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Blues-Boom: B.B. King (Teil 2)

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B.B. Kings COMPLETELY WELL war ein bahnbrechender Meilenstein für die Ewigkeit. Der Nachfolger, INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS, stand immer in dessen Schatten, doch er ist ein vergessenes Meisterwerk, das endlich die gebührende Aufmerksamkeit erhalten sollte.

Um einen seiner größten Songs zu zitieren: B.B. King hatte den Preis dafür gezahlt, der Boss zu sein. Sein Tourplan war legendär – in manchen Jahren spielte er über 350 Konzerte –, doch Mitte der 60er machte er im Wesentlichen immer wieder dasselbe Album. Er brauchte einen neuen Ansatz und die Rettung kam in Form des jungen Produzenten Bill Szymczyk. „Ich hatte B schon gehört, seit ich Teenager war“, sagt der. „Ich wusste, welchen Ruf er unter seinesgleichen genoss. B konnte mehr Seele und Herzschmerz in eine einzelne Note packen als andere Musiker in ein Dutzend. Als Gitarrist war er absolut einzigartig.“ Szymczyk ist selbst kein Musiker. Ein flüchtiger Blick auf seine Vita offenbart, dass er zu Beginn seiner Karriere Sonarbediener bei der US-Marine gewesen war. Interessant wurde es, als er beim Hit Factory Studio in New York kündigte und einen Job bei ABC Records bekam.

Er nahm eine Gehaltskürzung in Kauf für die Chance, vom Tontechniker zum Produzenten zu wechseln, um letztlich mit seinem Idol B.B. King zusammenzuarbeiten. „Ich fühlte mich mehr als bereit“, sagt er auf musicradar.com. „Ich hatte schon viele Platten und Demos gemacht und viele Ratschläge bekommen. Doch die Wahrheit ist, dass dir niemand wirklich beibringen kann, wie man produziert. Das ist ein so subjektives Unterfangen und es verändert sich ständig. Entweder hast du das richtige Temperament dafür oder nicht.“ Heute kennt man Szymczyk vor allem für seine Arbeit mit den Eagles, darunter auch die an HOTEL CALIFORNIA. Zudem zählten bereits Joe Walsh, die J. Geils Band, Johnny Winter und unzählige andere zu seinen Klienten. Doch Ende der 60er hatte er einfach nur ein frisches Paar Ohren und ein paar sehr gute Ideen.

Es war Szymczyk, der King davon überzeugte, mit jungen Musikern aufzunehmen, statt auf seine Live Band zurückzugreifen. Der erste Versuch war LIVE & WELL von 1969, das erste Album von B.B. King, das in den USA die Top 100 erreichte. Es war ein Kompromiss und bestand aus fünf „Live“-Tracks mit seiner Tourband und fünf im Studio aufgezeichneten Stücken mit „einigen der besten jungen Blues-Musiker im ganzen Land“, wie der König sagte. Wir sprechen hier von Leuten wie Aretha Franklins Bassist Gerald „Jerry“ Jemmott und Organist Al Kooper, der schon mit Bob Dylan kollaboriert hatte. Das Album warf mit ›Why I Sing The Blues‹ einen Hit in den Pop- und R’n’B-Charts ab, sehr zur Freude der Plattenfirma, was dann zum Nachfolger COMPLETELY WELL führte.


Bei den Aufnahmen zu dieser Platte hatte Szymczyk die geniale Idee, Streicher zu ›The Thrill Is Gone‹ hinzuzufügen. „Für dieses Album engagierte ich Herbie Lovelle am Schlagzeug, Gerald Jemmott am Bass, Paul Harris an den Keyboards und Hugh McCracken an der Gitarre“, sagte er im Magazin „Sound On Sound“. „Das war eine ethnisch ausgewogene Band, zur Hälfte schwarz, zur Hälfte weiß, aber es waren alles junge Kerle. Die Energie war da. B.B. fing an, dieses Moll-Riff des Songs zu spielen und Paul griff das sofort am Wurlitzer-Klavier auf. Innerhalb von Minuten waren sie im Groove. Ich drehte durch, so gut war das. Dann hatte ich die Idee, Streicher hinzuzufügen. Ich rief B an und er zögerte ein bisschen. Doch ich holte einen großartigen Arrangeur ins Boot, der dieses um werfende, hypnotische Arrangement schrieb, das wir dann aufnahmen. Diese Platte wurde zu seinem Durchbruch.“

Angesichts des großen Erfolgs von COMPLETELY WELL und ›The Thrill Is Gone‹ überrascht es nicht, dass
Szymczyk diese gewinnbringende Formel auch auf INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS anwandte. Als King im Mai 1970 in den Record Plant Studios in Los Angeles zu Szymczyk stieß, sah er sich wieder mit lauter jungen Heißspornen konfrontiert. „Ich musste eine neue Band zusammenstellen“, sagt der Produzent. Seit ich nach L.A. gezogen war, hatte ich mit Russ Kunkel und Brian Garofalo gearbeitet. Sie waren meine Rhythmussektion, lange bevor Russ mit jedem unter der Sonne spielte“ (zur Information: dazu gehörten Jackson Browne, Eric Carmen, J.J. Cale, David Crosby, Clannad und mehr. Bassist Brian Garofalo hat seinerseits mit John Stewart, Joe Walsh, Kim Carnes und anderen gespielt).

Die Songwriterin Carole King (damals noch ziemlich unbekannt, aber im folgenden Jahr gelang ihr mit dem Album TAPESTRY der große Durchbruch) spielte auf einigen Songs der Platte Klavier: ›You’re Still My Woman‹, ›Until I’m Dead And Cold‹, ›Ain’t Gonna Worry My Life Anymore‹ und das phänomenale E-Piano auf dem grandiosen ›Chains And Things‹. „Carole King und ich kannten einander schon seit 1964 aus New York“, erinnert sich Szymczyk. „Sie wohnte damals in L.A., also rief ich sie an und fragte, ob sie nicht bei den Sessions mitwirken wolle. Sie ließ sich natürlich nicht zweimal bitten! Am ersten Tag stellte ich sie B vor: ‚B.B. King, das ist Carole King. Ihr seid möglicherweise miteinander verwandt‘. Und in musikalischer Hinsicht waren sie das tatsächlich!“ Zu den Sessionmusikern zählten auch Sänger/Pianist Leon Russell und der James-Gang-Gitarrist sowie spätere Eagle Joe Walsh. Russell steuerte eine der wichtigsten Nummern und Singles des Albums bei, ›Hummingbird‹. „Das war der einzige Song, den ich B brachte, denn ich hielt es für einen Hit. Über ein paar Freunde kontaktierte ich Leon, und auch er ließ sich die Chance nicht entgehen, mit B zu arbeiten. Bei Joe Walsh war es genauso.“ ›Hummingbird‹ wurde durch Backing-Vocals von Sherlie Matthews, Merry Clayton, Clydie King und Venetta Fields veredelt. Zwischen ihren äußerst illustren Sessionaufträgen traten Matthews, King und Fields als The Blackberries auf, die bekanntlich in den 70ern mit Humble Pie zusammenarbeiteten.

Clayton ihrerseits kann auf einen Katalog von Kollaborationen zurückblicken, der viel zu umfangreich für diesen Artikel ist. Den meisten ist sie ein Begriff als die weibliche Stimme auf ›Gimme Shelter‹ von den Rolling Stones. „Es war wunderbar, mit B.B. zu arbeiten“, sagt Sherlie Matthews. „Er wusste genau, wie die Backing-Vocals arrangiert werden sollten, aber er ermutigte uns, auch eigene Ideen beizusteuern, die er dann auch annahm.“ Doch so gelungen die Produktion auf dem Album auch sein mag, einer der nachhallendsten Tracks ist der wohl reduzierteste: Die Platte beginnt mit ›Nobody Loves Me But My Mother‹, einem Solo-Blues-Klavierstück von Carole King. Darauf gibt es die entscheidende Zeile „She might be jivin‘ too“, die andeutet, dass B.B. bei der Entstehung des Albums jede Menge Spaß hatte.

„Er fühlte sich sehr wohl im Studio“, so Szymczyk. „Ich leitete äußerst entspannte Sessions und ließ B den Musiker die Songs zeigen, sodass daraufhin alle die Arrangements ausarbeiten konnten. Wenn er die anderen, die er zuvor nie getroffen hatte, dann kennenlernte, war er ziemlich locker.“ Das hört man in Kings Gitarrenspiel, nicht zuletzt in dem wundervoll beseelten Solo auf ›Chains And Things‹. Diesen Song könnte man als die SEEDS-Variante von ›The Thrill Is Gone‹ bezeichnen, die durch eine fast fünfminütige Laufzeit brütet. Laut Szymczyk waren die Ähnlichkeiten zu dem großen Klassiker aber nicht beabsichtigt. „Ehrlich gesagt habe ich das nie mit ›The Thrill Is Gone‹ verglichen. Der Streicher-Overdub erinnert wohl daran.“ Joe Bonamassa coverte ›Chains And Things‹ bei seinem Konzert im Shepherds Bush Empire, das für seine Live-DVD bzw. -CD TOUR DE FORCE: LIVE IN LONDON von 2014 aufgezeichnet wurde. B.B. King und Szymczyk sollten noch ein weiteres Album zusammen machen, das 1971 erschienene, hochgelobte LIVE IN COOK COUNTY JAIL. Diese gemeinsamen Platten gehören bis heute zu den beliebtesten in der Karriere des Blues-Giganten. Leider verstarb er im Mai 2015 im Alter von 89 Jahren. Er ist in seinem Museum in seiner Wahl-Heimatstadt Indianola beigesetzt, 32 Kilometer entfernt von dem Ort, an dem er auf die Welt gekommen war.

Bill Szymczyk arbeitete nicht nur mit den bereits er wähnten Eagles , Joe Walsh, Johnny Winter und der J. Geils Band zusammen, sondern auch mit REO Speedwagon, Rick Derringer, Elvin Bishop, Wishbone Ash, Santana, Bob Seger und The Who (auf FACE DANCES von 1981). 1990 kehrte er dem Musikbusiness den Rücken, begab sich aber seitdem immer mal wieder ins Studio. Während es auf alle Zeit im Schatten von COMPLETELY WELL stehen wird, sehen viele INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS als ein echtes BluesMeisterwerk an, einige sogar als das bessere der beiden Alben. Doch was

Blues-Boom: B.B. King (Teil 1)

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B.B. Kings COMPLETELY WELL war ein bahnbrechender Meilenstein für die Ewigkeit. Der Nachfolger, INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS, stand immer in dessen Schatten, doch er ist ein vergessenes Meisterwerk, das endlich die gebührende Aufmerksamkeit erhalten sollte.

1970 war das Jahr von B.B. King. Während sein Studioalbum COMPLETELY WELL von 1969 weiter Fahrt aufnahm, schaffte es die geniale Single ›The Thrill Is Gone‹ in die Top 3 der „Billboard Best Selling Soul Singles“ und erreichte Platz 5 in den „Billboard Hot 100“. Sie war eine Neuinterpretation eines Hits von Roy Hawkins von 1951 und ihr düsteres Arrangement verhalf King zu einem Grammy in der Kategorie „Best Male R’n’B Vocal Performance“. ›The Thrill Is Gone‹ zeichnete sich durch sein Streicherorchester aus, eine Dosis ohrenschmeichelnder Zuckerguss, wie er in den 60ern auf Country- und PopPlatten gang und gäbe war, doch im Blues war das revolutionär. Dieser Crossover-Hit veränderte auch Kings Leben und wurde zu seinem großen Klassiker. Nach fast 30 Jahren des bis dato andauernden „Über Nacht-Erfolgs“ hatte der King Of The Blues endlich den Sprung vom Genre-Workaholic in den Mainstream geschafft. Und da er nie der Typ war, der das Gras unter seinen Füßen wachsen ließ, fuhr B.B. in jenem Mai nach Los Angeles, um den Nachfolger zu COMPLETELY WELL aufzunehmen.

„INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS war die erste Platte von B.B., an der ich arbeitete, nachdem ich 1970 von New York nach L.A. gezogen war“, sagt Produzent Bill Szymczyk über Kings 18. Studiowerk. „Ich versuchte nicht, irgendetwas anders zu machen, sondern einfach nur, die beste mir mögliche B.B.-Platte zu erschaffen. In gewissem Sinne könnte man es als COMPLETELY WELL, aber neu und verbessert, betrachten.“ Das Artwork auf SEEDS ist gelinde gesagt ungewöhnlich. Es zeigt eine Gitarre, die aus einer Wassermelone geschnitten wurde, inklusive Hals, Brücke und Pickups, eingestöpselt in einen Verstärker, der aussieht, als sei er durch jede Spelunke der Südstaaten gezerrt worden.


Was hat es mit dem Titel INDIANOLA MISSISSIPPI SEEDS auf sich? Szymczyk erinnert sich an das Gespräch: „Bei einer der Sessions fragte ich B.B., wo er geboren wurde, und er sagte in Indianola, Mississippi. Ich fand es interessant, dass ein so großes Talent aus einem so kleinen Ort kam. Spontan fragte ich ihn, ob er eine Kopie seiner Geburtsurkunde hatte … und er hatte eine! Die verwendeten wir für das Design der Innenhülle. Und die ‚seeds‘ stehen für die Songs, die B.B. der Welt geschenkt hat“. Während die Blues-Ikone Albert King tatsächlich in Indianola, Mississippi, zur Welt kam, „adoptierte“ B.B. King die Stadt hingegen nur als seine Heimat. Tatsächlich machte er am 16. September 1925 seinen ersten Atemzug gut 30 Kilometer entfernt, auf der Berclair-Baumwollplantage in Itta Bena, einem Ort in Leflore County.

Er wurde auf den Namen Riley B. King getauft. Wenige Jahre vor seinem Tod suchte er seinen wahren Geburtsort auf, geleitet von den auf eine Kassette gesprochenen Anweisungen seines verstorbenen Vaters. Der Regisseur Jin Brewer hielt die Szene für seine Dokumentation „B.B. King: The Life Of Riley“ von 2014 fest. Heute ist Indianola wie jede andere Kleinstadt in Mississippi: an der Hauptstraße sieht man Fast-Food-Läden neben mexikanischen Restaurants, Tankstellen und Supermärkten. In der Altstadt, abseits der Leuchtreklamen und dem Lärm, sieht man aber noch die Straßen und Gebäude, die sich kaum verändert haben, seit B.B. an der Ecke Church Street/Second Street vor Passanten spielte. Am Bürgersteig befindet sich ein Wandgemälde seiner Gitarre „Lucille“, um den genauen Ort zu markieren. 1946 zog B.B. King mit seinem Cousin Bukka White nach Memphis, Tennessee, doch war schon nach nur zehn Monaten wieder zurückgekehrt. 1948 unternahm er einen zweiten Anlauf. Diesmal blieb er, tat sich mit den Bihari-Brüdern zusammen, die ein Plattenlabel besaßen, und begann seinen langsamen Aufstieg zu Starruhm.

So wurde er zum Beale Street Blues Boy, was er irgendwann zu B.B. verkürzte, oder einfach B für seine Freunde. 1975 zog er nach Las Vegas, wo er bis zu seinem Tod wohnte. Doch seine Verbindung zu Mississippi und vor allem Indianola war untrennbar. 2005 erklärten das Repräsentantenhaus und der Senat des Bundesstaats den 15. Februar zum „B.B. King Day“, und der Mann der Stunde war überwältigt von dieser Ehrung: „Ich habe nie gelernt, auch ohne Lucille gut zu sprechen“, sagte er in Bezug auf seine legendäre Gibson-Gitarre. „Aber heute versuche ich zu sagen, dass einzig Gott weiß, wie ich mich fühle. Ich bin so glücklich. Danke.“ Und er kommentierte, dass er das letzte Mal bei der Beerdigung von Ray Charles geweint hatte. „Das waren Tränen der Trauer. Heute waren es Tränen der Freude.“ Drei Jahre später eröffnete in dem restaurierten Gebäude der Baumwollentkörnungsmaschine in der Second Street 400 in Indianola das „B.B. King Museum And Delta Interpretive Center“. Als er zur großen Eröffnungsfeier erschien, verriet King, dass er in den 40er Jahren dort gearbeitet hatte.

2015 wurde er dann posthum zum „Außenminister des Blues“ erklärt. Diese Welle der Liebe und des Respekts war so weit entfernt von seinem frühen Leben in Mississippi, dass es kein Wunder war, dass er weinte. Als junger Mann hatte er bittere Armut erlitten. Mit vier Jahren wurde er von seiner Mutter verstoßen, und die Bedrohung durch Gewalt oder Schlimmerem von Rassisten war allgegenwärtig. Einmal musste er mitansehen, wie ein schwarzer Junge von einem weißen Mob gehängt wurde, dann kastriert und hinter einem Auto durch Lexington gezogen. „Wo ich herkam, hängten sie jede Woche jemanden“, sagte er 2012 im „Blues Magazine“. „Das war nichts, das ich nicht zuvor schon erlebt hatte. Das war eines der seltsamen Dinge an den Weißen in der Gegend. Weiße Familien machten einem normalerweise keinen Ärger. Aber die Typen, die Männer, sie hängten fast jede Woche irgendeinen Burschen, einen schwarzen Jungen. Ich wuchs mit der Ansage von Weißen mir gegenüber auf, dass mein einziger Name ‚boy‘ sei“, fuhr er fort. „’Come here, boy! Das ist dein Name‘. Es gab gewisse Regeln, die man schon als Kind kannte. Wenn ich damals einen weißen Mann sah, den ich nicht kannte, ging ich ihm aus dem Weg und ließ ihn vorbei.“

Blues-Boom: Memphis Minnie

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Man kann nicht über die Lichtgestalten des Blues sprechen, ohne Memphis Minnie zu erwähnen. Sie war eine äußerst produktive, schonungslos ehrliche Musikerin und eine wahrhaft unaffektierte Person. Homesick James sagte: „Sie kaute permanent Tabak, auch wenn sie sang oder Gitarre spielte, und sie hatte immer einen Becher bei sich, um ihn ausspucken zu können“. Sie hatte außerdem ein hartes Leben, das sie gekonnt in ihre Musik fließen ließ.

1897 als Lizzie Douglas in Louisiana geboren, floh sie als Teenager nach Memphis, wo sie an Straßenecken Gitarre spielte und sang und ihr Einkommen mit Prostitution aufbesserte, wenn es nicht anders ging. Von 1916 bis 1920 tourte sie mit dem Ringling Brothers Circus durch die Südstaaten, doch erst als sie 1929 begann, mit ihrem ersten Ehemann Joe McCoy aufzutreten, kam ihre Karriere in Schwung. Columbia Records nahm die beiden unter Vertrag und verpasste ihnen die Künstlernamen Kansas Joe und Memphis Minnie, woraufhin sie bis zu ihrer Scheidung 1935 als Duo auftraten. Minnie hatte sich da aber schon so gut in der Szene etabliert, dass sie problemlos auch alleine bestehen konnte. Sie begann, mit verschiedenen Stilrichtungen zu experimentieren.


Memphis Minnie war 32, als sie ihre ersten Aufnahmen mit McCoy machte, eine Zeitgenossin von Tommy Johnson und ein paar Jahre älter als Son House und Skip James. Über 20 Jahre später, als all diese Männer größtenteils in Vergessenheit geraten waren, zog sie in den Clubs immer noch ihr Publikum an und machte Platten. Keine andere Musikerin und nur wenige männliche Kollegen hatten je eine vergleichbare Karriere im Blues.


Wie ihr das gelang, dokumentiertdie Compilation KEEP ON GOING: 1930–1953 von 2016: mit den komplexen Gitarrenduetten der frühen 30er an der Seite von McCoy, den Stücken mit kleinen Bands später in jener Dekade sowie mit elektrifizierenden Aufnahmen mit dem zweiten Ehemann Ernest „Little Son Joe“ Lawlars von 1941 (etwa ihr Hit ›Me And My Chauffeur Blues‹) sowie mit der nach wie vor energischen Musik, die sie in den 50ern aufnahm, darunter Tracks wie ›Kissing In The Dark‹ und ›Broken Heart‹.


Minnie war sehr anpassungsfähig. Big Bill Broonzy erinnerte sich daran, wie er ihr 1933 in einem „harten Wettbewerb“ in einem Nachclub in Chicago unterlag und gestand, dass sie „so gut wie jeder Mann, den ich je gehört habe, Gitarre spielen und singen“ konnte. Und genau wie er bemerkte sie, wie sich der Klang und die Themen des Blues mit den Zeiten veränderten, und hielt damit Schritt. Johnson, House und James gehörten zu den Großen, doch diese Art der musikalischen Weiterentwicklung überstieg selbst ihre Fähigkeiten.


In den 60ern konnte Memphis Minnie vom neu erwachten Interesse der jungen Generation am Blues profitieren, und diese honorierte, dass sie die unverzichtbaren Fundamente des Genres gelegt hatte. 1971 schließlich coverten Led Zeppelin ihren Song ›When The Levee Breaks‹. Ihre Version mag wuchtiger und energischer gewesen sein, nicht zuletzt dank John Bonhams gigantischem Schlagzeugsound, doch der erdige Hoodoo im Kern war einzig und allein Minnies Werk.


Killer-Track: ›Bumble Bee‹

Texte in dieser Serie: Marcel Anders, Geoff Barton, Max Bell, Mark Blake, Joe Bosso, Jamie Dickson, Paul Elliott, Hugh Fielder, Polly Glass, Siân Llewellyn, Joel McIver, Ed Mitchell,
Tony Russell, Johnny Sharp, Mick Wall, Henry Yates

Midnight Oil: Bassist Bones Hillman ist tot

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Vor wenigen Stunden gaben Midnight Oil in den sozialen Medien bekannt, dass ihr Bassist Bones Hillman am 7. November gestorben ist. Hillmann erlag seinem Krebsleiden im Alter von 62 Jahren. Er war seit 1987 Teil der Band.

Erst vor wenigen Tagen haben die Australier ihr brandneues Studioalbum THE MAKARRATA PROJECT veröffentlicht. Mit der Platte machen sie auf die Situation indigener Völker am Beispiel der Aborigines aufmerksam und spenden alle ihre Einnahmen an Organisationen, die für die Umsetzung und Verbreitung des „The Uluru Statement from the Heart“ arbeiten.

Foo Fighters: Erste Single vom kommenden Album ist da

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Vor kurzem wurde noch gemunkelt, jetzt ist es absolute Gewissheit: Die Foo Fighters bringen eine neue Platte raus.

Im Februar 2021 bringen die Foo Fighters ihr zehntes Studioalbum raus. Der Nachfolger zum 2017 erschienenen CONCRETE AND GOLD wird MEDICINE AT MIDNIGHT heißen.

Eine erste Single namens ›Shame Shame‹ haben Dave Grohl und Co. bereits ausgekoppelt. Grohl dazu in einem jüngsten Interview mit NME: „Wir haben schon so viele verschiedene Arten von Alben gemacht. Akustik-Zeug, Punk-Zeug, Mid-Tempo- und Americana-Zeug. Wir verlassen uns einfach immer auf unseren Bauch und dieses Mal dachte ich eben, statt dass wir ein sanftes Erwachsenen-Album machen, „Fuck it, wir machen eine Party-Platte.“

So reagiert die Rockwelt auf den Wahlsieg von Joe Biden

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Seit Samstag ist klar, dass Joe Biden der designierte 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Die Wahlen in den USA und das anschließende lange Auszählen der Stimmen hatte die Welt bis zuletzt in Atem gehalten. Zum Ergebnis gaben zahlreiche Stars Statements. Viele hatten sich schon vorher immer wieder zu Donald Trump geäußert.

Paul Stanley von Kiss twitterte: „Die Freude, die jeder empfindet, der Joe Biden gewählt hat, gab es vor vier Jahren nicht. Damals wurde eine Präsidentschaft gefeiert, die auf Vergeltung, Rache und Unterdrückung fußte. Jetzt freut man sich, dass die dunkle Wolke schneidender Rhetorik und das Klima der Angst sich endlich verflüchtigen.“

Gene Simmons hingegen, eher auf Trumps Seite positioniert, meinte: „Alle sollten tief durchatmen. Man denke immer daran: Wenn man eine Münze in der Hand hält, fällt schnell auf, dass sie zwei verschiedene Seiten hat. Ich hoffe auch, dass man bemerkt, dass beide Seiten Teil der selben Münze sind. Seid heute freundlich zueinander.“

Mick Jagger von den Rolling Stones: „Ich freue mich darauf, wieder in ein Amerika kommen zu können, das frei von scharfen Worten und Beschimpfungen ist. Und darauf, unter Menschen zu sein, die eine gemeinsame Basis haben. Es ist eine Herausforderung, aber es kann geschafft werden.“

Tommy Lee von Mötley Crüe schrieb: „Wir haben viel Arbeit vor uns. Die Menschen haben gesprochen und ich setze großes Vertrauen in uns alle. Wir kriegen das hin.“

Jon Bon Jovi twitterte einfach nur: „Der Heilungsprozess hat begonnen.“

Lenny Kravitz äußerte sich wie folgt: „Wir sollten uns anhand unserer Taten definieren. Wir sind keine Demokraten oder Republikaner. Wir sind Menschen, wir haben einander und einen Planeten, um den wir uns kümmern müssen. Jetzt ist die Zeit: Let love rule! Gratulation an Joe Biden und Kamela Harris, die erste Frau und woman of colour im Amt der Vizepräsidentin.“

Kiss: Tommy Thayer im Interview

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„Es wird mich nie nerven.“ Thommy Thayer über die letzten Tage von KISS und seine Pläne nach dem grande Finale.

Im Januar 2019 durften einige auserkorene Musikjournalisten 15 Minuten mit Tommy Thayer und Paul Stanley am Telefon verbringen. Grund dafür war natürlich die damals gerade beginnende Abschiedstournee unter dem Titel „End Of The Road“. Ganz im Sinne der typischen Kiss-Kommunikation zeigte sich Rekrut und Spaceman Tommy Thayer damals von seiner zwar immer charmanten, aber äußerst diplomatischen Seite. Zahlreiche Superlative natürlich inklusive.

Und, wie läuft die Tour bisher?
Oho! (lacht) Wie du vielleicht schon mitbekommen hast, haben wir uns für diese Tour monatelang vorbereitet. Wir wollten wirklich alles übertreffen, was wir jemals geliefert haben. Ich weiß, Bands sagen das ständig, aber in unserem Fall stimmt es auch. Vancouver war voll, 15.000 Leute in der Arena, der Start hätte also nicht besser laufen können. Grundsätzlich haben wir in diese Shows wirklich sehr viel Zeit und Aufwand gesteckt und das zahlt sich auch aus. Die Reaktionen bisher waren durchgehend überwältigend.

KISS haben bisher noch keine Pläne für das Ende der Tour, aber habt ihr vielleicht schon darüber gesprochen, wo das letzte Konzert stattfinden wird: In Detroit oder im Madison Square Garden zum Beispiel?
Nein, darüber haben wir noch nicht gesprochen, wir wissen ja noch nicht mal ganz genau, wie lange diese Tour dauern wird. Wenn wir uns dem Ende nähern, werden wir einen besseren Überblick haben.

Du hast ja bereits angemerkt, dass die kommenden Shows nochmal größer werden als je zuvor. Wie schwer ist es, sich selbst immer und immer wieder übertreffen zu wollen?
(lacht) Ehrlich gesagt, ist das schon schwierig, vor allem mit einer Band wie KISS, die ja den Ruf hat, eine der größten Shows, Produktionen und die mächtigste Pyrotechnik zu haben. Trotzdem haben wir’s geschafft. Keine Ahnung, ob du schon Fotos oder Videos gesehen hast: Alles ist sehr neu, modern und sehr anspruchsvoll, trotzdem total Rock’n’Roll. Die Leute werden wirklich staunen.

Da bin ich ja mal gespannt. Wie fühlt es sich an, Teil einer Band zu sein, die grundsätzlich zu in Superlativen spricht?
(lacht) Ich bin der glücklichste Typ auf Erden. Ich meine, jedes Kind, das irgendwie auf Rock’n’Roll steht, träumt doch davon, irgendwann mal in einer Band wie KISS auf den größten Bühnen dieser Welt zu spielen. Weißt du, als ich klein war, spielte ich Luftgitarre zu KISS ALIVE, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Ich lebe den Traum, besser wird es nicht mehr.

Seit über 16 Jahren bist du bei KISS. Ist da auch heute noch Druck involviert?
Ja, aber da geht es allen in der Band gleich, schließlich willst du immer dein Bestes geben. Wobei ich nicht weiß, ob Druck das richtige Wort ist. Vielleicht war damals 2001, als ich angefangen habe, Druck dabei, schließlich habe ich die Rolle eines sehr beliebten Gitarristen übernommen. Das war sogesehen eine No-Win-Situation, zumindest für eine Weile. Aber ich habe einfach meinen Job gemacht und etwas gebraucht, um voll darin aufzugehen. Das ist ganz normal, denke ich.

Was ist schlimmer: Die Die-Hard-Fans, die Ace Frehley zurückwollen oder die Leute, die nicht mal einen Unterschied erkennen?
Diese Fans, von denen du sprichst, sind eigentlich nur sehr wenige. Trotzdem gibt es die natürlich und ich kann sie auch verstehen, ich selbst war ja früher ein Fan von KISS und sehe schon ein, warum man nicht möchte, dass die eigene Lieblingsband sich verändert. Aber die Wahrheit ist, dass 90% der Menschen bei unseren Shows oft neuere oder jüngere Fans sind. Die Mischung ist so vielfältig, die Die-Hard-Fans fallen da gar nicht so ins Gewicht. Außerdem bin ich sehr ausgeglichen und lasse sowas gar nicht an mich heran, vor allem weil ich sie ja – wie bereits erwähnt – auch verstehen kann.

Ist die Setlist der Abschiedstour die ultimative KISS-Setlist?
Über das Set haben wir viel gesprochen und nachgedacht. Uns war klar, dass bei den Abschieds-Show einfach viele verschiedene Leute anwesend sein würden, deswegen muss man die Hits spielen und kann nicht zu tief graben, sonst zerstört man am Ende noch den Moment. Die Untergrund-Perlen heben wir uns dann für die KISS-Cruise und die Super-Fans auf, bei den großen Shows gibt es die Klassiker zu hören.

Nachdem du am Ende dieser Tour fast über 20 Jahre in KISS gewesen sein wirst, welche künstlerischen Ziele gibt es für dich persönlich noch?
Ach, bestimmt einige, aber was ich genau tun werde, kann ich noch nicht sagen. Aktuell fokussiere ich mich zu 110% auf die laufende Tour, aber später wird sich schon etwas für mich finden im Musik-Business. Und vergiss nicht, KISS werden ja nicht komplett weg sein. Klar, wir werden nicht mehr touren, aber die Marke, das Logo, all das lebt ja weiter, da werde ich bestimmt auch weiterhin involviert bleiben.

Schon mal darüber nachgedacht, wieder regelmäßig mit Black & Blue zu spielen?
Ach, wir spielen ja immer wieder mal zusammen, vor ein paar Monaten beispielsweise erst. (lacht) Aber wir hatten unsere guten Zeiten damals in den 80ern, ich denke nicht, dass da nochmal etwas Beständigeres kommt. Alle wachsen, alle bewegen sich in unterschiedliche Richtungen, also nein.

Werden sich die Leute mehr an die Songs oder an die Marke „KISS“ erinnern?
An beides. In letzter Zeit habe ich oft mit Gene über dieses Thema gesprochen und er denkt genauso. Ich meine, theoretisch könnte es sogar weiterhin KISS-Konzerte mit anderen Leuten geben, wenn man es richtig anstellt.

Also ist das KISS-Monster größer als die Persönlichkeiten dahinter?
Ich würde sagen, dass Gene und Paul nicht zu ersetzen sind, das kann man sich nur schwer vorstellen. Aber wenn man sich dann Queen mit Adam Lambert anschaut, der jemanden wie Freddy Mercury ersetzt, oder Brian Johnson anstelle von Bon Scott. Deswegen bleibe ich dabei: Wenn man es richtig macht, ist es möglich. Schließlich ist es noch seltsamer, sich vorzustellen, dass es all diese großen Rockbands, all diese Helden in 10 Jahren einfach nicht mehr geben wird. Wird die Musik der Beatles jemals verschwinden? Kannst du dir das vorstellen? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Gibt es einen Song, bei dem du froh bist, dass du ihn bald nie wieder spielen musst?
Nein, ich habe ein solches Glück, all diese Lieder spielen zu dürfen. Ich könnte mir nie vorstellen, jemals zu sagen, dass ich froh sein werde, einen bestimmten KISS-Song nicht mehr spielen zu müssen. Ich bin ein Glückspilz, ich liebe das, was ich tue. Es wird mich nie nerven.

Neil Young & Crazy Horse – RETURN TO GREENDALE

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Eskapismus, plakative Botschaften? Vor allem: großartige Musik

Als Neil Young 2003 sein Konzeptalbum GREENDALE über eine fiktive amerikanische Kleinstadt rausbrachte, gab es nicht nur positive Kritiken. Er konstruiere eine heile Welt auf dem Land, hieß es ungefähr, er schieße plakativ gegen Politik und Medien, er sei in Wahrheit ein Redneck. Dass Young mit seinen Ansichten nicht hinterm Berg hält, stimmt. Eine Idylle ist sein Greendale nicht. Und das liegt nicht nur an äußeren Einflüssen. Auch hier sind die Leute misstrauisch, auch hier betrügen sie einander, genauso wie überall sonst. Im Zentrum des Songzyklus mit zehn langen, sprechsingend vorgetragenen Stücken stehen drei Generationen der Familie Green. Am Anfang sitzen Grandpa und Cousin Jed noch plaudernd auf der Veranda, im Lauf der Handlung brechen Krieg und Tod, sensationsgierige Medien und staatliche Willkür über die Familie herein. Der Großvater stirbt, Jed landet im Knast, die Enkelin Sun Green geht als Umweltaktivistin nach Alaska.

Young skizzierte auf seinem Album von 2003 ein Amerika der Angst und Paranoia. GREENDALE war ganz klar auch eine Kritik an der Bush-Regierung, am Irakkrieg. Jetzt kommt mit RETURN TO GREENDALE ein Livemitschnitt der damaligen Tour. Und der zeigt, dass diese Lieder vor allem eins sind: großartige Musik. ›Bandit‹ ist spröde und akustisch, ›Bringin’ Down Dinner‹ hört sich besinnlich an, der Rest sind episch-mäandernde Rocksongs, wie man sie von Young mit Crazy Horse kennt. Young spielt freie, improvisierte Gitarrenfiguren, der Feedback-Lärm, den er dazwischen macht, klingt, als wäre etwas auf grandiose Weise kaputt gegangen. Wer ihm dabei auch zuschauen möchte: In der Deluxe-Edition ist der Konzertfilm dabei.

9 von 10 Punkten

Neil Young & Crazy Horse, RETURN TO GREENDALE, REPRISE/WARNER