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Motörhead – Eisernes Stehvermögen

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Motörhead 2010_Lemmy @ Robert John (7)Dass Lemmy Kilmister 65 Jahre alt werden würde, damit hätte wohl niemand gerechnet – am wenigsten er selbst. Doch am Weihnachtstag ist es tatsächlich so weit. Und kurz vor seinem Geburtstag hält der Motörhead-Boss noch eine weitere Überraschung bereit: Das 20. Album seiner bewegten Riff-Karriere bietet tiefe Einblicke in eine Welt, die längst nicht nur aus Sex, Drugs & Rock’n’Roll besteht, sondern in der auch Platz für Gesellschaftskritik und gesteigerten Kulturpessimismus ist.

Lemmy, dein neues Album trägt den Titel THE WORLD IS YOURS. Das klingt reichtlich kämpferisch, findest du nicht?
(zufriedenes Grunzen) Ich mag die Formulierung. Sie stammt aus „Scarface“, einem meiner Lieblingsfilme. Und zunächst habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen zu auffällig ist. Aber dann dachte ich mir: „Wird schon okay sein, der ist schließlich nicht erst gestern erschienen!“ Also: Wer weiß, ob das überhaupt jemand merkt.

Wobei es in den Songs einmal mehr um deine favorisierten Themen geht: Politik und Religion bzw. deren negative Auswirkungen auf die Menschheit…
Das sind nicht meine favorisierten Themen, sondern die, bei denen ich mich dazu berufen fühlte, über sie zu reden – weil sie so abgefuckt sind. Religion ist ja nichts anderes als Politik: nämlich völlige Gedankenkontrolle. Sprich: Der Versuch, dich am Denken zu hindern, damit du nur tust, was das Establishment von dir verlangt. Und das funktioniert immer noch. Selbst im 21. Jahrhundert und in einer Welt, die ja angeblich so fortschrittlich sein soll. Nimm nur diesen verfluchten George Bush – was für ein Arschloch! Er hat die Attentate vom 11. September dazu benutzt, um die Hälfte der amerikanischen Grundrechte auszuhebeln. Also kein ›Habeas Corpus‹ mehr (ein Grundsatz, der besagt, dass freiheitsentziehende Maßnahmen ohne richterliche Anordnung unzulässig sind – Anm.d.Red.). Sie können dich einfach so in den Knast sperren und den Schlüssel wegwerfen. Dazu müssen sie nur als Begründung sagen: „Es ist zum Schutz vor dem internationalen Terrorismus!“ Und die Leute wehren sich nicht einmal dagegen. Früher hat man rebelliert! Aus genau diesem Grund sage ich: Es gibt zu viel Kontrolle.

Wie denkst du über die aktuelle Tea Party-Bewegung – entspricht das nicht dem Widerstand, den du dir wünschst?
Oh nein! Das sind nur ein paar Verrückte! Aber die hat es in Amerika schon immer gegeben, denn das Land ist nun mal extrem – im Grunde sogar der durchgeknallteste und konservativste Ort auf Erden. Was schon ziemlich bizarr ist…

Und Kalifornien ist demnach so etwas wie eine liberale Enklave oder Blase?
Ich würde Kalifornien eher als Würfel bezeichnen. (kichert) Es ist gerade in seiner kubistischen Phase. Aber ansonsten gilt da genau dasselbe. In einigen Gegenden ist es ultrakonservativ, in anderen gibt es nur Freaks. Diese Dichotomie existiert überall in den USA.

Und trotzdem fühlst du dich dort noch immer wohl?
Nun, ich mag Freaks. Und wo wären wir, wenn wir niemanden hätten, über den wir uns aufregen könnten. (grinst) Oder? Stimmt doch.

Dabei hattest du vor kurzem die Möglichkeit, selbst in die Politik einzusteigen, was scheinbar nicht so recht geklappt hat…
Die konservative Partei in Wales hatte mich eingeladen, vor der Nationalversammlung aufzutreten, also dem Parlament, und über Drogen zu reden. Sie hatten gelesen, dass ich Heroin hasse. Und das tue ich auch. Doch sie dachten, dass ich mehr Polizeikräfte und strengere Gesetze fordern würde. Das tat ich aber nicht. Sondern meine Aussage war: „Ihr solltet es legalisieren, dann würde es seinen Reiz verlieren.“ Was ihnen natürlich nicht gefallen hat – auch, wenn es stimmt. Aber sie hätten mir ohnehin kein Amt übertragen, niemals. Ganz abgesehen davon, dass ich auch schon genug Mist um die Ohren habe – ohne mich um Politiker kümmern zu müssen.

Das Ende deiner politischen Karriere?
Mehr oder weniger. Aber hey: So kann ich mich wenigstens auf die Musik konzentrieren. (nimmt einen großen Schluck Whiskey-Cola)

Wobei du auf dem neuen Album zwar harten, lauten, aber auch ziemlich altmodischen Rock ’n’Roll servierst. Also das, was man gemeinhin als „Classic Rock“ bezeichnen würde…
Kein Wunder: Wir sind eine Rock’n’Roll-Band – das waren wir schon immer und werden es auch immer sein. Wir spielen keinen Heavy Metal. Ich finde es lustig, dass wir als Metaller bezeichnet werden. Dabei sind wir nur in dieser Schublade gelandet, weil wir ähnliche Frisuren tragen. Doch passen wir nirgendwo rein, denn wir machen Motörhead-Musik, das ist alles. Genau wie Slayer eben Slayer-Musik machen. Das ist es, wonach du bewertet werden solltest, statt in irgendein verfluchtes Genre gesteckt zu werden.

Was du ja jeden Abend auf der Bühne betonst.
Schon. Nur: Vielleicht sage ich das auch zu oft – und es nimmt keiner mehr ernst. Dabei liegen meine Wurzeln definitiv bei Künstlern wie Chuck Berry. Das ist es, wo ich musikalisch herkomme – Chuck und der Blues. Aber auch Little Richard.

Hast du Little Richard eigentlich als Jugend­licher live erlebt, also in seiner Blütephase?
Nein, erst vor kurzem. Und er ist heute richtig Scheiße. Er spielt vier Takte von ›Good Golly Miss Molly‹ und fängt dann an, Bibeln zu verteilen und über seine Kindheit zu reden. Mann, das ist wirklich das Letzte, was ich von ihm brauche. Da lese ich lieber seine Biografie ›The Quasar Of Rock‹. Die ist nämlich richtig gut. Ich kann sie wirklich empfehlen, auch wenn sie schwer zu finden ist.

War das damals eine bessere Zeit?
Das war ein anderer Planet! Einfach, weil man noch nicht so mit Informationen bombardiert und zugemüllt wurde. Alles beruhte auf Mundpropaganda, dadurch hatte es etwas Geheimnisvolles. Das finde ich viel spannender als diesen völligen Informations-Overkill, der heute herrscht. Deshalb würde ich auch sagen: Das Internet ist ein Fluch. Die meisten Leute haben es nur noch nicht begriffen.

Und die Musik ist dadurch auch nicht besser geworden, oder?
Garantiert nicht. Es gibt keinen Konkurrenzkampf mehr, weil letztlich alles gleich klingt. Was auch daran liegt, dass die Plattenfirmen nur noch Kopien von dem wollen, was gerade erfolgreich ist. Nur: Die sind sowieso bald weg vom Fenster. Ich schwöre dir: In den nächsten fünf Jahren werden sie so gut wie verschwunden sein, weil sie mit diesen Downloads gar nicht überleben können. 99 Cents für einen verfluchten Track – wer kann davon leben? Und die meisten Leute kaufen auch keine Alben mehr, weil da ohnehin nur zwei gute Stücke drauf sind. Was eine Schande ist. Ich höre nach wie vor Alben, meistens auf CD. Am schönsten finde ich aber nach wie vor Vinyl. Ein tolles Format. Da kannst du we-nigstens noch lesen, was auf dem Cover steht – heute brauchst du dafür eine verdammte Lupe.

Sammelst du noch Vinyl?
Ich hatte mal über 1.000 Singles, aber die sind mir gestohlen worden. Und die Platten, die nicht von den Dieben mitgenommen wurden, haben dabei Kratzer abbekommen. Ich konnte sie also nicht mehr abspielen, und seitdem hab ich mit dem Sammeln aufgehört. Vinyl gibt es ja kaum noch. Deshalb besitze ich auch keinen Plattenspieler mehr. Ganz abgesehen davon, dass ich zu faul zum Um-drehen bin. Das ist dieses Couch-Potato-Ding.

Das klingt verdammt nach gesteigertem Kulturpessimismus.
Aus gutem Grund: Früher war wirklich alles besser. In den Sechzigern und Siebzigern gab es weniger Regeln – heute bekommst du ständig gesagt, dass du dies oder das nicht machen darfst.

Würdest du wieder eine Rockband gründen, wenn du heute jung wärst?
Ja, denn der Kern einer Band ist immer noch dieselbe wie damals. Du willst raus auf die Bühne. Dafür tust du alles – du würdest sogar töten, wenn’s nötig wäre. Denn du bist geil auf den Applaus, die Anerkennung und die Mädchen. Es geht nicht um hochtrabende Botschaften. Du willst einfach nur flachgelegt werden.

Was ist mit all den Künstlern, die sich für Weltfrieden, Umweltschutz und Menschenrechte einsetzen?
Oh ja, dieses ganze blöde Blabla. Alles Mist. Jeder, der anfängt Musik zu machen, will damit Mädchen rumkriegen. Natürlich kann es passieren, dass du irgendwann die Lust daran verlierst. Oder dass du eines von diesen Mädchen heiratest – wodurch du dann wirklich den Spaß an der Sache verlierst. (lacht)

Weil Beziehungen das Ende der Liebe sind, wie du es formulierst?
Nichts tötet eine Beziehung mehr als enge Verbundenheit. (lacht) Das stimmt. Sobald du bei ihnen einziehst, war’s das. Dann gibt es keine Blowjobs mehr, sondern nur noch Missionarsstellung – einmal die Woche. Wenn du Glück hast.

Sagt der Mann, der angeblich 2.000 Frauen hatte?
Nein, es waren nur 1.000.

Womit du deinen eigenen Mythos zerstörst.
Ich habe immer gesagt, dass es 1.000 waren – die Zeitungen haben daraus 2000 gemacht. Obwohl: Wenn du ein bisschen darüber nachdenkst, ist das eigentlich gar keine so unnatürliche Zahl. Ich habe im Alter von 17 mit dem Rumvögeln angefangen, und ich war ja auch nie verheiratet. Wenn man die 1.000 Frauen auf all die Jahre umlegt, kommt man auf rund eine pro Woche. Also keine absurde Zahl.

Darf man fragen, warum du nie geheiratet hast?
Weil ich nie das Mädchen gefunden habe, das dafür sorgt, dass ich aufhöre, den anderen hinterherzuschauen…

Richie Sambora
(Bon Jovi)

„Er ist ein cooler Typ. Nur schade, dass er und die ge-samte Band nie die Auf-merksamkeit bekommen, die sie verdienen. Dabei haben sie ein gesamtes Genre kreiert – und zwar völlig alleine. Denn seien wir ehrlich: Was wäre der Speed Metal ohne Motörhead? Ich war völlig von der Rolle, als ich sie das erste Mal gehört habe. Und dann traf ich Lemmy, diesen ruhigen Typen, der Shakespeare liest. Das ist so ein Widerspruch, einfach unglaublich. Wenn du mit ihm abhängst, ist er ganz still. Aber sobald er auf die Bühne geht, dreht er voll auf.“

Ozzy
Osbourne

„Lemmy schickt mir immer beste Grüße zum Geburtstag. Eben ein wirklich netter Typ. Er ist sehr bodenständig – und ein wirklich guter Freund von mir. Aber: Keine Ahnung, warum er überhaupt noch atmet. Ich habe ihm schon ein paar Mal gesagt: ,Du solltest deinen Körper der Wissenschaft spenden!’ Und ich erinnere mich, dass ich ihn in seinem Apartment in Los Angeles besucht habe, in dem er all diese Flaggen, Nazi-Devotionalien und Militärsachen aufbewahrt. Da sieht es aus wie in einem gottverdammten Museum! Und als ich das erste Mal da war, standen vielleicht drei oder vier leere Bourbon-Flaschen auf dem Fensterbrett. Beim nächsten Mal waren es schon zehn. Und danach immer mehr. Also meinte ich zu ihm: ,Lemmy, entschuldige bitte die Frage, aber sammelst du vielleicht leere Bourbon-Flaschen?’ Und er: ,Ich habe irgendwo gelesen, dass es in Amerika 133 verschiedene Sorten gibt. Also dachte ich mir: Probiere ich sie einfach mal aus!’“

Dave Grohl
(Foo Fighters)

„Du kannst kein echter Rock ’n’Roll-Fan sein, wenn du nicht auf Motörhead stehst. Das ist zumindest meine Meinung. Ich hatte die Gelegenheit, ein paar Mal mit ihm abzuhängen und einige Songs mit ihm aufzunehmen. Insofern kann ich mit Stolz sagen: Wenn ich einen Helden habe, dann Lemmy. Eine Menge Leute halten Keith Richards für den ultimativen Rock’n’Roller. Doch da bin ich mir nicht so sicher. Wenn du ein paar Tage mit Lemmy verbringst, erkennst du: Der lebt, was er tut. Da ist alles echt. Er ist die Nummer eins – die überzeugendste Rock’n’Roll-Persönlichkeit, die ich je getroffen habe. Mann, ich liebe Lemmy!“

Bruce Dickinson
(Iron Maiden)

„Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt! Und er ist ein viel besserer Bassist, als die Leute glauben. Sie scheinen oft zu vergessen, was für ein guter Musiker er ist. Wobei er natürlich immer im Schatten seiner größten Performance als Sänger stehen wird – nämlich der von Hawkwinds ›Silver Machine‹.“

Jack White
(The White Stripes)

„Ich mag seine Gesangstechnik: eben von unten nach oben, wobei das Mikro in fast unerreichbarer Höhe hängt. Ich glaube nicht, dass das vor ihm schon mal jemand gemacht hat. Und ich finde das wirklich originell.”

Jonathan Davis (Korn)

„Ich finde, Lemmy ist der Wahnsinn! Ich habe unglaublichen Respekt vor ihm. Er macht das schon so lange – und immer auf seine Weise. Was soll man dazu sagen? Es ist einfach toll. Motörhead sind die Größten!“

Serj Tankian

„Er sieht keinen Tag älter aus als 65 Jahre! (lacht) Und ich finde: Er ist toll! Eben ein einmaliger Typ, der immer noch diesen Lebenswandel führt und diese Art von Musik spielt. Das macht ihm so schnell keiner nach. Das letzte Mal, dass ich ihn getroffen habe, war Ende 2007 bei den MTV Music Awards in Las Vegas. Wir hatten einen Drink – oder zwei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, irgendwann mal einen Song mit ihm aufzunehmen.“

Paul Smith
(Maximo Park)

„Lemmy war schon immer ein Charakter-Kopf. Das lässt sich nicht anders sagen. Und jedes Mal, wenn ›Ace Of Spades‹ in irgendeinem Club läuft, muss man darauf einfach reagieren. Außerdem war Lemmy ja Mitglied von Hawkwind. Insofern hat er der Rock-Musik durchaus einen wichtigen Dienst erwiesen. Aber er hat auch einen merkwürdigen Militär-Tick, was sehr beängstigend ist. Egal: Ich wünsche ihm alles Gute! Kaum zu glauben, dass er es soweit geschafft hat – das ist wirklich eine handfeste Überraschung!“

The Who: Leben für die Bühne – die legende LIVE AT LEEDS

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who leedsDieser Tage wird ein Album neu aufgelegt, das nicht nur der Karriere der daran beteiligten Musiker einen enormen Schub verpasst hat, sondern die gesamte Welt der harten Riffs veränderte. LIVE AT LEEDS von The Who zählt zweifellos zu den besten Konzertmitschnitten, die je auf Platte veröffentlicht worden sind. Und es ist ein Manifest jener aufregenden Ära, in der Rock’n’Roll sich aus dem Untergrund, aus den dreckigen, engen Clubs verabschiedete und ins Rampenlicht der großen Arenen trat. Eine Entwicklung, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ – umso bedeutsamer sind heute die Zeit-Dokumente, die diesen Umbruch noch einmal hautnah erfahrbar machen.

Der Aufstieg begann da, wo alle gute Bands anfangen: in kleinen Läden. The Who (beziehungsweise The High Numbers, wie sie sich vormals kurzzeitig nannten) starteten im Goldhawk Club im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush, bis sie schließlich ins Herz der Stadt weiterzogen – in den Marquee Club, Wardour Street 90, mitten im brodelnden Amüsierviertel Soho. Jeden Dienstag gaben sie dort alles, zunächst vor einigen wenigen Interessierten, nach wenigen Wochen jedoch schlängelte sich eine lange Reihen von Wartenden vor dem Einlass. The Who entpuppten sich als die Inkarnation der jungen Wilden: Sie bombardierten die Ohren ihrer Fans mit Feedback, ließen ihr Equipment ohne mit der Wimper zu zucken in Einzelteile zerlegen und sahen dabei stets so aus, als ob sie jederzeit bereit wären, sich selbst furchtlos in die Menge zu stürzen. Das nötigte selbst den Londonern, die nun wahrlich einiges gewohnt waren, Respekt ab. Und schon damals galt – wie auch heute noch: Mund-zu-Mund-Propaganda ist einfach unbezahlbar.

Das erkannten auch die beiden Manager der Band, Kit Lambert und Chris Stamp, und versuchten daher, sich dies zu Nutze zu machen. Sie setzten dabei auf ein ähnliches Konzept wie die früheren Berater der Musiker, Peter Meaden und Helmut Gorden, allerdings mit mehr Konsequenz: Ihr Ziel war es, The Who zum Sprachrohr, zum Aushängeschild der Mod-Bewegung zu formen. Das gelang – obwohl die Band selbst sich nicht als integraler Bestandteil der Szene betrachtete. „Ich war ein typischer Kunststudent“, erinnert sich Pete Townshend heute im Gespräch mit den britischen CLASSIC ROCK-Kollegen zurück, „und Roger Daltrey bezeichnete sich in diesen Tagen stets als Rocker. Keith Moon sah zwar damals wirklich so aus wie ein Mod, aber John Entwistle nicht – er hatte einen spießigen Kleidungsstil. Wir waren insgesamt betrachtet also keine typischen Mods – zumindest hinsichtlich unseres Looks. Aber unsere Fangemeinde speiste sich weitgehend aus Leuten, die Teil der Bewegung waren und sich auch so kleidete.“

Eine Diskrepanz zwischen den Musikern und den Anhängern gab es dennoch nicht. Denn The Who waren sich stets bewusst, was ihr Publikum von ihnen erwartete. Und sie handelten auch danach. Im Gegenzug bekamen sie von den Menschen etwas zurück, was ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben ist: bedingungslose Loyalität. „Es herrschte ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl“, so Townshend. „Und ich erlebte zum ersten Mal, was es bedeutet, als Musiker eine Art Spiegel der Gesellschaft zu sein. Die Aura, die unsere Fans versprühten, all ihren Zorn, ihre aufgestauten Aggressionen, übertrug sich auf uns. Und wir durchlebten sie – und gaben sie schließlich durch unsere Musik und die Performance wieder an sie zurück.“

Der nächste logische Schritt wäre gewesen, den Versuch zu unternehmen, diese unbändige Energie einzufangen und auf Platte zu bannen. Doch das war zur damaligen Zeit nicht Usus. In den frühen Sechzigern waren Live-Mitschnitte im Jazz üblich, nicht aber im Rock; LIVE AT THE FLAMINGO von Georgie Fame & The Blue Flames ist eine der wenigen Ausnahmen. Erst mit den 1966er-Bootlegs der Gigs von Bob Dylan & The Hawks in der Royal Albert Hall kam allmählich Bewegung in die Sache. Auch The Who wollten sich in diesem Bereich einen Namen machen. So gaben sie die Einwilligung zur Aufzeichnung ihrer Marquee-Shows. Rein technisch kein Problem, denn der Club verfügte über ein direkt angeschlossenes Studio. „Einige Aufnahmen existieren heute noch“, verrät Pete Townshend. „Allerdings nur als Filmspur, nicht als eigenständiger Mitschnitt. Diese Tapes sind im Laufe der Zeit verloren gegangen – es gab nämlich zwischen dem Tontechniker und der National Jazz Federation, der das Marquee gehörte, Streit um die Rechte an den Masters.“ Daher dauerte es noch weitere vier Jahre, bevor die Fans endlich in den Genuss einer Live-Veröffentlichung von The Who kamen – im Mai 1970 war es schließlich so weit: LIVE AT LEEDS kam in die Läden.

Die Platte überraschte viele, aus mehreren Gründen. Sie klang rau, bildete damit quasi das Gegenstück zu TOMMY. Auch die Verpackung der Scheibe war einzigartig, sie enthielt allerlei Faksimiles aus den Anfangstagen der Band, eine Kopie des Ablehnungsbescheids der Firma EMI, der Woodstock-Vertrag, Townshends Text zu ›My Generation‹ und so weiter. Auf der LP selbst waren drei Coverversionen enthalten, nämlich ›Shakin’ All Over‹ (Johnny Kidd), ›Summertime Blues‹ (Eddie Cochran) und ›Young Man Blues‹ (Mose Allison), hinzu kamen lediglich drei eigene Stücke: ›Substitute‹, ›My Generation‹ und ›Magic Bus‹. Klingt wenig, doch The Who führten ›My Generation‹ nicht in seiner Originalversion auf, sondern in Form eines 16-Minuten-Medleys, das Passagen von ›See Me, Feel Me‹ ›Listening To You‹, ›Underture‹, ›Naked Eye‹ und ›The Seeker‹ in sich vereinte. Und auch das furiose ›Magic Bus‹ hatte mit 7:30 Minuten deutliche Überlänge.

The Shadow Theory – Cineastischer Grössenwahn

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Shadow Theory 2010bArbeitslos und glücklich dabei: Devon Graves alias Buddy Lackey steht ein heißes Jahr 2011 bevor mit den reunierten Psychotic Waltz und seinem neuen Projekt THE SHADOW THEORY.

ugegeben: Das Timing ist nicht optimal. Vier Jahre werkelte Devon Graves an BEHIND THE BLACK VEIL, dem Debüt von The Shadow Theory – und einem potenziellen Klassiker des modernden, hochatmosphärischen und genre-übergreifenden Prog. Und dann das: Psycho-tic Waltz, als deren Sänger er sich einst Ruhm ersang, 1997 aufgelöst, kommen im alten Line-up wieder zu-sammen, 2011 auf große Reunion-Tour, und ein neues Album ist auch in Planung. „Es passiert tatsächlich im Moment etwas mehr, als ich zuletzt gewohnt bin“, lacht der gut gelaunte, in Wien ansässige US-Amerikaner. „Und ich muss leider all denen, die gerade jetzt auf The Shadow Theory abfahren, mitteilen, dass das nächste Jahr wohl ganz Psychotic Waltz gehört. Wir haben diverse Shows und Festivals gebucht, müssen proben – das hat Priorität. Aber 2012 will ich The Shadow Theory pushen und kann jetzt schon versprechen, dass das Debüt keine Eintagsfliege bleibt: Wir haben schon vier neue Songs.“

Gut zu wissen, und verübeln will man es Mr. Graves auch nicht – schließlich verspricht das neu gewachsene Interesse an den US-Prog-Metal-Veteranen auch frischen Nachschub auf dem Bankkonto. Nicht, dass er pleite wäre, aber: „Mit meiner alten Band Deadsoul Tribe hatte ich mich gut eingerichtet“, gesteht er. „Ein festes Gehalt meiner Plattenfirma, Musik als Beruf, also alles, von dem man als Kid immer träumt. Aber als dann meine Plattenfirma in Schwierigkeiten kam und das Arrangement kündigen musste, merkte ich doch, wie gut mir das tat. Denn es ist ein Unterschied, ob man Songs schreibt, weil man dafür bezahlt wird – oder weil man es will!“

Wie so oft führte eine kleine (oder zugegebenermaßen nicht ganz so kleine) Änderung zur Umkrempelung des Lebens: Das, was einst eher eine vage Idee wurde, nahm in Form von The Shadow Theory konkrete Formen an. „Ich hatte auf den Deadsoul-Tribe-Touren ständig brillante Musiker getroffen und immer wieder mit dem Gedanken gespielt, mal mit den Besten der Besten was zu machen“, erinnert er sich. Der Beste der Besten, derjenige, der das Ganze wirklich ins Rollen brachte, war jedoch ein Unbekannter: Demi Scott, ein Keyboarder aus Griechenland, der ihn als Fan per E-Mail kontaktierte. „Sein Material war grandios – und seine Motivation riss uns alle mit.“

Alle, aber vor allem Devon. Sobald die ersten Songs standen, packte ihn der in diesem Genre unverzichtbare Größenwahn. Oder, wie er es sagt: „Ich wollte raus aus meinem alten Schema. Daraus entstand die Idee, ein Konzeptalbum über eine Horrorstory zu machen, über eine nicht endende Verkettung von Albträumen, an deren Ende die Frage steht: Gibt es überhaupt eine Realität?“ Das Album steht, es ist großartig – was kommt jetzt, oder 2012? „Ich möchte, dass The Shadow Theory sehr cineastisch rüberkommt, mit dem Flow von Filmmusik, aber verwurzelt im Metal.“

King’s X – Durchhaltewillen

King's X 4Der Erfolg ist ihnen wahrlich nicht in den Schoß gefallen: Doch King’s X haben sich davon nicht beeindrucken lassen und ihre Ziele weiter konsequent verfolgt. Nun ernten sie doch noch die Früchte der harten Arbeit, wie ihre aktuelle DVD LIVE LOVE IN LONDON beweist.

Das amerikanische Rock-Trio King’s X gehört zu den vergleichsweise seltenen Fällen, in denen sich Kritikerlob und Fan-Verehrung nicht mit der kommerziellen Bedeutung decken. Die Herren Ty Tabor (Gitarre, Gesang), Doug Pinnick (Bass, Gesang) und Jerry Gaskill (Schlagzeug) genießen einerseits Kultstatus, leiden aber unter spärlichen Verkaufszahlen und nur mittelmäßig besuchten Tourneen. „Es gab Jahre, in denen ich von diesem Umstand frustriert war und alles hinwerfen wollte“, gesteht Pinnick, „doch diese Zeiten sind gottlob vorüber. Heute weiß ich, welches Juwel wir mit King’s X in den Händen halten und bin deshalb voller Optimismus, dass uns noch einige grandiose Scheiben gelingen werden.“

Dabei: An Qualität hat es dieser Formation selten gemangelt. Veröffentlichungen wie GRETCHEN GOES TO NEBRASKA (1989) oder FAITH HOPE LOVE (1990) gelten als Inbegriff des guten Geschmacks, voller Empathie komponiert und mit Esprit und Dynamik eingespielt. Weshalb also der nur verhältnismäßig durchwachsene Käuferzuspruch? Die fehlende Hitsingle, kaum Radio- und Fernsehpräsenz, dazu einige unverständliche Managemententscheidungen (als Support von AC/DC war die Band 1991 vollkommen deplatziert) – so ganz genau lassen sich die Fehlerquellen nicht analysieren.

„Musik ist generell immer eine Abenteuerreise“, philosophiert Pinnick und blickt dabei mit einem Auge auf die aktuelle DVD seiner Band, ein kleines Prachtwerk namens LIVE LOVE IN LONDON, das dem Titel entsprechend in der englischen Metropole aufgenommen wurde und King’s X als vitale Band an der Schnittstelle zwischen Prog- und Groove Rock zeigt. „Die Band verändert sich ständig, anfangs waren unsere Kompositionen komplexer und verschachtelter, heute lieben wir geradlinige Nummern, die das Publikum direkt anspringen. Vielleicht hätten wir damit früher beginnen sollen.“

Diese Erkenntnis ist laut Pinnick der größeren Erfahrung aller Beteiligten geschuldet. „Es ist wie in einer Ehe“, schmunzelt er. „Man liebt sich, man hasst sich, man wird älter und weiser und bekommt einen besseren Einblick in den Gang der Geschichte. 1988 waren wir noch vollkommen naiv, wussten wenig und dachten, nichts könne uns aufhalten. Heute ist uns klar, wie schwierig das Musikgeschäft ist – und doch stellen sich auch nach und nach die kleinen Erfolge ein, weil wir wissen, wie wir es anstellen müssen.“

Zu denen gehören die regelmäßig gut besuchten Konzerte in London, der Grund, weshalb King’s X ihre DVD unbedingt hier aufnehmen wollten. „In London spielten wir 1988 unsere allererste ausverkaufte Show. Wir hatten zuvor in Amerika vor verhältnismäßig kleinem Publikum gerockt und be-fürchteten, dass uns in Europa überhaupt niemand sehen wollen würde. Doch dann kamen wir auf die Bühne, der Laden war randvoll, und die Leute drehten förmlich durch. Ich weiß noch, wie geschockt und gleichermaßen begeistert wir waren.“

Transatlantic – Traumbesetzung

Transatlantic 2Nach dem Ausstieg von Mike Portnoy bei Dream Theater gewinnen Transatlantic noch größere Bedeutung als zuvor. Wie es mit der Allstar-Truppe weitergeht und welche Rolle der Spaß auf der WHIRLD TOUR 2010 gespielt hat, verrät der Kreativ-Chef der Band, Neal Morse.

Allein die erstklassige Besetzung der Band mit Keyboarder/Sänger Neal Morse (ehemals Spock’s Beard), Bassist Pete Trewavas (Marillion), Gitarrist Roine Stolt (The Flower Kings) und Schlagzeuger Mike Portnoy (bis vor kurzem bei Dream Theater) impliziert bereits Unmengen an Geschichten und spannenden Neuigkeiten. Doch seit Portnoys Ausstieg bei Dream Theater – wir berichteten in unserer letzten Ausgabe ausführlich darüber – bekommt seine Mitgliedschaft bei Transatlantic noch mehr Nährboden für Spekulationen. Denn nur wenige Wochen nach dem Ende der grandiosen Transatlantic-Tour, die vor wenigen Tagen als DVD-Mitschnitt veröffentlicht worden ist, kündigte der Star-Trommler bei Dream Theater. Seine Begründung: Er wolle zukünftig häufiger und intensiver mit anderen Künstlern spielen. Rückgefragt hat er dabei bei seinen Kollegen nicht – zumindest nicht bei Transatlantic-Kopf Neal Morse. „Ich war von dieser plötzlichen Entscheidung ebenso überrascht wie alle anderen“, schwört Morse. „Wir unterhielten uns während der Tour zwar mehrfach darüber, dass es toll sei, wie viel Spaß wir in dieser Band hätten, und Mike betonte dabei stets, wie sehr er die Zeit bei Transatlantic genieße. Aber dass dies solche Auswirkungen auf seine Rolle bei Dream Theater haben würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.“

Auf der DVD namens WHILRD TOUR 2010 kann man den Spaß nachverfolgen, den die vier Transatlantischen und ihr Gastmusiker Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation) auf der Bühne hatten. Die DVD zeigt die komplette, mehr als dreistündige Show aus dem Londoner Shepherd’s Bush Empire und dokumentiert gleichermaßen Virtuosität und Spielfreude der Allstar-Truppe.

Morse beschreibt die Band als „vier Aliens von völlig unterschiedlichen Planeten“, die mit ihren ungleichen Ansätzen aus Transatlantic eine der erstaunlichsten Formationen der Gegenwart machen. Schon bei ihrer Gründung vor zwölf Jahren zeigte sich das hohe Potenzial der Gruppe, die Prog Rock mit Retro-Elementen vermischt und dabei wie eine Mischung aus Yes, Genesis und Beatles klingt. Nach zwei Studio- und ebenso vielen Live-Alben schien bereits 2003 wieder Schluss zu sein, doch sechs Jahre nach ihrer letzten gemeinsamen Aktivität rief Morse die drei Kollegen erneut zusammen, um sein Monumentalepos ›The Whirlwind‹ einzuspielen, das Herzstück auch der aktuellen DVD. Die Rückkehr sei „noch intensiver, noch selbstbewusster und vielschichtiger“ ausgefallen, beurteilt Morse – und zitiert seinen Kollegen Stolt: „Roine sagte zu mir: ‚Man muss zuhören können, um sich als Künstler weiterzuentwickeln!‘ Diesen Ratschlag haben wir beherzigt, deswegen gab es auf der Tour auch etliche Abende voller Magie.“

Allen/Lande – Cyber-Kollegium

JORN LANDE (cristel brower) cRUSSELL ALLEN cUnglaublich, aber dennoch wahr und praktikabel: Obwohl sie schon auf drei Platten gemeinsam zu hören sind, haben sich Russell Allen und Jørn Lande noch kein einziges Mal in natura getroffen. Warum die Zusammenarbeit dennoch klappt, lest ihr hier.

Schöne, neue Welt: Das Zeitalter allgegenwärtiger Computertechnik, der globalen Internet-Präsenz und ihren vielfältigen Kommunikationsformen ermöglicht es nahezu mühelos, dass ein Album entsteht, dessen Komponisten sich noch nie getroffen haben. Im Falle von Allen/Lande, des Projekts der beiden Melodic Metal-Sänger Russell Allen (Symphony X) und Jørn Lande (Masterplan), sind es mittlerweile sogar drei Platten – und dabei ist es bislang noch zu keinem persönlichen Kontakt gekommen. „Nein, ich habe Jørn noch nie in meinem Leben die Hand geschüttelt“, bestätigt der US-Amerikaner Allen sein – rein geografisch bedingtes – distanziertes Verhältnis zum norwegischen Kollegen. „Aber ich finde: Wir sind das lebende Beispiel, welche grandiosen Möglichkeiten das Internet für talentierte Künstler bietet.“

Ihre aktuelle Scheibe trägt den Titel THE SHOWDOWN und setzt stilistisch am Schnittpunkt zwischen Hard Rock, Melodic Metal und progressiven Anteilen an. Dazu passen die Stimmen der beiden Galionsfiguren perfekt, da sie zwar im Härtegrad leicht variieren, sich in Sachen Ausdruck und Anspruch jedoch perfekt ergänzen. Ein cleverer Schachzug des schwedischen Gitarristen/Komponisten Magnus Karlsson, der federführend hinter diesem Projekt steht und außer Gesang und Schlagzeug (dafür verantwortlich: Jaime Salazar, The Flower Kings) sämtliche Instrumente eingespielt hat. Karlsson ist der eigentliche Chef im Ring, seine Kompositionen sind Gesetz, sein Wort gilt, wenn es um künstlerische Fragen geht.

Zwei hörenswerte Scheiben hat dieses Triumvirat bereits gemeinschaftlich auf den Weg gebracht: 2005 erschien das Debüt THE BATTLE, zwei Jahre später der Nachfolger THE REVENGE. Der jetzige dritte Anlauf nahm mehr als drei Jahre in Anspruch, was dem prallvollen Terminkalender der Beteiligten geschuldet ist. „Es ist nicht immer ganz einfach, den passenden Zeitrahmen zu finden, denn Jørn und ich stecken ständig in irgendwelchen Plattenproduktionen oder sind bei Tour-Vorbereitungen oder auf Konzertreisen eingespannt. Zum Glück stand jetzt ein kleines Zeitfenster offen, sodass wir THE SHOWDOWN fertigstellen konnten.“

Das Album knüpft musikalisch direkt an die beiden Vorgänger an. Russell Allen sieht in den aktuellen Songs eine „Rückkehr der melodischen Seite vom Debütalbum in Verbindung mit der größeren Härte von THE REVENGE. Ich finde, es ist die perfekte Kombination der beiden bisherigen Scheiben.“

Alles im Lot also bei zwei der renommiertesten Metal-Sänger der Gegenwart, die – obwohl sie sich noch nie gesehen haben – dennoch (oder gerade deswegen?) ein entspanntes Verhältnis pflegen. Konkurrenzkampf oder gar zähes Ringen um künstlerische Vormachtstellungen kennen die beiden ganz offenkundig nicht. „Die Zusammenarbeit verläuft total unkompliziert”, freut sich Allen, „jeder wählt die Songs aus, die er singen möchte. Zum Glück komponiert Magnus seine Stücke so, dass wir beide unsere jeweiligen Stärken zum Ausdruck bringen können. Es ist eine tolle Sache, so arbeiten zu können.“

Yngwie Malmsteen – Die Nervensäge

Yngwie Malmsteen @ Larry MaranoViele fürchten sich schon, wenn sie auch nur in die Nähe einer Yngwie Malmsteen-Platte kommen. Unberechenbare, wenngleich geniale Gitarrenattacken sind auf den Scheiben des Schweden an der Tagesordnung. Doch er ist kollegialer, als sein Ruf glauben machen will.

Über Yngwie Malmsteen kann man herrlich lachen: Sein hemmungslos egomanisches Getue auf und abseits der Bühne, sein irrwitziges Gitarrenspiel, all die Klischees eines echten Superheroes alter Schule, der in seiner Freizeit mit rotem Ferrari durch Miami kurvt und auch bei Regen die coole Sonnenbrille auflässt – man müsste den Mann erfinden, wenn es ihn als Kunst- und Realfigur nicht schon gäbe. Aber: Es lässt sich auch ganz herrlich mit Malmsteen lachen. Denn der Mann hat Humor, ist selbstironisch und weiß, dass er im Grunde genommen eine Nervensäge ist – wenn auch eine hochtalentierte. „Anfang der Achtziger war ich gerade erst 17, und alle Welt hasste Gitarrensoli“, erinnert sich der 47-Jährige, „aber mir war’s egal: Wann immer ich eine Gitarre in die Hand bekam, dudelte ich so lange, bis alle entnervt den Raum verlassen hatten.“

Seine Umwelt nannte ihn – halb bewundernd, halb despektierlich – erbarmungslos, auf Englisch: „relentless“. Und auf genau diesen Namen hört auch sein neuestes Album, eine Wundertüte voll klassischer Noten, die in aberwitziger Geschwindigkeit aufeinander folgen und nur mäßig Rücksicht auf den Sänger seiner Songs nehmen. Dass der aber immerhin Tim „Ripper“ Owens heißt und sich vor zehn Jahren als Nachfolger von Rob Halford bei Judas Priest einen Namen macht, stört Malmsteen in seiner musikalischen Mitteilungswut nicht. Mehr noch: „Tim ist einfach wunderbar, ein sagenhafter Sänger und unglaublich netter Typ“, lobpreist ihn Malmsteen, „und er ist in der Lage, das neue Material perfekt zu singen und auch die älteren Stücke so klingen zu lassen, wie sie ursprünglich gedacht waren.“ Ursprünglich gedacht waren – wie bitte? „Nun, Joe Lynn Turner ist sicherlich auch ein toller Vokalist“, blickt Malmsteen auf seine gemeinsame Zeit mit dem ehemaligen Deep Purple/Rainbow-Frontmann zurück, „aber seine Stimme klingt nun einmal poppig, während meine Songs im Metal angesiedelt sind. Das passte damals nicht immer. Mit Tim am Mikro dagegen zeigen die Stücke nun endlich ihre wahre Qualität.“

Und in der Tat: Es ist die schneidige Stimme des Amerikaners Owens, die RELENTLESS vor dem Gitarrenkollaps bewahrt. Wie gewohnt ergeht sich Malmsteen in einem Vulkanausbruch aus Noten, Skalen, Arpeggios, klassischen Zitaten und orgiastischen Tonleitern. Owens hält mit seiner Stimme dagegen und zeigt immer dann, wenn ihm der Meister dies zubilligt, dass die Stücke durchaus kompositorische Güte besitzen. Da fragt man sich als Unbeteiligter, weshalb der Schwede bei solch fabelhaften Talenten seines Sängers dennoch bei einer Nummer das Mikro selbst in die Hand nahm. „Das liegt am heutigen Aufnahmeverfahren“, entschuldigt sich Malmsteen, „ich produziere alles im eigenen Studio. Wenn mir gerade danach ist, dann trällere ich die Melodie selbst ein und schaue, ob sie zum Song passt.“ Und siehe da: Sie passt, denn der Meister hat durchaus ein passables Stimmorgan. Das aber sollte man ihm um Gottes Willen nicht sagen – die Folgen wären vermutlich unkontrollierbar.

Hardcore Superstar – Alkohol und Frauen

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Hardcore SuperstarIn ihrer Heimat Schweden zählen Hardcore Superstar zu den ganz Großen im Hard Rock – und auch der Rest der Welt ist ihrem rauen Scharm inzwischen längst erlegen. Mit ihrem achten Studio-Album SPLIT YOUR LIP be-weisen sie nun, dass sie sich keineswegs auf ihren Lorbeeren ausruhen wollen.

´Frech, energiegeladen, ein bisschen rau, aber nie hundertprozentig ernst – so lernte man Hardcore Superstar im Jahr 2000 kennen, als sie mit ihrem internationalen Debüt BAD SNEAKERS AND A PINA COLADA zeigten, dass Musik aus Schweden nicht zwangsläufig düster und böse sein muss, sondern auch beschwingt und partytauglich sein kann. Und auch wenn seitdem mittlerweile zehn Jahre vergangen sind, hat die Band von ihrem erfrischenden Charme nichts eingebüßt. Im Gegenteil: Die Musiker wirken dynamischer denn je und strotzen vor kreativer Energie.

Gerade einmal ein Jahr nach BEG FOR IT präsentiert die Band nun bereits SPLIT YOUR LIP. „Wir haben schon vergangenen Sommer mit dem Schreiben neuer Songs begonnen“, erzählt Schlagzeuger Magnus „Adde“ Andreasson. „Tourneen inspirieren uns immer ungeheim, da dort einfach viel passiert. Ich habe einen Großteil der Texte unterwegs geschrieben. Wir haben eine kleine Tour mit Mötley Crüe gemacht – und darüber gab es schon genug zu schreiben. Auch das Drumherum beim Download-Festival hat uns sehr inspiriert.“ Anfang des Jahres ging es dann erst einmal zusammen in den Proberaum. „Wir hatten bis April etwa 40 grobe Songideen“, schildert Adde diese Zeit. „Davon haben wir 15 ausgesucht, die wir dann sechs Wochen wie die Irren üben mussten. Danach ging es erst ins Studio.“

Um der späteren Bühnen-Atmosphäre gerecht zu werden, wurden fast alle Songs live eingespielt. „Ich hatte noch nie so viel Spaß bei einer Aufnahme“, grinst Magnus. „Die Songs haben eine sehr raue Note, die einfach super klingt. Es ist die lebendigste Platte, die wir bisher gemacht haben. Inhaltlich sind wir sehr bodenständig geblieben. Die Stücke handeln von ganz normalen Problemen, mit denen jeder in seinem Leben konfrontiert wird“, erklärt Adde – und fügt schmunzelnd hinzu: „Damit meine ich: Frauen, Alkohol und Rock’n’Roll.“ Kein Wunder also, dass Bon Scott sein großes Vorbild ist. „Er hat unglaubliche Texte geschrieben“, schwärmt Magnus. „Bon war niemals überheblich oder anmaßend und hatte einen tollen Sinn für Humor. Solche Texte wollten wir auch schreiben – und das ist uns auf SPLIT YOUR LIP hoffentlich auch gelungen.“

Nun wollen die vier Schweden wieder das machen, was sie am besten können und am meisten lieben: über die Bühne toben. „Wir werden überall auftreten“, lacht Adde. „Das kann ich den Fans versprechen. Wir werden uns den Arsch aufreißen – und in Leichensäcken wieder nach Hause zurückkehren.“ Passend dazu gibt Adde auch allen Nicht-Skandinaviern gleich einen gutgemeinten Rat mit auf den Weg: „Wenn du einmal einem Schweden begegnest, dann gib ihm bloß keinen Alkohol! Prost!“ Wir werden versuchen, es uns zu merken.