Guns N’ Roses: Die Ruhe nach dem Sturm

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Guns N’ Roses: Die Ruhe nach dem Sturm

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Warum wurden Alben wie LIVE ERA ’87–’93 von Guns N’ Roses von den Fans nicht ebenso begeistert aufgenommen wie APPETITE FOR DESTRUCTION? Wir lüften die Geheimnisse hinter diesem übergangenen Album mit Unterstützung von Gitarrist Gilby Clarke, Sängerin Roberta Freeman, Tontechniker Jim Mitchell, Michael Monroe von Hanoi Rocks und Brian James von The Damned.

Am Boden des Proberaums, wo früher Izzy Stradlins Verstärker stand, war ein Stück Klebeband angebracht. „Auf diesem Stück – und das werde ich nie vergessen –“, sagt Gilby Clarke heute, „stand: ‚Hast du das, was es braucht, um auf diesem Fleck zu stehen?‘“ Clarkes Audition für Guns N’ Roses fand in den Third Encore Studios in North Hollywood statt. Slash hatte ihn gegen Mitternacht angerufen und ihm gesagt, er solle am nächsten Nachmittag vorbeikommen.

Clarke kam an jenem Herbsttag 1991 mit einer Les Paul und einem kleinen Marshall-Verstärker zur Audition für die Position des Rhythmusgitarristen von Guns N’ Roses, die Stradlin nach der Tournee zu den USE YOUR ILLUSION-Alben aufgegeben hatte. Und er hatte das, was es brauchte. Er bekam den Job und in seinen drei Jahren mit der Band begleitete er sie auf ihrer legendärsten Tournee. In jene Zeit fielen auch zwei alles andere als legendäre Alben: THE SPAGHETTI INCIDENT? und LIVE ERA ’87–’93.
Für eine so riesige Band sind diese Platten, vor allem letztere, praktisch vergessen, verloren im Treiben zwischen dem furios-genialen Debüt APPETITE FOR DESTRUCTION, dem kontroversen GN’R LIES, dem ausufernden USE YOUR ILLUSION und dem gleichermaßen mythologisierten wie überzogenen CHINESE DEMOCRACY.

LIVE ERA ’87–’93 ist ein unterbewerteter Konzertmitschnitt und die einzige offizielle Liveplatte aus der klassischen Ära der Band. Es zeigt, warum GN’R machtvoll genug waren, um sich 2016 (teilweise) wiederzuvereinen und Stadien und große Hallen rund um den Globus zu füllen, Jahrzehnte nach ihrer
Glanzzeit. Auf dem Punk-Coveralbum THE SPAGHETTI INCIDENT? wiederum fanden sich ein paar knackige Juwelen. Es war bewundernswert, dass die Gruppe nach dem Monumentalwerk des USE YOUR ILLUSION-Doppels zu ihren Wurzeln als Band von der Straße zurückkehrte.

SPAGHETTI und LIVE ERA erschienen jeweils am 23. November, mit sechs Jahren Abstand, Ersteres 1993, Letzteres 1999. Eine Zeit, in der Guns N’ Roses zerfielen, bis Axl Rose als einziges Originalmitglied verblieben war, sein Verhältnis zum schlangenhaarigen Gitarrenhelden Slash vergiftet und zerrüttet. Keine der beiden Platten ist unverzichtbar, doch die Geschichte der Band wäre ohne sie nicht vollständig.
Zwischen all dem wagemutigen Hardrock, den Stadien und dem Drama der frühen 90er bei GN’R wurde ihr neuer Gitarrist nie an die Leine gelegt. „Mir wurde kein einziges Mal gesagt, was ich spielen oder nicht spielen sollte. Nie“, so Clarke. „Aber ich konnte immer spüren, wenn etwas nicht funktionierte – Slash blickte dann einfach herüber nach dem Motto: ‚Was zur Hölle war das?‘ (lacht) Es war klar, ob man seine Aufmerksamkeit im guten oder im schlechten Sinne erregt hatte.“

Clarke spielte auf 16 der 22 Tracks auf LIVE ERA, was es noch fragwürdiger erscheinen lässt, dass er und Schlagzeuger Matt Sorum nur als „zusätzliche Musiker“ angegeben wurden. „Damals fand ich das nicht, aber heute ist es irgendwie lustig“, sagt Clarke. Seine Highlights auf der Platte waren das Stacheldrahtknäuel ›Nightrain‹, das explosive ›It’s So Easy‹, das tribal-metallische ›You Could Be Mine‹ und das gebührend epische ›Estranged‹. Nachdem er den Job bekommen hatte, ging es für Clarke sofort mit Vollgas los. Dem Mann aus Clevelandwurde aufgetragen, den gesamten Katalog von Guns N’ Roses zu lernen – 50 Tracks in zwei Wochen. Auf Tour hörte er Alben von Bash & Pop, Mazzy Star sowie Stradlins Solodebüt IZZY STRADLIN AND THE JU JU HOUNDS. Und er ist der Erste, der seinen Vorgänger lobt: „Ich liebte das, was Izzy und Slash machten, vor allem auf APPETITE. Sie ergänzten sich perfekt. Das warbeinahe ein Aerosmith-Ding, und Aerosmith sind ja auch nur eine lautere Version der Stones. Ich versuchte, auf dem aufzubauen, was Izzy begonnen hatte. Ich spiele mit weniger Verstärkung als Slash, aber mehr als Izzy“.

Von den Aufnahmen mit Stradlin auf LIVE ERA stechen vor allem das stampfende ›You’re Crazy‹ und ›Used To Love Her‹ heraus, das etwas an ›Some Girls‹ erinnert. Clarke sagt, er habe sich die Platte nur einmal angehört, als sie veröffentlicht wurde. „Ich hatte damals etwas zu viel von Guns N’ Roses gehabt. Aber ich erinnere mich definitiv daran, diese Konzerte gespielt zu haben. Songs wie ›Patience‹ haben immer Spaß gemacht. Das liebte ich schon, als ich es das erste Mal auf MTV oder so hörte, und Axl sang
es immer großartig.“ Auch ›Welcome To The Jungle‹ gehörte zu seinen Favoriten, das auf LIVE ERA mit einer feurigen Version von 1992 aus Buenos Aires vertreten ist, „denn sobald das Riff anfing, egal wo,
drehte das Publikum durch“. Unter der ausladenden Bühne der „Use Your Illusion“-Tour waren provisorische Garderoben eingerichtet, wo die Backing-Sängerinnen Roberta Freeman und Traci Amos saßen, tranken, Karten spielten und abhingen.

Sie sangen nur auf etwa zwölf der ca. 20 Songs, die GN’R jeden Abend spielten. Und da die Band ohne Setlists arbeitete, wussten sie nie genau, wann sie gebraucht wurden. „Plötzlich hörten wir das Intro von ›Paradise City‹ und mussten auf die Bühne rennen, um rechtzeitig am Mikro zu stehen“, erzählt Freeman. „Bei den längsten Songs, auf denen wir nicht sangen, ging ich aufs Klo, denn in diesen riesigen Stadien sind die Toiletten eine Fahrt mit dem Golfbuggy entfernt.“ Freeman und Amos verstärkten die
Wucht von GN’R noch zusätzlich, vor allem auf der Southern-Rock-goes-Sunset-Strip-Hymne ›Paradise City‹.

Auch dem Wah-wah-Dominatrix-Derwisch ›Pretty Tied Up‹ verliehen sie extra Pfeffer. Freeman war Lautstärke gewohnt. Sie war mit Rock’n’Roll wie David Bowie aufgewachsen und hatte gerade eine
Tournee mit Cinderella beendet. Cinderella-Schlagzeuger Fred Coury empfahl sie Slash, der erwähnt hatte, dass Axl Backing-Sängerinnen für Guns N’ Roses wollte. (Er wollte auch eine komplett weibliche Bläsersektion, woraus die 976 Horns entstanden.) Freeman hält fest, dass Cinderella-Sänger/Gitarrist Tom Keifer und Rose „ähnliche Stimmen haben, wenn sie in ihr Falsett gehen“. Doch GN’R waren völlig anders. „Bei Cinderella probten wir eine Million Mal. Bei Guns wusste man nie, was einen erwartete.“

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