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Bon Jovi – Vegas-Verweigerer

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Bon Jovi Bild 2010 @ Kevin Westenberg (1)Wer zwölf Abende in der Londoner O2-Arena spielt, seine zweiten GREATEST HITS veröffentlicht und seit 27 Jahren im Geschäft ist, muss sich fragen lassen, wann er als Casino-Band in der Wüste von Nevada endet. Worauf Jon Bon, wortgewaltiger Chef der Jersey-Rocker, nur eine Antwort hat: niemals!

New York City, September 2010. Die Stadt am Hudson wird von der alljährlichen Fashion Week heimgesucht. Was bedeutet: volle Flieger, überteuerte Hotels und ganze Heerscharen an Models, Stars und Sternchen. Mitten in dieses Szenario platzt dann auch noch Jon Bon Jovi mit einem internationalen Pressetag in der Penthouse-Suite des Soho Grand Hotels (Kostenpunkt: 5.050 US-Dollar), zu dem Journalisten aus aller Welt anreisen, um im 20-Minuten-Takt mit den weißesten Zähnen der Rockmusik zu sprechen. Natürlich auf der Dachterrasse, wo der Selfmade-Millionär und vierfache Familienvater mit Sonnenbrille, Cowboystiefeln und Lederweste residiert, wässerigen amerikanischen Kaffee schlürft und über das spricht, was eigentlich keiner Erklärung bedarf: die zweite GREATEST HITS-Kopplung der Bandgeschichte. Diese enthält 24 Hits der Jahre 1986 bis 2009 sowie vier neue Stücken, die auf Titel wie ›What You Do You Got?‹, ›This Is Love, This Is Life‹, ›The More Things Change‹ und ›No Apologies‹ hören – und dem typischen Bon Jovi-Song seit der Jahrtausendwende entsprechen: hymnischer Stadion-Rock mit hohem Airplay-Appeal, politisch ambitionierten Texten, aber auch nicht wirklich vielen Ecken und Kanten. Mainstream pur, wovon sich Jon – so Kollege Richie Sambora – „fast täglich einen aus der Nase oder einer anderen Körperöffnung zieht“.

Was der Chef, der Jon Bon nun einmal ist, natürlich ganz anders sieht: „In der letzten Dekade sind wir unglaublich kreativ gewesen. Und mit Ende 40 bzw. Anfang 50 haben wir natürlich einen ganz anderen Anspruch und Sound als früher – aber auch ein völlig anderes Publikum. Es sind nicht mehr die Metal-Kids in der Kutte, die zu unseren Konzerten kommen, um Bier zu trinken, Frauen abzuschleppen und die Sau rauszulassen. Wir machen Musik für die ganze Familie. Und dabei geht es auch nicht mehr darum, rebellisch, wild und wer-weiß-wie cool zu sein, sondern wir wollen etwas Zeitloses schaffen – etwas mit Massentauglichkeit, aber auch Klasse. Wie diese vier neuen Stücke, die ich für sehr, sehr stark halte – und die uns zudem nicht besonders schwer gefallen sind. Wir wissen mittlerweile einfach, was wir am besten können. Und wir versuchen auch nicht, unsere Fans auf die Probe zu stellen. Das haben wir nicht nötig. Wir haben unseren Weg gefunden, und dabei bleiben wir.“

Weshalb das Frühwerk um BON JOVI und 7800° FAHRENHEIT auch keine Berücksichtigung auf den aktuellen GREATEST HITS findet. Denn Stücke wie ›Runaway‹ – so der 48-Jährige grinsend – gehörten schließlich längst ins Altenheim, während ›Livin’ On A Prayer‹ nur deshalb am Start sei, weil es eben nicht ohne gehe. „Das ist die Nummer, die überall laufen wird, wenn wir bei einem Flugzeugabsturz umkommen – so etwas wie unsere Nationalhymne.“ Die Jon Bon und seine Getreuen auch auf der laufenden THE CIRCLE-Tour präsentieren, die mit 51 ausverkauften US-Gigs zu den erfolgreichsten des Jahres zählt – und zu den ambitioniertesten sowieso.

Denn die Band wandelt inzwischen ganz klar auf den Spuren von Springsteen und seiner E-Street-Band: dreistündige Shows mit nicht weniger als 72 Songs, die jeden Abend variieren, dazu Jam-Sessions mit Vorgruppen wie Kid Rock und auch schon mal ganze Studio-Epen in kompletter Länge. „Wir haben momentan wahnsinnig viel Spaß am Live-Spielen und bekommen zum ersten Mal in unserer Karriere durchweg positive Kritiken. Außerdem ist es heute nicht mehr ganz so schlimm, um die Welt zu reisen: Wir fliegen im Privatjet, übernachten in guten Hotels, ernähren uns gesünder und bekommen genug Schlaf. Insofern freue ich mich auf die Termine im nächsten Sommer, wenn wir nach Deutschland kommen und hoffentlich eine richtig gute Performance hinlegen werden.“

Und das, daran lässt er keine Zweifel, will er auch noch ein paar Jahre und ein paar Alben lang durchziehen. Einfach, weil er seine übrigen Aktivitäten inzwischen deutlich eingeschränkt hat. Etwa die Schauspielerei, die an „hundsmiserablen Skripten“ und „beschämenden Auditions“ scheitert, der Gang in die Politik, aus dem nichts wird aufgrund der resignierenden Erkenntnis, dass „sich in diesem Land eh nichts ändern lässt“. Ebenso wenig wie aus dem Nebenjob als Sportmäzen, wo er mit „The Philadelphia Soul“ zwar die Amateur-Meisterschaft in US-Football gewonnen hat, dabei „aber eine schöne Stange Geld und viele Nerven verloren hat“. All das, so sagt er, sei Schnee von gestern. Er möchte sich ganz auf sein mexikanisches Restaurant in den East-Hamptons („The Blue Parrot“) und eben die Musik konzentrieren. Weshalb ein langwieriges Engagement in Las Vegas, über das die britische Boulevard-Presse spekuliert, vorerst nicht in Frage kommt: „Das ist nur ein Gerücht. Denn ich sehe mich nicht in der Wüste, und ich habe unserem Management und unseren Label-Leuten immer gesagt: Der Tag, an dem das passiert, ist unser letzter, weil es da nur ums Geld geht. Ich hasse Vegas. Selbst wenn Richie davon schwärmt. Ich glaube, das liegt daran, dass Cher dort auftritt – auf die steht er immer noch“, lacht er.

Und weil er gerade so locker und entspannt ist, scheint die Gelegenheit günstig, ihn mit den Spätfolgen seines eigenen Rock’n’ Roll-Lifestyles zu konfrontieren: Ein Buch namens SEX, DRUGS AND BON JOVI, in dem Ex-Tourmanager Rich Bozzett die exzessiven Höhepunkte der 7800° FAHRENHEIT-Tour beschreibt – inklusive eines Fotos, das Jon Bon mit vier Groupies zeigt. „Das war gestellt“, wehrt der ab. „Und zwar für eine Playboy-Fotosession, die nie erschienen ist. Rich hat die Negative 25 Jahre aufgehoben, weil er dachte, er könne damit irgendwann seine Rente aufbessern. Was er nicht bedacht hat: Diese Bilder sind heute allenfalls amüsant, aber nicht skandalös. Selbst mein Sohn Jesse, der 15 ist, meinte nur: ,Das ist doch cool!‘ Und darauf ich: ,Ja, ich war mal in einer Rock’n’Roll-Band.‘“ Ein Anfall von Selbst­ironie, mit dem die Audienz denn auch beendet ist.

Spock’s Beard – Puzzle-Arbeit

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file1918Während die Progrocker auf den ersten drei Alben ohne Neal Morse sich vor allem emanzipieren und neue Wege beschreiten wollen, besinnen sie sich mit dem Album X zurück auf ihre Anfangstage.

Es scheint, als hätten sie sich die Kritik schlussendlich doch zu Herzen genommen. Nachdem die letzten Spock’s Beard-Alben, insbesondere FEEL EUPHORIA und auch OCTANE, von den Fans alles andere als mit Jubelstürmen empfangen worden sind, wollen es die Progrock-Giganten nun wieder wissen und haben mit X eine Platte vorgelegt, die durchaus mit Klassikern wie THE LIGHT mithalten kann, da sie weniger auf US-Rock, sondern wieder verstärkt auf Prog-Elemente setzt. Verspielte, lange Stücke mit herrlich spannenden Arrangements laden den Hörer auf eine intensive Klangreise ein – insbesondere ›From The Darkness‹ und ›Jaws Of Heaven‹ sind Paradebeispiele dafür, warum Spock’s Beard auch heute noch genauso viel Ankennung verdient haben wie während der Neal Morse-Ära.

Das Lob für die aktuelle Scheibe freut die Band, andererseits ärgern sich die Musiker auch ein wenig darüber, dass ihren Kompositionen in den vergangenen Jahren nicht so viel Respekt entgegengebracht wurde, wie die Songs ihrer Meinung nach verdienen. „Ich weiß auch nicht, woran das genau liegt“, so Basser Dave Meros, „denn obwohl Neal Spock’s Beard gegründet hat, es ist doch nicht so, dass die Band nur aus einer Person bestanden hat. Doch anscheinend verbinden die Fans mit dem Namen vorwiegend Songs aus dieser Phase – somit war alles, das danach kam, für sie wohl schon ein Stilbruch. Auch wenn ich gar keinen so großen Unterschied zu früher sehe.“

Zumal X keinem bestimmten Schema folgt: Neben den beiden Herzstücken des Albums gibt es auch ein abgedrehtes Instrumental namens ›Kamikaze‹, das einen starken Kontrast zu relativ eingängigen Hymnen wie dem Opener ›Edge Of The In-Between‹ steht. Kurz: Spock’s Beard schränken sich nicht ein, alles ist erlaubt, so lange jedes Band-Mitglied seinen Segen dazu gibt. Und Streitigkeiten innerhalb der Gruppe gibt es ohnehin kaum – die Musiker wohnen inzwischen weit voneinander entfernt, Keyboarder Ryo Okumoto ist in Japan ansässig, während Nick D’ Virgilio in Kanada lebt. Allein schon aufgrund der Zeitverschiebung dürfte ein persönliches Gespräch zwischen allen Beteiligten ein Ding der Unmöglichkeit sein. Komponieren ist dagegen weniger problematisch, wie Menos erläutert: „Jeder arbeitet allein zu Hause, nimmt seine Ideen auf und schickt die Datei an die anderen weiter. Daraus entwickeln sich dann nach und nach die Stücke. Klingt kompliziert, funktioniert bei uns aber erstaunlich gut.“

Dennoch: Der persönliche Kontakt zu den Kollegen fehlt dem Bassisten. Und so freut er sich, dass es nun endlich wieder auf die Bühne geht. „Das ist wirklich bitter nötig. Denn so viel Spaß es auch macht, neue Tracks zu komponieren und gemeinsam an Song-Strukturen zu werkeln – das Live-Spielen gibt mir persönlich sogar noch mehr.“

Enslaved – Wikinger im Weltall

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Enslaved_2010_5Opeth haben bewiesen, dass aus einem extremen Genre wie Death Metal etwas wachsen kann, das die Prog-Szene revolutioniert. Die Norweger Enslaved haben mit ihrem neuen Album AXIOMA ETHICA ODINI das Gleiche vor – nur dass sie von noch weiter draußen kommen: aus den finsteren Höllenschlunden des Black Metal.

Als sich der Rest Europas noch im tiefsten Tal des Mittelalters die Köpfe einschlug, waren es die Wikinger, die die Entdeckertaten von Kolumbus & Co. vorwegnahmen. Mit ihren Langbooten wagten sie sich hinaus auf den Atlantik, entdeckten Island, Grönland und schließlich die Neue Welt. Insofern ist es passend, dass die ersten Töne auf AXIOMA ETHICA ODINI knarzende Schiffsbohlen sind. Denn Enslaved haben auf diesem Album ihre eigene neue Welt entdeckt, in denen das Schlachtgetöse ihrer vergangenen musikalischen Tage einer kosmischen Erleuchtung weicht – einer kosmischen Erleuchtung, die auf den Namen Pink Floyd hört und, so Gitarrist und Hauptsongschreiber Ivar Bjørnson, natürlich nicht aus dem Nichts kommt. „Mein Großvater war ein großer Pink-Floyd-Fan“, berichtet er. „Ich ‚erbte‘ seine Plattensammlung an meinem elften Geburtstag. Diese Musik hat mich also seit meiner Kindheit begleitet, wobei ich sie nie als Prog wahrgenommen habe. Das begann erst, als ich andere entsprechende Bands entdeckte, so um 1997/98, und mich daran machte, die Wurzeln des gesamten Genres zu erforschen. Vorher stand ich eher auf DARK SIDE OF THE MOON, dann wechselte der Fokus zu den wirklich experimentellen Sachen bis hin zur Syd Barrett-Ära. Und die hatten dann auch entscheidend Einfluss auf das, was wir heute mit Enslaved machen.“

Die Band blickt auf eine lange Geschichte zurück. Gegründet 1991, ist AXIOMA ETHICA ODINI ihr elftes Album – und nicht das erste, auf dem sie mit Prog spielen. 2008, auf dem Vorgänger VERTEBRAE, blendeten sie sogar bewusst ihr musikalisches Erbe komplett aus, um Pink Floyd zu huldigen: „Da waren wir wie Kinder, standen mit leuchtenden Augen im Proberaum“, erinnert sich Ivar. „Songs wie ›Ground‹ sind eine total offensichtliche Hommage. Normalerweise hätten wir dem noch eine Härtepackung verpasst, aber wir sagten uns: ‚Scheiß drauf, das lassen wir jetzt so!‘“

Bei den Fans führte das zu Stirnrunzeln, was Ivar nicht nur nicht verborgen blieb: Er hatte es sogar erwartet und eingeplant. „Aber der Schritt musste sein. Früher waren wir immer diskret, was unsere Prog-Einflüsse angeht, doch nach all den Jahren war es an der Zeit für ein Coming-out“, findet Ivar. „Es fühlte sich einfach richtig an – und hat unsere Köpfe freigemacht, um jetzt wieder unsere eigene Note einzubringen.“ Dabei inspiriert sie weiterhin vor allem die, so Ivar, „unbekannte Seite des Classic Rock. Die extrem innovativen Sounds der Seventies sind für mich ein Maßstab, nicht nur musikalisch, sondern auch was den Mut angeht, mit Konventionen zu brechen.“

Konventionen, die im Fall von Enslaved vor allem im extremen Black Metal angesiedelt sind. Seit fast 20 Jahre gelten sie in dem sehr auf die eigene Identität bedachten und eher innovationsfeindlichen Sub-Genre als eine der wenigen akzeptierten experimentellen Bands. Eine organische Mischung aus treibenden Blastbeats, sirrenden Metalriffs und progressiven Stilmitteln zu finden dauerte aber bis heute. „Erst versuchten wir, die spacige Atmosphäre aufzugreifen, ohne wirklich an die songschreiberische Substanz zu gehen. Das funktionierte, aber natürlich war es nur ein Zwischenschritt. Das, was Prog ausmacht, konkret in die Sprache dieser Band zu übersetzen, entpuppte sich als viel schwieriger.“

Ivars heutige Formel lässt sich in etwa so zusammenfassen: kombinieren und maßvoll integrieren. „Wir arbeiten sehr viel mit Kontrasten. Es ist wie ein Pendel: Immer, wenn ein Song total verproggt wird, fühlen wir uns ermutigt, mit einem extremen Part weiterzumachen.“ Der erste, entscheidende Schritt beim Songwriting war für ihn, als Basis nicht mehr einzelne Riffs zu nehmen, „sondern die Dynamik zwischen verschiedenen Klangbausteinen“. Der zweite bestand darin, eine neue Kreativkraft zu integrieren: Neben den beiden Ur-Wikingern Ivar und Grutle Kjellson, dem Bassisten und Sänger, nimmt Keyboarder und Sänger Herbrand Larsson eine immer wichtigere Rolle ein. „Herbrand denkt völlig anders über Musik als wir beide. Ich schätze, weil er tief drinnen kein Metaller ist“, lacht Ivar. „Bei mir sind Gitarrenriffs in der DNA verankert, er hingegen hinterfragt Dinge im großen Maßstab und drängt uns so immer wieder in neue Richtungen.“

Dabei agiert Herbrand nicht nur als melodisches Gewissen, „selbst wenn er ein unglaubliches Talent hat, aus chaotischen Riffs eine wohlklingende Essenz zu extrahieren. Aber er ist immer am wertvollsten, wenn er die Abteilung Attacke in unserer Musik, die naturgemäß in ihren Mitteln mehr zum Primitiven neigt, mit querdenkenden Dissonanzen aufmischt.“ Das Songwriting wird dadurch zum offenen Spiel: „Es gab vielleicht einen Song, wo ich Grutle und Herbrand nur brauchte, um die Lücken zu füllen“, gesteht Ivar, früher der unumstrittene Chef der Band. „Der Rest war auch für mich eine Achterbahnfahrt – weil ich überrascht feststellen musste, dass das, was da im Wechsel zwischen Grutle und Herbrand gesangstechnisch entstand, wirklich prägend für die Songs wurde.“

Die beiden Sänger personifizieren die beiden Strömungen bei Enslaved: Grutle als Vertreter des Extremen, der Black-Metal-Vergangenheit der Band, Herbrand als progressives Gesicht der „neuen“ Enslaved – zumindest auf dem Papier. „In Wahrheit stehen die beiden meist in vereinter Front gegen mich“, lacht Ivar. „Wenn wir hier von einem echten Prog-Freak reden, dann ist das Grutle. Er hat die türkischen Obskur-CDs zu Hause rumstehen und kennt den Namen des Hundes von dem Typen, der das erste Genesis-Album aufgenommen hat. Herbrand ist eher der traditionelle Classic-Rock-Typ: Für ihn gibt es kein Songproblem, das man nicht mit bewährten Mitteln lösen könnte. Betonung auf ‚könnte‘, denn ich nehme in der Regel den unkonventionellsten Weg – einfach weil ich mir davon die überraschendsten Ergebnisse verspreche.“

Grave Digger

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Grave Digger 2010_bearbMit neuem Gitarristen zurück zu den Anfängen: Die deutsche Metal-Ikonen Grave Digger setzen mit ihrem neuen Album THE CLANS WILL RISE AGAIN auf traditionelle Power-Riffs.

Mitunter sind zunächst zwei Schritte rückwärts erforderlich, um einen Schritt vorwärts machen zu können: Nach dem Ausstieg ihres Gitarristen Manni Schmidt haben Grave Digger die Phase experimentellerer Metal-Riffs beendet und kehren mit Schmidts Nachfolger Axel Ritt zu ihren eigenen Anfängen zurück. Den Fans dürfte es Recht sein, denn obwohl Schmidts Spielweise der Band einige echte Glanzstücke bescherte, stießen dessen progressivere Direktiven auf ein durchwachsenes Echo. „Mir persönlich hat es durchaus gefallen, aber die Fans reagierten eher differenziert, weil es einfach nicht mehr der typische Grave Digger-Sound war“, bestätigt Bassist Jens Becker mittlerweile die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirkung. Deshalb waren sich Becker, Sänger Chris Boltendahl und Schlagzeug Stefan Arnold einig, dass mit Ritt der zuletzt eingeschlagene Weg korrigiert werden soll. Und zwar in eine Richtung, die vor allem von Gitarrist Uwe Lulis bestimmt worden ist. Der Gitarrist prägte von 1986 bis 1999 die stilistische Ausrichtung der Gruppe, verließ Grave Digger dann jedoch im Streit und formierte seine eigene Band Rebellion, deren Namen auf eine gleichlautende Totengräber-Single zurückgeht. „Wir wollten die Chance nutzen, mal wieder ein klassisches Grave Digger-Album aufzunehmen. Also zurück zur Lulis-Ära, aber nicht erzwungenermaßen, sondern weil es sich durch Axels Riffs von allein ergibt.“

Grave Digger orientieren sich nun also wieder an eigenen Klassikern, das neue Album nennt sich THE CLANS WILL RISE AGAIN und ist laut Frontmann Boltendahl ein deutlich bodenständigeres Opus als die Alben RHEINGOLD (2003) oder BALLADS OF A HANGMAN (2009), die maßgeblich von Schmidt geprägt wurden. „Für mich ist die neue Scheibe eine musikalische Fortsetzung von TUNES OF WAR, allerdings nicht in Form eines Konzeptalbums“, erklärt er. „Es sind einfach Texte über Schottland und seine Geschichte, über seine Sagen und Mythen.“

Gespannt sein kann man also, wie die vereinte Fangemeinde auf Neuzugang Axel Ritt reagiert. Der Frankfurter gehört zu den profiliertesten deutschen Metal-Gitarristen, war bislang Kopf der Melodic-Metaller Domain und ist Repräsentant einer eigenen Gitarren-Serie. Als erfahrener Musiker weiß er genau, worin seine Aufgabe in seiner neuen Band besteht: „Ich muss das Erbe von drei Grave Digger-Gitarristen antreten und will natürlich auf keinen Fall am Fan vorbeispielen“, erklärt er seine Herangehensweise und gibt schon mal das erklärte Ziel preis: „Ich hoffe, dass die Leute sagen: ‚Gefällt mir, die neuen Einflüsse passen zu Grave Digger, aber die wichtigen Eckpfeiler der Songs sind nicht versaut!‘“

Angesichts des Resultats darf Ritt durchaus optimistisch sein: THE CLANS WILL RISE AGAIN verbindet auf durchaus überzeugende Weise Gegenwart mit Vergangenheit und animiert auch Ritts jetzigen Chef Boltendahl zu einer unmissverständlichen Lobeshymne: „Axel hat mit seiner positiven Ausstrahlung neue Energien bei uns freigesetzt.“

Dream Theater – Dunkle Wolken

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DreamTheater_BANDWährend Dream Theater-Sänger James LaBrie zurzeit sein neues Soloalbum STATIC IMPULSE vorstellt, hat Schlagzeuger Mike Portnoy unerwartet die Brocken hingeschmissen. Zwei Ereignisse, die bei genauerer Betrachtungsweise durchaus in einem kausalen Zusammenhang stehen.

Die Bombe platzte Anfang September: Schlagzeuger Mike Portnoy hat Dream Theater verlassen. Ein Schock, eine Sensation, eigentlich sogar ein Eklat: Denn was die meisten Fachleute angesichts einer solchen Entscheidung bisher für undenkbar hielten, tritt ein – die Band macht künftig ohne ihren Gründer weiter. Ein Nachfolger ist zwar noch nicht benannt, die Suche läuft aber bereits auf Hochtouren.

Portnoys Split von Dream Theater überrascht deshalb umso mehr, da der Drummer offenbar nicht ganz freiwillig ausgeschieden ist. Und das wiederum weicht vollends vom bisherigen Eindruck der Öffentlichkeit ab, dass in dieser Band keine Entscheidung gegen den Willen ihres Machers getroffen wird. In einer eiligst verfassten Pressemeldung erklärt der Schlagzeuger zwar, dass seine Entscheidung über Monate gereift und beileibe keine Kurzschlusshandlung sei. Was aber in seinem Statement ebenso unmissverständlich deutlich wird: Im Grunde genommen wollte Portnoy die Band nicht verlassen. Sein Wunsch war vielmehr eine längere Pause, um neue Kraft zu tanken und die in Schieflage geratene Stimmung im Dream Theater-Camp wieder gerade zu rücken. Die physische und psychische Belastung, der Dream Theater durch die monatelange Tournee zu ihrem aktuellen Album BLACK CLOUDS AND SILVER LININGS ausgesetzt waren, hat Portnoy offenbar viel Kraft gekostet. Die im Albumtitel erwähnten schwarzen Wolken, die durch den Stress und die Entbehrungen einer Tour aufgezogen sind, überdeckten jeglichen Silberstreif am Horizont.

Um den Krach noch einmal zu verdeutlichen: Portnoy spricht ausdrücklich von einer „dringend notwendigen Pause“, die er sich gewünscht hatte. Doch die wurde von den Herren James LaBrie (Gesang), John Petrucci (Gitarre), John Myung (Bass) und Jordan Rudess (Keyboards) wohl rundweg abgelehnt. „Ich hoffte inständig, dass die Band mit mir darin übereinstimmt, dass wir eine Auszeit brauchen, um die Batterien wieder aufzuladen“, so Portnoy wörtlich. „Doch leider zeigte sich in Diskussionen mit den Jungs, dass sie meinen Eindruck nicht teilen. Sie haben sich vielmehr zu entschlossen, lieber weiterzumachen anstatt einmal tief durchzuatmen.“

Ein wenig klingt das, was Portnoy da erfahren musste, nach einer Racheaktion seiner Bandkollegen. Quasi eine Quittung für das, was er seinen Mitmusikern jahrelang zugemutet hatte. Denn Portnoy führte ein strenges Regiment, dem sich alle – außer Gitarrist und Komponisten-/Produzentenpartner John Petrucci – unterzuordnen hatten. Das sorgte immer wieder für Streitigkeiten. Der Drummer ist nämlich ein Getriebener, ein Perfektionist, der sich und andere über zwei Jahrzehnte bis an den Rand des Erträglichen einpeitschte. Dass ausgerechnet ein solcher Charakter nun um eine Pause bittet, muss den Musikern wie ein schlechter Witz vorgekommen sein. Ganz offensichtlich war keiner gewillt, seinem Wunsch zu entsprechen.

Von Dream Theater selbst gibt es zu dieser Entwicklung nur ein verhältnismäßig kurzes Statement, in dem man Portnoy alles Gute für die Zukunft wünscht und ansonsten sofort zur Tagesordnung übergeht: Nach einem Nachfolger würde gesucht, und ein neues Album wolle man bereits ab Januar 2011 in Angriff nehmen. Viel kühler hätte man den Abgang des Schlagzeugers kaum kommentieren können. Der Graben zwischen Portnoy und dem Rest der Truppe muss am Ende also mächtig tief gewesen sein.

Angesichts dieser Entwicklung rückt die Veröffentlichung von STATIC IMPULSE, dem zweiten Soloalbum von Dream Theater-Frontmann James LaBrie, beinahe in den Hintergrund. Sollte es aber eigentlich nicht, denn die Platte ist dem Sänger enorm wichtig. Seine Solokarriere war für James LaBrie schon lange Jahre ein kreatives Ventil. Wann immer es der enge Dream Theater-Terminkalender zuließ, traf er sich mit seinem Kumpel, dem Gitarristen Matt Guillory, und verfasste eigene Songs. 1999 und 2001 veröffentlichte er unter dem Projektnamen Mullmuzzler zwei bemerkenswerte Scheiben, jetzt folgt mit STATIC IMPULSE der Nachfolger seines Solodebüts ELEMENTS OF PERSUASION. „Es ist gut für Dream Theater, dass wir alle unsere eigenen Projekte haben. So bleibt die Band frisch“, sagt LaBrie und verschweigt dabei galant, dass der ursprüngliche Start seiner Single-Ambitionen gleichzeitig Ausdruck seines handfesten Ärgers auf Portnoy und Petrucci war.

Die beiden waren nämlich, wie bereits erwähnt, zwei Dekaden lang das Hirn von Dream Theater und traten gemeinsam als Komponisten, Arrangeure und Co-Produzenten der meisten Veröffentlichungen in Erscheinung. Zudem legte das Duo die stilistische Direktive fest und entschied auch über Marketing und Finanzen. Und zum Leidwesen von James LaBrie verfassten sie bis dato auch nahezu alle Texte, die er zu singen hatte. Ein recht ungewöhnlicher Vorgang, ist doch in den meisten Fällen der Sänger einer Band auch gleichzeitig ihr Texter – was auch im Sinn von LaBrie gewesen wäre. So wehrte er sich bereits vor einigen Jahren gegen Portnoys Vorwurf, dass er eine zu langsame Arbeitsweise habe: „Wenn ich auf Anhieb einen Bezug zum Song finde, kann ich auch sofort etwas Brauchbares abliefern.“ Am Textmonopol der zwei Dream Theater-Macher änderte sein Einwand jedoch nichts.

Deswegen also die Solokarriere, deswegen im September die Veröffentlichung von STATIC IMPULSE – einem Album, das progressive Versatzstücke mit bitterbösen Metal-Attacken und feinsinnigen Melodien vermischt. Offenbar geht es LaBrie auch darum, sich hier den Respekt seiner Band zu verschaffen: „Meine Kollegen haben mir ausdrücklich gratuliert und das große Potenzial der Scheibe gelobt“, berichtet er stolz. Dabei dürften die Glückwünsche vermutlich keine Lippenbekenntnisse sein, denn das LaBrie-Solowerk gibt durchaus Anregungen, in welche Richtung sich auch die Musik von Dream Theater zukünftig weiterentwickeln könnte.

Für seinen Macher jedenfalls klingt ein zeitgemäßes Heavy-Album so wie STATIC IMPULSE: durchdacht, aber hart. Neben LaBries Gesang ist darauf nämlich auch das derbe Grunzen des schwedischen Schlagzeugers Peter Wildoer zu hören. Dies – so die Meinung des kanadischen Sängers – spiegelt die momentane Metal-Realität wider: hart, wild, kontrastreich und extrem, aber gleichzeitig auch melodisch und progressiv.

Monster Magnet – Rückkehr mit Hindernissen

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MonsterMagnet_Dave3 @ MarkWeiss_bearbÜberdosis, Schreibblockade, Vulkanausbruch, Verhaftung — der Weg zu Monster Magnets achtem Album war kein leichter, aber ein lohnender: Mit mitreißendem Classic-, Space-, Southern-, Stoner- und Stadion-Rock präsentiert das Werk namens MASTERMIND Dave Wyndorf als wiedererstarkten Komponisten und Sänger.

Die Frühphase hätte besser nicht laufen können: Nachdem David „Dave“ Albert Wyndorf zwischen Weihnachten und Silvester 2009 das komplette MASTERMIND-Album in Acht- bis Zwölf-Stunden-Schichten geschrieben hatte, studierten er, Gitarrist Ed Mundell, Bassist Jim Baglino und Schlagzeuger Bob Pantella die neuen Songs in sechs Tagen ein und nahmen ihre Instrumentalspuren innerhalb eines Monats auf. „Die Jungs waren unglaublich gut. Ich verlangte viel, doch statt Ermüdungserscheinungen zu zeigen, funktionierten sie wie ein Uhrwerk“, lobt Wyndorf per Telefon aus dem heimischen New Jersey. „Ich sprang auf und ab und rief immer wieder Beispiele in den Raum: ,Ich brauche Ian Paiste, Hawkwind, Sabbath, Ace Frehley, Gene Simmons!‘“

Dann aber brach eine Welle von Problemen los: Als die Gesangsaufnahmen anstanden, hatte Dave noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. „Am Schreibtisch ging nichts mehr“, erinnert sich Monster Magnets Chef an den Beginn einer dreiwöchigen Blockade. „Mir half erst die Faszination, in einem Hotelzimmer von Informationsgewinnungs-Geräten wie Fernseher, Computer, iPad und iPod umgeben zu sein, während ich selbst nicht in der Lage war, Informationen abzugeben. Diesen Gegensatz machte ich mir zu Nutze und beschrieb meine Emotionen – egal, ob ich mich einsam oder entfremdet fühlte, meine Freundin vermisste oder an kürzlich verstorbene Verwandte dachte. Ich hörte Alice Cooper, sah fern, durchstöberte Online-Comics, surfte im Netz, las Bücher und Zeitschriften. Ich bin ein Bilder-Junkie.“

Nächste Hürden folgten auf dem Fuß: Während Wyndorf auf fertigen Tönen und Science-Fiction-, Sex- und Rausch-Texten saß, hielt ein Aschewolken spuckender Vulkan Produzent Matt Hyde in Finnland fest. Kaum war der nach vier Wochen zurückgekehrt, wurde Dave in Los Angeles verhaftet – für „schweren Autodiebstahl“.

„Ich hatte keinen Schimmer, warum – bis mich die Polizisten aufklärten: Ich hatte vergessen, einen Mietwagen zurückzugeben“, lacht er dreckig-empört. „In Sondereinsatzkommando-Manier stürmten sie mit Pistolen im Anschlag auf mich zu, kesselten mich mit einem Hubschrauber und mehreren Autos ein, warfen mich bäuchlings zu Boden, legten mir Handschellen an und steckten mich in eine Zelle – wie in einer bescheuerten Fernsehsendung.“

Wyndorf spricht klar, versieht Ausführungen mit viel Witz und Anekdoten eines bewegten Lebens: Er erinnert sich genau daran, wie seine Rock-Liebe von Hawkwind, MC5, Stooges, Pink Floyd, Ramones und Jimi Hendrix entfacht wurde, an Siebziger-CBGB-Auftritte mit den Punks Shrapnel und 21 Monster Magnet-Jahre. Konträr zu Ozzy Osbourne oder Ex-Guns N’Roses-Bassist Duff McKagan artikuliert sich der Vater einer Tochter trotz einer exzessiven, laut Eigenaussage in den Siebzigern begonnenen und 1995 beendeten Drogen-/Alkoholkarriere störfrei. Doch obwohl sein Marihuana-, LSD- und Kokain-Verlangen manche Dealer-Rente gesichert haben dürfte, behauptet der „Drug-Rocker“, selbst in wildesten Zeiten sei kein Monster Magnet-Stück im Rausch entstanden. „Ich hatte es zwar versucht, doch ganz ehrlich: Am Folgetag fand ich die Aufnahmen jedes Mal einfach nur misslungen“, sagt der Musiker, der sich einst im Tourbus ausschließlich von Bananen, Wasser, Wodka und Illegalem ernährte. „So sehr ich es mir wünschte: Drogen funktionierten als kreative Richtungsweiser kein einziges Mal. Sie ermöglichten lediglich, im Nachhinein über in diesen Situationen Erlebtes zu schreiben.“

Am 27. Februar 2006 bekam Wyndorf die Quittung für seine halluzinöse Vergangenheit: eine Schlaftabletten-Überdosis. Jene Nahtod-Erfahrung hatte er bereits 2007 auf 4-WAY DIABLO thematisiert, die Erholung von ihr dauerte jedoch weitaus länger. „Ich nahm nie Drogen, um zu feiern. Ich nahm sie, um zu schlafen“, analysiert er. „In meinen Vierzigern war ich ein Mann, der nicht schlafen konnte, aber jeden Abend auf der Bühne singen musste.“

Zu dieser Zeit kämpfte Daves Körper gegen den Schlafmangel an und machte es ihm unmöglich, so herumzuschreien und -springen, wie er es jahrelang getan hatte. Den Griff zu den Schlaftabletten bezeichnet er rückblickend als „Versuch, natürliche Warnzeichen zu verdrängen. Mein Drogenkonsum hatte eine nervöse Depression verursacht, die wiederum zu der Überdosis führte. Ich hatte beinahe vergessen, auf normale, natürliche Weise genießen zu können, mir angewöhnt, alles in negativem Licht zu betrachten. Meine kindliche Natur lag unter Langeweile und Überdruss begraben. Ich fühlte mich älter, als ich war – wie ein Griesgram, der glaubt, alles schon gesehen zu haben. Nach dem Kollaps kehrte Freude zurück – schlicht darüber, am Leben zu sein. Es klingt dämlich, aber: Ich freute mich plötzlich, nach dem Aufstehen Vögel beobachten zu dürfen, begann, wie verrückt zu lesen: Bücher waren für meine Hirn-Reaktivierung wichtiger als sämtliche Reha-Maßnahmen. Es war, als sei ich wieder 17 – wenn man merkt, wie viele coole Bücher, Alben und anderes Zeug auf Entdeckung warten. Heute fühle ich mich rundum stärker.“

Jüngste Festival-Auftritte und MASTERMIND belegen dies: Wyndorfs Stimmbänder klingen 2010 deutlich voluminöser, neue Kompositionen treibender und muskulöser als zu MONOLITHIC BABY- und 4-WAY DIABLO-Zeiten. Seine Dämonen (hoffentlich endgültig) verabschiedet, blickt er positiv in die Zukunft, möchte auf Monster Magnets Winter-Tournee „so viele MASTERMIND-Songs wie möglich“ unter Publikumslieblinge wie ›Space Lord‹ und ›Negasonic Teenage Warhead‹ mischen, eine 7’’-Serie starten und „irgendwann“ ein Soloalbum verwirklichen. Seine Comic-Faszination und die Möglichkeit, mit 54 Jahren weiterhin den Globus im Zeichen des Rock zu bereisen, helfen ihm, jugendliche Spitzbübigkeit zu bewahren und ein Stück weit Kind zu bleiben. „Rock’n’Roll erfüllt Wünsche, von denen doch jeder Teenager träumt: Du kannst noch so hässlich und fett sein: Als Mitglied einer Rockband triffst du haufenweise Mädchen und darfst alle Fantasien ausleben“, strahlt Dave über den Atlantik. „Besonders Glückliche werden sogar dafür bezahlt – es gibt kaum etwas Besseres. Ich bin für dieses riesige Privileg immer noch sehr dankbar, wenn auch nicht auf so unrealistische Art wie in meinen Dreißigern. Ich wache jeden Tag auf und führe mir meine glückliche Situation vor Augen: Ich darf Musik erschaffen und kann sogar davon leben.“

Kid Rock – Schluss mit Wut

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Kid_Rock 2010 @ Clay Patrick McBride 1Der Rüpel-Rocker ist leiser geworden: Während seines Besuchs in München traut sich der 39-Jährige nicht aufs Oktoberfest, sein aktuelles Album kommt ohne „Parental Advisory“-Sticker aus, und sein Traum besteht aus ruhigen Abenden auf der Veranda. Ist Kid Rocks ungezügeltes Temperament etwa völlig verschwunden?

Das Wichigste zum Einstieg: „Ist Kid Rock ein langweiliger, alter Sack geworden?“ Eine Frage, die bei dem Mann aus De­troit, Michigan, nur ein kehliges Lachen auslöst. „Kann schon sein“, setzt er mit süffisantem Grinsen hinterher. Schließ­lich, so betont er bei einer Zigarre und schwarzem Kaffee in der Präsidentensuite des Münchner Hotels Vier Jahreszeiten, habe er schon alles erlebt: Höhen wie Tiefen, Hochzeiten wie Scheidungen, Stadien wie kleine Clubs. Da könne ihm nach 23 Jahren Showbusiness keiner mehr etwas vormachen. Und er habe sich schlichtweg die Hörner abgestoßen – in allen Bereichen seines irdischen Seins. „Klar, gibt es nichts Schöneres, als eine attraktive Frau mit großen Titten. Aber was ich nicht ertragen kann, ist das permanente Drama, das damit einhergeht. Also all die Ladies, die vielleicht super-sexy sind, aber deren Leben ein einziges Chaos ist. Da bin ich lieber allein, sitze mit einem kühlen Bier vor dem Fernseher und gehe ab und zu in einen guten Stripclub.“

Das meint er genau so, wie er es sagt: Die Zeiten, in denen er psychopathischen Blondinen wie Pamela Anderson hinterhergelaufen ist und sich mit noch psychotischeren Kontrahenten wie Tommy Lee geprügelt hat, sind endgültig passé. „Ich habe diesen ganzen Mist aus meinem Leben verbannt – und möchte ihn auch nie, nie mehr haben. Einfach, weil es nicht cool ist, ständig Ärger zu haben – das ist einfach nur nervig, schlecht für die Gesundheit und lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. In meinem Fall von der Musik. Ich wette mit dir, dass vor drei Jahren jeder wusste, dass ich mit Pam zusammen war – aber nur die wenigsten hätten dir auch nur einen einzigen Songtitel von mir nennen können. Dafür bin ich nicht Musiker geworden, und insofern habe ich da die letzten Jahre bewusst gegengesteuert. Einfach, weil es höchste Zeit war.“

Eine Entscheidung, die er nicht bereut. Heute sei sein Leben kein bisschen langweiliger, sondern nur ruhiger, und er habe halt gelernt, sich etwas zurückzuhalten, und nicht gleich auszuflippen. „Denn jedes Mal, wenn ich das tue, werde ich von einem blöden Arschloch verklagt, das ein bisschen Geld aus der Situation herausschlagen will. So läuft das amerikanische Rechtsprinzip: Als Promi bist du eine wandelnde Brieftasche, aus der sich jeder bedienen kann. Stell dir vor: Der letzte Typ, mit dem ich mich geprügelt habe, hat mich verklagt, weil er danach nicht mehr in der Lage war, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen – also im Bett. Was ich einerseits großartig fand, aber andererseits hat mich das ein paar tausend Dollar für Anwälte gekostet. Darauf habe ich keinen Bock mehr, und deshalb gehe ich auch nicht zum Oktoberfest. Einfach, weil ich weiß, dass mich da irgendwer blöd von der Seite anquatschen wird – und ich dann zuschlage. Ich meine, selbst hier an der Hotelbar hätte ich mich gestern Abend fast geprügelt – weil ein besoffener Ami etwas gegen mein Baseball-Team gesagt hat. Es gibt einfach zu viele Idioten auf diesem Planeten. Und deshalb bleibe ich lieber daheim. Dort habe ich meine Ruhe.“

Was sich auch auf BORN FREE niederschägt, seinem neuen, achten Album. Darauf ist von Rap und Metal nicht mehr viel zu spüren, von großkotzigen Selbstzelebrierungen wie ›Cowboy‹ oder ›You Never Met A Motherfucker Quite Like Me‹ noch weniger und von Kraftausdrücken erst recht nichts. „Ich muss nicht mehr die ganze Zeit fluchen oder sagen, wie toll ich bin, und dass ich deine Mutter gefickt habe – das habe ich alles schon getan.“ Weshalb er nun mehr in die Tiefe geht, vom trauten Heim und der großen Liebe (die er immer noch sucht) singt, aber auch an Busenkumpel Joe C erinnert (ist vor zehn Jahren verstorben) und ein wenig schmeichelhaftes Bild seiner Heimat Detroit kreiert: Eben als abgefuckte Ruine, die dringend den Arsch hochkriegen muss. „Die Industrie liegt brach, die Leute sind arbeitslos, haben keine Perspektive, und keiner kümmert sich um sie. Es ist wirklich schlimm.“

Und obwohl er das Geld hätte, um die große Flatter Richtung Hollywood oder Upstate New York zu machen, bleibt er in Detroit. Einfach, weil er sich als Sohn der Arbeiterklasse, als einer von ihnen sieht, sich zum Sprachrohr seiner „people“ aufgeschwungen hat und so viel Engagement zeigt, wie er nur kann. Mit Benefizkonzerten, Charity-Aktionen und einem permanenten Hochhalten der lokalen Fahne. Etwa mit seiner Modelinie „Made In Detroit“, deren Motive auch von einer städtischen Werbeagentur stammen könnten. Oder dem neuesten Coup: Seiner eigenen Biersorte „Bad Ass“, die nur in Michigan erhältlich ist, 400 Arbeitsplätze geschaffen hat, und sich als Offensive gegen „die verfickten belgischen Monopolisten“ versteht, die sein geliebtes Budweiser geschluckt haben. „Das Bier ist für den europäischen Geschmack viel zu leicht. Also: Was wollt ihr damit? Warum müsst ihr uns das wegnehmen bzw. die Produktion in ein anderes Land verlagern? Scheiße Mann, ich will amerikanische Plörre, die hier gebraut worden ist. Und genau die produziere ich jetzt selbst. Ich erwarte nicht, dass das hier in Deutschland einer trinkt. Und ich habe auch nicht vor, damit zu expandieren. Ich möchte ein Produkt für mich, meine Kumpels und die Leute bei mir zu Hause.“

Interessanterweise, und das kommentiert er mit einem zufriedenen Grinsen, scheint BORN FREE einen ähnlichen lokalpatriotischen Ansatz zu verfolgen. Zumindest was die Musik betrifft. Denn unter Federführung von Rick Rubin schwelgt der ehemalige Rapper in einem Sound, der Southern Rock mit Blues, Folk, Country und Gospel kombiniert, mit Gästen wie Bob Seger und Sheryl Crow aufwartet, und fast schon spektakulär unspektakulär anmutet. „Es ist ein uramerikanisches Album. Genau das war es, was Rick und ich vorhatten. Und wir haben es binnen von zwei Wochen mit einer Reihe von erstklassigen Musikern eingespielt, wie Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers oder Benmont Tench von den Heartbreakers. Also Cracks, die wissen, was sie tun. Darauf bin ich stolz. Das Einzige, was mich ärgert, ist dieser Mist auf Wikipedia. Da steht, ich hätte mit James Hetfield, Lenny Kravitz und Eminem gearbeitet. Das stimmt einfach nicht. Keine Ahnung, wer das verzapft hat, aber es nervt, in jedem Interview darauf angesprochen zu werden. Und wenn ich den Typen erwische, könnte mir die Faust ausrutschen. Egal, was ich gerade erzählt habe. Denn Lügen zu verbreiten, ist einfach Blödsinn.“ Ganz so ruhig ist er also doch (noch) nicht geworden…

Manic Street Preachers – Mut zur Bravheit

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Manic Street Preachers shot for press and publicitySeit 20 Jahren mischen sie im Rockzirkus mit. Im Gegensatz zu einigen ihrer Weggefährten sind die Manic Street Preachers stets auf dem Boden geblieben. Nichts mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Nun legen die drei Waliser mit POSTCARDS FROM A YOUNG MAN ihr zehntes Studioalbum vor.

Luxus-Suite im Hotel. Das Bier fließt in Strömen, in der Ecke eine zerstörte Gitarre, Groupies räkeln sich auf dem XXL-Bett. Fehlanzeige! Während andere Rockstars mit ihren Eskapaden für Schlagzeilen sorgen, leben die Manic Street Preachers ein geordnetes und beschauliches Leben. Seit Beginn ihrer Karriere sind sie sowohl ihrem Label als auch ihrem Management-Team treu geblieben. Songwriter und Bassist Nicky Wire ist seit 17 Jahren mit seiner Jugendliebe verheiratet und lebt nach wie vor in Wales, 16 Kilometer von seinen Eltern entfernt. „Man kann dort einfach kein großes Ego entwickeln“, schmunzelt er. Auch seine Band-Kollegen, James Dean Bradfield und dessen Cousin, Schlagzeuger Sean Moore, sind bescheiden geblieben. „Zu Hause habe ich meine Shops, meinen Buchmacher, meine Pubs. Mit meinem Kioskverkäufer unterhalte ich mich täglich über Cricket“, erzählt James, Sänger und Gitarrist der Manics. Ihm ist auch die Meinung seines Vaters immer noch wichtig. Dieser dürfte mächtig stolz sein auf seinen Sohn.

Die Manic Street Preachers haben sich in den knapp zwei Jahrzehnten seit dem Release ihres Debütalbums GENERATION TERRORISTS im Jahr 1992 zu so etwas wie den „Grand Seigneurs“ des britischen Rock gemausert. Es gab keine verzweifelten Comeback-Versuche. Nein, die Drei waren einfach immer irgendwie da. Während ständig neue Indie-Bands um ihre jeweils 15 Minuten im Rampenlicht rangeln, hat sich die Band aus Blackwood mit ihrem soliden, politisch motivierten Rock ihren Platz gesichert. Ihre Alben und Singles landen regelmäßig in den britischen Charts. Mit POSTCARDS FROM A YOUNG MAN dürften die drei Rocker an ihre bisherigen Erfolge anknüpfen. „Wir haben alles in das neue Album gesteckt“, so Nicky. „Und wir wollen so viele Leute wie möglich erreichen, ähnlich wie bei unserem Debüt vor 18 Jahren.“

Mit dem eingängigen Sound des neuen Longplayers dürfte das gelingen. Songs wie der Titeltrack oder ›Hazleton Avenue‹ gehen direkt ins Ohr. „Es ist ein klassisches Radio-Album“, stimmt Nicky zu. „Die Lyrics sickern mit der Zeit durch.“ Auch mit über 40 wollen die Manic Street Preachers noch etwas bewegen. „Für uns ist die politische Botschaft auch heute noch wichtig und infiltriert unsere Musik und die Lyrics“, erklärt Nicky. Vor langer Zeit sagte er einmal, Wut sei in seiner DNA. Der heute 41-Jährige hat gelernt, diese destruktive Energie in seinen Songs zu verarbeiten. Titeln wie dem Album-Opener ›(It’s Not War) Just The End Of Love‹ hört man diese Wut auch nach wie vor an.

Schon früher verpackten die Manic Street Preachers provokante Themen in großartige Popsongs – wie etwa bei ihrem Nummer-Eins-Hit ›If You Tolerate This‹. Doch die drei Musiker können auch anders. Ihr 1994er-Werk THE HOLY BIBLE oder ihr letztes Studioalbum, JOURNAL FOR PLAGUE LOVERS, das im vergangenen Jahr erschien, sind nicht so leicht zugänglich. Für das von Kritikern bejubelte JOURNAL FOR THE PLAGUE LOVERS wurden ausschließlich Lyrics des ehemaligen Bandmitglieds Richey Edwards, der vor 15 Jahren verschwand und 2008 von seinen Eltern für tot erklärt wurde, verwendet.

Nostalgie ist ihnen also nicht fremd, das hört man auch auf dem neuen Album. „Wir schämen uns nicht, das zuzugeben“, lacht Nicky. Der Sound reflektiert die einstigen musikalischen Vorbilder der drei Manics. Inspiriert von Größen wie Queen, den Beatles und The Smiths, kamen neben einem Gospelchor auch opulente Streicher zum Einsatz. Fast jeder der zwölf Songs hat einen Ohrwurm-Refrain. „Wir sind absolut von Melodien besessen“, schmunzelt Nicky. „Das hat sicherlich auch etwas mit den Platten unserer Eltern zu tun, mit denen wir aufgewachsen sind. Wie zum Beispiel Abba, die Beatles oder Neil Diamond.“ James ergänzt: „Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere Songs mehr Lyrics haben als ein durchschnittlicher Song. Denn wenn man mehr Text auf dem Papier stehen hat, sieht man mehr Wendungen und Biegungen, mehr Silben – und dadurch dann auch mehr Melodien. Es wäre ziemlich schwierig, diese ganzen Worte in einer Tonlage zu singen.“

Gemeinsam erarbeitete das Trio das neue Material im eigenen Band-Studio in Cardiff. „Es existiert eine gute Chemie zwischen uns, dadurch wird der kreative Prozess ein bisschen magischer“, so James. Als Produzent stand ihnen erneut ihr langjähriger Partner Dave Eringa zur Seite. Musikalische Unterstützung erhielten sie zudem von der britischen Musiker-Legende John Cale, Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen sowie Guns N’Roses-Bassist Duff McKagan. McKagan, den Nicky übrigens als „süßeste Person im Rock’n’Roll-Zirkus“ bezeichnet, spielte in Los Angeles einen Gitarrenpart für den Titel ›A Billion Balconies Facing The Sun‹ ein. Ein kritischer Song über die narzisstische Internet-Kultur.

Auch in anderen Stücken, wie ›Don’t Be Evil‹ – das Motto von Internet-Riese Google – oder dem zynischen ›All We Make Is Entertainment‹, erheben die Preachers ihre zornige Stimme. ›Golden Platitudes‹ richtet sich gegen die politische Elite, die ihre Wähler verraten hat. Es ist eine Art offener Brief eines enttäuschten Wählers an die eigene Partei.

Die meisten jüngeren Bands haben diesen Anspruch, Gesellschaftskritik zu äußern oder sogar etwas verändern zu wollen, nach Ansicht von Nicky verloren: „Es gibt schon einige Bands, die ich mag, wie zum Beispiel Band Of Horses“, sagt er. „Aber britische Musik ist sehr großstädtisch geworden. Es ist schwierig, einen Zugang dazu zu finden.“ James ergänzt: „Es gibt Bands, die ihre eigene Sprache gefunden und sich eine eigene Nische geschaffen haben. Ich könnte einige Alben aufzählen, die ich mag. Aber sie haben die kulturelle Landschaft nicht nachhaltig verändert.“ Das ist nach Meinung von Nicky zuletzt den Libertines gelungen: „Sie haben zwar nicht die Massen bewegt, aber sie haben der Welt etwas gegeben – und wenn es nur enge Jeans, Drogen und Union Jacks waren“, lacht er. „Es ist das erste Mal, dass es eine Rezession gab – ohne eine musikalische Reaktion der Jugend. Wir hatten in den letzten zehn Jahren wirtschaftliches Wachstum, es gab die Internet-Explosion, alles war immer ziemlich einfach. Eine ganze Generation ist in Dekadenz aufgewachsen, und die Jugendlichen haben keine Ausdrucksmöglichkeiten gefunden.“

Da hat Nicky vielleicht eine Kleinigkeit vergessen: Auch „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ ist eine Haltung. Das Rockstar-Klischee überlassen die Manic Street Preachers aber lieber den jungen Wilden. Selbst wenn sie unterwegs sind, führen die Rocker ein friedliches Leben. James: „Es gibt keine Laster in unserem Tourbus. Keine Drogen, kein Sex, kaum Alkohol.“ Brav.