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999 – THE ALBUMS 1977–1980

999 The Albums

Werkschau der Londoner Punks.

An einem gewöhnlichen Wo­­chentag im Frühjahr 1981: Der Autor steht kurz vor seinem Schulabschluss und sollte eigentlich fleißig zu Hause für die letzten Klausuren üben. Geschenkt, 999 gastieren am Abend in der Hamburger Markthalle, da muss man zwingend dabei sein. Klausuren einfach mal Klausuren sein lassen und Mut zur Lücke beweisen. An einem Sonntag im Dezem­ber, wir schreiben das Jahr 1976, formieren sich 999 um die Brüder Nick Cash und Guy Days in London. Ein halbes Jahr später steht mit ›I’m Alive‹ die erste Single in den Läden und verkauft sich so ausgezeichnet, dass die Plat­ten­firma United Artists die Band unter ihre Fit­tiche nimmt. Gefolgt von ›Nasty! Nasty!‹, dem vielleicht bekanntesten Track des Quartetts. Im März 1978 hieven sie das gleichnamige Debüt in die Shops, ›Me And My Desire‹ und ›Emer­gency‹ werden als Singles ausgekoppelt. Im Herbst selbigen Jahres, kaum sechs Monate sind seitdem ins Land gezogen, präsentieren die Londoner (vervollständigt durch Bassist Jon Watson und Drummer Pablo LaBrittain) mit SEPERATES bereits Album Nummer zwei. ›Ho­­micide‹ wird der erfolgreichste Hit der Punks, die Hymne ›Feelin’ Alright With The Crew‹ eine Hommage an ihre Fans. In produktionstechnischer Hinsicht ist THE BIGGEST PRIZE IN SPORT ein Quantensprung. Die Songs sind kompakter und zugänglicher, böse Zungen würden jetzt natürlich sagen: kommerzieller. ›Boys In The Gang‹, ›Trouble‹ und ›The Biggest Prize In Sport‹ zählen zu den Bringern. Auf der folgenden US-Tournee schneidet die Band das famose Live-Mini-Album THE BIGGEST TOUR IN SPORT mit, das sich hier auf der Rarities-CD wiederfindet, die 22 gesuchte Stücke enthält. 999 sind heute immer noch aktiv und sogar zu drei Vierteln im Original-Line-up.

7/10

999
THE ALBUMS 1977–1980
CHERRY RED/ROUGH TRADE

Ernst Hofacker – The Rolling Stones. 100 Seiten

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rolling stones 100 seiten

Von der Blues-Combo zur Weltmarke.

Um Mick Jagger und Keith Richards im Jahr 1963 zu zwingen, ihr erstes eigenes Lied zu schreiben – zuvor hatten sie Blues-Nummern gecovert und neu interpretiert – sperrte sie ihr damaliger Ma­­nager Andrew Loog Oldham in der Küche ein und drohte, sie erst wieder herauszulassen, wenn sie einen Song zustande gebracht hätten. So geht nur eine der zumeist amüsanten, im Zusam­menhang mit Problemkind Brian Jones freilich nicht immer so lustigen Anekdoten, die Journalist und Autor Ernst Hofacker gekonnt in seine kurze Ge­­schichte der Stones einbaut. Neben diesen sorgen Listen wie „Weltstars, die im Vorprogramm der Rolling Stones auftraten“ (AC/DC, Prince, Patti Smith etc.) sowie Steckbriefe der Bandmitglieder (wie leicht man doch vergisst, wie viele es da im Lauf der Zeit gab), von deren Ehepartnern und Liebschaften für eine unterhaltsame Lektüre. Hofacker gelingt es auf den im Rahmen der Reclam-Serie knapp bemessenen 100 Seiten nicht nur, einfach die Geschichte der Band zu erzählen, sondern die Evolution von der Nachwuchs-Combo hin zur Weltmarke samt eigenem Logo aufzuzeigen. Zwischendurch stellt er kritische Fragen. Wo denn bei den horrenden Ticketpreisen, den riesigen Konzert-Events, den Abstechern in andere Genres, den Solo­projekten, kurz: dem ganzen Showbusiness noch die Bluesformation des Anfangs zu finden sei? 2016 gaben die Rolling Stones mit BLUE & LONESOME darauf freilich eine passende Antwort.

8/10

The Rolling Stones. 100 Seiten
VON ERNST HOFACKER
Reclam

Text: Vincent Numberger

Radio Haze: „Trends waren uns schon immer scheißegal!“

Radio Haze aus Niederbayern spielten schon vor der großen Welle Retro-angehauchten Rock’n’Roll und klingen seit jeher trotzdem irgendwie anders. CLASSIC ROCK traf das Trio in Regensburg zum Interview.

Abensberg, Niederbayern. Was vorerst nach einer idyllischen Mischung aus Spargel und Dorfjugend klingt, erweist sich auf den zweiten Blick als fruchtbarer Boden für junge Nachwuchsbands, vor allem aus dem Punk- und Metalbereich. Radio Haze ist wohl eine der eminentesten Gruppen, die vor zehn Jahren genau hier zusammenfand, um mit ihrem vielversprechenden Haze Rock Schritt für Schritt die Umgebung zu er­­obern.

Haze Rock? So beschreibt die Band ihren Stil, der zwar grundsätzlich im Retrobereich fußt, jedoch nicht strikt dessen totgetrampelten Trend-Pfaden folgen möchte: „Heute gibt es so viele Bands in dem Bereich, die oft genau klingen möchten wie… Und davon wollten wir uns immer schon abgrenzen und unseren eigenen Stiefel spielen, zwar mit den selben Einflüssen, aber eben zu etwas Neuem vermengt“, so Frontmann Phil und Drummer Air im Interview. „Trends waren uns einfach schon immer scheißegal. Unser Sound ist die Essenz von 50 Jahren Rockgeschichte, die durch un­­sere drei Persönlichkeiten jeweils verschieden gefiltert wird und zusammenfließt“, ergänzt Bassist und Produzent Hubi. Schließlich erschien die erste EP des Trios vor über zehn Jahren – „ungefähr zu der Zeit, als Wolfmother ihre erste Platte rausbrachten“ – und lässt sich folglich noch vor dem Losbrechen der alles überrollenden Retrowelle einordnen.

Denn obwohl hier deutlich das strahlende musikalische Vermächtnis der 60er und 70er Jahre durchschimmert, so klingen Radio Haze doch immer irgendwie ein wenig, naja, anders und nach sich selbst. So auch die neue Platte MOUNTAINS, die vier Jahre auf sich hat warten lassen: „Der Titel verrät es schon: Im Leben gibt es viele Aufs und Abs. Dafür steht MOUNTAINS natürlich auf metaphorischer Ebene. Das Album hat etwas länger gebraucht, da unsere persönlichen Lebensumstände viel ausgemacht haben. Wir wohnen inzwischen an drei verschiedenen Orten (Regensburg, Nürnberg und Abensberg), außerdem habe ich ein neues Studio gebaut, wo wir aufnehmen wollten.“

Zwei Attribute zeichnen das neue Werk besonders aus: Erstens das offenkundige Be­­tonen, beim Produzieren vor allem in Hinblick auf das Medium Vinyl auf Dynamik statt auf sinnloses Lautstärkegeprahle zu setzen – der etwa zehnminütige und höchst fundierte Monolog von Sound-Experte Hubi zu diesem Thema würde an dieser Stelle leider etwas den Rahmen sprengen, deswegen sollten Interessierte einfach mal „loudness war“ googeln – und zweitens die äußerst persönlichen und sinnsuchenden Texte, die fast schon nach einer vorgezogenen Midlifecrisis klingen und für Schreiber Phil eine therapeutische Wirkung innehaben: „Ich verarbeite da Sachen, die mir passiert sind und die ich be­­obachte. Hier ist ein großes Spektrum abgedeckt, es sind alle Phasen abgebildet, die wir durchlaufen haben. Zerbrochene Beziehungen, verlorene Liebe, gesellschaftliche Beobachtungen, ohne jedoch den moralischen Zeigefinger hochhalten zu wollen. Der Wunsch, nochmal von vorne anfangen zu können. Du hast Recht, das klingt nach Midlifecrisis.“ (lacht)

Hinzu komme natürlich auch das Alter, in dem man nicht mehr nur über Partys und sinnlose Besäufnisse schreiben möchte und kann, vor allem, da sich alle drei Musiker in ge­­festigten Lebenslagen und Beziehungen be­­finden. „Also ich nicht“, wendet Phil an dieser Stelle knapp ein. (Der sofort folgende und äußerst kokett geratene Augenaufschlag von Frau Autorin soll an dieser Stelle lieber nicht erwähnt werden.) Um die nötige Portion Sex und Drugs zum Rock’n’Roll muss sich der Frontmann also eher alleine kümmern. Sollte kein Problem darstellen. Auf die Scherzfrage, was Radio Haze denn gerne mal in einem Interview über sich selbst lesen würden, kontert er lachend: „Süß, aber ge­­fährlich!“. Hätte ich doch als Überschrift nehmen sollen…

Die Review von MOUNTAINS:

Irgendwie (angenehm) anders.

Retro-Rock und kein Ende in Sicht. Zwar groovt auch das deutsche Trio Radio Haze im immer noch angesagten Spannungsfeld zwischen 70er-, Psychedelic- und Stoner-Rock, ist aber irgendwie anders. Das liegt nicht nur daran, dass Englisch nicht die Muttersprache des Sängers ist, Radio Haze haben tatsächlich eine eigene Sound-Note. Es wird nicht auf Teufel komm raus versucht nach Led Zeppelin zu klingen, sondern den Dingen und der Musik ihr Lauf gelassen. Abwechslungsreich komponiert und vielfältig instrumentiert – gerne auch mit fuzzigen Gitarren – geht es hier variantenreich zur Sache. Harmonisch und angenehm unaufdringlich rocken die drei Musiker aus Abensberg, Regensburg und Nürnberg ihr ganz eigenes Ding. An­­sprechend sind auch tendenziell ruhigere Num­mern wie ›Lay My Hopes Across The Sea‹ oder das irgendwie – schwer zu erklären warum – an ›In Zaire‹ von John­ny Wakelin aus den 70er-Jahren erinnernde ›Cha­sing Gas­lights‹. Sehr spacig und psychedelisch geriet auch ›Into The Ether‹ mit vielen Klang-Waben und wabernden Klängen. Gegen Ende wird MOUN­TAINS mit Saxo­fon-Einsatz sogar kurzfristig experimentell, perkussiv und jammig. Das klingt natürlich alles schon ziemlich vintage, ist aber doch auch zeitgemäß. Diese Band ist tatsächlich gar nicht so leicht zu fassen und gerade deshalb auch sehr interessant.

7 von 10

Martin Buchenberger

Video der Woche: Lenny Kravitz mit ›Always On The Run‹

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Lenny Kravitz feiert heute seinen Geburtstag und CLASSIC ROCK widmet ihm das Video der Woche.

Lenny Kravitz wird heute 54 Jahre alt. Zur Feier seines Ehrentages gibt es deswegen als ‚Video der Woche‘ den offiziellen Videoclip zu ›Always On The Run‹ zu sehen.

Der Song stammt von seinem Kultalbum MAMA SAID von 1991. Kravitz wurde damals an der Gitarre von Slash von Guns N‘ Roses tatkräftig unterstützt.

›Always On The Run‹ von Lenny Kravitz:

Noch im September dieses Jahres bringt Lenny Kravitz übrigens eine neue Platte raus. RAISE VIBRATION wird sein elftes Studioalbum sein.

Giant Sand: Howe Gelb und Co. mit Debütalbum in Deutschland

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howe gelb 2016Bis zum 31. Mai sind die Americana-Könner von Giant Sand hierzulande auf „Returns To Valley Of Rain“-Tour unterwegs.

1985 kam mit VALLEY OF RAIN die erste Platte einer Formation aus Tucson, die sich zur Kultband entwickeln sollte: Giant Sand. Americana-Kennern ist die Gruppe um Sänger und Songwriter Howe Gelb natürlich ein Begriff.

Mehr als 30 Jahre nach ihrem Debüt kehren Giant Sand zu ihren Wurzeln zurück. Die aktuelle Tour der Band ist nicht umsonst mit „Giant Sand Returns To Valley Of Rain“ überschrieben: Zu hören gibt es die Songs des im Titel genannten Albums.

Giant Sand live 2018:

25.05. Frankfurt, Nachtleben
26.05. Geislingen, Ratschtleben
27.05. Bern (CH), Dachstock
28.05. München, Feierwerk
29.05. Konstanz, Kulturladen
30.05. Oberhausen, Druckluft
31.05. Berlin, Musik & Frieden

Giant Sand zu ihren Anfangstagen:

Werkschau: Paul Weller

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paul weller pressVon seinen Anfängen im Punk über Britpop bis zu Avantgarde-Rock hat uns das Wunderkind aus Woking tausend Dinge zu sagen …

Paul Weller gehört zu den wohl missverstandensten Künstlern überhaupt. Es ist eine ziemlich bittere Ironie, dass der Mann, der uns in den letzten 40 Jahren mit derart innovativer Musik beglückt hat, so oft auf das faule Klischee des „Modfather“ reduziert wird. Er hat in seiner Karriere alles von Punk über R&B, Psychedelic, Folk-Soul, Jazz und Elektronik bis zu Avantgarde-Rock abgedeckt, ein Spektrum, das brutalen Lärm ebenso umfasste wie semi-orchestrale Atempausen. „Ich wollte niemals, niemals die Rolling Stones sein“, sagte Weller einmal. „Nichts gegen sie, aber ich will nicht immer und immer wieder dasselbe machen.“

Die sture Entschlossenheit, sich stets herauszufordern, wurde zum roten Faden seiner Lauf­bahn. Seine ersten Besessenheiten – die Small Faces, The Kinks, The Who – wurden in die schroffe Reduziertheit von The Jam gefiltert. Von 1977 bis 1982 erschuf das Wokinger Trio aus Sänger/Gitarrist Weller, Bassist Bruce Foxton und Schlagzeuger Rick Buckler eine Reihe umwerfender Alben und unwiderstehlicher Singles, die ihnen zu einer bedingungslos loyalen Fanbase und beachtlichem kommerziellen Erfolg verhalfen. Der Frontmann erwies sich schnell als ungewöhnlicher Songwriter, der den stumpfen Frust der Vorstadt-Arbeiterklasse in einer Art und Weise zu artikulieren vermochte, wie man es seit Ray Davies nicht mehr gehört hatte.

The Jam hätten weitermachen können, doch es war typisch für Weller, dass er die Band in dem Bestreben, andere Optionen wahrzunehmen, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs auflöste. Als sie sich 1982 mit THE GIFT verabschiedeten, war er gerade einmal 24 Jahre alt.

Sein nächstes Projekt, das ihn für den Rest der 80er Jahre vereinnahmte, waren Style Council. Um unsere Würde zu wahren, ist es vielleicht besser, dieses Kapitel in Wellers kreativem Werdegang zu übergehen. Es beinhaltete seichten Jazz-Soul und wenig schmeichelhafte Segelschuhe, und mehr müssen wir nicht darüber sagen.

Mit einem zurückhaltenden Solodebüt meldete er sich 1992 wieder zurück, doch es war WILD WOOD aus dem folgenden Jahr, ein wunderschöner Reigen psychedelischer, folkbeseelter Songs, die seine Liebe zu Traffic und dem frühen Neil Young offenbarten, das seiner Karriere zum Neustart verhalf. Als er 1995 STANLEY ROAD veröffentlichte, war er bereits zum „elder statesman“ des Britpop avanciert. Seitdem landete er mit einem steten Fluss weiterer Alben verlässlich in den britischen Top 5.

Anfang des neuen Jahrtausends ging ihm kreativ ein wenig die Puste aus, doch auch von diesem kurzen Tief hat er sich mehr als stilsicher erholt. Von 22 DREAMS (2008) bis zu seinem neuesten Werk SATURNS PATTERN hat er den wohl ambitioniertesten Lauf seines Lebens absolviert. „Man kann nicht immer in seiner kleinen vertrauten Ecke bleiben“, erklärte Weller.

Unverzichtbar

The Jam
ALL MOD CONS
POLYDOR, 1978

tha jam all mod cons
Bei Gegenwind war Weller oft am scharfsinnigsten. Nach­dem das zweite Album THE MODERN WORLD wenig be­­geistert aufgenommen worden war, befanden sich The Jam auf dem absteigenden Ast, doch sie antworteten mit diesem Pop-Punk-Magen­schwinger voller messerscharfer Beobachtun­gen über das graue britische Alltags­leben der 70er. Ray Davies‘ Einfluss ist deutlich hörbar in der spitzzüngigen Gesell­schaftskritik von ›Mr Clean‹ und ›Billy Hunt‹. ›Down In The Tube Station‹ wiederum ist eine Kleinganoven-Story, doch Weller konnte auch eine bislang ungehörte Zartheit an den Tag legen: ›English Rose‹ ist ein bis heute bewegendes Liebeslied.

Paul Weller
WILD WOOD
GO! DISCS, 1993

paul weller wild wood
Nach dem unscheinbaren Solo­debüt aus dem Vorjahr markierte dieses für den Mercury Prize nominierte Werk Wellers Ankunft als bedeutender Solo­künstler. Der liebliche Grundton erinnert an den herbstlichen Brit-Folk von Nick Drake und die trippigen Grooves von Traffic in der Mitte ihrer Lauf­bahn. Diese nachdenkliche, fast ganzheitliche Stimmung wird perfekt in der sanften Wärme des Titelstücks und dem wehmütigen Epos ›Shadow Of The Sun‹ mit einem rauen Solo und Vocals von seiner damaligen Frau Dee C Lee eingefangen. Doch auch seine Bissigkeit ist noch intakt: ›Has My Fire Really Gone Out?‹ und ›Can You Heal Us (Holy Man)‹ zeigen Zähne, wie man es seit The Jam nicht mehr gehört hatte.

Wunderbar

The Jam
SETTING SONS
POLYDOR, 1979

the jam setting sons
Es war als Konzeptalbum über Kindheitsfreunde geplant, die nach einem Krieg zusamenfinden, um festzustellen, dass sie sich auseinandergelebt haben, doch das Thema wurde aufgeweicht. Einige Elemente blieben erhalten (›Little Boy Sol­diers‹, ›Burning Sky‹, ›Waste­land‹), doch die Platte wurde stattdessen zu einer klugen Abhandlung zum Thema Klas­se und Alltags­leben. ›The Eton Rifles‹ ist gnadenlos treffend, während Foxton mit ›Smithers-Jones‹ seinen besten Moment hat. Melodisch und einfallsreich, ist es ein punkiger Nach­trag zu ARTHUR von den Kinks.

The Jam
SOUND AFFECTS
POLYDOR, 1980

the jam sound affects
Angeblich Wellers Lieblings­album und ein potentes Des­tillat aus allem, was er an britischer Musik liebt. Klarer als in ›Start!‹, einer Nr.-1-Single, die sich das Riff von ›Taxman‹ ausborgte, bezog er sich nie auf die Beatles. Auf der Attacke gegen den Konsum ›Pretty Green‹ verbindert er Gang Of Four mit ei­­nem Hauch Psychedelic. Foxton und Buckler glänzen mit flüssigen Rhythmen, während Wel­lers Riffs von cleveren Hooks und bisweilen sogar Bläsern akzentuiert werden. Der Höhe­punkt: ›That‘s Entertainment‹, ein Lied über alles, was ihn an der Vorstadt nervt.

Paul Weller
STANLEY ROAD
GO! DISCS, 1995

paul weller stanley road
Ein Musterbeispiel für den Britpop der 90er. Mit dabei: Noel Gallagher, der an der Coverversion von Dr. Johns ›I Walk On Gilded Splinters‹ mitwirkt. STANLEY ROAD, be­­nannt nach der Straße in Wo­­king, in der Weller aufwuchs, ist ebenso nachdenklich wie bissig. ›The Changingman‹ (ein UK-Top-10-Hit wie auch ›You Do Something To Me‹) bedient sich bei ELOs ›10538 Ouver­ture‹, bevor es zu einem wuchtigen Rockstück mutiert. Der Nostalgiefaktor wird noch er­­höht durch Steve Winwoods Piano auf ›Woodcutter‘s Son‹ und ›Pink On White Walls‹.

Paul Weller
22 DREAMS
ISLAND, 2008

paul weller 22 dreams
Als klare Antwort auf all die abgedroschenen Modfather-Klischees ist 22 DREAMS so faszinierend wie eklektisch. Folk, Soul und Psychedelic treffen auf Electronica, Jazz­rock und einen erfrischenden Experimentierwillen, der so­­gar Raum für Spoken-Word-Poesie ließ. Dann sind da noch Gäste wie Robert Wyatt (zu hören bei der Alice-Coltrane-Hommage ›Song For Alice‹), Blurs Graham Coxon (›Black River‹), Jam-Kollege Steve Brookes (›One Bright Star‹) sowie Noel Gallagher (beim trippigen ›Echoes Around The Sun‹).

Anhörbar

The Jam
THE GIFT
POLYDOR, 1982

The Jam mit The Gift
„Ich will, dass wir würdevoll ab­­treten“, sagte Weller, bevor sich The Jam 1982 auflösten. Als letztes Statement löst THE GIFT dieses Versprechen größtenteils ein, auch wenn die Be­­tonung von Stax-Funk und Nor­thern Soul jene Fans polarisierte, die mit der Drei-Akkord-At­tacke IN THE CITY aufgewachsen waren. Der furiose Groove von ›Precious‹ und das weniger gelungene ›Trans-Global Ex­­press‹ mit seiner von World Clubs ›So Is The Sun‹ geklauter Hookline gelten als Muster­beispiele. Nichts auszusetzen gibt es an ›Ghosts‹ und ›Town Called Malice‹ – der dritten UK-Nr.-1 für The Jam.

Paul Weller
WAKE UP THE NATION
ISLAND, 2010

paul weller wake up the nation
Wellers zehntes Soloalbum erinnerte mit seiner drangvollen Präzision wieder an The Jam, was noch unterstrichen wurde von zwei Gastauftritten von Bruce Foxton – ihre erste Zusammenarbeit seit dem Split 1982. So kurz und knackig WAKE UP THE NATION auch sein mag – es ist auch extrem abenteuerlustig. Man höre nur das avantgardistische ›Trees‹ oder die dräuende Klangland­schaft von ›7&3 Is The Strikers Name‹. ›No Tears To Cry‹ und ›Aim High‹, zwei Soul-Grana­ten, sind nicht weniger beeindruckend und erinnern an die zeitlosen Vibes von Bobby Womack und Howard Tate.

Paul Weller
SONIK KICKS
ISLAND, 2002

Paul Weller Sonik Kicks
Wellers wachsendes Interesse an Musik jenseits aller Grenzen ist der Schlüssel zu SONIK KICKS, von ›Kling I Klang‹ (inspiriert von Neu!) bis zur Elek­tro-Collage ›Green‹. Was nicht heißt, dass er plötzlich nur noch Avantgarde machte. ›Dragonfly‹ und ›Drifters‹ klingen wie Echos von Bowie aus seiner Berliner Zeit, während ›That Dangerous Age‹, eine funky Beobachtung eines Mannes, der mit dem Ende seiner Jugend zu kämpfen hat, die Vermutung widerlegt, Weller habe keinen Humor. Doch auch klassische Handwerkskunst wird geboten, etwa beim ruhigen ›By The Waters‹.

Sonderbar

Paul Weller
HEAVY SOUL
ISLAND, 1997

Paul Weller Heavy Soul
Style Council waren nicht der einzige fragwürdige Schritt in Wellers Karriere. STUDIO 150, sein Cover-Album von 2004, ist bestenfalls durchwachsen. HELIOCENTRIC und ILLUMI­NATION aus den frühen 00er Jahren trafen ebenfalls auf un­­verhohlene Kritik. Doch sein absoluter Tiefpunkt ist HEAVY SOUL, der Nachfolger des so verehrten STANLEY ROAD. Fairerweise muss man sagen, dass nichts wirklich Schreck­liches auf dieser Platte ist – doch eben auch nichts Inspirie­rendes. Die Quittung dafür erhielt in Form des Rufs, der führende Vertreter von banalem Dad-Rock zu sein.

Neuheiten: Ab heute im Plattenladen

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Graveyard 2018 Peace Plattensammler wieder mal aufgemerkt: Freitag ist wie immer Tag der Neuerscheinungen und in dieser Woche gibt es die taufrischen Alben von Graveyard, Countrykönigin Lindi Ortega, Don Airey und eine MTV Unplugged-Aufnahme von Biffy Clyro!

Graveyard sind nach ihrer Auflösung nun doch wieder zurück und liefern mit PEACE eine mehr als starke Comeback-Platte:

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Biffy Clyro aus Schottland waren Teil der MTV-Unplugged-Reihe. Das eher ruhige Ergebnis gibt es jetzt auch auf Platte zu hören:

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Schrill, bunt, anders. Lindi Ortega ist eine ganz eigene Marke und präsentiert auf LIBERTY eine klangliche Mischung aus Italo, Western und Country:

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Don Airey, Keyboarder von Deep Purple, liefert auf ONE OF A KIND solides Handwerk und eingängige Melodien:

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Lindi Ortega – LIBERTY

Lindi Ortega Liberty

Die Kanadierin bringt Nancy Sinatra, Tarantino und Morricone auf einen Nenner.

Lindi Ortega ist echt eine Marke. Eine Sondermarke. Das hat die etwas schräge, etwas schrille Country-Sängerin aus Toronto bereits mit vier außergewöhnlichen Alben bewiesen. Mit ihrem neuen Werk LIBERTY bleibt sich die geheimnisvolle Dunkelhaarige treu – und reitet mal wieder konsequent gegen den Strom. Wobei: So ganz gegen den kommerziellen Strich gebürstet ist es nun auch wieder nicht. Schließlich sind Größen wie Ennio Morricone, Dolly Parton, Johnny Cash und Emmylou Harris ihre wohl wichtigsten Inspirationsquellen. Doch wie Lindi Ortega das alles unter einen Cowboyhut bringt, sucht seinesgleichen. Alleine die Titel ihrer neuen CD lassen erahnen, dass die Dame wieder auf Kreativ-Trip war: ›Through The Dust Part I‹, das klingt nach Konzept-Album und Wild-West-Hymne. Und tatsächlich entführt einen der Opener binnen weniger Takte in einen, sagen wir mal Quentin-Tarantino-Western. Ennio Mor­ricone stand hier unüberhörbar Pate. Beim anschließenden, ganz auf 60ies-Sound getrimmten ›Afraid Of The Dark‹ gibt sie die junge Nancy Sinatra auf LSD – frivol, gefährlich und erfrischend frech. In diesem Stil geht es munter weiter bis zum finalen Tex-Mex-Show­down ›Gracias a la Vida‹. Bravo! Man ziehe den Som­brero vor dieser Künstlerin.

8/10

Lindi Ortega
LIBERTY
SHADOWBOX MUSIC INC./MEMBRAN