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Start Blog Seite 322

Plattensammler: Der Doktor

Man nennt ihn „den Doktor“. Wir lassen uns gerne mit der musikalischen Auswahl des Vibravoid-Frontmannes verarzten.

Mit dem Psychedelic Rock nimmt es „der Doktor“ ernst. Das Mastermind der Düsseldorfer Formation Vibravoid waltet seit über 30 Jahren im Untergrund und hält sich schön fern vom Mainstream und allem, was auch nur leicht danach riecht. „Es gibt sehr viele Lieder und Hits, bei denen ich aus Scham weinen möchte.“ Für Augenwischerei, seichte Trends und seelenlose Schablonenmusik ist des Doktors Zeit eindeutig zu schade, deswegen verwundert es nicht weiter, dass im Soundtrack seines Lebens nicht nur eine obskure Psych-Perle zu finden ist.

DIE ERSTE MUSIK, AN DIE ICH MICH ERINNERN KANN
Von meinen Eltern hatte ich als Kind in den frühen 70er-Jahren ein paar Singles bekommen, um damit zu spielen. Die Beschäftigung mit einem alten Braun „Schneewittchen Sarg“ gehörte dabei zu meinen Favoriten. Diese Musik hat sich in mein Gehirn eingebrannt – es waren Platten von Can, Jimi Hendrix, The Seeds, The Byrds, The Move und The Rolling Stones. Diese Platten habe ich tatsächlich immer noch.

DER ERSTE SONG, DEN ICH JE LIVE GESPIELT HABE
In der Schule hatten wir im Musikunterricht ein Projekt und sollten selber einen Song schreiben.
Das hatte so gut funktioniert, dass wir am Ende als Schülerband sogar noch einen Auftritt bekamen. An die Titel kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich spielte Bass, obwohl ich wirklich keine Ahnung von dem Instrument hatte.

DER BESTE LIVE-ACT
Anfang der 90er-Jahre hatte ich mehrere Spiritualized-Konzerte gesehen, zu dieser Zeit war die Band unschlagbar. Die Kombination von Lautstärke, Lärm und Licht war einfach grandios. Ich habe in den Jahren danach immer wieder die unterschiedlichsten Leute kennengelernt, die auch bei den Shows waren, und es existierte dadurch immer sofort eine Gesprächsbasis. Eine Leistung, die ich bis heute sehr beeindruckend finde.

DAS BESTE ALBUM ALLER ZEITEN
Eine schwere Frage, also mache ich es mir leicht. THE PIPER AT THE GATES OF DAWN von Syd Barretts Pink Floyd ist ein absolut visionäres Album und kaum zu schlagen. 1967 war offensichtlich ein gutes Jahr für Musik und hat etliche Meisterwerke hervorgebracht.

pink floyd debüt

DER SÄNGER
Jim Morrison, vielleicht nicht der beste Sänger, aber als Interpret seiner Texte eine Kategorie für sich. Jim Morrison ist ein gutes Beispiel dafür, dass Glaubwürdigkeit und Authentizität wichtiger als technisches Können sind. Ähnlich ist es bei Janis Joplin, je älter ich werde, umso größer wird mein Zugang zu ihrer gesanglichen Leistung. Es ist schade, dass heute kaum noch solche Sänger zu finden sind.

DER GITARRENHELD
Hier muss ich noch einmal Syd Barrett nennen. Sein irreguläres Timing und der innovative Drang zur Erneuerung gehen leider oft im Schatten seiner Mythen unter. Syds gezielter Einsatz von Effekten, Klängen und Versatzstücken ist nach wie vor einmalig in der Musikgeschichte, denn hier entstand für einen kurzen Augenblick wirklich etwas Neues, das bis heute nachwirkt.

DER SONGWRITER
Es gibt etliche Songwriter, die man als Interpret gar nicht kennt und die im Hintergrund die Hits für andere Künstler schreiben. Zum Beispiel enthält der Katalog von Bands wie The Monkees unglaublich viele gute Lieder. Jedoch sehe ich die Beatles in der Kombination von Interpret, Musiker und Komponist ganz weit vorne – es gibt wohl kaum eine andere Band, deren Einfluss bis heute so groß ist. Pete Townshend ist ebenfalls fantastisch. Mitte der 60er-Jahre herrlich naive Lieder über Masturbation zu schreiben, dafür braucht man echt Eier!

DIE UNTERBEWERTETSTE BAND ALLER ZEITEN
Freeborne aus Boston, ganz einfach. Trotz des heutigen Booms des Psychedelic-Rock-Revivals eine Band, die kaum jemand kennt, die aber höchstwahrscheinlich 1967 mit PEAK IMPRESSIONS das ultimative Psychedelic-Album produziert hat.

DIE BESTE PLATTE, DIE ICH JE GEMACHT HABE
Ich finde alle unsere Alben super, denke aber, dass unser Debütalbum 2001 – was zu der Zeit damals keiner ahnen konnte – die Trends der letzten 20 Jahre beeindruckend vorwegnimmt. Das Album klingt heute sogar noch zeitgemäßer und frischer als damals.

DIE SCHLECHTESTE PLATTE, DIE ICH JE GEMACHT HABE
Zum Glück ist es nur eine Single: ›Doris Delay‹. Bei der Produktion ist irgendwie alles schiefgegangen. Eigentlich ein guter Song, aber die Single ist aus meiner Sicht wirklich Schrott und ich bin froh, dass ich das Lied für das Album noch einmal neu aufnehmen konnte.

MEIN GUILTY PLEASURE
Nach dem großartigen LOVE von The Cult hatte ich mir damals den Nachfolger ELECTRIC gekauft.
Die Platte war einfach nur schlecht. Alles klang wie eine billige Kopie von ›Start Me Up‹ und irgendwie steht dieses Album auch für den unsäglichen Siegeszug des Heavy Metal, der seit dieser Zeit jegliche Art von Musik kreativfrei assimiliert. Ich fühle mich für den Kauf immer noch schuldig und das einzige Vergnügen war es, diese Platte sofort wieder zu verkaufen.

DIE HYMNE
›Colour Your Mind‹ von der australischen Band Tyrnaround ist eine Glanzleistung des Neo Psychedelic Rock der 80er-Jahre. Kaum eine andere Band hat es zu dieser Zeit geschafft, das Gefühl eines LSD-Trips so zeitlos und kompakt in einen Song zu packen. Gerade das Zusammenspiel von Orgel und Gitarre im Solopart ist komplette Ekstase.

MEIN SAMSTAGABEND/PARTYSONG
›Jumpin’ Jack Flash‹ in der Version von Ananda Shankar ist ein Anheizer allerbester Güte. Wer hier keinen Bewegungsdrang verspürt, sollte sich sofort begraben lassen!

DER SONG, DER MICH ZUM WEINEN BRINGT
Es gibt sehr viele Lieder und Hits bei denen ich aus Scham weinen möchte, weil sie so unglaublich schlecht sind und mich an der Menschheit zweifeln lassen.

MEIN „IN STIMMUNG“-SONG
Ich vermute, dass Alkohol als Katalysator wohl eine größere Rolle spielt als ein Song an sich. Das wirklich Wichtige dafür ist der Rhythmus eines Songs. Alles, wozu Frauen lasziv tanzen können, scheint diese Aufgabe bei mir hervorragend zu erfüllen! ›In A Gadda Da Vida‹ von Iron Butterfly finde ich aus dem Grund sehr stimulierend.

DER SONG, DER BEI MEINER BEERDIGUNG LAUFEN SOLL
›Full Cycle‹ von Ill Wind – das ist wieder so eine obskure Psychedelic-Platte aus den 60er-Jahren. Gesang und Text schwanken zwischen philosophischen Anleihen und abstrakter Lautmalerei, erzeugen aber diese „ins Licht gehen“-Stimmung. Als ich den Song das erste Mal hörte, dachte ich sofort, dass das die Nummer ist, bei der der Sarg herabgelassen wird. Ein wirklich tolles Lied mit einer einzigartigen Stimmung.

The Hornets – HEAVIER THAN A STONE

Bellissimo Rock’n’Roll

Typisch italienisch ist das nicht, was The Hornets da vom Stapel bzw. der Rille lassen. Aber was ist das schon, außer vielleicht Celentano und Ramazzotti? Auf HEAVIER THAN A STONE gibt es keinen Italo Pop sondern vielmehr Italo Rock. Der sich aber wiederum an Bands wie den schwedischen Hellacopters orientiert. Diesen können The Hornets zwar (noch nicht) weder gesanglich noch kompositorisch das Wasser reichen, aber der Garage’n’Roll geht in die richtige Richtung. So harmonieren besonders die beiden Gitarristen gut, was Riffs und Melodien angeht. Recht retro das Ganze, aber auch schön rock’n’rollig. Besonders ein Stück wie ›Get Out (… Baby Get Out)‹ kommt geradezu schon klassisch und 50ies-mäßig daher und macht Laune. Der Rest eher mit 70er-Schlagseite. ›Fighting Man‹ mit leichter West-Coast-Anmutung. Man merkt den italienischen „Hellacopters“ durchgehend den Spaß an der Sache an. Der Gesang ist zwar etwas dünn und der Flow nicht hundertprozentig – sind halt doch keine Englisch-Muttersprachler –, aber für ein Debüt geht das mehr als in Ordnung.

6 von 10 Punkten

The Hornets, HEAVIER THAN A STONE, GO DOWN RECORDS/CARGO

Paradise Lost – LIVE AT THE MILL

Intim, ungefiltert und selbstvergessen

Wenn man seinen Proberaum schon in den Räumlichkeiten einer Konzertlocation hat, dann wird die Produktion eines pandemietauglichen Live-Streams natürlich zum Spaziergang. Vielleicht klingt LIVE AT THE MILL, die jüngste Veröffentlichung der Yorkshire-Trauerklöße Paradise Lost, deshalb auch so intim, so ungefiltert und selbstvergessen. Verwöhnt von einem dröhnenden, rohen und wunderbar ehrlichen Sound röhren sich die Briten durch Raritäten wie ›Widow‹, Dauerbrenner wie ›As I Die‹ oder neues OBSIDIAN-Material wie ›Darker Thoughts‹, locker das beste Paradise-Lost-Stück des neuen Jahrtausends.

Eine derart ikonische und besondere Setlist wie diese wollen wir auf jeden Fall noch mal livehaftig erleben. Bis es endlich wieder soweit ist, bietet LIVE AT THE MILL aber mehr als guten, angenehm düsteren und druckvollen Ersatz mit einer ganz besonderen, unverfälschten Note. War ja aber irgendwie klar, dass Schwermutsjünger wie Paradise Lost das abwesende Publikum irgendwie ganz gut wegstecken können.

8 von 10 Punkten

Paradise Lost, LIVE AT THE MILL, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE

Coloursøund – COLOURSØUND II

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Eine zweite Runde an Licks und Großspurigkeit

Während man weiterhin auf den nächsten Schritt in der ständig nach oben steigenden, musikalischen Flugkurve von The Cult wartet, beruhigt es einen irgendwie, wenn man The-Cult-Gitarrist Billy Duffy derweil dabei zuhören kann, wie er seiner Gretsch White Falcon Riffs für COLOURSOUND entlockt. Alleine beim Opener ›Paradise (Free People)‹ fühlt man sich ins Jahr 1985 versetzt.

Dieser verspätete Nachfolger zum selbstbetitelten Debüt von 1999 vereint Duffy erneut mit Mike Peters von The Alarm, wobei Craig Adams von The Mission nicht mehr an Bord ist. Als Resultat hat man hier ein Album, das in die besten und schlechtesten Phasen des Backkatalogs des Protagonisten tappt. Leider bedrängt Peters Tendenz zur Dramatik hier und da Duffys solide Gitarrenarbeit, was auf Tracks wie ›Addiction‹ zu einem Ungleichgewicht führt, welches dann jedoch auf ›The Other Side‹ sowie dem psychedelischen ›Mourning Call‹ wiederhergestellt wird. Letzteres ist ein Ausflug hinter die Grenzen jeglicher Komfortzonen.

6 von 10 Punkten

Coloursøund, COLOURSØUND II, THE GREAT NORTH WESTERN RECORDING COMPANY

Text: Julian Marszalek

Ida Mae – CLICK CLICK DOMINO

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Ein britisches Pärchen zeigt Nashville, wie schroffer Blues geht

Eigentlich müssten Ida Mae mitten im transatlantischen Rücken ihr Zuhause haben, sind sie doch hin- und hergerissen zwischen Britannien und Amerika. Das UK-Ehepaar Stephanie Jean und Chris Turpin hat sich in Nashville niedergelassen, ihre dortigen neuen Freunde lieben die, wie sie es empfinden, typische Britishness der zwei.

Die Kiszka-Brüder (Greta van Fleet) jubeln schon, wenn sie nur den Insel-Akzent ihrer regelmäßigen Tourpartner hören, Marcus King lobt begeistert „den herrlich britischen Rocksound, mit dem ich aufgewachsen bin“ und steuert zwei Gitarrensolos zum neuen Album bei. Auf der Insel wiederum käme man nie auf die Idee, die Musik der beiden anders als „Americana“ oder „Blues“ zu nennen. So oder so, auf CLICK CLICK DOMINO spinnen Steph und Chris die Fäden ihres Debüts CHASING LIGHTNING (2019) konsequent weiter. Ihre Balladen sind noch stiller, karger und spröder, ihre Radau-Rocksongs umso rumpeliger und rougher geworden. So könnten The Kills klingen, tobten sie sich statt in einer Londoner Garage in einem Bootshaus am Mississippi aus.

7 von 10 Punkten

Ida Mae, CLICK CLICK DOMINO, VOW ROAD/THIRTY TIGERS/MEMBRAN

Iron Maiden: Neuer Song ›The Writing On The Wall‹

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Nachdem Iron Maiden in den letzten Wochen durch einige rätselhafte Auftritte, T-Shirt-Aufdrucke und Co. ordentlich die Gerüchteküche zum Brodeln brachten, hauen die Metal-Legenden heute endlich eine klare Ansage raus.

Ein eindrucksvoller animierter Clip mit apokalyptischem Anstrich, zahlreichen biblischen Querverweisen, politscher Botschaft und Splatter-Elementen begleitet den neuen Maiden Song ›The Writing On The Wall‹. Abschließend wird Maskottchen Eddie als Initiator einer neuen Welt dargestellt, der einem Paar alias Adam und Eva einen Apfel aushändigt.

Roky Erickson: Das Leben einer Untergrundlegende

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Heute wäre der Sänger 74 Jahre alt geworden. Doch vor zwei Jahren starb der Texaner. Ein Rückblick.

Schon mit fünf Jahren begann Roky Erickson das Klavierspielen, später folgte die Gitarre. Kurz vor seinem Schluabschluss entschloss er sich, hinzuschmeißen und Rockmusiker zu werden. Er gründet die Band The 13th Floor Elevators und tourt durch die Lande. Seine Mutter macht sich Sorgen als er teils erschöpft und verwirrt heim kommt. Die Diagnose: Schizophrenie. Doch in den 60er Jahren stecken die Behandlungsmöglichkeiten noch in den Kinderschuhen. Erickson entscheidet sich für eine andere Medizin: Heroin.

Nachdem man bei ihm Marihuana auffindet, droht ihm eine zehnjährige Haftstrafe. Mithilfe seines Anwalts, der auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert, muss der Texaner nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt. Nach einer Gesetzesänderung, die Drogenbesitz als minder schweres Vergehen einstuft, kommt er in den frühen 70er Jahren wieder auf freien Fuß. Mit seinen neu gegründeten Band Bleib Alien wendet er sich vom psychedelischen hin zum Hard Rock.

Während er stets weiter Musk macht, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand immer mehr. 2005 erscheint der Dokumentarfilm „You’re Gonna Miss Me“ über sein Leben und den Versuch wieder mehr Ordnung in dieses zu bringen. Schließlich gibt er auch wieder Konzerte und nimmt 2010 auch wieder ein Studioalbum auf. 2019 stirbt der Musiker schließlich laut seinem Bruder friedlich. Als Mitbegründer des psychedelischen Rock bleibt er im Gedächtnis, auch dank Bands wie Ghost, die seinen Song ›If You Have Ghosts‹ coverten.

Cinderella: Jeff LaBar ist gestorben

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Gitarrist Jeff LaBar ist im Alter von 58 Jahren gestorben. Das bestätigte sein Sohn Sebastian vor wenigen Stunden bei Instagram. Die Todesursache ist bisher nicht bekannt.

Jeff LaBar stieß 1985 zu Cinderella, drei Jahre nach deren Gründung in Philadelphia und spielte auf allen Alben: NIGHT SONGS, LONG COLD WINTER, HEARTBREAK STATION und STILL CLIMBING. Nach der Auflösung der Band brachte LaBar erst 2014 ein Soloalbum heraus.