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Subway To Sally – Unverhüllte Intensität

subway to sallySubway To Sally verfügen über zwei Gesichter: ihr rockiges lebt die Band in lauten, großen, mit Pyrotechnik gespickten Konzerten aus – ihr stilles, nachdenkliches mit Akustik-Tourneen. Letzteres belegt die DVD-/CD-Veröffentlichung NACKT II eindrucksvoll.

Als Subway To Sally 2006 unter dem programmatischen Namen NACKT ihre erste Akustik-Tour spielten, konnten die Potsdamer Folk-Rocker die Auswirkungen noch nicht im Geringsten abschätzen: Die im Anschluss veröffentlichte, gleichnamige DVD erlangte Goldstatus, es folgten etliche (erfolglose) Nachahmungsversuche anderer Formationen und ständige Fragen nach weiteren Akustik-Auftritten.

Im Frühjahr 2010 erhörten Subway To Sally die Bitten und hievten ihr nacktes Dasein auf eine neue Stufe: Für die NACKT II-Konzertreise arrangierten sie von Anhängern per Internet-Abstimmung ausgewählte Kompositionen ihrer 18-jährigen Geschichte stromlos um und verstärkten sich mit Gast-Cellist B. Deutung und -Perkussionistin Nora Thiele. „Der Vorbereitungsaufwand glich dem einer Album-Produktion“, erzählt Schlagzeuger Simon Michael um elf Uhr morgens. „Wir hatten in unserem Metier mit der NACKT-Tour deutliche Duftmarken gesetzt – alleine das Bühnenbild und den Anspruch an das Song-Material betreffend. Das wollten wir das natürlich toppen. Teil des Konzepts lautete, nicht unbedingt von den Fans erwartete Stücke zu spielen. Wir betrachteten es als Herausforderung, ihnen und uns selbst zu zeigen, dass durch E-Gitarren-Einsätze bekannte Lieder auch in ganz anderen Gewändern funktionieren.“

Das am 29. April diesen Jahres im Stuttgarter Theaterhaus mitgeschnittene DVD-CD-Paket NACKT II transportiert die einzigartige Atmosphäre hervorragend auf den Bildschirm: Subway To Sally sitzen auf den Wurzeln eines riesigen Baumes und geben auf Schalmei, Flöte, Dulcimer, Drehleier, Harfen-/Renaissance-Cister, Gitarre, Geige, Cello und Perkussion Klassiker wie ›Henkersbraut‹, ›Kleine Schwester‹ oder ›Eisblumen‹ zum Besten. Dazu gesellen sich mit ›Bruder‹ und ›Spielmann‹ zwei aus der 2009er-Album-Produktion KREUZFEUER stammende Exklusivstücke.
Dass die Band großen Wert auf eine familiäre Atmosphäre legt, zeigt das Bonus-Material: Hier kommen neben den Musikern Begleiter zu Wort, die teils seit Jahrzehnten hinter Subway To Sallys Kulissen arbeiten. In dieser Sektion schwärmt Simon auch von dem Zusammenspiel mit Nora Thiele. Laut ihm soll die Kollaboration nicht nach dem zweiten NACKT II-Tour-Abschnitt im kommenden Frühjahr enden, sondern sich unter anderem auf Subway To Sallys elftem, für September 2011 angekündigten Langspieler fortsetzen.

Seine Aussagen und NACKT II nähren den Eindruck, die Gruppe sei wieder hungriger auf Experimente mit traditionellen Klangerzeugungsmitteln. Jene waren zuletzt zugunsten verzerrter Gitarren in den Hintergrund getreten. „Wir möchten wieder ein bisschen mehr auf Mittelalter- und Ethno-Instrumente zurückzugreifen“, bestätigt Simon. „Es wird Kooperationen mit Menschen geben, die diese wunderbar beherrschen und selbst authentische Instrumente bauen.“ Mehr dazu demnächst in CLASSIC ROCK.

My Chemical Romance

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My_Chemical_Romance 2010 (1)Von wegen komplexe Künstlerseele: My Chemical Romance-Frontmann Gerard Way steht eigentlich auf Bon Jovi, Mötley Crüe und Springsteen – auch wenn er mit seiner eigenen Kapelle und deren aktuellem Album DANGER DAYS: THE TRUE LIVES OF THE FABULOUS KILLJOYS neuerdings in Richtung Punk Rock geht und den Anti-Star vom Dienst gibt.

Gerard, du bist ins Epizentrum der amerikanischen Unterhaltungsindustrie gezogen. Wann werden wir dich auf einem der vielen roten Teppiche erleben?
Gar nicht. Hier passiert in Sachen Kunst zwar gerade am meisten, aber größtenteils im Untergrund – die Szene wird von jungen, talentierten Leuten dominiert, die zwischen 20 und 30 sind. Das ist etwas, das du in New York definitiv nicht findest – da sind die Leute älter. Deshalb ziehe ich Los Angeles vor. Außerdem brauche ich eine Stadt, die mir die Ressourcen bietet, um unterschiedliche Dinge tun zu können. Sprich: Wenn ich hier einen Laden für Kunstartikel, ein Aufnahmestudio oder etwas in der Art brauche, muss ich nicht lange suchen. Und abgesehen davon ist L.A. ja auch der Ort, an dem wir seit Jahren unsere Platten aufnehmen. Von daher fühle ich mich hier zu Hause – oder besser: Ich habe mich daran gewöhnt. Was nicht heißt, dass ich viel mit dem üblichen Hollywood-Lifestyle zu tun hätte. Ich gehe nicht auf Partys, zu Premieren oder in die angesagten Clubs, sondern ich lebe ziemlich zurückgezogen. Dinge, die mich interessieren, sind Ausstellungs- oder Galerie-Eröffnungen. Insofern wird man mich auch nicht so schnell auf irgendeinem roten Teppich erleben. Das ist momentan eh das große Problem mit Rock-Musikern…

Wie meinst du das?
Na ja, ich finde, dass man bei solchen Anlässen einfach zu viele sieht. Dabei gehören sie dort definitiv nicht hin. Klar, ich verstehe schon, warum Popstars ihr eigenes Parfum auf den Markt bringen und solche Sachen. Aber gerade im Rock-Bereich gibt es derzeit viel zu viele Opportunisten. Und ich kapiere nicht, was so interessant daran ist, Geschäftsmann zu werden. Liegt es am Geld? Ist es das Ego? Die Presse? Das Konzept erschließt sich mir nicht. Denn traditionell sollten wir Rocker doch eher schlecht in finanziellen Dingen sein – und in spätestens zehn Jahren pleite. (lacht) Wir müssen gute Musik machen und schlechte Geschäftsentscheidungen treffen.

Wobei du mit deinen Comics, die demnächst verfilmt werden, doch auch ziemlich erfolgreich bist…
Das schon. Aber ich stelle mich damit nicht öffentlich zur Schau. Also ich gehe damit nicht in Talkshows, hänge das an die große Glocke und versuche, eine Celebrity zu werden. Es ist doch nur ein blödes Spiel, das scheinbar dazugehört, wenn du in einem kreativen Metier tätig bist – was schließlich dazu führt, dass die Leute den Blick für das Wesentliche verlieren. Das passiert mir nicht. Ich bleibe auf dem Boden und versuche, ein normales Leben zu führen.

Nämlich mit Ehefrau und einer kleinen Tochter namens Bandit Lee. Wie schlägt sich diese bürgerliche Existenz auf die Musik von DANGER DAYS: THE TRUE LIVES OF THE FABULOUS KILLJOYS nieder?
Auf ziemlich ungewöhnliche Weise. (lacht) Denn ich habe eines festgestellt: Je glücklicher ich im Leben bin, desto aggressiver werden meine Songs. Keine Ahnung, warum das so ist – aber es stimmt hundertprozentig. Denn unsere neuen Sachen sind mit die wütendsten, die wir je gemacht haben. Was ziemlich interessant ist. Gleichzeitig ist es aber auch eine witzige Art von Hass…

Was soll das denn bitte sein?
Es ist eine Art von Hass, die zwar eine Menge Power hat, aber eben nicht wahnsinnig ernst gemeint ist. Ich weiß nicht, wie ich das besser formulieren soll, aber dieser rebellische Geist, der da zweifellos vorhanden ist, richtet sich in erster Linie gegen uns selbst. Wobei es uns immer noch darum geht, tolle Songs zu schreiben. Ich schätze, oft ist es einfach so, dass Leute gegen sich selbst zu rebellieren versuchen – und dabei ganz bewusst alles zerstören beziehungsweise absichtlich keine gute Musik machen. Wie ein Anti-Statement, eine Verweigerung. Das tun wir nicht. Wir haben noch nie darauf verzichtet, richtig starke Melodien zu schreiben – und das werden wir auch in Zukunft nicht tun.

Wobei euer neues Album, das am 19. November erscheint, eher punkig als orchestral klingt. Eine bewusste Abkehr vom sinfonischen Bombast der BLACK PARADE?
Stimmt. Nur: Das war keine bewusste Entscheidung. Zwar haben wir darüber gesprochen, dass wir diesmal nicht so viele Streicher einsetzen wollen, aber letztlich war es einfach so, dass die Songs diese Elemente nicht ge-braucht haben. Und deshalb sind sie auch nicht eingesetzt worden. Stattdessen hat das Ganze etwas von diesem Prototyp-Punk der späten Siebziger – von den Misfits und Ramones. Aber auch vom Detroit-Sound der MC5 oder Stooges. Also Sachen, die es schon vor der Punk-Ära gab, nämlich in den frühen Siebzigern. Und um ehrlich zu sein: My Chemical Romance haben auch eine Garagen-Schlagseite. Vor allem, wenn wir live spielen. Das wollten wir mit diesem Album mehr nach außen kehren.

Wird es dann auch auf der Bühne weniger Make-up und Kostüme geben?
Ich kann nur so viel sagen: Es wird kein „Anti-Image“ geben. Denn das wäre mindestens so schlimm, wie wenn wir uns noch einmal in diese Marschkapellen-Kostüme zwängen würden. Das wird nie wieder passieren. Aber wir möchten versuchen, bei unseren Shows für eine Verbindung zwischen Kunst und Musik zu sorgen, uns also stark auf das Visuelle zu konzentrieren. Denn einfach nur in Jeans und T-Shirt auf die Bühne zu gehen, ist uns zu wenig – das ist nicht unser Ding.

Auch wenn ihr zuletzt im Giants Stadium in New Jersey das Vorprogramm für die ungekrönten Könige des Jeans-Rock bestritten habt – Bon Jovi?
Das war klasse! Im Ernst! Ich bin mit Bon Jovi aufgewachsen, fand sie immer toll. Insofern war es nett von den Musikern, dass sie uns überhaupt gefragt haben. Was sie aus dem einfachen Grund getan haben, weil Bruce Springsteen sie vor Jahren ebenfalls ins Giants Stadium eingeladen hat – diese Ehre konnten sie jetzt quasi an uns weitergeben. Das war eine richtige Hometown-Geschichte – die Alten stellen die Neuen vor. Wobei ich immer ein Kind aus New Jersey geblieben bin: Ich erinnere mich gerne daran, wie ich an die Küste gefahren und mich dort auf den Jahrmärkten am Glücksrad oder an den Luftgewehrbuden versucht habe, um einen Spiegel von Mötley Crüe oder einen Hut von Iron Maiden zu gewinnen. Das war mein Leben – und für viele Leute aus Jersey, die auf Metal, Rock und Hard Rock stehen, ist es das immer noch. Ich bin also einer von ihnen. Selbst wenn ich mittlerweile an der Westküste lebe.

Electric Wizard – Kalkulierte Dröhnung

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Electric Wizard @ Ester Segarra 1Ein tiefer Zug am Joint, ein waberndes Feedback und der Trip beginnt: Wenn ELECTRIC WIZARD zu ihren doomigen BLACK MASSES bitten, klingt es wie eine spontane Improvisation der Heaviness. Dahinter steckt jedoch nüchterne und ernsthafte Arbeit.

Pro Tools ist der Teufel“, stellt Gitarrist und Sänger Justin Oborn gleich mal klar. „Egal, was man macht – durch die Art der Effekte und das Timing klingt das Ergebnis immer absolut generisch, zumindest in meinen Ohren. Ich liebe das alte, analoge Equipment – selbst wenn das bedeutet, dass wir ein Vermögen für Tonbänder ausgeben müssen.“ Das Auftreiben der Magnetrollen ist nur ein Teil der gewissenhaften Vorbereitung, die in ein Electric Wizard-Album fließen. „Alle unsere Instrumente sind antik“, erläutert Justin weiter. „Wir benutzen alte Laney-Amps, um diesen klassischen Sound von Jimi Hendrix, Deep Purple oder frühen Black Sabbath zu bekommen.“

Klingt nach einer Materialschlacht, ist es letztlich auch: Electric Wizard balancieren auf einem schmalen Grat zwischen einfach guten Riffs und Effektgeräte-Overkill, der letztlich den dröhnenden Retro-Sound von Electric Wizard erst ausmacht. „Wir arbeiten beim Songwriting ganz klassisch, kauen auf Riffs herum, bis uns das Resultat gefällt. Die Effekte kommen erst kurz bevor wir ins Studio gehen ins Spiel. Aber natürlich habe ich schon früh eine Vorstellung, wo man was noch etwas verdrehen und verfremden kann.“ Das, was beim „klassischen Songwriting“ herauskommt, ist dabei eher monton und rhythmisch, mit immer mehr Schichten – und obendrauf dann ein Killer-Lead. „Das ist typisch für die späten Sechziger – eine Periode, die ich sehr schätze. Natürlich klingen Electric Wizard nicht so wie die Bands damals, wir sind viel härter und brutaler, aber meine Art, Songs zu konstruieren, ist sehr durch diese Zeit beeinflusst.“ Bestes Beispiel: ›Night Child‹. Ein simpler Beat, dann Freestyle-Experimentieren. „Oh Mann, an dem Song haben wir uns buchstäblich die Zähne ausgebissen – genau um diesen Eindruck der Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit zu erzeugen. Das Bizarre an dem Teil ist, dass man all die Klangschichten entfernen und einen total abgefahrenen Dance-Track daraus machen könnte.“

Solche überraschenden Erkenntnisse gibt es bei Justin nicht oft, wie er gesteht. Der Mann hat üblicherweise alles unter Kontrolle. „Unsere Musik ist sehr kalkuliert“, gibt er offen zu – das Image auch: Satan, Dope und, äh, noch mehr Dope. Wäre die Band nicht so offensichtlich besessen von den okkulten Frühformen des Classic Rock, könnte man das Ganze auch als Comichaftes Abziehbild ohne künstlerische Tiefe abtun. „Natürlich bedienen wir jede Menge Klischees. Ich habe recht früh beschlossen, mich mental von meinen Kreationen zu distanzieren. Es stecken keine tiefen Wahrheiten in unseren schwarzen Messen – die Texte funktionieren analog zu den Riffs, sie drehen sich meist um ein oder zwei Phrasen, die eine gewisse Eingängigkeit haben und dann ad nauseum wiederholt werden“, lacht Justin. „Das ist pure Notwendigkeit, denn den Rest der Lyrik schreibe ich immer am Abend, bevor ich den Song im Studio einsingen muss. Total stoned natürlich.“ Wenigstens in diesem Punkt werden sie ihrem Klischee gerecht…

The Young Gods – Jäger und Sammler

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The Young Gods_2010_4_BW_PRINTUnbeeindruckt und nach 25 Jahren immer noch hemmungslos experimentell: THE YOUNG GODS arbeiten weiter an ihrer Vision moderner Rock-Musik – und haben dabei überraschender-weise die ganz klassische Riffkultur entdeckt.

Sie waren immer Außenseiter: Pioniere des Industrial Metal, Wegbereiter der Verschmelzung von Rock und Elektronik – und doch sind die Schweizer nie dem Ruf der großen Musikwelt gefolgt: Bis heute lebt Mastermind Franz Treichler im beschaulichen Genf. „Ich wohnte 1994/95 für anderthalb Jahre in New York, aber es brachte uns nicht weiter. Der Rest der Band war damals in der Schweiz, ich fühlte mich abgeschnitten. Und Genf hat auch seine guten Seiten: Die Szene ist nicht so auf Trends versessen, dafür hat man direkten Zugang zu Dingen, die eben gerade nicht Trend sind.“

Was New York als Schmelztiegel verspricht, findet Franz seit Gründung der Young Gods 1985 also bevorzugt in seiner Heimat: vielfältige Einflüsse, die dem Mann der wichtigste Antrieb sind. Nachdem die Young Gods zuletzt akustisch unterwegs waren und dafür sogar von ARTE und „Kulturzeit“ gefeiert wurden („Was eher mit unserer Wichtigkeit für die Schweiz als mit unserer Wichtigkeit für die Welt der Musik zu tun hat“, so Franz süffisant), geht es auf EVERYBODY KNOWS wieder härter zu. „Aber nicht mit dem Vorschlaghammer“, betont Franz. „Das haben wir 2007 mit unserem Comeback-Album SUPER READY/FRAGMENTÉ versucht. Da-mals mussten wir mit der Faust auf den Tisch hauen, um der Welt unsere Existenz mitzuteilen. Die anschließenden Akustik-Sachen waren der Fall ins andere Extrem und der augenzwinkernde Hinweis: ,Hey, wir hatten da mal vor 20 Jahren ein paar Hits!‘ Mit dem neuen Album standen wir wie so oft vor der fruchtbaren Frage: ,Was nun, wenn nicht nochmal das Gleiche?‘“

Herausgekommen ist zum einen eine Mischung aus dem Vorigen, mal sehr akustisch, dann wieder elektronisch treibend, fast wie Dance-Musik. „Das Wichtigste für mich ist, dass EVERYBODY KNOWS getrieben wirkt – neue Grenzen sucht, keine Schranken akzeptiert und dabei viel eigene Persönlichkeit entwickelt.“ Man nennt das wohl Stilempfinden, wenn aus eklektischem Input ein kohärenter, sofort als The Young Gods identifizierbarer Output wird. „Es ist halb Architektur, halb Rock – und nie Routine“, bringt Franz die Vorgehensweise auf den Punkt. Und da ist heute auch Platz für lupenreine Classic-Rock-Riffs, etwa im Song ›No Land’s Man‹. „So etwas hätten wir früher nicht gemacht. Aber das war mal ein geniales Riff, warum sollten wir es groß samplen, dekonstruieren und in klassischer Industrial-Manier verwursten? Vincent, unser Gitarrist, hat Rocker-Blut in sich – und dieses Erbe haben wir auf typische Young-Gods-Art ergründet. Genau so fand diese Band schon immer ihren nächsten Schritt.“

Experimentell sein, nicht alles zu wissen glauben: Das ist auch das zentrale Thema von Franz’ Texten. „Wir leben in einer Zeit, in der jeder jederzeit Zugriff auf alle Informationen hat. Jeder nimmt deswegen an, alles zu wissen – EVERBODY KNOWS. Aber niemand weiß, was er tun soll, weil die Verkettung von Umständen hinter allem so komplex ist. Wenn wir in den Supermarkt gehen, unterstützen wir damit nicht faktische Sklaverei in Entwicklungsländern? Die Vernichtung des Urwalds? Als ich jung war, gab es eine klare Einteilung in Gut und Böse, heute ist alles irgendwie ein bisschen das Eine und ein bisschen das Andere.“ So wie, der platte Abschluss sei erlaubt, die Musik der Young Gods – nur dass das genau das Gute an ihnen ist.

Soundgarden – Telegene Rückkehrer

Soundgarden-1 @ Don_Van_CleaveSie waren Pioniere des Grunge – die Band, die den Hard Rock der Siebziger für die Indie-Kids der Achtziger und Neunziger überhaupt erst goutierbar machte. Jetzt sind Soundgarden zurück. Für die Werkschau TELEPHANTASM haben Sänger Chris Cornell, Gitarrist Kim Thayil, Basser Ben Shepherd und Schlagzeuger Matt Cameron tief in den Archiven gewühlt – und festgestellt, dass sie einander wieder lieb haben.

Sag niemals nie. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber eine, die viele sich beim Lesen von Chris Cornells Twitter am 31.12. 2009 nicht verkneifen konnten. Soundgarden werden sich 2010 wieder vereinigen, hieß es da lapidar. Bam! Was für eine Schlagzeile. Was für ein Auftakt ins Jahrzehnt! Rockfans überall lagen einander in den Armen: Die Welt war gerettet, die Heilige Dreifaltigkeit Pearl Jam, Alice in Chains und Soundgarden wieder intakt. Wer sich indes an Interviews von 2007 erinnerte, zu Cornells zweitem Soloalbum CARRY ON, der rieb sich verwundert die Augen: Da beschied Chris die Reunion mit einem recht deutlichen Nein. „Wenn Leute wieder zusammenfinden, steckt meist Geld dahinter“, winkte er ab. „Ich hoffe, dass wir nie in die Lage geraten, eine solche Entscheidung zu treffen. Soundgarden haben nachhaltige, wichtige Platten geschaffen – Klassiker vom ersten bis zum letzten Album. Warum soll-ten wir die aus dem Schrank holen und daran herummachen? Ich kann mir keinen Grund vorstellen – es sei denn, man tut es für die Fans, aber selbst das ist ein zweischneidiges Schwert.“ Autsch.

Hört man Cornell jetzt, überkam sie der Sinneswandel wohl mählich. Dem Rocksender WAAF in Boston erzählte er, zunächst habe man nur den Katalog der Band diskutiert: „Wir hatten keine aktive Website, kein Merchandise, zwei unserer Alben waren vergriffen. Aber mit Soundgarden geht eine Verantwortung einher – wir mussten dafür sorgen, dass neue Generationen von Rockfans an dieses Material kommen. Nach einer Menge Meetings fragten wir uns, ob wir nicht zur Feier der Wiederveröffentlichung wenigstens eine Show spielen sollten.“ Mittlerweile waren es drei (heimlich in Seattle als „Nudedragons“ sowie in Chicago beim Lollapalooza-Festival), und gestandene Männer (und Frauen) hatten Pipi in den Augen. „Triumphal!“, jubelten die Reviewer – so zeitlos und kraftvoll, als seien Soundgarden nie weg gewesen.

Und was ist mit den Spannungen zwischen Thayil und Cornell, die 1997 zur Trennung führten? „Es gab keine“, kontert Cornell. „Null. Aber die Medien wollen Stories, und wenn du ihnen nichts gibst – wie ,X hat mit meiner Frau geschlafen‘ oder ,Y hat ein Drogenproblem‘ –, dann schreiben sie halt von ,kreativen Differenzen‘. Die Wahrheit hat keinen interessiert. Nämlich, dass wir uns trennten, weil das Musikgeschäft zum Kotzen war und wir die Nase voll hatten. Die gute Nachricht ist, dass dieses Business tot ist und wir unsere Veröffentlichungen heute selbst in die Hand nehmen können, und das in einer Vielfalt von Formaten, die es früher nicht gab.“

Für die TELEPHANTASM-Retrospektive haben sie in die Vollen gegriffen: Die normale 12-Track-CD mit ›Black Rain‹ (der ersten Soundgarden-Single seit 13 Jahren) wird von einer Schwindel erregenden Anzahl Editionen flankiert: Eine Doppel-CD à 24 Songs, fünf davon unveröffentlicht, eine Triple-Vinylausgabe, die allererste Soundgarden-DVD mit 20 Videos, 13 davon nie gesehen, sowie eine nummerierte „Super Deluxe Sammler-Edition“ mit allem Gemüse, Poster und Lithographien. Fehlt eigentlich nur noch die mundgemalte Sammeltasse. In Amerika wurde TELEPHANTASM außerdem huckepack mit „Warriors Of Rock“ ausgeliefert, der neuen Folge des Playstation-Hits „Guitar Hero“.

Zockt der Luftgitarrist darauf ›Black Rain‹, befindet er sich übrigens in einer digitalen Kopie des mittlerweile geschlossenen New Yorker Clubs CBGB’s: Als Soundgarden dort 1989 auftraten, dürften die meisten Käufer noch in den Windeln gelegen haben. ›Black Rain‹, ein Überbleibsel aus der Zeit von BADMOTORFINGER (1991), wurde laut Cornell kaum verändert: „Ein paar Gitarren-Overdubs, ein leicht geänderter Refrain und andere Lyrics“, zählt er auf. „Damals waren wir ratlos, weil das Arrangement zu lang war. Das aufzuräumen, war jetzt kein Problem mehr.“
Überhaupt brachte für Cornell erst der Rückspiegel Klarheit: „Mit Abstand würde ich sagen, dass wir unter den Grunge-Bands die Mutigste und Experimentellste waren, diejenige, die das Genre vorangebracht hat.“ Lange das Zugpferd des „Home of Grunge“-Labels SubPop, setzten sie auch als Erste ihre Unterschrift unter einen Major-Vertrag. Heute sind es in erster Linie Nirvana, die mit Grunge identifiziert werden. Ärgert das Cornell? „Wir werden oft nach Nirvana gefragt“, weicht er aus. „Schon putzig, sich an die Jungs von damals zu erinnern. Als sie zu unseren Gigs kamen, waren sie noch in der High School. Aber jetzt wird Kurts Tod ihr Bild für immer prägen. Er, Jeff Buckley und Andy Wood (Sänger der Pearl Jam-Vorgänger Mother Love Bone, Anm.d.A.) hätten noch so viel Brillantes leisten können, das weiß ich. Gleichzeitig bleibt ihnen auf die Art erspart, Fehler zu begehen – die eine Platte, die man ewig bereut, der schlechte Song, die peinlichen Auftritte… Peinlichkeiten sind in einer Karriere unvermeidlich.“

Er muss es wissen: Sein erratisches Schlingern zwischen Singer/Songwriter, James Bond-Playboy, Audioslave-Muskelmann und R’n’B-Schmoozer schadete seinem Ansehen in der Szene erheblich. Darin sieht seine Ex-Frau und frühere Soundgarden-Managerin Susan Silver auch den eigentlichen Grund der Reunion: Chris’ Karriere sei derart aus dem Ruder gelaufen, sagte sie dem US-Magazin Spin, dass er keine andere Wahl hatte, als sich wieder um Soundgarden zu bemühen.

Die anderen nehmen das ihrem verlorenen Sohn nicht übel: Ganz gleich, wie das Verhältnis kurz vor oder nach dem Split war, herrscht derzeit eitel Sonnenschein. Gründungsmitglied Kim Thayil schwärmt bereits von der Kameraderie: „Vielleicht gehört für mich sogar zum Wichtigsten, dass ich wieder mit den Jungs rumhängen kann“, sagt der 50-Jährige, der bei den Reunion-Gigs stolzes Grau im Bart trug. Bassist Ben Shepherd mag das Wiedersehen auch an alte Dämonen erinnert haben: Der Mann-der-mit-durchgestrecktem-Arm-spielt fiel nach dem Soundgarden-Split in das sprichwörtliche Loch, war abhängig von Schmerzmitteln und bekam musikalisch lange kein Bein mehr auf die Erde. Drummer Matt Cameron er­ging es da sehr viel besser: Seit er 1998 bei Pearl Jam anheuerte, gilt er als eine der Säulen dieser Band – eine Position, die er vermutlich um nichts in der Welt wieder hergeben wird.

So weit, dass Cameron sich entscheiden müsste, wird es aber wohl nicht kommen. Denn so sehr die Fans auch hoffen: Soundgarden planen nach aktuellem Wissen vorerst kein neues Album, und, so Chris Cornell: „Wir stellen keine Welttournee zusammen, wie es bei einer klassischen Reunion der Fall wäre – genau solche Denke hat ja zu unserer Trennung beigetragen. Wir möchten den Spaß miteinander nicht gefährden. Wir lassen uns Zeit.“

Mando Diao – Kunstvolle Atempause

Mando Diao, 2008Sie gaben in den letzten zehn Jahren Vollgas. Der bisherige Höhepunkt: Mit ihrem bis dato letzten Studioalbum, GIVE ME FIRE, stürmten Mando Diao in Deutschland, Österreich und in der Schweiz auf Platz eins der Charts. Mit einem MTV UNPLUGGED blicken die fünf Schweden nun auf ihre bisherige Karriere zurück.

Album, Tour. Album, Tour. Album, Tour. Die beiden Sänger Björn Dixgård und Gustaf Norén, Bassist Carl-Johan „CJ“ Fogelklou, Schlagzeuger Samuel Giers und Keyboarder Mats Björke gönnten sich in den vergangenen Jahren kaum eine Auszeit. Zeitweise kamen die Jungs auf fast 200 Gigs pro Jahr. Zeit für eine Verschnaufpause. Und einen Blick zurück. Auf ihrem neuen Longplayer, MTV UNPLUGGED – ABOVE AND BEYOND, präsentieren Mando Diao ihre größten Hits, darunter ›Down In The Past‹ und ›God Knows‹, einige unbekanntere und bislang unveröffentlichte Songs wie ›No More Tears‹ sowie zwei Cover-Versionen von den Kinks und Simon & Garfunkel – und das alles ohne überflüssigen technischen Schnickschnack.

Um über das neue Werk zu sprechen, reisten Björn Hans-Erik Dixgård, einer der beiden Sänger der Band, und Bassist Carl-Johan „CJ“ Fogelklou Anfang Oktober nach Berlin. In der Zentrale ihres Labels, in einem Konferenzzimmer mit Blick auf die Spree, berichten die beiden Musiker über die Aufnahmen zu ihrem MTV UNPLUGGED. Gar nicht weit von hier, in den Union-Film-Studios in Berlin-Tempelhof, wurde der Akustik-Gig Anfang September aufgezeichnet. Wieso ausgerechnet in Berlin? „Es ist besser, nicht in seiner Heimatstadt zu bleiben. Denn an einem anderen Ort ist man für sich, wird nicht abgelenkt und kann sich besser konzentrieren“, so CJ, und Björn ergänzt mit leuchtenden Augen: „Alles hier in Berlin ist ziemlich attraktiv. Der Vibe, die Clubs, die Kunstszene. Es ist eine wundervolle Stadt.“

Ein ziemlich krasser Gegensatz zur schwedischen Provinz-Stadt Borlänge, aus der Mando Diao stammen. Im Gegensatz zur deutschen Hype-Metropole mit seinem grenzenlos scheinenden kulturellen Angebot gibt es in der 40.000-Einwohner-Stadt ungefähr sieben Clubs. Da muss auch eine Tankstelle mal als Showbühne herhalten. „Das war eine private Party des Personals“, erinnert sich CJ. „Ich brauchte Geld für eine neue Gitarre. Und auch der Rest der Band konnte ein bisschen Cash gebrauchen. Wobei sie uns allerdings nie bezahlt haben…“, fügt Björn grinsend hinzu.

Aus den Kleinstadtrebellen wurden im Lauf der Jahre ernstzunehmende Musiker. Bereits mit ihrem zweiten Longplayer, HURRICANE BAR – benannt nach einem Rock-Schuppen in ihrer Heimatstadt –, schaffte die Band 2005 den Einstieg in die Top 20 der deutschen Charts. Der endgültige Durchbruch gelang ein Jahr später mit ODE TO OCHRASY, das Album erreichte Platz drei in Deutschland. Mit ihrem energiegeladenen Rock, der sich stark am Sound der Sechziger orientiert, schafften es Mando Diao in die erste Liga. Spätestens seit ihrem Hit ›Dance With Somebody‹, der bislang erfolgreichsten Single der Band, werden die fünf Rocker bei ihren Konzerten von jungen, meist weiblichen Fans in der ersten Reihe angehimmelt. Eine „Mandomania“ schwappte über Deutschland. Nur in Großbritannien hat es bislang nicht so richtig geklappt. Dafür hat Björn eine Erklärung: „In England geht es eher um die richtigen Posen.Wenn du es dort schaffen willst, musst du ein Model vögeln und dir jeden Tag Kokain durch die Nase ziehen, damit die Tabloid-Magazine Fotos davon schießen können. Aber so sind wir nicht, sorry.“
Für ihren Unplugged-Auftritt mussten die knapp 30-jährigen Rocker garantiert niemanden flach legen. Die Band war von Anfang an in den kreativen Prozess involviert. „Die Grundidee für die Cinematografie stammt von uns. Es gab auch keinen Producer für die Musik, wir haben einfach drauflos gespielt“, lacht Björn – und seine charakteristische Reibeisenstimme schallt durch den Raum. Für das Unplugged-Konzert wurde eine Szenerie, bestehend aus vier unterschiedlichen Räumen, kreiert: eine Garage, die die Anfänge der Band symbolisiert, ein Hotelzimmer, ein schwedisches Wohnzimmer, das für ihre Heimat steht, und ein Speicher, der die Zukunft repräsentiert.

Auch bei der Outfit-Auswahl hatten die Jungs von Mando Diao das Sagen. So performten sie in traditionellen schwedischen Kostümen. „Das sind an-sehnliche Kleider von circa 1860 aus dem Landkreis, aus dem wir stammen. Damals wurden diese Kleider zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten getragen. Es sind also sozusagen Party-Klamotten“, klärt Björn auf.

Für das Unplugged-Set wurde alles aufs Nötigste reduziert. Die 24 ausgewählten Songs wurden neu arrangiert. Das heißt jedoch nicht, dass das für Mando Diao typische Rock’n’Roll-Feeling auf der Strecke bleibt. „Das Schwierige an dem ganzen Prozess war es, das Energie-Level oben, aber die Laut-stärke unten zu halten“, erklärt CJ. Das ist den Jungs gelungen. Während der Smasher ›Dance With Somebody‹ ungewohnt zurückhaltend beginnt, geht es zum Schluss dann doch noch richtig zur Sache. Nur ohne Verstärker eben. Rock’n’Roll ist schließlich keine Frage der Lautstärke, sondern hat etwas mit Leidenschaft zu tun. Und davon haben die „jungen Wilden“ von Mando Diao genug.
Sie strotzen geradezu vor Selbstbewusstsein und sind nicht auf den Mund gefallen. In der Vergangenheit rissen sie die Klappe hin und wieder ganz schön weit auf. So haben sie sich zum Beispiel beim Release ihres Debüts BRING ’EM IN auf eine Ebene mit den Kinks und den Beatles gestellt. Ganz schön mutig. „Wir sind einfach der Ansicht, dass wir bessere komplette Alben aufnehmen. 1967 wurde das Album-Format von den Beatles mit SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND eingeführt. Davor ging es lediglich um erfolgreiche Singles“, stellt CJ klar.

Dennoch gaben sie Ray Davies, dem Frontmann der 60s-Kult-Band The Kinks, eine Chance. „Wir wollten ihm zeigen, wie es ist, in einer großartigen Band zu spielen. Wenigstens für einen Song“, so CJ mit ironischem Unterton. Gemeinsam mit dem legendären Sänger performten Mando Diao fürs MTV-Unplugged den Kinks-Klassiker ›Victoria‹.
Davies ist nicht der einzige musikalische Gast. Für den Schlafzimmer-Schmachtfetzen ›High Heels‹ konnte Juliette Lewis als Duett-Partnerin gewonnen werden, für ›Gloria‹ holten sich Mando Diao US-Newcomerin Lana Del Ray ins Boot. Des weiteren verpflichtete die Band den langjährigen Beatles-Freund Klaus Voormann. Der 72-jährige Grafiker, Produzent und Musiker, der 1966 das Cover für das Beatles-Album REVOLVER entwarf und für Größen wie Lou Reed und Carly Simon den Bass zupfte, hielt den Abend auf Papier fest. Seine Impressionen werden fürs Artwork des neuen Mando-Diao-Albums verwendet.

Neben den illustren Gästen durfte einer nicht fehlen: Band-Mitbegründer Daniel Haglund, der Mando Diao 2004 verließ und heute als Deutsch- und Musiklehrer arbeitet, ist ebenfalls mit von der Partie. „Als er gefeuert wurde, waren wir auf völlig unterschiedlichen Levels. Wir waren Anfang 20 und wollten so viele Gigs wie möglich spielen“, blickt Björn zurück. „Inzwischen haben wir wieder ein gutes Verhältnis, und es ist für uns ganz natürlich, ihn bei einer solchen Show dabei zu haben. Denn es ist eine Art Mando-Diao-Retrospektive – und er ist immerhin der Gründer dieser Band. Er musste also einfach dabei sein. Außerdem ist er ein großartiger Musiker.“
Nach der Veröffentlichung des Unplugged-Albums gönnen sich die Jungs von Mando Diao nun erst einmal eine Auszeit, bevor es dann an die Aufnahmen des nächsten Studioalbums geht – und sie danach wieder in den Tourbus steigen. Durchatmen heißt jetzt die Devise. Vorerst.

New Model Army – Britisches Erfolgsmodell

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NewModelArmySeit 30 Jahren erschüttern New Model Army mit ihren gewaltigen Sound-Attacken die Musikwelt. Und sie haben nicht vor, damit aufzuhören, wie Band-Kopf Justin Sullivan im CLASSIC ROCK-Interview verrät.

Gerade erst haben sie ihre Welttournee beendet. Es war eine Konzertreise mit vielen, vielen Stopps – einige davon haben New Model Army auch in Deutschland eingelegt. Doch nun ist es Zeit, sich ein bisschen zu erholen, durchzuatmen – und endlich auch mal inne zu halten und darüber nachzudenken, was in den vergangenen Tagen, Wochen, Monaten, Jahren eigentlich alles so passiert ist. New Model Army feiern nämlich ein rundes Band-Jubiläum. Seit 30 Jahren gibt es die britischen Indie-Institution schon – und mit einem Boxset haben die Musiker ihren Fans jüngst eine Sound-Torte zum Geburtstag spendiert.

Dabei liegt das Feiern den Protagonisten Justin Sullivan (Gesang, Gitarre), Marshall Gill (Gitarre), Pete „Nelson“ Nice (Bass), Michael Dean (Drums) und Dean White (Keyboard) gar nicht – zumindest nicht, wenn sie selbst im Mittelpunkt des Fests stehen. „Ich bin dazu gezwungen worden, mir Gedanken über die Karriere von New Model Army zu machen“, sagt Frontmann Sullivan, ein Hüne, der mit einer sanften Stimme spricht, die so gar nicht zu dem wilden, zügellosen Menschen passen will, in den er sich gerne auf der Bühne verwandelt. „New Model Army waren nie dazu gedacht, dass wir mit der Band Karriere machen. Das hat sich einfach so entwickelt. Daher widerstrebt es mir, nun zurückzublicken. Das ist gegen meinen natürlichen Instinkt. Es ging mir immer nur ums Hier und Jetzt. Wir sind stets wild entschlossen, unser Bestes zu geben. Und wir konnten im Laufe der Jahre einige Leute um uns scharen, die uns darin unterstützen und der Band stets loyal zur Seite stehen.“

Wie wichtig das war, zeigte sich besonders in den Neunzigern, einer schwierigen Phase für New Model Army. Denn was 1980 in Bradford noch unter einfachen Vorzeichen begann – es gab nur zwei Regeln: „Keine Tories, kein Kokain“ –, entwickelte sich nach dem (Gold-)Erfolg des 1989er-Werks THUNDER AND CONSOLATION rasch zu einer Unternehmung, bei der auch die Industrie mitbestimmen wollte. Daher wandte sich Sullivan von New Model Army ab und ging eigene Wege mit anderen Partnern. Erst Ende der Neunziger ging es mit kleineren Indie-Releases wieder in die richtige Richtung. So konnte die Gruppe selbst den schmerzhaften Ausstieg des an Krebs erkrankten Drummers und Co-Komponisten Robert Heaton im Jahr 2000 verkraften. Denn der Split mit dem Musiker, der 2004 verstarb, bestärkte sie noch darin, sich fortan nie mehr das Zepter aus der Hand nehmen zu lassen. New Model Army gehörten zu den Ersten, die sich darüber Gedanken machten, wie man den Fans alles aus einer Hand bieten könnte, und verantworteten ihre Veröffentlichungen selbst. Zudem erkannten sie, dass eine Band heutzutage vor allem eins tun muss: auf Tour gehen.

Dies unterscheidet sie von den meisten Acts. Sie denken für sich selbst und für ihre Fans, trauen sich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. „Wir sind in vielerlei Hinsicht eine ganz normale Band“, betont Sullivan (54). „Aber einige Dinge sind besonders bei New Model Army. Wir haben Erfolg, gehören aber keinem speziellen Genre an. Und wir hatten noch nie in irgendeinem Land einen Top 20-Hit. Zudem bekommen wir viel Lob für unsere Achtziger-Veröffentlichungen. Aber wir beschränken uns nicht auf die Songs aus dieser Phase, im Gegenteil. Denn abgesehen von den jetzigen Jubiläums-Gigs spielen wir bei den meisten Shows bis zum Zugabenblock nur zwei, drei Stücke aus dieser Ära, der Rest stammt aus der Zeit nach 2000. Und trotzdem sind die Leute begeistert. Sie interessieren sich für uns, unsere aktuelle Entwicklung – und wollen eben nicht einfach die immer gleichen alten Stücke hören. Das ist schon ein Privileg für eine Band.“

Sullivan weiß das zu schätzen. Genauso, wie er die Qualitäten und das Engagement seiner langjährigen Fan-Gemeinde zu schätzen weiß. Dazu zählt speziell „The Following“, eine ebenso treue wie wild aussehende Anhängerschar, die beim Gros der Gigs die Frontreihen bevölkert. Sie waren es, die ihn und seine Mitmusiker immer darin bestärkt haben, unbeirrt weiterzumachen. Auch in schweren Zeiten, so zum Beispiel 2008, als New Model Armys einflussreicher Manager Tommy Tee starb. Der Gedanke, dass hinter der Band eine Gemeinschaft steht, die alles auffängt und mitträgt, hilft nicht nur dem Briten selbst, sondern auch den Fans. Teil der „Familie“ zu sein, ist das vielleicht wichtigste Gefühl, das die Army vermittelt. Daher ziehen sie nicht nur Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten an, vom Banker bis hin zum Schüler, vom Landbewohner bis zum Stadtkind.

Doch was auf der einen Seite funktioniert, eine wohlige Zusammengehörigkeit bildet, grenzt auf der anderen Seite auch aus. New Model Army waren nie eine Band für die Masse. Zu wandlungsfähig – sowohl inhaltlich, musikalisch als auch politisch. Und wenig daran interessiert, sich anzubiedern (oder, netter formuliert, sich stets auf die Seite der Mehrheit zu schlagen). Das hat unter anderem dazu geführt, dass andere Künstler oder Organisationen sie ignorierten. Greenpeace beispielsweise wies New Model Army ab, als es um die Mitwirkung an Benefiz-Shows ging. Tom Jones breitete den Mantel des Schweigens über seine 1993er-Army-Kollaboration beim Stones-Cover ›Gimme Shelter‹. „Wir haben im Laufe der Jahre schon mit einigen PR-Agenturen zusammengearbeitet. Und die Leute dort fragten uns nach jeder Kampagne: ‚Was zum Teufel habt ihr eigentlich angestellt? Ihr werdet ja regelrecht gehasst!‘ Ich kann dazu nur sagen: keine Ahnung!“, so Sullivan mit einem Schulterzucken.

Dies führt(e) natürlich automatisch dazu, dass die Musik von New Model Army in den Hintergrund trat. Dabei ist ihre stilistische Ausrichtung einzigartig. Keine andere Band vermischt derart gekonnt und kompromisslos Punk-Flair mit dem Traditions-Folk der Arbeiterklasse, tiefschürfenden Balladen oder auch wild peitschendem Riff-Rock. Kein Wunder, dass sie damit unterschiedlichste Acts beeinflusst haben – ihr Spektrum reicht von den Levellers bis hin zu Sepultura.

Sie selbst ziehen ihre Inspirationen aus einem ebenso vielfältigen Musiker-Konsortium: „Amerikanischer Soul aus den Sechzigern hat mich schon früh fasziniert“, betont der Brite. „Und dann ist da QUADROPHENIA, meiner Meinung nach das beste Rock-Album aller Zeiten, aufwühlend und wundervoll. Doch ich liebe auch Queens Of The Stone Age, PJ Harvey, Kate Bush oder aktuell Alela Diane!“

Den größten Respekt hat Sullivan jedoch vor Neil Young, dem individualistischen Sturkopf, der sich nach wie vor gegen jegliche Vereinnahmung erfolgreich zu wehren weiß: „Für die Fans, die seiner Generation angehören, ist er wohl der Einzige, der seinen Idealen noch treu geblieben ist. Ich mochte seine Einstellung schon immer – er kann herrlich direkt sein und schert sich einen Dreck darum, was andere Leute über ihn denken. Für jemanden, der schon 65 ist, eine reife Leistung, die ich bewundere. Wir verfolgen einen ähnlichen Ansatz. Und ich glaube, dass wir damit nicht schlecht fahren. Denn immerhin schaffen wir es, die Hallen auszuverkaufen, obwohl wir uns nicht dem Massengeschmack anpassen, sondern einfach die Songs spielen, nach denen uns der Sinn steht.“

Giant Saint – Innovation aus Prinzip

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giantsand-4_bwStatt sich zum 25. Geburtstag von Giant Sand eine Torte schmecken zu lassen, das neue Album BLURRY BLUE MOUNTAIN zu preisen und einfach das Leben zu genießen, ist Howe Gelb auf Krawall gebürstet. Zumindest, wenn es um das Thema „Wüste“ geht.

Calexico sind eine sehr, sehr beliebte Band. Vor allem in Deutschland dürfte man nur wenige Musikfreunde finden, die deren an- geblicher „Wüstenmusik“ wirklich abgeneigt sind. Umso er- frischender ist es, sich mit Howe Gelb zu unterhalten. Denn Howe Gelb hat, gewissermaßen versehentlich, Calexico erfunden: Was seine Band Giant Sand früher einmal gemacht hat, war Calexico „avant la lettre“. Für zwei, drei Alben klangen Giant Sand tatsächlich nach Weite, Staub und struppig vorbeihoppelnden Steppenhexen. Howe Gelb war es, der diesen extrem erfolgreichen Sound zwischen Ennio Morricone und staubigem Folk definiert hat – um dann, wie es sich gehört, andere Pfade einzuschlagen, sich weiterzuentwickeln.

Seine beiden Bandmitglieder John Converti-no und Joey Burns aber witterten damals eine Marktlücke und ein Geschäftsmodell. Sie beschlossen, Giant Sand zu verlassen. Und dabei nahmen sie den patentierten Wüstensound mit, nannten sich fortan Calexico, mieteten sich ein paar deutsche Musiker dazu – und wurden damit vor allem hierzulande sehr, sehr erfolgreich. „Erfolgreicher jedenfalls, als wir es uns mit Giant Sand jemals erträumt hätten“, sagt Howe Gelb, seufzt dabei vernehmlich und streicht sich unwirsch eine widerspenstige Haartolle aus dem Gesicht.

Eigentlich geht es darum, in aller Ruhe das herrlich spröde scheppernde neue Album von Giant Sand zu bewerben, BLURRY BLUE MOUN-TAIN. Kaum kommt das Gespräch aber auf Burns und Convertino, wird Howe Gelb ein wenig ungemütlich: „Ich meine: Wüstenmusik! Was soll das sein? Ihr in Deutschland seid es doch, die Calexico diesen Unsinn abkauft. Natürlich gibt es bei mir zu Hause in Tuscon, Arizona, diese unfassbare Wüste. Und natürlich kann diese Leere auch inspirierend sein, schließlich habe ich viel Zeit dort verbracht. Vor allem aber ist die Wüste voller Staub – wo man geht und steht. Niemandem, der diese Wüste aus eigener Erfahrung kennt, könnten Calexico ihre seltsame Spaghetti-Western-und-Dis-ney-Version davon verkaufen. Ich befürchte zudem, dass sie damit in einer Falle stecken. Neulich wollten sie mit GARDEN RUIN aus diesem Klischee aus­brechen. Und da wurde ihnen von der Kritik höflich mitgeteilt, dass es schon genug mittelmäßige Bands gibt, die mittelmäßigen Pop machen. Und was tun Calexico? Nehmen brav wieder ein ,Wüstenalbum‘ auf. Also, ich würde das nicht aushalten.“

Nein, in gegenseitigem Einvernehmen hat man sich wohl kaum ge­­trennt. Und der Schmerz über den Verlust der Mitstreiter ist noch deutlich spürbar. Er offenbart auch etwas über diesen Musiker, bei dem Melancholie sich mischt mit einem heiteren Fatalismus. Über 40 Platten hat er seit 1983 veröffentlicht, ist mit Neil Young, David Byrne, Bob Dylan und Captain Beef­heart verglichen worden. Das ist schon mehr, als andere erreichen – selbst wenn über all die Jahre und bei aller Reputation kein einziger Hit heraus­gesprungen ist: „Ich kann mich nicht beschweren. Ich komme ursprünglich aus einem Industrie-Revier in Pennsylvania. Bevor ich nach Tuscon ging, war eine Arbeit in der Fabrik alles, was in Zukunft für mich vorgesehen war. So gesehen hat die Wüste mein Leben verändert. Und die Gitarre. Der Gitarre verdanke ich alles. Und natürlich Rainer.“

Rainer, das ist Rainer Ptacek, geboren in der DDR und Szenegröße in Tuscon, nachdem seine Eltern in die USA emigriert waren. Ptacek war Gelbs Seelenverwandter und langjähriger Mitstreiter. Gelb spricht von ihm wie von einem großen Bruder: „Er wusste, dass er sterben würde“, sagt Gelb und spielt auf Ptaceks Gehirntumor an, „und doch arbeitete er 1997 so intensiv wie immer. Man kann förmlich hören, was er schon auf der anderen Seite, der Seite des Todes, gesehen hat. Das ist Größe.“

Größe ist auch die Fähigkeit, Großes zu leisten – und darüber zu schwei­gen. Jahrzehnte, bevor ein Josh Homme mit Kyuss und Konsorten „in die Wüste“ gegangen ist oder im Freak Folk plötzlich wieder „Kollektive“ musi­zierten, hat Howe Gelb in den achtziger Jahren das Prinzip der Gruppe mit offenen Grenzen kultiviert. An das Projekt Giant Sand konnte andocken, wer wollte. Und das waren über die Jahre nicht wenige: Steve Wynn, Julia­na Hatfield, PJ Harvey, Chris Cacavas, Kurt Wagner (von Lambchop), Lucin­da Williams, Lisa Germano… diese Liste ließe sich nun noch zentimeterweise fortsetzen.

Gelb seufzt wieder und erwähnt noch den unlängst eigenhändig aus dem Leben geschiedenen Vic Chesnutt: „Vic war der Großartigste. Niemand war so weit draußen, niemand konnte ihn stoppen, außer ihm selbst. Und das tat er dann leider Gottes auch. Aber es stimmt schon: Ich habe mich immer bemüht, frische Musiker zu holen, die Band für fremde Einflüsse offen zu halten, neugierig zu bleiben.“

Mit dem Begriff Americana kann er denn auch wenig anfangen. „Was wir ganz am Anfang gemacht haben, kam uns eigentlich vor wie Punk, hand­gemacht und wütend, mit Mut zur Dissonanz. Wenn ich mir das nun rück­blickend anhöre, erinnert es mich eher an den klassischer Rock aus den siebziger Jahren. So gesehen waren die Achtziger eine musikalische Wüste, in der wir etwas Neues machen konnten.“

War Howe Gelb schon immer klar, dass seine Musik dem Zahn der Zeit widerstehen würde? „Nein“, sagt er: „Im Gegenteil. Was ich mache, das ist immer im Moment geboren. Es muss sich jetzt gut anfühlen, sonst kann ich’s auch lassen. Nur wenn es das tut, dann kann es sich vielleicht auch in 25 Jahren noch richtig anfühlen.“
Klassisch im strengen Sinne von „wahr, schön und gut“ war das nicht immer, was Giant Sand produzierten: „Da war schon viel Trial-and-Error dabei“, räumt Gelb ein: „Der einzige Fehler, den ich nun wirklich nie gemacht habe, ist, irgendeiner Mode hinterherzuhecheln. Wobei, wenn ich mir Calexico anschaue: Gelohnt hätte es sich…“
Wobei Gelb auch ohne gigantische Tantiemen ein nicht unangenehmes Leben führt. Gelebt, gearbeitet und aufgenommen wird daheim in Tuscon oder – wie unlängst mit der Band Of Gypsies – auf einem Dach im spanischen Cordoba. In die Ferien aber fährt Howe Gelb mit seinen Kin­dern eigentlich nur noch nach Dänemark, die Heimat seiner Frau: „Erst neulich war ich dort wieder stundenlang unterwegs, spazieren, und weißt du was? Es kam mir dort vor wie in der Wüste, so weit und wild und leer. Aber es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass die Einöde mich irgend­wie ,inspiriert‘. Das tut sie schon lange nicht. Es gab eine Zeit, da war ich wirklich lange in der Wüste, da habe ich mich wirklich darauf eingelassen, mit Drogen, und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich da wieder heraus­gefunden habe.“

Ist es nicht ein schmeichelhaftes oder wenigstens merkwürdiges Gefühl, heute als Vorreiter so vieler Genres und Konzepte gefeiert zu werden? „Ach“, seufzt Gelb ein weiteres Mal und lächelt: „Wer nur lange genug dabei ist, wird immer der Vorreiter von irgendwas sein.“