In den Händen eines weit weniger begabten Regisseurs als denen des Franzosen Jacques Audiard hätte die Geschichte um die schwierige Liebe zwischen der beinamputierten Wal-trainerin Steph (Marion Cotillard) und dem alleinerziehenden Türsteher Ali (Matthias Schoenarts) zum pathostriefenden Schmalzfest werden können. Doch Audiard fällt nicht auf die Vorhersehbarkeiten der sich langsam entfaltenden romantischen Beziehung zwischen den beiden Außenseitern herein und widersteht den Versuchungen der Melodramatik, indem er das Seelenleben seiner Charaktere und ihre emotionale Entwicklung nuanciert ausleuchtet. Dank des fantastischen Darstellerduos aus Cotillard und Schoenarts, das scheinbar mühelos die reichlich komplexen Gefühlswelten seiner gebrochenen Figuren auszudrücken versteht, ist „Der Geschmack von Rost und Knochen“ Audiards dritter filmischer Volltreffer in Folge . Genau wie die Vorläufer „Ein Prophet“ und „Der wilde Schlag meines Herzens“ – großes Kino der ganz großen Gefühle. Anschauen!
Der Geschmack von Rost und Knochen
Laurence Anyways
Die (Nicht-)Liebesgeschichte zwischen Lehrer Laurence, der entdeckt, dass er eigentlich lieber eine Frau wäre, und seiner anfangs noch verständnisvollen Freundin Fred klingt nach schwerem Stoff. In den Händen des hochtalentierten, gerade einmal 24-jährigen Regiewunderkinds Xavier Dolan wird daraus jedoch eine brillant orchestrierte Tour de Force durch ein Jahrzehnt einer unmöglichen Liebe. Dass Dolans hochambitionierte Geschichte einer leidenschaftlichen amour fou mit überschwänglichem Elan, beneidenswerter Unberechenbarkeit und dem brillanten handwerklichen Geschick seines jungen Regisseurs trotz sperrigem Thema und einer wuchtigen Laufzeit von 160 Minuten von der ersten Minute an in Bann zu ziehen vermag, ist dabei nicht weniger als eine Meisterleistung. Geerdet in den bemerkenswerten Darbietungen seiner beiden Hauptdarsteller Melvil Poupaud und Suzanne Clément, getragen von dem wahrscheinlich besten Soundtrack des Jahres und mit einer Selbstsicherheit inszeniert, die manchem Regieveteranen die Schamesröte ins Gesicht treibt, bleibt nichts anderes übrig, als Dolans dritten Langfilm wärmstens ans Herz zu legen.
The Grandmaster
Gleich mehrere Filme zum Vermächtnis des chinesischen Nationalhelden und Martial-Arts-Meisters Ip Man haben sich in den letzten Jahren den Kampf um die Zuschauergunst geliefert. Visuell derart berauschend und mit voller Absicht gegen den Strich des Martial-Arts-Genres gebürstet, hebt sich die Version von Regiekönner Wong Kar Wai von seinen Mitbewerbern jedoch merklich ab. Was sich zu Beginn noch als spektakuläres Genrekino positioniert, rückt mit voranschreitender Laufzeit seinen Schwerpunkt vermehrt von der brillant choreographierten und fotografierten äußeren Action auf die inneren Konflikte seiner Figuren zwischen unmöglicher Liebe und unerwiderten Gefühlen. Sein Auge für großartig in Szene gesertzte Kung-Fu-Action, das Wong Kar Wai bereits vor 20 Jahren mit seiner Kampfopulenz „Ashes Of Time“ unter Beweis stellte, trügt den Regisseur dennoch auch hier nicht: Unterstützt von Actionchoreographenlegende Yuen Woo-ping („Kill Bill“, „Once Upon In China“) und mit einem Großbudget von knapp 40 Millionen Dollar in der Hinterhand begeistert „The Grandmaster“ als hintersinniges und wunderschön fotografiertes Kampf-kunstdrama der obersten Güteklasse.
The Sapphires
Als Supernerd Roy in der Sitcom „The IT-Crowd“ nahm die Karriere von Chris O’Dowd zwar ein wenig an Fahrt auf, an einer großen Hauptrolle durfte er sich bislang jedoch nicht versuchen. Mit dem Musikfilm „The Sapphires“ über vier junge Aborigine-Frauen, die Ende der 60er Jahre zu Soul-Heldinnen aufsteigen, sollte sich O’Dowd jedoch zweifelsohne für höhere Weihen empfohlen haben. Als dem Alkohol zugneigter Talent-scout Dave verleiht O’Dowd der bittersüßen Erfolgsgeschichte nämlich eine quirlige komödiantische Energie, die den sowieso schon gelungenen Film zur höchst charmanten Feel-Good-Dramödie machen. Dave erkennt inmitten der australischen Provinz das untrügliche Talent der vier Sängerinnen Gail, Julie, Kay und Cynthia, die in ihrer Heimat unter dem unverholenen Rassimus gegenüber den Ureinwohnern leiden. Mit musikalischer Generalüberholung und einem Crash-Kurs in Sachen Soul schmiedet Dave die talentierten jungen Damen zur erfolgreichen Girl-Combo, die ihre erste große Tournee ausgerechnet ins umkämpfte Vietnam führt.
David Remnick – BRUCE SPRINGSTEEN
Ein wenig dünn. Und zwar in fast jeder Hinsicht.
Das Leben Bruce Springsteens auf schlappen 80 Seiten? Kollege Peter Ames Carlin füllte mit dem gleichen Sujet kürzlich über 600 Seiten, das sollte in Sachen Boss also als Maßstab dienen. Zumal David Remnick ja nun kein ausgewiesener Schnell-schuss-Schreiberling ist, der passend zu Tournee oder neuem Album mal eben ein Buch raushaut, um was vom Kuchen abzukriegen, sondern immerhin Chefredakteur des hochrenommierten „New Yorker“-Magazins und seit 1994 stolzer Pulitzer-Preisträger. Ein Guter, will man meinen. Doch steht in seinem Buch leider nicht allzu viel, was Kollege Carlin nicht schon vorher niedergeschrieben hätte. Klar, Remnicks Essay ist mehr Psychogramm als Biographie, es gewährt interessante Einblicke in die Tournee zum Album WRECKING BALL und betrachtet Springsteen stets vor dem Hintergrund amerikanischer Gegen-wartskultur mit all ihren Nöten und Widersprüchen. So gesehen, ist es immerhin ein kluges, durchaus nahrhaftes Zusatzkapitel zu Carlins biographischem Schwergewicht. Letzteres bleibt aber auch weiterhin der Maßstab, Pulitzer-Preis hin oder her.
Ennio Morricone – ENNIO MORRICONE
Gelungene Einführung in das Werk des Soundtrack-Giganten.
Der Mann hat’s nicht leicht. Denn neben über 500 Filmsoundtracks hat der 84-Jährige auch jede Menge Musik komponiert, die ganz ohne bewegte Bilder auskommen musste. Mal eher traditionell ausgerichtet, bisweilen aber auch enorm avantgardistisch mit deutlicher Tendenz zur Seriellen Musik. Nur: Der ganz normale Musikliebhaber kennt und schätzt ihn vor allem dafür, das Lied vom Tod inszeniert zu haben, das coyotenmäßige Geheul von „Zwei glorreiche Halunken“ und allerlei weitere Soundtrack-Klassiker für die Spaghetti-Western der 60er und 70er Jahre. Klirrende Gitarrensounds. Düstere Glockenklänge. Gemischte Chöre. Wunderbar. Ihn darauf zu reduzieren, ist zwar streng genommen ein Fehler, doch das Interesse an seriellen Experimenten ist beim durchschnittlichen Pophörer und Kinogänger natürlich eher schwach ausgeprägt. Weshalb vorliegendes Earbook schon in Ordnung geht: Das führt in rasantem Tempo durch die wichtigsten Werke des Maestros aus Italien, deutet zwar auch seine restlichen Arbeiten an, konzentriert sich jedoch eindeutig auf die Soundtracks. Dazu gibt’s allerlei sehenswerte Fotos, Filmplakate und vier CDs mit Exzerpten aus Morricones umfangreichem Werk. Die allein schon die Anschaffung rechtfertigen. Als Appetitanreger ein gelungenes Paket.
Steve Miller – DETROIT ROCK CITY
Alles über den Rock’n’Roll aus Amerikas lautester Stadt.
Der Untertitel „The Uncensored History Of Rock’n’Roll In America’s Loudest Ciy” macht unmissverständlich klar, worum es in Steve Millers 320-Seiten-Buch geht: Weniger um den Motown-Soul, für den die Industriestadt in Michigan immerhin auch berühmt ist, sondern einzig und allein um den kernigen Rock, der in Detroit stets so prächtig gedieh. Die ehemalige Autometropole, heute in weiten Teilen eine erschütternd entvölkerte Industrie-ruine, war schon immer ein ausgesprochen raues Pflaster, quasi der Working-Class-Gegenpol zu New Yorker Kunst-Chi-Chi und kalifornisch Schöngeistigem aus der Hippie-Kultur. Und brachte mit den MC 5, Iggy & The Stooges, Alice Cooper und anderen mehr angemessen ruppige Acts hervor – zuletzt etwa die Neo-Garagen-Helden The White Stripes. Autor Miller lässt erzählen: Von Musikern, DJs, Fans, Labelbossen, Clubbesitzern und anderen betroffenen Geistern, die den Rock in Detroit teilweise über Jahrzehnte begleiteten. Eine interessante, teils erfrischend skurrile Anekdotensammlung, die den Lokal-patriotismus bisweilen jedoch ein bisschen zu weit treibt. Dennoch recht lesenswert.
Paul Weller – SONIK KICKS: THE SINGLE COLLECTION
Paul The Mod kreuzt infektiösen Brit Pop mit tanzbarer Elektronik.
Respekt! Elf imposante Soloalben in 20 Jahren. Dazu gesellt sich noch das umfangreiche Werk von The Jam und der ganz anders geratenen Nachfolgecombo Style Council. Paul Weller, zeitlos eleganter Mod auf Lebenszeit, eigenwilliger Pop-Philosoph, Bewahrer britischer Traditionen sowie Ikone mit Hang zum Hochprozentigen, zeichnet sich vor allem durch ungeheuren Fleiß, Disziplin und immer wieder erstaunlichen Erfindungsreichtum aus. SONIK KICKS, Wellers letztes Studiowerk von 2012, das einmal mehr so ganz anders tönte als seine Vorgänger und nur äußerst knapp die Pole Position in Großbritannien verfehlte, weil sich David Guetta dort mal wieder mit irgend so einem Jubeltanzflächenfüller breit machte, liegt nun – zumindest auszugsweise – als Limited Edition neu auf. Sämtliche vier ausgekoppelten Singles finden sich als einzelne 45er in verschiedenfarbigem Vinyl im Schuber. Mit einer gehörigen Portion dissonanter Elektronik versetzt hat Mr. Weller ›That Dangerous Age‹, ›When Your Garden’s Overgrown‹, ›The Attic‹ und ›Dragonfly‹. Netterweise setzen sich die nicht minder famosen B-Seiten ›The Piper‹, ›Lay Down You Weary Burden‹, ›We Got A Lot‹ und ›Portal Of The Past‹ ausschließlich aus Non-LP-Tracks zusammen. Als Bonus obendrauf gibt es die akustischen Konzertmitschnitte von ›That Dangerous Age‹ und ›Be Happy Children‹.


