Inzwischen weiß man längst: Hinter den Eels steckt „E“ aka Mark Oliver Everett, ein komplexer Kauz. Sein Vater einer der bedeutendsten Physiker der Geschichte, sein Leben eine Abfolge von Schicksalsschlägen. Seit BEAUTIFUL FREAK (1996), in Post-Grunge-Zeiten ein erstaunlicher MTV-Erfolg, zieht E sein Ding durch. Was bedeutet: Der Amerikaner kontrastiert tiefschürfende Texte aus seinem komplizierten Leben mit entwaffnend schlichten Popsongs. Eels’ Lieder sind im Kern so simpel wie Kinderreime, Abwechslung steckt dafür in den Arrangements. Die fallen minimalistisch, kindlich-verspielt, pittoresk und (früher zumindest) auch mal spröde rumpelrockig aus.
EARTH TO DORA ist bereits das 13. Album der Eels. Es folgt dem vorgegebenen Pfad. Warum auch nicht? Für ein weiteres feines Werk einer Charakterfigur reicht’s.
Konzert der 2019er Amerikatournee mit kleinen Durchhängern
Natürlich hat der Zahn der Zeit auch an Yes mächtig genagt: Die Gründungsmitglieder Chris Squire und Peter Banks leben nicht mehr, Sangesikone Jon Anderson hat die Band schon vor Jahren verlassen, und Tastenmeister Rick Wakeman gehört eh nicht mehr zum Stammpersonal. Bleiben Gitarrist Steve Howe und Schlagzeuger Alan White von der Originalbesetzung, plus mit Keyboarder Geoff Downes und Bassist Billy Sherwood zwei Langzeitmitglieder sowie mit Sänger Jon Davison ein Frontmann, der seit dem Einstieg vor acht Jahren seine Sache – bedenkt man den großen Schatten, in dem er steht – akzeptabel macht. Aufgenommen auf der 2019er Amerika-Tournee, konzentriert sich THE ROYAL AFFAIR TOUR – LIVE FROM LAS VEGAS auf Songs der Jahre 1970 bis 1980, mit den Höhepunkten ›Going For The One‹, ›I’ve Seen All Good People‹, ›Siberian Khatru‹, ›Roundabout‹ und ›Starship Trooper‹. So weit, so gut. Für leichte Irritationen sorgen allerdings Coverversionen von Paul Simons ›America‹ und John Lennons historischem Friedensappell ›Imagine‹, der durch Howes zittriges Gitarrensolo zusätzliche Schieflage bekommt. Ergo: Na ja …
6 von 10 Punkten
Yes, THE ROYAL AFFAIR TOUR – LIVE FROM LAS VEGAS, BMG RIGHTS/WARNER
Es gibt ja bekanntlich nichts, was Faith-No-More-Frontmann Mike Patton nicht schon ausprobiert hätte, der Groove-lastige Crossover-Metal seiner Stammband, Filmscores, Avantgarde- und Instrumental-Epen, unzählige Kollaboration mit respektierten Künstlern aus der E- und U-Musik sowie ein Album mit italienischen Schlagern und Standards der 50er- und 60er-Jahre sind Ausdruck seiner unersättlichen Experimentierfreude.
Fast alle diese Stile in einem Projekt vereinen Mr. Bungle, wenngleich auch mit leichter Schlagseite zum Thrash Metal. Eine Zeitreise zurück in die goldenen 80er tritt man mit THE RAGING WRATH OF THE EASTER BUNNY DEMO an, jenem ersten Demo, dessen Songs die Truppe noch zu High-School-Zeiten zwar schrieb, doch nie aufnahm.
Das haben die Originalmitglieder Mike Patton, Trey Spruance und Trevor Dunn, verstärkt um Scott Ian (Anthrax) und Dave Lombardo (Slayer, Dead Cross), nun nachgeholt. Erweitert um Coverversionen von S.O.D.’s Klassiker ›Hypocrites/Habla Español O Muere‹ (aka ›Speak English Or Die‹) und Corrosion Of Conformity’s ›Loss For Words‹ legt THE RAGING WRATH … ein aberwitziges Zeugnis davon ab, wie unzähmbar musikalische Freigeister sind.
Was wäre die Geschichte des WDR Rockpalastes, wären nicht mindestens einmal auch die schottischen Folkrocker Runrig zu Gast gewesen? Erfreulicherweise waren sie es sogar dreimal! Zwei ihrer Konzerte finden jetzt in einem prallgefüllten 4-CD/2-DVD-Boxset die verdiente Veröffentlichung. Am 3. Februar 1996 gastierte die Band in der Düsseldorfer Philipshalle mit ihrem Frontmann Donnie Munro, der ein Jahr später die Gruppe verließ und durch Bruce Guthro ersetzt wurde. Der wiederum führte Runrig am 15. Dezember 2001 im Kölner Palladium durch eine nicht minder stimmungsvolle Show. Bei beiden Konzerten glänzte die Band durch ihre unfassbare Vielseitigkeit, die nicht selten durch die Gitarren, Flöten, Pipes, Dudelsäcke und Akkordeons eines Malcolm Jones prachtvoll in Szene gesetzt wurde. Speziell ihre historisch-schottischen Texte, nicht selten in Gälisch verfasst, machte die Gruppe absolut einzigartig. Mittlerweile sind Runrig aufgelöst, nach einer von 1973 bis 2018 dauernden Karriere voller Verdienste, die auf LIVE AT ROCKPALAST 1996 & 2001 – dem Zeitpunkt der Aufnahmen geschuldet – natürlich nicht allumfassend berücksichtigt werden konnten.
Die deutschen AC/DC legen wieder los – mit DAS GELD LIEGT AUF DER STRASSE veröffentlichen Ohrenfeindt Studioalbum Nummer neun. Von ihrer bisherigen Formel weichen die Riff-Rocker von der Reeperbahn auch diesmal keinen Millimeter ab: Klassische Rock’n’Roll-Riffs treffen auf die Reibeisenstimme von Bandchef Chris Laut und witzige Texte. Schon der Titeltrack, der das Album eröffnet, zaubert ein breites Grinsen ins Gesicht: „Das Geld liegt auf der Straße, doch du kannst dich nicht bücken, direkt vor deiner Nase, aber du hast wieder mal Rücken“.
Song zwei macht allein schon durch seinen Titel klar, wo der Hammer hängt: „Du brauchst Rock“ – stimmt! Das ist natürlich kein bisschen innovativ oder gar progressiv, dafür aber so grundsympathisch und bodenständig wie ein Kasten Bier. Da verzeiht man den Hamburgern auch gern mal ein schwächeres Stück wie „Ich kümmer mich drum“. Denn spätestens bei „Hektik“ wird das Gaspedal wieder voll durchgetreten, auch wenn Chris Laut hier vom Text her im Stau steht und zu spät zur Arbeit kommt. Manchmal liegt eben nicht nur Geld auf der Straße, sondern auch der nächste Nervenzusammenbruch.
7 von 10 Punkten
Ohrenfeindt, DAS GELD LIEGT AUF DER STRASSE, METALVILLE/ROUGH TRADE
Hier gibt es den brandneuen futuristischen Clip von Steven Wilson zu sehen.
Am 29. Januar veröffentlicht Steven Wilson nun endlich sein neues Album FUTURE BITES und mit ›King Ghost‹ eine weitere Single vorab, das zugehörige Video von Jess Cope umgesetzt.
Steven Wilson über den Song: „King Ghost ist einer meiner Lieblingssongs des neuen Albums und ich denke, einer der schönsten, die ich je geschrieben habe; kraftvoll in seiner scheinbaren Einfachheit. Abgesehen von den Perkussions-Overdubs (gespielt von Jason Cooper von The Cure und Michael Spearman von Everything Everything), ist die Musik vollständig elektronisch. Analoge Keyboards erzeugen leuchtende, organische Muster und Töne. Ähnlich wie der Song konzentriert sich auch das Video, das Jess geschaffen hat, auf satte Farben und den Ausdruck von Gedanken und Gefühlen durch abstrakte Bilder, etwas, das unsere Zusammenarbeit auf neues Terrain geführt hat. Es ist umwerfend und ich bin unglaublich stolz auf die Kombination von Song und Video“.
HOW DO WE WANT TO LIVE?, fragt Deutschlands wichtigste Instrumental-Band mit ihrem siebten Album. Damit ist weniger eine musikalische Ausgabe von „Schöner wohnen“ gemeint, eher geht es um die immer dünner werdende Linie zwischen Mensch und Maschine. Entsprechend elektronisch legiert, glänzt der überwältigende PostRock der Münsteraner im Krisenjahr 2020.
Die Neugier hat uns weit gebracht. Um die Welt, auf den Mond, auf den Grund der Tiefsee. Sie hat auch HOW DO WE WANT TO LIVE? geprägt, das siebte Album der Münsteraner Post-Rock-Größe Long Distance Calling. „Nur Neugier ermöglicht Fortschritt“, betont Basser Jan Hoffmann. „Mit all seinen Licht- und Schattenseiten.“ Das Licht und den Schatten fängt seine Band mal wieder wunderbar ein. Die instrumentalen Kapriziosen sind längst zum Trademark geworden, ein wuchtiger, schwereloser Kosmos für sich, der keine Worte mehr braucht, um eine Geschichte zu erzählen.
HOW DO WE WANT TO LIVE? funktioniert wie eine Sci-Fi-Serie, bei der man den Ton abgestellt hat, transportiert Bedeutung ganz universell und global über Musik. Und ist zu gleichen Teilen Utopie und Dystopie. „Es war uns wichtig, beide Seiten derselben Medaille abzubilden“, sagt Hoffmann zum Konzept. „Fortschritt und Zukunft haben immer auch ihre positiven Seiten. Wir wollten keine rein dunkle Welt malen. Viele Aspekte des Fortschritts – und speziell der künstlichen Intelligenz – erleichtern unser Leben und werden das auch in Zukunft tun. Aber“, betont er, „wir sollten nicht den Anschluss verlieren, sondern den Überblick behalten.“ Passend zum visionären Blick in eine noch kommende Zeit heißen Long Distance Calling verstärkt elektronische Elemente in ihrer Welt willkommen. „Das war naheliegend, um die Verbindung zwischen Mensch und Maschine zu betonen. Außerdem wollten wir nach unserem letzten, recht harten Album BOUNDLESS den elektronischen Aspekt unserer Musik etwas mehr in den Vordergrund rücken.
Wir lieben es, mit jedem Album etwas Neues zu probieren und zu sehen, wohin uns die Reise führt.“ In der Tat klingt jedes der sieben Werke anders und dennoch vertraut. Long Distance Calling loten die Möglichkeiten der instrumentalen Musik auch 2020 weiter aus, geben sich höchst atmosphärisch, gar spacig und vermitteln ein bewegendes Gefühl der Monumentalität. Es wird bei jeder Note klar, dass es hier um große, elementare Dinge geht. Ganz ohne Gesang ist das nach wie vor erstaunlich, nichts anderes. „Vielleicht war das immer unsere Stärke“, überlegt der Bassist, „aber diesmal haben wir durch den Einsatz von Sprachsamples ein gewisses Narrativ erschaffen, das den Hörer durch das Album führt.“ Mit ›Beyond Your Limits‹ sind sich die Münsteraner auch der Tradition treu geblieben, einen Song mit Gesang auf das Album zu nehmen.
Das Besondere: Er ist aus Sicht der Maschine geschrieben und erlaubt es, die Dinge von der anderen Seite zu betrachten. Am Ende haben natürlich auch Long Distance Calling keine allgemeingültige Antwort auf die Frage parat, wie wir in Zukunft leben wollen. Aber sie geben mehr als genug Anhaltspunkte, um mal darüber nachzudenken. „Werden wir durch die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz ein Stück unserer Freiheit und Autonomie aufgeben – oder wollen wir die Zügel in der Hand behalten?“, fragt Hoffmann. Mal abwarten, was die Maschinen dazu sagen werden …
11. Juli 1960: The Shadows‘ erste UK-Nummer-1 ›Apache‹ erscheint.
Sologitarrist Hank Marvin, Rhythmusgitarrist Bruce Welch, Bassist Jet Harris und Schlagzeuger Tony Meehan stellten die Begleitband von Teenager-Idol Cliff Richard, Großbritanniens Antwort auf US-Rock‘n‘Roll-Tsunami Elvis Presley. Als Flops erwiesen hatten sich 1959 die Singles ›Feelin‘ Fine‹, ›Jet Black‹ (beide noch als The Drifters) sowie ›Lonesome Fella‹ unter dem Neu-Logo The Shadows.
Im Frühjahr 1960 befand sich das Quartett auf Tour als Support Act von Gitarrist Bert Weedon (59er-Hits ›Guitar Boogie Shuffle‹, ›Nashville Boogie‹). Schon Monate zuvor hatte Weedon das von Songwriter Jerry Lordan komponierte und durch den gleichnamigen 54er Hollywood-Western inspirierte Instrumental ›Apache‹ eingespielt, jedoch unveröffentlicht belassen. Weedon befand, dass die Nummer prima zu den Shadows passen würde. Gesagt, getan. Bei den Aufnahmen am 17. Juni in den Londoner EMI Abbey Road Studios koppelte Hank Marvin erstmals seine Fender Stratocaster samt Tremolo-Arm-Technik mit einer von Kollege Joe Brow frisch erworbenen Echokammer. Bruce Welch nutzte ein Gibson Akustikmodell J200 von Cliff Richard, der wiederum die Rhythmussektion Jet Harris und Tony Meehan unterstützte: An Chinese Drum verlieh Richards dem gehallten Stück typisches Indianer-Flair.
Als A-Seite sollte ursprünglich der Armee-Song ›The Quartermasster‘s Stores‹ fungieren. Produzent Norrie Paramor änderte jedoch seine Meinung, als seine kleine Tochter beim ersten Hören der B-Seite den Vorzug gab. Nach Erscheinen am 11. Juli 1960 kletterte der tapfere ›Apache‹, die prägnanteste britische 45er der Prä-Beatles-Ära, die UK-Charts bis auf Platz 1. Bert Weedons Version blieb auf Rang 24 hängen. In den USA sahnten weder Weedon noch die Shadows ab: Dort besorgte das der talentierte Däne Jørgen Ingmann.