Alan Lancaster wird heute 72 Jahre alt. Zum Geburtstag des ehemaligen Bassisten von Status Quo blicken wir zurück auf die Anfänge der Band, als sie 1970 ihr drittes Studioalbum MA KELLY’S GREASY SPOON veröffentlichten und den Opener der Platte, ›Spinning Wheel Blues‹, in der deutschen Fernsehsendung „Musikladen“ zum Besten gaben.
Auf MA KELLY’S GREASY SPOON legten Status Quo ihren psychedelisch angehauchten Sound von zuvor zu den Akten, setzten auf geradlinigeren Hard Rock und flochten schon langsam die Boogie-Vibes ein, die sie wenig später so berühmt machen sollten.
1986 gingen Alan Lancaster und Status Quo getrennte Wege, nachdem es in den Jahren zuvor bereits gekriselt hatte. Seine vorerst letzte Show mit der Band vor der Reunion Jahre später war das Live-Aid Konzert im Jahr 1985.
Warum wurden Alben wie LIVE ERA ’87–’93 von Guns N’ Roses von den Fans nicht ebenso begeistert aufgenommen wie APPETITE FOR DESTRUCTION? Wir lüften die Geheimnisse hinter diesem übergangenen Album mit Unterstützung von Gitarrist Gilby Clarke, Sängerin Roberta Freeman, Tontechniker Jim Mitchell, Michael Monroe von Hanoi Rocks und Brian James von The Damned.
Am Boden des Proberaums, wo früher Izzy Stradlins Verstärker stand, war ein Stück Klebeband angebracht. „Auf diesem Stück – und das werde ich nie vergessen –“, sagt Gilby Clarke heute, „stand: ‚Hast du das, was es braucht, um auf diesem Fleck zu stehen?‘“ Clarkes Audition für Guns N’ Roses fand in den Third Encore Studios in North Hollywood statt. Slash hatte ihn gegen Mitternacht angerufen und ihm gesagt, er solle am nächsten Nachmittag vorbeikommen.
Clarke kam an jenem Herbsttag 1991 mit einer Les Paul und einem kleinen Marshall-Verstärker zur Audition für die Position des Rhythmusgitarristen von Guns N’ Roses, die Stradlin nach der Tournee zu den USE YOUR ILLUSION-Alben aufgegeben hatte. Und er hatte das, was es brauchte. Er bekam den Job und in seinen drei Jahren mit der Band begleitete er sie auf ihrer legendärsten Tournee. In jene Zeit fielen auch zwei alles andere als legendäre Alben: THE SPAGHETTI INCIDENT? und LIVE ERA ’87–’93. Für eine so riesige Band sind diese Platten, vor allem letztere, praktisch vergessen, verloren im Treiben zwischen dem furios-genialen Debüt APPETITE FOR DESTRUCTION, dem kontroversen GN’R LIES, dem ausufernden USE YOUR ILLUSION und dem gleichermaßen mythologisierten wie überzogenen CHINESE DEMOCRACY.
LIVE ERA ’87–’93 ist ein unterbewerteter Konzertmitschnitt und die einzige offizielle Liveplatte aus der klassischen Ära der Band. Es zeigt, warum GN’R machtvoll genug waren, um sich 2016 (teilweise) wiederzuvereinen und Stadien und große Hallen rund um den Globus zu füllen, Jahrzehnte nach ihrer Glanzzeit. Auf dem Punk-Coveralbum THE SPAGHETTI INCIDENT? wiederum fanden sich ein paar knackige Juwelen. Es war bewundernswert, dass die Gruppe nach dem Monumentalwerk des USE YOUR ILLUSION-Doppels zu ihren Wurzeln als Band von der Straße zurückkehrte.
SPAGHETTI und LIVE ERA erschienen jeweils am 23. November, mit sechs Jahren Abstand, Ersteres 1993, Letzteres 1999. Eine Zeit, in der Guns N’ Roses zerfielen, bis Axl Rose als einziges Originalmitglied verblieben war, sein Verhältnis zum schlangenhaarigen Gitarrenhelden Slash vergiftet und zerrüttet. Keine der beiden Platten ist unverzichtbar, doch die Geschichte der Band wäre ohne sie nicht vollständig. Zwischen all dem wagemutigen Hardrock, den Stadien und dem Drama der frühen 90er bei GN’R wurde ihr neuer Gitarrist nie an die Leine gelegt. „Mir wurde kein einziges Mal gesagt, was ich spielen oder nicht spielen sollte. Nie“, so Clarke. „Aber ich konnte immer spüren, wenn etwas nicht funktionierte – Slash blickte dann einfach herüber nach dem Motto: ‚Was zur Hölle war das?‘ (lacht) Es war klar, ob man seine Aufmerksamkeit im guten oder im schlechten Sinne erregt hatte.“
Clarke spielte auf 16 der 22 Tracks auf LIVE ERA, was es noch fragwürdiger erscheinen lässt, dass er und Schlagzeuger Matt Sorum nur als „zusätzliche Musiker“ angegeben wurden. „Damals fand ich das nicht, aber heute ist es irgendwie lustig“, sagt Clarke. Seine Highlights auf der Platte waren das Stacheldrahtknäuel ›Nightrain‹, das explosive ›It’s So Easy‹, das tribal-metallische ›You Could Be Mine‹ und das gebührend epische ›Estranged‹. Nachdem er den Job bekommen hatte, ging es für Clarke sofort mit Vollgas los. Dem Mann aus Clevelandwurde aufgetragen, den gesamten Katalog von Guns N’ Roses zu lernen – 50 Tracks in zwei Wochen. Auf Tour hörte er Alben von Bash & Pop, Mazzy Star sowie Stradlins Solodebüt IZZY STRADLIN AND THE JU JU HOUNDS. Und er ist der Erste, der seinen Vorgänger lobt: „Ich liebte das, was Izzy und Slash machten, vor allem auf APPETITE. Sie ergänzten sich perfekt. Das warbeinahe ein Aerosmith-Ding, und Aerosmith sind ja auch nur eine lautere Version der Stones. Ich versuchte, auf dem aufzubauen, was Izzy begonnen hatte. Ich spiele mit weniger Verstärkung als Slash, aber mehr als Izzy“.
Von den Aufnahmen mit Stradlin auf LIVE ERA stechen vor allem das stampfende ›You’re Crazy‹ und ›Used To Love Her‹ heraus, das etwas an ›Some Girls‹ erinnert. Clarke sagt, er habe sich die Platte nur einmal angehört, als sie veröffentlicht wurde. „Ich hatte damals etwas zu viel von Guns N’ Roses gehabt. Aber ich erinnere mich definitiv daran, diese Konzerte gespielt zu haben. Songs wie ›Patience‹ haben immer Spaß gemacht. Das liebte ich schon, als ich es das erste Mal auf MTV oder so hörte, und Axl sang es immer großartig.“ Auch ›Welcome To The Jungle‹ gehörte zu seinen Favoriten, das auf LIVE ERA mit einer feurigen Version von 1992 aus Buenos Aires vertreten ist, „denn sobald das Riff anfing, egal wo, drehte das Publikum durch“. Unter der ausladenden Bühne der „Use Your Illusion“-Tour waren provisorische Garderoben eingerichtet, wo die Backing-Sängerinnen Roberta Freeman und Traci Amos saßen, tranken, Karten spielten und abhingen.
Sie sangen nur auf etwa zwölf der ca. 20 Songs, die GN’R jeden Abend spielten. Und da die Band ohne Setlists arbeitete, wussten sie nie genau, wann sie gebraucht wurden. „Plötzlich hörten wir das Intro von ›Paradise City‹ und mussten auf die Bühne rennen, um rechtzeitig am Mikro zu stehen“, erzählt Freeman. „Bei den längsten Songs, auf denen wir nicht sangen, ging ich aufs Klo, denn in diesen riesigen Stadien sind die Toiletten eine Fahrt mit dem Golfbuggy entfernt.“ Freeman und Amos verstärkten die Wucht von GN’R noch zusätzlich, vor allem auf der Southern-Rock-goes-Sunset-Strip-Hymne ›Paradise City‹.
Auch dem Wah-wah-Dominatrix-Derwisch ›Pretty Tied Up‹ verliehen sie extra Pfeffer. Freeman war Lautstärke gewohnt. Sie war mit Rock’n’Roll wie David Bowie aufgewachsen und hatte gerade eine Tournee mit Cinderella beendet. Cinderella-Schlagzeuger Fred Coury empfahl sie Slash, der erwähnt hatte, dass Axl Backing-Sängerinnen für Guns N’ Roses wollte. (Er wollte auch eine komplett weibliche Bläsersektion, woraus die 976 Horns entstanden.) Freeman hält fest, dass Cinderella-Sänger/Gitarrist Tom Keifer und Rose „ähnliche Stimmen haben, wenn sie in ihr Falsett gehen“. Doch GN’R waren völlig anders. „Bei Cinderella probten wir eine Million Mal. Bei Guns wusste man nie, was einen erwartete.“
Das dritte Album innerhalb von acht Jahren liefern Walking Papers aus Seattle mit THE LIGHT BELOW ab. Die einst von Jeff Angell (Gesang/Gitarre) und Barrett Martin (Drums, ehemals in den Diensten von Skin Yard, Screaming Trees, Mad Season und Tuatara) ins Leben gerufene Truppe wurde in den Anfängen (das selbstbetitelte Debüt erschien 2013) von Duff McKagan (Guns N’ Roses, Velvet Revolver, Ten Minute Warning, Loaded) am Bass sowie Keyboarder Benjamin Anderson unterstützt. Jack Endino (Soundgarden, Nirvana, Bruce Dickinson) hat das Debüt seinerzeit produziert, Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready war als Gast zu hören. THE LIGHT BELOW führt den alternativen Rock mit bluesigem Fundament noch eine Stufe weiter und bringt großes Kino, Angell erzählt mit dunkler, rauchiger Stimme seine Geschichten von verführerischer Dunkelheit.
https://youtube.com/watch?v=9MAWMSzjanY
Dieses Mal stehen Angell neben dem bereits erwähnten Anderson noch Will Andrews (Schlagzeug), Gregor Lothian (Saxophon, dessen Engagement viel zum opulenten Gesamtsound beiträgt) und Stone Temple Pilot Dean DeLeo zur Seite, der beim intensiven Longtrack ›Divine Intervention‹ und bei ›Stood Up At The Gates Of Heaven‹ in die Saiten greift. ›Creation Reproduction And Death‹ reiht sich irgendwo zwischen The Cult, The Doors, Mad Season und Nick Cave ein, ist kunstvolle Rockmusik, nach der es sich lohnt, Ausschau zu halten. Schon jetzt ein Anwärter auf das Album des Jahres.
9 von 10 Punkten
Walking Papers, THE LIGHT BELOW, CARRY ON MUSIC/BERTUS
25 Jahre Foo Fighters und mit MEDICINE AT MIDNIGHT hat die Truppe um Tausendsassa Dave Grohl ihr insgesamt zehntes Studiowerk fertiggestellt. Zwei Jubiläen, die es gebührend zu feiern gilt. Die kurzweilige Dokumentation der Band, „Times Like Those“ betitelt, ist wie zu erwarten irre lustig und rafft ein Vierteljahrhundert Foo Fighters kompetent zusammen. Machen die Foos es sich zum Geburtstag leicht und erschaffen einfach ein weiteres typisches Foo-Fighters-Album? Oder gehen sie den unerwarteten Weg und liefern etwas Neues?
Die erste Auskopplung ›Shame Shame‹ deutet eher Letzteres an, ein interessanter Rhythmus paart sich aber leider mit einer extrem schwachen Songidee. Experimentmisslungen, genau wie das tanzbare ›Cloudspotter‹ (funky). ›No Son Of Mine‹, die zweite Single und Grohls’ Helden Lemmy Kilmister gewidmet, gelingt etwas besser, aber auch ohne wirklich zu überzeugen. Mit ›Waiting On A War‹, der schon dritten Auskopplung, hat die Formation lediglich eine Nummer im Gepäck, die als komplett typischer Track des Sextetts durchgeht und von der Dynamik an ›The Pretender‹ erinnert. Sie ist für Grohls Tochter Harper geschrieben, die eine wohlbehütete Zukunft verdient, wie eben jedes Kind auf der Welt.
Mit ›Medicine At Midnight‹ wildern die Foos sehr gelungen im New-Wave-Sumpf (denke an Gary Numan und David Bowies ›China Girl‹), eine Seite, die ihnen auch in ›Holding Poison‹ (mit Queen-Chor) sehr gut zu Gesicht steht. ›Chasing Birds‹ klingt wie eine beatleske Version eines John-Lennon-Solosongs und gehört damit neben ›Medicine At Midnight‹ zu den Gewinnern der LP. Ein prima Einstieg ins Abenteuer passiert mit dem Opener ›Making A Fire‹, sehr außergewöhnlich mit vielen weiblichen NaNaNa-Chören. Mit der poppigen Überraschung ›Love Dies Young‹ gelingt der Band zum Abschluss noch ein volles Pfund. Nicht alles funktioniert, offene Münder sind auch nicht zu erwarten, aber den Foo Fighters gelingt ein Album, das weit über dem geläufigen Durchschnitt liegt.
8 von 10 Punkten
Foo Fighters, MEDICINE AT MIDNIGHT, ROSWELL/RCA/SONY
Die Stiefel sind zum Wandern: Wie aus Nancy Sinatra eine unsterbliche Swinging-Sixties-Legende wurde
Seit exakt 55 Jahren steht die Drohkulisse! Eine hochgewachsene Platinblonde in Lederstiefeln lässt ihrem Hallodri von Kerl nach dem Fremdgehen ordentlich Ungemach angedeihen: „These boots are made for walkin’/And that’s just what they’ll do/One of these days these boots are gonna walk all over you/Are you ready, boots? Start walkin’“ – und die 1966 noch weitgehend von Kinder, Küche, Kirche unbefreite Damenwelt sah am Horizont rosa Zeiten für das weibliche Geschlecht auf sich zukommen. ›These Boots Are Made For Walkin’‹, komponiert, arrangiert und produziert von Lee Hazlewood, kongenial interpretiert von Nancy Sinatra, belegte 1966 nicht nur internationale Spitzenpositionen, sondern stieg im Laufe von Dekaden gar in den Rang einer Women’s-Liberation-Hymne auf. Mit 26 Jahren startete US-Showbiz-Legende Frank Sinatras Töchterlein endlich durch – da lagen seit 1961 schon ein Dutzend Singles-Flopps auf Papis Label Reprise Records hinter ihr. Hazlewood stylte Nancy komplett neu durch: Stimmtimbre tiefer gelegt, schulterlange Mähne von Braun auf Platinblond, cool dominante Pose, kräftiges Make-up und Swinging London Carnaby Street Look machten aus dem etwas blassen It-Girl endlich einen Star. Nach dem Hit ist vor dem Hit – Lee Hazlewood legte sich mit Hitgespür, Arrangierkünsten und Sessionmusikern richtig ins Zeug, um seine Nancy nicht zu einem One Hit Wonder verkommen zu lassen.
START WALKIN’ 1965–1976 versammelt in einem 7 x 7 Inch Cover samt 64-seitigem Booklet und Kalender 2021 digital von den Analog-Tapes optimierte 23 Tracks, darunter die Chartsingles ›How Does That Grab You, Darlin’?‹, ›Friday’s Child‹, ›Sugar Town‹ und ›Lightning’s Girl‹. Zudem durfte Nancy 1967 John Barrys begehrte 007-Themenmelodie ›You Only Live Twice‹ übernehmen. Legendäre Duette mit Hazlewood wie ›Sand‹, ›Jackson‹, ›Lady Bird‹, ›Summer Wine‹ und ›Some Velvet Morning‹ lassen sich ebenfalls orten. Späteres Material, u. a. ›Happy‹, ›Arkansas Coal‹, ›Paris Summer‹, ›Down From Dover‹, ›Hook And Ladder‹, ›How Are Things In California‹ oder ›Hello L.A., Bye Bye Birmingham‹, erreichte zwar keinen Hitstatus mehr, besaß aber dennoch eine ausgeprägt hohe Qualität.
10 von 10 Punkten
Nancy Sinatra, START WALKIN’ 1965–1976, LIGHT IN THE ATTIC/CARGO
Alice Coopers satirische Hymne mit den großen Riffs war ein „beschissener“ Song mit textlichem „Gefasel“, der zu einer beißenden Parodie auf die US-Politik umgemodelt worden war – und John Lennon zum Fan machte.
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Elected‹ ist einer von Alice Coopers berühmtesten und brillantesten Songs, eine typisch pompöse Hymne vom Meister aller Rock-Showmen und ein Musterbeispiel für bissige politische Satire. Es war auch ein großer Hit und erreichte 1972 die US-Top 30, UK-Top 5 und Platz 3 in Deutschland. Am meisten dürfte den von den Beatles besessenen Schöpfer dieses Stücks jedoch gefreut haben, dass John Lennon es als „eine großartige Platte“ bezeichnete. Nicht schlecht für ein Lied, das in seiner ursprünglichen Inkarnation als Coopers Single-Debüt gefloppt, in den eigenen Worten des Sängers „größtenteils beschissen“ und dessen Text „Gefasel“ war. Die Geschichte von ›Elected‹ reicht zurück ins Jahr 1969, als Alice Cooper und die Band gleichen Namens ihr erstes Album aufgenommen hatten. Als Album, so Alice, war PRETTIES FOR YOU „experimenteller Rock’n’Roll. Aber wir hatten ein Stück namens ›Reflected‹, das ein Riff und eine Hookline hatte, also wurde das unsere erste Single.“
›Reflected‹, geschrieben von allen fünf Bandmitgliedern, war quintessenziell abgehobener, Spät-60er-Psychedelic-Rock. „Der Text war dumm“, so Alice. „Es war dieses falsche, quasi-spirituelle 60er-Ding. Wir hatten keine Ahnung, wovon wir sprachen.“ Als Single verschwand ›Reflected‹ umgehend in der Versenkung. „Wir hatten nie wirklich erwartet, dass da was passieren würde“, gesteht Alice. Doch drei Jahre später sollte dieses vergessene Stück eine neue Gestalt, einen neuen Titel und ein neues Leben annehmen.
1972 war Alice Cooper ein großer Star. Die Single ›School’s Out‹, ein freudiger Aufruf zur Rebellion im Klassenzimmer, hatte in Großbritannien Platz 1 erreicht, was den Labour-Abgeordneten Leo Abse und die Sittenwächterin Mary Whitehouse dazu bewegte, ein Verbot für Alice-Konzerte vor britischem Publikum zu fordern. „Leo Abse und Mary Whitehouse taten so viel für unsere Karriere“, sagt Alice. „Wir hätten solche Publicity nie kaufen können.“
Darüber hinaus inspirierte der politische Aufruhr um ›School’s Out‹ den Satiriker in Alice. „Ich beschloss, ein Lied als generelle Provokation an Politiker zu schreiben“, erklärt er. „Und in Amerika hatten wir damals Richard Nixon, der das ultimative Ziel war. Dein Präsident ist immer ein Fixpunkt für Satire, aber Nixon – den konnte man gar nicht genug aufs Korn nehmen. Außerdem standen die Präsidentschaftswahlen 1972 an, und ich dachte: Wen würde man auf keinen Fall als Präsident wollen? Und diese Person war Alice Cooper!“
Produzent Bon Ezrin schlug vor, ›Reflected‹ als Grundgerüst für Alice Coopers politische Comedy zu verwenden. Nachdem er schon an SCHOOL’S OUT und dessen Vorgänger LOVE IT TO DEATH gearbeitet hatte, sah Alice ihn als inoffizielles sechstes Bandmitglied an. „Bob war unser Guru“, sagt Alice. „Und er liebte ›Reflected‹.“
Ezrin erkärte Alice: „Wir können dieses Lied nicht einfach verschwinden lassen. Es sollte neu aufgenommen werden – und hundertmal so groß sein.“ Sowohl das Riff als auch Teile der Melodie wurden für ›Elected‹ wieder verwendet. Und da dieses Riff laut Alice „eine Hommage an The Who und diese großen Pete-Townshend-Akkorde“ war, passte es nur zu gut, dass The-Who-Schlagzeuger Keith Moon anwesend war, als ›Elected‹ im Sommer 1972 in den Morgan-Studios in London aufgenommen wurde. Marc Bolan und zwei von Alices Chaos-Saufbrüdern, Harry Nilsson und Ringo Starr, waren ebenfalls vor Ort. Alice sagt, dass all diese Gäste auf dem Album BILLION DOLLAR BABIES spielten, aber fügt mit einem reumütigen Kichern hinzu: „Keiner von uns konnte sich erinnern, was genau sie gespielt hatten.“
Keinerlei Zweifel dagegen hegt Alice bezüglich der Bedeutung von Bob Ezrin bei der Entstehung von ›Elected‹. „Bob wusste, wie man Lieder ins Radio bringt“, sagt er. „Und als er noch das Orchester am Ende hinzufügte, klang es wirklich wie eine Big Band, die bei einer Wahlkampfparade spielt. Das Stück wurde so theatralisch, und genau darum ging es Alice Cooper ja auch.“
Alice beschrieb ›Elected‹ als „eine große Satire darauf, was es braucht, um Präsident der USA zu werden“, als Parodie auf das großspurige Auftreten und die leeren Versprechungen eines Präsidentschaftskandidaten: „I’m your Yankee doodle dandy in a gold Rolls-Royce, I wanna be elected.“ (Ich bin dein Yankee-doodle-Dandy in einem goldenen Rolls-Royce, ich will gewählt werden.) Der Witz bekam zusätzliches Gewicht, als Alices Hauptziel Richard Nixon Anfang 1973 in den Watergate-Skandal verwickelt wurde, den berüchtigtsten Politskandal des 20. Jahrhunderts, und in der Folge der einzige US-Präsident wurde, der je von seinem Amt zurücktrat. Nixon wurde zu diesem Zeitpunkt derart viel Misstrauen von der amerikanischen Öffentlichkeit entgegengebracht, dass Alice sagt: „Als Watergate passierte, glaube ich nicht, dass irgendjemand überhaupt noch geschockt war.“
Alice hat sich nie auf die Seite einer politischen Partei gestellt und kritisierte 2004 andere Rockstars wie Bruce Springsteen und John Mellencamp dafür, dass sie öffentlich den Demokraten John Kerry im Kampf gegen George W. Bush unterstützten. „Das ist Verrat am Rock’n’Roll“, ließ er verlauten, „denn Rock ist die Antithese zur Politik.“ Doch er besteht darauf, dass ›Elected‹ auch 40 Jahre später noch genauso relevant ist als Anklage an die schmutzigen Machenschaften in der Politik. „Jeden Abend, wenn wir ›Elected‹ spielen und ich am Ende des Stücks zur Punchline komme, wo ich über all die Probleme in der Welt rede und dann sage, ‚personally, I don’t care’ (mir persönlich ist das egal), jubeln alle.“
Vor allem aber stellt ›Elected‹ einen persönlichen Triumph für Alice Cooper dar. Ein Stück, das als gefloppte Single von einem Album stammte, das ein Kritiker als „tragische Plastikverschwendung“ verriss, wurde als weltweiter Hit neu erfunden. Und das größte Kompliment kam von einem Mann, den er als Held verehrte. Alice erinnert sich stolz: „Gleich nachdem wir ›Elected‹ aufgenommen hatten, war ich im Büro unserer Plattenfirma in New York und John Lennon ging an mir vorbei. Er sagte, ‚tolle Platte, Alice’. Ich sagte, ‚danke’. Dann ging er noch drei Schritte, drehte sich um und sagte: ‚Paul hätte es besser gemacht.’ Und ich sah ihn an und sagte: ‚Natürlich hätte er das – er ist Paul McCartney!’ Aber ich war so glücklich. Hey, John Lennon liebte mein Lied. Besser geht’s einfach nicht.“
Die Fakten
Erschienen: Oktober 1972
Höchste Chartposition: Deutschland 3, UK 4, USA 26
Personal: Alice Cooper -Vocals Glen Buxton, – Gitarre Michael Bruce – Gitarre Dennis Dunaway – Bass Neal Smith – Schlagzeug
Autoren: Alice Cooper, Glen Buxton, Michael Bruce, Dennis Dunaway, Neal Smith
Oberflächliche Betrachter mögen sich nach einem allzu hastigen Blick auf das Cover-Motiv vielleicht fragen, wer denn dem Kanzler der Einheit all die Geldscheine hinter die Löffel geklemmt hat, aber das ist die völlig falsche Fährte. Wie das 1990 veröffentlichte Video-Album DIRTY ROTTEN FILTHY STINKING RICH der US-Glamrocker Warrant enthüllte, handelte es sich bei dem feisten Herren um einen gewissen „Cashly Guido Bucksley“, der im Jahr zuvor vom Illustrator Mark Ryden für das Debütalbum der Band kreiert worden war.
Nun gab und gibt es nicht allzu viele Hollywood-Bands mit klassenkämpferischen Ambitionen, aber immerhin entsprach Mr. Bucksley dem Klischeebild, das sich 15-jährige Teenies vom profitgeilen Kapitalisten machten, der ihre Lieblings-Skaterbahn durch ein Einkaufszentrum ersetzen will. Denn machen wir uns nichts vor: Das Porträt des stinkreichen und dafür minder wohlriechenden Geldsacks ist derlei plakativ, dass es fast schon wehtut. Jede Menge Cash, protzig beringte Finger, goldene Uhr und eine Zigarre, die in eine Hundertdollarnote gewickelt ist – alles dabei! Dazu ein hämisch-selbstgerechter Blick – bingo! Fertig ist der Klassenfeind!
Als Karikatur, also bewusste Überspitzung, ist das natürlich statthaft, nicht ganz so überzeugend mutet allerdings das dentale Katastrophengebiet des sabbernden Gierhalses an, denn Typen dieses Formats legen gemeinhin Wert auf ein makelloses Blendax-Lächeln. Vor allem in Hollywood. Aber egal. Ein anderer Aspekt dieses Artworks ist relevanter: Wer’s mit der Überspitzung derart übertreibt, degradiert Herrn Bucksley zur reinen Comic-Figur, die man eklig findet aber nicht sonderlich ernst nehmen muss. Sollte man aber. Denn er ist womöglich der Typ, der morgen ihre Miete verdoppeln wird. Aber jetzt schalten wir wieder einen Gang zurück und stellen fest, dass es sich nur um ein Plattencover handelt. Einst entworfen, um eine Scheibe vor Kratzern zu schützen. Und in dieser Hinsicht gilt: volle Punktzahl.
Heute vor 40 Jahren veröffentlichten Iron Maiden ihr zweites Studioalbum KILLERS. Die Platte legten die britischen Metaller nur knapp 10 Monate nach ihrem Debüt IRON MAIDEN von 1980 nach.
KILLERS markierte das zweite und somit auch letzte Album mit Paul Di’Anno am Gesang. Der wurde aufgrund seiner ausufernden Alkohol- und Drogenexzesse noch während der laufenden Tournee im Jahr 1981 durch Bruce Dickinson ersetzt.
Legendär bleibt bis heute das Coverartwork von Derek Riggs, auf dem Maskottchen Eddie bedrohlich lachend ein blutiges Beil schwenkt.