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Start Blog Seite 1372

John Waite – IN REAL TIME (LIVE)

john waiteWas wird aus Liebesliedern, die zu schroff sind? Rock jedenfalls nur dann, wenn man zusätzlich Led Zep covert.

Am liebsten singt der Brite John Waite von Liebe, Lust und Leidenschaft, er bleibt der ewig smarte Frauenversteher mit der einschmeichelnden Stimme, dem eigentlich niemand ernsthaft böse sein kann. Natürlich kann er seine hingebungsvollen Texte nicht in ein Gelärm aus überdrehten Gitarren oder hämmernden Beats verpacken, also bedient sich der Mann einer zumeist gemäßigten Gangart und kommt nur von Zeit zu Zeit einmal voll aus sich heraus.

Die Aufnahmen seiner aktuellen Live-Scheibe IN REAL TIME stammen aus dem Jahr 2009 und umfassen Material seiner Bands The Babys und Bad English sowie die größten Hits seiner Solokarriere. Dass dabei die Bühnenfassungen der Stücke allesamt etwas rauer und dadurch weniger charmant als die Studioversionen ausfallen, liegt auf der Hand. Warum sich allerdings der altgediente Zeppelin-Kracher ›Rock’n’Roll‹ in dieses Repertoire verirrt hat, erschließt sich aufgrund der mäßigen Darbietung des Stücks wohl nur Insidern.

Jimmie Vaughan – PLAYS BLUES, BALLADS & FAVORITES

VaughanJimmieSolides Handwerk, nicht mehr und nicht weniger.

Neben der Musik hat dieser Mann noch eine zweite Leidenschaft: Oldtimer und Hot Rods. Ein Hobby, das Kenntnis und den Respekt vor dem Alten voraussetzt. Nicht anders verhält es sich mit dem Musiker Vaughan: Einst kam er mit den Rhythm’n’Blues-Traditionalisten The Fabulous Thunderbirds zu bescheidenem Ruhm, seit dem Tod seines Bruders Stevie Ray widmet er sich solo der Restauration des Blues-Erbes.

Auf PLAYS BLUES, BALLADS & FAVORITES versammelte der Gitarrist einige hochkarätige Musiker der Austin-Szene und nahm sich 15 Goodies aus dem Fundus von Jimmy Reed, Doug Sahm, Johnny Ace, Willie Nelson, Little Richard und ähnlicher Großkaliber vor. Heraus kam dabei solide, souverän und durchweg vital inszenierter Club-R’n’B. Randnotiz: Lou Ann Barton, vor mehr als 30 Jahren als Sängerin in Diensten von Bruder Steves damals noch unbekannter Band Double Trouble, steuerte Gast-Vocals bei.

Vanden Plas – THE SERAPHIC CLOCKWORK

VandenPlasDeutschlands erwiesenermaßen beste Prog Metal-Band zieht alle Register ihres Könnens. Auch textlich.

Vier Jahre sind schnell vergangen, vor allem wenn man ein Ziel zeitweise aus den Augen verliert: Vanden Plas widmeten sich nach Ansicht der Fans zu lange ihren diversen Theater- und Musical-Projekten, wodurch der Fokus auf ein neues Studioalbum offenbar aus dem Gesichtsfeld der Beteiligten verschwand. Doch die Band hat diese vier Jahre genutzt, hat sich stilistisch breiter aufgestellt, durch das Theater-Engagement auch Selbstbewusstsein getankt und sich obendrein finanziell unabhängig gemacht.

Dies alles spürt man auf THE SERAPHIC CLOCKWORK vom ersten Ton an: Vanden Plas loten ihre Stilelemente noch konsequenter aus, lassen die brachiale Metal-Axt ebenso kreisen wie das Schlagzeug donnern – ohne dabei jedoch ins reine Lärmen abzugleiten. Dazu erzählt Frontmann Andy Kuntz eine komplexe Geschichte über schicksalshafte Fügung und die Erkenntnis, seiner Bestimmung nicht entkommen zu können. Mit anderen Worten: Weltklasse-Musik, Weltklasse-Texte und eine Produktion, die dank Produzent Markus Teske keine Wünsche offen lässt.

Indica – A WAY AWAY

IndicaRomantischer Pop-Rock mit Mainstream-Potenzial.

In Finnland sind sie dank ihrer drei bisher erschienenen Alben bereits mit Gold und Platin dekorierte Stars: Indica wollen mit ihrem ersten englischsprachigen Longplayer den Erfolg nun auch im Rest Europas wiederholen.

Völlig überzeugt vom Charme der fünf Mädels ist Tuomas Holopainen, seines Zeichens Boss der finnischen Erfolgs-Formation Nightwish. Er produzierte A WAY AWAY – und drückte dem romantischen Pop-Rock zwischen Bond-Soundtrack, Rock-Ballade und poppiger ABBA-Reminiszenz hörbar seinen Stempel auf. Vor allem in den etwas härteren Songs klingen ganz klar hymnische Nightwish-Töne an, und auch thematisch sind Frontfrau Jonsu und ihre Mitstreiterinnen nicht allzu weit vom Bombast-Metal der erfolgreichen Landsleute entfernt. Mit viel skandinavisch-melancholischem Unterton singen sie von Liebe, Tod und mystischen Begebenheiten. Den Durchbruch in Deutschland fördern dürften die teils sehr eingängigen Refrains: Songs wie die Single ›In Passing‹ oder ›Precious Dark‹ liefern die perfekten Ohrwurm-Melodien für die Radio-Rotation.

In This Moment – A STAR-CROSSED WASTELAND

InThisMomentDas Beste aller Welten: Vergangenheitskomprimierung.

BEAUTIFUL TRAGEDY zeigte In This Moment 2007 als melodische Metalcore-Band, THE DREAM 2008 als metallische Alternative-Rocker. 2010 versuchen sich die Südkalifornier um Sängerin Maria Brink an einer ausgewogenen Schnittmenge: A STAR-CROSSED WASTELAND zettelt in Wutschnaubern wie dem nach Panteras ›A New Level‹ riechenden ›Gun Show‹ freundschaftliche Keilereien an und versüßt anschließendes Wundenlecken mit eingängigen Refrains (Hit: ›The Promise‹). Auch Balladen fehlen nicht: Geht das getragene Titelstück noch als solide Evanescence-Verbeugung durch, stibitzt das theatralische ›World In Flames‹ allerdings zu sehr bei ›Purple Rain‹, ohne die Intensität des Prince-Schmachters zu erreichen.

Kevin Churkos (Ozzy Osbourne) Produktion ist erstklassig, Brinks Schrei-/Klargesang aber teils ein wenig zu dominant abgemischt: Besonders in dem stählernen Rocker ›Blazin’‹ erinnert ihr Keifen an Tic Tac Toe-Sirene Lee und übertönt herrlich quietschende Zakk Wylde-Gitarren-Zitate.

Imperial State Electric – IMPERIAL STATE ELECTRIC

IMPERIAL+STATE+ELECTRIC+frontFlugverbot aufgehoben: nonstop zurück in die Siebziger.

Nachdem sich die Hellacopters die vorzeitige Stilllegung ihrer Rock-Rotoren selbst verordnet haben, dürfen sich Freunde des skandinavischen Siebziger-Rock’n‘-Rolls nun wieder anschnallen. Denn hinter dieser ominösen neuen Band steckt Frontfigur-Flieger Nicke Andersson.

Mit zahlreichen Gästen, unter anderem Backyard Babies- und Ex-Hellacopters-Mitglied Dregen oder dem singenden Datsuns-Basser Dolf de Borst, gibt Vollblut-Kiss-Fan Andersson hier erneute Kostproben seines Kompositionskönnens: ›Lord Knows I Know That It Ain’t Right‹ und ›I Got All Day Long‹ hätten rein vom Klangbild und Hit-Charakter her selbst Paul Stanleys 1978er-Solo-Meisterwerk um zwei weitere Kracher bereichert. ›Resign‹ und ›I’ll Let You Down‹ trumpfen mit Beatles-, Beat-Club- und Power Pop-Perfektion auf. ›Throwing Stones‹ (mit Dregen) drückt auf die harmonische Garagenpunk-Tuben-Paste. Und dazwischen gibt’s immer mal wieder Cheap Trick und noch ein Löffelchen Sixties Soul im The Solution-Stil. Damit sollten alle, die Herrn Ex-Hellacopters Rock-Einflüsse teilen und lieben, rundherum glücklich sein. Aber mal ehrlich: Etwas anderes als eine wirklich tolle Classic Rock-Platte hatte auch keiner erwartet.

Thunderstone – DIRT METAL

ThunderStone_DirtMetal_booklet.inddObacht, nicht verwirren lassen: Was sich DIRT METAL nennt, bleibt überwiegend melodischer Power Metal!

Als die finnische Gruppe Thunderstone vor knapp zehn Jahren auf der Bildfläche erschien, galt sie als eines der vielversprechenden Talente im Melodic Metal-Genre. Ihr farbenfrohes Songwriting, das große handwerkliche Potential der Musiker, die unbändige Spielfreude – man musste die Gruppe einfach lieben.

Vier Veröffentlichungen später haben die Skandinavier einige Stilkorrekturen vorgenommen. Die Hauptursache: Mit ihrem neuen Frontmann Rick Altzi scheint ein generell etwas derberes Flair Einzug gehalten zu haben, zudem mussten auch Thunderstone erkennen, dass Evolution zwingend notwendig und Stillstand immer zwangsläufig auch Rückschritt ist. Also schmiedet die Gruppe ihre Riffs eine Spur dunkler und stellt den etwas süßlichen Refrains immer auch eine schroffe Strophe gegenüber. Diesem Treiben den Namen DIRT METAL zu geben ist zwar überzogen, an Konturen jedoch haben Thunderstone zweifellos gewonnen.

Jackson Browne & David Lindley – LOVE IS STRANGE

Brown_LindleyThe Beauty & The Beast auf Betriebsausflug in Tapas-County.

Sie sind alt geworden – und wie. Mit 61 ist Jackson Browne nicht mehr der jugendliche Beau. Und David Lindley, fünf Jahre älter, geht eher als irrer Professor durch. Was die beiden nicht daran hindert, im März 2006 einen Spaßtrip nach Spanien zu unternehmen und dort zwei Wochen mit befreundeten Musikern zu jammen. Live vor Publikum, nur bewaffnet mit akustischen Instrumenten und einem Set, das nicht nur Lindley- und Browne-Klassiker (›El Rayo X‹, ›Running On Empty‹, ›The Crow On The Cradle‹) birgt, sondern auch Coverversionen à la ›Take It Easy‹ (The Eagles), ›Mercury Blues‹ (K.C. Douglas/Robert Geddins) und ›Love Is Strange‹ (Mickey & Sylvia). Alles mit einem warmen, filigranen Sound, witzigen musikalischen Gefechten zwischen Lindley/Browne und Ansagen in lupenreinem Spanisch. Was allein daher rührt, dass Browne seinen Zweitwohnsitz in Barcelona hat, die dortige Szene kennt und vor allem offen für Experimente ist. Wie dieser fast zweistündige Konzertmitschnitt unterstreicht. Mitte Juni kommen die Altmeister genau damit nach Deutschland. Ein Muss!