Was gibt es Schöneres, als an einem verregneten Freitag den Plattenladen seines Vertrauens zu durchstöbern? Wer noch ein paar Anregungen und Tipps braucht, ist hier genau richtig, denn seit heute stehen die Neuheiten von Lucifer, Kissin‘ Dynamite und dem Devin Townsend Project in den Regalen.
Okkult angehauchter Heavy Rock von dem Musiker- und Liebesgespann Nicke Andersson und Johanna Sadonis. Ganz großes Kino, was die Neubesetzung von Lucifer auf ihrem zweiten Werk abliefert:
Nichts für schwache Nerven: The Devin Townsend Project wandelt bekanntermaßen auf abgedrehten Pfaden, daran ändert sich auch nichts auf der neuen Live-Platte:
Kissin’ Dynamite aus Schwaben wirken optisch und akustisch zwar immer noch ziemlich frisch und jugendlich, Anfänger sind sie aber definitiv keine mehr. Nach mehreren Veröffentlichungen, mal mehr und mal weniger heavy, bringt das Quintett um Sänger Hannes Braun mit ECSTASY nun schon das sechste Album heraus. Das ist etwas weniger metallisch und dafür hardrockiger ausgefallen als einige der Vorgänger. Wenn man klangliche Parallelen sucht, wird man vielleicht am ehesten bei den Melodic-Party-Groovern The Poodles aus Schweden fündig. Wie diese treiben auch Kissin’ Dynamite stark nach vorne und mit großen Hooks gut ins Gehör. Erinnert hin und wieder auch etwas an Avantasia und Landsmann Tobias Sammet, hat inzwischen aber eine eigene Note und genug Wiedererkennungswert. Nicht zuletzt dank der Rückkehr zum Platten-Major Sony, den gelungenen Kompositionen und der positiven Ausstrahlung der neuen Songs könnte den Jungs mit ECSTASY doch noch mal ein Sprung nach vorne gelingen. Eine Ballade wie der potenzieller Schlüpferstürmer ›Still Around‹ und das eingängige ›Superhuman‹ mit viel „Oh-Oh“-Lautmalerei im Refrain haben großes Pop-Potenzial. Wenn Sunrise Avenue mit ansatzweise vergleichbarer Musik groß werden können, warum nicht auch Kissin’ Dynamite mit der härteren Variante?
Es gibt mehrere gute Gründe, die für dieses Album sprechen. Erstens: Nach dem furchtbar frühen Ende von The Oath zeigt Sängerin Johanna Sadonis mit Nachdruck, dass sie ihre neue Band Lucifer eher in der Langstrecke etablieren will. Zweitens: Nach dem Ausstieg von Gaz Jennings (Cathedral), der das Debüt LUCIFER noch merklich in Richtung Doom drückte, ist mit Nicke Andersson (Hellacopters, Imperial State Electric) jetzt das schwedische Enfant Terrible schlechthin an Johannas Seite – beruflich wie privat. Drittens: Das Album hat einfach alles, was es für einen modernen Heavy-Rock-Klassiker braucht. Die Riffs, den Fuzz, die Melodien, die Magie, den Flirt mit dem Bösen. Aus Johannas kraftvoller, regelrecht aufblühender Stimme, Nickes irrwitziger Dreifachbelastung aus Gitarren (zur Hälfte), Bass und Drums und einer schwitzigen, unmittelbaren Produktion entsteht eine Quintessenz althergebrachter Künste. Nichts Neues, gewiss nicht, aber das wollen die beiden ja auch gar nicht. Wer sich über die gemeinsame Liebe zu Blue Öyster Cult kennenlernt und zudem Bands wie Black Sabbath oder Deep Purple einfach nicht genug huldigen kann, der macht eben genau das: Packende, vor Leidenschaft erhitzte Rockmusik mit doomigen Untertönen spielen. Bis zum Umfallen. Klarer Fall: Spätestens jetzt wird The Oath nicht mehr vermisst.
Die Musik von Devin Townsend ist wie der Kerl selbst – immer auf des Messers Schneide zwischen Genie und Wahnsinn. Es gibt wohl nur wenige Künstler in unserer Hemisphäre, die talentierter, innovativer und wagemutiger als er sind. Und so klingt auch das aktuelle Livealbum OCEAN MACHINE – LIVE AT THE ANCIENT ROMAN THEATER PLOVDIV wie ein abgedrehter Höllenritt durch Rock, Metal, Prog, Klassik, Jazz/Fusion und noch viel mehr. Aufgenommen am 22. September 2017 im bulgarischen Plovdiv zeigt der US-Amerikaner, dass stilistische Grenzen bei ihm nicht existieren und die Transparenz der Grundidee seiner Stücke trotz aller Komplexität immer gewahrt bleibt. Grandios und zu keiner Sekunde langweilig oder übertrieben anspruchsvoll! Ein wahrer Genuss für alle, die das Außergewöhnliche lieben und Trivialität auf den Tod hassen.
Devin Townsend
OCEAN MACHINE – LIVE AT THE ANCIENT ROMAN THEATER PLOVDIV
INSIDEOUT/SONY
Die Prophets Of Rage haben ihre zweite Studioplatte aufgenommen, das verrieten sie jetzt in einem Interview. Ein erster Song soll am Samstag erscheinen.
„Wir haben eine Platte mit 13 Songs fertig aufgenommen, die wir im Moment zusammenstellen“, erzählt Commerford. „Es ist grad jede Menge los, am 7. Juli kommt ein neuer Song, es geht auf zu neuem Territorium, neuem Sound und neuer Musik.“
Das neue Material gehe in eine neue Richtung, so Commerford. „Wir sind aufgewachsen mit Bands, auf deren Alben man vor dem Plattenladen gewartet hat. Und ich habe das Gefühl, dass wir eine solche Band sind. Wir wachsen und arbeiten und erkunden unbekanntes Terrain, es fühlt sich gut an.“
Die Prophets Of Rage bestehen neben Commerford aus Chuck D, B-Real, Tom Morello, Brad Wilk und DJ Lord. Das Debüt der Crossover-Startruppe ist im September 2017 erschienen.
Ratten im Keller: Aerosmiths schwierige Übergangsjahre.
Guter Rat war teuer im Jahre 1976. Welches Konzept sollte das Bostoner Quintett seinem Durchbruchswerk TOYS IN THE ATTIC, mit mehr als acht Millionen Exemplaren bis heute Aerosmiths bestverkaufter Tonträger, folgen lassen? Sänger Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry, auch unter dem griffigen Kürzel „The Toxic Twins“ ein Begriff, entschieden sich für weniger Chartaffinität und mehr hartmetallische Gangart. Dank ›Back In The Saddle‹, ›Rats In The Cellar‹ und ›Nobody’s Fault‹ rückten sie stilistisch Led Zeppelin auf die Pelle, allerdings ohne dabei den massenkompatiblen Stadionrock aus den Augen zu verlieren. ›Last Child‹ wiederum eiferte typischem Rhythm’n’Blues der Sixties-Vorbilder Yardbirds und Rolling Stones nach.
Mit ›Home Tonight‹ lieferte Steven Tyler eine in Blues-Noten getränkte Ballade ohne Kitschambi-tionen. Etwas gesichtslos, dafür aber von Jack Douglas und Aerosmith mit einem Zuviel an Keyboards und weiblichem Chorgesang leicht überproduziert geriet 1977 DRAW THE LINE: Kreativer Experimentierwille und das Händchen für Ohr-wurmiges schienen abhanden gekommen zu sein. Kein Wunder! Knirschte es doch mächtig im Gruppengebälk aufgrund permanenter Zankereien zwischen Perry und Tyler. Als Anspieltipps empfohlen seien ›Critical Mass‹, ›Get It Up‹, ›Kings And Queens‹ und ›Sight For Sore Eyes‹. Nicht zu vergessen ein recht knackiges Cover vom schon oft gemolkenen ›Milk Cow Blues‹. Es kam, wie es kommen musste: Als NIGHT IN THE RUTS im Herbst 1979 verspätet in den Ladenregalen stand, hatte Joe Perry nach üblem Streit mitsamt Handgreiflichkeiten zwischen den Bandmitgliedern längst das Weite gesucht. Pflichtbewusst spielte Perry seine Gitarrenparts noch weitgehend ein, bevor er an Nachfolger Jimmy Crespo übergab.
In Anbetracht der widrigen Umstände tönten ›No Surprize‹, ›Chiquita‹, ›Cheese Cake‹, ›Bone To Bone (Coney Island White Fish Boy)‹ und ›Three Mile Smile‹ dennoch erstaunlich frisch. Weitere Überzeugungsarbeit leisteten der famose Blues ›Reefer Head Woman‹, die großorchestrierte Gefühlsballade ›Mia‹ sowie geschmackvolle Cover von The Yardbirds‘ ›Think About It‹ und ›Remember (Walking In The Sand)‹ von The Shangri-Las. Erst 1982 ließen Aerosmith mit ROCK IN A HARD PLACE wieder von sich hören. Nachdem auch Urmitglied Brad Whitford die Segel gestrichen hatte, agierte Stehaufmännchen Tyler nunmehr mit Jimmy Crespo und Rick Dufay als Doppel-Gitarren-Front – und das noch nicht einmal schlecht: ›Jailbait‹, ›Bolivian Raggamuffin‹, ›Rock In A Hard Place (Cheshire Cat)‹ und ›Jig Is Up‹ rocken erstaunlich vehement. Psychedelischen Folk mit indischer Tabla servierte ›Prelude To Joanie /Joanie’s Butterfly‹. Arthur Hamiltons Jazz-Klassiker ›Cry Me A River‹ wurde stilecht in Zeitlupe gecovert, ›Push Comes To Shove‹ verstand sich als Hommage an den Big Band Swing der 30er und 40er Jahre.
Kommt langsam, aber gewaltig: ein Meilenstein aus dem rosa Haus.
Was die ehemaligen The Hawks, seit 1965 Bob Dylans Begleiter, so alles drauf hatten, zeigten ja schon diverse Demos. Die zirkulierten fernab des Publikums seit 1967 bei Verlagen, Managements und Künstlern und sollten erst 1975 als THE BASEMENT TAPES offiziell das Licht der Welt erblicken. Das offizielle Debüt MUSIC FROM BIG PINK erfüllte die Erwartungen voll und ganz. Immerhin übte die subtile Überblendung aus Country, Folk, Rock, Soul und R’n’B einen immensen Einfluss auf die Gegenkultur der späten sechziger Jahre aus. Dass sich die Verkäufe nach Erscheinen im Juli 1968 weltweit im eher moderaten Bereich bewegten, passt ins Bild. So ist das eben häufig mit epochalen Werken. Daran konnten auch Musikerkollege Al Kooper und sein sachverständiges Plädoyer im US-Magazin „Rolling Stone“ nichts ändern. Immerhin gelang der von Robbie Robertson komponierten Singleauskopplung ›The Weight‹, wenig später von zahllosen Interpreten und Bands gecovert, Aufmerksamkeit auf das Album zu lenken, das mit ›Tears Of Rage‹, ›I Shall Be Released‹ und ›This Wheels’s On Fire‹ drei von Dylan zum Teil co-komponierte Songs enthielt und sich schließlich auf Rang 30 der US-Charts platzierte. In weiten Teilen wurden die elf Songs, darunter auch die Coverversion ›Long Black Veil‹, in jenem geräumigem Kellergeschoss des pinkfarbenen Hauses in West Saugerties konzipiert, das sich Rick Danko, Richard Manuel und Garth Hudson teilten. Die finalen Aufnahmen entstanden dann mit Schlagwerker Levon Helm und Robbie Robertson doch in richtigen Studios in New York und Los Angeles.
„Es ist zu spät“: Ian Gillan kann sich nicht vorstellen, bei Deep Purple wieder mit Ritchie Blackmore zusammenzuspielen.
Allen Deep Purple-Fans, die insgeheim noch auf eine Rückkehr Ritchie Blackmores zur Band setzen, macht Ian Gillan wenig Hoffnung. In einem Interview mit „Radio Rock“ bemüht der Sänger eine Analogie, um die Lage zu verdeutlichen:
„Stell dir vor, du bist geschieden, es gab Bitterkeit und Schwierigkeiten und viele Verwandte und Kinder waren betroffen… Dann heiratest du erneut und jemand sagt dir: ‚Wir wollen, dass du mit deiner alten Frau und deiner neuen Frau gleichzeitig zusammen bist und eine wundervolle Zeit hast.'“
Jeder kenne die Geschichte, so Gillan, „es ging abwärts, als Ritchie uns verließ, und als Steve Morse kam, ging es wieder aufwärts“.
Bei Deep Purple habe man sich nie daran gehalten, was finanziell ratsam wäre oder was die Fans wollen. „wir haben das gemacht, was sich am natürlichsten anfühlte, wir sind unserem Gefühl gefolgt und haben gehofft, dass das dem Publikum gefällt“.
Die Band hege keine Abneigung gegen Blackmore, sagt Gillan, doch für eine Wiedervereinigung sei es einfach „zu spät“. „Wir denken mittlerweile über das Ende nach.“ Er wolle nicht, dass „diese ganze verdammte Sache wieder von vorne anfängt“. Alle seien glücklich im Moment, „es hat aufgehört zu regnen, die Sonne scheint, lasst es uns genießen“.