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Start Blog Seite 340

Udo Dirkschneider: Perfekte Playlist

Mit MY WAY bringt das Heavy-Metal-Urgestein Udo Dirkschneider
kein gewöhnliches Studioalbum auf den Markt. Zu seinem 70. Geburtstag covert der ehemalige Accept-Frontmann 17 seine absoluten Lieblingssongs, die ihn über Jahrzehnte begleitet haben – Überraschungen inklusive.

Der Auslöser für das gesamte Album war die Coverversion von Alex Harveys ›Faith Healer‹, die das Werk auch eröffnet. „Aufgrund der ganzen Corona-Geschichte hatten wir viel Zeit“, holt Udo Dirkschneider aus. „Wir wollten diese Coverversion aus Spaß an der Freude schon immer mal ausprobieren und stellten dann fest, dass das Ganze ganz gut klang und einen Eigencharakter entwickelte. Dann kam unser Produzent auf die Idee, eine Liste mit Liedern zu erstellen, die ich gerne höre – und das habe ich dann gemacht. Eigentlich war kein ganzes
Coveralbum geplant, aber das hat sich dann verselbstständigt.“ Für die Auswahl der Stücke musste der Meister nicht erst lange seine Platten- und CD-Sammlung durchforsten. „Die Songs hatte ich im Kopf, das war easy – die Sachen höre ich heute noch.“ Neben klassischen Metal- und Rock-Hymnen wie ›T.N.T.‹ (AC/DC), ›No Class‹ (Motörhead), ›Rock And Roll‹ (Led Zeppelin) oder ›Paint It, Black‹ (Rolling Stones) befinden sich auch ein paar Überraschungen auf der Platte, die man von Dirkschneider nicht vermutet hätte. Zum Beispiel das melancholische ›Kein Zurück‹ von den deutschen Synthie-Poppern Wolfsheim. „Da singe ich zum ersten Mal im Leben auf Deutsch, damit habe ich mich schwergetan. Wenn du über 40 Jahre nur auf Englisch gesungen hast, dann merkst du: deutsche Sprache schwere Sprache. Ursprünglich war geplant, den Text ins Englische zu übersetzen, aber dabei ging der Sinn verloren.“ Der Text hat eine sehr persönliche Bedeutung für den 70-Jährigen, denn „der passt zu meiner Karriere mit guten und schlechten Zeiten.“

Auch ›My Way‹ von Frank Sinatra passt auf den ersten Blick nicht zu einem gestandenen Heavy-Metal-Frontmann. „Das ist mein Weg gewesen – mit den Songs, die mich im Leben begleitet haben“, erklärt der
Wuppertaler die Auswahl dieses Liedes, das dem Album auch seinen Namen gibt. Textlich blickt jemand in ›My Way‹ auf sein Leben und seine Laufbahn zurück, und mit 70 Jahren kann man schon mal eine kleine Bilanz ziehen, findet auch Udo Dirkschneider. „Das ist ein Geburtstagsgeschenk an mich selbst“, lacht er, „und ein Resümee von meiner Karriere. Das sind auch nicht Songs, die mich maßgeblich beeinflusst haben, sondern Sachen, die ich einfach in den 60ern, 70ern und 80ern gerne gehört habe.“ Da verwundert es nicht, dass
sich unter all den Nummern auch das ikonische ›We Will Rock You‹ von Queen befindet, das als erste Single und Appetithappen für das Album dient. Dirkschneider hat der Nummer einen sehr rockigen Anstrich verpasst und sie in einen Banger verwandelt, der mit der Standardversion, die auch heute noch im Radio läuft, nicht mehr viel gemeinsam hat. Mehr noch: Die Nummer wurde durch Vermittlung eines guten Freundes durch Brian May höchstpersönlich abgenommen, der Udos Version für gut befand. „Das war wie ein Ritterschlag“, freut sich der Deutsche, „der war begeistert. Brian May ist ja nicht irgendein Gitarrist, sondern eine Hausnummer. Da war ich schon etwas stolz.“ So sieht er auch ›Nutbush City Limits‹ von Tina Turner. „Ich bin schon immer Tina-Turner-Fan gewesen. Den Song haben wir damals mit Accept manchmal im Proberaum gespielt, daher kam
dann jetzt die Idee auf, die Nummer auch mal aufzunehmen. Das mag für manche Leute ungewöhnlich wirken, aber keine Angst: Das klingt schon nach Udo.“

Hellryder – THE DEVIL IS A GAMBLER

Wenn die Theke ruft

Hinter vorgehaltener Hand spricht man schon von einer neuen „Supergruppe“ der deutschen Heavy-Metal-Szene, die „Dirty kick ass Heavy Metal“ spielt. Kann man dem zweiten Begriff noch folgen, ist „Supergruppe“ schon etwas weit hergeholt. Sicher, Grave-Digger-Schreihals Chris Boltendahl genießt einen ordentlichen Ruf und sein Partner in Crime, Grave-Digger-Gitarrist Axel Ritt, ist auch kein Unbekannter. Dazu gesellen sich Bassist Steven Wussow (Orden Organ) sowie Drummer Timmi Breideband (Gregorian, Ex-Bonfire, Ex-Freedom-Call). Und was bietet man nun musikalisch? Heavy Metal, irgendwie an Grave Digger angelehnt. Allerdings ist die Gitarre tiefer gestimmt, die Taktung grooviger und Boltendahl „singt“ auch eine gewaltige Tonlage tiefer. Ob er sich bei Grave Digger verstellen muss oder bei Hellryder, das ist nun die große Frage.

Ganz grob lässt sich diese Band beschreiben als Grave Digger, Zakk Wylde bzw. Black Label Society sowie eine Brise Chrome Division in den Mixer gekippt. Rock’n’Roll-Elemente sind in der Unterzahl und typische Power-Metal-Double-Bass-Einlagen in Kombi mit fetten Grooves dominieren. Streitpunkt dürfte letztendlich aber der erzwungen wirkende Gesang von Herrn Boltendahl sein, der sich hart an der Grenze bewegt. Innovativ ist anders, aber zum Bier vernichten an der Theke ganz nett.

5 von 10 Punkten

Hellryder, THE DEVIL IS A GAMBLER, ROAR/SOULFOOD

Tygers Of Pan Tang – MAJORS & MINORS

Wildkatzenmusik

Die Geschichte der Tygers Of Pan Tang ist eine voller Besetzungswechsel und Unregelmäßigkeiten. Seit 13 Jahren sind die NWoBHM-Urgesteine jedoch mit relativ stabilem Line-up unterwegs, haben sich mit Sänger Jacopo Meille einen feurigen Florentiner ans Mikrofon gestellt und so passenderweise die Episode in ihrer Bandgeschichte begonnen, die sie selbst als Renaissance bezeichnen. Um diese Ära zu würdigen, sind jetzt auf MAJORS & MINORS Songs von den Alben ANIMAL INSTINCT, TYGERS OF PAN TANG, RITUAL und AMBUSH in Form einer jungen Best-of-Compilation vereint. Als kleiner Extrabonus ist auch die Nummer ›Plug Me In‹ vertreten, welche bisher nur als B-Seite einer 7“ zu haben war, genauso wie ›What You Say‹, das nie in einem Albumkontext veröffentlicht wurde.

Der Nummer ›Spoils Of War‹ von 2019 haben die Tygers um Gründungsmitglied Robb Weir einen orchestralen Anstrich verpasst, der sich vor allem in einem subtilen, unheilvollen Klangteppich äußert und nicht so weichgespült wie bei vielen anderen Orchester-meets-Rock-Experimenten klingt. Eine stimmige Sache, wobei auf Bands wie den Tygers Of Pan Tang natürlich schwer das Erbe ihrer rohen, wilden und wegweisenden Anfangstage lastet. Gefährliche Wildkatzen sind sie heute nicht mehr unbedingt, MAJORS & MINORS hat trotzdem seine Berechtigung in ihrem Katalog.

6 von 10 Punkten

Tygers Of Pan Tang, MAJORS & MINORS, MIGHTY MUSIC/SPV

Justin Sullivan – SURROUNDED

Zeitlose Introspektion

So desaströs die Pandemie für das Live-Geschäft auch sein mag, beschert sie uns doch immerhin zunehmend Hörmaterial, das ohne die Zwangspause vielleicht nicht entstanden wäre. Justin Sullivan beschloss wie so viele andere auch, die freie Zeit mit neuer Kreativität zu füllen, und spielte sein erstes Solowerk seit 18 Jahren ein. Oberflächlich angehört, könnte man es leicht als Vertonung der nachdenklich stimmenden Erstarrung missverstehen, denn vom energischrechtschaffenen Drang seiner Stammband New Model Army ist hier nichts zu spüren. Auf satten 16 Songs erzählt er stattdessen in äußerst gemächlichem Tempo Geschichten, die nicht vom erdrückenden Heute inspiriert sind, sondern uns in andere Zeiten, andere Realitäten oder einfach seinen Kopf entführen. Das verlangt nach ein bisschen Geduld und dem Willen, wirklich einzutauchen in diese mal stillen, intimen, mal kraftvollen, elegischen Klanggemälde, und stellenweise mag man denken, etwas weniger wäre mehr gewesen. Die Highlights jedoch (›Akistan‹, ›Unforgiven‹, ›1975‹) gehen so unter die Haut, dass solche Betrachtungen schnell vergessen sind. Ein Werk von dunkler, aber intensiv strahlender Klasse und Reife.

8 von 10 Punkten

Justin Sullivan, SURROUNDED, EARMUSIC/EDEL

Chelsea – MEANWHILE GARDENS

Oldschool-Streetpunk mit nostalgischen Untertönen

Im Sommer 1976 gründetet Chelsea-Sänger Gene October seine Band und hat in den vergangenen 45 Jahren rund 20 Bandmitglieder verschlissen, darunter so bekannte Typen wie Billy Idol oder Tony James (Generation X, Sigue Sigue Sputnik). Ähnlich wie die Toten Hosen hierzulande probierten Chelsea stets, ihre Punkrock-Attitüde mit sozialdemokratischen Inhalten und einem Harmonien-Spektrum zu speisen, welches irgendwo zwischen The Kings und den Manic Street Preachers gefasst ist. Der Titeltrack, ›Meanwhile Garden‹, ist ein angenehmer und wohltemperierter Rocker mit schöner Melodieführung – und so geht es weiter: ›The Great Divide‹ schunkelt in gebremster Streetpunk-Manier und bei ›Why Aren’t We There‹ trifft ein drahtiger 1-2-3-4-Song auf eine faustschwingende Cockney-Hymne. Sicher, Chelsea waren in der Vergangenheit nie so legendär wie The Damned oder Stiff Little Fingers – und das werden sie auch nicht mehr einholen können. Aber dieses Album ist durchtränkt von angenehmer Altersmilde und einem dicken Spritzer Nostalgie. Das macht Spaß und steckt direkt an.

7 von 10 Punkten

Chelsea, MEANWHILE GARDENS, WESTWORLD

The Sheepdogs – NO SIMPLE THING

Die leichteste Sache der Welt

›Rock And Roll (Ain’t No Simple Thing)‹ haben The Sheepdogs die erste Nummer ihrer neuen EP getauft, verbringen dann allerdings die nächsten 20 Minuten damit, uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Drei Jahre nach ihrem letzten Album CHANGING COLOURS entführt uns das kanadische Quintett um Ewan Currie einmal mehr in die Ära der frühen 70er-Jahre, als The Guess Who, Bachman-Turner Overdrive oder Bad Company einen Rock’n’Roll-Sound prägten, der bis heute nachhallt. So klingt jeder einzelne dieser sechs Songs vage vertraut, als hätten The Sheepdogs in einem Paralleluniversum kurzerhand ihre liebsten Classic-Rock-Evergreens in neue Formen gegossen. Obwohl mitten im Lockdown entstanden, halten sich diese ungeniert zitatfreudigen Stücke nie mit tiefschürfenden Gedanken auf, sondern glänzen mit positiven Vibes und beneidenswerter Sorglosigkeit. Für The Sheepdogs ist das – dem EP-Titel zum Trotz – offenbar die leichteste Sache der Welt.

8 von 10 Punkten

The Sheepdogs, NO SIMPLE THING, WARNER

Silver Lake – SILVER LAKE

Neue Geschichten von den 1.000 Seen

Esa Holopainen ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler. Mit Amorphis vertont er seit 30 Jahren die Mythen der finnischen Sagenwelt, mit Silver Lake veröffentlicht er jetzt endlich dieses Soloalbum, das ihm schon lang im Kopf herumspukt. Holopainens Handschrift ist auch hier klar erkennbar, jene Mischung aus nordischer Melancholie und folkiger Magie ist tief in seinem Wesen verankert. Dafür zeigt er rein stilistisch, dass seine eigene Geschichte nicht bei Metal aufhört. Prog, Hardrock, Folk und wunderbar narrative Blues-Anklänge reihen sich ein in diesen verwunschenen Reigen nordischer Rockmusik, ein Paradebeispiel für sein Talent als Songschreiber und glücklicherweise nicht einfach nur ein Bewerbungsvideo für seine Qualitäten an der Gitarre. Die sind unumstritten, mit denen muss er gar nicht angeben. Also schart er lieber einen unglaublichen Cast an Gastsängerinnen und -sängern um sich (Jonas Renske von Katatonia, Anneke van Giersbergen oder Björn Strid vom Night Flight Orchestra) und beweist eindrucksvoll, dass Musik viel eher Gefühl als Schublade ist.

8 von 10 Punkten

Silver Lake, SILVER LAKE, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE

Gewinnspiel: Marillion’s WITH FRIENDS AT ST. DAVID’S

Heute erscheint WITH FRIENDS AT ST. DAVID’S von Marillion. Zur Feier des Tages verlosen wir das Live-Album der Prog-Legenden dreimal auf CD!

Jetzt teilnehmen:

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(Teilnahmeschluss ist der 25. Juni 2021)

marillion with friends at st davids