Seit die Mitbereiter der schwedischen Retro-Rock-Welle im Januar 2017 nach einem kurzen Auseinanderbrechen ihr Comeback bekannt gaben, warteten ihre ergebenen Konsumenten und Anhänger sehnsüchtig auf neuen Stoff von Graveyard. Endlich wurden ihre Gebete erhört! Mit PEACE meistert das Quartett nun nach dreijähriger Studioabstinenz und mit neuem Schlagzeuger seinen fünften Streich und dürfte mit dem vertonten Suchtpotenzial alteingesessene Fans und Neuankömmlinge zu gleichen Teilen überzeugen. Die zehn Tracks vereinen alles, was man an den schwedischen Friedhofsgiganten zu schätzen weiß: Gleich der Opener ›It Ain’t Over Yet‹ im Stil einer höllisch-kreischenden High-Energy-Nummer lässt keine Fragen offen und ballert, wie ca. 80 Prozent des Albums, angenehm moderat und nicht zu brachial nach vorne. Vernünftig platzierte Genickschonpausen wie das psychedelisch anmutende ›See The Day‹ oder das wirklich herzerwärmende ›Bird Of Paradise‹ (beide von Truls Mörck gesungen) garantieren an den richtigen Stellen ein wohl verdientes Durchschnaufen und sorgen gleichzeitig für ein höchst dynamisches und abwechslungsreiches Hörerlebnis. An manchen Stellen schimmern die Stooges, Black Sabbath oder Pink Floyd durch den Klangteppich, ansonsten hört sich PEACE eben aber vor allem unverkennbar nach einer Graveyard-Platte und nichts anderem an. Abgeschlossen wird der wilde Trip mit einem massiven Monster-Jam namens ›Low (I Wouldn’t Mind)‹ und lässt einen erschöpft und zufrieden zurück.
Don Airey kann noch so glänzen, sich freischwimmen und abrackern, immer blickt Jon Lord aus dem Hammond-Himmel herab und ruft „Ich war schon vor dir da“ aufs Spielfeld. Airey zaubert auch mit diesem Album solide Songs mit tollen Melodien und griffigen Solos aus dem Hut – aber so stilbildend wie Lord ist das alles natürlich nicht. Don Airey hatte ein gutes Händchen, die Mannschaft für seine Platte auszusuchen. Sänger Carl Sentance stammt aus der derzeitigen Besetzung von Nazareth und kann das große Hardrock-Einmaleins von hochkarätigem Prog-Schmelz bis zum Dio-Gewitter stilsicher intonieren. Bassist Laurence Cottle spielte schon bei Black Sabbath, Gary Moore und Chick Corea, Schlagzeuger Jon Finnigan treibt die ganze Chose gut nach vorne. Das ganze Album ist gefällig und traditionell ausgerichtet, aber ein Geniestreich ist es sicher nicht.
Schottlands Rocktitanen erobern Englands Hauptstadt auf leisen Pfoten.
„MTV Unplugged“, das war mal ein Markenzeichen mit Tragweite, bei dem Musikliebhaber sofort die Ohren spitzten, und von Nirvana über Eric Clapton bis Alice In Chains entstanden im Rahmen der Serie einige Platten, die als Meilensteine gelten dürfen wie nur wenige Live-Alben. Die Strahlkraft des „steckerlosen“ Etiketts hat seither ebenso abgenommen wie die der einst ikonischen drei Buchstaben, doch das hinderte Biffy Clyro nicht daran, sich nach zwei regulären Konzertmitschnitten auch mal in diesem Format zu versuchen. Die Songauswahl (die ersten drei Alben bleiben komplett außen vor) und deren Interpretation führen dabei einmal vor Augen, dass das Trio heute eine ganz andere Band ist als in ihren Anfangstagen – metallische Härte und kantige Strukturen sind passé, dafür glänzen Simon Neil & Co. als Lieferanten hochkarätiger Melodien, die mit großer Emotion und unwiderstehlicher Eingängigkeit ins Schwarze treffen. Und das funktioniert natürlich umso besser bei jenen Songs, die ohnehin schon eher im Midtempo- oder Balladenbereich angesiedelt waren, allen voran das ergreifende ›Folding Stars‹, das epische ›Many Of Horror› und das zarte ›Re-Arrange‹. Knackigere Rocknummern à la ›The Captain‹, ›Mountains‹, ›Bubbles‹ oder ›Black Chandelier‹ verstehen allerdings auch hier mitzureißen, denn es sind einfach grandiose Songs! Ein vielversprechendes neues Stück gibt es ebenfalls zu hören, das Cover von ›God Only Knows‹ sorgt allerdings eher für fragendes Schulterzucken. Frühe Fans mögen diese „Verweichlichung“ mit Entsetzen wahrnehmen. Ursympathisch sind die Jungs aber wie immer, weswegen auch diese solide, aber gewiss nicht unverzichtbare Variante ihres Schaffens absolut Spaß macht. Neue Musik wäre uns aber deutlich lieber!
7/10
Biffy Clyro
MTV UNplugged (Live At Roundhouse London)
Warner
Dass die Illustration des New Yorker Künstlers Arthur Sarnoff den Titel „Fido und die Clowns“ trägt, erschließt sich auf Anhieb: Wir sehen zwei Spaßmacher in berufstypischer Kleidung, die einen dressierten Hund Männchen machen lassen – was Clowns eben so tun, wenn sie einem gelehrigen Vierbeiner gar lustige Dinge beigebracht haben. Die Hauptfigur starrt derweil ein wenig angestrengt ins Leere. Was Fidos eben so tun, wenn sie ein entwürdigendes Pierrot-Hütchen und eine alberne Halskrause tragen müssen.
Warum die Butthole Surfers Sarnoffs Bild für ihr 87er-Werk LOCUST ABORTION TECHNICIAN auswählten, ist hingegen weit weniger schlüssig. Zwischen dem Albumtitel – „Heuschrecken-Abtreibungs-Techniker“ – und dem Motiv ist ja nun so gar kein Zusammenhang erkennbar. Die Texaner hätten eine Platte mit Sarnoffs Artwork also genauso gut „The Subterranean Ravioli Mechanics“ oder „The Best Of Barbra Streisand Vol. 4“ nennen können. Alternative: Der Titel LOCUST ABORTION TECHNICIAN wäre geblieben, aber mit dem Foto eines Omnibusses, Gartenstuhls oder Stücks Appenzeller Käse versehen worden. Willkommen im Hochland von Absurdistan!
Jetzt darf man den Butthole Surfers natürlich eine gewisse Cleverness, vielleicht sogar Kunstverstand unterstellen und deshalb „Dadaismus“ raunen. Dann wäre es volle Absicht gewesen, auf dass 31 Jahre später ein Schreiberling im fernen Deutschland nach einer Bedeutung sucht, sie aber leider nicht findet. Voll verarscht! Aber vielleicht fanden sie Sarnoffs Illustration auch einfach nur rasend komisch und machten sich weiter keinen Kopf. Das wäre dann covergewordene Beliebigkeit, würde in Sachen Bedeutungslosigkeit aber aufs Gleiche hinauslaufen. Und nochmal: voll verarscht!
Wie man einen „Heuschrecken-Abtreibungs-Techniker“ angemessen hätte bebildern können? Berechtigte Frage! Mit einer Antwort an dieser Stelle sollte allerdings niemand rechnen. Ich heiße ja auch nicht Arthur Sarnoff, sondern…
Im Juni kommt das neue Album von Dead Man’s Eyes. Schon jetzt zeigen uns die Indie-Rocker den Clip zur Single ›Radiant Smiles‹.
Sie waren bereits als Support von Bands wie Tame Impala, Band of Skulls oder The Datsuns aktiv, am 22. Juni gehört das Rampenlicht ganz ihnen.
Denn dann erscheint mit WORDS OF PREY (Tonzonen Records) das Debütalbum der Kölner Band Dead Man’s Eyes, deren Sound wohl am besten zwischen Indie- und Psychedelicrock zu verorten ist. Mit ›Radiant Smiles‹ gibts ab sofort einen Vorboten der Platte – samt Video in Retro-Optik.
Wenn irgendwo ein Energiebündel ordentlich zu Heavy-Metal-Riffs kreischt, ist entweder Udo Dirkschneider nicht weit oder aber sein jüngerer, nicht minder quadratischer Stimmklon Hell Hofer von Bullet am Werk.
Die schwedische Truppe huldigte schon dem Oldschool-Metal, als viele ihrer heutigen Musiker- und Landskollegen Anfang der 2000er noch von Mando Diao schwärmten und erst langsam auf die Idee kamen, eine ordentliche Retrowelle loszutreten. Wer Bullet auf den Plattenteller legt, dem tönt von jeher ein Amalgam aus Priest, AC/DC und Accept entgegen. Diesen klassischen, metalhybriden Klang haben sich die Männer seit Anbeginn hart auf der Straße erarbeitet, schon mit 13 Jahren verbrachten sie jede freie Sekunde damit, in den Proberäumen ihrer Schule den Riffs ihrer großen Idole nachzueifern.
Seit 2001 schreiben Bullet eigene Songs, vor allem mit ihrem letzten Album STORM OF BLADES wollten sie ihren harten und zukunftsweisenden Sound nochmal unmissverständlich untermauern. Auch wenn sich das Coverartwork der neuen Platte DUST TO GOLD durch die zart güldene Farbgebung und den Bullet-Bus – viel Legenden umranken dieses über 50 Jahre alte Gefährt – inklusive posierender Band auf dem Dach sehr viel sanfter gestaltet als das ihres messerschleifenden Vorgängers, wird die mit STORM OF BLADES eingeschlagene musikalische Richtung ohne großes Hakenschlagen weiter eingehalten: „Mit STORM OF BLADES gingen wir noch einen Schritt mehr in Richtung Metal und damit waren wir damals so zufrieden, dass wir auf DUST TO GOLD genauso vorgegangen sind. Wir hatten denselben Produzenten, dasselbe Set-Up bei den Aufnahmen. Diese guten Vibes von damals wollten wir dringend wieder heraufbeschwören, auch wenn es dieses Mal echt verdammt lang gedauert hat. (lacht) Aber das Album und die Band hatten die Zeit einfach nötig und wir alle sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, meint Gitarrist Hampus im Telefoninterview.
Dass einer solchen Herangehensweise nicht unbedingt Innovation entspringt, ist den Schweden völlig klar: „Naja, wir machen eben diesen einen Stil, das ist unser Ding, das lieben wir, das ist Bullet. Dem bleiben wir treu. Und wenn wir dafür jedesmal wieder mit Accept verglichen werden, dann macht das nichts, denn irgendeine Verbindung müssen die Leute nun mal herstellen und diese liegt einfach nahe.“
Außerdem muss ja schließlich einer die Lücken schließen, wenn die Großen irgendwann nicht mehr können: „Es ist beängstigend, zu wissen, dass deine ganzen Idole bald nicht mehr da sein werden. Aber ich denke, dass Heavy Metal schon noch ein großes Potenzial hat, die Bandbreite an Fans ist heute einfach sehr groß: Du hast Leute zwischen 16 und 60, die Metal hören. Diese Menschen wollen auch weiterhin ihre Lieblingsmusik genießen.“ Schön, dass Hampus nicht in die allgemein akzeptierte Elegie über den Tod des Rock’n’Roll einstimmt, sondern trotz schwieriger Umstände und dem Wissen, wohl nie viel Geld mit Musik zu verdienen – „Ich bin eher arm“ – seinen Traum vom bodenständigen Rocker unbeirrt verfolgt: „Der Rock’n’Roll-Lifestyle ist genau unser Ding. Vor der Tour versuche ich gerade, einen Gang runterzuschalten. Heute habe ich sogar Gemüse gegessen! (lacht) Aber wenn wir unterwegs sind, ist das immer ein Selbstläufer. Wir ballern halt gerne. Und anderes… (lacht) Wir trinken Bier in rauen Mengen und feiern!“ Ihr Image als Partylöwen wissen die Schweden stattlich aufrecht zu erhalten, Sex, Drugs und Rock’n’Roll, genau das wollen Bullet auch weiterhin zelebrieren. Na dann, hoch die Krüge und rein den Bölkstoff!
Hauptsache, die Musik bleibt im Wandel. Findet zumindest Dave Grohl von den Foo Fighters.
Das GQ Magazin fragte mal bei Musik-König Dave Grohl nach, wie es denn eigentlich um die Zukunft des Punk bestellt sei.
Die Antwort des Chefs der Foo Fighters: „Kommt drauf an, wie du Punk definierst. Weißt du, wer Lil Pump ist? Nein halt, Lil Peep. Lil Pump macht aber was ähnliches, so ein halbgares Emo-Hip-Hop-Ding. Er hat einen Song namens ›Gucci Gang‹. Der ist zum Schießen. Im Video sind Tiger und Taschen voller Gras und blaue Lamborghinis. Und trotzdem ist Lil Pump für meine Tochter Punkrock. Im Jahr 2018 klingt Musik einfach nicht mehr so wie zu der Zeit, als ich 14 Jahre alt war. Und das sollte sie auch nicht. Ich denke, für mich geht es bei Punk Rock um einen Zustand der Unabhängigkeit und wenn das eben heute bei Lil Pump zu finden ist, dann ist das so. Es geht darum, einfach alles zu tun, was zur Hölle man tun will.“
Der europäische Traum, er ist noch längst nicht gestorben. Zumindest nicht für Romano Nervoso, der ihn voll auslebt. Klingt italienisch? Ist es auch. Mehr oder weniger…
Der Maestro erklärt: „Meine Eltern sind Ende der 60er-Jahre aus Sizilien nach Belgien eingewandert. Ich bin in La Louvière geboren und habe auch immer hier gelebt, wurde aber praktisch als Italiener, mit der italienischen Kultur und Sprache, aufgezogen. Ich fahre auch jedes Jahr zwei, drei Monate dorthin, aber leider ist Italien kein gutes Land, um Musiker zu sein. In Belgien bist du da respektierter, und der Staat gibt dir sogar Geld fürs Musikmachen! Allerdings sieht es für Rockbands auch hier eher düster aus, vor allem hier in Wallonien, dem französischsprachigen Teil des Landes, der überhaupt keine Rocktradition hat.“
Was Romano Nervoso nicht davon abgehalten hat, in Belgien zu einem der großen Rockacts zu werden. Nur: „Das Land ist halt so klein, dass du in 20, vielleicht 30 Clubs auftreten kannst. Da siehst du dann immer wieder dieselben Leute, und das kann schon mal langweilig werden. Deshalb streben wir ins Ausland, nach Frankreich, Großbritannien, und natürlich auch Deutschland.“ Hierzulande dürfte man mit dem neuen Album I DON’T TRUST ANYBODY WHO DOESN’T LIKE ROCK’N’ROLL schnell Freunde finden, denn so frischen, unverkrampften und bissigen Sound gibt es nicht mehr allzu oft zu hören.
Und der hat durchaus Message: „Ich bin so angewidert von der Menschheit, dass ich auf sie draufkotze. Die Welt geht gerade wirklich vor die Hunde. Aber auch wenn ich in den Texten meine Wut ausspucke, bleibt die Musik positiv. So sehr ich Bands wie Muse und Radiohead respektiere, mag ich es nicht, zu weinen. Die Musik muss einfach positive Energie verströmen, das ist eine Botschaft der Liebe und des Feierns. Ich bin niemand, der zu Depressionen neigt. Was wir unbedingt brauchen, ist mehr Liebe auf der Welt. Auf der ganzen Welt!“ Will dem ernsthaft irgendjemand widersprechen?