Die Anfänge: Wir blicken zurück auf die Musik, die den Rock’n’Roll ins leben rief. Und auf die Künstler, die wirklich die Figur des Rockstars begründeten.
Robert Johnson, Son House, Lead Belly, Memphis Minnie, Charley Patton, John Lee Hooker (im Bild), Howlin’ Wolf … Die Geschichte erhebt Namen wie diese zu Gottheiten und stellt so sicher, dass man aufgrund ihrer innovativen musikalischen Inspiration ehrfürchtig und ergeben von ihnen spricht.
Einerseits ist diese Verehrung völlig gerechtfertigt. Diese Musiker und weitere sind die Begründer des Rock’n’Roll und der gesamten Populärmusik. Ohne sie gäbe es keinen Chuck Berry, keine Led Zeppelin, keine Rival Sons und so viele mehr. Doch die ganze Wahrheit ist ein bisschen komplizierter – und wesentlich interessanter. Sie waren nicht die majestätischen Vorbilder, als die sie in der Historie gerne dargestellt werden. Die Historie legt oft kein großes Augenmerk darauf, was für Menschen sie waren und wie sie ihr Leben lebten. Vielleicht ist es einfacher, das nicht zu tun.
Die Wahrheit ist, dass diese Blueslegenden oft genauso schlimme Finger, möglicherweise sogar schlimmere, waren wie die Stars der 60er und 70er, die sie inspirieren sollten. Dass sie größtenteils ein hartes Leben hatten, sollte nicht überraschen. Lead Belly war ein verurteilter Mörder. Robert Johnson ein Frauenheld, Son House ein saufender Ex-Häftling, und die nicht minder trinkfreudige Memphis Minnie konnte bei einer Prügelei bestens mithalten. Nur ein Narr hätte sich mit ihnen angelegt.
Auch die Musik selbst bekommt oft einen überhöhten Status verliehen. Ihr Vermächtnis wird gerne geschönt und die Umstände, unter denen sie entstand, werden ausgeblendet. Lead Belly und seine Zeitgenossen werden nicht nur von Künstlern wie Bob Dylan als Folk-Helden verehrt, sondern auch von den jüngsten bluesigen Rockbands, die diese älteren Idole den späteren, klassischen Rock-BluesExplosion-Acts vorziehen, vor allem, weil sie reduzierter spielten. Begriffe wie „authentisch“ und „roh“ fallen oft. Nirvana schafften es mit ihrer Coverversion von Lead Bellys ›Where Did You Sleep Last Night?/In The Pines‹, die MTV-Generation auf den Delta Blues zu bringen.
Doch die Sache ist die: Lead Belly versuchte nicht, minimalistisch oder tugendhaft zu klingen – er arbeitete einfach mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Dieser spärliche Klang entstand nur, weil Musikern wie ihm keine Marshall-Türme oder Fender Strats zur Verfügung standen. Hätten Robert Johson oder Blind Lemon Jefferson Zugriff auf eine E-Gitarre gehabt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie alles auf 11 gedreht und genauso viele selbstverliebte Killer-Soli gespielt hätten wie die Rockstars der 70er. Und genau das waren diese Frauen und Männer: die ersten Pioniere des Blues und des Rock’n’Roll, gewiss – aber auch die ersten Rockstars.
Texte in dieser Serie: Marcel Anders, Geoff Barton, Max Bell, Mark Blake, Joe Bosso, Jamie Dickson, Paul Elliott, Hugh Fielder, Polly Glass, Siân Llewellyn, Joel McIver, Ed Mitchell, Tony Russell, Johnny Sharp, Mick Wall, Henry Yates
In den letzten Jahren mussten die Blues Pills durchs Fegefeuer schreiten. Nicht etwa, weil sie gesündigt hätten, sondern weil sie ihre Seelen nach aufreibenden Jahren des endlosen Tourens von bleiernen Altlasten befreien mussten. Nicht nur waren die jungen Durchstarter völlig ausgebrannt und emotional am Ende, auch verließ Trademark-Gitarrist Dorian Sorriaux 2018 die Band – schon die Aufnahmen zu LADY IN GOLD zwei Jahre zuvor waren wohl ein echter Albtraum gewesen. Und auch privat ging einiges schief, alleine in Elin Larssons Leben folgte plötzlich eine Tragödie auf die nächste. Auf ihrer dritten Platte HOLY MOLY! verarbeitete die in neuer Formation erstrahlende Band all diese Erlebnisse und präsentiert nun ein schonungslos ehrliches Werk, das zwar düsterer und depressiver klingt als seine Vorgänger, dabei jedoch vor roher Energie nur so strotzt. HOLY MOLY! ist die Katharsis, ohne die es die Blues Pills heute wahrscheinlich nicht mehr geben würde. Im Interview mit CLASSIC ROCK gewährt uns Frontfrau Elin tiefe Einblicke in ihr Seelenleben und die Psyche ihrer Band.
Warum habt ihr ganze vier Jahre für HOLY MOLY! gebraucht? Nach unserem ersten Album haben wir gefühlte Ewigkeiten getourt und auch nach LADY IN GOLD waren wir wirklich viel unterwegs. Deswegen brauchten wir alle dringend eine Pause; wir waren psychisch und körperlich erschöpft. 2018 legten wir also einen kurzen Stopp ein, dann verließ Dorian die Band. Irgendwie fiel alles auseinander. Wenn du auf Tour bist, hast du keine Zeit, über die grundlegenden Dinge nachzudenken. Man sieht seine Freunde und Familie nicht, wobei gerade das so wichtig ist, weil man einfach mehr ist, als diese Person da oben auf der Bühne. Dann passierte noch viel mehr Scheiße. Ein guter Freund von mir starb in diesem Jahr und ich verlor meinen Hund bei einem Unfall. Es folgte einfach ein Unglück auf das nächste. 2019 haben wir dann mit den Demos für die neue Platte angefangen, die schließlich im Januar dieses Jahres komplett fertig war. Für uns fühlte es sich also gar nicht so an, als hätten wir lange Pausen zwischen den Veröffentlichungen. Aber klar, von außerhalb sieht es wohl so aus.
Hat sich die Dynamik innerhalb der Band durch Dorians Weggang stark verändert? Anders ist derzeit schon mal, dass es jedem wieder gut geht und sich jeder auf die Musik konzentriert. Wir wollen das zu 100 Prozent machen, es fühlt sich fast danach an, als wären wir eine neue Band, obwohl wir ja nur einen neuen Bassisten haben und Zack an die Gitarre gewechselt ist. Rein musikalisch betrachtet sind wir wieder mehr Rock’n’Roll. Während der Proben und der Aufnahmen lief alles wunderbar und wir schöpfen jetzt wieder Energie aus den Blues Pills, statt – wie vorher – uns Energie davon rauben zu lassen.
Das Artwork reflektiert dann wohl diesen Prozess? Ganz genau. Das Cover stammt von Daria Hlazatova. Ich bin schon lange ein Fan ihrer Arbeit und wollte unbedingt, dass sie das Motiv für HOLY MOLY! gestaltet. Eigentlich sollte es ein ganz neues Bild werden, aber als wir langsam merkten, dass diese Platte irgendwie etwas dunkler klingen würde als angenommen, entschieden wir uns für dieses Kunstwerk mit dem Titel „Der Dieb“. Es passt einfach dazu: Diese Witwe, die den Teufel umarmt. Für mich geht es auf HOLY MOLY! genau darum, eben mit seinen inneren Dämonen Frieden zu schließen.
Es hebt sich definitiv von der blumigen Ästhetik der letzten Platten ab … Ja, das stimmt. Durch das neue Line-up fühlte es sich fast an, als wären die Blues Pills wiedergeboren. Und das Cover spiegelt dies insofern wider, da es optisch einen anderen Weg einschlägt. Wir läuten eine neue Ära ein.
Habt ihr euch unter Druck gesetzt gefühlt durch den Erfolg von LADY IN GOLD? Da wir dieses Mal in unserem eigenen Studio aufgenommen haben, war der Vibe sehr familiär. Dass wir in unserem Studio waren und in unseren eigenen Betten geschlafen haben, das schuf ein sehr angenehmes Umfeld. Ich fühlte mich fast wie damals, als wir an unserem Debüt gearbeitet haben. Wir waren total frei, weil uns niemand kannte und wir nicht davon ausgingen, dass sich irgendjemand außer unsere Mütter großartig dafür interessieren würde. Bei LADY IN GOLD war das schon ganz anders, ehrlich gesagt waren die Aufnahmen ein Albtraum. Das wollten wir nie wieder so machen. Außerdem sind wir inzwischen etwas reifer und ich kann für mich persönlich sagen: Es ist mir egal, was die Leute von mir erwarten. Die Meinungen anderer treffen mich nicht mehr.
HOLY MOLY! klingt sehr emotional und roh. Wohin wolltet ihr mit dem Sound? Wir wollten wirklich, dass es roher und durchschlagskräftiger klingt. Wir sind eine gute Liveband, das sollte auch auf den Aufnahmen durchkommen. Deshalb sind weniger Overdubs auf dem Album, weniger Schichten. Ich hatte das Gefühl, dass das neue Material Platz zum Atmen braucht. Seltsamerweise klingt es durch dieses Weglassen schwerer. Außerdem sollten instrumentale Parts drauf sein. Teile, wo die Stimme mal nicht im Vordergrund steht. Das war mir wichtig.
Die erste Singleauskopplung ist ein wichtiges Statement. Warum habt ihr euch für ›Proud Woman‹ entschieden? Ich finde, es ist einer der besten Songs auf der Platte. So wie ›Low Road‹. Außerdem wollten wir die Single im März veröffentlichen und da am 8. März internationaler Weltfrauentag ist, hat es einfach gut gepasst.
Hast du darüber nachgedacht, dass der klassische Rockfan sich vielleicht nicht mit der Botschaft identifizieren kann? (lacht) Am Anfang tatsächlich überhaupt nicht. Wir waren so naiv, weil wir uns dachten: Na klar, jeder ist für Gleichberechtigung, wieso sollte der Song also anecken? Für uns ist an diesem Lied nichts Kontroverses. Bis uns dann aufgefallen ist: Fuck, da sind ein paar verdammt angepisste Typen, denen das gar nicht gefällt.
Wurde deswegen auch die Kommentarfunktion unter dem YouTube-Video gesperrt? Ja, Nuclear Blast hat dem Ganzen irgendwann einen Riegel vorgeschoben. In den Kommentaren entwickelte sich blanker Frauenhass, was ich eigentlich schon gewohnt bin, aber am Ende schlug es auch noch in Rassismus um und das war zu viel. Ich meine, der Song ist für Frauen und alle, die sich mit dem Frau-Sein identifizieren, es ist mir also scheißegal, was für eine verquere Meinung irgendwelche Typen da draußen zu dem Lied haben. Das sind wahrscheinlich dieselben Kerle, die lauthals bei ›Devil Man‹ vom ersten Album mitsingen und nicht mal kapieren, dass es darin genau um den Typus Mann geht, den sie darstellen. (lacht) Wer hätte gedacht, dass man durch den simplen Satz „Ich bin eine stolze Frau und ich bin nicht die einzige“ gleich als männerhassende Schlampe abgestempelt wird. An dieser Stelle möchte ich nochmal betonen: Ich hasse Männer nicht. (lacht) Die Gleichberechtigung sollte einfach ein Ansinnen aller Menschen sein, nicht nur die von mir oder anderen Frauen.
Das Album schließt mit dem Depressions-Wiegenlied ›Longest Lasting Friend‹. In welcher Stimmung ist dieser Song entstanden? Ich war total depressiv und habe schon mein ganzes Leben mit krassen Höhen und Tiefen zu tun – Depressionen eben. Das Lied entstand, als ich meine Medikamente abgesetzt habe. Ich möchte keine Tabletten mehr nehmen, weil es meine Kreativität und Lebensfreude betäubt. Inzwischen habe ich Strategien entwickelt, um mit den Tiefen umzugehen. Diese Stimmung spiegelt sich auf dem ganzen Album wider, es ist viel düsterer und depressiver als die Vorgänger. Aber oft ist es einfach auch so, dass man in schlechten Zeiten etwas Wunderschönes erschaffen kann.
Und wie geht es dir aktuell? Was geht dir im Kopf um so kurz vor dem Release? Ich freue mich total auf die Veröffentlichung, das Ding ist schließlich seit Januar fertig. Ich möchte jetzt einfach nach dem vielen Hin und Her mit Corona, dass es rauskommt, weil ich sehr stolz auf HOLY MOLY! bin und ich mich dann schon wieder auf die nächste Platte konzentrieren möchte. In meinem Privatleben tut sich derzeit auch etwas: Ich werde in einer Woche heiraten, das beschäftigt mich gerade am meisten. (lacht)
Zum Geburtstag von Rick Allen hier ein Clip, der damals ziemlich „State-of-the-art“ war…
Heute wird Rick Allen 57 Jahre alt. Grund genug, um ihm zu Ehren das ‚Video der Woche‘ seiner Band Def Leppard zu widmen.
Deshalb beamen wir uns zurück ins Jahr 1992, als Def Leppard ›Let’s Get Rocked‹ vom Album ADRENALIZE auskoppelten und mit dem animierten Video einen ziemlichen „State-of-the-art“-Clip veröffentlichten. Aus heutiger Sicht wirkt die Animation natürlich höchstens liebenswert, für damalige Verhältnisse jedoch war das Konzept ein absolutes Novum.
Simpel, impulsiv, exzentrisch und einfach wunderbar – so beschreiben die drei alten schwedischen Haudegen von Statues ihr zweites Album und huldigen ungeniert nostalgisch den Bands aus dem SST-Umfeld, die ihnen schon vor 30 Jahren als Inspiration dienten. Bisweilen wirkt HOLOSCENE wie ein Sprung zurück in eine Zeit, als furios-melodiöser Alternative Rock noch Popcore hieß und Hüsker Dü oder Sonic Youth Politik mit Spaß und Aggressionen mit Eingängigkeit auf bahnbrechenden Platten im Jahrestakt vereinten.
Intensiver und wütender als bei Vorgängerprojekten wie Starmarket, KVLR und The Vultures lassen Statues hier lässig krachend Geschmackssicherheit über Innovation triumphieren. Passt in jeder Plattensammlung prima zwischen CANDY APPLE GREY und SISTER.
Stevie Nicks ist eine Geschichtenerzählerin. Ob als Frontfrau von Fleetwood Mac oder als vielfach ausgezeichnete Solokünstlerin. Eine irgendwie rätselhafte Musikerin, die in mittlerweile fünfeinhalb Schaffensdekaden durch diverse Höhen und Tiefen gegangen ist, die dabei ganze Fan-Generationen mit auf ihre Reise genommen hat und die bis heute von modernen Rock- und Popacts wie Lana del Rey als wichtiger Einfluss genannt wird. Und eine Frau, die sich trotz ihrer enormen Wandlungsfähigkeit immer treu geblieben ist: Vom Blues-Hippie über die Pop-Elfe und Folk-Zauberin bis hin zu ihrer wunderbar selbstironischen Gastrolle als singende Hexe in der TV-Serie „American Horror Story“. Ihre schönsten Geschichten hat die amerikanische Singer/Songwriter-Ikone und zweifache Rock-&-Roll-Hall-Of-Fame-Würdenträgerin auf ihrer 2017 mitgeschnittenen US-Tour erzählt, die kürzlich unter dem Titel THE 24 KARAT GOLD TOUR als Kinofilm und Konzertalbum veröffentlicht wurde.
17 Songs lang führt die 72-jährige Grande Dame mit der markanten Gänsehautstimme elegant durch ihre neue Greatest-Hits-Werkschau. ›If Anyone Falls‹, ›Rhiannon‹, die Prince gewidmete Ballade ›Moonlight (A Vampire’s Dream)‹, das ursprüngliche Tom-Petty-Duett ›Stop Dragging My Heart Around‹, ›Gypsy‹. Mit anderen Worten: pure Magie!
Hinter Mastermind Mark Holley steht im Jahr 2020 eine komplett neue Rhythmusfraktion, die dieses dritte Album unter der Fahne der Black Foxxes mit ihm bestreitet. Auf den neun gefühlsgeladenen Tracks zeigt sich der Künstler aus Bristol befreit von jeglichen Genre-Standards und wechselt fließend zwischen Alternativ- und Indie-Vibes, zwischen schnell und langsam, zwischen Synths und Gitarren. Tracks wie das schwelende ›Drug Holiday‹ könnten dabei von Queens Of The Stone Ages LIKE CLOCKWORK stammen, während Lieder wie ›Pacific‹ auf verträumten Klangwolken zu schweben scheinen.
Auch Einflüsse von Künstlerinnen wie Billie Eilish mag der dem modernen Musikgeschehen geneigte Hörer stellenweise ausmachen. Besonders an alledem ist vor allem Holleys Gesang, der diesem Album mal kniefällig flehend, mal krächzend schreiend, mal zerbrechlich flüsternd einen unglaublich eindringlichen Charakter verleiht und zur rechten Zeit für Gänsehaut sorgt.
Comeback aus Solidarität: Midnight Oil singen mit Australiens Ureinwohnern
Was Midnight Oil in den 80ern immer auszeichnete, das war ihre Eindringlichkeit. Hier gab’s keine verklausuliert schwurbelige Poesie, Sänger Peter Garrett sang immer Klartext. Gegen die Aufrüstung, die Umweltverschmutzung, die Marginalisierung der Ureinwohner in seiner australischen Heimat. Und so deutlich Garrett seine Meinung formulierte, so prägnant untermalte ihn seine Band. Dadurch wurden Songs wie ›Beds Are Burning‹ oder ›Blue Sky Mine‹ zu knackig stampfenden Welterfolgen. Garrett ist als Symbolfigur der australischen Linken dann in der Tat in die Politik gegangen, wurde Umweltminister, Bildungsminister. 2016 die Reunion von Midnight Oil, zuerst nur für Konzerte. Mit THE MAKARRATA PROJECT erscheint nun das erste Album seit CAPRICORNIA (2002). Wichtig: Garrett ist natürlich immer zuallererst Aktivist. Es gibt ein übergeordnetes Thema auf dem 33-minütigen Minialbum, nämlich die Verankerung von Ureinwohner-Rechten in der australischen Verfassung. Entsprechend gastieren auf allen Songs Aborigine-Musiker. Wer nun fürchtet, dieser rote Faden gehe zu Lasten der Musik, irrt. Weil bei Midnight Oil immer schon der Inhalt der Botschaft die Power überhaupt erst bedingte. Garrett und Co haben hier etwas mitzuteilen. Ergo kicken die Songs von selbst.