Jede Wette: Auch wenn man nicht weiß, was da gerade läuft – sobald beim Eröffnungstrack ›Ghost Of Future Pull/New Light‹ nach 50 Sekunden die Gitarre einsetzt, ist alles klar. Eine Zusammenfassung relevanter Markenzeichen liefert gleich das folgende Stück, die ›Santana Celebration‹ klingt wie ein modernisierter Outtake aus dem Debüt von 1969. Was danach folgt, ist eine „Genre-Streubombe“ von bewusst hoher Durchschlagskraft: Sie wünschen Reggae? Kein Problem, ›Joy‹ mit Chris Stapleton liefert zuverlässig. Sie bevorzugen Bluesrock? ›Peace Power‹ mit Corey Glover kommt sofort! Etwas Rap gefällig? ›She’s Fire‹, mit Diane Warren und G-Eazy wäre im Angebot.
Lust auf Heavy-Rock? Wir empfehlen ›America For Sale‹ mit Marc Osegueda & Kirk Hammett. Zum Nachtisch ein wenig Latin-Jazz? Der ›Angel Choir/All Together‹ mit Chick und Gayle Moran Corea ist ganz frisch zubereitet. Als Auskopplung fürs Radio wäre noch ›Move‹ mit Rob Thomas erwähnenswert, für Oldie-Freunde ein Remake von ›A Whiter Shade Of Pale‹ mit Steve Winwood. Was soll man zu all dem sagen? Wer Promi-Gastauftritte und einen wilden Ritt durch allerlei Stilrichtungen schätzt, wird diese Playlist gewiss mögen, wer Alben als stringente künstlerische Statements begreift, wahrscheinlich eher nicht. Und noch eine Wette: BLESSINGS AND MIRACLES dürfte gute Chancen bei den bekannten Musikpreisverleihungen haben, denn das All-Star-Konzept nach dem Motto „für jeden was dabei“ kommt beim Publikum sicher an.
Dana Colley und die mal sanft-eleganten, mal ungestüm improvisierten Klänge seines Baritonsaxophons – zwei unzertrennliche Elemente, die schon bei der Ende der 90er-Jahre aufgelösten Vorgängerband Morphine für wahre Gänsehautschübe bei Jazz- und Rockfans gleichermaßen sorgten. Als einziges noch verbliebenes Mitglied der einstigen Ur-Besetzung setzt der 59-Jährige nun das Schaffen des 1999 bei einem Auftritt verstorbenen Frontmanns und Hauptsongwriters Mark Sandman fort.
Kenner der Materie dürfen sich auf zwölf soundtrackartige Stücke freuen, die vor blumigen Referenzen an die Popmusik der goldenen 60er (›Irene‹), an wunderbar dreckigen Bluesrock (›Ostrich‹), psychedelischen Film-Noir-Surrealismus (›Blue Dream‹) und exotische Stilexkursionen (›Drop Out Mambo‹) nur so strotzen. Und natürlich sei auch VOM-Neuentdeckern empfohlen, ein Ohr zu riskieren.
7 von 10 Punkten
Vapors Of Morphine, FEAR & FANTASY, SCHNITZEL/INDIGO
Sir Cliff Richard feiert heute seinen 80. Geburtstag. Er war der erste Popstar, dem die Ehre des „Sir“ zuteil wurde.
Ende der Fünfziger wurde der Brite von Produzent Norrie Paramor entdeckt, der ihn bis in die Siebziger begleitete. In den frühen Sechzigern sang Richard sogar auf Anfrage des Labels in verschiedenen Sprachen, um seine Songs auch in anderen Ländern populär zu machen. Deutsch war dabei mit auf der Liste der schwierigeren Anforderungen. So wurde aus ›Lucky Lips‹ der Titel ›Rote Lippen soll man küssen‹.
Cliff Richard galt als die britische Version von Elvis Presley, zusammen mit seiner Begleitband The Shadows ließ er im UK Herzen schmelzen. Gitarrist Hank Marvin von The Shadows galt vielen Kids damals als Vorbild und veranlasste u.a. Tony Iommi oder Dave Hill von Slade dazu, Gitarre zu spielen.
Die Liste der Errungenschaften von Cliff Richard ist lang: Er ist der einzige Musiker, der in sechs Jahrzehnten Top Ten Hits hatte. Zudem war er auch zwei Mal beim Eurovision Song Contest vertreten. Neben Elton John ist der erfolgreichste britische Musiker und hält in den meisten englischen Konzerthallen den Besucherrekord.
Doch eine Nuss konnte der Brite nie so richtig knacken: Amerika. Die höchste Chartpositionierung, die er dort erreichen konnte, war 1976 Platz 6 mit dem Song ›Devil Woman‹, nach dem er auch sein Parfüm benannt hat.
Doch nicht nur ein Parfüm gibt es von dem Sänger zu erstehen, sondern auch Rot- und Roséwein von seinem eigenen Weingut. Bei der International Wine Challenge in London wurde der portugiesische Wein namens „Vida Nova“ mit der Bronzemedaille ausgezeichnet.
Diese späte Erkenntnis des Bassisten, Autors und Fotografen dürfte nur für die wenigsten Fans einen großen Schock darstellen, nutzten Songs und Albumcover wie von ›Girls, Girls, Girls‹ doch schon immer eine eher eindeutige Sprache und waren die Erzählungen in der Bandbiographie „The Dirt“ doch wirklich nichts für schwache Nerven.
Heute mit 62 Jahren hat Nikki Sixx endgültig genug von den Skandalgeschichten seiner Band. In unserem jüngsten Interview über sein neues Buch „The First 21“ meinte er vor wenigen Wochen: „Jede Schlagzeile über mich oder die Band ist negativ. Bei dem Buch war das Feedback durchwegs positiv, das hat mich sehr gefreut.“
Justin Hayward über zu viel Verbissenheit, späte Genugtuung und journalistische Fehleinschätzungen.
Mit ›Nights In White Satin‹ wurden Justin Hayward und The Moody Blues schon früh unsterblich, ihre üppig orchestrierten Konzeptalben der späten 60er ebneten dem Symphonic Rock den Weg. Bisweilen als Soft Rock verschmäht, sprechen rund 70 Millionen verkaufte Platten und bis heute weltweit ausverkaufte Konzerthallen dennoch eine deutliche Sprache.
Hast du je versucht, dein Erfolgsgeheimnis zu ergründen? Ja! Inzwischen weiß ich: Die Inspiration ereilt dich bei der Arbeit. Sich hinzusetzen und auf eine plötzliche Eingebung zu warten, funktioniert nicht. Wenn ich mich dagegen in mein Musikzimmer zurückziehe und einen ganzen Tag auf der Gitarre oder dem Keyboard spiele, wird am Ende etwas Gutes herauskommen.
Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl, dass The Moody Blues nicht nur eine Band, sondern womöglich eine Lebensaufgabe sein könnten? Ich denke, das passierte nach der Veröffentlichung von DAYS OF FUTURE PASSED, auf unserer ersten Tournee durch die USA im Jahre 1968. Zuvor war ich mir nicht ganz sicher gewesen, weil in Großbritannien und Europa alles auf Pop-Singles konzentriert war und wir keine echte Chance hatten, im Radio gespielt zu werden. In Amerika wurden wir dagegen vom gerade aufblühenden FM-Radio mit offenen Armen empfangen, und bei den Konzerten tauchten massenweise College-Kids auf. Da hatte ich das Gefühl: Das könnte gut werden.
Wie war es eigentlich damals möglich, trotz ständiger Konzertverpflichtungen zwei komplette Alben pro Jahr aufzunehmen und zu veröffentlichen? Wir entstammen einer Kultur, in der es üblich war, komplette Alben in nicht mehr als ein oder zwei Tagen einzuspielen. Weil wir ja nur mit 4- oder 8-Spur-Maschinen arbeiteten – erst zu ON THE THRESHOLD OF A DREAM-Zeiten hatten wir 16 Spuren zur Verfügung –, waren unsere Möglichkeiten eingeschränkt. Außerdem waren die Musiker damals nicht so stark in die Produktion involviert, wie es heute üblich ist. Produzent und Tontechniker haben dir am Ende der Session den Take vorgespielt, der ihnen am besten gefiel, und das war‘s. Dass die Musiker im Kontrollraum rumhängen und sich einmischen, war damals einfach nicht Teil des Aufnahmeprozesses.
Was macht dich heute am glücklichsten? Am glücklichsten macht es mich, dass wir immer noch ein Publikum haben. Es ist wunderbar, dass wir hier in Amsterdam gleich zwei Abende vor vollem Haus spielen und die Promoter mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu uns kommen und sagen: „Wir freuen uns schon aufs nächste Mal!“
Was bereust du am meisten, wenn du zurückblickst? Ich wünschte, ich hätte die ersten Jahre mehr genossen. Das war eine unglaublich intensive Zeit und ich hatte das Gefühl, mich in einem Wettrennen zu befinden, in dem es darum ging, so schnell wie möglich so viel wie möglich zu erreichen. Rückblickend wünschte ich mir, dass ich mir mehr Zeit genommen hätte, all das wahrzunehmen und zu genießen, was um mich herum passierte. Als wir in den 70ern eine schwierige Phase zu überstehen hatten, nagte es doch sehr an mir, dass ich die Zeit nicht so sehr genossen hatte, als ›Question‹ Nummer 1 war und wir beim Isle-Of-Wight-Festival auftraten. Deshalb schätze ich mich sehr glücklich, dass wir mit ›Your Wildest Dreams‹ und ›I Know You’re Out There Somewhere‹ in den 80ern noch mal große Hits in den USA hatten. Das war für mich die schönste Zeit, in der ich alles bis ins letzte Detail ausgekostet habe.
Was wäre der Rat, den du deinem jüngeren Ich geben würdest? Sei nicht zu verbissen! Ich hatte mit den Jungs in der Band zwar auch in den frühen Jahren immer viel Spaß, aber ich war anfangs zu sehr darauf versessen, meine Ziele in die Tat umzusetzen.
Was war die größte Geldverschwendung deines Lebens? Ein großer Traum von mir war immer, eine Farm zu besitzen. Also kaufte ich eine im Westen von England und später die direkt angrenzende noch dazu, weil zu dem Grundstück ein wunderschöner kleiner See gehörte. Leider wurde mir zu spät klar, dass ich damit bis in alle Ewigkeit bei den Banken in der Kreide stehen würde. Das war mein größter Fehler!
Was ist das größte Missverständnis, das The Moody Blues bis heute anhaftet? Ich denke, die größte Fehleinschätzung ist, dass wir immer noch oft als Prog Rock kategorisiert werden. Gegen die Bezeichnung Classic Rock habe ich nichts einzuwenden, allerdings gab es uns schon, bevor der Begriff Progressive Rock erfunden wurde, und deshalb war ich mir nie sicher, ob wir in den 70ern wirklich für die experimentellen Progressive-Rock-Zirkel qualifiziert waren. Ich sehe mich selbst eher als Pop-Songwriter. Für mich muss ein Song eine Strophe, einen Zwischenteil, eine weitere Strophe, ein Gitarrensolo und einen weiteren Zwischenteil haben. Dann ist er fertig.
Wie möchtest du den Menschen gerne in Erinnerung bleiben? Ich wünsche mir, dass sich die Menschen an The Moody Blues als eine Band erinnern, die dazu beigetragen hat, aus Alben mehr zu machen als nur eine Sammlung von Single-A- und B-Seiten.
Derzeit holen die Rolling Stones die aufgrund der Pandemie verschobenen Termine ihrer „No Filter“-Tour nach. In Nashville spielten die Stones ihren Song ›Connection‹ seit 15 Jahren erstmals wieder live.
›Connection‹ stammt vom Album BETWEEN THE BUTTONS aus dem Jahr 1967. Bevor die Band die Nummer anstimmte, meinte Keith Richards noch zum Publikum: „Es ist toll, zurück zu sein. Ich spiele jetzt etwas an, das ich Jahre lang nicht mehr gespielt habe. Das dürfte Spaß machen.„
Titelstory: Grateful Dead – Alles über die eigenwilligste Band der Rockwelt
Anlässlich des Releases eines bisher unveröffentlichten Konzerts von Grateful Dead aus dem Fox Theater wollen wir auf das abgedrehte Leben der Musiker zurückblicken, auf diese eigenwilligste aller Bands, vom „Summer Of Love“ über Drogen, Tod und Abhängen mit den Hells Angels bis zum Erschaffen eines Gesamtwerks, das absolut einzigartig in der amerikanischen Musikgeschichte ist.
Special: Die besten Live-Gitarrenmomente aller Zeiten
Der Rock’n’Roll baut zu einem beträchtlichen Teil auf großartiger Live-Gitarrenarbeit auf. Alle Musiker, die wir hier aufführen – und noch viele, viele weitere – haben genug Killer-Soli, -Licks und -Riffs hingelegt, um mehr Zeitschriften zu füllen, als wir je drucken könnten.
Traffic: Jim Capaldi – Der Mann der vielen Gesichter
Mit Traffic machte Jim Capaldi wunderschöne Musik und schrieb einige Klassiker der 60er und 70er. Auch seine Solowerke zeigten seine Klasse als Songwriter und Musiker.
Stone The Crows: der Weg der Krähe
Sie hatten enormes musikalisches Talent und den Manager von Led Zeppelin. Stone The Crows hätten ein Erfolg werden können, doch stattdessen wurde es eine Geschichte über einen tragischen Tod und unerfülltes Potenzial.