empfohlen.

7 von 10 Punkten

Old Kerry McKee, MONO SECULAR SOUNDS, ICONS CREATING EVIL ART/ROUGH TRADE

Boys From Heaven – THE GREAT DISCOVERY

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Fest und flauschig

Es ist wirklich erstaunlich, dass immer mehr junge Musiker den als „weichgespült“ verrufenen AOR à la Toto oder Journey wieder für sich entdecken. So auch die blutjungen Dänen namens Boys From Heaven, die es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht haben, dieses softe Genre auf ihrem Debütalbum THE GREAT DISCOVERY modern aufzugreifen und um die ein oder andere Komponente zu erweitern. Denn wie es der Titel schon verrät, gibt es hier musikalisch jede Menge zu entdecken. So ist vom schrillen Alt-Saxophon, stimmigen Piano und Synthies bis hin zum engelsgleichen Stimmchen des Leadsängers Chris Catton – der hier beeindruckend nahe an Steve Perry herantritt – eine große Vielfalt geboten, in der jeder Song etwas Eigenes ausstrahlt. Was es tatsächlich nicht so leicht macht, eine konkrete Titel-Empfehlung auszusprechen, da die Scheibe wahrscheinlich am eindrucksvollsten als Gesamtkunstwerk funktioniert. Wer also grundsätzlich offen ist für den weichen Klang des AOR und/oder sich gerne einen seelenvollen Abend gönnen möchte, könnte hier eine passende Untermalung finden.

Bei mir konnten die Boys From Heaven mit THE GREAT DISCOVERY bereits einen gefühlvollen und technisch versierten Treffer mitten ins ebenfalls noch junge Kuschelrocker-Herz landen.

7 von 10 Punkten

Boys From Heaven, THE GREAT DISCOVERY, TARGET/SPV

The Boxmasters – LIGHT RAYS

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Licht und Schatten

Zugegeben: Es ist nicht ganz einfach, die beiden unterschiedlichen, ja fast gegensätzlichen Facetten von Billy Bob „Bud“ Thornton zusammenzubringen: Einerseits den grobschlächtigen Leinwand-Rüpel aus Filmen wie „Bad Santa“, andererseits den zurückgezogenen Anti-Star, der nie viel aufs Rampenlicht gegeben hat und der sich die Zeit lieber im Proberaum seiner Rockband, als auf irgendwelchen roten Teppichen vertreibt. Auf dem 9. Studioalbum der Boxmasters liefert der 65-Jährige nun gemeinsam mit seinem Kumpel J.D. Andrew ein weiteres Beispiel seiner sympathisch unerschütterlichen Bodenständigkeit ab. Sämtliche Tourpläne musste die zum Duo geschrumpfte US-Formation absagen; stattdessen verlängert man in diesem Winter einfach die letzte Sommersaison mit seinem geerdeten Gute-Laune-Sound aus Surf Rock, Americana und Classic Rock um ein paar Momente. Wer nochmal den Grill zum anständigen California-BBQ anwerfen möchte, der findet nun mit Songs wie ›Breathe Easy‹, ›Thirteen Days‹, ›Pipe Dream‹ oder dem Yardleys-Cover ›Come What May‹ den passenden Soundtrack.

7 von 10 Punkten

The Boxmasters, LIGHT RAYS, KEENTONE/THIRTY TIGERS/MEMBRAN

Various Artists – THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW OST (45TH ANNIVERSARY LIMITED EDITION)

I’m just a sweet transvestite from transexual Transylvania: zum Jubiläum der Original Soundtrack als Picture Disc und Standard Edition

Als am 19. Juni 1973 die Welturaufführung von Autor Richard O’Briens und Regisseur Jim Sharmans Glam-Rock-Grusical THE ROCKY HORROR SHOW im winzigen Londoner Royal Court Theatre (Upstairs) am Sloane Square über die Bühne ging, ahnte keiner der Beteiligten, dass damit nicht nur der Grundstein eines bis in die Gegenwart währenden Kults, sondern auch der Schritt vom Bühnenrampenlicht auf die Kinoleinwand gelegt wurde. Kurz darauf zog die bizarre Schauspieltruppe erst ins größere Chelsea Classic Cinema, dann ins noch geräumigere King’s Road Theatre um, wo Autor Richard O’Briens Konzept bis 1979 aufgeführt wurde. Hernach ging es noch bis September 1980 im Comedy Theatre weiter. Seither verausgabt sich jeden Tag irgendwo auf dem Globus ein Ensemble, um die höchst irdischen Eskapaden zwischen Bi-, Homo- und Transsexualität eines exzentrischen außerirdischen Wissenschaftlers namens Dr. Frank N. Furter vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transylvania zum Leben zu erwecken. Als Booster wirkte die vom 21. Oktober bis 19. Dezember 1974 in den englischen Bray Studios von Jim Sharman in Szene gesetzte und von Hollywood-Größe Lou Adler produzierte Kinofassung THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW. Teile der Ur-Bühnencrew, Tim Curry, Richard O’Brien, Patricia Quinn und Nell Campbell, sowie die Neuzugänge Barry Bostwick, Susan Sarandon, Charles Gray und Meat Loaf beteiligten sich auch am Original Soundtrack. Hier fanden sich am 50s Rock’n’Roll,
Doo-Wop und Glam-Rock ausgerichtete Ohrwürmer wie ›Science Fiction/Double Feature‹,
›Dammit Janet‹, ›Over At The Frankenstein Place‹, ›The Time Warp‹, ›Sweet Transvestite‹, ›Hot Patootie – Bless My Soul‹ und ›Touch-A, Touch-A, Touch Me‹. Zum 45. Jubiläum des Sci-Fi-Horror-Drag-Comedy-Dramas erscheint der restaurierte OST in limitierter Auflage nicht nur als Vinyl Picture Disc, sondern auch als Standard Vinyl im Originalcover.

10 von 10 Punkten

Various Artists, THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW OST (45TH ANNIVERSARY LIMITED EDITION), ODE RECORDS/MEMBRAN

Gorillaz: SONG MACHINE, SEASON ONE: STRANGE TIMEZ

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Damon Albarn konzipiert ein Album wie eine schrille Netflix-Serie

Mit seinem Gorillaz-Projekt verfolgte Damon Albarn schon immer die Idee, die Veröffentlichung von Musik auf neue Ebenen zu heben. Besetzt ist die Band mit Comic-Figuren, die Alben erzählen mehr oder weniger zusammenhängende Geschichten. Anfang 2020 startete Albarn nun die Reihe SONG MACHINE, der Ansatz: Jeder Track funktioniert wie die Episode einer Serie. Nun liegt die gesammelte SEASON ONE als Album vor, Titel: STRANGE TIMEZ. Verfolgt man die Serien-Idee weiter, hat Albarn für jede Folge einen Gaststar engagiert. Beim Titeltrack singt Robert Smith von The Cure, der hörbar Spaß daran hat, seine melancholischüberdrehten Vocals für dieses Electro-Rock-Stück einzusetzen. Beck intoniert einen ihm auf den Leib geschneiderten, trockenen Funk-Song, Peter Hook (Ex-New Order/Joy Division) spielt seinen typischen Bass, Elton John knödelt sich durch einen Refrain, Joan As Police Woman ist bei einem Song dabei, der angenehm an Peter Gabriels Ethno-Art-Rock erinnert. Emotionaler Höhepunkt: Der letzte Auftritt vom im April verstorbenen Schlagzeuggott Tony Allen, der im finalen Song noch einmal seine unglaublich coolen Synkopen spielt.

7 von 10 Punkten

Gorillaz, SONG MACHINE, SEASON ONE: STRANGE TIMEZ, WARNER

Sevendust – BLOOD & STONE

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Hymnischer Alternative Rock mit Metal-Einschlag

Kaum eine Musikrichtung wurde retrospektiv mehr geächtet als der sogenannte Nu-Metal Ende der 90er. Ein humorloser musikalischer Entwicklungsschritt, dem die Grungeund Alternative-Rock-Bewegung voraus ging. Doch wie das mit Genregrenzen so ist, sind sie meist fließend. Fälschlicherweise wurden die Amerikaner um Sänger Lajon Witherspoon mit klassischen Nu-Metal-Bands wie Korn, Creed oder Limp Bizkit in Verbindung gebracht, rund 20 Jahre später zeigt sich, dass dieser Vergleich hinkt. Die prollige Tristesse der eben Genannten verkörpern Sevendust nicht und wo jene Bands spätestens nach der dritten Platte eindeutig schwächelten, ist das Songwriting der Gruppe aus Atlanta konstant gut. Harte Riffs auf Basis des Metal mit Alternative-Rock-Einschlag paaren sich mit hymnischen Refrains und pathetischer Geste. Wer auf Platte Nummer 13 immer noch solche Brecher wie ›Dying To Live‹ oder ›Blood From A Stone‹ raushaut, der braucht sich keine Sorgen um den Karriereherbst zu machen.

7 von 10 Punkten

Sevendust, BLOOD & STONE, RISE/WARNER

Die Ärzte – HELL

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Liebesgrüße aus Berlin

So viel Originalität, in deren Schatzkammer ein Ausbund an Musikalität, Humor und Liebe auf Erkundung wartet, hat es seit dem Ableben von Frank Zappa nicht mehr gegeben. Apropos: Der Großmeister des vollendeten Individualismus wird dreieinhalb Mal zitiert auf dem neuen Album der Kreativschmiede aus Berlin. HELL nimmt sich mit gut einer Stunde feinster, optionaler und mehrwertiger Unterhaltung wie das Beste der Besten aus. Klassischer Endsiebziger New Wave, schwere Rockgitarren und feinste Grooves sorgen für reichlich hormonelle Momente. Gänzlich am Vektor Lustprinzip orientiert, sind Die Ärzte endlich wieder Die Ärzte: Unberechenbar, überraschend, anders aufregend, bar zeitgeistiger Artefakte. Zum allersten Mal eröffnet eine Rod-González-Komposition ein Album der wertvollen Drei, bevor Bela B und Farin Urlaub mit ganz großen lyrischen Momenten aufwarten. Und das frei von Gegenwartsschmerz. Ein Kunststück! Rückwärtsgewandte, Angstprediger, Punk-Begriffsverdreher und bigotte Moralhüter bekommen zwar deutlich ihr Fett weg. Dennoch klinken sich Die Ärzte nicht mit einer einzigen Silbe ins bescheuerte Die oder Wir, Schwarz und Weiß, Gut und Böse ein. Sie umgehen die Polarisierung, das Toxikum unserer Zeit, mit rockmusikgewordener Nonchalance. Und endlich erfährt auch jeder Politikverdrossene, warum man die AfD schlicht nicht ernst nehmen kann.

9 von 10 Punkten

Die Ärzte, HELL, HOT ACTION RECORDS/UNIVERSAL

Text: Michael Lösl