Es ist nicht unbedingt die naheliegendste Idee, den etwas fülligeren Nick Frost als Star einer Romantik-komödie ins Rampenlicht zu schubsen und ihm die Rolle des feurigen Salsa-Wirbelsturms Bruce auf den Leib zu schreiben. Nach traumatischem Erlebnis hat Bruce die Tanzschuhe zwar an den Nagel gehängt, doch die alte Leidenschaft wurmt sich zurück in sein Leben, als sich ausgerechnet seine neue, höchst attraktive Chefin Julia (Rashida Jones) als Fan des lateinamerikanischen Tanzes outet. Den Widerständen eines durchtriebenen Kollegen (Chris O’Dowd) und des grummeligen Tanztrainers Ron (Ian McShane) zum Trotz, schwingt sich Bruce entlang der Handlungs-leitplanken des typischen Sport- und Underdog-films (natürlich) dennoch zum strahlenden Helden auf. Das Ergebnis ist zwar charmant, leidet aber zu häufig an der klischeesatten Aufbereitung. Denn im Genre der Romantik-komödien sticht „Cuban Fever“ zwar mit etwas Kantigkeit heraus, im breiteren Kontext der Komödie bleibt der Film aber leider ein ganzes Stück zu brav und gesittet.
Cuban Fury
Boyhood
Ähnlich ambitioniert und ungewöhnlich in seiner Produktionsgeschichte wie Richard Linklaters lebens- und liebesphilosophische „Before“-Trilogie zeigt sich „Boyhood“, in dem Linklater Kindheit und Jugend seines Protagonisten Mason (Ellar Salmon) über den Zeitraum von zwölf Jahren einfängt. Bemerkenswert ist, dass Linklater eben nicht mit unterschiedlichen Schau-spielern die verschiedenen Altersstufen seiner Hauptfigur darstellt – er wartet schlicht, bis sein Darsteller im entsprechenden Alter ist. So folgen wir Mason vom Alter von sechs Jahren an, wie er im Patchwork-Familienumfeld aus alleinerziehender Mutter (Patricia Arquette), seinem nur wochenends verfügbaren Vater (Ethan Hawke) und seiner Schwester (Lorelei Linklater) zum jungen Mann heranwächst. Die Meilensteine wie den ersten Kuss und High- School-Abschlußball klammert Linklater dabei gekonnt aus, es geht ihm darum, mit nur wenigen, prägnanten Alltagsszenen einen Einblick in den Reifeprozess eines jungen Menschen zu geben. Über politische Randkommentare wie Obama-Wahlkampf und NSA-Skandal, über Ausformulierungen des Zeitgeistes wie Haartracht und Kleidung sowie über die gekonnt eingebetteten Hit-Songs der jeweiligen Jahre ist „Boyhood“ fest in seiner jeweils gezeigten Epoche verankert. Die Geschichte von Mason zeigt ein packendes und universelles Coming-Of-Age-Drama, das zugleich als Panorama des Amerikas der letzten zwölf Jahre dient. Mal witzig, mal anrührend, mal skurril, legt Linklater mit „Boyhood“ nicht weniger als ein Meisterwerk vor, das trotz dreistündiger Laufzeit zu keiner Sekunde langweilt.
Michael Fehrenschild – No Future?
Für das Buch-Projekt „No Future?“ besuchte der Autor zusammen mit seiner Frau die unterschiedlichsten Protagonisten aus der deutschen Punk-Szene. Sie sprachen mit insgesamt 37 Persönlichkeiten über ihre Lebensentwürfe. Die Musiker von Slime, Blitzkrieg, Die Goldenen Zitronen oder Östro 430 sind heute Konzernmanager oder Theater-Regisseur, Groß-mutter oder freiberuflicher Übersetzer, Millionär oder immer noch am Existenzminimum. Margita zum Beispiel. Sie wurde 1942 geboren, war später Gründungsmitglied der Band Abwärts, hat sich als Schauspielerin im Dunstkreis von Rainer Werner Fassbinder bewegt und wohnte eine zeitlang mit der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin zusammen in einer Berliner WG. Für Kiky, eine Erzieherin mit Psychologie-Diplom aus Meerbusch, war die Anziehungskraft des Punk geradezu magnetisch: „Die Musik und auch die Texte haben für mich als Jugendliche genau das beschrieben, was ich erlebte. Punk war in meiner Generation einfach der Ausdruck für Rebellion gegen alle Autoritäten, vor allem gegen das Elternhaus.“ Die Punkszene lebte dabei ein fast gleichberechtigtes Geschlechterbild vor, was der ehemalige Die-Toten-Hosen-Drummer Trini Trimpop bekräftigt: „Heute erleben wir eine Rückentwicklung zu dem, was wir in den 1960er Jahren angestoßen haben. Denk mal an das Frauenbild im HipHop. Wir waren mit der Gleichberechtigung schon mal viel weiter. Die junge Generation wird mit youporn konfrontiert, aber ohne Anleitung alleine gelassen. Die machen das dann heimlich und denken, sie tun was Verbotenes. Wir Menschen sind schließlich Nachahmer, aber niemand zeigt uns, wie man Sexualität lebt.“ Eine herausragende und lesenswerte Chronik mit einem unglaublichen breiten Querschnitt an Lebenswegen.
Frank Schäfer – METAL ANTHOLÖGY – ANSICHTEN UND MEINUNGEN EINES SCHWERMETALLSÜCHTIGEN
Viel Nostalgie und eine Menge Spaß.
Frank Schäfer liebt Heavy Metal, und das schon sehr lange. Deshalb schreibt er immer wieder Bücher, in denen seine Liebe zur Krach-musik verwoben wird mit autobiografischen Anekdoten, zeitgenössischen Erlebnisberichten und Überlegungen zum Thema, wie sie Rockfans fast zwangsweise anstellen, wenn man sie zusammenbringt. Grundlegende Rock’n’Roll-Fragen nach den besten Live-Alben und den vergessenen Perlen im Œuvre von Thin Lizzy werden diskutiert, und zwar mit der Diktion eines Geisteswissen-schaftlers. Ein bisschen erinnert der 1966 geborene Schäfer damit an Chuck Klostermanns Hair Metal-Exegese „Fargo Rock City“. Wie schon in „Metal Störies“ (2013) sind es aber vor allem die quasi-autobiografischen Geschichten von früher, die Anekdoten aus der Sturm-und-Drang-Zeit des Dorf-Metallers, die hier mit schmissiger Sprache, viel Identifikationspotenzial und einem leckeren Schuss Nostalgie den Spaß bringen. Ebenso schön ist die fast beliebige Vielseitigkeit, mit der Schäfer seine Ansichten und Beobach-tungen zur besten Musik der Welt in vielen locker weglesbaren Episoden quer durcheinanderwirft. Nicht jede davon ist ein absoluter Volltreffer, 260 Seiten sind immerhin viel Holz, aber wer gerade nicht an der Bar eines Rockclubs steht, um sich in passender Runde über Heavy Metal auszulassen, der findet hier garantiert adäquaten Ersatz.
Paul Stanley – FACE THE MUSIC – A LIFE EXPOSED
Der Blick nach innen, viele Anekdoten und die ganze Geschichte – die beste der vier Kiss-Autobiografien
Als letztes Kiss-Urmitglied bringt Paul Stanley seine Autobiografie unter die Leute – und bietet den nüchternsten Blick auf die Dinge. Er erzählt erwartungsgemäß von seinen Ursprüngen und führt uns durch 40 Jahre Schminke-monster, was einem Fan schon eine Menge Lesefreude bereitet. Daneben legt er einen starken Fokus auf sein Leben, das erstaunlicherweise die meiste Zeit eher unglücklich zu sein schien. Wir erfahren zum Beispiel en detail von den massiven Problemen, die er durchmachte, weil er ohne rechtes Ohr geboren wurde. Es überrascht, wie früh der Ärger in der Band begann, zumindest aus Stanleys Sicht, wie frustrierend die 80er Jahre waren und welche Sorgen er mit Möchtegern-Hollywood-Star Gene hatte. Natürlich wird auch Paule einiges seiner Sicht der Dinge angepasst haben, aber das Buch wirkt weniger größenwahnsinnig als das von Simmons und weniger entschuldigend bzw. anklagend als die Werke von Criss und Frehley. Stanley ist ehrlich zu sich selbst, oft ironisch und lässt viele Anekdoten raus, die auch eingefleischte Kiss-Freaks nicht kennen dürften. So etwa der Spruch zu Richie Sambora, der Anfang der 80er bei Kiss vorgespielt hatte, aber nach eigenen Aussagen lieber etwas Blues-basiertes machen wolle: „Bon Jovi haben viel Tolles geleistet, aber nichts davon klingt nach Howlin‘ Wolf.“ Lesenswert.
DeWolff – GRAND SOUTHERN ELECTRIC
Bluesrock, knorrig, trocken und packend.
Diese drei blutjungen Burschen aus den Niederlanden (einer von ihnen hat immer noch nicht die 20 passiert) machen schon seits sechs Jahren zusammen Musik, doch statt wie andere in diesem Alter in den Garagen ihren Eltern zu lärmen und zu hoffen, bei der Schulparty mit einem stümperhaften Auftritt wenigstens bei den Mädels zu landen, haben sie doch tatsächlich schon drei Alben im Regal, knackten die heimischen Charts und tourten durch halb Europa. Für Album Nr. 4 konnten sie sogar endlich zu den Wurzeln ihres Sounds aufbrechen, denn es entstand in Georgia. Der perfekte Ort für ihren ziemlich trockenen, knorrigen und doch packenden Blues-Rock, dem sie auch mit dem Titel Rechnung tragen. Geht ordentlich ab und beeindruckt mit großer Reife. Wer in diesem Alter schon so weit ist, von dem können wir noch einiges erwarten.
The Devil Makes Three – I’M A STRANGER HERE
Bluegrass, Ragtime, Country-Blues und Rockabilly mit punkiger Attitüde.
Seit mehr als einem Jahrzehnt erspielen sich die Kalifornier The Devil Makes Three ihr Publikum auf althergebrachte Weise: mit schweißtreibenden, mitreißenden Shows, die in den USA längst Kultstatus genießen. Das sechste Album des Folk-Punk-Trios entstand zwar in Nashville, doch dank Produzent Buddy Miller wird das Live-Feeling der Band nicht der üblichen Music-City-Politur geopfert. Seine ordnende Hand sorgt lediglich dafür, dass sich I’M A STRANGER HERE durch mehr Stringenz als die bisweilen liebenswert chaotischen Vorgänger auszeichnet. Mit Gitarre, Kontrabass und Banjo tauchen The Devil Makes Three tief in einen Sound aus Bluegrass, Ragtime, Country Blues und Rockabilly ein und vollbringen dabei ein kleines Kunststück: Wenngleich viele Stücke hier klingen, als stammten sie aus den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts, kommen sie nie altbacken oder übertrieben nostalgisch daher. Das macht die Band auch für Freunde zeitgemäßer Americana-Klänge durchaus interessant.
Current Swell – ULYSSES
Sympathisch: Indie-Songwriter-Rock aus Kanada.
Das Risiko postmoderner Rock-musik: Wenn der ganze Fundus der Pophistorie zur Verfügung steht, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann, artet das mitunter in arge Beliebigkeit aus. Wenn sich dann noch alle die gleichen Zutaten unter den Nagel reißen, weil die momentan eben gar so angesagt sind, dann wird’s auch schnell mal langweilig. Das Gute an postmoderner Rockmusik: Es tauchen immer wieder Bands wie Current Swell auf, die zwar ebenfalls in besagtem Fundus fündig wurden, aber einerseits keine Lust darauf haben, das zu tun, was alle tun, weshalb sie das allzu Offensichtliche meiden. Und die andererseits aus all den Fundstücken etwas Eigenständiges kreieren. ULYSSES, fünftes Album des Quartetts aus Victoria, ist dafür ein treffendes Beispiel. Da schimmert Folk durch, aber auch der unterhaltsame Alternative-Rock von Cake, da wird flott aufgespielt, das Tempo auch mal zurückgenommen, da wird mit breitem Pinsel elektrisch gemalt und auf der Akustischen ein zartes Aquarell hingeworfen. Gut ist das, es könnte sogar sehr gut sein, doch erreicht leider nicht jeder der zwölf Songs das höchstmögliche Niveau. Aber weil sich die Ausfälle in Grenzen halten, reicht es immer noch für 7/10.


