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Enslaved – Wikinger im Weltall

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Enslaved_2010_5Opeth haben bewiesen, dass aus einem extremen Genre wie Death Metal etwas wachsen kann, das die Prog-Szene revolutioniert. Die Norweger Enslaved haben mit ihrem neuen Album AXIOMA ETHICA ODINI das Gleiche vor – nur dass sie von noch weiter draußen kommen: aus den finsteren Höllenschlunden des Black Metal.

Als sich der Rest Europas noch im tiefsten Tal des Mittelalters die Köpfe einschlug, waren es die Wikinger, die die Entdeckertaten von Kolumbus & Co. vorwegnahmen. Mit ihren Langbooten wagten sie sich hinaus auf den Atlantik, entdeckten Island, Grönland und schließlich die Neue Welt. Insofern ist es passend, dass die ersten Töne auf AXIOMA ETHICA ODINI knarzende Schiffsbohlen sind. Denn Enslaved haben auf diesem Album ihre eigene neue Welt entdeckt, in denen das Schlachtgetöse ihrer vergangenen musikalischen Tage einer kosmischen Erleuchtung weicht – einer kosmischen Erleuchtung, die auf den Namen Pink Floyd hört und, so Gitarrist und Hauptsongschreiber Ivar Bjørnson, natürlich nicht aus dem Nichts kommt. „Mein Großvater war ein großer Pink-Floyd-Fan“, berichtet er. „Ich ‚erbte‘ seine Plattensammlung an meinem elften Geburtstag. Diese Musik hat mich also seit meiner Kindheit begleitet, wobei ich sie nie als Prog wahrgenommen habe. Das begann erst, als ich andere entsprechende Bands entdeckte, so um 1997/98, und mich daran machte, die Wurzeln des gesamten Genres zu erforschen. Vorher stand ich eher auf DARK SIDE OF THE MOON, dann wechselte der Fokus zu den wirklich experimentellen Sachen bis hin zur Syd Barrett-Ära. Und die hatten dann auch entscheidend Einfluss auf das, was wir heute mit Enslaved machen.“

Die Band blickt auf eine lange Geschichte zurück. Gegründet 1991, ist AXIOMA ETHICA ODINI ihr elftes Album – und nicht das erste, auf dem sie mit Prog spielen. 2008, auf dem Vorgänger VERTEBRAE, blendeten sie sogar bewusst ihr musikalisches Erbe komplett aus, um Pink Floyd zu huldigen: „Da waren wir wie Kinder, standen mit leuchtenden Augen im Proberaum“, erinnert sich Ivar. „Songs wie ›Ground‹ sind eine total offensichtliche Hommage. Normalerweise hätten wir dem noch eine Härtepackung verpasst, aber wir sagten uns: ‚Scheiß drauf, das lassen wir jetzt so!‘“

Bei den Fans führte das zu Stirnrunzeln, was Ivar nicht nur nicht verborgen blieb: Er hatte es sogar erwartet und eingeplant. „Aber der Schritt musste sein. Früher waren wir immer diskret, was unsere Prog-Einflüsse angeht, doch nach all den Jahren war es an der Zeit für ein Coming-out“, findet Ivar. „Es fühlte sich einfach richtig an – und hat unsere Köpfe freigemacht, um jetzt wieder unsere eigene Note einzubringen.“ Dabei inspiriert sie weiterhin vor allem die, so Ivar, „unbekannte Seite des Classic Rock. Die extrem innovativen Sounds der Seventies sind für mich ein Maßstab, nicht nur musikalisch, sondern auch was den Mut angeht, mit Konventionen zu brechen.“

Konventionen, die im Fall von Enslaved vor allem im extremen Black Metal angesiedelt sind. Seit fast 20 Jahre gelten sie in dem sehr auf die eigene Identität bedachten und eher innovationsfeindlichen Sub-Genre als eine der wenigen akzeptierten experimentellen Bands. Eine organische Mischung aus treibenden Blastbeats, sirrenden Metalriffs und progressiven Stilmitteln zu finden dauerte aber bis heute. „Erst versuchten wir, die spacige Atmosphäre aufzugreifen, ohne wirklich an die songschreiberische Substanz zu gehen. Das funktionierte, aber natürlich war es nur ein Zwischenschritt. Das, was Prog ausmacht, konkret in die Sprache dieser Band zu übersetzen, entpuppte sich als viel schwieriger.“

Ivars heutige Formel lässt sich in etwa so zusammenfassen: kombinieren und maßvoll integrieren. „Wir arbeiten sehr viel mit Kontrasten. Es ist wie ein Pendel: Immer, wenn ein Song total verproggt wird, fühlen wir uns ermutigt, mit einem extremen Part weiterzumachen.“ Der erste, entscheidende Schritt beim Songwriting war für ihn, als Basis nicht mehr einzelne Riffs zu nehmen, „sondern die Dynamik zwischen verschiedenen Klangbausteinen“. Der zweite bestand darin, eine neue Kreativkraft zu integrieren: Neben den beiden Ur-Wikingern Ivar und Grutle Kjellson, dem Bassisten und Sänger, nimmt Keyboarder und Sänger Herbrand Larsson eine immer wichtigere Rolle ein. „Herbrand denkt völlig anders über Musik als wir beide. Ich schätze, weil er tief drinnen kein Metaller ist“, lacht Ivar. „Bei mir sind Gitarrenriffs in der DNA verankert, er hingegen hinterfragt Dinge im großen Maßstab und drängt uns so immer wieder in neue Richtungen.“

Dabei agiert Herbrand nicht nur als melodisches Gewissen, „selbst wenn er ein unglaubliches Talent hat, aus chaotischen Riffs eine wohlklingende Essenz zu extrahieren. Aber er ist immer am wertvollsten, wenn er die Abteilung Attacke in unserer Musik, die naturgemäß in ihren Mitteln mehr zum Primitiven neigt, mit querdenkenden Dissonanzen aufmischt.“ Das Songwriting wird dadurch zum offenen Spiel: „Es gab vielleicht einen Song, wo ich Grutle und Herbrand nur brauchte, um die Lücken zu füllen“, gesteht Ivar, früher der unumstrittene Chef der Band. „Der Rest war auch für mich eine Achterbahnfahrt – weil ich überrascht feststellen musste, dass das, was da im Wechsel zwischen Grutle und Herbrand gesangstechnisch entstand, wirklich prägend für die Songs wurde.“

Die beiden Sänger personifizieren die beiden Strömungen bei Enslaved: Grutle als Vertreter des Extremen, der Black-Metal-Vergangenheit der Band, Herbrand als progressives Gesicht der „neuen“ Enslaved – zumindest auf dem Papier. „In Wahrheit stehen die beiden meist in vereinter Front gegen mich“, lacht Ivar. „Wenn wir hier von einem echten Prog-Freak reden, dann ist das Grutle. Er hat die türkischen Obskur-CDs zu Hause rumstehen und kennt den Namen des Hundes von dem Typen, der das erste Genesis-Album aufgenommen hat. Herbrand ist eher der traditionelle Classic-Rock-Typ: Für ihn gibt es kein Songproblem, das man nicht mit bewährten Mitteln lösen könnte. Betonung auf ‚könnte‘, denn ich nehme in der Regel den unkonventionellsten Weg – einfach weil ich mir davon die überraschendsten Ergebnisse verspreche.“

Grave Digger

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Grave Digger 2010_bearbMit neuem Gitarristen zurück zu den Anfängen: Die deutsche Metal-Ikonen Grave Digger setzen mit ihrem neuen Album THE CLANS WILL RISE AGAIN auf traditionelle Power-Riffs.

Mitunter sind zunächst zwei Schritte rückwärts erforderlich, um einen Schritt vorwärts machen zu können: Nach dem Ausstieg ihres Gitarristen Manni Schmidt haben Grave Digger die Phase experimentellerer Metal-Riffs beendet und kehren mit Schmidts Nachfolger Axel Ritt zu ihren eigenen Anfängen zurück. Den Fans dürfte es Recht sein, denn obwohl Schmidts Spielweise der Band einige echte Glanzstücke bescherte, stießen dessen progressivere Direktiven auf ein durchwachsenes Echo. „Mir persönlich hat es durchaus gefallen, aber die Fans reagierten eher differenziert, weil es einfach nicht mehr der typische Grave Digger-Sound war“, bestätigt Bassist Jens Becker mittlerweile die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirkung. Deshalb waren sich Becker, Sänger Chris Boltendahl und Schlagzeug Stefan Arnold einig, dass mit Ritt der zuletzt eingeschlagene Weg korrigiert werden soll. Und zwar in eine Richtung, die vor allem von Gitarrist Uwe Lulis bestimmt worden ist. Der Gitarrist prägte von 1986 bis 1999 die stilistische Ausrichtung der Gruppe, verließ Grave Digger dann jedoch im Streit und formierte seine eigene Band Rebellion, deren Namen auf eine gleichlautende Totengräber-Single zurückgeht. „Wir wollten die Chance nutzen, mal wieder ein klassisches Grave Digger-Album aufzunehmen. Also zurück zur Lulis-Ära, aber nicht erzwungenermaßen, sondern weil es sich durch Axels Riffs von allein ergibt.“

Grave Digger orientieren sich nun also wieder an eigenen Klassikern, das neue Album nennt sich THE CLANS WILL RISE AGAIN und ist laut Frontmann Boltendahl ein deutlich bodenständigeres Opus als die Alben RHEINGOLD (2003) oder BALLADS OF A HANGMAN (2009), die maßgeblich von Schmidt geprägt wurden. „Für mich ist die neue Scheibe eine musikalische Fortsetzung von TUNES OF WAR, allerdings nicht in Form eines Konzeptalbums“, erklärt er. „Es sind einfach Texte über Schottland und seine Geschichte, über seine Sagen und Mythen.“

Gespannt sein kann man also, wie die vereinte Fangemeinde auf Neuzugang Axel Ritt reagiert. Der Frankfurter gehört zu den profiliertesten deutschen Metal-Gitarristen, war bislang Kopf der Melodic-Metaller Domain und ist Repräsentant einer eigenen Gitarren-Serie. Als erfahrener Musiker weiß er genau, worin seine Aufgabe in seiner neuen Band besteht: „Ich muss das Erbe von drei Grave Digger-Gitarristen antreten und will natürlich auf keinen Fall am Fan vorbeispielen“, erklärt er seine Herangehensweise und gibt schon mal das erklärte Ziel preis: „Ich hoffe, dass die Leute sagen: ‚Gefällt mir, die neuen Einflüsse passen zu Grave Digger, aber die wichtigen Eckpfeiler der Songs sind nicht versaut!‘“

Angesichts des Resultats darf Ritt durchaus optimistisch sein: THE CLANS WILL RISE AGAIN verbindet auf durchaus überzeugende Weise Gegenwart mit Vergangenheit und animiert auch Ritts jetzigen Chef Boltendahl zu einer unmissverständlichen Lobeshymne: „Axel hat mit seiner positiven Ausstrahlung neue Energien bei uns freigesetzt.“

Dream Theater – Dunkle Wolken

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DreamTheater_BANDWährend Dream Theater-Sänger James LaBrie zurzeit sein neues Soloalbum STATIC IMPULSE vorstellt, hat Schlagzeuger Mike Portnoy unerwartet die Brocken hingeschmissen. Zwei Ereignisse, die bei genauerer Betrachtungsweise durchaus in einem kausalen Zusammenhang stehen.

Die Bombe platzte Anfang September: Schlagzeuger Mike Portnoy hat Dream Theater verlassen. Ein Schock, eine Sensation, eigentlich sogar ein Eklat: Denn was die meisten Fachleute angesichts einer solchen Entscheidung bisher für undenkbar hielten, tritt ein – die Band macht künftig ohne ihren Gründer weiter. Ein Nachfolger ist zwar noch nicht benannt, die Suche läuft aber bereits auf Hochtouren.

Portnoys Split von Dream Theater überrascht deshalb umso mehr, da der Drummer offenbar nicht ganz freiwillig ausgeschieden ist. Und das wiederum weicht vollends vom bisherigen Eindruck der Öffentlichkeit ab, dass in dieser Band keine Entscheidung gegen den Willen ihres Machers getroffen wird. In einer eiligst verfassten Pressemeldung erklärt der Schlagzeuger zwar, dass seine Entscheidung über Monate gereift und beileibe keine Kurzschlusshandlung sei. Was aber in seinem Statement ebenso unmissverständlich deutlich wird: Im Grunde genommen wollte Portnoy die Band nicht verlassen. Sein Wunsch war vielmehr eine längere Pause, um neue Kraft zu tanken und die in Schieflage geratene Stimmung im Dream Theater-Camp wieder gerade zu rücken. Die physische und psychische Belastung, der Dream Theater durch die monatelange Tournee zu ihrem aktuellen Album BLACK CLOUDS AND SILVER LININGS ausgesetzt waren, hat Portnoy offenbar viel Kraft gekostet. Die im Albumtitel erwähnten schwarzen Wolken, die durch den Stress und die Entbehrungen einer Tour aufgezogen sind, überdeckten jeglichen Silberstreif am Horizont.

Um den Krach noch einmal zu verdeutlichen: Portnoy spricht ausdrücklich von einer „dringend notwendigen Pause“, die er sich gewünscht hatte. Doch die wurde von den Herren James LaBrie (Gesang), John Petrucci (Gitarre), John Myung (Bass) und Jordan Rudess (Keyboards) wohl rundweg abgelehnt. „Ich hoffte inständig, dass die Band mit mir darin übereinstimmt, dass wir eine Auszeit brauchen, um die Batterien wieder aufzuladen“, so Portnoy wörtlich. „Doch leider zeigte sich in Diskussionen mit den Jungs, dass sie meinen Eindruck nicht teilen. Sie haben sich vielmehr zu entschlossen, lieber weiterzumachen anstatt einmal tief durchzuatmen.“

Ein wenig klingt das, was Portnoy da erfahren musste, nach einer Racheaktion seiner Bandkollegen. Quasi eine Quittung für das, was er seinen Mitmusikern jahrelang zugemutet hatte. Denn Portnoy führte ein strenges Regiment, dem sich alle – außer Gitarrist und Komponisten-/Produzentenpartner John Petrucci – unterzuordnen hatten. Das sorgte immer wieder für Streitigkeiten. Der Drummer ist nämlich ein Getriebener, ein Perfektionist, der sich und andere über zwei Jahrzehnte bis an den Rand des Erträglichen einpeitschte. Dass ausgerechnet ein solcher Charakter nun um eine Pause bittet, muss den Musikern wie ein schlechter Witz vorgekommen sein. Ganz offensichtlich war keiner gewillt, seinem Wunsch zu entsprechen.

Von Dream Theater selbst gibt es zu dieser Entwicklung nur ein verhältnismäßig kurzes Statement, in dem man Portnoy alles Gute für die Zukunft wünscht und ansonsten sofort zur Tagesordnung übergeht: Nach einem Nachfolger würde gesucht, und ein neues Album wolle man bereits ab Januar 2011 in Angriff nehmen. Viel kühler hätte man den Abgang des Schlagzeugers kaum kommentieren können. Der Graben zwischen Portnoy und dem Rest der Truppe muss am Ende also mächtig tief gewesen sein.

Angesichts dieser Entwicklung rückt die Veröffentlichung von STATIC IMPULSE, dem zweiten Soloalbum von Dream Theater-Frontmann James LaBrie, beinahe in den Hintergrund. Sollte es aber eigentlich nicht, denn die Platte ist dem Sänger enorm wichtig. Seine Solokarriere war für James LaBrie schon lange Jahre ein kreatives Ventil. Wann immer es der enge Dream Theater-Terminkalender zuließ, traf er sich mit seinem Kumpel, dem Gitarristen Matt Guillory, und verfasste eigene Songs. 1999 und 2001 veröffentlichte er unter dem Projektnamen Mullmuzzler zwei bemerkenswerte Scheiben, jetzt folgt mit STATIC IMPULSE der Nachfolger seines Solodebüts ELEMENTS OF PERSUASION. „Es ist gut für Dream Theater, dass wir alle unsere eigenen Projekte haben. So bleibt die Band frisch“, sagt LaBrie und verschweigt dabei galant, dass der ursprüngliche Start seiner Single-Ambitionen gleichzeitig Ausdruck seines handfesten Ärgers auf Portnoy und Petrucci war.

Die beiden waren nämlich, wie bereits erwähnt, zwei Dekaden lang das Hirn von Dream Theater und traten gemeinsam als Komponisten, Arrangeure und Co-Produzenten der meisten Veröffentlichungen in Erscheinung. Zudem legte das Duo die stilistische Direktive fest und entschied auch über Marketing und Finanzen. Und zum Leidwesen von James LaBrie verfassten sie bis dato auch nahezu alle Texte, die er zu singen hatte. Ein recht ungewöhnlicher Vorgang, ist doch in den meisten Fällen der Sänger einer Band auch gleichzeitig ihr Texter – was auch im Sinn von LaBrie gewesen wäre. So wehrte er sich bereits vor einigen Jahren gegen Portnoys Vorwurf, dass er eine zu langsame Arbeitsweise habe: „Wenn ich auf Anhieb einen Bezug zum Song finde, kann ich auch sofort etwas Brauchbares abliefern.“ Am Textmonopol der zwei Dream Theater-Macher änderte sein Einwand jedoch nichts.

Deswegen also die Solokarriere, deswegen im September die Veröffentlichung von STATIC IMPULSE – einem Album, das progressive Versatzstücke mit bitterbösen Metal-Attacken und feinsinnigen Melodien vermischt. Offenbar geht es LaBrie auch darum, sich hier den Respekt seiner Band zu verschaffen: „Meine Kollegen haben mir ausdrücklich gratuliert und das große Potenzial der Scheibe gelobt“, berichtet er stolz. Dabei dürften die Glückwünsche vermutlich keine Lippenbekenntnisse sein, denn das LaBrie-Solowerk gibt durchaus Anregungen, in welche Richtung sich auch die Musik von Dream Theater zukünftig weiterentwickeln könnte.

Für seinen Macher jedenfalls klingt ein zeitgemäßes Heavy-Album so wie STATIC IMPULSE: durchdacht, aber hart. Neben LaBries Gesang ist darauf nämlich auch das derbe Grunzen des schwedischen Schlagzeugers Peter Wildoer zu hören. Dies – so die Meinung des kanadischen Sängers – spiegelt die momentane Metal-Realität wider: hart, wild, kontrastreich und extrem, aber gleichzeitig auch melodisch und progressiv.

Monster Magnet – Rückkehr mit Hindernissen

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MonsterMagnet_Dave3 @ MarkWeiss_bearbÜberdosis, Schreibblockade, Vulkanausbruch, Verhaftung — der Weg zu Monster Magnets achtem Album war kein leichter, aber ein lohnender: Mit mitreißendem Classic-, Space-, Southern-, Stoner- und Stadion-Rock präsentiert das Werk namens MASTERMIND Dave Wyndorf als wiedererstarkten Komponisten und Sänger.

Die Frühphase hätte besser nicht laufen können: Nachdem David „Dave“ Albert Wyndorf zwischen Weihnachten und Silvester 2009 das komplette MASTERMIND-Album in Acht- bis Zwölf-Stunden-Schichten geschrieben hatte, studierten er, Gitarrist Ed Mundell, Bassist Jim Baglino und Schlagzeuger Bob Pantella die neuen Songs in sechs Tagen ein und nahmen ihre Instrumentalspuren innerhalb eines Monats auf. „Die Jungs waren unglaublich gut. Ich verlangte viel, doch statt Ermüdungserscheinungen zu zeigen, funktionierten sie wie ein Uhrwerk“, lobt Wyndorf per Telefon aus dem heimischen New Jersey. „Ich sprang auf und ab und rief immer wieder Beispiele in den Raum: ,Ich brauche Ian Paiste, Hawkwind, Sabbath, Ace Frehley, Gene Simmons!‘“

Dann aber brach eine Welle von Problemen los: Als die Gesangsaufnahmen anstanden, hatte Dave noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. „Am Schreibtisch ging nichts mehr“, erinnert sich Monster Magnets Chef an den Beginn einer dreiwöchigen Blockade. „Mir half erst die Faszination, in einem Hotelzimmer von Informationsgewinnungs-Geräten wie Fernseher, Computer, iPad und iPod umgeben zu sein, während ich selbst nicht in der Lage war, Informationen abzugeben. Diesen Gegensatz machte ich mir zu Nutze und beschrieb meine Emotionen – egal, ob ich mich einsam oder entfremdet fühlte, meine Freundin vermisste oder an kürzlich verstorbene Verwandte dachte. Ich hörte Alice Cooper, sah fern, durchstöberte Online-Comics, surfte im Netz, las Bücher und Zeitschriften. Ich bin ein Bilder-Junkie.“

Nächste Hürden folgten auf dem Fuß: Während Wyndorf auf fertigen Tönen und Science-Fiction-, Sex- und Rausch-Texten saß, hielt ein Aschewolken spuckender Vulkan Produzent Matt Hyde in Finnland fest. Kaum war der nach vier Wochen zurückgekehrt, wurde Dave in Los Angeles verhaftet – für „schweren Autodiebstahl“.

„Ich hatte keinen Schimmer, warum – bis mich die Polizisten aufklärten: Ich hatte vergessen, einen Mietwagen zurückzugeben“, lacht er dreckig-empört. „In Sondereinsatzkommando-Manier stürmten sie mit Pistolen im Anschlag auf mich zu, kesselten mich mit einem Hubschrauber und mehreren Autos ein, warfen mich bäuchlings zu Boden, legten mir Handschellen an und steckten mich in eine Zelle – wie in einer bescheuerten Fernsehsendung.“

Wyndorf spricht klar, versieht Ausführungen mit viel Witz und Anekdoten eines bewegten Lebens: Er erinnert sich genau daran, wie seine Rock-Liebe von Hawkwind, MC5, Stooges, Pink Floyd, Ramones und Jimi Hendrix entfacht wurde, an Siebziger-CBGB-Auftritte mit den Punks Shrapnel und 21 Monster Magnet-Jahre. Konträr zu Ozzy Osbourne oder Ex-Guns N’Roses-Bassist Duff McKagan artikuliert sich der Vater einer Tochter trotz einer exzessiven, laut Eigenaussage in den Siebzigern begonnenen und 1995 beendeten Drogen-/Alkoholkarriere störfrei. Doch obwohl sein Marihuana-, LSD- und Kokain-Verlangen manche Dealer-Rente gesichert haben dürfte, behauptet der „Drug-Rocker“, selbst in wildesten Zeiten sei kein Monster Magnet-Stück im Rausch entstanden. „Ich hatte es zwar versucht, doch ganz ehrlich: Am Folgetag fand ich die Aufnahmen jedes Mal einfach nur misslungen“, sagt der Musiker, der sich einst im Tourbus ausschließlich von Bananen, Wasser, Wodka und Illegalem ernährte. „So sehr ich es mir wünschte: Drogen funktionierten als kreative Richtungsweiser kein einziges Mal. Sie ermöglichten lediglich, im Nachhinein über in diesen Situationen Erlebtes zu schreiben.“

Am 27. Februar 2006 bekam Wyndorf die Quittung für seine halluzinöse Vergangenheit: eine Schlaftabletten-Überdosis. Jene Nahtod-Erfahrung hatte er bereits 2007 auf 4-WAY DIABLO thematisiert, die Erholung von ihr dauerte jedoch weitaus länger. „Ich nahm nie Drogen, um zu feiern. Ich nahm sie, um zu schlafen“, analysiert er. „In meinen Vierzigern war ich ein Mann, der nicht schlafen konnte, aber jeden Abend auf der Bühne singen musste.“

Zu dieser Zeit kämpfte Daves Körper gegen den Schlafmangel an und machte es ihm unmöglich, so herumzuschreien und -springen, wie er es jahrelang getan hatte. Den Griff zu den Schlaftabletten bezeichnet er rückblickend als „Versuch, natürliche Warnzeichen zu verdrängen. Mein Drogenkonsum hatte eine nervöse Depression verursacht, die wiederum zu der Überdosis führte. Ich hatte beinahe vergessen, auf normale, natürliche Weise genießen zu können, mir angewöhnt, alles in negativem Licht zu betrachten. Meine kindliche Natur lag unter Langeweile und Überdruss begraben. Ich fühlte mich älter, als ich war – wie ein Griesgram, der glaubt, alles schon gesehen zu haben. Nach dem Kollaps kehrte Freude zurück – schlicht darüber, am Leben zu sein. Es klingt dämlich, aber: Ich freute mich plötzlich, nach dem Aufstehen Vögel beobachten zu dürfen, begann, wie verrückt zu lesen: Bücher waren für meine Hirn-Reaktivierung wichtiger als sämtliche Reha-Maßnahmen. Es war, als sei ich wieder 17 – wenn man merkt, wie viele coole Bücher, Alben und anderes Zeug auf Entdeckung warten. Heute fühle ich mich rundum stärker.“

Jüngste Festival-Auftritte und MASTERMIND belegen dies: Wyndorfs Stimmbänder klingen 2010 deutlich voluminöser, neue Kompositionen treibender und muskulöser als zu MONOLITHIC BABY- und 4-WAY DIABLO-Zeiten. Seine Dämonen (hoffentlich endgültig) verabschiedet, blickt er positiv in die Zukunft, möchte auf Monster Magnets Winter-Tournee „so viele MASTERMIND-Songs wie möglich“ unter Publikumslieblinge wie ›Space Lord‹ und ›Negasonic Teenage Warhead‹ mischen, eine 7’’-Serie starten und „irgendwann“ ein Soloalbum verwirklichen. Seine Comic-Faszination und die Möglichkeit, mit 54 Jahren weiterhin den Globus im Zeichen des Rock zu bereisen, helfen ihm, jugendliche Spitzbübigkeit zu bewahren und ein Stück weit Kind zu bleiben. „Rock’n’Roll erfüllt Wünsche, von denen doch jeder Teenager träumt: Du kannst noch so hässlich und fett sein: Als Mitglied einer Rockband triffst du haufenweise Mädchen und darfst alle Fantasien ausleben“, strahlt Dave über den Atlantik. „Besonders Glückliche werden sogar dafür bezahlt – es gibt kaum etwas Besseres. Ich bin für dieses riesige Privileg immer noch sehr dankbar, wenn auch nicht auf so unrealistische Art wie in meinen Dreißigern. Ich wache jeden Tag auf und führe mir meine glückliche Situation vor Augen: Ich darf Musik erschaffen und kann sogar davon leben.“

Kid Rock – Schluss mit Wut

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Kid_Rock 2010 @ Clay Patrick McBride 1Der Rüpel-Rocker ist leiser geworden: Während seines Besuchs in München traut sich der 39-Jährige nicht aufs Oktoberfest, sein aktuelles Album kommt ohne „Parental Advisory“-Sticker aus, und sein Traum besteht aus ruhigen Abenden auf der Veranda. Ist Kid Rocks ungezügeltes Temperament etwa völlig verschwunden?

Das Wichigste zum Einstieg: „Ist Kid Rock ein langweiliger, alter Sack geworden?“ Eine Frage, die bei dem Mann aus De­troit, Michigan, nur ein kehliges Lachen auslöst. „Kann schon sein“, setzt er mit süffisantem Grinsen hinterher. Schließ­lich, so betont er bei einer Zigarre und schwarzem Kaffee in der Präsidentensuite des Münchner Hotels Vier Jahreszeiten, habe er schon alles erlebt: Höhen wie Tiefen, Hochzeiten wie Scheidungen, Stadien wie kleine Clubs. Da könne ihm nach 23 Jahren Showbusiness keiner mehr etwas vormachen. Und er habe sich schlichtweg die Hörner abgestoßen – in allen Bereichen seines irdischen Seins. „Klar, gibt es nichts Schöneres, als eine attraktive Frau mit großen Titten. Aber was ich nicht ertragen kann, ist das permanente Drama, das damit einhergeht. Also all die Ladies, die vielleicht super-sexy sind, aber deren Leben ein einziges Chaos ist. Da bin ich lieber allein, sitze mit einem kühlen Bier vor dem Fernseher und gehe ab und zu in einen guten Stripclub.“

Das meint er genau so, wie er es sagt: Die Zeiten, in denen er psychopathischen Blondinen wie Pamela Anderson hinterhergelaufen ist und sich mit noch psychotischeren Kontrahenten wie Tommy Lee geprügelt hat, sind endgültig passé. „Ich habe diesen ganzen Mist aus meinem Leben verbannt – und möchte ihn auch nie, nie mehr haben. Einfach, weil es nicht cool ist, ständig Ärger zu haben – das ist einfach nur nervig, schlecht für die Gesundheit und lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. In meinem Fall von der Musik. Ich wette mit dir, dass vor drei Jahren jeder wusste, dass ich mit Pam zusammen war – aber nur die wenigsten hätten dir auch nur einen einzigen Songtitel von mir nennen können. Dafür bin ich nicht Musiker geworden, und insofern habe ich da die letzten Jahre bewusst gegengesteuert. Einfach, weil es höchste Zeit war.“

Eine Entscheidung, die er nicht bereut. Heute sei sein Leben kein bisschen langweiliger, sondern nur ruhiger, und er habe halt gelernt, sich etwas zurückzuhalten, und nicht gleich auszuflippen. „Denn jedes Mal, wenn ich das tue, werde ich von einem blöden Arschloch verklagt, das ein bisschen Geld aus der Situation herausschlagen will. So läuft das amerikanische Rechtsprinzip: Als Promi bist du eine wandelnde Brieftasche, aus der sich jeder bedienen kann. Stell dir vor: Der letzte Typ, mit dem ich mich geprügelt habe, hat mich verklagt, weil er danach nicht mehr in der Lage war, seine ehelichen Pflichten zu erfüllen – also im Bett. Was ich einerseits großartig fand, aber andererseits hat mich das ein paar tausend Dollar für Anwälte gekostet. Darauf habe ich keinen Bock mehr, und deshalb gehe ich auch nicht zum Oktoberfest. Einfach, weil ich weiß, dass mich da irgendwer blöd von der Seite anquatschen wird – und ich dann zuschlage. Ich meine, selbst hier an der Hotelbar hätte ich mich gestern Abend fast geprügelt – weil ein besoffener Ami etwas gegen mein Baseball-Team gesagt hat. Es gibt einfach zu viele Idioten auf diesem Planeten. Und deshalb bleibe ich lieber daheim. Dort habe ich meine Ruhe.“

Was sich auch auf BORN FREE niederschägt, seinem neuen, achten Album. Darauf ist von Rap und Metal nicht mehr viel zu spüren, von großkotzigen Selbstzelebrierungen wie ›Cowboy‹ oder ›You Never Met A Motherfucker Quite Like Me‹ noch weniger und von Kraftausdrücken erst recht nichts. „Ich muss nicht mehr die ganze Zeit fluchen oder sagen, wie toll ich bin, und dass ich deine Mutter gefickt habe – das habe ich alles schon getan.“ Weshalb er nun mehr in die Tiefe geht, vom trauten Heim und der großen Liebe (die er immer noch sucht) singt, aber auch an Busenkumpel Joe C erinnert (ist vor zehn Jahren verstorben) und ein wenig schmeichelhaftes Bild seiner Heimat Detroit kreiert: Eben als abgefuckte Ruine, die dringend den Arsch hochkriegen muss. „Die Industrie liegt brach, die Leute sind arbeitslos, haben keine Perspektive, und keiner kümmert sich um sie. Es ist wirklich schlimm.“

Und obwohl er das Geld hätte, um die große Flatter Richtung Hollywood oder Upstate New York zu machen, bleibt er in Detroit. Einfach, weil er sich als Sohn der Arbeiterklasse, als einer von ihnen sieht, sich zum Sprachrohr seiner „people“ aufgeschwungen hat und so viel Engagement zeigt, wie er nur kann. Mit Benefizkonzerten, Charity-Aktionen und einem permanenten Hochhalten der lokalen Fahne. Etwa mit seiner Modelinie „Made In Detroit“, deren Motive auch von einer städtischen Werbeagentur stammen könnten. Oder dem neuesten Coup: Seiner eigenen Biersorte „Bad Ass“, die nur in Michigan erhältlich ist, 400 Arbeitsplätze geschaffen hat, und sich als Offensive gegen „die verfickten belgischen Monopolisten“ versteht, die sein geliebtes Budweiser geschluckt haben. „Das Bier ist für den europäischen Geschmack viel zu leicht. Also: Was wollt ihr damit? Warum müsst ihr uns das wegnehmen bzw. die Produktion in ein anderes Land verlagern? Scheiße Mann, ich will amerikanische Plörre, die hier gebraut worden ist. Und genau die produziere ich jetzt selbst. Ich erwarte nicht, dass das hier in Deutschland einer trinkt. Und ich habe auch nicht vor, damit zu expandieren. Ich möchte ein Produkt für mich, meine Kumpels und die Leute bei mir zu Hause.“

Interessanterweise, und das kommentiert er mit einem zufriedenen Grinsen, scheint BORN FREE einen ähnlichen lokalpatriotischen Ansatz zu verfolgen. Zumindest was die Musik betrifft. Denn unter Federführung von Rick Rubin schwelgt der ehemalige Rapper in einem Sound, der Southern Rock mit Blues, Folk, Country und Gospel kombiniert, mit Gästen wie Bob Seger und Sheryl Crow aufwartet, und fast schon spektakulär unspektakulär anmutet. „Es ist ein uramerikanisches Album. Genau das war es, was Rick und ich vorhatten. Und wir haben es binnen von zwei Wochen mit einer Reihe von erstklassigen Musikern eingespielt, wie Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers oder Benmont Tench von den Heartbreakers. Also Cracks, die wissen, was sie tun. Darauf bin ich stolz. Das Einzige, was mich ärgert, ist dieser Mist auf Wikipedia. Da steht, ich hätte mit James Hetfield, Lenny Kravitz und Eminem gearbeitet. Das stimmt einfach nicht. Keine Ahnung, wer das verzapft hat, aber es nervt, in jedem Interview darauf angesprochen zu werden. Und wenn ich den Typen erwische, könnte mir die Faust ausrutschen. Egal, was ich gerade erzählt habe. Denn Lügen zu verbreiten, ist einfach Blödsinn.“ Ganz so ruhig ist er also doch (noch) nicht geworden…

Manic Street Preachers – Mut zur Bravheit

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Manic Street Preachers shot for press and publicitySeit 20 Jahren mischen sie im Rockzirkus mit. Im Gegensatz zu einigen ihrer Weggefährten sind die Manic Street Preachers stets auf dem Boden geblieben. Nichts mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Nun legen die drei Waliser mit POSTCARDS FROM A YOUNG MAN ihr zehntes Studioalbum vor.

Luxus-Suite im Hotel. Das Bier fließt in Strömen, in der Ecke eine zerstörte Gitarre, Groupies räkeln sich auf dem XXL-Bett. Fehlanzeige! Während andere Rockstars mit ihren Eskapaden für Schlagzeilen sorgen, leben die Manic Street Preachers ein geordnetes und beschauliches Leben. Seit Beginn ihrer Karriere sind sie sowohl ihrem Label als auch ihrem Management-Team treu geblieben. Songwriter und Bassist Nicky Wire ist seit 17 Jahren mit seiner Jugendliebe verheiratet und lebt nach wie vor in Wales, 16 Kilometer von seinen Eltern entfernt. „Man kann dort einfach kein großes Ego entwickeln“, schmunzelt er. Auch seine Band-Kollegen, James Dean Bradfield und dessen Cousin, Schlagzeuger Sean Moore, sind bescheiden geblieben. „Zu Hause habe ich meine Shops, meinen Buchmacher, meine Pubs. Mit meinem Kioskverkäufer unterhalte ich mich täglich über Cricket“, erzählt James, Sänger und Gitarrist der Manics. Ihm ist auch die Meinung seines Vaters immer noch wichtig. Dieser dürfte mächtig stolz sein auf seinen Sohn.

Die Manic Street Preachers haben sich in den knapp zwei Jahrzehnten seit dem Release ihres Debütalbums GENERATION TERRORISTS im Jahr 1992 zu so etwas wie den „Grand Seigneurs“ des britischen Rock gemausert. Es gab keine verzweifelten Comeback-Versuche. Nein, die Drei waren einfach immer irgendwie da. Während ständig neue Indie-Bands um ihre jeweils 15 Minuten im Rampenlicht rangeln, hat sich die Band aus Blackwood mit ihrem soliden, politisch motivierten Rock ihren Platz gesichert. Ihre Alben und Singles landen regelmäßig in den britischen Charts. Mit POSTCARDS FROM A YOUNG MAN dürften die drei Rocker an ihre bisherigen Erfolge anknüpfen. „Wir haben alles in das neue Album gesteckt“, so Nicky. „Und wir wollen so viele Leute wie möglich erreichen, ähnlich wie bei unserem Debüt vor 18 Jahren.“

Mit dem eingängigen Sound des neuen Longplayers dürfte das gelingen. Songs wie der Titeltrack oder ›Hazleton Avenue‹ gehen direkt ins Ohr. „Es ist ein klassisches Radio-Album“, stimmt Nicky zu. „Die Lyrics sickern mit der Zeit durch.“ Auch mit über 40 wollen die Manic Street Preachers noch etwas bewegen. „Für uns ist die politische Botschaft auch heute noch wichtig und infiltriert unsere Musik und die Lyrics“, erklärt Nicky. Vor langer Zeit sagte er einmal, Wut sei in seiner DNA. Der heute 41-Jährige hat gelernt, diese destruktive Energie in seinen Songs zu verarbeiten. Titeln wie dem Album-Opener ›(It’s Not War) Just The End Of Love‹ hört man diese Wut auch nach wie vor an.

Schon früher verpackten die Manic Street Preachers provokante Themen in großartige Popsongs – wie etwa bei ihrem Nummer-Eins-Hit ›If You Tolerate This‹. Doch die drei Musiker können auch anders. Ihr 1994er-Werk THE HOLY BIBLE oder ihr letztes Studioalbum, JOURNAL FOR PLAGUE LOVERS, das im vergangenen Jahr erschien, sind nicht so leicht zugänglich. Für das von Kritikern bejubelte JOURNAL FOR THE PLAGUE LOVERS wurden ausschließlich Lyrics des ehemaligen Bandmitglieds Richey Edwards, der vor 15 Jahren verschwand und 2008 von seinen Eltern für tot erklärt wurde, verwendet.

Nostalgie ist ihnen also nicht fremd, das hört man auch auf dem neuen Album. „Wir schämen uns nicht, das zuzugeben“, lacht Nicky. Der Sound reflektiert die einstigen musikalischen Vorbilder der drei Manics. Inspiriert von Größen wie Queen, den Beatles und The Smiths, kamen neben einem Gospelchor auch opulente Streicher zum Einsatz. Fast jeder der zwölf Songs hat einen Ohrwurm-Refrain. „Wir sind absolut von Melodien besessen“, schmunzelt Nicky. „Das hat sicherlich auch etwas mit den Platten unserer Eltern zu tun, mit denen wir aufgewachsen sind. Wie zum Beispiel Abba, die Beatles oder Neil Diamond.“ James ergänzt: „Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere Songs mehr Lyrics haben als ein durchschnittlicher Song. Denn wenn man mehr Text auf dem Papier stehen hat, sieht man mehr Wendungen und Biegungen, mehr Silben – und dadurch dann auch mehr Melodien. Es wäre ziemlich schwierig, diese ganzen Worte in einer Tonlage zu singen.“

Gemeinsam erarbeitete das Trio das neue Material im eigenen Band-Studio in Cardiff. „Es existiert eine gute Chemie zwischen uns, dadurch wird der kreative Prozess ein bisschen magischer“, so James. Als Produzent stand ihnen erneut ihr langjähriger Partner Dave Eringa zur Seite. Musikalische Unterstützung erhielten sie zudem von der britischen Musiker-Legende John Cale, Ian McCulloch von Echo & The Bunnymen sowie Guns N’Roses-Bassist Duff McKagan. McKagan, den Nicky übrigens als „süßeste Person im Rock’n’Roll-Zirkus“ bezeichnet, spielte in Los Angeles einen Gitarrenpart für den Titel ›A Billion Balconies Facing The Sun‹ ein. Ein kritischer Song über die narzisstische Internet-Kultur.

Auch in anderen Stücken, wie ›Don’t Be Evil‹ – das Motto von Internet-Riese Google – oder dem zynischen ›All We Make Is Entertainment‹, erheben die Preachers ihre zornige Stimme. ›Golden Platitudes‹ richtet sich gegen die politische Elite, die ihre Wähler verraten hat. Es ist eine Art offener Brief eines enttäuschten Wählers an die eigene Partei.

Die meisten jüngeren Bands haben diesen Anspruch, Gesellschaftskritik zu äußern oder sogar etwas verändern zu wollen, nach Ansicht von Nicky verloren: „Es gibt schon einige Bands, die ich mag, wie zum Beispiel Band Of Horses“, sagt er. „Aber britische Musik ist sehr großstädtisch geworden. Es ist schwierig, einen Zugang dazu zu finden.“ James ergänzt: „Es gibt Bands, die ihre eigene Sprache gefunden und sich eine eigene Nische geschaffen haben. Ich könnte einige Alben aufzählen, die ich mag. Aber sie haben die kulturelle Landschaft nicht nachhaltig verändert.“ Das ist nach Meinung von Nicky zuletzt den Libertines gelungen: „Sie haben zwar nicht die Massen bewegt, aber sie haben der Welt etwas gegeben – und wenn es nur enge Jeans, Drogen und Union Jacks waren“, lacht er. „Es ist das erste Mal, dass es eine Rezession gab – ohne eine musikalische Reaktion der Jugend. Wir hatten in den letzten zehn Jahren wirtschaftliches Wachstum, es gab die Internet-Explosion, alles war immer ziemlich einfach. Eine ganze Generation ist in Dekadenz aufgewachsen, und die Jugendlichen haben keine Ausdrucksmöglichkeiten gefunden.“

Da hat Nicky vielleicht eine Kleinigkeit vergessen: Auch „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ ist eine Haltung. Das Rockstar-Klischee überlassen die Manic Street Preachers aber lieber den jungen Wilden. Selbst wenn sie unterwegs sind, führen die Rocker ein friedliches Leben. James: „Es gibt keine Laster in unserem Tourbus. Keine Drogen, kein Sex, kaum Alkohol.“ Brav.

Kings Of Leon – Heiligsprechung

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Kings Of Leon 2010 1 @ Dan WintersJahrelang haben sie gefeiert, als gäbe es kein Morgen: Acid, Ecstasy, Koks, Groupies und alles, was dazu gehört. Doch mit Ende 20 schwärmen die wilden Kerle aus dem Süden der USA plötzlich von Familie, Kindern und geräumigen Eigenheimen. Wie das passieren konnte? Caleb Followill gibt Aufschluss.

Es ist Freitagnachmittag, Ende August, und das Connaught Hotel im Londoner Nobel-Viertel Mayfair, in dem die kleinste Abstellkammer 300 Euro kostet, erlebt einen Gäste-Ansturm der etwas anderen Art. Eben nicht Earl Grey und Lady Winterbottom, die sich zur Tea Time mit ihrem Bridge Club treffen, sondern vier langhaarige Rock’n’Roller aus Nashville, Tennessee, die von einem regelrechten Hofstab aus Bodyguards und Managern zu den Konferenzräumen dirigiert werden. Dort wartet schon die Presse auf sie: MTV, die BBC und handverlesene Schreiberlinge aus Schweden, Japan, Australien und England, die die Band schon seit Jahren begleiten.

Man kennt sich, begrüßt sich per Handschlag und fragt nach dem gegenseitigen Wohlbefinden. Was bei den Jungs, die immer so cool wirken, aber nicht sind, das Entré zu einem offenen Gespräch ist. Denn gerade Caleb, mit 28 Sänger, Gitarrist und Hauptsongwriter der Truppe, ist in natura unglaublich schüchtern und tendiert zur verstockten Einsilbigkeit: Heute allerdings plaudert er, nach einem eiskalten Corona und herzlicher Begrüßung, ganz ungeniert aus dem Nähkästchen: „Eigentlich wollte ich ein Country-Album machen – mit richtigen Herzensbrechern, bei denen kein Auge trocken bleibt. Aber die anderen haben mich nicht gelassen.“

Damit wäre geklärt, weshalb im Vorfeld alle Internet-Verrückten unkten, dass COME AROUND SUNDOWN, das fünfte Werk der Kings, ausgesprochen ruhig und knarzig klänge. Das Warum ist damit aber noch nicht erörtert. „Ganz ehrlich? Ich hatte Angst, dass ich nach dem Erfolg des letzten Albums nur noch daran gemessen werde. Und alle Welt ein weiteres ›Sex On Fire‹ erwartet. Dem wollte ich einen Riegel vorschieben und etwas komplett anderes machen. Was ich auch getan habe – ich traf mich mit meinen Kumpels auf der Veranda, köpfte eine Flasche Whiskey und sang diese Stücke. Das war die reinste Therapie.“

Dass sie letztlich keine Berücksichtigung fanden, ist aber – so verdeutlichen erste Hörproben von COME AROUND SUNDOWN – nicht wirklich schlimm: Die 13 Stücke sind großer, hymnischer Stadion-Rock mit pumpenden Basslinien, frühen The Edge-Gitarren und einem raubeinigen Nöhlgesang, der sich sofort in den Gehörgängen festsetzt. Selbst wenn er jede Menge Ecken und Kanten bietet, dreckig klingt und auch schon mal in die Territorien von Fifites-Rock’n’Roll (›Mary‹), Ska & Dub (›The Immortals‹) sowie Americana (›Back Down South‹) vorstößt. Und ein zweites, drittes und viertes ›Sex On Fire‹ ist mit ›The End‹, ›Radioactive‹, ›The Face‹ und ›No Money‹ auch am Start. Worüber sich also Sorgen machen? „Das habe ich mir dann auch gesagt – nachdem ich mich vor den Spiegel gestellt und selbst geohrfeigt habe.“ Eben. „Wir haben auf ONLY BY THE NIGHT nichts anders gemacht – und trotzdem haben die Leute so eine intensive Beziehung dazu aufgebaut, dass es sich sechs Millionen Mal verkauft hat. Worüber sich also beklagen? Scheiße, wir sind eine Rock-Band auf einem großen Label – wir machen nichts falsch, wenn wir versuchen, möglichst viele Platten zu verkaufen und in großen Hallen zu spielen. Das hat nichts mit Ausverkauf zu tun, sondern nur damit, einen guten Job zu machen. Und wer lieber bis an sein Lebensende in einer obskuren Indie-Gruppe spielen will, der hat einen Schaden. Und zwar gewaltig.“

Wobei Caleb nicht verbergen kann, dass die Texte diesmal etwas anders ausgefallen sind, als man es von ihnen gewohnt ist. So sucht man frivole Geschichten über Blowjobs beim Autofahren (›Sex On Fire‹), Prostituierte (›Arizona‹) und Kübel voller Kotze (›The Bucket‹) vergebens. Sie werden von grüblerischen Gedanken zu Calebs aktueller Beziehung mit dem kalifornischen Model Lily Aldridge („Ich hoffe, sie liebt mich als diejenige Person, die ich wirklich bin“) und der Halbwertzeit des eigenen Erfolgs („Wir waren in den letzten zwei Jahren geradezu überpräsent“) verdrängt. Hinzu kommt gesteigertes Heimweh, das sich darin äußert, dass sie ihre Farm in Mt. Juliet, die sich seit Mitte der Neunziger in Familienbesitz befindet, schmerzlich vermissen. Ganz so, als würde es sich dabei um den Himmel auf Erden handeln: „Wir sind jetzt schon so lange unterwegs, haben so viele Platten gemacht und so viel von der Welt gesehen, dass es Zeit für eine Pause wird. Eben, um einfach mal durchzuatmen. Aber auch, um eine Familie zu gründen. Schließlich sind die meisten von uns verheiratet oder zumindest in festen Beziehungen. Insofern wäre das nach diesem Album die perfekte Gelegenheit. Also ich wäre bereit dafür, und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern zu verbringen.“

Wofür er vorsorgt – mit einem imposanten Neubau auf dem Farm­gelände, der scheinbar eine Art Graceland oder Neverland wird: ein riesiges Anwesen mit Pool, Reiterhof und 15 Schlafzimmern, die er ebenso aufwändig wie unkonventionell einrichtet. „Alles, was ich unterwegs sehe und cool finde, wird sofort fotografiert und an meinen Cousin geschickt, der sich um alles kümmert. Nach dem Motto: ‚Hey, das muss unbedingt noch ins Haus!‘“ Also mit einem Paris-, London- und Amsterdam-Zimmer? „So etwas in der Art. Wobei das alles Räume werden, in denen ich meinen Spaß habe. Also ein Billardzimmer, ein Heimkino, ein Studio und so weiter.“

Doch wer jetzt an gesteigerten Größenwahn denkt: Caleb hat sich in den vergangenen Jahren, in denen er und seine Brüder mit Pearl Jam, Dylan und U2 getourt sind, die USA als Markt geknackt und sogar mehrere Grammy-Auszeichnungen erhalten haben, extrem verändert. Er ist reifer, erwachsener und vor allem clean geworden. Zwar trinkt er immer noch das eine oder andere Bier, aber von Drogen wie Acid, Ecstasy und Kokain lässt er die Finger. „Wir haben es einfach übertrieben. Das ging so weit, dass wir zum Frühstück damit angefangen haben. An einige Shows kann ich mich kaum erinnern. Ganz abgesehen davon ist es nicht angenehm, so viel Mist zu sich zu nehmen, dass man sich ständig übergeben muss. Oder nicht mehr weiß, wo man ist – und statt der Toilette in die Abstellkammer eines Hotelzimmers pinkelt. Wir haben damit aufgehört, als unsere Frauen ins Spiel kamen – weil wir uns nicht blamieren wollten.“

Und der Übergang von wilden Partys zu Babys, Windeln und gemütlichem Heim? „Momentan kann ich mir nichts Besseres vorstellen – einfach, weil ich das noch nicht erlebt habe und alles andere langweilig geworden ist. Aber: Frag mich in ein paar Jahren. Dann sage ich bestimmt was anderes.“

The Beatles – Die Ballade von John Lennon & Yoko Ono

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Lennon & Yoko @ Alan Tannenbaum (2)_bearbPünktlich zum 30. Todestag erscheinen Lennons remasterte Solowerke, von Yoko Ono tatkräftig forciert. Soll man ihr deshalb böse sein?

ür manche Beatles-Fans ist Yoko Ono bekanntlich ein rotes Tuch, hat sie doch angeblich die Trennung der Fab Four auf dem Kerbholz. Und auch als Profi-Witwe hat sie sich in den vergangenen 30 Jahren nicht nur Freunde gemacht, böse Zungen unterstellen ihr allzu eifrige Geschäftstüchtigkeit. Ihr eigenes künstlerisches Schaffen? Den meisten Rockfans wohl eher ein Buch mit sieben Siegeln. Was gerade anlässlich der erneuten Wiederveröffentlichung von Lennons Solowerken dann doch ein paar Korrekturen nötig macht.

Wer behauptet, den Künstler und Menschen John Lennon zu respektieren, der sollte dabei auch seine Liebe zu Yoko Ono mit einbeziehen. Wer es nicht tut, setzt sich dem Verdacht aus, nicht den realen Lennon zu schätzen, sondern eine Fantasiefigur. Der unausrottbare Vorwurf, Yoko Ono habe die Beatles entviert, ist ohnehin nicht mehr haltbar. Wie man längst weiß, spielten handfeste Geschäftsinteressen, Ego-Probleme und persönliche Zerwürfnisse die Hauptrolle. Dass etwa während der Arbeiten an LET IT BE George Harrison kurzzeitig die Band verließ, hatte mit Yoko Onos Anwesenheit nicht allzu viel zu tun.

Was ihre Nachlassverwaltung angeht: Dass sie versucht, sein Werk in der Öffentlichkeit präsent zu halten, ist lobenswert, dass dabei auch Ungereimtheiten auftauchen, verzeihlich. Warum der Back-Katalog Lennons erneut remastert wurde, mag verwundern, doch Yoko Ono nennt ihre Gründe – und zwar im nachfolgenden Interview. Verglichen mit den posthumen Aktivitäten anderer Musiker, etwa Queen nach der Ära Mercury, ist Onos Vorgehen von geradezu pietätvoller Zurückhaltung, von den gefühlten 243 „neuen“ Alben, die seit Jimi Hendrix’ Ableben erschienen sind, ganz zu schweigen.

Und Yoko Onos künstlerisches Werk? Nun ja, das ist geprägt von Licht (ihr letztes Album) und Schatten (ihr Gesang bei der Plastic Ono Band). Ansonsten: Bildende Kunst, und die ist bekanntlich Onos Hauptbeschäftigung, ist nicht das Kernthema dieser Publikation. Dass ihre Werke in der Kunstwelt hohen Respekt genießen, ist allerdings unzweifelhaft.

Natürlich ist es kein Zufall, dass Lennons Solowerke – und einige von Harrison – gerade im vierfachen Jubiläumsjahr veröffentlicht werden (vor 70 Jahren Lennons Geburt, vor 50 Jahren erster Gig in Hamburg, vor 40 Jahren Trennung der Beatles, vor 30 Jahren Lennons Ermordung). Sich darüber aufzuregen und einzig kommerzielle Interessen zu unterstellen, ist allerdings müßig. Niemand wird gezwungen, die Neuauflagen zu kaufen, und wer es tut, der hat seine Gründe. Zudem: Das Business funktioniert eben so, und das auch nicht erst seit gestern. Was tatsächlich zählt, ist doch letztlich nur eines: die Musik.

John lennon_Double Fantasy StrippedYoko, es wird zwei große Events zu Johns 70. Geburtstag geben. Der eine findet in Liverpool statt und wird von Ozzy Osbourne moderiert. Warum nicht von dir?
Weil ich davon nichts weiß.

Wie bitte?
Davon hat mir keiner was gesagt. Wer moderiert da?

Ozzy Osbourne und seine Frau Sharon.
Oh, das ist OK. Das sind sehr nette und intelligente Leute.

Und große Beatles-Fans.
Das ist gut, sehr gut sogar.

Heißt das, du wirst stattdessen dem Event in Los Angeles beiwohnen?
Los Angeles? Auch davon weiß ich nichts.

Es findet am 9. Oktober unter dem Motto „The Sidewalk Chalk Art Celebration“ statt – vor dem Capitol Tower in Hollywood.
Worum geht es da?

Ich dachte, das könntest du mir erklären?
Leider nicht. Ich meine, all das passiert an Johns Geburtstag. Die ganze Welt versucht, irgendwelche Tribut-Projekte und Veranstaltungen an den Start zu bringen. Deshalb kriege ich gerade wahnsinnig viel Post von Leuten, die mir berichten, was sie alles vorhaben. Ich finde das toll.

Wie wirst du das Jubiläum begehen? Oder bleibst du zu Hause und schaust dir das Ganze im Fernsehen an?
Warum nicht? (kichert) Ich werde da doch nicht wirklich gebraucht, oder? Und wenn Leute irgendwelche Konzerte ohne mich veranstalten wollen, habe ich damit auch kein Problem. Die einzige Bedingung ist, dass es gut für Johns Musik ist. Das ist das Wichtigste. Dass es seinem Andenken nicht schadet. Da ist zum Beispiel diese Person, deren Namen ich leider vergessen habe – ein sehr guter Produzent. Er denkt darüber nach, all diese Konzerte zu organisieren, die gleichzeitig an vielen verschiedenen Orten stattfinden, und zwar alle unter dem Titel „Imagine Peace“. Da soll es dann einzig und allein darum gehen, jungen, aufstrebenden Bands, die wirklich gut sind, ein Forum zu geben. Also nicht einfach zu sagen: „OK, machen wir ein Tributkonzert für John und laden jede Menge bekannte Leute ein.“ Das wäre doch viel zu einfach.

Also sind es die kleinen Dinge, die zählen – und nicht so sehr die großen?
Genau. Wobei ich nicht bei all diesen Konzerten vorbeischauen werde. Das ist ja wohl klar. Aber: Ich sage auch nicht, dass ich zu Hause bleiben und Fernsehen gucken werde. Nein, ich feiere mit der EMI, der Plattenfirma. Denn sie leistet John einen ganz besonderen Tribut – in Form von zwei Boxsets, die einfach fantastisch sind. Eines davon nennt sich „Signature“ und enthält alles, was er als Solokünstler veröffentlicht hat. Das sind acht CDs, und es ist eine richtig große Box. Die andere, die etwas kleiner ist, heißt „Gimme Some Truth“, was ja sehr zeitgemäß ist. Darin sind dann wiederum vier CDs.

Die was beinhalten?
Eine dreht sich nur um Frauen – weil er sich sehr für ihre Rechte eingesetzt hat. Die andere ist politisch, und eine weitere behandelt seine musikalischen Wurzeln. Er covert da alle möglichen Songs. Alle vier CDs zeigen auf unterschiedliche Weise, wofür er sich interessiert hat.

Sprich: Alle zusammengefasst ergeben ein Bild seiner komplexen Persönlichkeit?
Ganz genau. Denn er hatte definitiv eine multiple Persönlichkeit. (kichert) Aber neben den zwei Boxen sind da auch noch zwei DVDs… Nein, CDs. Und eine davon ist eine „Best Of“ mit all seinen Hits.

Die mittlerweile jeder im Regal beziehungsweise auf dem iPod haben dürfte…
Stimmt. Aber diese hier ist für Leute, die gerade erst geboren wurden – also vor zehn Jahren oder so. Die fangen lieber mit einer Best Of an als mit einer Box. Und dann ist da noch die „stripped down“-Version von DOUBLE FANTASY.

Darf man fragen, was das bedeutet?
Oh, mir wurde gesagt, das wäre eine angesagte Sache. Zumindest habe ich das so verstanden. Es bedeutet, dass die vielleicht 20 oder 30 Instrumente, die für einen Song zum Einsatz kamen, deutlich reduziert werden. Auf diese Weise hört man endlich, was John da singt, was ich für sehr wichtig halte.

Indem man zum Beispiel auf die Streicher verzichtet?
Ja, und wenn du das tust, bist du hinterher total überrascht, wie gut er als Sänger war. Denn damals, als wir das aufgenommen haben, war es einfach so, dass man beim Abmischen als erstes darauf geachtet hat, dass die Instrumente kraftvoll sind. Wodurch dann aber die Stimme begraben wurde. Jetzt wird die Welt überrascht sein, wie toll er gesungen hat. Und man kann auch endlich alle Texte verstehen. Für mich ist diese Version viel besser als das Original.

Dabei hast du bereits zu Beginn des Jahrtausends Johns Solo-Alben als Remasters veröffentlicht. Warum jetzt erneut? Hat sich technisch so viel getan, dass es ein ganz anderes Hörerlebnis ist?
Na ja, es hat mit dem Mastering zu tun. Ein sehr wichtiger Prozess. Und diesmal war ich persönlich dabei, als das in den Abbey Road Studios passiert ist – ich habe alles selbst überwacht.

Und das allein ist Rechtfertigung genug, um dieses Werk immer und immer wieder neu auf den Markt zu bringen?
Immer und immer wieder. Aber ich mache es auch immer besser! Es klingt heute wirklich viel klarer. Die Technik sorgt dafür, dass die Leute eine viel intensivere Beziehung dazu aufbauen können als zu früheren Versionen.

Klingt, als wärst du wirklich eine professionelle Witwe – als würde sich bei dir tatsächlich alles um John drehen…
Tut es auch. Und es ist mir ein Vergnügen. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als etwas für John zu tun, das ihm und seiner Musik gerecht wird. Auch, wenn es nicht immer leicht ist. Aber ich kümmere mich jetzt schon seit 30 Jahren um Johns Sachen. Und das war eine gute Übung für dieses Jubiläum. Insofern bin ich darauf vorbereitet.

Das heißt, du hast Trauer und Schmerz inzwischen überwunden?
Das nicht. Aber ich habe mich zumindest daran gewöhnt – auch wenn das mitunter schwierig ist. Sehr schwierig sogar.

Du wohnst immer noch im Dakota-Gebäude, vor dem er erschossen wurde. Darf man fragen, was dich dort hält?
Weil das mein Zuhause ist – das Zuhaue von John und mir. Und es gibt ja viele Menschen, die solche Tragödien erleben. Die kann man nicht allein dadurch verarbeiten, indem man in ein anderes Haus zieht. Also quasi vor dem flüchtet, was passiert ist. Bei mir ist es ähnlich. Zumal das Dakota ja auch der Ort ist, an dem John und ich ein wunderbares Familienleben mit Sean hatten. Und für Sean bedeutet es immer noch sehr viel. Ganz abgesehen davon: Jeder Raum darin ist ein Raum, den John berührt hat. Und ich werde nicht an einen neuen Ort ziehen, an dem so gar nichts von ihm ist. Nicht einmal eine Erinnerung.

Würde John heute noch leben, wäre er 70 Jahre alt…
Stimmt.

Fragst du dich manchmal, wie er in dem Alter wäre?
Na ja, er wäre kein typischer Großvater, so viel ist sicher. Und er war immer ein Mensch mit einem sehr jungen Geist – genau wie ich. Insofern bin ich mir sicher, dass wir noch zusammen arbeiten würden. Denn er war ein regelrechter Workaholic. Also wahrscheinlich würden wir zu Hause sitzen und wie die Verrückten arbeiten.

Wie käme er mit einer Welt klar, die immer noch von Kriegen, aber auch von Umweltkatastrophen und einer regelrechten Besessenheit von Promis aller Art dominiert wird?
Nun, ich denke, er wäre sehr traurig darüber. Genau so, wie es die meisten von uns sind. Einfach, weil die Menschen unbelehrbar sind und nichts an sich und ihrem Verhalten ändern – egal, was auch passiert.

Wenige Monate vor seinem Tod hat er mit „Double Fantasy“ ein erfolg­reiches Comeback lanciert und wollte angeblich gleich wieder ins Studio, um den Nachfolger einzuspielen. Stimmt das – oder ist das einer von vielen Mythen?
Nein, das stimmt. Er war in einer sehr kreativen Phase, hatte einen richtigen Lauf.

Gibt es demnach noch Sachen, an denen er vor seinem Tod gearbeitet hat und die nie veröffentlicht wurden?
Nun, es gab ein paar Stücke, von denen ich dachte, dass es sehr wichtig wäre, sie zu veröffentlichen – und zwar so, wie das dann auch geschehen ist. Wie etwa „Free As A Bird“, das von den Beatles, den anderen Beatles, aufgenommen wurde. Das war die einzig legitime Art, um diesen Song zu komplettieren. Und ich muss immer entscheiden, was das Beste für dieses oder jenes Stück ist – eben, um es nicht einfach so auf den Markt zu werfen, wie John es auf seinem kleinen Kassettenrekorder zu Hause aufgenommen hat, sondern in einer Art und Weise, dass es die Herzen der Menschen wirklich berührt.

Das heißt, es gibt noch Material, das diesem Anspruch – oder besser: dieser Form – nicht gerecht wird?
Durchaus. Aber wie gesagt: Es ist eine schwierige Entscheidung – und die muss ich treffen.

Hätte er die Beatles jemals reformiert oder wäre er je wieder mit Paul ins Studio gegangen?
Er war damals auf einem etwas anderen Trip.

Also hat er nie darüber gesprochen?
Warum sollte er?

Weil jeder Mensch irgendwann in seinem Leben mal nostalgisch wird und zurückblickt statt immer nur nach vorne.
Kann schon sein, dass er das getan hätte. Aber du fragst mich hier etwas, das ich wirklich nicht beantworten kann.

Wenn wir vom Musiker John Lennon zum Menschen gehen: Gibt es da eine Seite an ihm, die die Leute vielleicht noch nicht kennen – die nur dir bewusst ist?
Ich weiß nicht, was du von ihm kennst und was nicht. Aber ich würde sagen, dass er nichts zurückgehalten hat – er hat immer alles gegeben, was in ihm steckt. Er hat wirklich nichts verheimlicht. Ich bin mir sicher, dass sich gerade deshalb so viele Leute mit ihm identifizieren konnten – weil er sein Inneres immer nach Außen gekehrt hat.

Um zum Schluss zu kommen: Welches der Alben, die jetzt neu erscheinen, ist dein persönlicher Favorit?
Ich mag alle Alben von John und alle Songs, die er als Solo-Künstler aufgenommen hat. Selbst wenn die Leute sagen: „Man kann nicht alles mögen“, so kann ich das sehr wohl. (kichert) Ich bin selbst Künstlerin und Musikerin, deshalb weiß ich, dass er ein einmaliges und ungewöhnliches Talent hatte. Jedes seiner Stücke war so, dass es kein anderer hätte schreiben und erst recht nicht so hätte spielen können.

Und warum sind die beiden Teile von TWO VIRGINS nicht Gegenstand dieser Aktion? Warum fehlen sie?
Keine Ahnung. Sind sie nicht in der SIGNATURE-Box?

Leider nein.
Das war mir nicht bewusst. Ich werde das prüfen.

Text: Uwe Schleifenbaum ✶ Yoko-Interview: Marcel Anders

Yoko Ono 2007GEBURTSTAGSGEDENKEN

Unter dem Motto „Gimme Some Truth“ steht John Lennon anlässlich seines 70. Geburtstages am 9. Oktober diesen Jahres im Mittelpunkt einer überaus umfangreichen Werkschau.

Sämtliche acht Soloalben erscheinen im digitalen Remastering 2010, überwacht von Yoko Ono in den Londoner Abbey Road Studios. Verpackt sind sie analog zu den BEATLES REMASTERS in Deluxe-Digipacks: JOHN LENNON/PLASTIC ONO BAND, IMAGINE, SOME TIME IN NEW YORK CITY, MIND GAMES, WALLS AND BRIDGES, ROCK’N’ROLL, DOUBLE FANTASY sowie MILK AND HONEY.

Das letzte Werk von Lennon/Ono geht gleich in doppelter Ausführung an den Start: DOUBLE FANTASY STRIPPED DOWN wurde von dem ursprünglichen Produzenten Jack Douglas und Yoko Ono all der nervigen Achtziger-Jahre-Arrangements entledigt. CD 1 enthält das Original im Remastering 2010, CD 2 die Stripped Down Version. In ebenfalls zwei Versionen verfügbar ist POWER TO THE PEOPLE: THE HITS. Die remasterte Best-Of-Sammlung gibt’s als Standard Edition mit einer CD sowie als Deluxe Version mit Bonus DVD inklusive aller Videoclips.
Wer sich intensiv mit John Lennon beschäftigen möchte, dem sei GIMME SOME TRUTH empfohlen: ein luxuriöses 4-CD-Set mit 72 Songs, das Lennons Lebenswerk nicht etwa chronologisch, sondern thematisch aufarbeitet: CD1, „Working Class Hero“, präsentiert Johns engagierte Seite mit politisch motivierten Songs, CD2, „Borrowed Time“, thematisiert indes Johns Philosophien. Ausschließlich Liebeslieder finden sich auf CD3, „Woman“, während auf auf CD4, „Roots“, traditionell gerockt wird.

Als Sammlerstück im edlen weißen Design präsentiert sich die SIGNATURE BOX: Alle acht Studio-Alben im digitalen Remastering 2010, als Zugabe gibt’s zwei Bonusdiscs: Auf der ersten versammeln sich alle Singles A- und B-Seiten, die Zweite enthält rare Studio-Outtakes und Home Recordings – zum Großteil unveröffentlichtes Material. Dazu gibt’s einen Kunstdruck sowie ein Hardcover-Buch mit neuen persönlichen Essays von Yoko Ono sowie den Söhnen Julian und Sean.

Gewürdigt wird in diesem Herbst auch der 2001 verstorbene George Harrison: Zu Ehren des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, der seinen 90. Geburtstag feiert, erscheint das Box-Set RAVI SHANKAR GEORGE HARRISON COLLABORATIONS. Drei CDs und eine DVD dokumentieren die langjährige Freundschaft der beiden Musiker über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Enthalten sind darin die Alben CHANTS OF INDIA, THE RAVI SHANKAR MUSIC FESTIVAL FROM INDIA sowie SHANKAR FAMILY & FRIENDS. Auf der DVD findet sich der Mitschnitt RAVI SHANKAR’S MUSIC FESTIVAL FROM INDIA, aufgezeichnet 1974 in der Londoner Royal Albert Hall.

Text: Michael Köhler