Dio & Rainbow: Ableger aus dem Deep-Purple-Universum

Deep Purple waren die Paten von so vielen der besten Acts im britischen Rock, die im Fahrwasser ihrer Auflösung 1976 glänzten – Gillan, Whitesnake, Rainbow, Black Sabbath. Doch das vielleicht größte Ge­­schenk, das die Band der Welt machte, war ein anderes: Sie half, das herausragende Talent und den unbezwingbaren Geist des amerikanischen Sängers Ronnie James Dio ins Rampenlicht zu rücken.

Bevor Ritchie Blackmore mit Ronnie Dio zusammenarbeitete, hatte der Gitarrist das, was letztlich zum ersten Rainbow-Album wurde, als wenig mehr als ein Nebenprojekt betrachtet: ein einzelner Soloausflug, inspiriert von Purples Ablehnung eines neuen Stücks namens ›16th Century Greensleeves‹, das er ge­­schrieben hatte – die Art von stampfendem, großspurigem Pomp-Rock, die einst das Herrschaftsgebiet der Band war. Glenn Hughes und David Coverdale waren allerdings mehr interessiert daran, sich dem White Soul zuzuwenden, und fanden diesen Sound altmodisch.

Wie Blackmore 1983 sagte: „Ich stieg aus, weil ich mich mit Ronnie Dio getroffen hatte, und die Arbeit mit ihm war so einfach. Er sollte ursprünglich nur auf einem Stück einer Solo-LP singen, doch am Ende machten wir die gesamte Platte in drei Wochen und ich war begeistert.“

Oder wie Dio später sagte: „Ich war schon als Kind im­­mer ein Träumer. Ich lebte in meiner Fantasie, indem ich Science-Fiction las und Sachen, die mich in andere Welten entführten. Ich finde, die Verbindung zwischen Science-Fiction und der mythologischen Ära ist sehr stark, und das habe ich alles auch in meine Texte einfließen lassen.“

Zumindest, nachdem er sich mit Blackmore zusammengetan hatte. Davor war Ronnie Dio in vielen musikalischen Spielarten – und Zeiten – unterwegs gewesen.
Ronald James Padavona war das einzige Kind einer armen Einwandererfamilie aus Italien und erblickte am 10. Juli 1942 im Bundesstaat New York das Licht der Welt, auch wenn er den Großteil seiner Karriere darauf bestand, dass er 1949 geboren wurde. Als neuer Frontmann von Rainbow hatte er vielleicht die Eier, vor Tausenden von Menschen als musikalischer Blitzableiter zu fungieren, doch der aufstrebende Rockstar wollte nicht, dass die Rainbow-Fans wussten, dass er schon 33 war, als er die Chance dazu erhalten hatte.

Im Wesentlichen ging es dabei um Respekt, ein so wichtiger Teil des Selbstverständnisses der italo-amerikanischen Kultur. Ronnie Dio war ein Mann mit makellosen Manieren, großzügig mit seiner Zeit, lustig und freundlich. Außer man verhielt sich ihm gegenüber respektlos. Er verzieh Ritchie Blackmore nie, dass er ihn bei Rainbow nicht als gleichberechtigt behandelte. Auch Jahre später war er darüber noch wütend und sagte mir: „Als wir uns erstmals zusammentaten, waren wir uns einig, dass die Band ‚Ritchie Blackmore’s And Ronnie James Dio’s Rainbow‘ heißen würde. Aber als dann das erste Album erschien, stand da ‚Ritchie Blackmore’s Rainbow‘! Was sollte das?“

Ronnie James Padavona mag als Katholik erzogen worden sein, doch seine wahre Religion war die Musik. Schon bevor er wusste, dass er singen kann, hatte er Bass, Klavier und Trompete gelernt, und mit 15 stieg er bei seiner ersten Band ein: The Vegas Kings. Mit derselben verbissenen Entschlossenheit mit gutem Beispiel voranzugehen, die seine gesamte Karriere auszeichnen sollte, hatte er bald den Bass gegen das Mikrofon eingetauscht, während sich die Formation zunächst in Ronnie & The Ramblers und dann in Ronnie And The Red Caps verwandelte. Auf YouTube kann man Clips des jungen Ronnie als Crooner mit Anzug und Fliege finden.

Doch an dieser unglaublichen Stimme gab es nichts zu rütteln. Singen war einfach natürlich für ihn. „Anders als bei einem Ins­trument, das man zu spielen lernen muss, war das etwas, was einfach nur da zu sein schien“, sagte er mir, „ein Geschenk.“ Dass er die Trompete beherrschte, war ein Vorteil. „Teils, weil man dafür Atemtechniken lernen muss, teils, weil die Trompete eine eigene Stimme hat, mit ganz eigenen Phrasierungen.“

Ende der 60er hatte er auch seinen Namen geändert, nach dem berüchtigten Mafioso Johnny Dio, „weil es cool klang“. Die Band wurde daraufhin in Ronnie Dio And The Prophets umbenannt. Erst 1967 mit dem Summer of Love ließ er sich die Haare wachsen, hörte auf, sich zu rasieren, rauchte Gras und gründete seine erste Rockband, die Electric Elves – später schlicht Elf.

Auf der Bühne schlug Dio eine Kuhglocke und die Band ließ nichts anbrennen mit Covers von ›Black Dog‹, ›War Pigs‹, ›Aqualung‹… und wenn sie in der Stimmung waren und das Publikum nach Hits verlangte, spielten sie ›Imagine‹ von John Lennon, ›Can’t Buy Me Love‹ von den Beatles oder was auch immer sonst die Party am Laufen hielt und die Aufträge weiter reinkommen ließ. Bis sie begannen, ihr eigenes Material zu schreiben.

„Es war die erste Band, die wir hatten, die versuchte, es mit eigenen Songs zu schaffen“, erzählte Dio. Es war auch das erste Mal, dass die Welt den Sänger wirklich bemerkte, als Elf bei einem neuen Label unterschrieben, das die Rock-Goliaths Deep Purple gegründet hatten. Ian Paice und Roger Glover produzierten das erste, selbstbetitelte Album von Elf, und 1974 wurden sie eingeladen, mit Purple auf US-Tournee zu gehen.

So weit, so gut. Weniger bekannt ist, dass Elf den ursprünglichen Party-Deep-Purple der Gillan-Ära weitaus näher waren als dem mittelalterlichen Metal von Rainbow zu Dios Zeiten. „Die Art von Songs, die ich für Rainbow schrieb, hatten eher einen Renaissance-Aspekt“, erzählte mir Ronnie. „Ritchie und ich hatten Rainbow immer als eine Begegnung von Heavy Rock und wuchtigen klassischen Themen betrachtet. Was ich schrieb, war keine Poesie, aber es sollte mehr aussagen als ‚Baby, ich liebe dich‘.“

Hört man sich Stücke wie ›Self Portrait‹ von ihrem 1975er-Debüt RITCHIE BLACKMORE’S RAINBOW an, kann man dem kaum widersprechen. Blackmore beschrieb es als „eine Kreuzung aus Bachs ›Jesu‹, ›Desire‹ von Joy Of Man und ›Manic Depression‹ von Jimi Hendrix“, und Dio meint es ganz eindeutig ernst, wenn er Zeilen singt wie „Paint me a picture of eyes that never see/With flashes of lightning that burn for only me“. Kein Vergleich zu ›Black Swampy Water‹, dem Opener des im selben Jahr erschienenen dritten und letzten Al­­bums von Elf: „Uh, back in the wood/Where it’s good/Well I saw me a child/She was wild/Like a lady going all out“, gesungen zu einem Stones/Faces-artigen Party-Groove. Ein tolles, spaßiges Lied, ohne Frage, souverän gesungen und gespielt, aber so weit von Bach entfernt wie Turner und seine Overdrive.

Und doch waren es Elf – minus Gitarrist Steve Edwards –, die Blackmore für dieses erste Album anheuerte. Auf klassischen Rainbow-Songs wie ›Man On The Silver Mountain‹ kann man die Elf-Dampfwalze im Vollgasmodus noch deutlich hören, ebenso wie den Soul, den sie in das verträumte ›Catch The Rainbow‹ injizieren. Aber das war eben Dio: jemand, der gelernt hatte, auf Veränderungen zu reagieren, und genau wusste, was er tat.

Doug Thaler war der Keyboarder der Electric Elves von 1967 bis 1971, als bei einem Autounfall Gitarrist Nick Pantas ums Leben kam und er selbst danach monatelang im Krankenhaus lag. Er erinnert sich an Dio, bevor er berühmt wurde, als „jemand, der immer sehr motiviert war. Er hatte jahrelang versucht, Erfolg zu haben, bis es mit Rainbow endlich klappte. Als Elf ihren Vertrag bei Purple unterschrieben, hatte Ronnie schon ein halbes Dutzend Singles auf einem halben Dutzend Labels veröffentlicht. Er war sehr frustriert. Ich denke, er machte sich Sorgen, dass er seine Chance verpasst hatte.“

Thaler bestätigt, dass Dio erst mit Blackmore seinen Hang zu Worten wie „no sun in the shadow of the wizard“ (aus ›Stargazer‹) entwickelte. „Erst nach der Tournee mit Purple und seinem Einstieg bei Rainbow wurde er zum Metaller. Aber Ronnie war ein großartiger Mensch. Er war einer dieser Typen, die sich für den Rest ihres Lebens deinen Namen merken, nachdem sie dir ein einziges Mal in einem Club begegnet sind. Und er war großartige Gesellschaft, ein guter Kerl.“

Auf der Bühne verfolgte Dio einen ähnlichen, äußerst persönlichen Ansatz, um einen Draht zu seinem Publikum zu finden. Wie er mir einst erzählte: „Wenn ich auf der Bühne stehe und singe, stelle ich mir gerne vor, dass ich jeder einzelnen Person im Raum in die Augen sehe, dass ich nur für sie singe. Und wenn ich einen Song ansage, schreie ich nie, ich spreche einfach mit ihnen, als würden wir uns privat unterhalten. Das liegt teilweise daran, dass ich schon immer Frontmänner gehasst habe, die ihr Publikum einfach nur anbrüllen und dämlich angrinsen, als sei es ein großer Klumpen. Das fand ich immer so unhöflich. Aber vor allem liegt es daran, dass ich meinen Job sehr ernst nehme. Versteh mich nicht falsch, ich habe da oben viel Spaß. Aber ich meine wirklich jedes Wort ernst, das ich singe oder sage. Und ich will, dass die Leute das wissen.“

Das zweite Album RAINBOW RI­­SING katapultierte die Band dann schließlich in die Annalen der Rockhistorie. Es erschien 1976 nur wenige Wochen nach dem finalen Konzert des MkIV-Line-ups von Deep Purple im April und wurde von der Konstellation eingespielt, die heute als die Quintessenz von Rainbow gilt: Alle einstigen Elf-Kollegen von Dio waren von Rockveteranen ersetzt worden – Cozy Powell am Schlagzeug, Jimmy Bain am Bass und Tony Carey an den Keyboards. RAINBOW RISING definierte den Maßstab, an dem Heavy-Metal-Platten für den Rest der 70er Jahre gemessen wurden.

Auf jeden Fall war es eines der besten Alben, auf denen Dio je singen würde. „Yeah, das sehe ich genauso“, gab er unverblümt zu. Da das Line-up leider erneut zerfiel (weder Bain noch Carey überlebten den Umbau), bevor ein Nachfolger aufgenommen werden konnte, schöpfte die Band nie ihr volles Potenzial aus.

„Das war sehr schade, aber Ritchie ar­­beitete gerne so, damit die Sache frisch blieb“, sagte mir Dio diplomatisch. Und als das Diktiergerät ausgeschaltet war, was für „ein Arschloch“ Ritchie war. „Die Leute sagen mir immer noch, wie überrascht sie waren, dass ich kurz darauf die Band verließ. Ehrlich gesagt war ich das selber“, scherzte Dio Jahre später. Und gestand: „Letztlich war es Ritchies Entscheidung, ja. Aber auch meine, insofern, als ich wusste, dass ich ihm nicht das geben konnte, was er wollte. Die Antwort liegt in dem, was die Band nach meinem Ausstieg machte, etwa Singles wie ›Since You’ve Been Gone‹. Das ist ein toller Song und war ein Riesenhit für sie, aber nichts, was ich mit ihnen geschrieben oder gesungen hätte. Es war Mainstream-Pop-Rock, und in diese Richtung wollte Ritchie gehen. Hätte ich das auch gewollt, bin ich mir sicher, dass wir weiter hätten zusammenarbeiten können. Aber ich wollte es nun mal nicht.“

Irgendwie ironisch, dass die refrainlastige Rock’n’Roll-Hymne ›Since You’ve Been Gone‹ perfekt zu Elf in ihrer „Whoa-yeah-mama“-Phase gepasst hätte. Und somit ein weiterer Ast der weitverzweigten Deep-Purple-Familie, der die „Was wäre, wenn…“-Fraktion fasziniert.

(Auszug aus unserer großen Titelstory: Deep Purple: Der Clan, der den Hard Rock beherrschte.)

2 KOMMENTARE

  1. Ein interessanter Bericht, leider stimmt der Anfang nicht ganz. Ritchie Blackmore wollte das Cover „black Sheep of the Family“ von Quatermess auf die neue Purpleplatte verfrachten. Das wollten die „Restpurple“ allerdings nicht. Von „Greensleeves“ war nie die Rede.

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