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Wilko Johnson: Dem Tod von der Schippe gesprungen

Wilko Johnson InterviewAls Gitarrist von Dr. Feelgood war Wilko Johnson eine der coolsten Figuren des Proto-Punk-Rock der 70er Jahre. Sein Charisma erkannten auch die Macher der TV-Serie „Game Of Thrones“, die den Musiker als Henker des Königs des Nordens besetzen. Im Januar 2013 erhielt er dann die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, der Arzt gab ihm noch neun Monate.

Wilko Johnson spielte eine finale Tour, nahm ein letztes Album mit Roger Daltrey auf, war so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr. Nur einer kam nicht: der Tod. Gut ein Jahr nach der Diagnose stellte sich heraus, dass sein Krebs doch heilbar ist. Ein Interview über Trauer, Tod und den Blick des Henkers.

Wilko, eine banale Frage, die angesichts deiner Geschichte aber gar nicht banal ist: Wie geht es dir?
Danke, gut. Ich habe keine Beschwerden, die bei einem Menschen meines Alters nicht üblich wären.

Wenn du heute an die Zeit zurückdenkst, als dir dein Arzt wegen des Tumors nur noch knapp ein Jahr Lebenszeit gab, wirken diese Monate rückblickend wie ein Alptraum?
Nein, eher wie ein befristetes Dasein in einer Parallelwelt. Die Diagnose war natürlich schrecklich, aber was danach passierte, war in vielen Fällen außergewöhnlich schön. Es war eine sehr ambivalente Zeit. Aber keine alptraumhafte.

Was für Gedanken schießen einem durch den Kopf, wenn ein Mediziner sagt: „Sie haben Krebs, Operation zwecklos?“
Ich war, und das wunderte mich selbst, total ruhig. Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der Dinge sehr positiv betrachtet. Ich habe meine Krisen und dunklen Momente. Aber als ich das Krankenhaus mit der Diagnose verließ, nur noch über wenige Monate Lebenszeit zu verfügen, war ich vollkommen ausgeglichen. Ich weiß noch, es war ein schöner und klarer Tag. Der blaue Himmel, die frische Luft. (überlegt) Ich entwickelte eine sehr große Freude, noch am Leben zu sein. Meine Zeit war begrenzt. Nun wollte ich sie nutzen.

Du hast dann gleich mit den Plänen für eine Abschiedstournee und ein letztes Al­­bum begonnen.
Man hat mit einem Tumor im Bauch keine Zeit zu verlieren, das war mir klar. Zumal mir keiner sagen konnte, ab welchem Stadium der Krankheit es für mich unmöglich werden würde, auf der Bühne zu stehen oder eine Platte aufzunehmen.

Hattest du zu Beginn keine Beschwerden?
Überhaupt nicht, nein. Und auch später nicht, als der Tumor schon enorm gewachsen war. Das Ding hat genervt, das schon. Aber es hat mir keine schlimmen Schmerzen zugefügt. Ich habe täglich darauf gewartet. Eines Tages, wir waren in einem Restaurant essen gewesen, dachte ich: Jetzt geht‘s los. Mir war speiübel, ich hatte Verdauungsprobleme – aber am Ende war lediglich das Essen schlecht gewesen. (lacht)

„Ich weiß, worauf du hinaus willst. Krebs zu haben, ist ein brillanter Karriereschritt. Dennoch würde ich es keinem empfehlen.“ (Wilko Johnson)

Wie fühlten sich diese vermeintlich letzten Konzerte an?
Es waren wunderbare Abende. Natürlich ist es etwas Besonderes, wenn die Leute mit dem Bewusstsein zu einer Show gehen, dass auf der Bühne ein Mann steht, den sie wohl nicht mehr lebend wiedersehen werden. Jeder Gig war also auch ein Abschiedsfest, für mich war das unglaublich berührend – und ich glaube, für das Publikum auch. Das gilt auch für die Aufnahmen für das Album zusammen mit Roger Daltrey. Ich stand in meinem Leben sehr häufig in einem Studio, aber wenn man denkt, es handelt sich um das letzte Mal, dann liegt eine besondere Atmosphäre in der Luft.

Du warst in dieser Zeit auch in vielen Talkshows zu Gast.
Ja, die Medien interessieren sich für einen Todkranken. (lacht) Aber diese Gesprächen liefen gut, ich konnte noch einmal von meiner Karriere erzählen, fühlte mich nicht allein. Das tat mir gut.

Ein halbes Jahr später warst du dann noch einmal in diesen Shows. Aber mit einer anderen Message: „Hurra, ich lebe noch! Und ich werde auch so schnell gar nicht sterben.“
Das war natürlich merkwürdig. Du warst vor nicht allzu langer Zeit schon mal in dieser Sendung und hast von deinem nahenden und unvermeidlichen Tod erzählt – und dann kommst du wieder und sagst: Alles easy, Leute, mir geht‘s blendend. Nicht ohne Ironie, diese Geschichte.

Weiter gehts auf Seite 2…

George Harrison: Bisher ungehörtes Demo veröffentlicht

Zum Geburtstag von George Harrisons ALL THINGS MUST PASS erscheint am 06. August eine Jubiläumsausgabe des Albums in verschiedenen CD- und Vinylausformungen. Neben der normalen Tracklist der Platte werden auch zahlreiche Demoversionen darauf versammelt sein, unter anderem auch 26 bisher ungehörte Takes und Tracks.

Als erste Kostprobe erschien in diesem Kontext nun ›Cosmic Empire‹ inklusive farbenfrohem animierten Video:

Dio & Rainbow: Ableger aus dem Deep-Purple-Universum

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Deep Purple waren die Paten von so vielen der besten Acts im britischen Rock, die im Fahrwasser ihrer Auflösung 1976 glänzten – Gillan, Whitesnake, Rainbow, Black Sabbath. Doch das vielleicht größte Ge­­schenk, das die Band der Welt machte, war ein anderes: Sie half, das herausragende Talent und den unbezwingbaren Geist des amerikanischen Sängers Ronnie James Dio ins Rampenlicht zu rücken.

Bevor Ritchie Blackmore mit Ronnie Dio zusammenarbeitete, hatte der Gitarrist das, was letztlich zum ersten Rainbow-Album wurde, als wenig mehr als ein Nebenprojekt betrachtet: ein einzelner Soloausflug, inspiriert von Purples Ablehnung eines neuen Stücks namens ›16th Century Greensleeves‹, das er ge­­schrieben hatte – die Art von stampfendem, großspurigem Pomp-Rock, die einst das Herrschaftsgebiet der Band war. Glenn Hughes und David Coverdale waren allerdings mehr interessiert daran, sich dem White Soul zuzuwenden, und fanden diesen Sound altmodisch.

Wie Blackmore 1983 sagte: „Ich stieg aus, weil ich mich mit Ronnie Dio getroffen hatte, und die Arbeit mit ihm war so einfach. Er sollte ursprünglich nur auf einem Stück einer Solo-LP singen, doch am Ende machten wir die gesamte Platte in drei Wochen und ich war begeistert.“

Oder wie Dio später sagte: „Ich war schon als Kind im­­mer ein Träumer. Ich lebte in meiner Fantasie, indem ich Science-Fiction las und Sachen, die mich in andere Welten entführten. Ich finde, die Verbindung zwischen Science-Fiction und der mythologischen Ära ist sehr stark, und das habe ich alles auch in meine Texte einfließen lassen.“

Zumindest, nachdem er sich mit Blackmore zusammengetan hatte. Davor war Ronnie Dio in vielen musikalischen Spielarten – und Zeiten – unterwegs gewesen.
Ronald James Padavona war das einzige Kind einer armen Einwandererfamilie aus Italien und erblickte am 10. Juli 1942 im Bundesstaat New York das Licht der Welt, auch wenn er den Großteil seiner Karriere darauf bestand, dass er 1949 geboren wurde. Als neuer Frontmann von Rainbow hatte er vielleicht die Eier, vor Tausenden von Menschen als musikalischer Blitzableiter zu fungieren, doch der aufstrebende Rockstar wollte nicht, dass die Rainbow-Fans wussten, dass er schon 33 war, als er die Chance dazu erhalten hatte.

Im Wesentlichen ging es dabei um Respekt, ein so wichtiger Teil des Selbstverständnisses der italo-amerikanischen Kultur. Ronnie Dio war ein Mann mit makellosen Manieren, großzügig mit seiner Zeit, lustig und freundlich. Außer man verhielt sich ihm gegenüber respektlos. Er verzieh Ritchie Blackmore nie, dass er ihn bei Rainbow nicht als gleichberechtigt behandelte. Auch Jahre später war er darüber noch wütend und sagte mir: „Als wir uns erstmals zusammentaten, waren wir uns einig, dass die Band ‚Ritchie Blackmore’s And Ronnie James Dio’s Rainbow‘ heißen würde. Aber als dann das erste Album erschien, stand da ‚Ritchie Blackmore’s Rainbow‘! Was sollte das?“

Ronnie James Padavona mag als Katholik erzogen worden sein, doch seine wahre Religion war die Musik. Schon bevor er wusste, dass er singen kann, hatte er Bass, Klavier und Trompete gelernt, und mit 15 stieg er bei seiner ersten Band ein: The Vegas Kings. Mit derselben verbissenen Entschlossenheit mit gutem Beispiel voranzugehen, die seine gesamte Karriere auszeichnen sollte, hatte er bald den Bass gegen das Mikrofon eingetauscht, während sich die Formation zunächst in Ronnie & The Ramblers und dann in Ronnie And The Red Caps verwandelte. Auf YouTube kann man Clips des jungen Ronnie als Crooner mit Anzug und Fliege finden.

Doch an dieser unglaublichen Stimme gab es nichts zu rütteln. Singen war einfach natürlich für ihn. „Anders als bei einem Ins­trument, das man zu spielen lernen muss, war das etwas, was einfach nur da zu sein schien“, sagte er mir, „ein Geschenk.“ Dass er die Trompete beherrschte, war ein Vorteil. „Teils, weil man dafür Atemtechniken lernen muss, teils, weil die Trompete eine eigene Stimme hat, mit ganz eigenen Phrasierungen.“

Ende der 60er hatte er auch seinen Namen geändert, nach dem berüchtigten Mafioso Johnny Dio, „weil es cool klang“. Die Band wurde daraufhin in Ronnie Dio And The Prophets umbenannt. Erst 1967 mit dem Summer of Love ließ er sich die Haare wachsen, hörte auf, sich zu rasieren, rauchte Gras und gründete seine erste Rockband, die Electric Elves – später schlicht Elf.

Auf der Bühne schlug Dio eine Kuhglocke und die Band ließ nichts anbrennen mit Covers von ›Black Dog‹, ›War Pigs‹, ›Aqualung‹… und wenn sie in der Stimmung waren und das Publikum nach Hits verlangte, spielten sie ›Imagine‹ von John Lennon, ›Can’t Buy Me Love‹ von den Beatles oder was auch immer sonst die Party am Laufen hielt und die Aufträge weiter reinkommen ließ. Bis sie begannen, ihr eigenes Material zu schreiben.

„Es war die erste Band, die wir hatten, die versuchte, es mit eigenen Songs zu schaffen“, erzählte Dio. Es war auch das erste Mal, dass die Welt den Sänger wirklich bemerkte, als Elf bei einem neuen Label unterschrieben, das die Rock-Goliaths Deep Purple gegründet hatten. Ian Paice und Roger Glover produzierten das erste, selbstbetitelte Album von Elf, und 1974 wurden sie eingeladen, mit Purple auf US-Tournee zu gehen.

So weit, so gut. Weniger bekannt ist, dass Elf den ursprünglichen Party-Deep-Purple der Gillan-Ära weitaus näher waren als dem mittelalterlichen Metal von Rainbow zu Dios Zeiten. „Die Art von Songs, die ich für Rainbow schrieb, hatten eher einen Renaissance-Aspekt“, erzählte mir Ronnie. „Ritchie und ich hatten Rainbow immer als eine Begegnung von Heavy Rock und wuchtigen klassischen Themen betrachtet. Was ich schrieb, war keine Poesie, aber es sollte mehr aussagen als ‚Baby, ich liebe dich‘.“

Hört man sich Stücke wie ›Self Portrait‹ von ihrem 1975er-Debüt RITCHIE BLACKMORE’S RAINBOW an, kann man dem kaum widersprechen. Blackmore beschrieb es als „eine Kreuzung aus Bachs ›Jesu‹, ›Desire‹ von Joy Of Man und ›Manic Depression‹ von Jimi Hendrix“, und Dio meint es ganz eindeutig ernst, wenn er Zeilen singt wie „Paint me a picture of eyes that never see/With flashes of lightning that burn for only me“. Kein Vergleich zu ›Black Swampy Water‹, dem Opener des im selben Jahr erschienenen dritten und letzten Al­­bums von Elf: „Uh, back in the wood/Where it’s good/Well I saw me a child/She was wild/Like a lady going all out“, gesungen zu einem Stones/Faces-artigen Party-Groove. Ein tolles, spaßiges Lied, ohne Frage, souverän gesungen und gespielt, aber so weit von Bach entfernt wie Turner und seine Overdrive.

Und doch waren es Elf – minus Gitarrist Steve Edwards –, die Blackmore für dieses erste Album anheuerte. Auf klassischen Rainbow-Songs wie ›Man On The Silver Mountain‹ kann man die Elf-Dampfwalze im Vollgasmodus noch deutlich hören, ebenso wie den Soul, den sie in das verträumte ›Catch The Rainbow‹ injizieren. Aber das war eben Dio: jemand, der gelernt hatte, auf Veränderungen zu reagieren, und genau wusste, was er tat.

Doug Thaler war der Keyboarder der Electric Elves von 1967 bis 1971, als bei einem Autounfall Gitarrist Nick Pantas ums Leben kam und er selbst danach monatelang im Krankenhaus lag. Er erinnert sich an Dio, bevor er berühmt wurde, als „jemand, der immer sehr motiviert war. Er hatte jahrelang versucht, Erfolg zu haben, bis es mit Rainbow endlich klappte. Als Elf ihren Vertrag bei Purple unterschrieben, hatte Ronnie schon ein halbes Dutzend Singles auf einem halben Dutzend Labels veröffentlicht. Er war sehr frustriert. Ich denke, er machte sich Sorgen, dass er seine Chance verpasst hatte.“

Thaler bestätigt, dass Dio erst mit Blackmore seinen Hang zu Worten wie „no sun in the shadow of the wizard“ (aus ›Stargazer‹) entwickelte. „Erst nach der Tournee mit Purple und seinem Einstieg bei Rainbow wurde er zum Metaller. Aber Ronnie war ein großartiger Mensch. Er war einer dieser Typen, die sich für den Rest ihres Lebens deinen Namen merken, nachdem sie dir ein einziges Mal in einem Club begegnet sind. Und er war großartige Gesellschaft, ein guter Kerl.“

Auf der Bühne verfolgte Dio einen ähnlichen, äußerst persönlichen Ansatz, um einen Draht zu seinem Publikum zu finden. Wie er mir einst erzählte: „Wenn ich auf der Bühne stehe und singe, stelle ich mir gerne vor, dass ich jeder einzelnen Person im Raum in die Augen sehe, dass ich nur für sie singe. Und wenn ich einen Song ansage, schreie ich nie, ich spreche einfach mit ihnen, als würden wir uns privat unterhalten. Das liegt teilweise daran, dass ich schon immer Frontmänner gehasst habe, die ihr Publikum einfach nur anbrüllen und dämlich angrinsen, als sei es ein großer Klumpen. Das fand ich immer so unhöflich. Aber vor allem liegt es daran, dass ich meinen Job sehr ernst nehme. Versteh mich nicht falsch, ich habe da oben viel Spaß. Aber ich meine wirklich jedes Wort ernst, das ich singe oder sage. Und ich will, dass die Leute das wissen.“

Das zweite Album RAINBOW RI­­SING katapultierte die Band dann schließlich in die Annalen der Rockhistorie. Es erschien 1976 nur wenige Wochen nach dem finalen Konzert des MkIV-Line-ups von Deep Purple im April und wurde von der Konstellation eingespielt, die heute als die Quintessenz von Rainbow gilt: Alle einstigen Elf-Kollegen von Dio waren von Rockveteranen ersetzt worden – Cozy Powell am Schlagzeug, Jimmy Bain am Bass und Tony Carey an den Keyboards. RAINBOW RISING definierte den Maßstab, an dem Heavy-Metal-Platten für den Rest der 70er Jahre gemessen wurden.

Auf jeden Fall war es eines der besten Alben, auf denen Dio je singen würde. „Yeah, das sehe ich genauso“, gab er unverblümt zu. Da das Line-up leider erneut zerfiel (weder Bain noch Carey überlebten den Umbau), bevor ein Nachfolger aufgenommen werden konnte, schöpfte die Band nie ihr volles Potenzial aus.

„Das war sehr schade, aber Ritchie ar­­beitete gerne so, damit die Sache frisch blieb“, sagte mir Dio diplomatisch. Und als das Diktiergerät ausgeschaltet war, was für „ein Arschloch“ Ritchie war. „Die Leute sagen mir immer noch, wie überrascht sie waren, dass ich kurz darauf die Band verließ. Ehrlich gesagt war ich das selber“, scherzte Dio Jahre später. Und gestand: „Letztlich war es Ritchies Entscheidung, ja. Aber auch meine, insofern, als ich wusste, dass ich ihm nicht das geben konnte, was er wollte. Die Antwort liegt in dem, was die Band nach meinem Ausstieg machte, etwa Singles wie ›Since You’ve Been Gone‹. Das ist ein toller Song und war ein Riesenhit für sie, aber nichts, was ich mit ihnen geschrieben oder gesungen hätte. Es war Mainstream-Pop-Rock, und in diese Richtung wollte Ritchie gehen. Hätte ich das auch gewollt, bin ich mir sicher, dass wir weiter hätten zusammenarbeiten können. Aber ich wollte es nun mal nicht.“

Irgendwie ironisch, dass die refrainlastige Rock’n’Roll-Hymne ›Since You’ve Been Gone‹ perfekt zu Elf in ihrer „Whoa-yeah-mama“-Phase gepasst hätte. Und somit ein weiterer Ast der weitverzweigten Deep-Purple-Familie, der die „Was wäre, wenn…“-Fraktion fasziniert.

(Auszug aus unserer großen Titelstory: Deep Purple: Der Clan, der den Hard Rock beherrschte.)

Video der Woche: AC/DC mit ›High Voltage‹

Im Gedenken an Bon Scott, der gestern seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte, schauen wir uns einen Fernsehauftritt von AC/DC aus dem Jahr 1975 an.

Ein sichtlich verwirrtes Studiopublikum weiß noch nicht so recht, was es denn anfangen soll mit dieser Band. Denn im Jahr 1975 war eine Schuluniform auf der Bühne eben noch kein Kult und auch ein Bon Scott mit Tattoos, geschnürtem weißen Ensemble und roter Fliege war noch keine Selbstverständlichkeit. Der war knapp ein Jahr zuvor zur Band gestoßen, als Nachfolger von Sänger Dave Evans.

https://youtube.com/watch?v=E-kO70b6U_A

Bald sollten sich die ersten Erfolge für die Band einstellen, HIGH VOLTAGE war bereits in Australien erschienen, T.N.T. sollte zwei Monate später, im Dezember 1975, folgen. Neben Fernsehauftritten wie diesen waren es vor allem die Live-Auftritte, die AC/DC halfen, in zuerst der australischen und später der weltweiten Musikwelt Fuß zu fassen.

Jess And The Ancient Ones: Auf dem Weg in die Verdammnis

Das neue Album VERTIGO von Jess And The Ancient Ones ist durch ein mystisch anmutendes Band mit dem Vorgänger THE HORSE AND OTHER WEIRD TALES von 2017 verknüpft: „Es fühlt sich an, als wären beide Platten durch denselben Gedankenstrom miteinander verbunden. Wie zwei Passagiere auf ihrem gemeinsamen Weg in die Verdammnis“, so Mastermind Thomas Corpse über das vierte Werk seiner kauzigen Okkult-Rock-Kombo. An dem Wort „kauzig“ stört sich selbiger überhaupt nicht: „Für den durchschnittlichen Rock-Konsumenten mögen wir etwas seltsam klingen. Ich selbst hege eine Passion für freakige Rhythmen und unkonventionelle Licks. All jene Faktoren sind essenzielle Teile unseres Sounds. Man kann uns also durchaus als kauzig und eigentümlich bezeichnen“.

Geplant wären all diese Verbindungen und Klangexperimente bei den Finnen noch nie gewesen, ganz im Gegenteil: „Wir arbeiten nur mit natürlichen Fortschritten, außerdem sind wir richtig schlecht im Planen und können nur abliefern, wenn wir im Hier und Jetzt leben“. Im Hier und Jetzt bewegte sich der Sound von Jess And The Ancient Ones trotzdem noch nie. Die inzwischen zum Quintett geschrumpfte Truppe hat sich seit jeher der düsteren Seite des Rock’n’Roll verschrieben, mischt Psychedelica und Prog mit Okkult Rock und erzeugt so einen Klang, der stark von Nostalgie geprägt wirkt: „Wenn ich das rückblickend betrachte, war ich in einem sehr apokalyptischen und nostalgischen Mindset, als ich an VERTIGO schrieb. Obwohl Dunkelheit das Kernelement unserer Musik ist, bringt die Nostalgie einen gewissen Hoffnungsschimmer, ein wenig Licht in den Sound, weil ich persönliche Nostalgie-Erfahrungen oft als positiv empfinde. Auch unsere Texte nehmen oft auf die Vergangenheit Bezug und sind unlösbar mit Erinnerungen an die frühere Popkultur verbunden“.

Die Düsternis, von welcher der gesamte Vibe um Jess And The Ancient Ones zehrt, ist nicht nur das Produkt folkloristischer Verklärung, Thomas Corpse nimmt das Okkulte durchaus ernst. „Ich habe mich schon immer für die dunklere Seite der Kunst und Philosophie interessiert, einen Großteil meiner Zeit verbringe ich in entfernten Regionen meines Bewusstseins. Wir alle haben unsere ganz eigenen Glaubenssätze, die durch unser Handeln hindurch schimmern. Bis zu meinem letzten Tag werde ich nach Antworten und dem Geheimnis wahrer Existenz suchen“, so der Künstler bedeutungsvoll. Auch ein Ouija-Brett, wie im neuen Song ›Talking Board‹ beschrieben, habe er selbst schon benutzt: „Unsere Erfahrungen mit Ouija liegen schon lange zurück. Sie waren intensiv und bewusstseinserweiternd. Damals waren wir ein paar Kids, die nach Adrenalin gierten. Wir haben unsere Lektion gelernt. Vielleicht sollte ich das Brett mal wieder auspacken“.

Powerwolf – CALL OF THE WILD

(Noch) Mehr Power!

Die kolossalen Erfolge der letzten Jahre im Rücken, hatten die Saarländer allen Grund, selbstbewusst an die Produktion ihres achten Studiowerks heranzugehen. Und das hört man schon beim mit viel Druck lospreschenden Eröffnungsstück ›Faster Than The Flame‹ – die perfekte, mit für die Truppe typisch sakralen Anklängen und starken Melodien ausgestattete Power-Metal-Hymne zum Mitgrölen. Das folgende, noch flottere, dazu sehr atmosphärische ›Beast Of Gévaudan‹ ist sogar noch eingängiger, noch besser.

Apropos besser: Nachdem man sich beim Vorgänger THE SACRAMENT OF SIN (2018) erstmals an eine Ballade heranwagte, hat man offenbar Blut geleckt. ›Where The Wild Wolves Have Gone‹ wird von dem mit stimmungsvollen Pianoklängen eingeleiteten, im Refrain herrlich sehnsüchtigen ›Alive Or Undead‹ sogar locker übertroffenen. Weitere Highlights sind das keltisch angehauchte ›Blood For Blood (Faoladh)‹, das bullige Titellied und das textlich wie musikalisch packende, in deutscher Sprache verfasste ›Glaubenskraft‹. Powerwolf klangen noch nie, äh, powergeladener als hier.

8 von 10 Punkten

Powerwolf, CALL OF THE WILD, NAPALM/UNIVERSAL

Videopremiere: Classless Act mit ›Give It To Me‹

Die erste Single einer neu gegründeten Band: Classless Act veröffentlichen ›Give It To Me‹.

Gefunden haben sich die fünf Musiker durch Social Media: Mithilfe von TikTok und Instagram wurde aus ein paar gegenseitigen Likes und Nachrichten eine Band. Jetzt veröffentlicht das Quintett aus Los Angeles seine erste Single – eine EP soll im Herbst folgen. Nicht nur das: 2022 begleiten Classless Act Mötley Crüe und Def Leppard auf ihrer Stadiontour.

Sänger Derek Day freut sich aber erstmal über die erste Single: „Die Jungs und ich haben wirklich hart daran gearbeitet, euch etwas zu geben, zu dem ihr ordentlich mit euren Hintern wackeln könnt. Jetzt, wo der Sommer da ist, ist die Zeit reif für ein paar Gitarren, etwas Bass und Schlagzeug und ganz viel von mir selbst. Los geht‘s!“

L.A. Guns – COCKED AND LOADED LIVE

Wiederholter Abstecher zu einem Klassiker des Hair Metal

Das hier gab es schon einmal. Im Jahr 2000 kam das klassische Line-up der L.A. Guns wieder zusammen, um ihre Platte COCKED & LOADED von 1989 nochmal aufzunehmen. Betitelt wurde das Ganze logischerweise mit COCKED & RE-LOADED. Aktuell gibt es zwei konkurrierende Versionen dieser Band, für COCKED AND LOADED LIVE zeichnet die Truppe um Sänger Phil Lewis und Gitarrist und Gründer Tracii Guns verantwortlich. Aufgenommen wurde das Ganze 2020 in Las Vegas, man bekommt einen geradlinigen Abriss jenes Albums zu hören, das eines der letzten großartigen Werke der Glam-Ära in Hollywood markiert. Die Band ist tight, Lewis’ einzigartige Stimme immer noch kraftvoll und inmitten all dieser Hardrock-Hymnen ist es vor allem ›The Ballad Of Jayne‹, das am hellsten strahlt – ein wirklich schöner Song aus dem Kosmos dieser Rabauken.

6 von 10 Punkten