Better Oblivion Community Center: Köln, Kantine (06.05.2019)

Nik Freitas
Dringliche Meisterschaft. Die Band um Conor Oberst und Phoebe Bridgers begeistert mit ihrem ausdrucksstarken Emo-Indie-Folk-Rock.
 
Conor Oberst ist schon lange ein rastloser Charakter, als Vorsteher der großartigen Bright Eyes früh zum Wunderkind des Folk geadelt, hat er immer schon das Bandkonzept der Solistennummer vorgezogen (auch wenn über die Jahre Soloalben erschienen sind). Mit der Supergroup Monsters Of Folk war er eine Platte lang nur noch ein Teil des Ganzen, die Mystic Valley Band begleitete ihn durch die Jahre nach der frühen Hochphase mit den Bright Eyes, Soloalben folgten (darunter das karge Meisterstück RUMINATIONS aus dem Jahre 2014), jetzt ist es wieder Zeit für Gemeinschaft.
 
Während Oberst mittlerweile als Routinier seines Faches gelten muss, steht Phoebe Bridgers am Anfang Ihres Weges – und hat doch mit Mitte 20 schon Essenzielles vorzuweisen. Was sie mit Oberst gemein hat, ist die Frühvollendung künstlerischer Schaffenskraft in jungen Jahren. Ihr Debütalbum STRANGER IN THE ALPS 2015 war eine kleine Sensation, da es die stilistischen Entwicklungen des emotionalen Indie-Folks der letzten 20 Jahre gekonnt vereinte und gleichzeitig durch die klugen Texte klar im hier und jetzt zu verorten war. Bridgers war es auch, die Anfang des Jahres Ryan Adams als offensichtlich manipulativen Menschen outete, in einem Artikel in der New York Times warfen sie und andere Frauen, darunter Adams‘ Ex-Frau, dem Musiker „emotionalen Missbrauch“ vor. Ryan Adams reagierte in einem reumütigen aber wenig überzeugenden Statement, seine drei für dieses Jahr geplanten Platten erscheinen nicht. Ausgang ungewiss.

Vielleicht ist es nach diesen turbulenten Wochen genau das Richtige, dass Bridgers sich wieder ganz auf die Musik konzentrieren kann. Nach dem Interims-Bandprojekt Boygenius, welches mit den anderen tollen Nachwuchskünstlerinnen Lucy Dacus und Julien Baker aufgenommen wurde und Ende letzten Jahres in einer EP mündete, ist es nun Zeit für das Better Oblivion Community Center.

Bevor dieses um kurz nach 21 Uhr in der Schulaula-Atmosphäre der sympathischen Konzertlocation „Die Kantine“ die Bühne betritt, darf erstmal dem Amerikaner Christian Lee Hutson gelauscht werden. Ein Mann mit Seitenscheitel und verschmitztem Klosterschülercharme. Von dessen fein gesponnenen Folk Miniaturen wird man noch viel hören. Bisher erschien dieses Jahr die Single „Northsiders“, eine neue Platte soll noch dieses Jahr auf den Markt kommen. Interessanter Nebeneffekt: Er outet sich als guter Geschichtenerzähler und hat Humor. Als im hinteren Barbereich Gläser zu Bruch gehen, kann er sich ein „Now I realise how fucking quiet I am“ nicht verkneifen.

Der Hauptact betört dann ab der ersten Minute. Speziell Oberst scheint seinen Biss und auch die Lust nach ein paar routinierten Konzerten der Vergangenheit wiedergefunden zu haben. Beide Stimmen harmonieren perfekt, ein stimmiges, an Science-Fiction Filme erinnerndes Setting trägt zu einer raumgreifenden 80er Jahre Ästhetik bei. Das Better Oblivion Community Center wirkt wie eine High School Band der verlorenen Seelen, als wollten Sie uns sagen: Jetzt sind wir, die Außenseiter, am Zug. Und am Ende werden sie alles haben.

Aus musikalischer Sicht fällt folgendes sofort auf: Die Gitarren werden härter als erwartet angeschlagen, eine abgehalfterte Folk Revue wird das hier zu keiner Zeit, vielmehr eine Lektion im authentischen Emo Indie Rock. Die Gruppe, die von einer Bassistin, Christian Lee Hutson und einem Schlagzeuger ergänzt wird, zeigt sich perfekt aufeinander eingespielt.

Wie selbstverständlich werden alle Songs des im Februar erschienen Debüts dargeboten und es funktioniert ausnahmslos. Mit etwas Abstand darf festgestellt werden, das den beiden hier ein kleines Indie Rock Meisterwerk gelungen ist. Klassiker von morgen wie „Dylan Thomas“ und „Exception To The Rule“ werden mit einer emotionalen Dringlichkeit vorgetragen, die den Glauben an den Fortbestand des Gitarrenrock zu keiner Zeit versiegen lässt. Die Laut-Leise Dynamiken, die Präsenz, die Stimmen, es ist einer dieser Abende wo die Spannung nicht abfällt.

Der kooperative Ansatz des Bandprojektes ist jederzeit zu bemerken, so werden immer wieder auch alte Songs der Bright Eyes oder Solostücke von Phoebe Bridgers eingestreut. Die Strophen teilen sich beide, Oberst tritt auch mal ohne Gitarre ans Mikro, dann zeigt sich die Spannung des Vollblutkünstlers in wilden Handbewegungen und verzerrter Mimik.

Auf die obligatorische Bandvorstellung wird nicht verzichtetet, Oberst heizt das Publikum zu „Phoebe! Phoebe!“ Sprechchören an, Bridgers wirkt das einzige Mal an diesem Abend etwas überrumpelt. Beim Klassiker der Bright Eyes „Easy/Lucky/Free“ schreit sie dann alles aus sich heraus, es wirkt wie ein Großes Fuck Off gegen die Negierung ihrer künstlerischen und menschlichen Selbstbestimmung.

Nach anderthalb Stunden, ist die Bühne in Regenbogenfarben getaucht und die Gruppe setzt zum finalen „Dominos“ an, ein tröstliches Stück, geschrieben hat es Taylor Hollingsworth einer von Oberst langjährigen Wegbegleitern. Konzert des Jahres!

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