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Start Blog Seite 395

Cold Years: Robuste Geradlinigkeit

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„We’re just four best friends that want to see the world playing Rock’n’Roll“, lacht Ross Gordon von den schottischen Alternative-Rockern Cold Years. „Wir hätten allein in diesem Sommer drei oder vier Mal nach Deutschland kommen sollen“, gibt sich der Frontmann etwas wehmütig. „Erst waren wir auf jede Menge Festivals in ganz Europa gebucht und dann hätte es eine ausführliche Club-Tour auf eigene Rechnung gegeben. Aus eurem Land kommt bisher deutlich das meiste Feedback auf unsere Musik von außerhalb Großbritanniens. Durch die weltweite COVID-19-Pandemie hat sich das Ganze nun leider etwas verschoben. Aber wir werden definitiv so schnell wie möglich kommen.

Ich kann es kaum erwarten, unseren deutschen Fans PARADISE live vorzustellen und hoffentlich noch viele neue Anhänger dazuzugewinnen, bevor wir dann unseren ebenfalls vorerst gecancelten ersten Trip in die USA nachholen.“ Ross ist seit Teenagertagen in Bands aktiv; genau wie seine drei Kollegen. „Aberdeen ist nicht gerade eine Metropole, liegt ganz im Osten des nördlichen Schottlands und ist deshalb ziemlich weit weg vom Schuss. Viele junge Leute gehen fort – nach Glasgow beziehungsweise gleich nach Manchester oder London. Trotzdem haben wir hier eine erstaunlich rührige Musikszene. Jeder von uns vier hatte über die Jahre schon mal mit jedem der anderen in der einen oder anderen Gruppe gespielt“, berichtet der sympathische Früh-Dreißiger.

„Auf die Idee, uns in dieser Formation zusammenzubringen, kam ich aber erst, als wir uns zufällig eines
Abends alle in einem Pub über den Weg liefen, fröhlich miteinander quatschten und tranken.“ Seitdem haben die Burschen einige Singles und EPs veröffentlicht, die ihnen aufgrund ihres leicht melancholisch anmutenden Mixes aus Springsteen, The Clash und 90er-Rock den Ruf einbrachten, so etwas wie die keltischen The Gaslight Anthem zu sein. „Das sind alles wichtige Einflüsse“, gesteht Ross, der davon träumt, irgendwann mit den Foo Fighters zu touren. „Mit unserem Debüt sind wir nun allerdings um
einiges robuster geworden. Die Stücke sind klarer, gradliniger und deutlich härter.“ „Wenn ich so zurückblicke“, sagt er, „hatten wir bis hierher wohl ein wenig Bammel, echte Risiken einzugehen, uns auf eine eigene Richtung festzulegen. Und das nicht nur musikalisch, sondern auch was meine Texte anging.

Als ich dann ›Breathe‹ schrieb, änderte sich das schlagartig. Wir hatten alle den Eindruck, uns und unseren originären Sound endlich gefunden zu haben. Die Nummer kam zudem live sowie im lokalen Radio gut an und gab uns viel Selbstvertrauen, in diese Richtung weiterzumachen. Als wir ins Studio gingen, setzten wir uns das Ziel, die Scheibe zu machen, die in unseren eigenen Plattensammlungen immer gefehlt hatte. Ich bin stolz, sagen zu können, dass uns dies tatsächlich gelungen ist.“

Wytch Hazel: Satan hat Sendepause

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Das Gegenstück zu den schwedischen Rock-Antichristen Ghost heißt Wytch Hazel, kommt aus England und zeigt mit III: PENTECOST, dass es letztlich keinen Unterschied macht, ob man dem da oben oder dem da unten huldigt.

Warum kommt der Teufel in der Rockmusik eigentlich immer so gut weg? Auf ihrem dritten Album III: PENTECOST liefern die Hardrock-Minnesänger aus Artus’ Tagen die Antwort: Weil niemand bislang der anderen Seite derart griff ige Songs auf den Leib geschrieben hat. Damit wollen Wytch Hazel aufräumen.
Quasi als Antithese zu den okkulten Satansrockern von Ghost verpacken sie die frohe Botschaft der Bibel in süffige, griffige Hymnen zwischen Thin Lizzy, Ghost und den frühen Scorpions.

Doch so ernst Sänger, Gitarrist und Komponist Colin Hendra seinen christlichen Glauben als Anhänger der Pfingstbewegung auch nimmt: Er will nie der moralisierende, priesterliche Gutmensch sein, der alle
mit seinem Glauben in den Wahnsinn treibt. „Ich würde mich als ziemlich entspannt und liberal bezeichnen“, sagt der Engländer. Ergo hat er auch kein Problem mit all den bösen Buben des Rock’n’Roll. „Wenn man diese Musik schon so lange hört, verliert sie ihren okkulten Schrecken. Meine Oma würde Black Sabbath vielleicht als Inbegriff des Bösen bezeichnen, aber ich finde sie großartig. Außerdem ging es mir immer schon um die Musik, nicht um das Image.“

Mit einer Nummer wie ›Archangel‹ zeigen Wytch Hazel clever, dass man das diabolische Ghost-Game auch ganz einfach umkehren kann. Ganz ohne Teufel und Verdammnis. Entsprechend fromm auch die Kernbotschaft von III: PENTECOST: „Dem Titel entsprechend, geht es um die Ankunft des heiligen Geistes bei den Jüngern Jesu. Und somit um den Beginn der spirituellen Kriegsführung“. Es macht eben gar keinen großen Unterschied, auf welcher Seite man steht: Am Ende kämpft doch immer wieder das Gute gegen das Böse. Oder andersrum. Wytch Hazel vertonen diese Schlacht ziemlich unterhaltsam
– und beeindruckend detailverliebt: Ein ganzes Jahr schraubte Colin Hendra nach Abschluss der Aufnahmen noch an den Stücken herum.


Als Perfektionist würde er sich dennoch nicht bezeichnen. „Zumindest nicht immer. Wenn es um die Musik geht, tendiere ich aber dazu, alles zu zerdenken. Das ist nicht leicht, aber ich habe den Drang, immer besser zu werden.“ Zum Glück hat er aufgehört, bevor III: PENTECOST zu Tode analysiert und poliert wurde. So stehen die Stücke für sich, starke Beispiele englischer Hardrock-Denkmalpflege. „Am Ende konnte ich das Album nicht mehr sehen“, lacht er. „Ich hatte zwei Jahre damit verbracht und es
immer noch nicht veröffentlicht. Es wurde dann wirklich Zeit, alles abzuschließen.“ Hat er geschafft. Und leistet nicht nur mit der Durchnummerierung seines bisherigen Werks einen Beitrag zur Rockgeschichte seines Landes. Ganz gleich, ob nun für Gott oder Satan. Hauptsache, es funktioniert.

Mike Tramp – TRAMPTHOLOGY

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23 Jahre im Rückspiegel

Nach 12 Studioalben blickt Mike Tramp, der in den 80ern mit White Lion und Anfang der 90er mit Freak Of Nature für Furore sorgte, auf seine bisherige Solokarriere zurück. Neben 16 prägnanten Songs von CAPRICORN (1997) bis zum 2020er Opus SECOND TIME AROUND gibt es vier neue Stücke. ›Ain’t Done Yet‹ verbindet Tramp’sche Trademarks mit schmissigen Countryversatzstücken, ›Take Me Away‹ besitzt einen der coolsten Telecasterläufe in Mikes gesamter Diskographie, ›Every Time‹ eine enorm nachdenkliche Note und ›I’ll Never Be Young Again‹ erzählt in abgeklärten Worten von der Erkenntnis, dass längst vergangene Tage unweigerlich vorbei sind. TRAMPTHOLOGY besitzt dank der neuen Tracks auch einen Kaufanreiz für Fans, die den kompletten Backkatalog des charismatischen Dänen besitzen. Neueinstiger bekommen indes einen guten Überblick über sein bisheriges Schaffen, der dank der neuen Tracks auch beim Aufbau einer Tramp-Sammlung seinen Reiz behält.

7 von 10 Punkten

Mike Tramp, TRAMPTHOLOGY, TARGET RECORDS/SPV

Paul McCartney – MCCARTNEY III

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Da hat jemand den Lockdown aber prouktiv genutzt

Vor zwei Jahren überraschte er die Welt mit dem gelungenen EGYPT STATION, mit MCCARTNEY III knüpft er nun – gerade noch rechtzeitig zum 50. Jubiläum seiner Post-Beatles-Karriere – zumindest numerisch an sein namenloses Debüt und das 1980 erschienene MCCARTNEY II an. Mit der Aufnahme im Heimstudio und der Tatsache, dass Macca fast alle Instrumente selbst spielt, haben die Werke dieser Solo-Trilogie zwei Dinge gemein. Neu: Von EGYPT STATION wurde der stilistisch offene, teils gar experimentelle Charakter übernommen. ›Deep Deep Feeling‹ etwa oszilliert zwischen minimalistischen Pianoakkorden, fragmentarischem Schlagzeug und einem nahezu avantgardistischen Mittelteil, erinnert dabei einerseits an den komplexen, freigeistigen R’n’B von Prince, andererseits an die repetitive textliche Simplizität von Kollege Lennons ›I Want You (She’s So Heavy)‹. Für herzhaften Pub-Rock ist die ›Lavatory Lil‹ zuständig, ›Slidin’‹ flirtet mit psychedelischem Glam-Rock, während ›The Kiss Of Venus‹ wie ein leicht hysterischer,
aber bei Stromausfall dargebotener Song der Sparks klingt – bevor ein Cembalo Kammerpop-Flair verbreitet. Folk spielt auf MCCARTNEY III eine tragende Rolle. Nicht zwangsläufig in akustischer Reinform, aber als Basis für Songwriter-Pop wie ›Find My Way‹, das kunstvoll arrangierte Eröffnungsstück ›Long Tailed Winter Bird‹ oder dessen Music-Hall-Gegenstück ›Winter Bird‹, mit dem das Album endet. Fehlt noch was? Genau: Eine zugängliche Britpop-Hymne wie ›Seize The Day‹, mit der McCartney die Herzen aller Beatles-Fans erobern kann. Die gute Nachricht: Er wagt weiterhin Neues. Die noch Bessere: Es funktioniert tadellos.

8 von 10 Punkten

Paul McCartney, MCCARTNEY III, CAPITOL/UNIVERSAL

Video der Woche: The Black Crowes mit ›Hard To Handle‹

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Chris Robinson wird heute 54 Jahre alt. Grund genug, dem Hippie und Black-Crowes-Mann das ‚Video der Woche‘ zu widmen.

Vor dem Hintergrund der unerwarteten Reunion mit seinem Bruder Rich Robinson im Jahr 2019 blicken wir heute nochmal auf die Anfänge der Krähen zurück, als sie mit ihrem Debütalbum SHAKE YOUR MONEYMAKER und dem Otis-Redding-Cover ›Hard To Handle‹ auf der Bildfläche erschienen.

Chamberlain: RED WEATHER

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Das erste Album seit 22 Jahren

Satte zwei Jahrzehnte nach dem letzten Studio-Output THE MOON MY SADDLE hat die Kult-Formation Chamberlain aus Indianapolis sowie Bloomington, Indiana, mit RED WEATHER endlich einen neuen Longplayer am Start. Und was für ein emotionales Brett! Gestartet sind Chamberlain in den 90ern als Split Lip und als Post-Hardcore-Band bevor 1995 ein Stil- und Namenswechsel unvermeidbar wurde und mit FATE’S GOT A DRIVER die Blaupause, der Gold-Standard für Emo-Core aus dem Studio entlassen wurde. Kurz vor dem Nachfolger THE MOON MY SADDLE steht der Fünfer auf dem Sprung zum Major, was sich aber in letzter Sekunde zerschlägt – woraufhin sich die Truppe in alle Himmelrichtungen zerstreut. Seit 2009 ist man für einzelne Shows und kurze Tourneen wieder zusammen, doch erst 2019 gibt es tatsächlich neue Musik, die in dem vorliegenden Album gipfelt. Der Start entpuppt sich verhalten (die zweite Nummer, ›Calling All Cars‹, ist klar der schwierigste Track), ehe Chamberlain richtig in Fahrt kommen. Der Titeltrack ist Emotion pur, Bono/U2 würden morden, könnten sie je so einen Song schreiben.

›One Soul‹ versprüht Country-Dramatik und eine wunderschöne Stimmung. ›Some Other Sky‹ ist fast Indiepop, den man sich auch als Gospel gut vorstellen kann. ›Every Trick In The Book‹ rockt (fast als einzige Ausnahme) trotz dominierender akustischer Gitarren. ›Lion In The Well‹ beginnt folkig,
wird dann aber zu epochalem Großbildleinwand-Kino, ›Lights Go Low‹ ist ähnlich gestrickt und ›Take What You Can Get‹ feinster Singer/Songwriter-Country. Eine sehr erwachsene Platte, sicher eines der Highlights des zu Ende gehenden Jahres.

8 von 10 Punkten

Chamberlain, RED WEATHER, ARCTIC RODEO/BROKEN SILENCE

Keith Richards im Interview: Mein 2020

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Wie bei uns allen wurde auch sein Jahr von ihr-wisst-schon-was dominiert. Mit seinem Lesepensum ist er zwar in Verzug, doch er hat dennoch die Zeit gefunden, „herumzusitzen und Songs zu schreiben, oder Teile davon“.

Es dürfte wohl kein einziges Individuum am Rockfirmament geben, das die Ehrung „bedarf keiner Vorstellung“ mehr verdient als Keith Richards. Der Gitarrist der Rolling Stones lebt die „Menschliches Riff“-Legende seit bald 60 Jahren und hat schon mythischen Status erreicht. Doch das Coronavirus schert sich nicht um Reputationen, also ist auch Keith im Lockdown. Er hat sich frohgemut damit abgefunden, sich in seiner Blase in Connecticut „einzubuchten“, und ist ganz sein überschwängliches
Selbst, ob er auf die „Solo“-Jahre als Frontmann mit den X-Pensive Winos zurückblickt oder nach vorne auf eine Rückkehr zur sogenannten Normalität.


War das Spielen mit den X-Pensive Winos nach all den Jahren mit den Rolling Stones für dich eine befreiende Erfahrung?
Yeah, in gewisser Weise schon. Es war mal etwas anderes. Frontmann zu sein, war sehr ungewöhnlich für mich. Als das zum Ende kam, wusste ich Micks Job wesentlich mehr zu schätzen, das kann ich dir sagen. Denn [auf der Bühne] mit den Stones kann ich rumlaufen, wie es mir passt. Ich kann mich bei Charlie [Watts] verstecken oder nach vorne gehen. Mir wurde der permanente Druck bewusst, jeden
Song singen zu müssen. Ich hatte damit gerechnet, dass das eine Herausforderung sein würde, und das war es dann auch. Es ging nur darum, sich dieser Herausforderung zu stellen, und das genoss ich sehr.

Das ganze Interview mit Keith Richards lest ihr hier in der brandneuen Ausgabe von CLASSIC ROCK.

Viper Queen – SURRENDER TO THE BITE

Viper, Viper!

Und er ist ausgezogen aus dem Verlagshause, um die Oldschool-Metal-Welt im Sturm zu erobern. Das oder zumindest so etwas ähnliches muss sich wohl unser allseits geschätzter Ex-Kollege Michael Wolf gedacht haben, als er nach seiner Lehrzeit bei uns seine brandneue Kombo Viper Queen auf die geneigte Hörerschaft losließ. Statt jedoch hinterrücks hämotoxische Gifte wie das namensgebende Tier zu verspritzen, schlängeln sich Viper Queen direkt ins Ohr und bleiben dort hartnäckig haften. Schuld daran ist der kernige 80er Hardrock, der – anders als es die Outfits vielleicht auf den ersten Blick vermuten lassen – nicht nur in Richtung Mötley Crüe geht, sondern auch bluesige Stärken à la Cinderella (Post-NIGHT-SONGS-Phase) aufweist. Neben dem sauberen Handwerk und dem kundigen Mix aus den Flatliners Studios wirken Viper Queen auf ihrer ersten EP vor allem durch ihre kompromisslose Hingabe an dieses Genre aus vergangenen Zeiten höchst ansteckend – wir ergeben uns bereitwillig dem Biss der mächtigen Vipernkönigin.

8 von 10 Punkten

Viper Queen, SURRENDER TO THE BITE, RECORDJET