Wilko Johnson: Dem Tod von der Schippe gesprungen

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Wilko Johnson: Dem Tod von der Schippe gesprungen

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Wilko Johnson InterviewAls Gitarrist von Dr. Feelgood war Wilko Johnson eine der coolsten Figuren des Proto-Punk-Rock der 70er Jahre. Sein Charisma erkannten auch die Macher der TV-Serie „Game Of Thrones“, die den Musiker als Henker des Königs des Nordens besetzen. Im Januar 2013 erhielt er dann die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs, der Arzt gab ihm noch neun Monate.

Wilko Johnson spielte eine finale Tour, nahm ein letztes Album mit Roger Daltrey auf, war so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr. Nur einer kam nicht: der Tod. Gut ein Jahr nach der Diagnose stellte sich heraus, dass sein Krebs doch heilbar ist. Ein Interview über Trauer, Tod und den Blick des Henkers.

Wilko, eine banale Frage, die angesichts deiner Geschichte aber gar nicht banal ist: Wie geht es dir?
Danke, gut. Ich habe keine Beschwerden, die bei einem Menschen meines Alters nicht üblich wären.

Wenn du heute an die Zeit zurückdenkst, als dir dein Arzt wegen des Tumors nur noch knapp ein Jahr Lebenszeit gab, wirken diese Monate rückblickend wie ein Alptraum?
Nein, eher wie ein befristetes Dasein in einer Parallelwelt. Die Diagnose war natürlich schrecklich, aber was danach passierte, war in vielen Fällen außergewöhnlich schön. Es war eine sehr ambivalente Zeit. Aber keine alptraumhafte.

Was für Gedanken schießen einem durch den Kopf, wenn ein Mediziner sagt: „Sie haben Krebs, Operation zwecklos?“
Ich war, und das wunderte mich selbst, total ruhig. Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der Dinge sehr positiv betrachtet. Ich habe meine Krisen und dunklen Momente. Aber als ich das Krankenhaus mit der Diagnose verließ, nur noch über wenige Monate Lebenszeit zu verfügen, war ich vollkommen ausgeglichen. Ich weiß noch, es war ein schöner und klarer Tag. Der blaue Himmel, die frische Luft. (überlegt) Ich entwickelte eine sehr große Freude, noch am Leben zu sein. Meine Zeit war begrenzt. Nun wollte ich sie nutzen.

Du hast dann gleich mit den Plänen für eine Abschiedstournee und ein letztes Al­­bum begonnen.
Man hat mit einem Tumor im Bauch keine Zeit zu verlieren, das war mir klar. Zumal mir keiner sagen konnte, ab welchem Stadium der Krankheit es für mich unmöglich werden würde, auf der Bühne zu stehen oder eine Platte aufzunehmen.

Hattest du zu Beginn keine Beschwerden?
Überhaupt nicht, nein. Und auch später nicht, als der Tumor schon enorm gewachsen war. Das Ding hat genervt, das schon. Aber es hat mir keine schlimmen Schmerzen zugefügt. Ich habe täglich darauf gewartet. Eines Tages, wir waren in einem Restaurant essen gewesen, dachte ich: Jetzt geht‘s los. Mir war speiübel, ich hatte Verdauungsprobleme – aber am Ende war lediglich das Essen schlecht gewesen. (lacht)

„Ich weiß, worauf du hinaus willst. Krebs zu haben, ist ein brillanter Karriereschritt. Dennoch würde ich es keinem empfehlen.“ (Wilko Johnson)

Wie fühlten sich diese vermeintlich letzten Konzerte an?
Es waren wunderbare Abende. Natürlich ist es etwas Besonderes, wenn die Leute mit dem Bewusstsein zu einer Show gehen, dass auf der Bühne ein Mann steht, den sie wohl nicht mehr lebend wiedersehen werden. Jeder Gig war also auch ein Abschiedsfest, für mich war das unglaublich berührend – und ich glaube, für das Publikum auch. Das gilt auch für die Aufnahmen für das Album zusammen mit Roger Daltrey. Ich stand in meinem Leben sehr häufig in einem Studio, aber wenn man denkt, es handelt sich um das letzte Mal, dann liegt eine besondere Atmosphäre in der Luft.

Du warst in dieser Zeit auch in vielen Talkshows zu Gast.
Ja, die Medien interessieren sich für einen Todkranken. (lacht) Aber diese Gesprächen liefen gut, ich konnte noch einmal von meiner Karriere erzählen, fühlte mich nicht allein. Das tat mir gut.

Ein halbes Jahr später warst du dann noch einmal in diesen Shows. Aber mit einer anderen Message: „Hurra, ich lebe noch! Und ich werde auch so schnell gar nicht sterben.“
Das war natürlich merkwürdig. Du warst vor nicht allzu langer Zeit schon mal in dieser Sendung und hast von deinem nahenden und unvermeidlichen Tod erzählt – und dann kommst du wieder und sagst: Alles easy, Leute, mir geht‘s blendend. Nicht ohne Ironie, diese Geschichte.

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