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Ray Davies – Freundschaftsdienste

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Ray Davies 2010_bearbEr ist einer der erfolgreichsten Songwriter, die das Königreich von Fish’n’Chips je hervor­ge­bracht hat: Raymond Dou­glas Davies – kurz: Ray – hat Dutzende von Rock-Klas­sikern verfasst, die wirklich jeder kennt. Und doch: Der 66-Jährige ist alles andere als glücklich. Sei es, weil er gerne seine alte Band, die Kinks, reformieren würde, aber nicht kann. Oder weil er mit SEE MY FRIENDS ein Tribute-Album vor­legt, das er am liebs­ten vollkommen an­­ders be­stücken wür­de – wenn man ihn ließe.

An einem nasskalten Herbsttag in Berlin muss Ray Davies für etwas werben, das wie ein einziger Kompromiss gegenüber seiner Plattenfirma wirkt. Die hatte ihn im vergangenen Jahr ein unkommerzielles Werk namens THE KINKS CHORAL COLLECTION mit Chor-Versionen bekannter Kinks-Stücke aufnehmen lassen – und erwartet nun lukrative Wiedergutmachung. Und zwar mit einer CD namens SEE MY FRIENDS, die als klassisches Tribute-Album durchaus durchgehen würde, wäre das Objekt der Bewunderung nicht an jedem einzelnen Stück beteiligt und würde sich dabei mit Künstlern duettieren, die – daraus macht er überhaupt kein Geheimnis – größtenteils dem Wunschzettel der Marketingdirektoren entsprechen. „Die meisten Leute hat man mir ans Herz gelegt. Und ob-wohl ich davon nicht wirklich begeistert war, habe ich ihnen zumindest eine Chance gegen. Was soll ich sagen: Es waren einige positive Überraschungen dabei.“

Wie beispielsweise Gary Lightbody, Amy MacDonald oder Bon Jovi. Namen, die das kommerzielle Potenzial des Werkes steigern sollen, und durchaus auch tun. Und zudem – bewusst oder unbewusst – auch ein kleines bisschen Selbstironie zeigen. Etwa, wenn Gelegenheitsschauspieler Jon Bon ausgerechnet ›Celluloid Heroes‹ über gescheiterte Hollywoodstars schmettert, und in grauer Vorzeit mal im Vorprogramm der Kinks unterwegs war. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass er damals bleibenden Eindruck auf mich gemacht hätte“, grinst Ray. „Er war einer von diesen wilden Jungs in Spandex-Hosen, die versucht haben, so viele Mädchen wie möglich zu beeindrucken. Das Problem war nur: Schon Anfang der Achtziger waren bei den Kinks nicht mehr wirklich viele junge Damen im Publikum. Da dürfte er also ziemlich leer ausgegangen sein. Aber egal, er war nett und hat sich wirklich Mühe gegeben. Das ist alles, was zählt.“

Mit weitaus mehr Hochachtung spricht er dagegen von Bruce Springsteen, den er anlässlich seines New Jersey-Trips zu Familie Bon Jovi auf der Nachbarfarm besucht und mit ihm ›Better Things‹ eingespielt hat. „Er war unglaublich, wie gut er vorbereitet war“, setzt Ray mit zufriedenem Grinsen an. „Er hat viel über die Kinks gelesen und hatte etliche Fragen zur Bandgeschichte und zum Hintergrund bestimmter Songs. Deshalb haben wir uns auch nur 25 Minuten mit seinem Gesang befasst und ansonsten vier Stunden ununterbrochen geredet. Was einfach toll war. Ein echtes Highlight.“

Genau wie die Leidenschaft, mit der Metallica seinen Evergreen ›You Really Got Me‹ malträtieren. Nämlich mit noch mehr Biss als im Original, das gemeinhin als erster Metal-Song der Musikgeschichte gilt – weil das markante Riff an Brutalität und Schärfe kaum zu überbieten ist. „Sie machen das wirklich exzellent“, lautet der Kommentar des Komponisten. „Einfach, weil es nahezu live war, also mit ganz wenigen Overdubs aufgenommen wurde. Außerdem hat es denselben rebellischen Geist wie bei den Kinks – und ähnlich viel Power. Das erste Mal, dass wir es zusammengespielt haben, war übrigens vor einem Jahr im Madison Square Garden, beim Konzert für die Rock’n’Roll Hall Of Fame. Sie fanden es toll, und deshalb habe ich sie gefragt, ob sie eine Studioversion mit mir aufnehmen würden. Sie sagten zu, und wir haben dafür gerade mal vier Takes gebraucht.“

Eine Professionalität, die er nach 47 Jahren Musikgeschäft zu schätzen weiß. Auch wenn seine ursprüngliche Liste an potenziellen Duettpartnern mit weit weniger kommerziell attraktiven Superstars bestückt war. Sie enthielt eher alte Freunde wie Spoon, Frank Black, Alex Chilton, Jackson Browne, Lucinda Williams oder den kauzigen US-Schauspieler Harry Dean Stanton. „Ich bin ein riesiger Fan von ihm und halte ihn für einen der spannendsten Charaktere, die in Hollywood rumlaufen. Aber bei Universal kannte nun mal niemand seine Platten, und die Verantwortlichen dort fanden ihn schlichtweg zu obskur. Dabei spielt er immerhin mit Leuten wie Bob Dylan und ist ein richtig guter Gitarrist. Aber vielleicht klappt das ja beim nächsten Mal. Denn am Ende des Projekts haben sich immer mehr Leute gemeldet, die unbedingt etwas mit mir machen wollen. Wie etwa Shirley Manson, die ich wahnsinnig in-teressant finde.“

Wobei Davies die Aufmerksamkeit, die er gegenwärtig mit SEE MY FRIENDS erfährt, am liebsten nutzen würde, um das Original wiederzubeleben. Sprich: Die legendären Kinks, die zwischen 1964-1996 stolze 23 Studioalben veröffentlichten, wegweisende Songs wie ›All Day And All Of The Night‹, ›Sunny Afternoon‹, ›Dead End Street‹, ›Lola‹, ›Days‹ oder ›Waterloo Sunset‹ schrieben, neben Beatles, Stones, Pink Floyd und Who zu den wichtigsten Rock-Bands der Insel zählen und längst nicht nur für nette, kleine Beat-Stücke stehen, sondern auch für exzentrische Rock-Opern wie PRESERVATION ACT 1 und 2, die den Horizont ihrer Hörerschaft bei weitem überstiegen.
„Wir haben es uns und unseren Fans nie wirklich leicht gemacht“, lacht Ray. „Aber das wollten wir ja auch gar nicht. So gerne wir Hits hatten und in großen Hallen spielten, so sehr haben wir unseren Erfolg genutzt, um zu experimentieren und unsere Grenzen auszuloten. Klar, ist das manchmal fürchterlich in die Hose gegangen, aber es hatte auch große Momente, in denen wir dachten: ,Na also, die Leute sind doch gar nicht so blöd!‘ Nur: Wer es in diesem Geschäft zu etwas bringen will, der muss auf Nummer sicher gehen und immer mit dem Strom schwimmen. Was uns einfach zu langweilig war.“

Somit löste sich die Band Mitte der neunziger Jahre auf – nach mehreren Album-Flops und unüberwindbaren Differenzen zwischen den Brüdern Ray und Dave. Beide schienen das zunächst sehr zu genießen und vergingen sich an Autobiografien wie Solo-Alben. Doch nach anderthalb Dekaden, Daves Schlaganfall und den tiefroten Zahlen des gemeinsamen Konk-Studios in Nord-London, ist zumindest bei Ray der Wunsch gewachsen, es noch einmal als Band zu versuchen.

Weshalb er bereits an neuen Songs mit Drummer Mick Avory bastelt – und auch über eine Zusammenarbeit mit Ex-Bassist Pete Quaife nachgedacht hat. „Ich hatte vor, nach Dänemark zu fliegen, wo er gelebt hat, und dort ein paar Stücke mit ihm aufzunehmen. Doch so weit ist es nicht gekommen – er ist im Juni nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Und das hat mir einmal mehr gezeigt, dass es höchste Zeit für die Kinks wird. Also dass wir mit dieser Reunion nicht viel länger warten dürfen, weil es sonst zu spät ist.“

Doch dazu fehlt allerdings derzeit eine wichtige Komponente: Gitarrist Dave Davies, der gesundheitlich zwar wieder halbwegs auf dem Damm ist, aber immer noch mit der gleichen Begeisterung wie früher auf dem brüderlichen Kriegspfad wandelt. Was Ray mit einer Mischung aus Ironie und Sarkasmus kommentiert: „Er ist gegen alles, was ich ihm vorschlage. Einfach, weil er möchte, dass sämtliche Ideen von ihm stammen – selbst wenn sie letztlich nicht viel taugen. Insofern ist es, als ob man sich mit der Europäischen Gemeinschaft auseinander setzt. Sprich: Egal, was man tut – es kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Zumal er den ganzen Tag in seinem Haus auf dem Land rumsitzt und die Leute mit völlig absurden E-Mails bombardiert. Es ist wie ,Dave gegen den Rest der Welt‘. Dabei sollte er endlich begreifen, dass ihn die Welt liebt – und ich tue das auch. Aber das passt nicht in sein verstocktes Hirn. Insofern hoffe ich, dass er auch durch dieses Album erkennt, wie sehr die Menschen da draußen unsere Songs zu schätzen wissen.“

Denn für den Fall der Fälle, also für die Kinks-Reunion 2011, hat der Mann aus Fortis Green bereits eine Vielzahl an begleitenden Projekten geplant. Wie eine erste Europatournee seit 1993, ein Musical über die Karriere der Band und nicht zuletzt ein Biopic des UK-Regisseurs Julien Temple, dem Davies sogar sein sagenumwobenes Privatarchiv mit mehreren tausend Stunden Filmmaterial geöffnet hat. „Eine Menge Zeug in teilweise indiskutabler Qualität, aber auch einige sehr schöne Aufnahmen von unseren Tourneen in den Siebzigern, die zeigen, wie anarchisch wir damals waren.“

Und falls sich Dave nicht beirren lässt? Falls er weiter schmollt? „Dann kann er mich kreuzweise“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Nur, um mit einem weitaus feingliedrigeren Schlusssatz abzuschließen: „Wahrscheinlich mache ich mich dann an SEE MY FRIENDS II – Kandidaten für eine Fortsetzung gibt es genug.“ Was fast wie eine Drohung klingt. Zumindest ein bisschen.

Titelstory: Bruce Springsteen – Die Reise ins Ich

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bg03Er gilt als introvertiert, menschenscheu und wortkarg. Dabei ist Bruce Springsteen einfach ein Rockstar der etwas anderen Art. Einer, der Familie und Privatsphäre groß schreibt, lieber die Musik sprechen lässt und sich meist nur mit Journalisten unterhält, die er auch kennt. Im Zuge der Veröffentlichung von THE PROMISE: THE DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN STORY erlaubt der Boss jedoch, dass sich CLASSIC ROCK zwei Tage an seine Fersen heftet – und zeigt sogar seine Schokoladenseite.

Toronto, Mitte September 2010. In der kanadischen Boomtown, die in diesen Tagen einmal mehr Austragungsort des Toronto International Film Festivals ist, herrscht Ausnahmezustand. Denn alles, was in Hollywood Rang und Namen hat (oder gerne hätte) ist vor Ort, um sein neuestes Produkt zu bewerben, die Luxushotels und Gastro-Tempel heimzusuchen und die lokalen Bars unsicher zu machen. Was abgesperrte Straßenzüge, hohes Sicherheitsaufkommen und geschlossene Gesellschaften bedeutet. Schließlich zählen zu den diesjährigen Stars unter anderem Clint Eastwood, Robert DeNiro, Mickey Rourke, Bill Murray, Liv Tyler, Anthony Hopkins, Black Eyed Peas-Fergie und Bruce Springsteen. Eine Rock-Ikone, die die Öffentlichkeit für gewöhnlich meidet, rote Teppiche, Blitzlichtgewitter und Autogrammjäger liebt wie Schmierseife und so ziemlich der Letzte ist, den man bei einem solchen Event vermuten würde.

Doch der 61-Jährige ist sogar die heimliche Hauptattraktion der zweiwöchigen Veranstaltung. Grund dafür ist seine Dokumentation THE PROMISE: THE MAKING OF DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN, die sein Haus- und Hofregissseur Thom Zimny zusammengestellt hat und in der die vielleicht schwierigste Phase seiner gesamten Karriere reflektiert wird: die Aufnahmen zum vierten Album DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN, die 1977/78 im heimischen Proberaum in New Jersey sowie den sündhaft teuren New Yorker Record Plant Studios stattfanden. Damals tüftelte der junge, chronisch erfolglose Künstler fast anderthalb Jahre an neuen Songs, verwarf letztlich die Hälfte des aufgenommenen Materials und stand zudem unter immensem Druck: Sein Label wollte ihn wegen schwacher Verkaufszahlen feuern, Ex-Manager Mike Appel verstrickte ihn in einen langwierigen Rechtsstreit, bis zu dessen Beilegung er kein Material veröffentlichen durfte, und die Stücke, die er gerne auf Platte gebannt hätte, entsprachen nicht seinen Klangvorstellungen.

HELDEN IN UNTERHEMDEN
Deshalb feilte er mit seiner E Street Band so lange daran, bis alle kurz vor dem kollektiven Kollaps standen: völlig ausgepowert, übermüdet und in Sachen Stimmung auf dem absoluten Nullpunkt. Band-Intimus Barry Rebo begleitete das Geschehen mit einer Videokamera der ersten Generation. Sprich: im klassischen Schwarz-Weiß, mit teils grobkörnigem Touch und klassischer „Fly On The Wall“-Perspektive, also mitten im Geschehen, aber ohne Ablenkung von den Protagonisten. Zu sehen sind fertige Männer Ende 20, die absolut unsägliche Klamotten tragen (Springsteen im Ripp-Unterhemd, Little Steven im Leder-Pimp-Outfit) und deren Bärte und Haare im Verlauf der Aufnahmen immer länger und länger werden.

Diesem tristen Look setzt Thom Zimny, der Emmy- und Grammy-Gewinner, nun etwas Optimismus entgegen. So integriert er aktuelle Interviews sowie eine 2009er-Live-Performance aus dem Paramount Theatre in Asbury Park, bei der die Band das komplette DARKNESS-Album performt. Das ergibt einen spannenden Mix aus Alt und Neu, der stilvoll deutlich macht, was aus den verzweifelten Musikern von einst geworden ist: gestandene Familienväter nämlich, die sich ihren Rock’n’Roll-Traum erfüllt haben, oder – wie Organist Danny Federici – längst verstorben sind.

ED NORTONS AUSSETZER
Der Film dauert insgesamt 85 Minuten, und obwohl er durchaus auch einige Längen hat, wird er in Toronto als größte cineastische Sensation des Jahres 2010 gefeiert. Natürlich mit ordentlichem Tamtam. Angefangen mit einer Interview-Session, bei der kein Geringerer als Schauspieler Edward Norton seinen Busenkumpel Bruce verbal auf den Zahn fühlt. Was jedoch eher zur Lachnummer wird. Denn Norton mag ein begnadeter Schauspieler sein („Fight Club“, „American History X“) – als Fragesteller jedoch eignet er sich weniger, da er a) so nervös ist, dass er sich ständig verhaspelt oder komplett den Faden verliert und b) so lang bzw. komplex um den heißen Brei herumredet, dass Springsteen am Ende längst vergessen hat, worauf er eigentlich antworten soll. Und: Das Drama zieht sich letztlich grauenvoll zähe 70 Minuten hin, weil sich scheinbar niemand traut, Norton das Mikro zu entreißen. Springsteen hingegen hat sichtlich Spaß an der absurden Situation und hilft seinem Freund ein ums andere Mal aus der Patsche.

Ein Beispiel: „War da ein Punkt, eine Periode oder eine bestimmte Phase in deinem Leben, an die du dich erinnerst, und in der du dir den bewussten Übergang vom Schreiben eines guten Songs zum Malen auf einer viel größeren Leinwand vorgenommen hast? Nach dem Motto: ,Ich probiere es jetzt mal episch?‘“ Eine Formulierung, über die Bruce minutenlang nachdenken muss, ehe er loslacht und das Ganze mit einem „Ja, dieses Album, über das wir gerade reden, Mann!“ beantwortet. Einfach, weil er genießt, dass etwas nicht perfekt, sondern schlichtweg menschlich ist. Doch für Norton ist es der letzte Auftritt im Rahmen des Film-Festivals. Im weiteren Verlauf des Events wird er nicht mehr gesehen.

DER ROTE TEPPICH
Wenige Stunden später folgt dann eine Veranstaltung, bei der sich The Boss sicherlich genauso unwohl fühlt wie Ed Norton bei dem vorangegangenen Interview: die Weltpremiere von THE PROMISE: THE MAKING OF DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN in der Roy Thompson Hall. Die findet in einem gigantischen Kino statt, das mit Kuppeldecke, Kronleuchter und Plüschsitzen aufwartet und Platz für 1.500 Zuschauer bietet. Die bestehen größtenteils aus Medien-Vertretern, aber auch Hardcore-Springsteen-Fans. Sie dürfen auf der riesigen Leinwand erleben, wie sich Bruce (im Smoking) mit Gattin Patti Scialfa den Weg über den roten Teppich bahnt, von einer Linse in die nächsten lächelt, dabei aber am liebsten die große Flatter machen würde. Doch der Spießrutenlauf ist noch nicht vorbei. Erst muss Manager Jon Landau noch einmal den historischen Kontext und die Intention der Doku erklären, dann bedankt sich Bruce bei allen Beteiligten vor und hinter der Kamera und nimmt schließlich Platz in seiner Loge im ersten Rang. Dort werden er und Patti in den nächsten anderthalb Stunden exakt beobachtet (wahrscheinlich sogar mit dem einen oder anderen Nachtsichtgerät) und wirken dabei, als wären sie auf einem Präsentierteller drapiert und festgeklebt. Denn sie können die Veranstaltung nicht unbemerkt verlassen, sondern müssen bis zur letzten Minute durchhalten.

Was sie als gute Gastgeber natürlich auch tun, sämtlichen Marketingdirektoren ihrer Plattenfirma die Hand schütteln, Glückwünsche entgegennehmen und offenkundig bester Laune sind. Doch wer jetzt denkt: „Hier geht noch was!“, der sieht sich getäuscht. Für eine ausgelassene Aftershow-Party ist der 61-Jährige aus New Jersey einfach der Falsche. Und auch die Gerüchte um ein Gratiskonzert in geheimer Location erweisen sich als Ente. Den Boss zieht es vielmehr auf die Couch seiner Präsidentensuite im Interconti – wo er seine Ruhe hat.

Springsteen_Darkness On The Edge Of Town Story 1 @ Frank StefankoDIE NACHWEHEN
Doch selbst wenn im Grunde wenig passiert ist: Am nächsten Morgen kann ganz Hollywood die Koffer packen. Springsteens Stipp-visite in Southern Ontario ist das einzige Gesprächsthema des Tages, zudem locken die Spekulationen um einen spontanen Live-Gig vor den Toren der „Bell Lightbox“ (dem offiziellen Festival-Gebäude an der King Street) halb Toronto (= 2,5 Millionen Einwohner) auf die Straßen. Sprich: Die Stadt steht Kopf. Dabei ist der Meister längst anderweitig verplant: Er und Patti schleichen sich heimlich in eine geschlossene Veranstaltung. Sie gehen ins „Royal Theatre“ an der College Street, ein altes Programmkino, das seine besten Tage hinter sich hat, aber über eine tolle Akustik verfügt.

In diesem ehrwürdigen Rahmen findet die Präsentation von Springsteens THE PROMISE statt. Die Doppel-CD ist in zwei Varianten erhältlich, einmal als eigenständiges Album, aber auch als Teil des opulenten Boxsets zu Ehren der remasterten Neuauflage von DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN. Darin kommen die Fans neben den beiden Werken auch in den Genuss eines 80-seitiges Booklets, der „Making Of“-Doku sowie von nicht weniger als vier Stunden Live-Material von der 1978er-US-Tournee bzw. der kompletten Asbury-Performance von 2009.

Eine imposante Angelegenheit, die dem grassierenden Boxset-Wahn die vorläufige Krone aufsetzt. Denn das hier ist nicht zu toppen. THE PROMISE beinhaltet nämlich nicht weniger als 21 unveröffentlichte Stücke, die Springsteen im Rahmen der nervenaufreibenden DARKNESS-Sessions verworfen hatte. Und zwar nur aus einem Grund: Sie passten nicht zu dem, was ihm konzeptionell vorschwebte. Nämlich ein Album über das Amerika der Mittsiebziger – ein Land, dessen mystischer Traum nach Vietnam, Watergate und Mineralölkrise merklich verblasst, dessen Bevölkerung existenzielle Ängste und Sorgen hat und dringend ein Sprachrohr braucht. Einen, der auf den Punkt bringt, wie sich die Menschen fühlen und was hier schief läuft. Springsteen übernimmt den Job nur zu gerne. Nicht, um damit zu Ruhm und Geld zu gelangen, sondern um seine eigene Position zu finden – in der Gesellschaft wie in der Musikszene.

Deshalb müssen die Songs die unterschwellige Morbidität der Zeit einfangen, die richtigen Themen behandeln sowie Hoffnung und Zusammenhalt vermitteln. Motto: „Hier ist jemand, der zu euch hält.“ Springsteen, der Menschenversteher, der Freund und Helfer. Ein Retter im Unterhemd, der keinen Bedarf hat an Pop-Songs wie ›Because The Night‹, altmodischem Rock’n’Roll wie ›Fire‹, Soul, R&B und Balladen oder gar verklärter Kleinstadtromantik. All das wandert ins Archiv und gerät in Vergessenheit – bis schließlich Bonus-Material für die DARKNESS-Neuauflage gesucht wird und jemand auf diese Aufnahmen stößt, die weit mehr sind als nur Demos und Outtakes. THE PROMISE ist nicht weniger als ein vollwertiges Springsteen-Album, das auch direkt nach BORN TO RUN hätte erscheinen können – wenn Bruce es damals gekonnt bzw. gewollt hätte. Genau diese Werk stellt Springsteens Manager Jon Landau nun vor 50 geladenen Gästen im „Royal Theatre“ vor, während der Boss unbemerkt in der hintersten Sitz-reihe kauert und das Hörerlebnis genauso genießt wie alle anderen.

Springsteen_Darkness On The Edge Of Town Story 3 @ Frank StefankoPASTA MIT BRUCE
Erkannt wird er erst auf dem Weg nach draußen – und prompt umlagert. Autogramme, ein paar kurze Statements, ein Foto fürs Handy und so weiter. Der Boss lässt alles geduldig über sich ergehen, bis Landau einschreitet und eine handverlesene Schar aus Label-CEOs und Journalisten (unter anderem die Chefredakteure von Mojo, Q und dem US-Rolling Stone) zum Italiener nebenan eskortiert. In dem kleinen Familienrestaurant namens „Marinella“ überschlägt sich der Besitzer fast vor Begeisterung, führt mit wilden Gesten an lange Holztafeln mit traditionellen Vorspeisen und selbstgebackenem Brot und erleidet beim Eintreffen von Springsteen fast einen Herzinfarkt.

Was folgt, ist eine Lehrstunde in Sachen Promotion alter Schule: keine unpersönliche Pressekonferenz, kein Interview-Marathon, kein oberflächlicher Smalltalk unter den Argusaugen von Bodyguards, sondern ein Star beim Tischgespräch mit Gattin, der immer wieder neue Gesichter an seine Tafel bittet, mit ihnen Kalbsschnitzel Mailänder Art und Tiramisu teilt und über Gott und die Welt sinniert. Zwar ohne Mikrofone und Aufnahmegeräte, aber mit einer Lockerheit und vor allem mit einem Redefluss, den man ihm nie zugetraut hätte. Mehr noch: Springsteen ist unterhaltsam, witzig und tischt eine Anekdote nach der anderen auf.

Als CLASSIC ROCK ihm gegenüber Platz nehmen darf, mit einem kräftigen Händedruck und einem charmanten Küsschen von der Gattin begrüßt wird, ist er bei einem Thema, an dem er so richtig Spaß hat: sein Spargeltarzan-Look in der „Making Of Doku“, angeheizt von Pattis Kommentaren der Marke „Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob er nur das eine Unterhemd hat“. Bruce lacht lauthals und berichtet zudem von den Reaktionen seiner Stammhalter: „Evan und Sam haben sich das angesehen und danach gemeint, dass ich einfach nur peinlich rüberkommen würde. Doch in Wahrheit habe ich damals genauso ausgesehen wie sie heute. Und ich glaube, das hat ihnen ein bisschen Angst gemacht – denn sie sind ihrem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten. Und welches Kind will schon wie seine Eltern sein? Das ist fast so schlimm, wie mitzuerleben, dass Papa und Mama von einer riesigen Menschenmenge beklatscht werden, wo sie doch eigentlich ausgebuht gehören. Und deswegen haben wir die Kids auch nie gezwungen, zu unseren Konzerten zu kommen. Das wäre nicht gut für ihre Psyche.“

Amüsante Einsichten, die er mit einem kräftigen Schluck Rotwein runterspült, nur um gleich zur nächsten Geschichte überzugehen. Diesmal zum Punk Rock, der ihn – das gibt er offen zu – in der DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN-Phase stärker inspiriert hat als gemeinhin angenommen. „Natürlich habe ich mitbekommen, was in England abging. Und ich fand Bands wie die Sex Pistols oder The Clash immer toll. Insbesondere ihre bissigen Texte und die unbändige Energie ihrer Performance – das hatte etwas Ansteckendes. Und ihre Songs handelten von Sachen, die relevant und wichtig waren, weil sie die Leute auf der Straße beschäftigten. Und auch wenn ich mit der Mode so gar nichts anfangen konnte, fand ich das doch sehr inspirierend. Ein paar Jahre später habe ich übrigens Joe Strummer in einer Bar in Los Angeles getroffen – zum ersten und leider auch letzten Mal. Er kam direkt auf mich zu, verzog keine Miene, und ich dachte schon: ,Jetzt kriege ich was auf die Nase!‘ – wofür auch immer. Doch was ist passiert? Joe wollte ein Autogramm von mir und hat mich zu einem Drink eingeladen. Ich war echt gerührt.“
So geht das fast 30 Minuten. Springsteen sinniert über die politische Misere in seiner Heimat, nennt Obama eine „rare Ausnahmeerscheinung, die es zu unterstützen gilt“, erweist sich als Kenner der aktuellen Musikszene, der für The Gaslight Anthem, die Kings Of Leon und Mumford & Sons schwärmt, sowie sich über seinen eigenen Status als „Elder Statesman“ des Rock amüsiert. „Es lässt sich nicht länger verheimlichen: Der Rock’n’Roll wird alt, Mann. Nur: Den neuen Dylan haben sie bislang nicht gefunden – dabei suchen sie ihn seit Anfang der Siebziger, als Bob noch jung und knackig war. Das zeigt doch, wie verrückt dieses Geschäft ist. Und dass sich echte Charaktere nicht so einfach ersetzen lassen.“

DER INNERE ZIRKEL
Wobei sich im Falle von Bruce nur sagen lässt: Gott sei Dank! Denn der Rocker nimmt sich für dieses Mittagessen geschlagene drei Stunden Zeit, macht vor keinem Thema („Die USA müssen aus Afghanistan und Irak abziehen“) und keiner noch so privaten Frage halt („Ich glaube nicht, dass meine Kinder Rockmusiker werden – sie gehen schließlich auf Elite-Unis“) und hat dabei genauso viel Spaß wie alle Anwesenden. Die dunklen Zeiten von früher sind endgültig vorbei. Die Situation ist unkompliziert und entspannt, alles wird mit viel Wein begossen und endet letztlich in einem Meer aus Umarmungen und Danksagungen. Und selbst der Patrone darf zum Schluss noch ein Erinnerungsfoto mit dem Star schießen, das nun wohl längst zwischen Danny DeVito und Wayne Gretzky hängt. Bruce jedoch nimmt gleich den nächsten Privatflieger nach Hause – während Toronto weiter von einem Gratiskonzert seines neuen Film-Festival-Lieblings träumt. Vielleicht bei der nächsten Doku. Obwohl das ein Problem werden dürfte: „Noch mehr Material gibt es nicht. Jedenfalls weiß ich nichts davon“, so Landau, der noch einen Nachschlag mit dem Boss verspricht. Allerdings nur für einen exklusiven Zirkel an Medienvertretern, mit denen Bruce seit Jahren „per Du“ ist. CLASSIC ROCK hat seine Bewerbungsunterlagen ein-gereicht und wartet auf eine entsprechende Berufung. Denn: Das nächste Springsteen-Album kommt bestimmt.

Marcel Anders


Springsteen_Darkness On The Edge Of Town Box 1Ein Boss hält sein Versprechen – mit 21 Archivsongs im Paket mit LP-Meilenstein sowie Konzert­mitschnitten und Studioimpressionen auf DVD.

Seinen unzweideutigen Ruf als grundehrliche Haut, Stimme des amerikanischen Volks und pathosfreier Komponist hat sich Bruce Springsteen im Laufe von rund vier Dekaden mit rustikalen Hymnen, vor allem aber Konzerten erspielt, die zu Glanzzeiten locker die Drei-Stunden-Grenze überschritten. An diesen Superlativen seines jüngeren Ichs muss sich die 61 Jahre alte, aber unglaublich agile Rock-Ikone heute noch messen lassen. Hoch liegt die Messlatte auch, wenn der „Boss“ verstaubte Archive sichtet, um Populäres und Bekanntes, aber auch lange Zeit Verschollenes zu Tage zu fördern. Doch mit THE PROMISE: THE DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN STORY erfüllen Springsteen und die E Street Band die Erwartungen locker. Nicht Kleckern, sondern Klotzen lautet gar die Devise – zumindest in der spektakulär verpackten LIMITED EDITION DELUXE COLLECTION mit drei CDs und drei DVDs in einem verblüffend authentisch gestalteten 80-seitigen Notizbuch, das Faksimiles von Originalen und nie zuvor gesehene Fotos enthält. Der 1978 mit einiger Verspätung erschienene LP-Klassiker DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN mit Konzert-Favoriten wie ›Badlands‹, ›Adam Raised A Cain‹, ›Streets Of Fire‹ und ›Darkness On The Edge Of Town‹ ist frisch digital optimiert worden. Pures Entzücken jedoch lösen insbesondere die zum großen Teil unveröffentlicht gebliebenen 21 Tracks aus, die damals nicht den Weg aufs fertige Produkt fanden. Sie sind keine Wegwerfware, sondern verlorenen gegangene Perlen. Songs wie ›Outside Looking In‹, ›Wrong Side Of The Street‹, ›The Brokenhearted‹, ›Ain’t Good Enough For You‹, ›The Little Things (My Baby Does)‹, ›Breakaway‹ und ›The Promise‹ zeigen einen Springsteen, der kreativ auf Hochtouren läuft. Zweifellos würde THE PROMISE, das Springsteens Eindrücke nach dem internationalen Erfolg von BORN TO RUN ebenso thematisiert wie die Auseinandersetzung mit Ex-Manager Mike Appel, heutzutage als Klassiker gelten, wäre es seinerzeit erschienen. Springsteen konnte es sich gar leisten, ›Because The Night‹ Co-Autorin Patti Smith zu überlassen. An die Greg Kihn Band ging ›Rendezvous‹, Gary U.S. Bonds erhielt ›This Little Girl‹, Robert Godon und The Pointer Sisters teilten sich ›Fire‹, und Southside Johnny & The Asbury Jukes erfreuten sich an ›Talk To Me‹. Ergänzt wird die Song-Sammlung durch rund sechs Stunden Filmmaterial: Das Optimum in der Kollektion ist die anderhalbstündi-ge Doku „The Promise: The Making Of The Darkness On The Edge Of Town“ von Regisseur Thom Zimny. Sie enthält nie gezeigte Studioszenen der E Street Band aus den Jahren von 1976 bis 1978. Aus jener Periode stammen auch zahllose US-Konzertmitschnitte unter dem Titel „Thrill Mill Vault“. Auf derselben DVD befindet sich auch eine 2009 im Paramount Theatre, Ashbury Park, aufgezeichnete Aufführung sämtlicher Songs von DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN. Ebenfalls komplett enthalten: ein rund dreistündiges Konzertgastspiel von 1978 im texanischen Houston. Alles in allem ein üppiges, aber dennoch bekömmliches Festtagsmahl in besinnlicher Vorweihnachtszeit – nicht nur für eingefleischte Fans von Springsteen.

Michael Köhler

Der Schattenmann

Ohne Manager Jon Landau, der ihm seit knapp vier Dekaden mit Rat und Tat zur Seite steht,
wäre Bruce Springsteen wohl nie über den Status des Provinzrockers hinausgekommen. Doch wer ist der 63-Jährige, der so viel Einfluss und Stehvermögen hat? CLASSIC ROCK macht sich auf den Weg nach New York und trifft einen gemütlichen, älteren Herrn, der längst sein eigener Mythos ist.

Zum vereinbarten CLASSIC ROCK-Termin im Sony-HQ an der Madison Avenue ist er vor allem eines: zu spät. Und zwar geschlagene drei Stunden. Nicht, weil er ein unzuverlässiger Mensch wäre oder weil er den Besuch aus Deutschland nicht ernst nehmen würde, sondern weil ihm der New Yorker Stadtverkehr einen Strich durch den Terminplan macht – und er zunächst zu einem Meeting mit dem Designer des vor wenigen Tagen veröffentlichten Boxsets THE PROMISE: THE DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN STORY muss, der ihm erste Testversionen des aufwändigen Artworks vorlegt. Natürlich bei gutem Essen und teurem Wein, denn Landau ist ein Genussmensch: korpulent, mit lichtem Scheitel, feiner Brille, unbändigem Redefluss und herzhaftem Lachen. Einer, der gerne Anekdoten erzählt, aber auch mit (falschen) Legenden aufräumt und sehr direkt auf den Punkt kommt. Und der über ein riesiges musikalisches Wissen verfügt. Sei es, weil er mal Kritiker in Diensten des Magazins Rolling Stone war, zig Alben für Springsteen, aber auch Jackson Browne (THE PRETENDER) produzieren durfte, neben Bruce noch Shania Twain, Natalie Merchant oder die berüchtigten MC5 betreut hat und nicht zuletzt als Vorsitzender des Hall Of Fame-Komitees agiert. All die Posten stehen für Erfahrung, Einfluss und Macht – aber auch für die Fähigkeit, unangenehme Situationen mit stoischer Gelassenheit zu meistern. Etwa, wenn er mitten in seinen Ausführungen von nervigem Handyklingeln unterbrochen wird – und antworten muss, weil es sich um seinen Brötchengeber handelt. „Hi Boss! Ich rede gerade mit diesem Journalisten aus Deutschland. Ich versuche, unsere Platte zu hypen, aber er mag sie nicht und nimmt mich ins Kreuzfeuer. Es ist wirklich schwer, dich zu verteidigen.“ Es folgt ein herzhaftes Lachen – auf beiden Seiten. Und die Pointe: „Er sagt: ,Beim nächsten Mal machen wir es besser.‘ Ist das okay? Gut. Kann ich in einer halben Stunde zurückrufen? Prima…“ Womit die Uhr tickt, denn seinen Goldesel lässt niemand warten, nicht mal der heimliche Boss vom Boss.

Jon, 1974 hast du einen Artikel im Studentenmagazin „The Real Paper“ veröffentlicht, in dem du Bruce als die Zukunft des Rock’n’Roll preist…
Stimmt. Und ich werde bis heute danach gefragt. 36 Jahre später! (lacht)

Wobei du dich eines Zitats von Lincoln Steffens über die russische Oktober-Revolution bedient hast, oder?
Durchschaut! Lincoln war ein berühmter US-Journalist, der aus Moskau berichtet hat. Und er schrieb: „Ich habe die Zukunft gesehen, und sie passiert hier in Russland.“ Damit hat er falsch gelegen – ich hingegen hatte recht.

Wie hast du es geschafft, aus einem recht erfolglosen Künstler eine derartige Ikone zu machen?
Bruce tut immer das, was er will – und nichts anderes. Was nicht heißt, dass ich keinen Einfluss auf seine Entscheidungen hätte. Aber letztendlich trifft er sie. Doch er hatte damals, als ich BORN TO RUN als Co-Produzent betreut durfte, ein offenes Ohr für meine Ideen und Vorschläge. Daraus ergab sich schließlich alles Weitere. Ich schätze, wir sind einfach ein gutes Team.

Das seit 36 Jahren zusammenarbeitet – selten in dieser Branche…
Definitiv. Doch es in Sachen Künstlerbetreuung unterschiedliche Modelle. So kommt es vor, dass mehrere Manager eine große Firma gründen und mit ihr viele Musiker auf einmal betreuen. Ich hingegen konzentriere mich primär auf Bruce, selbst wenn ich im Laufe der Zeit auch mit einigen anderen Künstlern gear­beitet habe. Und er ist nun mal jemand, der es mag, persönliche Beziehungen aufzubauen und diese dann über längere Zeit zu pflegen. Sprich: Er ist niemand, der morgens aufwacht und sich sagt: ,Okay, ich muss jetzt mal dringend etwas verändern.‘ Bruce liebt es, sich mit Leuten zu umgeben, die er kennt und denen er vertraut. Und er weiß, dass er das bei mir kann.

Selbst wenn du ihn 1977 nicht davon abgehalten hast, mit ›Because The Night‹ und ›Fire‹ gleich zwei Welthits zu verschenken – nämlich an Patti Smith und die Pointer Sisters?
Oh Gott, was soll ich dazu sagen? (lacht) Der größte Streitpunkt zwischen Bruce und mir war immer die Auswahl der Stücke für ein Album. Und wenn er für sich einmal entschieden hat, dass ihm et-was nicht gefällt oder etwas nicht passt, dann trennt er sich einfach davon. Auch ›Because The Night‹ schaffte es nie in den engeren Kreis der Kandidaten für ein Album – obwohl wir wussten, dass der Song ein Hit war. Aber Bruce wollte ihn nicht und gab das Stück stattdessen an Patti Smith weiter. Sie hat wirklich toll dazu gesungen. Es war ein interessanter Moment, als ich ihre Version zum ersten Mal im Radio hörte. Ich dachte nur: ,Oh Mann, hätten wir es doch selbst gemacht!‘ Aber zumindest ging das Lied an eine wunderbare Person. Und mit ›Fire‹ war es dasselbe.

Nun ist mit THE PROMISE: THE DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN STORY ein Album erschienen, das an eine Phase erinnert, in der es um die Karriere von Bruce nicht wirklich gut stand. Er verkaufte kaum Alben, lag im Rechtsstreit mit seinem Ex-Manager und verbrachte fast ein Jahr im Studio. Wie denkst du heute über diese Zeit?
Meine erste Reaktion nach der Premiere der Doku zu THE PROMISE (beim Toronto Film-Festival im September 2010 – Anm.d.Red.) war eine Diät. Ich kam mir im Vergleich zu damals nämlich plötzlich unglaublich dick vor. Andererseits bin ich natürlich auch unheimlich stolz, Teil dieser Geschichte zu sein und den Leuten da draußen eine Vorstellung davon zu vermitteln, worum es uns Ende der Siebziger mit DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN überhaupt ging. Deshalb unterscheidet sich diese Doku auch deutlich von all diesen Filmen, die normalerweise unter dem Motto „Making Of“ laufen. Da ist dann immer jemand, der darüber redet, wie viele Preise eine Platte gewonnen hat oder wie viele Stückzahlen von ihr verkauft worden sind. Es geht nur um den kommerziellen Aspekt. Wir dagegen haben einen Film über ein Album gedreht, das nicht besonders erfolgreich war, keine Auszeichnungen erhalten hat und von den meisten Fans auch nicht euphorisch aufgenommen wurde. Klar, ein paar Leute fanden es toll, aber ganz generell betrachtet enthielt die Scheibe keine Hits – die hatten wir ja alle verschenkt! Denn uns ging es zu diesem Zeitpunkt nicht um Geld und Ruhm, sondern oberste Priorität war: „Lasst uns toll sein! Denn dann passieren auch andere gute Dinge.“

Wobei Bruce und die Band offenbar bis an ihre Grenzen gegangen sind. Jeder, der im Film auftaucht, wirkt unglaublich müde und erschöpft.
Das sieht nicht nur so aus! (lacht) Es war die Hölle auf Erden!

Und trotzdem hat niemand die Brocken hingeworfen?
Den Teil zeigen wir nicht! (lacht) Nein, wir wollten das, was wir da angefangen hatten, irgendwie beenden – und zwar so gut wie möglich. Deshalb sagt Steve Van Zandt ja auch im Film: „Wir haben unser normales Leben aufgegeben, um dieses Album zu machen.“ Und das trifft es: DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN hat uns voll in Beschlag genommen – wir waren wie auf einem Kreuzzug.

Die 21 nicht veröffentlichten Songs der damaligen Sessions, die jetzt Teil des Boxsets bzw. der Doppel-CD THE PROMISE sind, wirken wie das fröhliche Gegenstück zu DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN – weil ihnen die unterschwellige Morbidität fehlt.
Stimmt. THE PROMISE ist poppiger als die meisten Alben von Bruce. Und es enthält viele Nummern, die wie Singles klingen. Zwar vielleicht nicht wie Singles, wie man sie im Jahr 2010 veröffentlichen würde, aber perfekt für die damalige Zeit. Und sie weisen Einflüsse auf, von denen die Spring­steen-Fans gar nicht wussten. Springsteen bezieht sich eben nicht nur auf Phil Spector und die Ronettes, sondern auch auf die Beach Boys – ›Someday We’ll Be Together‹ zeigt das deutlich. Da das Material so lange im Archiv lag, hatten wir das schon völlig vergessen. Daher war es auch für Bruce eine riesige Überraschung, als er sich die Aufnahmen das erste Mal wieder anhörte. Die Tapes enthielten nämlich jede Menge guter Stücke, die zum Teil noch gar nicht fertig waren, weil Text-Passagen fehlten oder eine Gitarren- oder Bass-Spur nicht eingespielt worden war. Bruce hat sie dann mit unserem Techniker Toby Scott überarbeitet. Deshalb ist THE PROMISE für ihn auch ein „richtiges“ Album. Und meiner Meinung nach füllt es perfekt die musikalische Lücke der drei Jahre zwischen BORN TO RUN und DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN.

Ist die 2010er-Neuauflage von DARKNESS ON THE EDGE OF TOWN auch deshalb so opulent ausgefallen, weil das Album trotz des ursprünglichen kommerziellen Misserfolgs ein so wichtiges Album für Springsteens Karriere war?
Verhältnismäßig geringe Verkaufszahlen sagen ja nichts über die generelle Qualität der Musik aus. Bruce bringt nicht ohne Grund bis heute bei jedem Konzert vier bis fünf Stücke aus diesem Album. Also mehr als von BORN IN THE USA, der erfolgreichsten Platte, die wir je gemacht haben. Deshalb sind wir diese Wiederveröffentlichung so angegangen. Sie stellt etwas Besonderes dar, denn die Leute bekommen wirklich etwas für ihr Geld.

Wenn du das Ganze als vollwertiges Album betrachtest und so stolz darauf bist – wird es auch eine Tournee dazu geben?
Momentan gibt es keine Pläne. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Außer, dass es unwahrscheinlich ist, denn er arbeitet schon wieder an neuen Songs.

Demnach existiert auch kein Rentenplan für euch beide?
Oh, ich wollte eigentlich mit 60 in Rente gehen. Aber das ist schon so lange her, dass ich den Gedanken längst verdrängt habe. Und mir ist auch nicht zu Ohren gekommen, dass Bruce diesen Plan verfolgen würde. Also werden wir wohl so weiterarbeiten wie bisher. Und ich muss sagen, dass ich sehr dankbar bin für das anhaltende Interesse an dem, was wir da tun. Es ist wunderbar.

 

Saint Jude

Saint Jude[1]Es gibt zurzeit wohl keine andere Nachwuchs-Band, die es schafft, mehrmals in der Londoner Royal Albert Hall aufzutreten, im Vorprogramm von Joe Bonamassa zu rocken und außerdem namhafte Fans aus den Reihen der Rolling Stones- oder Led Zeppelin-Mannschaft auf ihrer Habenseite zu verbuchen.

Lynne Jackaman und ihre Mitstreiter können das. Die Londoner um die Frontfrau mit der üppigen Mähne sind der zurzeit heißeste Act, den Rock-England zu bieten hat. Die 2005 von Jackaman und Gitarrist Adam Greene gegründete Band verhält sich auf der Bühne so wie eine Stange Dynamit, die gerade in Brand gesteckt worden ist: Sie zischt, glüht, sprüht Funken und explodiert schließlich mit einer Wucht, die einen von den Beinen reißt.

Das gilt nicht nur in der Live-Situation, sondern auch auf Platte, wie ihr gerade erschienenes Album DIARY OF A SOUL FIEND beweist. Rolling Stones-Produzent Chris Kimsey beispielsweise sagt, dass ihre Musik klingt, als würde eine „Janis Joplin anno 2010 die Faces anführen“. Wahre Worte, die auch der Frontfrau schmeicheln. „Nun, wen würde es nicht freuen, wenn jemand so etwas über ihn sagt“, sagt sie mit strahlenden Augen. „Interessanterweise bin ich aber nicht mit der Musik von Janis Joplin aufgewachsen, meine Eltern standen nämlich auf den Motown-Sound. Als Zehnjährige bekam ich Gitarrenunterricht, doch ich hatte nicht so viel Lust darauf, also erzählte ich meinem Lehrer, dass ich lieber singen möchte. Das tat ich dann auch. Mit 16 war ich Mitglied einer Soul-Band, mit der wir Songs von Otis Redding oder Aretha Franklin spielten. Dabei habe ich jede Menge gelernt.“
Besonders Franklin ist bis heute ihr Idol geblieben – was auch auf dem Saint Jude-Debüt deutlich durchkommt. Grollender Zorn prallt auf süße, in Bourbon ertränkte Soul-Momente – ein Spagat, den nur eine Sängerin mit einer extrem ausdrucksstarken Stimme mühelos und ohne Bruch hinbekommt.

Im Verlauf der ausgedehnten Touren, die Saint Jude in den vergangenen Jahren unternommen haben und mit denen sie sich in unserem Nachbarland Holland schon einen Namen machen konnten, ist das Zusammenspiel der Musiker besser und besser geworden. Inzwischen sind Saint Jude so gut, dass sie sogar für die Waterboys in der Royal Albert Hall eröffnen durften. Ein außergewöhnlicher Gig, in jeder Hinsicht: „Adam kam vor dem Auftritt zu mir“, erinnert sich Lynne, „und sagte: ,Jimmy Page ist im Publikum, er sitzt in einer Box auf den oberen Rängen! Aber bitte flipp deswegen nicht aus!’ Das hätte er besser nicht erwähnt, denn wir mussten wenige Minuten später auf die Bühne. Ich habe mir fast in die Hose gemacht. Doch dann wurde mir klar, dass ich keine Angst haben muss – schließlich ist das mein Publikum. Und das wollte ich auf keinen Fall enttäuschen. Also habe ich die Nervosität so weit es geht verdrängt und mich auf den Gig konzentriert. Und siehe da – es hat geklappt und mich sogar noch stärker gemacht. Jim-my Page kam nach der Show in die Umkleide, war sehr höflich und hat uns sogar angeboten, gemeinsam mit uns an einem Track zu arbeiten. Mal sehen, was daraus wird.“

Zudem hatten Saint Jude in derselben Halle das erste (aber wohl nicht das letzte) Mal die Gelegenheit, mit Ronnie Wood zu jammen. „Ronnie kannte Adam, die beiden hatten sich schon ein paar Mal getroffen“, berichtet die Sängerin. „Daher kam er zu unserer Show – und war total begeistert. Bei unserem nächsten Auftritt überraschte er uns dann. Ronnie stand mitten im Song ›Angel‹ plötzlich neben uns und spielte mit. Das war großartig! Ich hatte das Gefühl, dass er unsere Musik wirklich mag und respektiert.“

Omega

OMEGASeit fast einem halben Jahrhundert rocken sie nun schon – in zwei Jahren feiern die ungarischen Hard- bzw. Prog-Rocker Omega ihr 50. Jubiläum. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren, denn für zum runden Geburtstag ist eine Reihe von Konzerten mit Unterstützung eines Orchesters geplant. Zudem steht eine CD-Trilogie an. Der erste Teil, der jetzt erschienen ist und ebenfalls mit besagtem Orchester eingespielt wurde, heißt RHAPSODY und beinhaltet vor allem Stücke aus der Prog-Phase von Omega.

Dass sie eines Tages auf eine so lange Karriere zurückblicken könnten, das konnte sich Frontmann Janos „Mecky“ Kobor Anfang der Sechziger nicht im Traum vorstellen: „Ich dachte damals, dass ich einmal Sportler oder Architekt werden würde. Aber Musiker? Nein.“ Die Aussichten, im kommunistischen Ungarn mit Rockmusik durchzustarten, waren damals auch denkbar trübe: Meckys Rock-Input bestand vor allem aus Radio Luxemburg und den spärlichen privaten Schallplattenimporten. „Es war unmöglich, mit Rockmusik Geld zu verdienen – und natürlich war unser westlicher Stil beim Kulturamt nicht beson­ders beliebt.“

Der Schritt auf die internationale Bühne kam dann ebenso unverhofft: 1968 wagte sich die Spencer Davis Group erstmals hinter den Eiser­nen Vorhang. Deren Mana­ger zeigte sich begeistert von den rockenden Ungarn und lud Omega nach England ein. „Damals gab es in Ungarn keine Langspielplatten, nur Singles. Aber wir hatten bereits genug Material für eine LP und bekamen in London die Möglichkeit, in den beiden Nächten nach unseren Gigs schnell ein Album aufzunehmen. Das konnte natürlich nicht besonders gut werden.“ Die Veröffentlichung auf Decca Records brachte einen weiteren unfreiwilligen Namens­wechsel mit sich: Die Band hieß nun Omega Red Star. „Das war natürlich nicht unsere Idee“, lacht Mecky. Denn auch wenn Omega in der Folge weltweit erfolgreich waren, u.a. einen Plattenvertrag in Westdeutschland abgriffen und mit ›Pearls In Her Hair‹ einen Welthit landeten – mit dem politischen Establishment in Ungarn wurden sie nicht so richtig warm. Und obwohl Omega nie die offene Konfrontation suchten, hält sich die gegenseitige Zuneigung auch heute noch in Grenzen. „Bis zur letzten Wahl waren zum Teil ja noch dieselben Politiker im Amt wie vor der Wende.“

Doch die Band hatte in den vergangenen Monaten ohnehin andere Dinge zu tun, als sich darum zu kümmern. Die Neubearbeitung von Omegas Prog-Ära stellte für die Musiker trotz ihrer Erfahrung eine Herausforderung dar. „Viele unserer progressiven Stücke waren zwar von Anfang an für eine sinfonische Umsetzung ausgelegt, aber wir hatten nie die Möglichkeit, sie so aufzunehmen. Neulich hatten wir auch die ersten Orchesterproben für die Jubiläumskonzerte, die wirklich sehr gut gelaufen sind. Obwohl: Vorher ich schon ein bisschen aufgeregt…“

Dan Reed

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dan reedMusik hat, zumindest im besten Fall, immer etwas damit zu tun, dass ein Mensch etwas von sich preisgibt, seine Gedanken und Gefühle offenbart. Daher ist es nur natürlich, dass sich der Sound eines Musikers im Laufe der Jahre entwickelt und verändert – denn mit 16, 17 hat man gewöhnlich eine andere Sicht auf die Welt als mit Mitte 40.

Dan Reed ist dafür das perfekte Beispiel. Er hat Ende der Achtziger mit seinem Dan Reed Network für Furore gesorgt, bekam schon mit dem Debüt Kritikerlob und konnte große Tourneen absolvieren, unter anderem im Vorprogramm von Bon Jovi und später sogar den Rolling Stones. Eine Band auf dem Sprung nach ganz oben.

Doch bevor der Aufstieg in den Rock-Olymp richtig beginnen konnte, war es mit dem Höhenflug auch schon wieder vorbei: Obwohl Dan Reed Network zum zweiten Album SLAM ausgiebig touren und ihre Anhängerschar massiv erweitern können, gibt es für das dritte Werk HEAT kaum Unterstützung von Label-Seite. Das bedeutet zur damaligen Zeit: Das Projekt steht vor dem Aus, ohne die treibende Plattenfirmenkraft geht nichts voran, 1993 tourt die Gruppe ein letztes Mal durch Europa, bevor sie schließlich auseinander bricht. Chefkomponist Dan Reed ist am Boden zerstört. Er flüchtet sich in neue Tätigkeitsfelder, versucht sich als Schauspieler und Clubbesitzer, zudem reist er rastlos um die Welt, feiert bis zum Exzess. Erst der Tod seines Vaters rüttelt Reed auf. Er fliegt nach Indien, meditiert und sucht sein Heil fortan in der inneren Ruhe.

Nach und nach kehrt – inspiriert durch seine Umgebung – die Liebe zur Musik zurück. 2006 schließlich macht Reed ernst, zieht nach Jerusalem und beginnt mit befreundeten Musikern an der Arbeit für seine Scheibe COMING UP FOR AIR, die gerade in Deutschland erschienen ist. Vier Jahre hat es gedauert, bis er sie fertig komponiert und arrangiert hatte – und das hört man dem Werk an. Es ist mit viel Bedacht und Gespür für die richtige Balance zusammengestellt worden, liebevoll und detailliert, feinfühlig und dennoch leidenschaftlich. Allerdings auch weniger rockig, als man das von seinen früheren Werken gewohnt ist – so basieren z.B. viele Stücke auf Akustikgitarren-Melodien. Denn der Dan Reed von damals ist nicht mehr der Dan Reed von heute – das macht schon ein flüchtiger Blick auf die aktuellen Bilder deutlich.

Doch ganz abstreifen will Reed seine Vergangenheit nicht. Im Gegenteil: Nach COMING UP FOR AIR, dieser zarten, vorsichtigen Rückkehr ins Musikgeschäft, will er Schritt für Schritt mehr wagen. Auch die harten Riffs können und sollen wieder Einzug halten in seine Welt, aber nicht mit brachialer Gewalt, sondern nach und nach. Er will damit den Bogen schlagen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart – und dass das funktioniert, hat er jüngst bei seinen Deutschland-Konzerten bewiesen. Klassiker wie ›Rainbow Child‹ versprühen denselben Charme von Unabhängigkeit und Freiheit wie das aktuelle Material. Und daran, so verspricht Reed, wird sich auch in Zukunft nichts ändern..

Mr. Big

Mr. Big 1-12-09 HollywoodEs war definitiv das Comeback des Jahres 2009, aber aufs I-Tüpfel­chen mussten die Fans noch weitere 24 Monate warten: Doch am 21. Januar veröffentlicht die amerikanische Hard Rock-Band Mr. Big erstmals wieder ein Studioalbum mit den Originalkräften Eric Martin (Gesang), Paul Gilbert (Gitarre), Billy Sheehan (Bass) und Pat Torpey (Schlagzeug). Es ist das erste in der Urbesetzung seit HEY MAN vor über 14 Jahren. Der Titel des neuen Werks heißt: WHAT IF…

Was schon der Albumtitel unterschwellig suggeriert, schlägt sich auch in den zwölf Songs der Scheibe nieder, denn WHAT IF… klingt, als ob hier die besten Freunde der Welt ihrer liebsten Beschäftigung nachgehen. Was also wäre wohl damals geschehen, wenn es nie Streitereien, Eifer­süchteleien oder frappierende Manage­mentfehler gegeben hätte? Und was passiert heute, wenn diese Band jetzt endlich (endlich!) ihr ganzes Potenzial abruft?
„Unser Produzent Kevin Shirley sagte zu uns: ‚Seit Jahren erzählt ihr mir davon, dass eure Vorbilder Free und Cream sind, dass ihr eigentlich wie die Protagonisten der British Blues Rock-Invasion in den Siebzigern klingen wollt’“, sprudelt es aus Eric Martin heraus, der ziemlich aufgekratzt in einem feinen Londoner Hotel sitzt und noch immer kaum glauben mag, wie erdig und vital sein neues Opus klingt. „Kevin schimpfte geradezu mit uns. Er fragte: ‚Wenn das doch eure großen Idole sind – warum verdammt noch mal klingt ihr dann nicht endlich auch mal so wie sie?’“

Ganz offenkundig war Shirley der perfekte Mann für diesen Job, denn er ließ sich nicht von den früheren Chart-Erfolgen, vom glatten Saubermann-Image und Singlehit-Ambitionen blenden. Ganz im Gegenteil: Der berühmte Produzent (Aerosmith, Black Crowes, Rush etc.) verordnete den reformierten Mr. Big einen Sound, der sich durch Lebendigkeit und Bodenständigkeit aus­zeichnet und spürbar mehr auf Rockclubs denn aufs Mainstream-Radio ausgerichtet ist.

Kernige Nummern wie der raue Opener ›Undertow‹, das bei Led Zeppelin beziehungsweise Jimmy Page adaptierte Riffing von ›Nobody Takes The Blame‹ oder die an Paul Rodgers zu Free- und Bad Company-Zeiten erinnernde Kraftrock-Nummer ›On-ce Upon A Time‹ runden eine Scheibe ab, die pure Energie atmet und von der immensen Spielfreude der vier Beteiligten im Studio kündet. Natürlich gibt es auch ein, zwei Balladen (›Stranger In My Life‹, ›All The Way Up‹), die durchaus Quer­verweise zu den früheren Smash-Hits ›To Be With You‹ oder ›Wild World‹ zulassen.

Summa summarum jedoch geht WHAT IF… kaum Kompromisse ein, auch nicht im Sound. „Es war harte Knochenarbeit“, stöhnt Martin, „denn dieses Album ist ohne irgendwelche Studiotricks entstanden. Wenn sich jemand verspielt hatte, wurde nicht einfach die Stelle ausgebessert, sondern das gesamte Stück komplett noch einmal aufgenommen. Manche Nummern haben wir bis zu 15 Mal gespielt, bis wirklich alles stimmte.“

Henrik Freischlader

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Henrik FreischladerDie jungen Blueser sind ununterbrochen unterwegs – nicht nur Joanne Shaw Taylor, die wir in diesem Monat in unserem CLASSIC ROCK-Tipp vorstellen, sondern auch der Kölner Henrik Freischlader hat sich in den vergangenen Monaten bei diversen Konzerten seine Fingerkuppen noch weiter abgehärtet. Das Resultat dieser vielen Shows: ein Musiker, der mit seiner Band zu einer präzisen Einheit verschmolzen ist. Nachzuhören ist dies auf einer neuen Doppel-CD, die seit einigen Tagen im Handel bestellt werden kann: Auf TOUR 2010 LIVE hat die Band erneut Martin Meinschäfer damit beauftragt, Mitschnitte anzufertigen. Und das hat der Tonmann auch eifrig getan: Aus unzähligen Konzertaufnahmen wählte er gemeinsam mit Freischlader die besten Stücke aus, das meiste Material stammt vom vorangegangenen Album RECORDED BY MARTIN MEINSCHÄFER, aber auch Songs von THE BLUES und GET CLOSER sowie neu interpretierte Klassiker von Jimi Hendrix haben es in die finale Auswahl geschafft, bei der nicht nur auf den Punkt gerockt wird, sondern auch Improvisationen ihren Platz bekommen haben. Parallel zu der Veröffentlichung arbeitet Freischlader auch an neuen Stücken, die im nächsten Jahr veröffentlicht werden sollen.

Fair Warning

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FairWarning_neuFalls je ein Botschafter gesucht wird, der die deutsch-japanische Freundschaft öffentlichkeitswirksam repräsentieren soll, dann sind Fair Warning die aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten. Schon als sie vor 20 Jahren ihre Karriere starteten, feierten sie binnen kürzester Zeit gigantische Erfolge in Fernost. Kein Wunder also, dass sich die Band nicht nur intensiv um die europäischen, sondern vor allem auch um die asiatischen Fans bemüht.

So haben Fair Warning bereits vor vier Jahren einen Mitschnitt von ihrer Japan-Tournee auf DVD veröffentlicht: LIVE IN JAPAN – CALL OF THE EAST erschien kurz vor dem Reunion-Album BROTHER’S KEEPER, mit dem die Band eine über fünfjährige Pause beendet hat. Nun legen die Melodic-Rocker mit TALKING AIN’T ENOUGH – FAIR WARNING LIVE IN TOKYO eine weitere Aufnahme vor. Neben der 2010er-Show in der Hauptstadt Tokio ist auch der 2009er-Auftritt beim Loudpark-Festival im Paket verewigt.

Die Gigs bestechen in punkto Sound-Qualität – hier ist eine deutliche Steigerung zu CALL OF THE EAST zu verzeichnen. Zudem beweisen Tommy Heart, Helge Engelke, Ule W. Ritgen und C.C. Behrens auch optisch, nichts von ihrer Spielfreude eingebüßt haben: Fair Warning toben voller Energie über die Bühne. Man merkt zu jeder Sekunde: Diese Band fühlt sich hier zu Hause. Und auch die alte Vertrautheit zwischen den Musikern hat sich allem Anschein nach wieder vollends eingestellt. Bleibt nur noch zu hoffen, dass es jetzt endlich auch hierzulande zum großen Durchbruch reicht.