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Wino – Am Abgrund

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Wino (1)_bearbEr hat alles versucht, um dem selbstzerstörerischen Rocker-Leben zu entkommen: heiratete, zeugte drei Kinder, war neun Jahre clean. Jetzt liegt das neue Leben von Scott „Wino“ Weinrich in Trümmern – und er macht auf seinem aktuellen Akustik-Album ADRIFT die beste Musik seines Lebens.

Der Mann ist eine Legende. Mit Saint Vitus wurde er zur Ikone des Post-Black-Sabbath-Doom-Metal, mit The Obsessed dann zum kurzzeitigen harten Hoffnungsträger der nach Grunge Metal-verliebten Major-Plattenindustrie. Nach dem Ende dieser Träume suchte Wino eine neue Perspektive, und wie so oft war es eine Frau, die den Mann vom Abgrund abholte. 1996 war das, Diana heißt sie, die Mutter seiner drei Kinder, der Engel, der ihn zum selbsterklärten „Fulltime-Dad“ machte und dafür sorgte, dass er seine diversen Drogenabhängigkeiten zumindest zeitweise in den Griff bekam. Aktuell läuft die Scheidung, eine über alle Maßen hässliche, und wieder ist es die Musik, die Scott (halbwegs) am Leben hält. „Und das viel direkter, als du denkst: Ich hoffe, mit meiner Solotour und den Gigs mit Shrinebuilder beziehungsweise Saint Vitus genug Geld zu verdienen, um mir einen guten Anwalt leisten zu können. Ich will meine Kinder auch weiter sehen können, aber wenn es schief läuft, muss ich erst mal in den Knast.“ Ja, so hässlich ist diese Trennung, und ja, den Teil mit den Drogen hatte er nicht bis zum bitteren Ende im Griff.

ADRIFT aber ist nicht nur ein Plan, sich die nötige Kohle zu besorgen, sondern – ein Blick auf die entwaffnend direkten Texte macht das deutlich –vor allem Katharsis, Selbsttherapie für den bald 50-Jährigen, der eigentlich gehofft hatte, nie wieder in den Abgrund blicken zu müssen. „Es ist mir nicht leicht gefallen, so persönliche Themen in den Texten zu verarbeiten“, gesteht Scott. „Für mich war das ein Stück weit Therapie, aber auch Ausdruck einer Scheißegal-Einstellung: Mein Leben ist eh schon total im Arsch, da kann es mich auch nicht mehr verletzen, wenn mir nach diesem Album irgendwelche Typen, die ich weder kenne noch für wichtig erachte, den Finger zeigen. Und diejenigen, die wissen, worum es genau geht, sollen ruhig auch wissen, was genau ich über sie denke.“ Damit macht er sich angreifbar, und das weiß Scott auch. „Aber verwundbar sind wir alle. Schau nur, was Dimebag von Pantera passiert ist! Klappe halten und in der Masse verschwinden – dass das nicht meine Art ist, dürfte klar sein, seit ich das erste Mal mit Vitus auf der Bühne stand. Und ich will dir noch etwas sagen: Alles, was ich zurzeit mache, tue ich für meine Kids. Ich lassen mich von ihnen nicht trennen, weil irgendwelche Leute sagen, die Drogen oder mein Verhalten würden mich als Vater untauglich machen. Ich stehe ehrlich zu meinen Gefühlen, ich zeige sie – auch mit diesem Album –, und das sagt hoffentlich alles.“

ADRIFT, „treibend“ also, ist Wino zurzeit generell, auch was seine musikalischen Projekte angeht: Er lässt sich auf (fast) alles ein, was im angetragen wird, und macht in der Regel mehr als das Beste daraus. Shrinebuilder, die 2009er-Allstar-Kollaboration mit Scott Kelly (Neurosis), Al Cisnero (Sleep) und Dale Crover (Melvins), darf heute schon als „legendär“ tituliert werden, mit Premonition hat er ein uraltes, ursprünglich ausschließlich auf Live-Jams beruhendes Blues-Metal-Projekt jetzt amtlich an den Start gebracht, und als Solokünstler war er auch eigentlich nur Spielball des Schicksals: Anfang 2009 brachte er ein erstes Album als Solokünstler heraus, PUNCTUATED EQUILIBRIUM, damals aber noch mit einer richtigen Band. Der Mann alleine mit seiner Klampfe – das war eine mal wieder aus Tragik geborene Notlösung. „Wir spielten eine coole Europa-Tour, doch dann hatten wir ein paar Off-Days, und mein Bassist Jon Blank setzte sich den goldenen Schuss. Damals stand direkt eine Tour als Support für Clutch in den USA an. Zuvor hatte ich eine einzige Show solo und rein akustisch gemacht, und ganz ehrlich: Das war kein großer Erfolg. Aber zumindest hatte ich eine ungefähre Vorstellung, was ich machen sollte, als es hieß: ,Warum springst du nicht einfach zu uns in den Bus und spielst deine Songs? Immerhin ist es deine Solo-Tour, dann kannst du auch alleine auf der Bühne stehen!‘“

Er konnte – und erntete reichlich Applaus dafür. Das war so ungefähr alles, was Scott an Ermutigung brauchte. „Es gab da eine Menge sehr intimer Dinge, die nur darauf warteten, über den Kanal der Musik verarbeitet zu werden. Das rief nach einem echten Soloalbum. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass ich auf diese Situation nicht wirklich vorbereitet war. Ich habe eigentlich noch nie in meinem Wohnzimmer gesessen und neue Songs mit meiner Akustik-Klampfe ausgearbeitet – vor allem, weil ich wollte, dass sie auch ohne massiven Verstärkereinsatz heavy klingen!“ Namen wie Townes Van Zandt oder Billy Bragg, die jedem Journalisten geradezu in die Feder diktiert werden, wenn es um die Würdigung von ADRIFT geht, sind Scott dabei erst vor Kurzem vertraut geworden. „Ich kannte eigentlich nur Neil Young – aber ich habe genug Kollegen, die mich freundlicherweise in die richtige Richtung gestoßen haben, als klar war, dass ich dieses Album machen würde.“

Wie er es machen würde, war ihm dabei lange Zeit selbst nicht klar: „Im Studio war ich erstaunlich hilflos! Mit einer Band im Rücken hast du immer ein Fundament, auf dessen Basis du loslegen kannst. Diesmal musste ich die Stille ganz alleine füllen. Das hat mich im Vorfeld einige schlaflose Nächte gekostet, und ich war dennoch nicht wirklich auf die Situation vorbereitet. Das Ergebnis ist sehr cool geworden, aber es war eine echte Herausforderung. Doch wenn die Reaktionen so gut bleiben, will ich definitiv weiter auch rein akustisch arbeiten.“

Die Zeichen dafür sind jedenfalls gut, und es mangelt nicht an Ermutigung und konkreten Folgeplänen: Demnächst wird Wino mit seinem Shrinebuilder-Kumpan Scott Kelly, der immerhin schon zwei Akustikalben (AT THE FOOT OF THE GARDEN und LATITUDES) draußen hat, gemeinsam in die unverstärkten Saiten greifen.

Ronnie Wood – Trockenlegung

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Ronnie3Der Gitarrist der Rolling Stones bringt sein achtes Soloalbum auf den Markt. Und es ist ein Werk mit klarem Durchblick.

Vor wenigen Monaten noch stand Ron Wood vor den Scherben seines Lebens: Seine Ehe mit dem ehemaligen Model Jo Howard, aus der drei Kinder hervorgegangen sind? Aus und vorbei. Die Liaison mit der 42 Jahre jüngeren Bardame Ekaterina Ivanova, für die er seine Ehefrau verlassen hatte? Ebenfalls zu Ende. Seine Alkoholsucht? Außer Kontrolle. Und seine Rolle bei den Rolling Stones? Mick Jagger stellte ihm ein Ultimatum: sofortige Entziehungskur oder fristlose Kündigung. Wood, dem nachgesagt wird, jahrelang an einem normalen Tag bis zu vier Liter Guinness, dazu ein bis zwei Flaschen Wodka und eine Flasche Sambuca konsumiert zu haben, entschied sich zu einer radikalen Abkehr von Suff und Sucht. Jetzt ist er nach eigenem Bekunden seit acht Monaten trocken, hat die seit langem angekündigte Wiederbelebung der britischen Kultband The Faces realisiert und auch das seit 2001 brachliegende Projekt „achtes Soloalbum“ umgesetzt. Seit Ende September steht I FEEL LIKE PLAYING in den Geschäften – ein Album, auf dem unter anderem Slash, ZZ Top-Gitarrist Billy Gibbons, Flea (Bassist der Red Hot Chili Peppers), Bobby Womack, Jim Keltner, Ian McLagan und Kris Kristofferson zu hören sind. Wood ist sichtlich erleichtert, allerdings in nüchternem Zustand nicht mehr ganz so redselig wie zu Zeiten, als er permanent unter Strom stand.

Ronnie, wie geht es dir gesundheitlich?
Danke, es geht mir sehr gut. Man könnte fast sagen: so gut wie nie zuvor in meinem Leben. Ich bin voller Tatendrang und weiß gar nicht, wo ich zuerst anfangen soll.

Kannst du diese neue Vitalität auf I FEEL LIKE PLAYING selbst hören?
Ja, natürlich. Es herrscht eine neue Klarheit in dem, was ich mache. Und genau das werde ich auch dann umsetzen, wenn ich das nächste Mal mit den Stones arbeite. Ein Soloalbum ist eine gute Gelegenheit, die Sache wieder in den Griff zu bekommen und sich wieder genauer um die Arrangements von Stücken zu kümmern. Alles klingt wieder schärfer, strukturierter und damit auch besser.

Was genau hat deine letzte Entziehungskur bewirkt?
Seitdem ich mein Leben geändert habe, sehe ich eine Menge Dinge klarer. Ich konzentriere mich auf meine Projekte, genieße das Leben, das Gitarrespielen, die Kreativität. Es läuft zurzeit gut, denn ich habe die Kontrolle über mich und meine Musik zurückgewonnen.

Bernard Fowler, der Produzent des Albums, bezeichnet I FEEL LIKE PLAYING als schwierigste Platte deines Lebens.
Das stimmt, aber gleichzeitig hat die Musik für mich auch eine heilende Wirkung, das Ganze ist geradezu spirituell.

Hast du die Songs konkret für die Soloscheibe komponiert, oder waren sie für die Faces-Reunion gedacht?
Nein, es sind alles Songs, die ich für mein eigenes Album verwenden wollte. Manchmal entstanden die Stücke nachmittags in einem Hotelzimmer und wurden dann direkt abends im Studio umgesetzt. Kris Kristofferson kam hinzu und fragte, ob er mir beim Text zu ›Why Do You Wanna Go And Do A Thing Like That For‹ helfen könne. Ich sagte: „Ja klar, gerne sogar“, und so fügte er ein paar wunderbare Sachen hinzu.

Und Slash und Billy Gibbons sind auch zu hören…
Ja! Slash sagte zu mir: „Ronnie, wenn du auf meinem Album spielst, revanchiere ich mich auf deiner Scheibe.“ Damit war die Sache klar. Und Billy Gibbons war in der Stadt und schaute im Studio vorbei. Bevor ich es merkte, herrschte ein munteres Treiben im Studio, denn es tummelten sich dort etliche Musiker, die alle auf meinem Album spielen wollten. Es war wirklich eine außerordentlich produktive Zeit.

Was haben Jagger und Richards zu deinem neuen Album gesagt? Einiges darauf hätte immerhin auch einer kommenden Stones-Scheibe gut zu Gesicht gestanden…
Mick hat einige der Songs in einem frühen Stadium gehört und mich ermutigt. Er sagte, dass sie wirklich sehr gut klängen. Zu Keith Richards habe ich zurzeit keinen Kontakt, da er zuletzt viel mit „Fluch der Karibik“ zu tun hat und die restliche Zeit mit seiner Familie verbringt. Ich habe ihn zuletzt im vergangenen Jahr gesehen, als er nach London kam. Das war kurz nachdem ich von zu Hause ausgezogen bin.

Auf dem Cover deines Soloalbum ist ein Gemälde von dir abgebildet: Was bedeutet die Malerei für dich?
Für mich ist es in der momentanen Lage natürlich von Vorteil, immer beschäftigt zu sein. Deswegen kümmere ich mich um meine Kunstausstellungen, habe in Ohio ein Museum eröffnet und bin nach wie vor sehr kreativ.

Die Faces-Reunion schlägt zurzeit hohe Wellen, auch wenn Rod Stewart nicht mitzieht. Mit Mick Hucknall von Simply Red gibt es allerdings einen hochkarätigen Ersatz.
Mick ist ein toller Typ. Übrigens auch unser Bassist Glen Matlock, der früher bei den Sex Pistols war. Die Faces sind eine tolle Mischung unterschiedlicher Musiker, mit denen ich mir prima die Zeit vertreiben kann, bevor die Stones wieder auf Tournee gehen.

Warum ist Rod Stewart entgegen seiner Ankündigung bei der Reunion nicht dabei?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau. Der Kontakt ist seit einigen Monaten komplett abgebrochen. Wir warteten lange Zeit vergeblich auf seine Zusage und entschieden schließlich, die Reunion nicht davon abhängig zu machen. Da Mick Hucknall so singen kann wie Rod in den Siebzigern, also all die hohen Töne hinkriegt, ist er der richtige Mann für uns. Aber die Einladung an Rod steht natürlich immer noch: Wann immer er zu uns stoßen will, ist er herzlich willkommen.

Und was machen die Stones? Man munkelt von einer Abschieds-Tournee ab Frühjahr 2011…
In den nächsten Monaten werden wir ein paar Dinge angehen. Noch vor Weihnachten wird es ein Treffen geben, bei dem wir entscheiden, was wir machen wollen und was nicht. Ich glaube, dass die Stimmung generell sehr positiv ist und wir im kommenden Jahr einige tolle Sachen an den Start bringen werden.

Bryan Ferry: Der ewige Stenz

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Junge Frauen, schicke Anzüge, eine Schwäche für Kunst, Kultur und Geschichte sowie ein Leben zwischen Jetset, Bühne nebst Studio. Eine Mischung, die der Monaco Franze der Popmusik auch mit 65 in vollen Zügen genießt – und für kreative Geniestreiche wie sein neues Werk OLYMPIA sorgt.

Er ist zwar gerade 65 geworden, aber wie einer der üblichen grauen Panther im Rock-Rentenalter sieht Bryan Ferry nun wirklich nicht aus: Der ewige Stenz trägt Sakko, Hemd, Jeans und Lackschuhe, hat leicht ergrautes, aber volles Haar, trinkt Earl Grey mit einer Scheibe Zitrone und knabbert dazu feines Gebäck. Weshalb eine Audienz bei dem Mann aus Newcastle auch immer etwas wie ein Besuch bei einem englischen Aristokraten hat – selbst oder gerade weil er in einer plüschigen Suite mit Blick auf den Kölner Dom empfängt. „Ein unglaubliches Gebäude, an dem ich mich gar nicht satt sehen kann. Was für ein architektonisches Meisterwerk! Und dann gleich das Museum daneben. Ihr wisst ja nicht, wie gut ihr es habt, dass ihr euch an so wundervollen Bildern erfreuen dürft“, so Ferry. Spricht’s und lässt seinen Sätzen lange Pausen folgen. Eben wie es sich für jemanden gehört, der die künstlerisch-intellektuelle Seite der populären Musik verkörpert und seit 39 Jahren für die schönen, gepflegten und kultivierten Dinge des Lebens steht.

Was er 2010 fortsetzt: Etwa mit einer umfangreichen Kunstsammlung, deren Wert er nicht beziffern will, die aber zu den imposantesten privaten Kollektionen der Welt zählt. Oder auch mit einer adretten Freundin, die zwar erst 28 ist, aber schon sieben älter als seine letzte, und die ihn – so sagt er grinsend – jung hält. „Ich fühle mich kein bisschen älter als mit Mitte 30. Was daran liegt, dass ich liebe, was ich tue. Zudem umgebe ich mich mit jungen Leuten, was ich unglaublich inspirierend finde. Und es ist gut fürs Ego, wenn man es in meinem Alter noch schafft, hübsche Frauen für sich zu gewinnen. Alles andere wäre deprimierend.“ Und Amanda Sheppard, die einer langen Reihe an illustren Gespielinnen folgt (Amanda Lear, Jerry Hall, Lucy Helmore, Lady Emily Compton), scheint ihn auch kreativ zu beflügeln. Denn nach zwei Dekaden an schwächeren Solo-Alben und Cover-Werken (AS TIME GOES BY, DYLANESQUE) präsentiert sich der Dandy mit Working Class-Background wieder in ansteigender Form. Er tourt regelmäßig mit seinen alten Freunden von Roxy Music oder tritt in Indie-Filmen und exzentrischen TV-Serien wie „The Mighty Boosh“ auf, in denen er psychopathische Mörder oder den „King Of The Forest“ gibt. „Das ist nichts, was ich besonders ernst nehme – weil man es gar nicht kann“, gibt sich der reife Charmeur bescheiden.

Weitaus ehrgeiziger ist er dagegen mit seinem neuen Solo-Werk OLYMPIA, das am 22. Oktober erscheint. Schließlich finden sich hier seine ersten Eigenkompositionen seit acht Jahren – einerseits mit dem bewährten Mix aus Pop und Rock, aber auch mit ungewöhnlich starken Electronica-Einflüssen sowie einem Arsenal an hochkarätigen Gästen, die man nicht wirklich mit ihm assoziieren würde. Etwa Jonny Greenwood von Radiohead, Mani von Primal Scream, das Dance-Kollektiv Groove Armada und Flea von den Red Hot Chili Peppers, mit dem Ferry – man höre und staune – ein gemeinsames Hobby verbindet: „Wir kennen uns aus der Kunstwelt. Also wir sammeln sehr ähnliche Dinge und haben uns über einen Händler in New York kennengelernt, bei dem wir beide Kunden sind. Somit treffen wir uns immer wieder bei Ausstellungen und Versteigerungen, wo wir sehr interessante Gespräche führen.“

Was nicht nur abenteuerlich klingt, sondern auch ist. Genau wie die Auftritte von David Gilmour (Pink Floyd), Robin Trower (Procol Harum), Nile Rodgers (Chic), Chris Spedding, Dave Stewart oder – zum ersten Mal seit 1973 – den kollektiven Roxy Music in Originalbesetzung. Sprich: Andy MacKay, Phil Manzanera, Paul Thompson und Brian Eno. „Sie haben zwar nur irgendwelche Kleinigkeiten übernommen – also ein Solo hier und da. Aber es ist toll, mit Leuten zu arbeiten, die man kennt und schätzt, die einer Sache frische Impulse geben können und vor allem jede Menge Spaß mit ins Studio bringen.“ Denn das, daran lassen auch die Songs keinen Zweifel, ist anno 2010 die erklärte Prämisse von Mr. Ferry. Etwa wenn er im Opener ›You Can Dance‹ darüber sinniert, nach Paris zu trampen („das habe ich 1968 wirklich getan – dabei war es saukalt“) und dort kräftig das „Tanzbein zu schwingen“, selbst wenn er da im wahren Leben so seine Probleme hat. „Ich hatte einen Yacht-Unfall. Seitdem habe ich Schmerzen im Knie und kann mich nicht mehr so elegant bewegen wie früher.“ Ein Satz, den er mit demselben schelmischen Grinsen kommentiert wie die Beischlaf-Hymne ›Alphaville‹ (Textauszug: „This is the time for love/ Let’s play together“), das hedonistische ›Heartache By Numbers‹ („I live for the moment/ I long for the day“), das Traffic-Cover ›No Face, No Name, No Number‹ oder die Walgesänge in ›Song To The Siren‹. „Ich wollte da ein bisschen Meeres- und Unterwasser-Atmosphäre haben. Als ich nach etwas Passendem suchte, bin ich auf diese CDs mit Wal-Aufnahmen gestoßen, die ich mir in der Badewanne angehört habe.“ Also wie der Typ in „The Big Lebowski“ – wenn auch in einer größeren Schüssel und mit Dom Perignon statt Haschzigarette.

Wobei das Werk um ein Haar das lange angekündigte Comeback von Roxy Music geworden wäre – hätte er nicht kurzfristig den Stecker gezogen und die zehn Stücke mit besagten Gästen ausgearbeitet: „Ich habe mich dagegen entschieden, weil das Repertoire nicht abstrakt beziehungsweise experimentell genug ist. Deshalb habe ich es alleine durchgezogen. Was keineswegs heißt, dass ich mir in Zukunft nicht vorstellen könnte, noch etwas mit den Jungs zu machen.“ Die Ironie daran: OLYMPIA könnte rein optisch durchaus als ein Roxy-Album durchgehen. Denn Cover-Girl Kate Moss setzt nicht nur die Reihe leicht geschürzter Pin-ups fort, sondern stellt mit ihrer Pose auch einen Bezug zur Kunst her – als Fleisch gewordene Reinkarnation von Édouard Manets Kurtisanen-Porträt aus dem 19. Jahrhundert. „Sie bringt das perfekt rüber“, schwärmt Ferry, der die Fotosession persönlich überwacht hat. „Dieses Lüsterne und Verwegene. Für mich ist sie die Marilyn Monroe ihrer Generation – und die Art, wie sie mit der Kamera umgeht, ist einfach Wahnsinn. Sie beherrscht sie geradezu.“ Qualifiziert sie das auch als eventuelle Lebensabschnittspartnerin? „Ich glaube nicht, dass ich so viel Power habe. Also, da sehe ich dann doch meine Grenzen“, sagt er lachend und genehmigt sich noch ein Tässchen Tee. Earl Grey hat gesprochen.

Neil Young – Die Kunst des Lärms

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Neil_Young_Press_PubIm Gespann mit dem Soundmagier Daniel Lanois versöhnt Neil Young die disparaten Aspekte seiner Musikerpersönlichkeit miteinander.

Für eher zufällige Beobachter ist der Tonträger-Ausstoß des Neil Young in den letzten Jahren zunehmend unübersichtlicher geworden: Neben zahlreichen regulären neuen Solo-Alben und dem CD- und DVD-Mitschnitt der vieldiskutieren DÉJAVÙ-Tour von Crosby Stills Nash & Young 2006 brachte der laut US-Presse „einzige Hippie, der immer noch anders ist“ auch noch diverse Wiederveröffentlichungen aus seiner ARCHIVES-Serie auf den Markt. Jetzt kommt Young mit einem brandneuen Studio-Album, das – auch für ihn selbst überraschend – auf ganz ungewöhnliche Weise zwei sehr unterschiedliche musikalische Seiten seiner schillernden Künstlerpersönlichkeit verschmilzt: den folky Geschichten-Erzähler und den ins Feedback verliebten Godfather Of Grunge.

Geplant war das wohl gar nicht, es ergab sich eher aus dem Zusammentreffen zweier ewig neugieriger kanadischer Kreativköpfe. Zunächst hatte Young schlicht eine weitere Scheibe im Fahrwasser seiner letzten Veröffentlichungen PRAIRIE WIND und FORK IN THE ROAD im Sinn. Womit er offenbar nicht gerechnet hatte, worauf er sich dann aber mit zunehmender Begeisterung einließ: Der Produzent Daniel Lanois gab dem ganzen Projekt einen kräftigen Stoß in eine neue Richtung. „Neil wollte eigentlich ein Akustikalbum machen“, sagt er. „Aber ich hatte einfach das Gefühl, dass in ihm noch etwas steckt, was bisher nie auf einem Album adäquat zum Ausdruck gebracht worden ist.

Und ich wollte die inneren Landschaften, die Neil in seinen Songs beschreibt, auch auf der klanglichen Ebene abbilden.“ Deshalb drückte Lanois nach seinen eigenen Worten „Neil eine Akustikgitarre in die Hand, als er zu uns ins Studio kam – und zwar eine Gitarre, an der ich lange gearbeitet hatte, um damit einen völlig neuen Sound zu kreieren. Das ist dieser vielschichtige Sound, den man jetzt auf Songs wie ›Love And War‹ und ›Peaceful Valley‹ hört.“

Dieser Daniel Lanois ist nicht irgendein Produzent, sondern einer der interessantesten und kreativsten Köpfe des nordamerikanischen Rock-Business – es lohnt sich, einen kurzen Seitenblick auf die Karriere des Frankokanadiers zu werfen: In einer engen Arbeitsgemeinschaft mit Brian Eno landete Lanois mit seinen Producerjobs für Hochkaräter wie Robbie Robertson, U2 und Peter Gabriel eine Reihe künstlerisch und kommerziell spektakulärer Erfolge. Mitte der achtziger Jahre war der Mann aus Quebec eine Zeit lang der gesuchteste Produzent der Welt. Als Produzent oder Co-Produzent wurde Daniel Lanois zwischen 1987 und 2001 immerhin mit fünf Grammies dekoriert.

Daneben hat er stetig eine eigene Karriere als Sänger, Songwriter und Albumkünstler verfolgt – durch seine hochbezahlte Produzententätigkeit finanziell unabhängig, konnte er sich bei seinen Soloalben auf eine anspruchsvolle und ziemlich einzigartige Mixtur aus Ambient-Musik und Americana konzentrieren. Ganz aktuell hat Lanois mit der Sängerin Trixie Whitley, dem Bassisten Daryl Johnson und dem Jazz-Schlagzeuger Brian Blade die Formation Black Dub gegründet, deren erstes Album am 29. Oktober erscheint.

Lanois’ Spezialität sind ungewöhnliche Soundtexturen und Atmosphären, die er ohne allzu viel Computertechnik, hauptsächlich auf altem Vintage-Equipment und mit ungewöhnlichen Aufnahmetricks erzeugt. Der verblüffende Effekt daraus ist, dass von Lanois produzierte Alben auf eine eigentümliche Weise oft gleichzeitig archaisch und hochmodern wirken, in die Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen gerichtet. 1989 gelang es ihm als Produzent von Bob Dylans OH MERCY, diese Ikone aller Songwriter aus einer mehr als ein Jahrzehnt währenden künstlerischen Identitätskrise zu erlösen. Zusammen mit den Kollegen Rick Rubin und T-Bone Burnett bildet Lanois ein Dreigestirn aus einfallsreichen und querköpfigen Produzenten, die in den USA immer dann erste Wahl sind, wenn es entweder darum geht, Alben mit Americana-Touch zeitgemäß und interessant klingen zu lassen, oder darum, angeschlagene Karrieren alter Helden der amerikanischen Popkultur wieder in Schwung zu bringen.

Letzteres war bei Young natürlich nicht nötig: Der Mann birst nach wie vor geradezu vor Aktivität, live und im Studio. So unterstützte er jüngst Elton John und Leon Russell bei ihrem von T-Bone Burnett betreuten gemeinsamen Album STATE OF UNION. Für sein alljährliches „Bridge School Benefit“ in Mountain View, Kalifornien (bei dem auch Lanois schon mal aufgetreten ist), hat er jetzt sogar seine erste richtige Band, Buffalo Springfield, wieder aktiviert.

In Daniel Lanois’ Haus im Stadtteil Silver Lake von L.A. gingen Young und der Produzent an die Arbeit, ganz ohne Band und vorwiegend in Vollmondnächten. Und was für ein Haus das ist: Eine ausgesprochen geräumige Villa aus dem frühen 20. Jahrhundert mit allerlei Anspielungen an den spanisch-maurischen Stil. Genau der Typus des schlossähnlichen „Mansion“, der in düsteren Hollywood-B-Movies der Dreißiger und Vierziger für mal dekadente, mal unheimliche Stimmung sorgte. Mit seinen weitgeschwungenen Treppen, hohen Stuckdecken und schweren Lüstern bildet es auch eine prächtige Kulisse für die Videos, die Daniel Lanois von den Sessions zu LE NOISE drehte.

Young hatte ihn darum gebeten, nachdem er die Clips gesehen hatte, die dieser von seinem Black Dub-Projekt gemacht und auf YouTube gestellt hatte. Lanois will die Filme von den LE NOISE-Sessions auch zu Video-Installationen für Youngs kommende Konzerte umarbeiten, zudem soll das Album auch als Deluxe-CD/DVD-Package erscheinen und dann acht der Schwarzweiß-Filme enthalten, die zeigen, wie Neil Young die Songs in Lanois’ Eigenheim performte. Somit ist LE NOISE nun nicht nur ein ungewöhnlich klingendes, sondern auch ein optisch ungewöhnlich ausführlich dokumentiertes Album geworden.

Daniel_Lanois_bearb2An einem Abend im August spielte Lanois das Album in seinem Wohnzimmer ein paar Freunden, Musikjournalisten, Bloggern und Stammgästen der L.A.-Musikszene vor. Ein ebenfalls anwesender Reporter der „Los Angeles Times“ fühlte sich als Teil eines „Gefangenenpublikums für Youngs subtil-subversive Methode, den Hörer dazu zu zwingen, das Album beim ersten Hördurchgang so zu erleben, wie er sich das vorstellt: auf einem erstklassigen Soundsystem, im Dunkeln, ohne Ablenkungen“. Diese Aufmerksamkeit ist es sicherlich wert: Young singt mir großer Leidenschaft und Hingabe, und erzeugt dazu auf der von Lanois präparierten Akustikklampfe sowie auf seiner weißen elektrischen Hollowbody-Gretsch-Gitarre ganze Schichten und Wellen von Klängen, die mal stärker, mal sanfter aufwogen. Lanois’ Aussage, diese Sounds stellten „die Zukunft der akustischen Gitarre“ dar, mag etwas arg vollmundig sein – aber ungewöhnlich, frisch und elektrisierend sind diese Arrangements auf jeden Fall.

Dabei muss klar gesagt werden, dass die Songs auch ohne Lanois’ spektakuläre Sound-Texturen gut für sich stehen können. Die wichtigsten von ihnen hatte Neil Young im Rahmen seiner Sommertournee an der Westküste bereits vor Publikum getestet (zu einem Zeitpunkt, als das neue Album noch TWISTED ROAD heißen sollte): darunter ›Peaceful Valley Boulevard‹ – eine Art amerikanischer Öko-Saga mit Indianern und Politikern als Gegenspielern, das die Zuhörer sofort packende ›Love And War‹, den Umweltsong ›Rumblin’‹ und ›Hitchhiker‹, eine Reise durch Youngs Drogenkarriere – die Urfassung dieses Stücks hat Young bereits in den Siebzigern verfasst, sie damals aber nicht für ein Album verwendet. Kurioserweise beschloss Young seine Shows gelegentlich mit dem Song, der das neue Album nun eröffnet: ›Walk With Me‹. Dass die Fans den auf LE NOISE eingeschlagenen Weg in neue Klangwelten gerne mit ihm gehen werden, davon darf Neil Young getrost ausgehen.

Santana – Q&A

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Santana 2010 2 @ Timothy SaccentiDie meisten Männer kompensieren ihre Midlife Crisis mit Sportwagen, Golfen und jungen Gespielinnen. Nicht so Carlos Santana: Der 63-jährige Althippie flirtet lieber mit den Mona Lisas der Rockgeschichte, macht in gehobener Gastronomie und fachsimpelt mit der Drummerin von Lenny Kravitz.

Auch mit Mitte 60 will es Carlos Santana noch einmal wissen. Er hat Ende September ein neues Album auf den Markt gebracht: GUITAR HEAVEN: THE GREATEST GUITAR CLASSICS OF ALL TIME. Damit meldet sich die Gitarristen-Ikone eindrucksvoll zurück – fünf Jahre nach dem letzten Album ALL THAT I AM. Nun stehen jedoch keine Eigenkompositionen auf dem Programm des Rockers, sondern Coverversionen. Das Konzept, neben seinem langjährigen Sparringspartner Clive Davis auch zahlreiche Musikerkollegen als Gäste ins Studio zu bitten, hat er jedoch beibehalten.

Carlos, GUITAR HEAVEN: THE GREATEST GUITAR CLASSICS OF ALL TIME klingt verdächtig nach „The Greatest Guitar Songs Of All Time“, einer Sonderausgabe des amerikanischen Rolling Stone.
Ich vermute, dass diese Auswahl an Songs, die nach Meinung des Rolling Stone von den besten Gitarristen der Welt eingespielt wurden, die Auswahl von Clive Davis beflügelt hat (lacht). Und du musst schon sehr selbstbewusst sein, um sie anzugehen. Denn viele Leute würden sagen: „Die rühre ich nicht an!“

Weil sie so etwas wie die „Mona Lisas der Rockmusik“ sind?
Genau! Das sind die größten musikalischen Kunstwerke unserer Zeit. Nur: Es geht hier nicht um einen sportlichen Vergleich, wer der Beste ist. Denn all diese Songs sind wie Ladies. Ich hoffe, dass ich sie auf ein spannendes Date einladen kann, damit sie auch in Zukunft mit mir ausgehen. Von daher dreht sich bei den Coverversionen alles darum, ob wir es schaffen, dass meine Brüder Jeff, Eric und Jimi über die Songs sagen: „Verdammt, die sind ja gut!“

Coversongs sind toll, aber eben anders als eigene Stücke. Hast du kein Verlangen, wieder selbst als Komponist in Erscheinung zu treten?
Nein, ich überlasse die Dinge Clive Davis. Es ist wichtig, andere zu schätzen, statt immer zu glauben, man müsse alles selbst machen.

Angeblich warst du auf diese Songs zunächst nicht wirklich scharf. Stimmt das?
Ja, ich habe gedacht: „Um Gottes Willen – wie kann man nur?“ Aber dann wurde mir klar, dass ›Black Magic Woman‹ von Peter Green ist, ›Oye Como Va‹ von Tito Puente, ›Gypsy Queen‹ von Gabor Szabo und ›She’s Not There‹ von den Zombies. Also: Wo liegt das Problem? Der einzige Unterschied ist, dass ich mich voll auf die Gitarre konzentriere. Deshalb kam ich auch auf die Idee, das Ganze GUITAR HEAVEN zu nennen.

Wie gehst du mit der Kritik um, das Ganze wäre SUPERNATURAL IV – und du würdest den Ansatz des Kollaborierens nun auch noch aufs Covern ausdehnen?
Es stimmt! Ich habe mit Michael Bloomfield, Jerry Garcia und Tito Puente angefangen. Neben mir existieren nun mal auch noch andere Menschen auf diesem Planeten. Also muss ich nicht ständig sagen: „Schaut mal, wie toll ich bin!“ Das tue ich nicht. Und ich höre auch nicht auf Kritiker. Zu denen sage ich: „Hier ist meine Gitarre! Wenn ihr es besser hinkriegt, dann los. Ansonsten: Haltet gefälligst die Klappe!“ (lacht)

Harte Worte für den selbsternannten „Missionar der Liebe“…
Schon, aber bei mir dreht sich alles darum, Frauen glücklich zu machen. Und dieser ganze Blues-Kram ist doch Jungs-Musik. Genau wie Heavy Metal. Die Doors waren ein bisschen anders, weil sie diese Orgel hatten und alleine deshalb mehr Frauen anlockten. Genau wie die Rolling Stones – da kamen die Damen wegen Mick Jagger. Aber selbst die Stones mussten sich irgendwann vom Blues verabschieden. Denn der besitzt eine männliche Energie. Wir haben diesen Sound daher mit Rhythmen, mit Timbales, Congas und afrikanischen Einflüssen durchbrochen und verändert. Deshalb sage ich: Die Melodie ist weiblich, der Rhythmus männlich. Und Frauen lieben das Männliche. Sie lieben es, angefeuert und umgarnt zu werden. Und bei uns fingen sie sofort an zu tanzen. Dabei musste ich lediglich wie ein Sänger im Sinne von Marvin Gaye oder Miles denken – nur eben als Gitarrist. Doch ganz ehrlich: Frauen sind wie das Wetter – du kannst nie vorhersagen, was passieren wird.

Trotzdem bist du frisch verliebt?
Hals über Kopf – in jemanden, der richtig spielen kann. Cindy Blackman zählt zu den besten Schlagzeugerinnen der Welt und könnte selbst mit Jazzern wie Herbie Hancock oder Wayne Shorter spielen. Die Tatsache, dass sie mit Lenny Kravitz gearbeitet hat, bedeutet nämlich nicht, dass sie in irgendeiner Form limitiert wäre. Doch er hat ihr Handschellen angelegt und sie in einen regelrechten Käfig gesperrt. Was die Frage aufwirft: „Warum holst du dir nicht einfach einen gottverdammten Drumcomputer?“ Denn Cindy ist eine Koryphäe.

Steigt sie fest in deine Band ein?
Sie hilft nur aus. Denn ich habe gelernt, Privates und Berufliches zu trennen. Es ist sehr gefährlich, wenn du bei einem Gig sagst: „Hey, was hast du da mit dem Beat gemacht?“ Kommst du dann nach Hause, hat sich die Frage nach Sex von selbst erledigt. Denn die Antwort lautet: „Du hast mich gerade vor allen Leuten zurechtgewiesen.“ So eine Verbindung kann auf Dauer nur in die Hose gehen.

Was hat dich dazu verleitet, ihr ausgerechnet auf der Bühne einen Heiratsantrag zu machen?
Es war spontan. Ich sah sie spielen, und sie hatte etwas, das mich begeisterte und faszinierte. Neben ihr würde ich gerne jeden Morgen aufwachen – bis ans Ende meiner Tage. Wir können stundenlang über Miles Davis, Tony Williams und Wayne Shorter reden. Und über Kinder, über Blumen. Insofern weiß ich, dass wir in Zukunft ein gemeinsames Album machen werden. Aber momentan genieße ich jeden Augenblick mit ihr. Denn Cindy ist ein Engel, den mir der Himmel geschickt hat, um mir wieder Halt, Stabilität und Selbstbewusstsein zu geben.

Außerdem hast du eine Restaurant-Kette unter dem Namen „Maria Maria“ eröffnet – eine Reaktion darauf, dass die mexikanische Küche immer mehr zu Fastfood verkommt?
Das spielt da auch mit rein. Wenn du in New York, San Francisco und Los Angeles bist, wirst du mit Taco Bell und diesem ganzen Mist konfrontiert. Aber wenn du nach Mexiko reist, und damit meine ich nicht Mexiko City oder Tijuana, dann herrscht da eine andere Art von Küche – eine, die auf Hingabe basiert. Die mehr Aufmerksamkeit und Leidenschaft erfährt und Gerichte wie Mole und solche Sachen umfasst. Genau das bekommst du bei uns – richtig gutes Essen.

Was ist deine kulinarische Spezialität?
Enten-Tacos! Heilige Mutter Gottes – die sind ein Traum. Dazu gibt es Guacamole und Krabben. Das ist einfach genial!

Eric Clapton – Slowhand & der Milchmann

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Eric Clapton 2010 (2)Mit seinem 19. Studioalbum überrascht Eric Clapton sich selbst genauso wie seine Fans.

Es ist gar nicht so leicht, Eric Clapton zu sein“, hat Steve Ferrone, seit einigen Jahren Inhaber des DrumJobs bei Tom Petty’s Heartbreakers, aber von 1987 bis 1994 Trommler in Slowhands Band, kürzlich in einem Interview gesagt: „Vor allem auf Tour hat er einen riesigen Druck – er muss jeden Abend da rausgehen und dieser Legende vom Gitarrengott gerecht werden. Er muss diese ganzen Soli spielen und die Leute damit umhauen, sonst sind sie nachher enttäuscht. Ein echt tougher Job.“

Die hohe Erwartungshaltung des verehrten Konzertpublikums sind allerdings nicht das einzige Problem, das der britische Superstar mit seiner riesigen, inzwischen locker drei Generationen umfassenden Anhängerschaft hat: Weil sie sich über einen Zeitraum von inzwischen mehr als 40 Jahren und durch verschiedene Wellen und Anlässe angesammelt hat, ist sie ziemlich heterogen zusammengesetzt: Da sind die eingefleischten Blues-Afficionados, die „Slowhands“ Weg zum Teil schon seit seiner Zeit bei den Yardbirds und John Mayalls Bluesbreakers Mitte der sechziger Jahre mitverfolgen und am liebsten nur Alben wie das aus Bluescovers zusammengestellte FROM THE CRADLE von 1994 oder sein gemeinsames Werk mit B.B. King RIDING WITH THE KING von ihm bekommen. Da sind aber auch jene, die vor allem den Übergitarristen aus der Zeit im virtuosen Powertrio Cream in ihm sehen und auf Hochleistungsrock von ihm warten. In den siebziger Jahren wuchsen ihm viele Fans mit einer Neigung zu Country-esken oder Laidback-Klängen im Fahrwasser von J.J. Cale zu, nach Live Aid in den Achtzigern schließlich eine ganze Generation von CD-kaufenden Freunden poppigen Mainstreamrocks (Freund und Kollege Pete Townshend nennt sie mit mildem, nicht ganz neidfreiem Spott „Eric’s Yuppies“). Und da wären dann noch jene abertausende, oft weibliche, Liebhaber romantischer Balladen, die durch Welthits wie ›Wonderful Tonight‹ oder ›Tears In Heaven‹ in Claptons Netz gingen. In Konzerten erkennt man sie gelegentlich daran, dass sie bei den ersten Tönen härter Fassungen von ›Crossroads‹, ›Cocaine‹ oder ›Sunshine Of Your Love‹ verschreckt zusammenzucken.

Weil Eric Patrick Clapton aber (trotz gelegentlich etwas bitterer Äußerungen über die Entwicklung des Musik-Business) alles andere als ein Zyniker ist, steht er vor jedem neuen Album wieder vor der Herausforderung, wie er all diesen unterschiedlichen Fan-Fraktionen und dann auch noch den eigenen künstlerischen Interessen gerecht werden soll.

Klar, ein Luxusproblem, das 99 Prozent aller Berufsmusiker liebend gerne hätten, aber dennoch kaum lösbar. Auch CLAPTON, sein 19. Studioalbum (Soundtrack-Arbeiten nicht eingerechnet), wird das nicht schaffen – seinem Erzeuger ist das durchaus bewusst: „Immer, wenn es daran geht, ein Album aufzunehmen, stehe ich entweder unter dem Druck, etwas Großes ausdrücken zu wollen oder gar nichts“­, sagt Clapton, der diesen Druck auch dadurch selbst noch für sich erhöht: „Ich glaube schon, dass ich noch ein ganz großes Album in mir habe. Nur wann und wie das zustande kommt, weiß ich nicht.“

CLAPTON, das zwischen Tourneen von Claptons regulärer Band in Europa und USA, gemeinsamen Konzerten mit Jeff Beck in Japan und der Europa-Tour mit Steve Winwood in Studios in Los Angeles und New Orleans aufgenommen wurde, ist nicht dieses Opus Magnum, aber ein schönes Werk mit ganz speziellem Charme. Den verdankt es auch einem Produzentenwechsel: Simon Climie, einst eine Hälfte des englischen Popduos Clime Fisher (›Love Changes Everything‹), der alle Clapton-Alben seit dem elektronisch angehauchten PILGRIM von 1998 als Produzent oder Co-Producer betreute, war bei vielen Clapton-Fans zunehmend in Ungnade gefallen, weil sie seinen Sound als zu glatt, mitunter steril empfanden (speziell für Claptons 2004er-Bluesalbum ME AND MR. JOHNSON ist dieses Urteil schwer von der Hand zu weisen). Er ist nicht mehr dabei, stattdessen teilte sich Clapton diesmal mit seinem langjährigen Tourgitarristen Doyle Bramhall II die Producercredits.

Der 42-jährige Texaner Bramhall, der u.a. mit Charlie Sexton eine Band namens The Arc Angels unterhält und zuletzt auch Sheryl Crows aktuelles Album 100 MILES TO MEMPHIS betreute, hat dem Album einen wesentlich organischeren, dabei aber technisch erstklassigen Sound verpasst. Verblüffender allerdings ist, was sich, vor allem bei den Sessions in New Orleans, musikalisch getan hat: Da zeigt Clapton zum ersten Mal in seiner langen Laufbahn eine Neigung zum traditionellen Jazz der New-Orleans-Prägung – vor allem mit zwei Songs aus dem Repertoire des legendären Pianisten Fats Waller (1904-1943): ›When Somebody Thinks You’re Wonderful‹ und vor allem das für Clapton ungewöhnlich fröhliche ›My Very Good Friend The Milkman‹ überraschen mit swingenden Second-Line-Rhythmen und munterem Jazzgebläse. Clapton begrüsst hier prominente Gäste wie Amerikas Supertrompeter Wynton Marsalis, den kommenden Jazzstar Troy Andrews aka Trombone Shorty an der Posaune, und den Pianisten und Produzenten Allen Toussaint, eine Art grauer Eminenz der New-Orleans-Szene. Wie gerade die eher auf härtere Rockklänge und Gitarrensoli fixierte Fraktion unter Claptons Fans auf diese Titel reagieren wird, ist schwer zu prognostizieren. Ähnlich verhält es sich mit den gefühlvollen Uralt-Jazzballaden ›How Deep Is The Ocean‹ und ›Autumn Leaves‹.

„Dieses Album war eigentlich so nicht beabsichtigt“, gibt Clapton zu. „Ich habe die Dinge einfach laufen lassen. Herausgekommen ist eine Sammlung von Songs, die nicht wirklich auf der Hand lagen. Für mich kamen sie überraschend und genauso wird es für die Fans sein.“ Ein Jazzalbum ist CLAPTON (der Titel wird sicherlich noch für Verwechslungen mit seinem 1970er-Debüt ERIC CLAPTON sorgen) natürlich dennoch nicht geworden. Da gibt es mehrere Titel von und mit J.J. Cale, die stilistisch ganz an das gemeinsame 2006er-Album THE ROAD TO ESCONDIDO anschließen. Und mit dem Opener ›Travelin’ Alone‹ und der Clapton/Bramhall-Komposition ›Run Back To Your Side‹ durchaus auch heftiger zupackende Bluesrock-Nummern. Balladenfreunde können sich an der ersten Single ›Diamonds Made From Rain‹ weiden, bei der Eric Claptons alte Freundin Sheryl Crow gastiert.

Viele Stücke des Albums sind bereits mehrere Jahrzehnte alt. Kein Novum bei Clapton, aber diesmal überwiegt ihr Anteil das neuere Material: „Ich liebe die Musik von älteren Künstlern“, sagt Clapton. „Wenn ich Musik höre, gehe ich in der Zeit zurück. Die meisten Leute versuchen herauszufinden, wie sie auf die Überholspur kommen. Ich gehe den umgekehrten Weg, ich möchte herausfinden, ob ich diese Musik von damals hinbekomme.“ ›That’s No Way To Get Along‹, in den zwanziger Jahren von Robert Wilkins geschrieben, ist einer dieser archaischen Songs – wer hört, wie Eric und Band hier zu Jim Keltners knochentrockenem Drumming abrocken, wird kaum Zweifel haben, dass der Mann, den sie „Gott“ nannten, es mal wieder „hinbekommen“ hat.

Bon Jovi – Vegas-Verweigerer

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Bon Jovi Bild 2010 @ Kevin Westenberg (1)Wer zwölf Abende in der Londoner O2-Arena spielt, seine zweiten GREATEST HITS veröffentlicht und seit 27 Jahren im Geschäft ist, muss sich fragen lassen, wann er als Casino-Band in der Wüste von Nevada endet. Worauf Jon Bon, wortgewaltiger Chef der Jersey-Rocker, nur eine Antwort hat: niemals!

New York City, September 2010. Die Stadt am Hudson wird von der alljährlichen Fashion Week heimgesucht. Was bedeutet: volle Flieger, überteuerte Hotels und ganze Heerscharen an Models, Stars und Sternchen. Mitten in dieses Szenario platzt dann auch noch Jon Bon Jovi mit einem internationalen Pressetag in der Penthouse-Suite des Soho Grand Hotels (Kostenpunkt: 5.050 US-Dollar), zu dem Journalisten aus aller Welt anreisen, um im 20-Minuten-Takt mit den weißesten Zähnen der Rockmusik zu sprechen. Natürlich auf der Dachterrasse, wo der Selfmade-Millionär und vierfache Familienvater mit Sonnenbrille, Cowboystiefeln und Lederweste residiert, wässerigen amerikanischen Kaffee schlürft und über das spricht, was eigentlich keiner Erklärung bedarf: die zweite GREATEST HITS-Kopplung der Bandgeschichte. Diese enthält 24 Hits der Jahre 1986 bis 2009 sowie vier neue Stücken, die auf Titel wie ›What You Do You Got?‹, ›This Is Love, This Is Life‹, ›The More Things Change‹ und ›No Apologies‹ hören – und dem typischen Bon Jovi-Song seit der Jahrtausendwende entsprechen: hymnischer Stadion-Rock mit hohem Airplay-Appeal, politisch ambitionierten Texten, aber auch nicht wirklich vielen Ecken und Kanten. Mainstream pur, wovon sich Jon – so Kollege Richie Sambora – „fast täglich einen aus der Nase oder einer anderen Körperöffnung zieht“.

Was der Chef, der Jon Bon nun einmal ist, natürlich ganz anders sieht: „In der letzten Dekade sind wir unglaublich kreativ gewesen. Und mit Ende 40 bzw. Anfang 50 haben wir natürlich einen ganz anderen Anspruch und Sound als früher – aber auch ein völlig anderes Publikum. Es sind nicht mehr die Metal-Kids in der Kutte, die zu unseren Konzerten kommen, um Bier zu trinken, Frauen abzuschleppen und die Sau rauszulassen. Wir machen Musik für die ganze Familie. Und dabei geht es auch nicht mehr darum, rebellisch, wild und wer-weiß-wie cool zu sein, sondern wir wollen etwas Zeitloses schaffen – etwas mit Massentauglichkeit, aber auch Klasse. Wie diese vier neuen Stücke, die ich für sehr, sehr stark halte – und die uns zudem nicht besonders schwer gefallen sind. Wir wissen mittlerweile einfach, was wir am besten können. Und wir versuchen auch nicht, unsere Fans auf die Probe zu stellen. Das haben wir nicht nötig. Wir haben unseren Weg gefunden, und dabei bleiben wir.“

Weshalb das Frühwerk um BON JOVI und 7800° FAHRENHEIT auch keine Berücksichtigung auf den aktuellen GREATEST HITS findet. Denn Stücke wie ›Runaway‹ – so der 48-Jährige grinsend – gehörten schließlich längst ins Altenheim, während ›Livin’ On A Prayer‹ nur deshalb am Start sei, weil es eben nicht ohne gehe. „Das ist die Nummer, die überall laufen wird, wenn wir bei einem Flugzeugabsturz umkommen – so etwas wie unsere Nationalhymne.“ Die Jon Bon und seine Getreuen auch auf der laufenden THE CIRCLE-Tour präsentieren, die mit 51 ausverkauften US-Gigs zu den erfolgreichsten des Jahres zählt – und zu den ambitioniertesten sowieso.

Denn die Band wandelt inzwischen ganz klar auf den Spuren von Springsteen und seiner E-Street-Band: dreistündige Shows mit nicht weniger als 72 Songs, die jeden Abend variieren, dazu Jam-Sessions mit Vorgruppen wie Kid Rock und auch schon mal ganze Studio-Epen in kompletter Länge. „Wir haben momentan wahnsinnig viel Spaß am Live-Spielen und bekommen zum ersten Mal in unserer Karriere durchweg positive Kritiken. Außerdem ist es heute nicht mehr ganz so schlimm, um die Welt zu reisen: Wir fliegen im Privatjet, übernachten in guten Hotels, ernähren uns gesünder und bekommen genug Schlaf. Insofern freue ich mich auf die Termine im nächsten Sommer, wenn wir nach Deutschland kommen und hoffentlich eine richtig gute Performance hinlegen werden.“

Und das, daran lässt er keine Zweifel, will er auch noch ein paar Jahre und ein paar Alben lang durchziehen. Einfach, weil er seine übrigen Aktivitäten inzwischen deutlich eingeschränkt hat. Etwa die Schauspielerei, die an „hundsmiserablen Skripten“ und „beschämenden Auditions“ scheitert, der Gang in die Politik, aus dem nichts wird aufgrund der resignierenden Erkenntnis, dass „sich in diesem Land eh nichts ändern lässt“. Ebenso wenig wie aus dem Nebenjob als Sportmäzen, wo er mit „The Philadelphia Soul“ zwar die Amateur-Meisterschaft in US-Football gewonnen hat, dabei „aber eine schöne Stange Geld und viele Nerven verloren hat“. All das, so sagt er, sei Schnee von gestern. Er möchte sich ganz auf sein mexikanisches Restaurant in den East-Hamptons („The Blue Parrot“) und eben die Musik konzentrieren. Weshalb ein langwieriges Engagement in Las Vegas, über das die britische Boulevard-Presse spekuliert, vorerst nicht in Frage kommt: „Das ist nur ein Gerücht. Denn ich sehe mich nicht in der Wüste, und ich habe unserem Management und unseren Label-Leuten immer gesagt: Der Tag, an dem das passiert, ist unser letzter, weil es da nur ums Geld geht. Ich hasse Vegas. Selbst wenn Richie davon schwärmt. Ich glaube, das liegt daran, dass Cher dort auftritt – auf die steht er immer noch“, lacht er.

Und weil er gerade so locker und entspannt ist, scheint die Gelegenheit günstig, ihn mit den Spätfolgen seines eigenen Rock’n’ Roll-Lifestyles zu konfrontieren: Ein Buch namens SEX, DRUGS AND BON JOVI, in dem Ex-Tourmanager Rich Bozzett die exzessiven Höhepunkte der 7800° FAHRENHEIT-Tour beschreibt – inklusive eines Fotos, das Jon Bon mit vier Groupies zeigt. „Das war gestellt“, wehrt der ab. „Und zwar für eine Playboy-Fotosession, die nie erschienen ist. Rich hat die Negative 25 Jahre aufgehoben, weil er dachte, er könne damit irgendwann seine Rente aufbessern. Was er nicht bedacht hat: Diese Bilder sind heute allenfalls amüsant, aber nicht skandalös. Selbst mein Sohn Jesse, der 15 ist, meinte nur: ,Das ist doch cool!‘ Und darauf ich: ,Ja, ich war mal in einer Rock’n’Roll-Band.‘“ Ein Anfall von Selbst­ironie, mit dem die Audienz denn auch beendet ist.

Spock’s Beard – Puzzle-Arbeit

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file1918Während die Progrocker auf den ersten drei Alben ohne Neal Morse sich vor allem emanzipieren und neue Wege beschreiten wollen, besinnen sie sich mit dem Album X zurück auf ihre Anfangstage.

Es scheint, als hätten sie sich die Kritik schlussendlich doch zu Herzen genommen. Nachdem die letzten Spock’s Beard-Alben, insbesondere FEEL EUPHORIA und auch OCTANE, von den Fans alles andere als mit Jubelstürmen empfangen worden sind, wollen es die Progrock-Giganten nun wieder wissen und haben mit X eine Platte vorgelegt, die durchaus mit Klassikern wie THE LIGHT mithalten kann, da sie weniger auf US-Rock, sondern wieder verstärkt auf Prog-Elemente setzt. Verspielte, lange Stücke mit herrlich spannenden Arrangements laden den Hörer auf eine intensive Klangreise ein – insbesondere ›From The Darkness‹ und ›Jaws Of Heaven‹ sind Paradebeispiele dafür, warum Spock’s Beard auch heute noch genauso viel Ankennung verdient haben wie während der Neal Morse-Ära.

Das Lob für die aktuelle Scheibe freut die Band, andererseits ärgern sich die Musiker auch ein wenig darüber, dass ihren Kompositionen in den vergangenen Jahren nicht so viel Respekt entgegengebracht wurde, wie die Songs ihrer Meinung nach verdienen. „Ich weiß auch nicht, woran das genau liegt“, so Basser Dave Meros, „denn obwohl Neal Spock’s Beard gegründet hat, es ist doch nicht so, dass die Band nur aus einer Person bestanden hat. Doch anscheinend verbinden die Fans mit dem Namen vorwiegend Songs aus dieser Phase – somit war alles, das danach kam, für sie wohl schon ein Stilbruch. Auch wenn ich gar keinen so großen Unterschied zu früher sehe.“

Zumal X keinem bestimmten Schema folgt: Neben den beiden Herzstücken des Albums gibt es auch ein abgedrehtes Instrumental namens ›Kamikaze‹, das einen starken Kontrast zu relativ eingängigen Hymnen wie dem Opener ›Edge Of The In-Between‹ steht. Kurz: Spock’s Beard schränken sich nicht ein, alles ist erlaubt, so lange jedes Band-Mitglied seinen Segen dazu gibt. Und Streitigkeiten innerhalb der Gruppe gibt es ohnehin kaum – die Musiker wohnen inzwischen weit voneinander entfernt, Keyboarder Ryo Okumoto ist in Japan ansässig, während Nick D’ Virgilio in Kanada lebt. Allein schon aufgrund der Zeitverschiebung dürfte ein persönliches Gespräch zwischen allen Beteiligten ein Ding der Unmöglichkeit sein. Komponieren ist dagegen weniger problematisch, wie Menos erläutert: „Jeder arbeitet allein zu Hause, nimmt seine Ideen auf und schickt die Datei an die anderen weiter. Daraus entwickeln sich dann nach und nach die Stücke. Klingt kompliziert, funktioniert bei uns aber erstaunlich gut.“

Dennoch: Der persönliche Kontakt zu den Kollegen fehlt dem Bassisten. Und so freut er sich, dass es nun endlich wieder auf die Bühne geht. „Das ist wirklich bitter nötig. Denn so viel Spaß es auch macht, neue Tracks zu komponieren und gemeinsam an Song-Strukturen zu werkeln – das Live-Spielen gibt mir persönlich sogar noch mehr.“