Die jungen Blueser sind ununterbrochen unterwegs – nicht nur Joanne Shaw Taylor, die wir in diesem Monat in unserem CLASSIC ROCK-Tipp vorstellen, sondern auch der Kölner Henrik Freischlader hat sich in den vergangenen Monaten bei diversen Konzerten seine Fingerkuppen noch weiter abgehärtet. Das Resultat dieser vielen Shows: ein Musiker, der mit seiner Band zu einer präzisen Einheit verschmolzen ist. Nachzuhören ist dies auf einer neuen Doppel-CD, die seit einigen Tagen im Handel bestellt werden kann: Auf TOUR 2010 LIVE hat die Band erneut Martin Meinschäfer damit beauftragt, Mitschnitte anzufertigen. Und das hat der Tonmann auch eifrig getan: Aus unzähligen Konzertaufnahmen wählte er gemeinsam mit Freischlader die besten Stücke aus, das meiste Material stammt vom vorangegangenen Album RECORDED BY MARTIN MEINSCHÄFER, aber auch Songs von THE BLUES und GET CLOSER sowie neu interpretierte Klassiker von Jimi Hendrix haben es in die finale Auswahl geschafft, bei der nicht nur auf den Punkt gerockt wird, sondern auch Improvisationen ihren Platz bekommen haben. Parallel zu der Veröffentlichung arbeitet Freischlader auch an neuen Stücken, die im nächsten Jahr veröffentlicht werden sollen.
Henrik Freischlader
Fair Warning
Falls je ein Botschafter gesucht wird, der die deutsch-japanische Freundschaft öffentlichkeitswirksam repräsentieren soll, dann sind Fair Warning die aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten. Schon als sie vor 20 Jahren ihre Karriere starteten, feierten sie binnen kürzester Zeit gigantische Erfolge in Fernost. Kein Wunder also, dass sich die Band nicht nur intensiv um die europäischen, sondern vor allem auch um die asiatischen Fans bemüht.
So haben Fair Warning bereits vor vier Jahren einen Mitschnitt von ihrer Japan-Tournee auf DVD veröffentlicht: LIVE IN JAPAN – CALL OF THE EAST erschien kurz vor dem Reunion-Album BROTHER’S KEEPER, mit dem die Band eine über fünfjährige Pause beendet hat. Nun legen die Melodic-Rocker mit TALKING AIN’T ENOUGH – FAIR WARNING LIVE IN TOKYO eine weitere Aufnahme vor. Neben der 2010er-Show in der Hauptstadt Tokio ist auch der 2009er-Auftritt beim Loudpark-Festival im Paket verewigt.
Die Gigs bestechen in punkto Sound-Qualität – hier ist eine deutliche Steigerung zu CALL OF THE EAST zu verzeichnen. Zudem beweisen Tommy Heart, Helge Engelke, Ule W. Ritgen und C.C. Behrens auch optisch, nichts von ihrer Spielfreude eingebüßt haben: Fair Warning toben voller Energie über die Bühne. Man merkt zu jeder Sekunde: Diese Band fühlt sich hier zu Hause. Und auch die alte Vertrautheit zwischen den Musikern hat sich allem Anschein nach wieder vollends eingestellt. Bleibt nur noch zu hoffen, dass es jetzt endlich auch hierzulande zum großen Durchbruch reicht.
Blitzen Trapper: München, Feierwerk
Feuriger Ritt durch die Stilistiken.
Als „Hardest Working Band in the Musicbiz“ kündigte der Support Act Pearly Gate Music das Sextett aus Portland an. Ironisch-zynischer Seitenhieb oder ernst gemeintes Kompliment? Vermutlich eher Letzteres, denn wie Blitzen Trapper ihre alles und jeden zitierende Rock-Melange live performen, kann nicht von ungefähr kommen. Bei der Crew um Sänger Eric Earley sitzen alle Übergänge der komplexen Songstrukturen sowie sämtliche Twin-Guitar-Soli, bei zahlreichen Tracks switcht Earley zudem zwischen seiner Gibson SG und Keyboard oder entlockt gleichzeitig Westerngitarre und Mundharmonika folkige Melodien. Die Bandbreite an Stilen, die Blitzen Trapper anschneiden (u.a. 60s-Folk, Glam, Prog, Indie-Pop, Hardrock), und die Menge an Bands, die einem beim Konzert in den Sinn kommen (u.a. Queen, Lynyrd Skynyrd, Grandaddy, Simon & Garfunkel, The Beatles, Wilco, Grateful Dead), ist schier beachtlich.
Alter Bridge: Frankfurt, Batschkapp
Leidenschaftliche Traditionspflege.
Was tun, wenn der ohnehin schon exzentrische Frontmann mehr durch religiöses Gehabe als innovative Kreativität glänzt? Gitarrist Mark Tremonti, Schlagzeuger Scott Phillips und Bassist Brian Marshall, Kerntrio der US-Formation Creed, entschieden sich für die schmerzvolle Variante: Sie trennten sich von Scott Stapp und hoben wenige Monate später mit Myles Kennedy Alter Bridge aus der Taufe. Eine ausgesprochen gute Wahl – auch wenn sich Creed vor rund einem Jahr reformierten und seither parallel rocken.
In der seit Wochen komplett ausverkauften Frankfurter Batschkapp präsentieren sich Alter Bridge beim dritten Gastspiel seit 2005 abermals als bodenständige Erben einer von gleich mehreren Musiker-Generationen gepflegten Tradition zwischen Hard Rock, Heavy Metal und Post-Grunge. Solides Handwerk gepaart mit jeder Menge Leidenschaft kennzeichnen den rund zweistündigen Auftritt des Quartetts. An die Millionenverkäufe von Creed reichen die drei Alben One Day Remains, Blackbird und AB III zwar nicht heran – doch Alter Bridge haben die Zeichen der Zeit erkannt: In einer Ära, die weniger durch innovative Entwicklungen glänzt als durch gnadenloses Recycling auffällt, orientiert sich die Band vor allem an Errungenschaften der glorreichen Vergangenheit. Mit Wonne zitiert das Quartett Legenden wie Led Zeppelin, Deep Purple und Black Sabbath, schätzt aber auch den Einfluss jüngerer Protagonisten wie Soundgarden oder Metallica. Und selbst in der mitunter für zarte Ohren recht gnadenlosen Phon-Orgie findet auch die eine oder andere melodiöse Ballade ihren Platz. Trotz intensiver Huldigung der Classic Rock-Ära wirken die häufig über der Fünf-Minuten-Marke liegenden Song-Epen keineswegs angestaubt oder gar überaltert. Das verdanken sie der unverkennbaren eigenen Handschrift in längst zu Hymnen aufgestiegenen Tracks wie ›Open Your Eyes‹, ›Rise Today‹, ›Ties That Bind‹ oder ›Watch Over You‹. Myles Kennedys Drei-Oktaven-Tenor klingt ebenso signifikant wie der seiner Vorbilder Robert Plant, Axl Rose und Chris Cornell, sein Spiel auf der Gitarre ist mitunter gar brillant. Ähnlich ist es mit Sologitarrist Mark Tremonti: Dessen erstaunliche Fingerfertigkeiten lehnen sich zwar hörbar an britischen Ikonen wie Jimmy Page oder Richie Blackmore an, klingen aber ebensowenig nach einer bloßen Kopie.
Killing Joke: Hamburg, Grünspan
Auch nach über 30 Jahren keine Spur angepasster.
Pünktlich zum Erscheinen ihres neuen Studioalbums ABSOLUTE DISSENT sind die britischen Post-Punker um Sänger Jaz Coleman auf Europatournee. Dass auch an ihrer Art, den Mund aufzumachen und laut herauszuschreien, was falsch läuft in dieser Welt, sich nichts geändert hat, davon überzeugen die vier wiedervereinten Original-Mitglieder der Band im fast ausverkauften Hamburger Grünspan.
Das Publikum ist bunt gemischt: Unter den gut 700 Besuchern des Konzerts sind wohl etliche, die Killing Joke schon aus früheren Tagen kennen. Mit ein paar Haaren weniger auf dem Kopf und doch der gleichen Empathie zum kraftvollen und energiegeladenen Sound der Band. Dazu gesellen sich einige jüngere und alternativere Mittzwanziger. Wohl, um zu erleben, wer zahlreiche Bands von Nirvana bis zu The Cult oder Nine Inch Nails nachhaltig beeinflusst hat.
Nach dem Vorprogramm von Liquid God legen Killing Joke um 20.30 Uhr mit ›Tomorrow’s World‹ los. Es folgen neben ›Wardance‹, in dem Sänger und Frontmann Jaz Coleman laut stampfend und marschierend seinem Aufbegehren gegen die totalitäre Macht des Staates und den Einzug zum Kriegsdienst Nachdruck verleiht, zwei Songs des neuen Albums: ›In Excelsis‹ und ›Absolute Dissent‹ strotzen vor Kraft, Jaz‘ Performance zeigt sich in paranoid-abgehackter Motorik, an den Wahnsinn grenzender Mimik und mit wild aufgerissenen, sehr stark unterschminkten Augen noch immer überzeugend ausdrucksstark. Spätestens bei ›ESS (European Super State)‹, dem sehnsuchtsvolleren und wohl auch kommerziellsten der neuen Stücke, springt dann der Funke endgültig auf das Publikum über – die Menge tanzt mit.
Immer wieder wechselt die Band in ihrem Programm von härteren Songs zu verspielteren Klängen, in denen sich Dub-Elemente ebenso wie Elektro-Klänge vereinen. ›Ghosts‹ ist so ein Stück – das gesungene „Come Together“ von Sänger Coleman und das Echo als Antwort der Band darauf, kommt einem Aufruf nahe, und wirkt am Ende schon beinahe visionär, irgendwie versöhnter mit der Welt.
Insbesondere bei den schnelleren Liedern gelingt es der Band, das Publikum zu begeistern. Sie zwar zwar nicht mehr so wild mit wie früher, doch einigen, so scheint es zumindest, gelingt es, den Schrei von Jaz Coleman in sich wiederzufinden.„The earth cracking up underneath the seatbelt“, so ruft Coleman zwischen zwei Songs, der Irrsinn „unter dem Anschnallgurt“ also ist es, der auch die Grundstimmung aller Songs von Killing Joke ausmacht. Das gesellschaftliche Leben und das eigene Empfinden stehen im „absolute dissent“ – also im totalen Widerspruch – zueinander. Das wirkt glaubwürdig, die Band authentisch. Jaz Coleman scheint Schauspieler und Beobachter zugleich, der gekonnt mit dem Dunkel in sich und der Welt spielt und dabei die Menge kontrolliert wie ein Marionettenspieler durchs Kabinett des Wahnsinns führt. Hier, in ihrer Musik, findet sie ihr Fenster, wird herausgelassen, gelebt, gefeiert – zumindest diese 90 Minuten lang.
Black Rebel Motorcycle Club: Frankfurt, Batschkapp
Demonstration der Rock’n’Roll-Wurzeln, die die Emotionen des Publikums entfesseln.
Mit ebenso stoischer Gelassenheit wie einst der von Marlon Brando gespielte Gang-Chef in László Benedeks Kultfilm „The Wild One“ behaupten sich auch die aktuellen Namenseigner des „Black Rebel Motorcycle Club“ bei ihrer ersten der auf zwei Tage verteilten Stippvisite in der proppevollen Frankfurter Batschkapp. Als penible Revisionisten aus Überdruss am gegenwärtigen musikalischen Status Quo versteht sich die Formation aus San Francisco, wie sie in Interviews stets betont. Aber auch als zitatverliebte Bewunderer. Penibel sezieren die Frontmänner Peter Hayes und Robert Levon Been archaische Gitarrenriffs in verschlepptem Zeitlupentempo, umflort von Harmonien, die Moll und Dur in gnadenlose Lautstärke verpacken. Ausgestattet mit Detailwissen über die Populärkultur vergangener Dekaden, zog es den „Black Rebel Motorcycle Club“ stets zu den Wurzeln – ein zeitloses Konzept, auf dem Hayes und Been ihren Rock’n’Roll-Traum kultivieren. Als legitime Erben von Kultformationen wie The Velvet Underground, The Jesus And Mary Chain, Spacemen 3 und My Bloody Valentine bleibt auch Eigenständigkeit nicht auf der Strecke. Begreift sich das seit 1998 unzertrennliche Duo doch als Missionare, die in der Weltgeschichte umherschwirren, um vermeintliche Fehlentwicklungen des Rock’n’Roll zu korrigieren. Ob ihr Dröhnrock, der die Emotionen des Publikums freilegt, in die aktuelle Musiklandschaft passt oder gar über kommerzielles Kalkül verfügt, schert das um Schlagzeugerin Leah Shapiro erweiterte Tandem in seinen phonstarken Schwelgereien wie ›666 Conducer‹, ›Ain’t No Easy Way‹ und ›Beat The Devil’s Tattoo‹ nicht. Satte zwei Stunden betreibt das Duo Arbeitsteilung an Gitarre, Bass und Mikrofon – Peter Hayes und Robert Levon Been, Sohn des im Sommer 2010 verstorbenen Michael Been, einst Gründer der New-Wave-Formation The Call, wissen, was sie ihren zum Teil recht jungen Fans schuldig sind, die sich stark mit dem Outcast-Image der „Rebellen“ identifizieren. In repräsentativem Querschnitt lotsen Black Rebel Motorcycle Club durch ihre fünf Studioalben und zwar inklusive verschwenderischem Einsatz von Klangeffekten wie Hall, Feedback und Verzerrer. Aber es gibt auch Momente der Ruhe, wenn Hayes und Been jeweils einzeln auf Akustikgitarren spröde Songs zwischen Folk und Mississippi Delta Blues zelebrieren. Die Band wirkt authentisch, originell und experimentierfreudig: Drei Tugenden, die zumindest hier in Europa geschätzt werden.
Davy Knowles & Back Door Slam: Berlin, Frannz Club
Bluesrock mit jugendlicher Energie.
Ein paar Tage nach seinem Berlin-Auftritt steht er mit Joe Satriani und Sonny Landreth in Amsterdam auf der großen Bühne der Heineken Hall. Doch heute ist Club-Atmo angesagt. Doch das stört Knowles und seine Band Back Door Slam nicht. Er ist gerade mal Anfang 20, hat den Blues im Blut und noch Lust und Feuer genug, um auch im hinterletzten Winkel der Welt mit Leidenschaft auf die Bretter zu klettern. Daher stört es ihn auch nicht, dass sich nur rund 50 Fans auf den Weg gemacht haben, um Knowles und seine drei Mitstreiter PK (Bass), Steven Barci (Drums) und Ty Bailie (Keyboard) im Frannz zu sehen. Dennoch geht es direkt furios los: ›Riverbed‹ vom aktuellen Album COMING UP FOR AIR eröffnet, dicht gefolgt von ›This Old Bridge‹ und dem Titelstück der 2009er-Platte.
Bereits nach wenigen Minuten merkt man dem Vierer seine Routine an. Sie sind in den vergangenen beiden Jahren oft auf Tour gewesen, haben unter anderem für Chickenfoot eröffnet, Knowles konnte zusätzlich Live-Erfahrung mit den Rhythm Devils sammeln. Nicht, dass er die Übung noch groß nötig gehabt hätte. Denn sonst wäre jemand wie Peter Frampton sicherlich nicht auf ihn aufmerksam geworden. Das eigentlich Erstaunliche an Davy Knowles ist jedoch, dass er sein Talent nicht einfach nur hinnimmt, sondern hart an sich arbeitet. Noch mag sich das vielleicht nicht in Verkaufs- oder Besucherzahlen niederschlagen, doch das wird kommen. Das beweist auch die heutige Show: Knowles hat das Gespür für Stimmungswechsel, kann exakt erkennen, wann er welches Stilmittel einsetzen muss. Gefühlvoll steuert er die Publikumsemotionen im melancholischen ›Gotta Leave‹, nur um dann nahtlos ins erdige, aufbauschende ›Tear Down The Wall‹ überzuleiten. Zum Ende hin spielt sich der Brite vollends in einen Rausch hinein, dem so lange keiner entkommt, bis Traffics ›Dear Mr. Fantasy‹ den Abend beendet.
Drive-By Truckers: Berlin, Lido
Southern Rock mit Sound-Sensibilität.
Dafür, dass sieben Jahre ins Land gezogen sind, seit die Drive-By Truckers zuletzt in Berlin Station gemacht haben, ist der Lido-Club erfreulich gut besucht. Ohne Vorband-Vorsorge geht die Truppe aus Georgia kurz vor 20.30 Uhr auf die Bühne und lässt die Gitarren sprechen. Während Mike „The Stroker Ace“ Cooley und Co-Leader Patterson Hood im Gitarren-/Gesangs-Front-Fokus stehen, sitzt John Neff als dritter im Klampfen-Bunde gelegentlich an der Steel Guitar. Über weite Strecken dominiert jedoch der heilige Dreiklang aus Telecaster, Gibson SG und Les Paul die Klanggewalt des Abends. Erste Erkenntnis ist daher: Die Drive-By Truckers sind live dröhnender unterwegs als auf ihren Alben – was den Sound-Schulterschluss von Lynyrd Skynyrd mit Neil Young und Country-Stones ja noch unterstreicht. Die Songs von THE BIG TO-DO wie ›The Fourth Night Of My Drinking‹ oder ›Drag The Lake Charlie‹ fügen sich bestens ins Repertoire ein, nur Bassistin Shonna Tucker säuft beim Gesang in ›(It’s Gonna Be) I Told You So‹ stimmlich etwas ab – sie schafft es nicht, sich gegen den erstaunlich klaren Lärmpegel durchzusetzen. Das war es aber auch schon an möglichen Kritikpunkten, denn je später der Abend, desto ausgelassener geben sich Gäste und Band. Keyboarder Jay Gonzalez ist kein hintergründiger Flächendecker, sondern verzückt mit Fender Rhodes-Tastenschlag und markerschütternden Hammond-Heulern, die Bar hat Hochbetrieb, und die tradierten Rock’n’Roll-, Country-, und Blues-Tonleitern tanzen Ringelrein im Raum. ›Let There Be Rock‹ vom Meisterwerk Southern Rock Opera treibt die Party im Zugabenteil auf die höchste Spitze – Applaus, dann Abschiedswehen. Doch es gibt Trost: Das nächste Album GO-GO BOOTS kommt schon im Februar auf den Markt – und die Band kehrt im Zuge dessen zurück nach Deutschland. Alles andere wäre nach solch einer atemberaubenden Rückkehr auch total inakzeptabel.



