Zwei ganz Große der amerikanischen Musikgeschichte haben sich zusammengetan. Bruce Springsteen und John Mellencamp veröffentlichten gestern ihre gemeinsame Single ›Wasted Days‹.
Der Song beschäftigt sich mit dem Verstreichen der Zeit, mit der menschlichen Vergänglichkeit, mit den Tagen, die noch übrig sind. All das gefühlvoll interpretiert von zwei Legenden, die inzwischen 69 (Mellencamp) und 72 (Springsteen) sind.
Sechstes Soloalbum des Queen-Drummers und das erste, das ihm richtig gelingt
Wie seine Kollegen von Queen hat auch Roger Taylor nur selten außerhalb des Mutterschiffs geglänzt. Seine Band The Cross war nur schwer auszuhalten und während seine Sammlung an Soloalben einige nette Momente vorweisen konnte, hielt er sich seine beste Arbeit doch klugerweise für Queen auf. Getoppt wurde all das, als NAZIS von 1994 einer verschreckten Welt offenbarte, wer die bösen Jungs im Zweiten Weltkrieg waren. Nun also erscheint sein neuestes Album, OUTSIDER, und die Erwartungen hätten größer sein können. Und vielleicht hätten sie das auch sein sollen, schließlich legt der 72-jährige Taylor nun seine ganze Energie in diese Solo-Bestrebung. Wie immer auf seinen Soloplatten macht Taylor fast alles selbst. Er spielt natürlich Schlagzeug, aber auch Gitarre und den Großteil der Keyboards, macht aber gemeinsame Sache mit Joshua J. Macrae, seinem Langzeit-Kollegen von The Cross. Taylor tauchte in seinen eigenen Katalog, um ›Absolutely Anything‹ vom gleichnamigen Terry-Jones-Film von 2015 neu zu justieren. Radikaler ist da schon ›Foreign Sand‹, eine Rocknummer von 1994, die hier, in bittersüße Balladengewänder gekleidet, wieder auftaucht, während sich ein spartanischer, ordinärer Vibe wie ein Schleppnetz durch ›The Clapping Song‹ zieht, auf dem Taylor durch ein Megafon knurrt wie eine Line-Dance-Caller-Version von Mark E. Smith. Mal abgesehen vom holprigen Titel ›More Kicks – A Long Day’s Journey Into Night … Life‹ präsentiert sich Taylor hier richtig kantig. Die wirkliche Überraschung liegt vor allem in der Eleganz des vom Lockdown inspirierten Albums: Taylor selbst bevorzugt das Wort „herbstlich“ und trifft den Kern damit genau.
Das wundervolle ›Tides‹ eröffnet in schwermütiger, feierlicher Manier, KT Tunstall fügt dem einfühlsamen ›We’re All Just Trying To Get By‹ stilvollen Gesang hinzu und das Schlusslied, ›Journey‘s End‹, – eine siebenminütige Single von 2017 – klingt nach einem Mann, der alles geschafft hat und darüber sinniert, was nun noch übrig bleibt. Der Song ist ein subtiler Wink in Richtung Fleetwood Macs ›Albatross‹ und bewegt sich so, wie sich Roger Taylor noch nie zuvor bewegt hat. Andernorts in ›Gangsters Are Running This World‹ (auch selbiges auferstanden in einer eher aggressiven Version à la Deep Purple) wird Taylor eher zurückhaltend wütend – ein sanftes Klavier und der poppige Chorus übertünchen seine Schmährede gegen den Autoritarismus. Vielleicht liegt es daran, dass er nicht mehr unter dem Druck steht, neue Musik für Queen fabrizieren zu müssen oder daran, dass er im Lockdown zu viel Zeit hatte. Eigentlich ist es ziemlich egal, wo die Gründe dafür liegen, dass Taylor so spät in seinem Leben nochmal richtig aufblüht. Wir sollten einfach nur dankbar sein, dass es passiert.
Hach, Al Jourgensen. Der coolste Interviewpartner, den der Autor je zur Rede stellen durfte, gießt seit nunmehr 40 Jahren mit Ministry seine sehr spezielle Weltsicht in jene infernalischen Elektro-Feuerstürme, die unter dem hilflosen Begriff „Industrial“ vor ca. 30 Jahren mal ein paar Augenblicke lang als die Zukunft des Metal galten. Der Hype und die meisten Acts dieser Spielart verflüchtigten sich schnell, doch Jourgensen blieb – und könnte kaum ein perfekterer Kandidat sein, um den Wahnsinn der jüngsten Vergangenheit gebührend zu vertonen. Eine nennenswerte musikalische Weiterentwicklung bleibt dabei aus, doch die Zutaten sind nun mal seit Jahren perfekt. Ein süffiges Wortspiel als Titel (für immer unübertroffen: DARK SIDE OF THE SPOON), gnadenlos dissonantes Breitwandstakkato aus allen Rohren, unheimliche Klangkulissen und natürlich jener unverwechselbar verstörende Höllenwind, der Al aus der Kehle fährt und nicht nur das fetteste Augenzwinkern im Rock, sondern auch eine fast furchteinflößende Wut im Bauch in die Welt bellt.
Das klingt hier immerhin frischer und grooviger als auf dem stellenweise etwas blutleeren Vorgänger AMERIKKKANT, und mit einem köstlichen Gastauftritt von Jello Biafra sowie dem Stooges-Cover ›Search And Destroy‹ markiert Jourgensen deutlich wie lange nicht sein Territorium als der womöglich letzte wahre Punk. Beunruhigend, nervenzerfetzend und einfach geil.
7 von 10 Punkten
Ministry, MORAL HYGIENE, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE
Das erste Album ohne ein einziges Originalmitglied
THE QUEST ist das 22. Studioalbum der englischen Progressive-Rock-Pioniere Yes. Es ist das erste mit Bassist Billy Sherwood seit THE LADDER (1999) und das erste seit dem Tod von Original-Basser Chris Squire im Jahr 2015, was es zum ersten Yes-Studio-Output ohne eines der ursprünglichen Mitglieder macht. Bereits vor knapp zwei Jahren begannen Yes, gemeinsam an Material für einen neuen Longplayer zu arbeiten. Nachdem alle Tourneen ab März 2020 wegen der COVID-19-Pandemie verschoben worden sind, wurde die Arbeit daran während des Lockdowns wieder aufgenommen. Die Gruppe tauschte online Ideen aus, bevor sich Gitarrist Steve Howe, Keyboarder Geoff Downes und Sänger/Akustik-Gitarrist Jon Davison in England trafen, um die Songs letztendlich aufzunehmen. THE QUEST wurde von Howe produziert, das erste Yes-Album seit dem 1994 erschienenen TALK (für das damals Gitarrist Trevor Rabin verantwortlich zeichnete), das von einem Mitglied ausgeführt wurde. THE QUEST fühlt sich für das Quintett wie ein Schritt nach vorne an (was sollen sie auch sonst sagen), aber es gibt natürlich ausreichend historische Anspielungen auf die klassischen Yes-Alben der Vergangenheit, jede Menge Retro-Klänge wie der ehrwürdige Hammond-Sound.
›Dare To Know‹ spiegelt Howes Yes-Stammbaum mit einigen klassischen 70er-Jahre-Gitarren-Licks wider und featuret darüber hinaus auch den Einsatz eines kompletten Orchesters, das übrigens auch in ›Minus The Man‹, einer Warnung, dass künstliche Intelligenz keine Seele hat, eingesetzt wird. Der Opener, das dreiteilige ›The Ice Bridge‹, befasst sich mit den Gefahren des Klimawandels, ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch THE QUEST zieht und auch in ›A Living Island‹, dem bereits erwähnten ›Dare To Know‹, in ›Leave Well Alone‹ und ›Music To My Ears‹ aufgegriffen wird. Sherwood und Drummer Alan White haben ihre Rhythmus-Parts in Los Angeles eingespielt. White musste sich dabei nach 43 Jahren Zusammenspiel mit dem verstorbenen Chris Squire erst mal an seinen neuen Takt-Partner gewöhnen. Squire selbst war es, der Sherwood der Band empfohlen hat und als dessen Mentor fungierte. Ein wenig kitschig gerät ›Sister Sleeping Soul‹, der erste Song auf der zweiten CD, wohingegen ›Mystery Tour‹ eine leider nicht wirklich gelungene und vollkommen im Pathos badende Hommage an die Beatles ist.
Wer einfach ein, zwei Liveplatten von Neil Young daheimstehen haben will, der ist mit LIVE RUST und WELD immer noch gut bedient. Die zahlreichen Konzertaufnahmen, die der Songwriter seit ein paar Jahren verlässlich rausbringt, richten sich vor allem an Fans – und für die sind sie freilich grandios. CARNEGIE HALL 1970 zeigt Young ziemlich am Anfang seiner Solokarriere, aber was hatte er auch damals schon für Songs: ›Down By The River‹, ›Cowgirl in The Sand‹, ›Southern Man‹, ›After The Goldrush‹ – und das sind nur ein paar. ›Old Man‹ spielt er hier, obwohl es erst zwei Jahre später auf HARVEST rauskommen sollte, dazu mehrere Lieder, die er für Buffalo Springfield und CSNY geschrieben hatte, darunter ›Helpless‹, ›Ohio‹ und ›Expecting To Fly‹. Das wehmütig verträumte ›Bad Fog Of Loneliness‹ gab es jahrzehntelang nur auf Bootlegs zu hören. 23 Lieder insgesamt, alle solo, mal mit Gitarre, mal am Klavier. Aus ein paar seiner alten Songs sei er herausgewachsen, sagt Young hier zwischendurch. Er war 25.
Vor zwei Jahren hat Howe Gelb seine ikonischen Wüstenrocker Giant Sand – zumindest fürs Erste – in Rente geschickt. „Wir alle haben zu viele Gitarren in unserem Leben gehört“, sagt er. Für sein neues Soloprojekt hat er sich jetzt mit der experimentellen Kammerpop-Formation The Colorist Orchestra zusammengetan. Die nutzt genau gar keine Gitarre und setzt stattdessen auf Atmosphäre, auf wie auf Bambushölzern gespielte Percussion, Field Recordings und dezent-orchestrale Arrangements.
Gelb sprechsingt dazu vom Arabischen Frühling, vom eigentlich für ausgestorben gehaltenen Sansibar-Leoparden und von der Liebe natürlich. Besonders schön macht er Letzteres zusammen mit der wie gedankenverloren singenden Songwriterin Pieta Brown, die bei ein paar traurig-sachten Liedern auf NOT ON THE MAP dabei ist. „A whole half century of debacle and debate, from the first wet dream to the last drunken date”, heißt es da einmal tragikomisch. Song zwei ist ein reduziertes Cover von ›Gentle On My Mind‹, Song fünf ein vertontes Gedicht von Ralph Waldo Emerson. Unaufgeregt gut.
8 von 10 Punkten
The Colorist Orchestra & Howe Gelb, NOT ON THE MAP, DANGERBIRD/MEMBRAN
Neben Timothy Showalter, dem Mastermind, Sänger, Songwriter, Gitarrist von Strand Of Oaks, und seinem Kompagnon Kevin Ratterman sind auf dem achten Album der Truppe auch noch Carl Broemel (My Morning Jacket), Bo Koster (My Morning Jacket, Roger Waters), Cedric LeMoyne (Alanis Morrissette, Remy Zero), Scott Moore und Special Guest James Iha (The Smashing Pumpkins) zu hören. IN HEAVEN ist das erste Strand-Of-Oaks-Werk nach Showalters Umzug nach Austin, der Nachfolger von ERASERLAND, eine der besten Platten des Jahres 2019, wurde im Herbst 2020 ebendort aufgenommen. Bisher ging Showalter im Anschluss an eine Albumproduktion meist auf groß angelegte Tour, ein Unterfangen, das im Pandemie-Jahr deutlich zu kurz kam. So hatte er aber zumindest ausreichend Zeit, ein so tolles Opus wie IN HEAVEN zu schreiben. Es klingt nach viel Liebe, großem Kino, Erleuchtung, Feiern und Freu(n)de, aber auch nach Trauer, Bewältigung und Verlust.
›Jimi & Stan‹ ist ganz große epische Singer/Songwriter-Kunst, der beste Track, der Opener ›Galacticana‹, muss sich kein Stück dahinter verstecken („Laughing as a self defense, crying at my own expense, together“). ›Somewhere In Chicago‹ hat einen Country-Touch, ›Sunbathers‹ was von U2 zu THE-UNFORGETTABLE-FIRE-Zeiten, ›Carbon‹ ist dramatisch und James Iha kann man an Gesang und Gitarre auf ›Easter‹ hören. ›Sister Saturn‹ ist New Wave mit einem Hauch Fischer-Z. IN HEAVEN ist trotz aller Dramatik pure Magie, eine Befreiung.
8 von 10 Punkten
Strand Of Oaks, IN HEAVEN, GALACTICANA/THIRTY TIGERS/BERTUS
Am 29. Oktober veröffentlicht Danny Bryant sein zwölftes Studioalbum THE RAGE TO SURVIVE und liefert so den Nachfolger zum 2019 erschienen MEANS OF ESCAPE.
Auf der Platte verarbeitet der gefeierte britische Bluesgitarrist und Sänger seine persönlichen Erfahrungen während der Pandemie.
Das Album wurde live im Studio eingespielt. Bryant dazu wörtlich: „Ich wollte, dass die Platte die Energie von uns widerspiegelt, die wir haben, wenn wir live spielen. Es war über ein Jahr her, dass wir alle zusammen in einem Raum gewesen waren! Es war eine großartige Erfahrung, es war großartig, wieder mit den Jungs zu spielen und ich denke, diese Energie kommt in der Musik rüber.“