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Roger Waters: „Sonst geht die Scheiße hoch“

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roger watersDer Pink-Floyd-Gott hat sich mit Mitte 70 noch einmal aufgerafft und das prächtige neue Rockalbum IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? erschaffen.

Wie wird er wohl drauf sein? Vor Ro­­ger Waters, 73, wird bisweilen gewarnt, ein griesgrämiger Grantler sei er, schnell auf ungute Weise zu erregen. Waters, ge­­bürtiger Brite, lebt seit vielen Jahren in New York. Also begeben wir uns an einem strömend verregneten Donnerstag Ende April zu ihm, genauer: In die „Headroom Studios“ mitten in Manhattan, wo der einstige Pink-Floyd-Sänger und -Bassist, der federführend war bei THE WALL und der im Dauer­zoff mit Mastermind-Rivale David Gilmour 1985 der Band den Rücken kehrte, die Weltpresse zu Gesprächen über IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? eingeladen hat, sein erstes Rockalbum seit AMUSED TO DEATH vor 25 Jahren.

Als Waters – sehr schlank, bequeme Jeans und Poloshirt, Reicher-Rentner-Look – den Raum betritt, fängt es so­­gleich an zu knistern. Aber nicht vor Spannung, sondern weil das Hörgerät der Rocklegende nicht so will wie er selbst. „Nach fünfzig Jahren Rock‘n‘Roll muss ich diese Hörhilfe tragen“, kommentiert er, während er am Ohr herumnestelt. „Ich kann keine hohen Töne mehr hören, niemand kann das in meinem Job. Ansonsten bereue ich keine Sekunde.“

Nein, nicht mal ein Anflug von schlechter Laune liegt in der gefilterten Studioluft, Roger Waters hat richtig Bock, sich und seine neue, mit dem Radiohead-Produzenten Nigel Godrich aufgenommene Platte zu erklären. Spannend ist das Werk tatsächlich. IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT? steckt voller sehr großer, aber auch sehr kleiner Songs. ›Picture That‹ oder ›Smell The Roses‹ sind hart, lang, aggressiv, ›The Last Refugee‹ wunderschön sanft und furchtbar traurig, der Titelsong und ›Broken Bones‹ vereinen harsche Kraftausdrücke mit Folk, Walzer und musikalischer Hochintensität.

In den Texten setzt sich Waters, der 2005 beim „Live 8“-Konzert in London erstmals wieder mit Pink Floyd auftrat, mit den ganz großen Themen der Menschheit, die stets auch seine waren, auseinander: der Liebe und dem Hass. Dass Waters kein Anhänger von Donald Trump ist, steht außer Zweifel – Trump soll übrigens bei Waters‘ „The Wall“-Konzert vor einigen Jahren im Madison Square Garden zugegen, aber nach der Hälfte gegangen sein. Er sah also mutmaßlich, wie die Mauer gebaut, aber nicht wie sie eingestürzt wurde. In letzter Minute hat Waters ein paar Trump-Zitate eingebaut, und bei einem Konzert in Mexico City 2016 projizierte er während ›Pigs (Three Different Ones)‹ vom Floyd-Album ANIMALS Sprüche wie „Trump Eres Un Pendejo.“ („Trump, Du bist ein Arschloch.“) auf die Bühne.

Roger, du giltst als sehr kritisch auch gegenüber deiner eigenen Musik. Was hältst du also selbst vom neuen Werk IS THIS THE LIFE WE REALLY WANT?
Ich mag das Album richtig gern. Ich finde, es ist sehr gut geworden, und bin echt sehr erfreut, wie positiv die Leute auf die neuen Songs reagieren. Gerade habe ich ein paar der neuen Nummern einstudiert, habe zum Beispiel am Piano gesessen und ›The Last Refugee‹ geübt, das hat Spaß gemacht. Auf der anderen Seite habe ich ein Lied wie ›Most Beautiful Girl‹ seit Wochen nicht mehr gehört, glaube mich aber zu erinnern, dass es ziemlich gelungen ist (lacht).

Wer ist denn das besungene schönste Mädchen der Welt?
Das ist ganz konkret und sehr traurig ein kleines Mädchen, das bei einem US-Raketenangriff auf sein Dorf im Süden des Jemen getötet worden ist, und zwar noch während der Amtszeit von Obama. Das war eine der Attacken, die das Thema des von Jeremy Scahill produzierten Dokumentarfilms „Dirty Wars“ sind. Dieses unglaublich hübsche Mädchen war eines der vielen, vielen zivilen, unschuldigen Opfer.

Siehst du einen Film wie diesen und denkst „Darüber muss ich einen Song schreiben“?
Nein, aber ihr Bild blieb mir im Kopf. Und ich werde ein Foto ihres Gesichts auch in meiner Live-Show bei der kommenden „Us+ Them“-Tournee verwenden. Ich habe Jeremy Scahill auch gebeten, zu uns zu kommen und mehr zu ihrer Geschichte zu erzählen, aber, obwohl er irgendwo in Brooklyn lebt, habe ich ihn nicht überreden können. Andere habe ich erfolgreich bequatscht, ihre Ideen beizutragen, etwa Sonia Kennebeck, von der die wunderbare Dokumentation „National Bird“ stammt. Das ist ein Film über traumatisierte Soldaten, die im Drohnenkrieg die Knöpfe drücken. Diese zwei Frauen und ein Mann sitzen also irgendwo in der Wüste von Nevada, gucken auf einen TV-Bildschirm, sie sind die sogenannten „Beobachter“, und müssen mit dem Trauma leben, dass sie Menschen töten, die sie nie zu Gesicht bekommen. Die psychologischen Konsequenzen dieser Arbeit sind fürchterlich, und davon handelt dieser Film.

Dein Vater ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, dein Opa im Ersten Weltkrieg, du bist Pazifist und Anti-Kriegs-Aktivist, praktisch seitdem du Musik machst.
Ja, das stimmt. Leider gewöhnt sich die Menschheit einfach nicht ab, Kriege ohne ersichtlichen Grund zu führen. Obwohl, das ist falsch. Es gibt sehr wohl einen Grund.

Welchen?
Geldmacherei. Mit militärischen Auseinandersetzungen lässt sich so viel Geld verdienen, dass es für viele Staaten ein ökonomisches Desaster wäre, darauf zu verzichten. Viele reiche Menschen werden noch reicher, wenn Menschen ir­­gendwo weit weg gewaltsam sterben. Und die Rüstungsindustrie verdient so viel Geld, sie ist so gut geölt und so tief mit den Regierungen verquickt, dass niemand das geringste Verlangen hat, dieses Interessenknäuel zu entwirren. Krieg ist einfach ein zu gutes Geschäft. Weißhäutige Menschen verdienen ein abartiges Geld damit, braunhäutige Menschen in aller Welt zu töten.

Dabei gäbe es viel sinnvollere Projekte, die den Menschen wirklich etwas bringen würden. Im Silicon Valley wird daran getüftelt, den Tod als solchen zu eliminieren und das ewige Leben zu ermöglichen. Wärst du gern unsterblich?
Ich glaube nicht. Nein. Obwohl, ich muss noch überlegen, ich will mich nicht festlegen. Es hängt viel davon ab, in welchem Zustand du unsterblich gemacht wirst. Das ist ja ein wenig so wie in Aldous Huxleys Roman „Brave New World“. Wenn du dort am Ende die Erde verlässt, bist du überhaupt nicht gealtert, sie geben dir ein Jugend-Elixir, so dass du scheinbar jung bleibst, aber dann erreichst du ein bestimmtes Alter und stirbst einfach weg, und sie sorgen am Schluss dafür, dass deine Lieblingsplatte gespielt wird (lacht). Also, ich kann mir mit einiger Phantasie schon vorstellen, dass es Forschern gelingen wird, uns potenziell tausend Jahre alt werden zu lassen. Nur: Was haben wir davon? Wir werden den Planeten in un­­gefähr dreißig Jahren zerstört haben, also, das ist müßig.

Wie würdest du denn gern die Erde verlassen?
So wie jeder, der die Wahl hat. Möglichst spät und möglichst gesund. So wie die meisten, die dazu die Chance haben, versuche ich, fit zu bleiben. Indem ich es zum Beispiel vermeide, fett zu werden. Und indem ich Sport treibe, Übungen, mit denen ich beweglich bleibe. Nicht wie ein Besessener, aber schon recht akribisch. Ich will auch weiterhin Sachen machen, wendig bleiben, und das geht nur, wenn du in Schwung bleibst. Sonst fällst du eines Tages hin, brichst dir die Hüfte, und das war es dann, und du sitzt nur noch im Stuhl und stirbst. Bloß nicht! (lacht). Ich genieße es, aktiv zu sein, und ich genieße es auch überaus, weiterhin zu arbeiten. Daher mache ich weiter, so lange ich kann.

Du siehst auch echt top in Form aus. Gehst du Laufen?
Ich spiele Tennis und gehe an die Geräte, damit ich ein paar Muskeln behalte.

Fortsetzung auf Seite 2…

The Rolling Stones: Support-Acts für Deutschland-Konzerte stehen fest

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rolling stones blue and lonesomeAb dem 9. September spielen die Rolling Stones in Deutschland. Jetzt ist bekannt, welche Vorbands bei den Auftritten dabei sein werden.

Nur noch wenige Tage, dann stehen die Rolling Stones in Hamburg auf der Bühne. Am 9. September wird es so weit sein, es ist das erste von drei Konzerten der Briten in Deutschland.

Seit heute steht auch fest, welche Bands die Anheizer für Keith, Mick, Ronnie und Charlie geben dürfen. Für die Shows in Hamburg und München werden das die isländischen Folk- und Bluesrocker Kaleo sein, in Düsseldorf dürfen die US-Rocker von den Rival Sons ran.

Insgesamt werden die Rolling Stones im Rahmen ihrer „No Filter“-Tournee 14 mal in Europa auftreten. Die Pressemeldung zur Tour verspricht „Klassiker wie ›Gimme Shelter‹, ›Paint It Black‹, ›Jumpin Jack Flash‹, ›Tumbling Dice‹ und ›Brown Sugar‹“ sowie „eine Reihe von unerwarteten Tracks und zufällig gewählten Überraschungen“ an jedem Abend.

Die Shows der Rolling Stones mit den jeweiligen Vorbands:
09.09. Hamburg, Stadtpark – Kaleo
12.09. München, Olympiastadion – Kaleo
16.09. (AT) Spielberg, Spielberg at Red Bull Ring – Kaleo/John Lee Hooker Jr.
20.09. (CH) Zürich, Letzigrund Stadion – The Struts
09.10. Düsseldorf, Esprit arena – Rival Sons

Reinhard Kleist – Nick Cave – Mercy On Me

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nick cave comicDer australische Weltschmerzpoet als Erwachsenencomic.

Mit seiner Comicerzählung über Gru­selaltmeister H.P. Lovecraft hatte Reinhard Kleist bereits 1994 eine erste Visitenkarte abgegeben, mit der 2006 folgenden Comic-Biographie „Cash – I See A Darkness“ feierte der Berliner Illustrator schließlich seinen großen Durchbruch. Gute drei Jahre hat er an seiner brandneuen Graphic Novel gezeichnet, die Kleist wieder einem ganz be­­sonderen Künstler gewidmet hat: Auf „Nick Cave – Mercy On Me“ ist er mit spitzer Feder dem düsteren Avantgarde-Rock-Mythos aus Down Under auf der Spur, der die Entstehung des über 330 Seiten starken Erwachsenencomics nach eigenen Aussagen sogar persönlich in loser Form be­­gleitet hat. Auf amüsante, phantasievolle Weise zeichnet (im wahrsten Sinne des Wortes) Kleist den Werdegang des Australiers an­­hand von fiktiven Elementen und auch ausgesuchten Songlyrics nach: Anfangen bei seinen ersten Bands Boys Next Door und The Birthday Party, über seine künstlerischen Stationen in London und Berlin-Kreuzberg (wo schließlich gemeinsam mit Ein­stürzende-Neubauten-Sänger Blixa Bargeld das Fundament der heutigen Kultformation The Bad Seeds gelegt wird) bis hin zu einem fast krimihaften Action-Finale, das auf Liedtexten des vorletzten Studio­albums PUSH THE SKY AWAY be­­ruht. Parallel zu „Mercy On Me“ er­­scheint das Artbook „Nick Cave & The Bad Seeds“ mit schallplattengroßen Skizzen, Gemälden und Stu­dien von Cave und seiner Band, die Reinhard quasi als Fingerübung für sein Hauptbuch angefertigt hat.

7/10

Nick Cave – Mercy On Me
VON REINHARD KLEIST
Carlsen Verlag

Steely Dan: Bandgründer Walter Becker gestorben

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steely danGitarrist und Bassist Walter Becker (im Bild rechts) ist gestern mit 67 Jahren gestorben. 1972 hatte er zusammen mit Donald Fagen Steely Dan gegründet.

Walter Becker ist tot. Der Musiker starb am Sonntag im Alter von 67 Jahren, wie auf seiner offiziellen Homepage bekannt gegeben wurde. Er war „ein exzellenter Gitarrist und großartiger Songwriter“, schrieb Sänger Donald Fagen in einem Statement zum Tod seines Steely-Dan-Kollegen.

Becker war 1950 in New York zur Welt gekommen, 1967 lernte er Fagen auf dem Bard College im Bundesstaat New York kennen. Fünf Jahre später gründeten die beiden die Jazzrock-Band Steely Dan. Gleich das Debütalbum CAN’T BUY A THRILL wurde zum Klassiker, die Songs ›Do It Again‹ und ›Dirty Work‹ zu Hits.

1980 lösten Becker und Fagen Steely Dan vorerst auf, 1993 kam es zur Wiedervereinigung, 2000 erschein das Comeback-Album TWO AGAINST NATURE, das mit vier Grammys ausgezeichnet wurde. „Ich werde die Musik, die wir zusammen geschaffen haben, so lange am Leben halten wie ich kann“, sagte Fagen jetzt. Er werde Becker „für immer vermissen“.

›Rikki Don’t Lose That Number‹ gehört zu den bekanntesten Songs von Steely Dan:

V.A. – DOWN AT THE UGLY MEN‘S LOUNGE

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ugly mens loungeEine Jukebox voll mit raren Schätzen: Professor Bops Aufenthaltsraum der hässlichen Männer.

Während der Rock’n’Roll in den Gol­denen 50ern globale Verbreitung durch Elvis Presley, Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis, Bo Diddley und Co. er­­fuhr, gab es im Umfeld des Genres auch jede Menge hierzulande unbekannt gebliebener Künstler. Professor Bop alias Götz Alsmann begab sich ins umfangreiche heimeigene Archiv und wühlte intensiv, um un­­glaubliche, seit Dekaden ungehörte Schätze zutage zu fördern. Mit zwei herrlich ausführlich editierten Ten-Inch-Scheiben (inklusive jeweils beiliegender CD und ausführlichem Booklet) füllt er akribisch Wissenslücken der Spät­geborenen auf. Professor Bops großes Plus: Im Gegen­satz zu anderen Kompilationen ähnlicher Couleur leistet er sich keinerlei Komplizenschaft mit den üblichen Verdächtigen. Dank seines Know-hows geht er der Essenz auf den Grund: Unter den auf vier Vinyl-Seiten mit insgesamt 28 Tracks integrierten Künstlern finden sich jede Menge eindrucksvoller Beispiele, wie sich aus Spielarten von Jazz, Blues, Folk, Hillbilly, Country, Jive, Rhythm’n’Blues und Big Band Swing ein neuer Stil herauskristallisierte. Mit Passion erzeugt von Wegbereitern wie Al Brown & His Tunetoppers, Chris Powell & The Blue Flames, Billy Ford & His Combo, Tiny Tony & His Statics, Bobby Bernell & The Dreamtones oder The Ray-O-Vacs feat. William Walker. Nicht fehlen dürfen dabei Kuriositäten wie der kieksende Bruno, His Guitars & His Brunos (›Too Much Chianti‹), die klatschenden The Carsons & Perry Botkin Band (›Wine, Women & Gold‹), der instrumentale Carl „Ace“ Carter (›Mexican Rock‹) , die fingerschnippende Pat Morrissey (›Why Don’t You Do Right‹), der elegante Crazy José (›The House Blues‹), das John Buzon Trio (›Mambo Rock‹), der manische Ed Gates & His Custom Hammond Organ (›Can You Feel It?‹) sowie Aimable, His Accordion & His Organ mit dem flotten ›Aladin Cha Cha‹.

10/10

V.A.
DOWN AT THE UGLY MEN‘S LOUNGE
VOL.1 & VOL. 2
ROOF RECORDS/ROUGH TRADE

The War On Drugs: Raus ans Licht

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War On Drugs Adam GranducielWie geht das Leben, wie geht die Liebe, und wie wird man fertig mit der eigenen Vergangenheit? Adam Granduciel grübelt weiter, die Musik dazu ist unwiderstehlich.

Vor dem Album, das The War On Drugs den Durchbruch brachte, stand ein Trauma. Sänger und Songschreiber Adam Granduciel habe eine schmerzhafte Trennung hinter sich, war zu lesen, damals vor drei Jahren. Isolation, Depression und Paranoia flossen auf LOST IN THE DREAM in waidwunde Stücke wie ›Red Eyes‹, ›Burning‹ und ›Suffering‹. Wie kommt man mit der eigenen Vergangenheit zurecht, mit Einsamkeit, Frustration, Angst? Darum ging es.

Und darum geht es, in abgewandelter Form, im Nachfolger A DEEPER UNDERSTANDING. Eine Fortsetzung also? „Ich glaube schon, ja“, sagt ein nachdenklicher, aber gut aufgelegter Granduciel am Telefon. „Viele dieser Themen bleiben ja für lange Zeit Teil deines Lebens, selbst wenn du dich auf gewisse Weise fortbewegt hast.“ Der brennende Schmerz, die roten Augen sind nicht verschwunden, aber doch sind da jetzt auch mehr Melancholie, Hoffnung und, ja, vielleicht auch Einsicht, wie der Titel nahelegt. „Jetzt, wo ich älter werde, durchs Erwachsenenleben gehe, fühlt es sich so an, als hätte ich lange nicht gewusst, wie ich mich mit gewissen Gefühlen über die Vergangenheit arrangieren soll“, erzählt Granduciel. „Selbst als die letzte Platte so erfolgreich war, habe ich mich noch immer verwirrt und isoliert gefühlt, ich war nicht sicher, was wirklich wichtig ist, was mich definiert.“

Viel von dieser Unsicherheit steckt noch in A DEEPER UNDERSTANDING. „Is it cold without my love“, will der Sänger einmal wissen, und singt von „all these changes I don‘t understand“. Im elfminütigen, von Synthesizern getragenen ›Thinking Of A Place‹ vergleicht er die Liebe mit einem Geist, in der Ferne und unerreichbar. „I‘m steppin‘ out into the world/Steppin‘ out into the light“, heißt es dann wiederum in ›Up All Night‹. Wieder ins Licht, wieder in die Welt hinaus gehen, eine Möglichkeit?

Musikalisch unterscheiden sich die neuen Songs nicht grundlegend von denen auf LOST IN THE DREAM. Hatte das Debüt WAGONWHEEL BLUES von 2008, aufgenommen zusammen mit Freund Kurt Vile, der mittlerweile erfolgreich solo unterwegs ist, seine Wurzeln noch deutlich in von Bob Dylan inspirierter, ungeschliffener Rockmusik der 60er, so orientieren sich die neuen Sachen, mit Synthesizern und Keyboard unterlegt, eher an den aufwändiger produzierten 80ern, besonders die schnellen Stücke. ›Nothing To Find‹ etwa klingt mit seinem treibenden Stadionrock-Beat wie ein modernisierter Wiedergänger von Bruce Springsteens BORN IN THE USA-Hit ›No Surrender‹. Daneben stehen langsamere, raffiniert arrangierte Stücke wie ›Strangest Thing‹ oder das wunderbare ›Pain‹, mit unbezwingbar romantischen Zeilen wie: „I‘m here all alone, just beggin‘/Pull me close and lemme hold you in/Give me a deeper understanding of who I am.“ Rau und verletzlich gesungen und eingebettet in diesen melodisch-kraftvollen, retrofuturistisch schillernden Sound ist das schon ziemlich großartig. Zumal Granduciels wehmütiges Gitarrenspiel, jeder hohlen Virtuosität unverdächtig, konstant an Wiedererkennungswert gewinnt.

Der Großteil der Aufnahmen zum Album fand nicht in Philadelphia statt, wo die Band eigentlich daheim ist, sondern im Sonora Recorders Studio in Los Angeles, in das sich der Songschreiber mit seinen fünf Kollegen und mehreren Gastmusikern ein ganzes Jahr lang einmietete. Die neuen Stücke seien deshalb „klanglich ausgereifter und experimentierfreudiger“ als alles, was er bisher gemacht habe, findet Granduciel. „Sie haben mehr Punch – und vielleicht auch mehr Raum“, fügt er an. Vielleicht auch das, ja. Ganz sicher ist: Es dürfte gerade nicht einfach sein, irgendwo anders ähnlich ausgetüftelte und überwältigende Rockmusik zu finden wie bei The War On Drugs.

Nick Lowe – NICK THE KNIFE/THE ABOMINABLE SHOWMAN

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nick loweAuftakt einer sechsteiligen Reissue-Reihe von Großbritanniens Verwandlungskünstler.

Als wahres Genre-Kaleidoskop erwies sich der Brite Nick Lowe bereits seit den Swinging Sixties: Das auch als Kom­ponist und Produzent aktive Allround­talent vereinnahmte patenten Psy­chedelic-Pop mit Kippington Lodge, countryesken Pub-Rock mit Brinsley Schwarz, wavigen Power-Pop mit Rockpile und auch als Solist. Aber es kamen noch einige weitere Stile hinzu. In den nächsten Monaten veröffentlicht das Label Yep Roc auf CD, erstmals als Digital Download sowie im Vinyl-Format sechs jeweils mit Bonustracks ausgestattete Alben der Jahre 1982 bis 1990. Bei NICK THE KNIFE (1982) halfen Freunde wie die Gitarristen Billy Bremner und Martin Belmont, die Schlag­zeuger Terry Williams und Bobby Irwin, die Keyboarder Paul Carrack und Steve Nieve sowie seine damalige Angetraute, June Carter-Cashs Töchterchen Carlene Carter, aus. Lowes dritte selbstproduzierte Soloscheibe, die erste nach der Trennung von Rockpile und seine Premiere auf Columbia Records, erwies sich einmal mehr als echtes Stil-Sammelsurium: Der Opener ›Burning‹ wurzelte im Rockabilly, im Rock Steady fußte das von Rockpile bekannte ›Heart‹, ›Queen Of Sheba‹ atmete Doo-Wop, kopfüber im 50s-Rock’n’Roll tummelte sich ›Ba Doom‹.

Doch damit nicht genug: In ›Raining Raining‹ spiegelte sich Smokey Robinsons Motown Soul wider und die Swamp-Ode ›Stick It Where The Sun Don’t Shine‹ oszillierte zwischen Creedence Clearwater Revival und Tony Joe White. ›One’s Too Many (And A Hundred Ain’t Enough)‹, ›Zulu Kiss‹ und der Bonustrack ›I Got A Job‹ buddelten tief im R’n’B. Mit Carter co-komponierte er ›My Heart Hurts‹ und ›Too Many Teardrops‹. Recht ähnlich, aber aufgrund der Co-Produktion mit Roger Bechirian stellenweise etwas zu glatt geriet 1983 das in Teilen mit gleicher Truppe eingespielte THE AB­­OMINABLE SHOWMAN: Lowes Fa­­cetten aus Power-Pop (›We Want Action‹, ›Saint Beneath The Paint‹), 50s-Pastiches (›Raging Eyes‹, ›Tanque-Rae‹, ›Paid The Price‹), Reggae (›Cool Reaction‹), Soul (›Time Wounds All Heels‹) und 30er-Ballade ›How Do You Talk To An Angel‹ führten einmal mehr ein Nischendasein nur für Eingeweihte.

NICK THE KNIFE: 8/10
THE ABOMINABLE SHOWMAN: 6/10

Nick Lowe
NICK THE KNIFE/THE ABOMINABLE SHOWMAN
YEP ROC/H’ART

Jet – GET BORN/SHINE ON

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jetZeitloses aus den 00er Jahren von Aus­traliens putzmunterer Truppe.
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Moment mal, sind das nicht bislang unveröffentlichte Aufnahmen von den Stooges oder MC5? Das mutmaßte augenzwinkernd der britische NME, als 2003 die EP DIRTY SWEET des Aussie-Nachwuchses Jet als erster Appetizer er­­schien. Als im Herbst gleichen Jahres dann das Debüt GET BORN von Sologitarrist Cameron Muncey, Bas­sist Mark Wilson sowie Nic Cester (Gesang, Rhyth­musgitarre) und seinem Bruder Chris (Schlagzeug) folgte, enttäuschten die 13 Tracks nicht. Entstanden in den Sunset Sound Studios von Los Angeles unter der Ägide von Produzent Dave Sardy (The Dandy Warhols, Marilyn Manson) und mit Beteiligung von Keyboard-Veteran Billy Preston, war es ein putzmunteres Song-Kaleidoskop mit unbegrenzter Haltbarkeit, wie 14 Jahre später die DELUXE EDITION von GET BORN mit elf Archivnovitäten (Demos, Outtakes, B-Seiten, Live­mitschnitte) auf einer zweiten CD unter Beweis stellt: Der Einstieg ›Last Chance‹ röhrte authentisch antik, der Charthit ›Are You Gonna Be My Girl?‹ lärmte wie von Iggy gewohnt, die Ballade ›Look What You’ve Done‹ erinnerte an die Beatles und ›Radio Song‹ ließ sich auch Cheap Trick zuordnen. Noel Gallaghers Kommentare zu ›Timothy‹ und ›Sgt. Major‹ mit ihrer Nähe zu Oasis fielen einerseits hymnisch, andererseits nicht abdruckreif aus. Unumwunden gab die Truppe im ultracoolen Swinging-Sixties-Look zu, dass sie sich für den in Australien mit achtfachem Platin prämierten Garagen-Riff-Rock aus den Plattensammlungen ihrer Eltern bedient hatten.

Immerhin noch einmal Platin erwirtschaftete drei Jahre später der um einiges melodischer geratene Nachfolger SHINE ON, für die DELUXE EDITION ebenfalls mit Zusatz-CD aus neun Demos, Outtakes und B-Seiten ausgestattet: Zwischen Beatles, Badfinger und Oasis oszillierten ›Bring It On Back‹, ›Kings Horses‹, ›Come On, Come On‹ und der Titelsong. Fetzig aus den Boxen knallten ›Holiday‹, ›Rip It Up‹ und ›Put Your Money Where Your Mouth Is‹. Einmal mehr Beatles, diesmal in der Mersey-Beat-Variante, offerierte ›Shiny Magazine‹.

GET BORN EXPANDED EDITION: 8/10
SHINE ON EXPANDED EDITION: 8/10

Jet
GET BORN DELUXE EDITION/SHINE ON DELUXE EDITION
RHINO RECORDS/WARNER