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Gesund und ausgeglichen durch Rock’n’Roll?

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Rock ist mehr als nur Musik: Sie ist Ventil, Kunst- und Ausdrucksform. Für Fans und Musiker ist dies seit jeher klar. Jetzt zeigen auch wissenschaftliche Studien, dass Rock’n’Roll für ein ausgeglichenes Gemüt, ein gesundes Herz und eine erhöhte Schmerzresistenz sorgt.

Rock’n’Roll ist in seiner archetypischen Urform laut und wild, weswegen er von Aussenstehenden und Nicht-Fans oft als aggressiv empfunden wird. Ein Missverständnis, wie nun auch jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen. Neue Studien legen nämlich die Vermutung nahe, dass Rockmusik gut für die Gesundheit ist.

Auch Heavy Metal – vielen Unwissenden zufolge nur Geräusch gewordenes Chaos – soll Wissenschaftlern zufolge eine ausgleichende Wirkung haben und sich dazu positiv auf das Allgemeinwohl des Hörers auswirken. Eine weitere Studie, die an der Universität von Queensland in Brisbane durchgeführt wurde, ergab, dass aggressive Rockmusik bei der Stressbewältigung hilft, indem sie sich positiv auf Wut-Verarbeitungsprozesse auswirkt.

Jegliche stumpfe Vorurteile, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder hartnäckig um den Rock’n’Roll rankten, können somit langsam wirklich ad acta gelegt werden.

Musik fürs Herz

Rockmusik ist sogar gut fürs Herz, wie Wissenschaftler herausgefunden haben. Laut einer Studie des Instituts für Kardiologie an der Universität Nis (Serbien) schüttet das Gehirn beim Hören der Lieblingsmusik Endorphine aus, die langfristig die Gesundheit der Gefäße verbessern können. Eine um bis zu 26 Prozent erhöhte Durchblutung konnten die Forscher messen. Das Risiko für Bluthochdruck und andere mit der Funktion des Herzens zusammenhängende Krankheitsbilder kann so reduziert werden.

Warum Rock’n’Roll gut für die Gesundheit ist

Auch auf sportliche Leistungen kann sich Musik positiv auswirken. Grundsätzlich führt sie durch ihre Ablenkungsfunktion dazu, dass Sport als weniger anstrengend empfunden wird. Eine Studie, die im Jahr 2010 zum Thema Musik und Sport durchgeführt wurde, fand zum Beispiel heraus, dass Radfahrer messbar mehr Leistung erbringen, wenn sie zu schneller Rockmusik in die Pedale treten. Der Rhythmus der Musik bringt den Körper dazu, seine Muskelintervalle anzupassen und so einen höheren Turnus zu erreichen.

Nach dem Sport unterstützt Rockmusik den Trainingseffekt und das Wohlbefinden. Eine Studie des Journal of Strength and Conditioning Research fand heraus, dass Sportler, die nach dem Training Musik hören, schneller in die Erholungsphase eintreten, weil durch die Musik der Laktatspiegel im Blut schneller gesenkt wird.

Dazu ist Rockmusik auch ein wirksames Schmerzmittel. Einige Studien belegen, dass Musik aufgrund ihres ablenkenden Charakters dazu beitragen kann, Schmerz als weniger stark zu empfinden. 2012 belegte eine Studie, dass hiermit sogar chronischen Schmerzpatienten geholfen werden konnte. Patienten, die nach einer Operation mit Schmerzmitteln behandelt wurden, kamen durch Musiktherapie mit einer geringeren Dosis aus.

In derselben Studie konnte außerdem nachgewiesen werden, dass Patienten auf der Intensivstation, denen mehrmals täglich Musik vorgespielt wurde, weniger Angstgefühle entwickelten. Besonders deutlich waren die Effekte beim Genuss von Musik, die für den Patienten mit positiven Erinnerungen verknüpft waren.

Monster Truck: München, Backstage Werk (06.05.)

Unter kanadischem Stern…

Das Werk ist eher dünn besiedelt, als man gegen 19:30 Uhr ins Backstage getrabt kommt. Ungewöhnlich dünn besiedelt. So dünn besiedelt, dass man sich heimlich ein paar Sorgen macht, ob da überhaupt noch Zuschauer kommen zu dieser Soiree unter kanadischem Stern. Als man jedoch langsam so an seinem Radler dahin-nippt und das Debüt von Rush (aus Kanada) halblaut aus den Boxen tönt, strömen Gott sei Dank immer mehr Leutchen zu den Toren herein, sodass bei Royal Tusk (aus Kanada) das Parkett wider Erwarten doch gut gefüllt ist.

Das Quartett kann den Zuhören mit seinem Alternative-meets-Neo-Grunge, der eindeutig an große Bands wie Alice In Chains oder Soundgarden angelegt ist, ganz ordentlich einheizen und hat Spaß an seinem Auftritt, auch wenn der letzte, alles entflammende Funke nicht ganz überspringen will. Es kann am Montag liegen – der macht in München stimmungstechnisch schließlich öfter Mal Probleme – vielleicht auch daran, dass die Truppe in ihrem Sound doch recht abweicht vom sehr souligen Ansatz von Monster Truck oder aber natürlich auch schlicht und einfach am persönlichen Gusto von Frau Konzertbesucherin und Autorin. Die Wahrheit wird wie meistens irgendwo in der Mitte liegen. Nach einem schönen Cover von Audioslaves ›Show Me How To Live‹ in Gedenken an Chris Cornell und einem weiteren eigenen Stück, verabschieden sich die Jungs und machen die Bühne frei für ihre Landsmannen.

Nach dem gewohnten ›Long Live Rock And Roll‹ von Rainbow geht es schließlich um kurz nach neun los. Mit ›The Lion‹, dem ersten Song ihres Debütalbums, stürmen Monster Truck (aus Kanada) die Bühne. Wobei… halt. Stürmen mag an dieser Stelle vielleicht nicht der passende Ausdruck sein, zumindest nicht mehr. Wenn man bereits einige Shows dieser Band gesehen hat, dann wirken die vier Musiker an diesem Abend nicht unbedingt lustlos, aber lange nicht mehr so energetisch wie früher.

Ich erinnere mich an eine Show im Strom in München, als der Schweiß von der Decke troff und der gesamte Club, inklusive Band, fast zwei Stunden lang im Takt hüpfte und headbangte. Wo Jerry Widerman vor wenigen Jahren noch wie ein wildgewordener Derwisch oben ohne, schwitzend, schreiend und tobend mit seiner SG über die Bühne fegte, ist heute ein Gitarrist zu sehen, der immer mal wieder in den Hintergrund abtaucht und dem Publikum den Rücken zuwendet. Vom früheren Wirbelwind nur wenig Spur. Vor allem beim sehr Pop-lastigen ›Evolution‹ vom jüngsten Album meint man zu spüren, dass er sich nicht richtig wohl fühlt. Bereits in einem Interview vor wenigen Monaten bereute Jerry die vereinzelten, sehr modern klingenden Pop-Elemente auf TRUE ROCKERS, scheinbar hat er sich bis heute nicht ganz mit dieser Sound-Entscheidung versöhnen können.

Bei dieser Monster Truck-Show liegt der Fokus deshalb oft auf Frontmann Jon Harvey, der (seit längerem wieder deutlich abgespeckt) solide und cool, mit einem Fuß auf der Monitorbox, auf seinem Viersaiter grooved und mit seiner Soulstimme begeistern kann. Musikalisch sind Monster Truck nach wie vor top, die Setlist ist bunt durchgemischt, man kommt definitiv auf seine Kosten. Bei ›Sweet Mountain River‹ kurz vor der Zugabe kommt auch ein bisschen Flair aus den „guten alten Zeiten“ auf, das Publikum singt aus vollen Hälsen mit, man verspürt kleine Glücksfunken im Konzertherz.

Doch trotz größter Solidität des ganzen Abends wischt mir am Ende der knapp eineinhalb Stunden immer wieder ein kurzer Zitatstreifen von Gerhard Polt durch den Kopf: „Mei, er ist ein echter Könner, aber er hüpft halt auch nicht mehr so hoch wie früher.“ Es muss jedoch auch gesagt werden: Man kann nicht jeden Abend gleich gut abliefern. Wahrscheinlich lag es einfach nur an der Tagesform. Hoffentlich…

Bruce Springsteen: Bereit für Album mit der E Street Band

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springsteen liveBruce Springsteen hat „Material für fast ein komplettes Album“ mit der E Street Band geschrieben. Dazu deutet er Tourpläne an.

Am 14. Juni erscheint mit WESTERN STARS die neue Soloplatte von Bruce Springsteen. Ein Album also, das er ohne Unterstützung der E Street Band aufgenommen hat.

Doch seine Pläne reichen schon weiter. So erzählte er (laut Variety) Regisseur Martin Scorsese bei einem Netflix-Event: „Ich habe seit sieben Jahren nichts für die Band geschrieben… Und dann vor ungefähr einem Monat Material für fast ein komplettes Album.“

Springsteen deutete eine jetzt überwundene Schreibblockade in Bezug auf die E Street Band an: „Ich konnte nichts schreiben. Und ich sagte mir: ‚Klar, du wirst das nie wieder hinkriegen!‘ Das ist ein Trick. Aber weil du selber selber nicht weißt, wie er funktioniert, ist es ein Trick, den man nicht bewusst immer wieder anwenden kann. Die Inspiration muss zu dir kommen.“

Das neue Material sei fast wie aus dem Nichts entstanden. „Ich hatte zwei Wochen lang diese kleinen täglichen Besuchen, das tat gut. Es macht dich so glücklich. Du sagst dir: ‚Fuck, ich bin nicht am Ende! Und es wird eine weitere Tour geben!'“

Seine jüngste Studioplatte mit der E Street Band hat Springsteen mit HIGH HOPES 2014 veröffentlicht. Zumindest dieses Jahr will er nicht mehr mit seiner Stammband auf Tour gehen. Ob es Solokonzerte zu WESTERN STARS geben wird, ist bisher nicht bekannt.

Bruce Springsteens aktuelle Single ›Hello Sunshine‹:

Better Oblivion Community Center: Köln, Kantine (06.05.2019)

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Nik Freitas
Dringliche Meisterschaft. Die Band um Conor Oberst und Phoebe Bridgers begeistert mit ihrem ausdrucksstarken Emo-Indie-Folk-Rock.
 
Conor Oberst ist schon lange ein rastloser Charakter, als Vorsteher der großartigen Bright Eyes früh zum Wunderkind des Folk geadelt, hat er immer schon das Bandkonzept der Solistennummer vorgezogen (auch wenn über die Jahre Soloalben erschienen sind). Mit der Supergroup Monsters Of Folk war er eine Platte lang nur noch ein Teil des Ganzen, die Mystic Valley Band begleitete ihn durch die Jahre nach der frühen Hochphase mit den Bright Eyes, Soloalben folgten (darunter das karge Meisterstück RUMINATIONS aus dem Jahre 2014), jetzt ist es wieder Zeit für Gemeinschaft.
 
Während Oberst mittlerweile als Routinier seines Faches gelten muss, steht Phoebe Bridgers am Anfang Ihres Weges – und hat doch mit Mitte 20 schon Essenzielles vorzuweisen. Was sie mit Oberst gemein hat, ist die Frühvollendung künstlerischer Schaffenskraft in jungen Jahren. Ihr Debütalbum STRANGER IN THE ALPS 2015 war eine kleine Sensation, da es die stilistischen Entwicklungen des emotionalen Indie-Folks der letzten 20 Jahre gekonnt vereinte und gleichzeitig durch die klugen Texte klar im hier und jetzt zu verorten war. Bridgers war es auch, die Anfang des Jahres Ryan Adams als offensichtlich manipulativen Menschen outete, in einem Artikel in der New York Times warfen sie und andere Frauen, darunter Adams‘ Ex-Frau, dem Musiker „emotionalen Missbrauch“ vor. Ryan Adams reagierte in einem reumütigen aber wenig überzeugenden Statement, seine drei für dieses Jahr geplanten Platten erscheinen nicht. Ausgang ungewiss.

Vielleicht ist es nach diesen turbulenten Wochen genau das Richtige, dass Bridgers sich wieder ganz auf die Musik konzentrieren kann. Nach dem Interims-Bandprojekt Boygenius, welches mit den anderen tollen Nachwuchskünstlerinnen Lucy Dacus und Julien Baker aufgenommen wurde und Ende letzten Jahres in einer EP mündete, ist es nun Zeit für das Better Oblivion Community Center.

Bevor dieses um kurz nach 21 Uhr in der Schulaula-Atmosphäre der sympathischen Konzertlocation „Die Kantine“ die Bühne betritt, darf erstmal dem Amerikaner Christian Lee Hutson gelauscht werden. Ein Mann mit Seitenscheitel und verschmitztem Klosterschülercharme. Von dessen fein gesponnenen Folk Miniaturen wird man noch viel hören. Bisher erschien dieses Jahr die Single „Northsiders“, eine neue Platte soll noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Interessanter Nebeneffekt: Er outet sich als guter Geschichtenerzähler und hat Humor. Als im hinteren Barbereich Gläser zu Bruch gehen, kann er sich ein „Now I realise how fucking quiet I am“ nicht verkneifen.

Der Hauptact betört dann ab der ersten Minute. Speziell Oberst scheint seinen Biss und auch die Lust nach ein paar routinierten Konzerten der Vergangenheit wiedergefunden zu haben. Beide Stimmen harmonieren perfekt, ein stimmiges, an Science-Fiction Filme erinnerndes Setting trägt zu einer raumgreifenden 80er Jahre Ästhetik bei. Das Better Oblivion Community Center wirkt wie eine High School Band der verlorenen Seelen, als wollten Sie uns sagen: Jetzt sind wir, die Außenseiter, am Zug. Und am Ende werden sie alles haben.

Aus musikalischer Sicht fällt folgendes sofort auf: Die Gitarren werden härter als erwartet angeschlagen, eine abgehalfterte Folk Revue wird das hier zu keiner Zeit, vielmehr eine Lektion im authentischen Emo Indie Rock. Die Gruppe, die von einer Bassistin, Christian Lee Hutson und einem Schlagzeuger ergänzt wird, zeigt sich perfekt aufeinander eingespielt.

Wie selbstverständlich werden alle Songs des im Februar erschienen Debüts dargeboten und es funktioniert ausnahmslos. Mit etwas Abstand darf festgestellt werden, das den beiden hier ein kleines Indie Rock Meisterwerk gelungen ist. Klassiker von morgen wie „Dylan Thomas“ und „Exception To The Rule“ werden mit einer emotionalen Dringlichkeit vorgetragen, die den Glauben an den Fortbestand des Gitarrenrock zu keiner Zeit versiegen lässt. Die Laut-Leise Dynamiken, die Präsenz, die Stimmen, es ist einer dieser Abende wo die Spannung nicht abfällt.

Der kooperative Ansatz des Bandprojektes ist jederzeit zu bemerken, so werden immer wieder auch alte Songs der Bright Eyes oder Solostücke von Phoebe Bridgers eingestreut. Die Strophen teilen sich beide, Oberst tritt auch mal ohne Gitarre ans Mikro, dann zeigt sich die Spannung des Vollblutkünstlers in wilden Handbewegungen und verzerrter Mimik.

Auf die obligatorische Bandvorstellung wird nicht verzichtetet, Oberst heizt das Publikum zu „Phoebe! Phoebe!“ Sprechchören an, Bridgers wirkt das einzige Mal an diesem Abend etwas überrumpelt. Beim Klassiker der Bright Eyes „Easy/Lucky/Free“ schreit sie dann alles aus sich heraus, es wirkt wie ein Großes Fuck Off gegen die Negierung ihrer künstlerischen und menschlichen Selbstbestimmung.

Nach anderthalb Stunden, ist die Bühne in Regenbogenfarben getaucht und die Gruppe setzt zum finalen „Dominos“ an, ein tröstliches Stück, geschrieben hat es Taylor Hollingsworth einer von Oberst langjährigen Wegbegleitern. Konzert des Jahres!

Gewinnspiel: Hier Tickets für The Nude Party gewinnen

TheNudeParty3 - Sacha LeccaHier gibt es Freikarten für die Show von The Nude Party in Köln zu gewinnen.

Wer hat Lust auf genuines 60s-Flair für umsonst? The Nude Party aus den Staaten verweben die besten Elemente dieser strahlenden Epoche und wandern musikalisch irgendwo zwischen Beat, Psychedelia, Classic- und Garage Rock und werden am 27. Mai eine Show in Köln im Blue Shell spielen.

CLASSIC ROCK verlost 2 mal 2 Tickets für diese exklusive Deutschland-Show. Wenn ihr gewinnen wollt, schickt uns einfach eine Mail mit dem Stichwort „Nude Party“ an verlosungn@crmag. de (Teilnahmeschluss ist der 22. Mai 2019)

Rückblende: Black Sabbath – HEAVEN AND HELL

Black Sabbath - Heaven And Hell Ausschnitt„Sie wussten, dass die Welt darauf wartete… und es war wirklich etwas Besonderes“

Anfang der 80er brauchten Black Sabbath einen Neustart, nachdem Ozzys „crazy train“ entgleist war. Vorhang auf für den großartigsten Heavy-Metal-Sänger aller Zeiten: Ronnie James Dio.

1970 definierten Black Sabbath ein ganz neues Genre der Rockmusik mit nicht nur einem, sondern gleich zwei der besten Heavy-Metal-Alben aller Zeiten: dem selbstbetitelten Debüt und PARANOID. Was sie zehn Jahre später mit HEAVEN AND HELL erschufen, war ein Meisterwerk, dass sie von den Toten zurückholte. „Dieses Album“, sagte Gitarrist Tony Iommi, „gab uns ein zweites Leben.“

Die Schlüsselfigur in dieser Wiederauf­erstehung war der Mann, der die Eier aus Stahl hatte, um Ozzy Osbourne als Sänger abzulösen: Ronnie James Dio. Wie er einmal über HEAVEN AND HELL sagte: „Das waren nicht Black Sabbath mit Ozzy. Das war etwas anderes, und wir waren fantastisch zusammen.“

Schon vor der Entscheidung von 1979, Ozzy zu feuern, war die Band auf dem absteigenden Ast gewesen. Auf ihren letzten beiden Alben – TECHNICAL ECSTASY und NEVER SAY DIE! – klangen sie ausgelaugt und unfokussiert, während sie auf ihrer Tournee 1978 von ihrer Vorgruppe an die Wand gespielt wurden: den jungen, hungrigen Van Halen.

Ihr Aushängeschild abzuservieren, war riskant. Trotz aller wilden Alkoholeskapaden, die zu seiner Entlassung geführt hatten, war Ozzy ein enorm charismatischer Frontmann, dessen gequälte Stimme ebenso prägend für den Sabbath-Sound war wie Iommis bleischwere Riffs. In Dio jedoch – der selbst gerade bei Ritchie Blackmore‘s Rainbow rausgeflogen war – fanden sie einen Sänger, der auf seine ganz eigene Weise ebenso einzigartig war wie Ozzy.

„Dieses Album gab uns ein zweites Leben.“ (Tony Iommi)

Auf den drei Albumklassikern, die er mit Rainbow gemacht hatte, zeigte er, dass er einen riesigen Stimmumfang hatte, jede Menge Kraft und melodische Finesse. Er war außerdem ein so guter Texter, dass er diese Aufgabe von Bassist Geezer Butler übernahm. „Ich wusste, wozu Ronnie fähig war“, so Iommi, „ich hatte ja die Rainbow-Sachen gehört.“

Dio verlieh Sabbath eine neue Größe und epische Wuchtigkeit, was schon auf ihrem allerersten gemeinsamen Stück offensichtlich war: ›Children Of The Sea‹. Es basierte auf „diesem alten Blues-Song“, wie Butler es nannte, und wurde zu einem echten Schwergewicht entwickelt, das so schön wie mächtig war. So wurde es zum Bezugspunkt für das ganze Album.

Am epischsten war das Titelstück, in dem Dio die gegensätzlichen Kräfte von Gut und Böse abwägte und Iommi das beste Solo seines Lebens ablieferte. ›Die Young‹ war so brutal wie unheimlich at­­mosphärisch, ›Lonely Is The Word‹ wiederum ein monströser Heavy-Blues. Der letzte Song, der für die Platte geschrieben wurde, war dann letztendlich ihr Opener: ›Neon Knights‹.

HEAVEN AND HELL erschien im April 1980, fünf Monate vor Ozzys Comeback mit BLIZZARD OF OZZ, und zeigte Black Sabbath in einem völlig neuen Gewand. Dio sollte noch zwei weitere Alben mit ihnen machen, MOB RULES (1981) und DEHUMANIZER (1992), und dann war da noch die Reunion-Platte unter dem Bandnamen Heaven & Hell, sein letztes Vermächtnis vor seinem Tod am 16. Mai 2010. Doch es war auf diesem Album, seinem ersten mit Sabbath, dass Ronnie James Dio seinen Zenit erreichte: der größte Heavy-Metal-Sänger von allen in der größten Heavy-Metal-Band von allen.

Zeitzeugen:
„Ronnie James Dio hat eine völlig neue Energie in die Gruppe gebracht. Einfach zurücklehnen, aufdrehen und spüren, wie einem das Hirn implodiert.“ (Sounds)

Werkschau: Kiss

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Kiss AlbenDer Blick hinter die Plateausohlen und das Make-up offenbart eine Band mit einem glücklichen Händchen für klassische Hymnen. In 40 Jahren haben Kiss mehr als 100 Millionen Platten verkauft und dabei einige großartige Rockalben erschaffen.

Sie waren nicht die erste Rock‘n‘Roll-Band mit einer starken visuellen Identität: Die Beatles hatten ihre Pilzköpfe und Dandy-Anzüge. Sie waren auch nicht die Wegbereiter in Sachen Theatralik im Rock: Bowie und Alice Cooper waren ihnen zuvor gekommen. Aber wenn es eine Band gibt, die die Macht des Images im Rock‘n‘Roll und die Pflicht, eine Show abzuziehen, verstanden und genutzt hat, dann sind es Kiss.

Mit bemalten Gesichtern, ausgeflippten Kostümen und knapp 20 cm hohen Plateausohlen traten sie in den 70ern wie Superhelden direkt aus einem Comic ins Rampenlicht. Sie hatten auch Superheldennamen: Rhythmusgitarrist und Leadsänger Paul Stanley nannte sich „The Starchild“, Bassist Gene Simmons „The Demon“, Leadgitarrist Ace Frehley „The Space Ace“ und Schlagzeuger Peter Criss „The Catman“.

Und was sie auf der Bühne präsentierten, war die grandioseste Show des Planeten, mit Explosionen, Blut, Feuerspucken, einer Gitarre, die Raketen abschoss… Auf einem Kiss-Konzert durfte man daran glauben, dass ein Mensch fliegen konnte. Im Kern dieses Spektakels war eine durch und durch amerikanische Rockband. Während ernsthafte Musikfans (und natürlich die Kritiker) sie als wenig mehr als einen Zirkusakt abtaten, verkauften Kiss nicht aus reinem Zufall 100 Millionen Platten. Im umfangreichen Backkatalog der Band finden sich einige der großartigsten und einflussreichsten Rockalben aller Zeiten.

In den 40 Jahren seit ihrem Debüt erschienen weitere 19 Studioalben, zahlreiche Live-Mitschnitte und Compilations sowie – am ambitioniertesten von allen – vier Solowerke der vier Originalmitglieder, die alle am selben Tag erschienen: 18. September 1978. Ein Großteil des klassischen Kiss-Materials stammt aus den 70er Jahren, aber im folgenden Jahrzehnt – mittlerweile ohne Ace Frehley und Peter Criss, vor allem aber ohne das Make-up – ritten Kiss auf der Glam-Metal-Welle, die sie in so großem Maße inspiriert hatten.

Als Paul Stanley und Gene Simmons Anfang 1973 in New York die Band gründeten, waren ihre größten Einflüsse britisch, von den Beatles und Stones über Led Zeppelin bis hin zu The Who und Slade. Kiss ihrerseits beeinflussten damit eine Generation von Rockmusikern, vor allem in den USA. Ihre Musik wurde zur Inspiration für so verschiedenartige Bands wie Mötley Crüe, Anthrax, Pantera und die Stone Temple Pilots.

1990 coverten Nirvana ›Do You Love Me?‹, 2014 werden beide Bands in die Rock‘n‘Roll Hall Of Fame aufgenommen, bei einer Zeremonie in New York – wo die Kiss-Story vor so vielen Jahren begonnen hatte.

Unverzichtbar

KISS
Casablanca, 1974
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Als am 18. Februar 1974 das erste Kiss-Album erschien, war ihr Make-up-Design noch nicht perfektioniert – die Musik war dafür schon formvollendet. Von Beginn an schrieben Kiss Hymnen. Sieben Stücke dieser Platte sollten zu Klassikern werden: ›Strutter‹, ›Cold Gin‹, ›Firehouse‹, ›Deuce‹, ›Nothin‘ To Lose‹, ›100,000 Years‹ und ›Black Diamond‹. Trunkenbold Frehley schrieb ›Cold Gin‹, hatte aber nicht den Mut, es zu singen. Den Job übernahm der strikte Abstinenzler Simmons. KISS war zwar kein Hit – höchste US-Chartposition: 87 –, doch neben AEROSMITH, MONTROSE und VAN HALEN gilt es heute als eines der klassischen Debütalben der 70er.

ALIVE!
Casablanca, 1975
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Dieses Live-Doppelalbum machte Kiss endlich zu Superstars. Ihre ersten beiden Studiowerke waren gefloppt, das dritte erreichte die US-Top-40, hatte aber keine Hitsingle. Ein Live-Mitschnitt war eine natürliche Wahl für eine Band, die sich ihren Namen auf der Bühne gemacht hatte, aber als Doppel-LP ein kostpieliges Risiko. Was sich aber auszahlte, als ALIVE! die Top 10 enterte. Eine Tour de Force, mit der sich Kiss endlich als Arenarock-Titanen etablierten – was nichts so gut unterstrich wie der ultimative Crowdpleaser ›Rock And Roll All Nite‹, der ihre erste Hitsingle wurde. ALIVE! war nichts weniger als die Geburt einer Legende.

DESTROYER
Casablanca, 1976

Mit ihrem vierten Album griffen Kiss nach den Sternen und erschufen ihr Meisterwerk. Die drei Vorgänger waren simpler, schnell zusammengeschusterter Rock‘n‘Roll. Für DESTROYER stellten sie Bob Ezrin ein, Produzent von Alice Cooper und Lou Reed. Das Ergebnis: Kiss klangen größer, besser, smarter. ›Detroit Rock City‹ war eine Dampfwalze, ›God Of Thunder‹ ein Epos, das seinen Titel verdient – von Stanley geschrieben, aber auf Ezrins Befehl von Simmons gesungen, wurde es zum Erkennungssong des Bassisten. Ezrin machte aus einem kitschigen Liebeslied die Hitballade ›Beth‹. „Ein ambitioniertes Album“, sagte Stanley, „und es hat die Zeit überdauert.“

ALIVE II
Casablanca, 1977
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Zwei Jahre nach dem großen Durchbruch mit ALIVE! kam der Nachfolger, der ebenfalls zum Blockbuster wurde. ALIVE II wurde auf der „Love Gun“-Tour aufgenommen und erreichte Platz 7, zwei Positionen höher als ALIVE!. Es gab das Live-Erlebnis auch besser wieder, denn die Band klang bei ›I Stole Your Love‹, ›Shout It Out Loud‹ und ›Makin‘ Love‹ wesentlich kraftvoller. Das Publikum war hysterischer, das Vinyl-Gatefold-Cover zeigte Kiss in ihrem ganzen, grandios überzogenen Bühnen-Glamour. Dazu gab es fünf neue Studiostücke. Das beste davon, Frehleys ›Rocket Ride‹, ist ähnlich benebelt wie der Mann selbst.

Wunderbar

HOTTER THAN HELL
Casablanca, 1974
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Das zweite Kiss-Album war erneut ein Flop. HOTTER THAN HELL kam in den USA nicht über Platz 100 hinaus – und ist dennoch eine ihrer wichtigsten Platten. Die Produzenten Kenny Kerner und Richie Wise, die auch schon beim Debüt an den Reglern saßen, gaben dem Werk die Schroffheit des Garage Rock. ›Parasite‹ wurde später von Anthrax gecovert, Gene Simmons‘ schräge Ballade ›Goin‘ Blind‹ („I‘m 93, you‘re 16) von den Grunge-Querdenkern Melvins. Höhepunkte waren zwei Songs von Paul Stanley: ›Got To Choose‹, eines der coolsten Stücke der Bandgeschichte, und der stampfende Titeltrack, inspiriert von Frees ›All Right Now‹.

DRESSED TO KILL
Casablanca, 1975
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Das dritte Album war ihre reinste Rock‘n‘Roll-Platte, mit reduziertem Sound und einem spontanem Feeling, das der bekannteste Track auf den Punkt brachte: ›Rock And Roll All Nite‹. Neil Bogart, Boss von Casablanca Records, legte selbst Hand an und koproduzierte DRESSED TO KILL mit der Band. Es klang sauberer und wuchtiger als der Vorgänger HOTTER THAN HELL. Frehley kommentierte es so: „Diese Platte hat viel Energie“. Sie hat auch tolle Songs: ›Room Service‹, ›Rock Bottom‹, ›C‘mon And Love Me‹ und, natürlich, ›Rock And Roll All Nite‹. Das Cover, auf dem die Jungs in Anzügen posieren, ist ebenfalls ein Klassiker.

ROCK AND ROLL OVER
Casablanca, 1976
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Acht Monate nach DESTROYER kehrten Kiss mit dem symbolisch betitelten ROCK AND ROLL OVER zurück. DESTROYER war als Sellout wahrgenommen worden. „Die Fans hassten es“, sagte Simmons. Die Band reagierte darauf, indem sie all die Gimmicks über Bord warf, um zu dem zurückzukehren, was Stanley als „das Primitive“ an ALIVE! bezeichnete. Zu diesem Zweck wurde ROCK AND ROLL OVER im verlassenen Star Theatre in New York mit Eddie Kramer, dem Produzenten von ALIVE!, aufgenommen. Die Atmosphäre war perfekt für die knackigen, geradlinigen Rocksongs wie ›I Want You‹ und ›Calling Dr. Love‹.

ACE FREHLEY
Casablanca, 1978
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Es gab einen Witz über die Kiss-Soloalben: Sie wurden in Platin-Stückzahlen ausgeliefert und kamen in Doppelplatin zurück. Gene Simmons brachte Licht ins Dunkel und sagte zu CLASSIC ROCK: „Jedes davon verkaufte sich mindestens eine Million mal.“ Die Überraschung – und ein echter Tritt in die Eier für Simmons und Stanley – war, dass Frehleys Album das erfolgreichste wurde. Der unberechenbare Gitarrist landete mit seiner Fassung des Russ-Ballard-Songs ›New York Groove‹ sogar einen Top-20-Hit. Ace lieferte eine krachende, testosteronschwere Hardrockplatte ab, auf der auch sein schräger Humor durchschimmerte.

LOVE GUN
Casablanca, 1977
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Auf ihrem sechsten Studioalbum sangen erstmals alle vier Mitglieder. Es war die letzte Platte, auf der das Original-Line-up auf jedem Stück zu hören war. Auf ALIVE II war Frehley bei den meisten Studiotracks abwesend, Criss spielte bei DYNASTY nur auf einem Lied. Auf LOVE GUN klangen sie aber immer noch tight. Das Titelstück ist der ultimative Ausdruck von Stanleys übersexualisierter Persönlichkeit und ein Klassiker der Band. Auf ›Shock Me‹ sang Frehley erstmals Lead und klang mühelos cool – oder vielleicht einfach nur besoffen. Criss kredenzt uns auf ›Hooligan‹ den Zweizeiler: „I‘m a hooligan/Want to go to school again…“

CREATURES OF THE NIGHT
Casablanca, 1982
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Ganz einfach betrachtet, ist CREATURES OF THE NIGHT das härteste Kiss-Album. 1982 war Frehley schon ausgestiegen. Auf dem Cover war er nur noch zu sehen, um die Fans nicht zu verunsichern, während die Popularität der Band nachließ. Hinter den Kulissen bewarben sich mehrere Gitarristen, auch Eddie Van Halen war kurzzeitig im Rennen. Letztlich bekam Vinnie Vincent den Job, der drei Stücke mitschrieb und aufnahm. Irgendwie kamen Kiss damit durch. Das Album war zwar kein Hit, stellte aber ›I Love It Loud‹, ›War Machine‹ und dem Titelstück die Glaubwürdigkeit der Band wieder her.

LICK IT UP
Mercury, 1983
lick it up

Es war die große Offenbarung: Das Make-up war runter. Und wie das Magazin „Sounds“ unkte: „Die haben sich als ganz schön hässliche Bastarde herausgestellt“. Die Neuerfindung von Kiss war Stanleys Idee, und sie funktionierte. Ab 1983 gelang der Band ein erstaunliches Comeback. Nachdem sie den Albumtitel UNMASKED schon verwendet hatten, benannten sie es nach einem klassischen Kiss-Stück LICK IT UP. Schneller, protziger Heavy Metal, auf den Punkt gebracht in Simmons‘ ›Young And Wasted‹. Stanleys Rap auf ›All Hell‘s Breakin‘ Loose‹ war dagegen weniger beeindruckend.

REVENGE
Mercury, 1992
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Das 16. und am wenigsten geschätzte Kiss-Album war Eric Carr gewidmet, dem Schlagzeuger, der zehn Jahre in der Band war, bevor er am 24. November 1991 einem Krebsleiden erlag. Doch mit dem einstigen Black-Sabbath-Drummer Eric Singer als Ersatz und Produzent Bob Ezrin positionierten sich Kiss in einer Zeit, in der Grunge alles regierte, geschickt neu. Der düstere Opener, Simmons‘ ›Unholy‹, etablierte einen schwereren Sound, während ›God Gave Rock‘n‘Roll To You II‹, die Neufassung eines Argent-Stücks, im klassischen Kiss-Stil aufgeblasen, im UK zu einem Top-5-Hit wurde.

SONIC BOOM
Roadrunner, 2009
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Elf Jahre waren seit dem letzten Studioalbum vergangen und Paul Stanley wild entschlossen, explosiv zurückzukehren. „SONIC BOOM ist der perfekte Titel“, sagte er. „Es lässt die Erde wackeln und macht dich taub!“ Gitarrist Tommy Thayer debütierte und durfte auf einem Stück sogar Leadvocals singen. Stanley landete Volltreffer mit dem von Zeppelin beeinflussten ›Modern Day Delilah‹ und dem triumphalen ›Say Yeah‹. Simmons wiederum war mit dem spöttischen ›Russian Roulette‹ in Bestform. 2012 folgte das 20. Studioalbum MONSTER, das nicht schlecht war, doch nicht ganz so gut wie SONIC BOOM.

Anhörbar

PAUL STANLEY
Casablanca, 1978
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Von den vier Soloalben klang Paul Stanleys am meisten wie Kiss. Im Prinzip war es nur die Fortführung seiner Rolle als Hauptsongwriter und -sänger der Band. ›Tonight You Belong To Me‹ ist ein sensationeller, emotionaler Song – Stanley hält ihn für einen seiner besten. ›It‘s Alright‹ ist ebenfalls Kickass-Kiss in Reinkultur. Auf zwei Stücken wollte er dann aber doch neue Grenzen ausloten. ›Take Me Away (Together As One)‹ ist das tiefgängigste Lied, das er je schrieb, und ›Hold Me, Touch Me (Think Of Me When We‘re Apart)‹ ist unglaublich kitschig. Unterm Strich das beste Kiss-Album, das Kiss nie gemacht haben.

GENE SIMMONS
Casablanca, 1978
gene simmons

Wo Stanley und Frehley mit ihren Soloalben in sicheren Gewässern blieben, begab sich Simmons auf neues Terrain. Er verpflichtete ein Starensemble mit Joe Perry, Bob Seger, Donna Summer und seiner damaligen Freundin Cher. Andere auf seiner Wunschliste waren nicht verfügbar: Lennon und McCartney. Simmons sagte später, sein Album sei „inkohärent“, aber es beinhaltet ein paar seiner besten Stücke: ›Radioactive‹, ›Man Of 1,000 Faces‹ und die Beatles-Hommage ›See You Tonite‹. Und bei seiner Coverversion von ›When You Wish Upon A Star‹ aus Walt Disneys „Pinocchio“-Film musste er sogar beim Singen im Studio weinen.

DYNASTY
Casablanca, 1979
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Timing ist alles. 1979 starten Rockfans die Protestkampagne „Disco sucks!“ Bei einen Baseballspiel in Chicago wird eine Kiste voller verhasster Alben, größtenteils von den Bee Gees, auf dem Spielfeld in die Luft gejagt. Und im selben Jahr veröffentlichen Kiss eine Disco-Nummer. ›I Was Made For Loving You‹ war eine brillante Synthese aus Disco und Hardrock und wurde zum US-Top-20-Hit. Das dazugehörige Album DYNASTY erreichte die Top 10. Aber dieses eine Stück entfremdete viele Kiss-Fans und leitete den Niedergang der Band in Amerika ein. Dennoch ist DYNASTY ein gutes Album mit genialen Pop-Rock-Songs.

UNMASKED
Casablanca, 1980
unmasked

UNMASKED ist ein fantastisches Pop-Rock-Album, auch wenn es Paul Stanley anders sieht: „Wir verloren unsere Eier“. DYNASTY und UNMASKED waren von Vini Poncia produziert worden, der mit Ringo Starr und an Peter Criss‘ Soloalbum gearbeitet hatte. Rückblickend fand Stanley, dass Poncia Kiss die Zähne gezogen hatte. Doch es gibt tolle Songs auf UNMASKED: Stanleys Powerpop-Geniestreich ›Tomorrow‹, Simmons‘ ›Naked City‹, sogar Frehleys verrücktes ›Torpedo Girl‹. Criss war zwar auf dem Albumcover zu sehen, eingespielt hatte es aber Schlagzeuger Anton Fig. Als UNMASKED im Mai 1980 erschien, war Criss schon nicht mehr in der Band.

CRAZY NIGHTS
Vertigo, 1987
crazy nights

Durch den Großteil der 80er war es in erster Linie Paul Stanley, der Kiss am Laufen hielt, während sich Gene Simmons als Schauspieler versuchte, andere Künstler produzierte und managte. Der Erfolg von CRAZY NIGHTS war allein Stanleys Verdienst. Im Gegensatz zu ANIMALIZE von 1984 (dem einzigen Kiss-Album mit Gitarrist Mark St. John) und ASYLUM von 1986 (auf dem Bruce Kulick debütierte) hatte CRAZY NIGHTS einen poppigeren Sound mit viel Keyboard. Stanley lieferte drei starke Singles ab: die Powerballade ›Reason To Live‹, das euphorische ›Turn On The Night‹ und ›Crazy Crazy Nights‹, ein Top-5-Hit und ein Klassiker des 80s-Hair-Metal.

HOT IN THE SHADE
Vertigo, 1989
Kiss-Hot_In_The_Shade-Frontal

14 Jahre nach ihrem größten US-Hit ›Beth‹ kehrten sie mit einer weiteren Ballade in die Top 10 zurück: ›Forever‹ – dem Highlight auf HOT IN THE SHADE. Es war das einzige Album ihrer Karriere, auf dem sie bei jedem Track Co-Autoren hatten. Stanley schrieb ›Forever‹ mit Michael Bolton und ›Hide Your Heart‹ mit Desmond Child und Holly Knight. Dieser AOR-Klassiker wurde 1989 auch von Ace Frehley aufgenommen. Unter den 15 Stücken befanden sich aber auch einige Ausfälle, inklusive zwei, die Simmons mit dem zukünftigen Kiss-Gitarristen Tommy Thayer geschrieben hatte.

Sonderbar

PETER CRISS
Casablanca, 1978
peter criss

Es war nicht das schlechteste Drummer-Soloalbum aller Zeiten – diese Auszeichnung geht an Keith Moons TWO SIDES OF THE MOON. Aber es war zweifelsohne das schlechteste der Kiss-Soloalben. Criss, ein Fan von Pop und Soul, verwandelte sich hier in einen MOR-Crooner und servierte seichte Zehenwipper wie ›Don‘t You Let Me Down‹ und ›That‘s The Kind Of Sugar Papa Likes‹. Das beste Stück ist die Ballade ›I Can‘t Stop The Rain‹, geschrieben vom langjährigen Freund der Band Sean Delaney und perfekt auf Peters raue Stimme zugeschnitten. Zum Entsetzen der Kiss-Fans war dies jedoch Musik, die ihre Eltern mochten.

PSYCHO CIRCUS
Mercury, 1998
psychocircus

1996 wurden die Gebete der Kiss-Fans erhört. Das Original-Line-up startete wieder durch und tourte mit riesigem Erfolg. Zwei Jahre später folgte PSYCHO CIRCUS, das erste Kiss-Album seit 1979 mit Ace Frehley und Peter Criss. Doch der Eindruck täuschte. Criss spielte nur auf einem Stück, Frehley auf zwei. Paul Stanley gab später zu: „Es gab keine echte Band.“ In den USA kam das Album in die Top 10 und hatte durchaus gute Songs: Frehleys ›Into The Void‹ oder Simmons‘ ›We Are One‹. Aber so vieles hier klang so hohl und gekünstelt – ›You Wanted The Best‹ war nichts als ein Werbejingle. Lausig.

Bret Easton Ellis – Weiß

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Bret Easton Ellis Weiß

Nobody’s Darling.

Der Autor von „Unter Null“ und „American Psycho“ hat eine Autobiografie geschrieben – die im Grunde ein Pamphlet ist. Der Gegner: die liberale Linke. Ellis wirft ihr vor, eine „Wutmaschine“ zu sein, die mit Identitätspolitik „kulturellen Faschismus“ betreibe. Soll heißen: Besonders die Generation der Millennials, die „Generation Weichei“, sei so sehr darauf bedacht, politisch korrekt zu handeln und nicht in ihrer Identität (die kann schwul, schwarz oder weiblich sein) verletzt zu werden, dass sie hysterisch alle „nicht progressiven“ Ansichten ausgrenze und so die freie Meinungsäußerung – auch in der Kunst – einschränke. Nun klingt Ellis, wenn er zum Beispiel über die Angriffe gegen sich auf Twitter schreibt oder von „Totalitarismus“ spricht, selbst oft wehleidig und hysterisch. Und das ist ein Problem des Buchs. Dabei ist es wahr, dass der moralische Überlegenheitsgestus mancher nervt. Oder dass sich darüber diskutieren lässt, ob bestimmte Bücher, Filme etc. mehr über ihre Gesinnung als ihre Qualität beurteilt werden. Oder ob in den sozialen Medien jeder in seiner eigenen Meinungsblase lebt. Der Linken in Zeiten von Trump und Mauerbau die böse Rolle zu geben, wirkt aber zumindest problematisch. Was nicht heißt, dass es kein Spaß wäre, „Weiß“ zu lesen. Wenn Ellis von seinen eigenen Büchern erzählt, von Filmen, Autoren, Richard Gere, Hollywood und Charlie Sheen. Oder wenn er am Ende zu Kanye West nach Calabasas fährt.

7/10

Bret Easton Ellis mit Weiß

Weiß
Von Bret Easton Ellis
Kiepenheuer & Witsch
Autorenfoto: Casey Nelson