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The Beatles – Die Unsterblichen

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The Beatles (3)Vor 50 Jahren debütierten sie in Hamburg, vor 40 Jahren lösten sie sich auf. Lange her.
Dennoch: The Beatles sind die wichtigste und erfolgreichste Band der Rockgeschichte. Und zwar heute noch.

Mit Superlativen ist das ja immer so eine Sache. Man kann verzweifeltes Marketing dahinter vermuten, unreflektierte Fan-Begeisterung oder einen Hang zur Großsprecherei. Warum sollte eine Band, die vor 40 Jahren den Weg alles Irdischen ging, noch heute relevant sein? Weil mit dieser Band alles begann, und zwar wirklich alles. Sogar das Phänomen „Rockband“ selbst.

Als die Beatles auftauchten, dominierten noch die Solisten. Elvis Presley und seine namenlose Begleitband oder Martha & The Vandellas waren der Normalfall: Sänger oder Sängerin standen im Rampenlicht, der Rest des Ensembles war nur begleitende Maßnahme und oft genug ziemlich austauschbar. The Beatles waren anders: Vier in der Öffentlichkeit als gleichberechtigt wahrgenommene Künstler, die eben nicht Moondog Lennon & The Liverpool Three hießen, und die zudem das Basis-Instrumentarium für kommende Rock-Generationen definierten: kein Kontrabass mehr wie bei Elvis, kein Saxofon mehr, das Anfang der Sechziger sehr wohl noch zum Rock-Equipment zählte. Stattdessen: zwei Gitarren, ein Bass, alles elektrisch, und natürlich ein Schlagzeug.

Was noch schwerer wiegt: The Beatles brachten weltweit Hunderttausende Jugendliche dazu, die Gitarrenläden zu stürmen, ein paar Akkorde zu lernen und selbst eine Band zu gründen. Die mochte dann Jahre später Glampop spielen, Metal, Bluesrock oder Prog, doch der Funke war von den Beatles ausgegangen. Die ja auch ihrerseits nie stehen geblieben waren: Vom R&B-infizierten Merseybeat ging die Reise über den Britpop zur Psychedelic und zum progressiv eingefärbten Kunstrock. Wer ›Love Me Do‹ mit ›I Am The Walrus‹ vergleicht, ›Help‹ mit ›Helter Skelter‹, der kann sich nur wundern, wie in so wenigen Jahren derart viel passieren konnte.

Nehmen wir Platz in der Zeitmaschine, die Zielkoordinaten lauten 1965. Die Beatlemania ist auf dem Höhepunkt, und gerade hat Englands Queen den Fab Four einen Orden in die Hand gedrückt. Und wie steht’s mit der Kunst? Singles, bislang das Maß aller Pop-Dinge, verlieren langsam aber sicher an Bedeutung. Dafür wird ein Stück schwarzes PVC mit 30 Zentimeter Durchmesser immer wichtiger, abspielbar mit einem Mikro-Saphir und 33 1/3 Umdrehungen: Während die Popmusik die Welt erobert, erobert die Langspielplatte die Popmusik. Die Speerspitze der Bewegung sind natürlich die Beatles.

Folgender Text ist ein Auszug des im Herbst beim Musikmarkt Verlag erscheinenden Buches „She Loves You: Die Popkultur der sechziger Jahre – Beatles, Stones und der ganze Rest“ von CLASSIC ROCK-Autor Uwe Schleifenbaum.

Entweder erkannten Popmusiker diese Möglichkeit anfangs noch nicht, oder man ließ ihnen seitens der Plattenfirmen gar keine andere Wahl. Fakt ist jedenfalls, dass die typische Pop-LP der frühen sechziger Jahre einem klar definierten Muster folgte: Ein oder zwei Single-Hits samt B-Seiten, dazu ein paar Stücke als Füllmaterial. Die LP wurde offenbar lediglich als weiteres Marketing-Instrument verstanden, künstlerische Stringenz, das Album als Gesamtkunstwerk spielten überhaupt keine Rolle. Dass sich dies in wenigen Jahren ändern sollte, lag eindeutig an den Beatles, an ihrer Kreativität ebenso wie an ihrer alles beherrschenden Marktmacht.

Ohne die Beatles wäre die EMI nur eine Plattenfirma von vielen gewesen, mit ihnen war sie plötzlich eine veritable Gelddruckerei. Das wusste EMI-Chef Sir Joseph Lockwood, das wussten auch die Beatles. Es wussten die vielen Plattenmanager, die nach den „neuen Beatles“ fahndeten, und auch die jungen Musiker, die diese Rolle gerne übernommen hätten. So mancher Band, die vor zwei, drei Jahren noch nicht einmal am Studiopförtner vorbei gekommen wäre, gewährte man jetzt nicht nur Einlass, man ließ sie sogar eine teure Langspielplatte aufnehmen – auch wenn zwei, höchstens drei Tage Produktionszeit reichen mussten. Die aufgrund unglaublicher Verkaufserfolge immer selbstbewusster auftretenden Beatles waren da schon einen Schritt weiter in der Hierarchie. Man spendierte ihnen Studiozeit, stellte die modernste Technik zur Verfügung und wartete gespannt den nächsten Geniestreich ab. Die Beatles genossen in den Studios der EMI nahezu Narrenfreiheit, die sie dann auch nach Lust und Laune auskosteten: War ihr Debütalbum PLEASE PLEASE ME noch größtenteils während einer einzigen Zwölfstunden-Session entstanden, ließ man sich für RUBBER SOUL zwei Jahre später schon deutlich mehr Zeit: Die Aufnahmen zogen sich vom 12. Oktober bis zum 11. November 1965 hin. Das Ergebnis setzte sich vom tradierten „Two Killers, Ten Fillers“ dann auch deutlich ab. Obwohl dem Album kein roter Faden, kein offenkundiges Konzept zugrunde lag, wirkte es dennoch stringent und in sich geschlossen – von Ringos lakonischem Country-Ausflug ›What Goes On‹ einmal abgesehen. ➻

Großartige Songs hatten die Beatles schon vorher geschrieben, und aus diesen Songs hatten sie wunderbare Alben wie A HARD DAY’S NIGHT und HELP! zusammengestellt: unverschämt eingängiger Pop, eher harmlose Texte, kaum Experimente. Später sollte sich dann einbürgern, diesen Zeitraum als ihre „naive Phase“ zu bezeichnen, doch naiv waren die Beatles ganz gewiss nicht. John Lennon, zu Übertreibungen stets fähig und damals noch dazu massiv unter dem Beatles-Trauma leidend, äußerte sich im Nachhinein reichlich negativ über diese Ära: Man habe die Songs quasi zwischen Zwölf und Mittag geschrieben und betextet, in der sicheren Annahme, dass es Erfolge werden würden, denn man war ja die Beatles. Wenn es so war, dann kann man nur den Hut ziehen, denn den meisten Stücken merkt man die hastige, angeblich unreflektierte Massenproduktion bis heute nicht an. RUBBER SOUL, die europäische Variante wohlgemerkt, nicht die amerikanische, die nach Gutdünken von EMIs US-Ableger Capitol Records zusammengestellt worden war, markierte dann den Wendepunkt, die endgültige Abkehr von den Gepflogenheiten der frühen sechziger Jahre. Das Werk war keine fix zusammengeschusterte Song-Sammlung mehr, sondern als homogenes Statement größer als seine Bestandteile: die eigentliche Geburt des Pop-Albums.

Was modisch ist, kann unmodern werden, Klassiker hingegen altern würdevoll. Wobei im Dezember 1965, als RUBBER SOUL erschien, wohl kaum jemand die Chuzpe aufgebracht hätte, der Langspielplatte einer Popgruppe allzu große Langlebigkeit zu unterstellen. Denn natürlich konnte niemand ahnen, dass diese Musik formal wie inhaltlich auch 30 oder 40 Jahre später noch Bestand haben würde. Gerade die Beatles galten damals als Pop-Könige auf Abruf, als Interimsregenten, unter Druck gesetzt von allerlei Bands, die ihnen wohl eher früher als später Macht und Einfluss rauben würden. Kaum eine Woche, in der ein englisches Musikmagazin nicht „die neuen Beatles“ ausgerufen hätte, auch das medial inszenierte Duell „Beatles gegen Rolling Stones“ erwies sich als publizistischer Dauerbrenner. Die Erfolge anderer Künstler wurden gerne zu Misserfolgen der Beatles umgedeutet, wenn wer auch immer mit seiner jüngsten Single Platz eins der Charts erreichte, ließ die Titelzeile „Sind die Beatles jetzt am Ende?“ garantiert nicht lange auf sich warten. Pop hatte schnelllebig zu sein, Popmusiker hatten zu kommen und zu gehen wie diverse Kragenformen, Absatzhöhen und Rocklängen. Zum Running-Gag der Beatles-Pressekonferenzen hatte sich dann auch die immer wiederkehrende Frage des amerikanischen Radioreporters Fred Paul gemausert: „What are you going to do when the bubble bursts?“ („Was werdet ihr tun, wenn die Blase platzt?“) Anfangs hatten die Beatles darauf noch mit Schlagfertigkeiten der Marke „das Geld zählen“ reagiert; um 1966 stellten sie sich die Frage dann schon selbst, sobald sie im Heer der akkreditierten Journalisten Fred Paul entdeckten.

Natürlich war auch RUBBER SOUL nicht ganz frei von modischen Elementen, das optisch gedehnte Coverfoto etwa konnten Insider als Reverenz an das verzerrte Gesichtsfeld unter LSD-Einfluss verstehen, bei ›Think For Yourself‹ wurde der Bass über eine damals brandneue Fuzzbox gedoppelt, und ›Girl‹ zitierte im instrumentalen Mittelteil die 1965 grassierende Sirtaki-Welle – der Film „Alexis Sorbas“ mit einem tanzenden Anthony Quinn war immerhin einer der Bestseller der Saison. Retrospektiv könnte man auch George Harrisons Sitar in ›Norwegian Wood‹ in dieser Rubrik abheften, womit man ihm jedoch Unrecht täte: Harrison hatte nicht auf eine bestehende Zeitgeistströmung reagiert, er hatte sie vielmehr mit in Gang gesetzt. Die Begeisterung der westlichen Jugend für die Kultur und Spiritualität des indischen Subkontinents war erst ab 1967 richtig en vogue, als Kaftane, Glöckchen, Räucherwerk und transzendentale Meditation eine bessere Welt versprachen – und manch weißgewandeter Guru die Preislisten von Rolls Royce und Mercedes-Benz genauer zu studieren begann. 1965 war der Gebrauch einer Sitar in der Popmusik zweifellos eine – wenn auch wenig nachhaltige – Innovation.

The Beatles 1968 (Uwes Fav)Langfristig bedeutsamer waren gewiss die Texte: Tradierte Junge-trifft-Mädchen-Klischees, all die gereimten Liebesschwüre, Trennungstraumata und Eifersuchtsdramen, die in der Popmusik von jeher bestimmend gewesen waren, wichen auf RUBBER SOUL einer intelligenteren, auch introspektiveren Ausarbeitung. Das Thema Liebe spielte noch immer eine Rolle, naive „I-love-you-blue-true“-Reime hatten jedoch ausgedient. ›The Word‹ etwa hob die Liebe vom persönlichen auf ein universelles Niveau, John Lennon hatte die Nächstenliebe im Sinn, formulierte und predigte das Glaubensbekenntnis der sich gerade erst formierenden Hippie-Bewegung. ›Norwegian Wood‹ war die reichlich sarkastische Beschreibung eines One-Night-Stands, dessen frustrierender Nichtvollzug den Ich-Erzähler letztlich zur Brandstiftung animiert, während das Lamento ›Girl‹ von der ausweglosen Hassliebe zu einer ausgesprochenen Zicke kündete. All das hätte natürlich abstrakt sein können, ohne echten Bezug zur Erfahrungswelt des Texters. Dass es Überspitzungen tatsächlicher Erlebnisse waren, schien allerdings möglich – und bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich wahrscheinlich. Später gab Lennon dann auch zu Protokoll, dass ›Norwegian Wood‹ auf einer konkreten Affäre basierte, auch wenn die Feuerwehr natürlich nicht ausrücken musste. Noch deutlicher offenbarte sich Lennon bei ›In My Life‹, einer fast schon philosophisch anmutenden Betrachtung der Vergänglichkeit. Der neue Hang zum Tiefsinn, zur Reflexion, war einerseits gewiss Lennons persönlicher Entwicklung geschuldet: Der Mann hatte in den vergangenen drei Jahren schließlich mehr erlebt, als manchem Normalbürger Zeit seines irdischen Daseins vergönnt ist.

Hatte RUBBER SOUL auf der textlichen Ebene das Ende der „naiven Phase“ markiert, manifestierte das nachfolgende Album REVOLVER diesen Reifeprozess auch in musikalischer und produktionstechnischer Hinsicht. Erneut ist es der von Ringo Starr gesungene Titel, der komplett aus dem Rahmen fällt: Dass ›Yellow Submarine‹ mehr Kinderlied als wirklich ernst zu nehmender Rocksong ist, kann man verschmerzen, und das hörspielartige Intermezzo mit all seinen U-Boot-Geräuschen geht immerhin als originell durch. Songs für Ringo hatten eben gewisse Kriterien zu erfüllen. Ein großer tonaler Umfang und eine komplexe Melodie gehörten eher nicht dazu. Doch selbst dann, wenn der gesanglich limitierte Schlagzeuger den Fahrplan der Liverpooler Verkehrsbetriebe gebrummt hätte, wäre REVOLVER dank der übrigen 13 Stücke dennoch als großer Wurf in die Popgeschichte eingegangen.

Die so leidenschaftlich wie regelmäßig geführte Diskussion, welches denn das beste aller Beatles-Alben sei, ist allerdings müßig, denn die Fab Four des Jahres 1964 mit denen von 1966 oder 1968 zu vergleichen, führt am Ziel vorbei. Zu viel hatte sich in jenen Jahren verändert, und wirklich Schlechtes haben die Beatles ohnehin nie abgeliefert. Wer Merseybeat bevorzugt, wird WITH THE BEATLES lieben, wer deutlich moderneren, intelligent verwobenen Rock liebt, wird ABBEY ROAD bevorzugen. Die Resonanz auf das Werk der Beatles ist traditionell auch dem gerade herrschenden Zeitgeist unterworfen: In den siebziger Jahren etwa, als im progressiven Kunstrock stilistische Vielschichtigkeit als große Tugend und das Doppelalbum als bevorzugtes Format galten, wurde gemeinhin das „Weiße Album“ favorisiert. 1987, zum 20. Geburtstag von SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND, rühmte man dessen Stringenz und erhob es zum Meisterwerk schlechthin. Heute, nach dem Revival des Britpop, tendieren die Kritiker wiederum eher zu REVOLVER. Eine Sonderstellung nehmen gewiss die Alben der Jahre 1965 bis 1967 ein, eines Zeitraumes, in dem allerlei positive Faktoren dafür sorgten, dass die Beatles ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten. Zuvor hatten die exzessiven Tourneen Studioarbeit zur anstrengenden Pflichtübung werden lassen, danach schwand der Gruppenzusammenhalt zusehends, es herrschte häufig dicke Luft. Der stets um Ausgleich bemühte Manager Brian Epstein war 1967 an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben; der Aufgabe, Kunst, Geschäft und die Interessen von vier Individuen auf einen Nenner zu bringen, waren die Beatles letztlich dann wohl doch nicht gewachsen.

Erstaunlich, wie linear und logisch die Abfolge der Beatles-Alben jener Jahre wirkt: RUBBER SOUL von 1965 ist trotz aller Qualitäten ein formal eher konventionelles Album, SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND aus dem Jahre 1967 ist Experiment, opulent und extravagant. REVOLVER, erschienen im August 1966, thront nicht nur chronologisch, sondern auch künstlerisch genau in der Mitte: kein psychedelischer Bilderbogen wie SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND, aber deutlich mehr als ein ambitioniertes Popalbum à la RUBBER SOUL. Die Texte hatten an Schärfe, an Konzentration mitunter zugelegt, doch vor allem klanglich taten sich neue Welten auf. George Harrison steuerte drei Songs zum Album bei, einer davon, nämlich ›Taxman‹, gehört zum Besten, was je aus seiner Feder floss: ein kraftvoller Rocksong mit sarkastischem Text, genialer Basslinie und großartigem Gitarrensolo – das übrigens Paul McCartney beigesteuert hatte. Letzterer lief damals zur Hochform auf, ihm gelangen elegante Balladen wie ›For No One‹ und ›Here, There And Everywhere‹, eine knackige Soul-Stilübung wie ›Got To Get You Into My Life‹ und nicht zuletzt die surreal angehauchte Moritat ›Eleanor Rigby‹ mit ihrem barocken Streicherarrangement.

Dass John Lennon auf der Suche nach immer neuen Ufern diese ebenfalls erreicht hatte, spiegelten wiederum seine Beiträge wider. Die Verkehrsmittel, die McCartney und Lennon benutzten, unterschieden sich jedoch recht deutlich. McCartney, kulturbewusst und neugierig, ließ sich durch das Londoner Nachtleben kutschieren, besuchte klassische Konzerte und Dichterlesungen, Ausstellungen, avantgardistische Happenings und Freejazz-Experimente. John Lennon indes, seelisch nicht in bester Verfassung, aber ebenfalls neugierig, zog sich in sein ländliches Domizil zurück und erforschte lieber seine Innenwelt: Marihuana hatte bereits um 1965 die klassische Rock’n’Roller-Diät aus Aufputschpillen und Alkohol abgelöst, jetzt gesellte sich das – bis Herbst 1966 legal verkäufliche – LSD hinzu.

Dass ein Teil der Menschheit Drogen konsumiert, war 1965 nicht anders als 1865, und aller Voraussicht nach wird es auch 2065 noch der Fall sein. Warum, das sollen Suchtforscher und Anthropologen klären. Weshalb Künstler, also auch Popmusiker, dem Reiz des Rausches traditionell eher überdurchschnittlich oft erliegen, können gewiss Psychologen und Soziologen beantworten. Um die Drogenbegeisterung zu begreifen, die in den sechziger Jahren die Jugend der westlichen Welt erfasste, hilft jedoch ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch. Britische und amerikanische Soldaten hatten im fernen Osten gedient, und so mancher brave Waffenträger brachte aus Thailand und Korea eben nicht nur kunsthandwerkliche Souvenirs für seine Lieben mit, sondern auch die Angewohnheit, sich mittels Marihuana oder Haschisch vom harten Tagwerk zu entspannen. Drogen also, die – ebenso wie das Opium – in der westlichen Sphäre zwar schon seit etlichen Jahrzehnten bekannt, aber mangels Verfügbarkeit kaum verbreitet waren. Was sich in den Nachkriegsjahren dramatisch veränderte. Die amerikanische Dauerpräsenz in Asien sorgte für steten Nachschub, zudem gedieh Cannabis auch prächtig in den warmen Zonen des amerikanischen Kontinents, wie man flugs herausfand. Jazzmusiker hatten das Kraut schon längst entdeckt, Beat-Literaten verfassten Hohelieder, in der subversiveren Kunst- und Kulturszene gehörte Kiffen alsbald zum guten Ton. Und wurde nach Kräften idealisiert, wozu auch die westliche Tendenz zur Romantisierung des Orients beitrug: Alkoholmissbrauch mochte in Mord und Totschlag enden, aber Kiffen galt als edle, quasi naturnahe und selbstverständlich völlig ungefährliche Stimulans zur Erkundung spiritueller Sphären. Was man noch vehementer dem Anfang der vierziger Jahre in der Schweiz erfundenen LSD zuschrieb, das immerhin als pharmazeutisches Mittel gepriesen wurde. Der Harvard-Professor Dr. Timothy Leary entfachte Mitte der sechziger Jahre einen wahren Kult um das synthetisch herstellbare Halluzinogen, beseelt vom Gedanken, es würde bessere, spirituellere und friedfertigere Menschen schaffen. Die Mär von der Wunderdroge beschäftigte Künstler und Intellektuelle bereits seit Aldous Huxley, mit LSD schien sie nun endlich gefunden. Glaubte man. An psychische Probleme bis hin zur Schizophrenie dachte niemand.

The Beatles 1969John Lennon war wohl derjenige, der sich von allen Beatles am intensivsten mit jenen Substanzen befasste, die rasante Bewusstseinserweiterung verhießen. Das phlegmatische, eskapistische ›I’m Only Sleeping‹ verströmt bis heute den Duft von schwarzem Afghanen, ›She Said She Said‹ ist das Resultat einer LSD-Party in Los Angeles, bei der Schauspieler Peter Fonda sämtliche Gäste inklusive John Lennon mit der morbiden Deklamation nervte, er wisse, wie es sei, tot zu sein. ›Doctor Robert‹ ist lediglich der kooperative Mediziner, der das passende Rezept ausstellt. Ganz Chronist seiner Zeit, vermengte Lennon für ›Tomorrow Never Knows‹ dann gleich zwei aktuelle Themenkomplexe. Erleuchtung war das Ziel, erreichbar durch LSD und die von Leary propagierte Auflösung des Egos – oder durch das Studium fernöstlicher Weisheiten, in diesem konkreten Fall: des Tibetanischen Totenbuches. Studium und Droge ließen sich natürlich auch nach Belieben kombinieren. Für Beatfreunde, die Tanz und Amüsement zu flotten Liebesliedern suchten, war das natürlich starker Tobak. Man darf nicht vergessen, dass sich ein Gutteil der Beatles-Gefolgschaft aus 13-jährigen Jungmenschen rekrutierte, die schlichtweg nicht verstanden, worüber Lennon plötzlich sang. Die schenkten ihr Herz fortan den Monkees, bis auch die ein wenig seltsam wurden. Lennon sang: „Lasst uns das Spiel des Daseins bis zum Ende des Neubeginns spielen.“ Für den amüsierwilligen Lehrling, der Samstagabend bei ein paar Bieren gerne die Sau im Beatschuppen rausließ und zusah, gegen Ende der Veranstaltung ein Mädel auf den Soziussitz seines Mopeds zu bugsieren, waren Lennons weise Worte wohl vor allem blödes Gequatsche. Aber „Let’s do the hippy hippy shake“ war eben gestern, Popmusik gerierte sich plötzlich intellektuell. Doch zum Glück gab’s ja noch The Troggs. Und Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich.

Unbestreitbar ist SGT. PEPPER eine Ikone der Hippiekultur, ein Symbol für den Aufbruch, für eine Stimmungslage, in der alles möglich schien. Ein unterhaltsames Stück Musik ist es noch dazu, nicht zuletzt dank einer kollagenhaften Großtat namens ›A Day In The Life‹. Eines jedoch ist SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND garantiert nicht, auch wenn es immer wieder behauptet wird: das erste Konzeptalbum der Popgeschichte. Dem Album hatte zwar noch in der Planungsphase die Idee zugrunde gelegen, ein inhaltlich zusammenhängendes Werk zu schaffen, was dann aber doch sehr schnell verworfen wurde. Vor allem Lennon wollte sich thematisch auf gar keinen Fall limitieren lassen. Der Titeltrack und ›With A Little Help From My Friends‹ gehören tatsächlich zusammen, geklammert von ›Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Reprise)‹. Die restlichen Stücke verbindet weder auf musikalischer noch textlicher Ebene ein roter Faden, nirgendwo eine Spur von der fiktiven Band und ihrem Anführer Billy Shears. Wer etwa erklären kann, in welchem inhaltlichen Zusammenhang ›Being For The Benefit Of Mr. Kite‹ und ›When I’m Sixty-Four‹ stehen, der hat gewiss auch schlüssige Beweise dafür, dass im Loch Ness Außerirdische leben, die einst auf den Osterinseln kultische Figuren gemeißelt haben, bevor sie dann JFK im Auftrag des CIA meuchelten und die Mondlandung fälschten. Oder so ähnlich. Was direkt zur wohl bizarrsten Verschwörungstheorie der Popgeschichte überleitet.

Paul McCartney, so hieß es 1969, sei bereits drei Jahre zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Eindeutiger Beweis: Auf der Coverrückseite von SGT. PEPPER war er als Einziger von hinten abgebildet. Aha! Der Ersatz-Paul war demnach ein gewisser William Campbell alias Billy Shears, von den konspirierenden Rest-Beatles heimlich rekrutiert und zur Gesichtsoperation genötigt. Dass Paul tot war, konnte man zudem am Cover-Foto der amerikanischen Beatles-LP YESTERDAY AND TODAY erkennen – wenn man es um 90 Grad drehte. Dann nämlich saß Paul nicht mehr in einem großen Überseekoffer, sondern lag in einem Sarg. Das Cover von SGT. PEPPER zeigte natürlich eine versammelte Trauergemeinde, über McCartney schwebte die segnende Hand und ganz rechts im Bild fand sich eine Puppe, auf deren Knien ein Spielzeugauto und ein blutiger Autofahrerhandschuh lagen. Was natürlich die grundsätzliche Frage aufwirft, warum die Rest-Beatles derlei durchsichtige Symbolik verwenden sollten, wenn sie das Ableben ihres smarten Bassisten doch eigentlich verheimlichen wollten? Aber gesunder Menschenverstand und die Gesetze der Logik waren eben kurzzeitig außer Betrieb, denn es ging ja noch weiter. Das Innenfoto von SGT. PEPPER zeigt auf Pauls Ärmel einen Aufnäher mit den Buchstaben „O.P.D.“, was selbstverständlich nur „Officially Pronounced Dead“ – „offiziell für tot erklärt“ – heißen konnte. Wer jetzt noch Zweifel hegte, dem besorgte das Cover von ABBEY ROAD den Rest: Der Volkswagen 1300 im Hintergrund trug augenscheinlich das Kennzeichen LMW 28IF, was zielsicher als „Linda McCartney weeps“ – „Linda McCartney weint“ – gelesen wurde. Und if, also falls er noch zu den Lebenden zählte, dann wäre Paul jetzt 28 Jahre alt. Erneute Zweifel machten sich breit: Linda hieß damals definitiv noch Eastman, statt 28 IF lautet das Nummernschild 281 F und Paule wäre auch erst 27 gewesen. Aber egal. Dass der bekannte Linkshänder seine Zigarette in der rechten Hand hält, deutete auf den Doppelgänger hin, dass er barfuß läuft – in manchen Gegenden unserer schönen Welt ein Symbol des Todes –, wurde ebenso registriert wie die Tatsache, dass er als Einziger der vier Beatles kein weißes Segment des Zebrastreifens berührt. Dutzende mehr angeblicher Beweise kursierten damals, auch Textsequenzen wurden eifrig fehlinterpretiert, rückwärts abgespielt, gespiegelt und derlei mehr. Wem langweilig ist, dem bereitet es womöglich Freude, Popsongs und ihren Verpackungen allerlei sinistre Bedeutungen zu unterstellen. Wer Platten rückwärts abspielt, hört früher oder später sicher etwas, das lautmalerisch in etwa wie „Paul Is Dead“ klingt. Oder wie „Currywurst mit Pommes“. Zum momentanen Zeitpunkt ist Paul McCartney jedenfalls definitiv noch am Leben. Er hat letztes Jahr sogar Konzerte in Deutschland gegeben. Aber was bedeutet denn nun „O.P.D.“? Im „Life Magazine“ vom 7. November 1969 berichtete ein von all dem Geschwätz leicht genervter McCartney, er habe den Aufnäher einst auf Tournee in Kanada gekauft. Vermutlich stamme er vom „Ontario Police Department“.

Wirklich exzentrisch war die bespielte Auslaufrille von SGT. PEPPER: Die meisten damaligen Plattenspieler verfügten über keine automatische Endabschaltung, der Teller drehte sich also weiter – und die Nadel pendelte einfach zwischen Anfang und Ende der Auslaufrille hin und her. War sie bespielt, hörte man eine Endlosschleife, was die Beatles erstmals in die Tat umsetzten. Zu vernehmen war ein schrilles Pfeifen und der nur schwer verständliche Gesprächsfetzen: „Never could be any other way“. Die Mystiker unter den Fans interpretierten sogleich alles Mögliche hinein und stellten zu allem Überfluss fest, dass besagte Sequenz „We’ll fuck you like Superman“ lauten könnte – sofern man die Platte rückwärts abspielt. Was man aber mit Rücksicht auf die empfindliche Nadel besser nicht tun sollte. Eine bespielte Auslaufrille, nun gut.

Ein Debüt war SGT. PEPPER jedoch auch in anderer Hinsicht: Als erstes britisches Pop-Album wurde es mitsamt Textabdruck ausgeliefert. Was von Selbst- und Sendungsbewusstsein gleichermaßen zeugte – und ganz der sich verändernden Rezeption von Popmusik entsprach. Man hörte immer aufmerksamer zu. Wurde bei Rockkonzerten noch kurz zuvor der Twist und Hully-Gully getanzt oder bis zur Besinnungslosigkeit gebrüllt, glichen sie jetzt mitunter musikalischen Andachten. Die Beatles, deren letzte Tournee im Sommer 1966 geendet hatte, sollten das nicht mehr am eigenen Leibe erfahren, doch das Publikum saß gegen Ende der sechziger Jahre gerne bequem vor der Bühne, lauschte den Worten des Sängers, ließ sich von allerlei Substanzen und den mäandernden Läufen des Gitarrensolos in andere Sphären geleiten.

Letztere hatten auch die Produktionskosten von SGT. PEPPER mühelos erreicht. Der erste Song des Albums, ›When I’m Sixty-Four‹, war im Dezember 1966 aufgenommen worden, der letzte, ›Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Reprise)‹, am 1. April 1967. Zwar weilten die Beatles dazwischen nicht dauerhaft in der Abbey Road, die aufgelaufene Studiozeit und die Orchestermusiker verursachten jedoch horrende Kosten. Peter Blakes aufwändig konstruiertes Cover-Artwork schlug noch einmal mit knapp 3000 Pfund zu Buche. Zum Vergleich: Für diesen Betrag konnte man im England des Jahres 1967 drei stattliche Sechszylinder-Limousinen des Typs Austin Westminster erwerben. Laut Berichten habe EMI-Chef Sir Joseph Lockwood während der Präsentation der Ausgaben zwar kurz nach Atem gerungen, dann aber doch die Fassung bewahrt. Einen echten Grund zur Aufregung gab es ja eigentlich auch nicht: EMIs Produktionskosten wurden wohl wenige Stunden nach der Veröffentlichung des Albums komplett egalisiert.

The Beatles 1965TIMELINE

Riesenerfolg in wenigen Jahren: Eine Zeitreise in die unglaub­liche Welt der Beatles.

August 1960: Mit ihrem neuen Schlagzeuger Pete Best spielen die Beatles erstmals in Hamburg – insgesamt 106 Gigs im „Indra“ und dem „Kaiserkeller“.

Februar 1961: Debüt im Liverpooler Cavern Club.

April 1961: Zurück in Hamburg entstehen nach Gigs im „Top Ten“ erste Plattenaufnahmen: Unter dem Namen Beat Brothers begleiten sie den Sänger Tony Sheridan, produziert von Bert Kaempfert.

Januar 1962: Die Band macht Probeaufnahmen für Decca – und wird abgelehnt. Manager Brian Epstein nimmt die Beatles unter Vertrag und tauscht deren Lederklamotten gegen Anzüge aus.

April 1962: Ex-Bassist Stu Sutcliffe stirbt in Hamburg an einer Gehirnblutung. Die Beatles kehren an die Elbe zurück und debütieren im „Star Club“.

August 1962: Pete Best wird durch Ringo Starr ersetzt.

Oktober 1962: Die Debütsingle ›Love Me Do‹ erscheint bei EMI – Platz 17 in England.

März 1963: Das Debütalbum PLEASE PLEASE ME erreicht Platz 1 in England. Im Sommer heizen die 45er ›From Me To You‹ und ›She Loves You‹ die Beatlemania auf der Insel weiter an.

November 1963: Dem zweiten Album WITH THE BEATLES folgt die Single ›I Want To Hold Your Hand‹ – der Durchbruch in den USA.

Februar 1964: Die Beatles jetten in die Staaten, treten bei der „Ed Sullivan Show“ erstmals live im US-Fernsehen auf und brechen einen Rekord: Über 70 Millionen Amerikaner sehen zu.

April 1964: Noch ein Rekord, bis heute ungebrochen: Die Beatles belegen die ersten fünf Plätze der amerikanischen Singles-Charts.

Juli 1964: Nach triumphalen Tourneen durch die USA, Europa und Australien erscheint der vornehmlich in London gedrehte Film „A Hard Day’s Night“ samt Soundtrack.

September 1964: In New York lernen die Beatles Bob Dylan kennen – und dessen damals bevorzugte Droge Marihuana.

Dezember 1964: Das neue Album BEATLES FOR SALE wird veröffentlicht. Die Beatlemania ist schon längst ein weltweites Phänomen, befeuert von den zahllosen Konzerten und TV-Auftritten.
Das Merchandising floriert, vor allem in den USA wird allerlei Tinnef angeboten: Puppen, Trinkgläser und nicht zuletzt die „originalen Beatles-Perücken“.

August 1965: Nach Dreharbeiten in England, Österreich und auf den Bahamas: Der zweite Kinofilm „Help!“ samt Soundtrack erscheint. Im New Yorker Shea Stadium spielen die Fab Four vor 56.000 Zuschauern – das bislang größte Rockkonzert.

Oktober 1965: Aus der Hand von Königin Elizabeth II. erhalten die Beatles Orden für die Verdienste um Großbritanniens Außenhandel.

Dezember 1965: Das Album RUBBER SOUL läutet das Ende der „naiven“ Pop-Phase ein, die Texte werden introspektiver.

März 1966: Lennon äußert gegenüber einer Journalistin die Vermutung, die Beatles seien bei jungen Menschen zur Zeit populärer als Jesus Christus. In den US-Südstaaten werden daraufhin öffentlich Beatles-Platten verbrannt.

Juni 1966: Die Beatles kehren nach Deutschland zurück und absolvieren je zwei triumphale Shows in Hamburg, München und Essen. Anschließend geht’s direkt nach Tokio, wo drei Konzerte in der Budokan-Halle stattfinden. Japanische Traditionalisten protestieren gegen die „Entweihung“ der Kampfsport-Arena.

Juli 1966: Weil die Beatles eine Einladung der Diktatorengattin Imelda Marcos ausgeschlagen haben, endet ihr Besuch auf den Philippinen tumultös. Einheimische Sicherheitskräfte bedrohen die Beatles und konfiszieren die Konzerteinnahmen.

August 1966: Das Album REVOLVER unterstreicht die progressive Seite der Beatles. In San Francisco geht ihr letztes offizielles Konzert über die Bühne. Beatles-Tourneen gerieten zuletzt immer unberechenbarer und gefährlicher. Man will sich auf die Studioarbeit konzentrieren.

November 1966: In der Londoner „Indica Gallery“ lernt Lennon die japanische Happening-Künstlerin Yoko Ono kennen.

März 1967: Nach elf Nummer-1-Singles in Folge erreicht ›Penny Lane‹/›Strawberry Fields Forever‹ nur Platz 2 der britischen Charts. Die Band wird psychedelisch…

Juni 1967: …und veröffentlicht mit SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND einen Meilenstein der aufblühenden Hippiekultur. Von den Abbey-Road-Studios aus wird ›All You Need Is Love‹ live in die ganze Welt gesendet: als Englands Beitrag zur ersten global empfangbaren Satelliten-TV-Show „Our World“.

August 1967: Während die Beatles in Wales den Worten des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi lauschen, stirbt Manager Brian Epstein in London an einer Überdosis Schlaftabletten. Epsteins ordnende Hand wird fortan schmerzlich vermisst.

Dezember 1967: Der surreale TV-Film „Magical Mystery Tour“ feiert in England Premiere – und wird von der Kritik äußerst verhalten aufgenommen. Der erste künstlerische Flop seit über vier Jahren.

Januar 1968: Gründung der Apple Corporation. Zur Beatles-Firma gehören ein Plattenlabel, der Handel mit Merchandisingartikeln sowie eine Modeboutique – und jede Menge Naivität in geschäftlichen Dingen.

Februar 1968: Die Beatles fliegen nach Rishikesh ins indische Meditationscamp des Maharishi Mahesh Yogi, Paul und Ringo reisen allerdings recht schnell wieder ab. Als der Guru die ebenfalls nach Erleuchtung suchende Schauspielerin Mia Farrow sexuell belästigt, kehren auch George und John entnervt zurück. Letzterer verfasst in Anspielung auf die Vorkommnisse den Song ›Sexy Sadie‹.

Juli 1968: Der Beatles-Zeichentrickfilm „Yellow Submarine“ kommt in die Kinos, der Soundtrack folgt etwas später. Die Apple-Boutique in der Londoner Baker Street meldet Konkurs an.

August 1968: Während der Aufnahmen des neuen Albums verlässt Ringo im Streit die Band. Er kehrt wenige Tage später zurück.

Dezember 1968: THE BEATLES, besser bekannt als „Weißes Album“, wird von der Kritik in den Himmel gelobt. Der Zusammenhalt bröckelt inzwischen aber schon bedenklich – das Doppelalbum wurde eher von vier Solisten als von einer Band eingespielt.

Januar 1969: Letzter gemeinsamer Auftritt der Beatles: Man spielt unangemeldet auf dem Dach des Londoner Apple-Hauptquartiers, bis die Polizei einschreitet. Die Aufnahmen zum neuen Album LET IT BE sorgen für weiteren Streit, Harrison verlässt kurzzeitig die Band. Die bereits fertigen Songs werden beiseite gelegt.

März 1969: John Lennon ehelicht Yoko Ono, Paul McCartney Linda Eastman. Allen Klein wurde kurz zuvor als neuer Beatles-Manager inthronisiert – sehr zum Ärger von Paul.

September 1969: Das neue Album ABBEY ROAD wird veröffentlicht. Nummer 1 in England und den USA.

Januar 1970: In den Abbey Road Studios findet die letzte Aufnahmesession der Beatles statt: George Harrisons ›I Me Mine‹.

März 1970: Produzent Phil Spector hinterlegt die Songs von LET IT BE mit Streichern und Chören, was erneut für Unstimmigkeiten sorgt.

April 1970: Paul McCartney gibt in einer Presseerklärung das Ende der Beatles bekannt.

Mai 1970: Das Album LET IT BE wird posthum veröffentlicht, der dazugehörige Film über die Aufnahmen feiert in London und Liverpool Premiere – und zeigt vier Typen in recht gespannter Atmosphäre.

2010: In den Ländern der westlichen Welt mit ihren seit Jahrzehnten vorliegenden, fundierten Verkaufsstatistiken konnten die Beatles bis heute knapp 242 Millionen Tonträger absetzen. Ihr weltweiter Tonträgerverkauf wird auf 600 Millionen bis eine Milliarde geschätzt. Ganz egal, welche Zahlen korrekt sind: The Beatles liegen immer vor Elvis Presley, Michael Jackson, Abba und anderen Großkalibern.

Titelstory: Pink Floyd – Roger Waters und die Rückkehr von THE WALL

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Roger_Waters_1 Credit Sean EvansSchon bei der Komposition des Albums wusste Roger Waters, dass THE WALL eine besondere Platte für ihn werden würde. Was er damals aber noch nicht ahnte: Auch 34 Jahre nach ihrer Erstaufführung beschäftigt ihn das monumentale Werk immer noch. Und zwar so sehr, dass er sich dazu entschlossen hat, es erneut auf die Bühne zu bringen. In CLASSIC ROCK spricht er über sein aktuelles Vorhaben, aber auch seine heutige Beziehung zu seinen ehemaligen Pink Floyd-Kollegen.

DIE MAUER IM KOPF

Er spuckte. Auf einen Fan. Etwas Schlimmeres als diese Racheaktion, zu der sich Roger Waters 1977 während eines Konzertes im Montrealer Olympiastadion hinreißen ließ, kann ein Musiker seinen Anhängern kaum antun. So eine erbärmlich Entgleisung geht gar nicht. Auch dann nicht, wenn diese, so wie besagter Fan beim damaligen Konzert, ihren Unmut über das kreative Tun ihrer Helden äußern. Doch Waters hatte seine Contenance verloren, wohl auch deshalb, weil er schon vor dieser peinlichen Situation frustriert über die durchwachsenen Reaktionen auf die aktuelle Platte ANIMALS gewesen war.

Zumindest sah Waters seinen Fauxpas rasch ein und reagierte darauf in einer künstlerisch angemessenen Art und Weise: Er erschuf in den folgenden beiden Jahren THE WALL, eine Art Parabel auf die Entfremdung zwischen Musiker und seinem Publikum. Der Befreiungsschlag begeisterte die Massen – und zwar bis heute. Insgesamt sind inzwischen mehr als 30 Millionen Exemplare des Werks verkauft – Weltrekord für ein Doppelalbum.

Mehr als drei Dekaden ist das jetzt her, und noch immer begeistern sich die Menschen für THE WALL. Daher hat sich Waters dazu entschlossen, den musikalischen Mauerfall zurück auf die Bühne bringen und damit erneut auf Welttournee gehen. Die Konzertreise hat bereits in Nordamerika begonnen (siehe Live-Bericht auf Seite 22/23) und wird den Musiker und seine Crew im Juni auch nach Deutschland und in die Schweiz führen.

THE WALL ist der Prototyp des Konzeptalbum-Klassikers: komplexe Story, große Gesten und gespickt mit allerlei Hits, der bekannteste davon ist ›Another Brick In The Wall‹. „Das Album war zweifelsohne das anspruchsvollste und ungewöhnlichste, das wir in unserer Laufbahn gemacht haben“, erklärt Pink Floyd-Schlagzeuger Nick Mason und ergänzt: „Nie zuvor hatten wir musikalisch so hart gearbeitet und uns so strikt an die Vorgaben gehalten.“

Diese Vorgaben stammten überwiegend von Waters selbst, der quasi im Alleingang seine Lieder durchzuboxen versuchte und dabei auf regen Widerstand der übrigen Floyd-Mitglieder stieß. Speziell Gitarrist David Gilmour waren die melancholischen, selbstzweiflerischen Stücke in ihrer Gesamtheit zu spröde. Er versuchte daher, die Scheibe mit deutlich melodischeren Nummern wie ›Run Like Hell‹ und vor allem ›Comfortably Numb‹ vor einer allzu lähmenden Düsternis zu bewahren. Nur widerwillig ließ Waters diese Einflussnahme auf sein Meisterkonzept zu, rangelte mit seinen Kollegen um Autorität und Kompetenzen, um schließlich Keyboarder Rick Wright noch während der laufenden Produktion wegen dessen angeblich allzu offensichtlichen Desinteresses zu feuern. Bemerkenswert: THE WALL thematisierte nicht nur die Entfremdung zwischen Künstlern und ihren Fans, sondern verursachte genau diese auch unter den vier Pink Floyd-Mitgliedern.

Tim Robbins

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Clearwater Benefit Concert - Media RoomJetzt hat es auch Timothy Francis Robbins erwischt: Der Oscar-Preisträger bricht mit seinem alten Leben, um einen Neustart zu wagen. Als Musiker, Hollywood-Rebell und frischgebackener Single, der seine besten Jahre in vollen Zügen genießen will – und gerade durch hiesige Clubs gerockt ist.

Hand aufs Herz: Ist Tim Robbins & The Rogues Gallery Band ein Midlife Crisis-Album?
Gute Frage (lacht). Wahrscheinlich hat es wirklich etwas davon. Also wegen all der privaten Veränderungen in meinem Leben: der Trennung von meiner langjährigen Partnerin, dem Umstand, dass die Kinder jetzt am College sind und nicht mehr zu Hause wohnen, aber auch damit, dass ich als Schauspieler und Regisseur nicht mehr so aktiv bin wie vor ein paar Jahren, als ich überhaupt keine Zeit für die Musik gehabt hätte. Doch vor nun zwei Jahren habe ich versucht, einen Film zu drehen – und dabei ist wirklich alles schief gelaufen. Eine ganz schlimme Erfahrung, nach der ich mich gefragt habe, ob ich wirklich das Richtige mit meinem Leben mache.

Darf man fragen, was für ein Film das war, der so in die Hose gegangen ist?
Besser nicht. Nur soviel: Er wurde nie gedreht. Und das hat bei mir zu der kathartischen Erkenntnis geführt, dass eben nicht immer alles so funktioniert, wie man sich das vorstellt. Dass man sich nicht immer bedingungslos auf andere verlassen kann, sondern auch mal etwas schief läuft. Seitdem konzentriere ich mich auf das Theater und die Musik – weil das zwei Sachen sind, die ich nach meinen Vorstellungen umsetzen kann und bei denen ich auf niemand angewiesen bin.

Ist die Musik demnach eine Flucht aus Hollywood?
Eigentlich bin ich schon von Anfang an aus Hollywood geflohen. Etwa indem ich jahrelang in New York gelebt habe und mir nie von irgendwelchen Studiobossen reinreden ließ. Und ich habe auch nie einen Film gedreht, um damit wer weiß wie erfolgreich zu werden.

Filter

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Filter2010dRichard Patrick ist ein vielbeschäftigter Mann. Denn neben seiner Hauptband Filter hatte der Amerikaner schon immer viele Eisen im Feuer. Zusätzlich zu Projekten wie Army Of Anyone mit Robert und Dean DeLeo von den Stone Temple Pilots oder The Damning Well mit Wes Borland steuert er immer wieder Songs und Coverversionen zu Film-Soundtracks bei, was eine kleine Leidenschaft des Musikers geworden ist. „Als ich die ersten Angebote bekam, Coverversionen für Filme aufzunehmen, habe ich keine Sekunde gezögert“, erzählt Patrick begeistert. „Diese Kooperationen waren im Grunde der Startschuss meiner Karriere. Für solche Projekte bin ich immer zu haben.“ So steuerte Richard auch den Song ›Fades Like A Photograph‹ zum Katastrophenfilm 2012 von Roland Emmerich bei und zieht damit auch gleich eine Verbindung zu seinem neuen Album TROUBLE WITH ANGELS, auf dem dieser Song ebenfalls enthalten ist.

Der Titel des fünften Filter-Studioalbums hat für Patrick eine ganz besondere Bedeutung. „Schon seit Menschengedenken besteht ein Konflikt zwischen der Religion und der Wissenschaft“, erklärt der Musiker seine These. „Eigentlich sollten Engel uns beschützen, aber meistens stehen sie unserem freien Denken und Tun im Weg. Galileo wurde eingesperrt, weil er sagte, dass sich die Erde um die Sonne dreht, was der kirchlichen Lehre nicht entsprach. Heute wissen wir jedoch, dass es wahr ist. Daher hat man oft Probleme mit Engeln.“ Er wolle mit der Thematik des Albums nicht gegen die Religionen wettern oder Partei für die Wissenschaft ergreifen, sondern lediglich das Thema zur Diskussion stellen und die Leute zum Nachdenken anregen. Und das macht er nicht zum ersten Mal: Auch der Vorgänger ANTHEMS FOR THE DAMNED behandelte ein kontroverses Thema, wenngleich weniger abstraktes Thema, nämlich den Irak-Krieg.

Musikalisch wollte Patrick jedoch keine Experimente wagen, sondern ein Album für seine Fans schreiben. „Ich habe meine Fans immer wieder herausgefordert und vor den Kopf gestoßen“, gibt der Musiker zu. „Auf meinen letzten Touren habe ich mich oft mit den Fans unterhalten. Und beinahe jeder sagte, dass sie die ersten drei Alben von Filter am meisten geliebt haben. Und genau in diese Richtung habe ich mich wieder bewegt.“ Was definitiv zutrifft, denn ›Fades Like A Photograph‹ klingt wie ein Bruder von Filters Megahit ›Take A Picture‹. „Ich möchte die CD zwar nicht als Comeback von Filter bezeichnen“, fügt er hinzu. „Aber sie ist ein Rückbesinnen auf die Dinge, die ich und alle anderen schon immer an der Band geliebt haben. Das tut mir selbst gut, und ich möchte auch den Fans dadurch zeigen, wie viel sie mir bedeuten.“

Jimi Hendrix

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Jimi Hendrix 1Anlässlich des 40. Todestages von Jimi Hendrix am 18. September geht in diesem Herbst die Editionsreihe zu Ehren des „besten Gitarristen aller Zeiten” in die zweite Runde: Nach den Deluxe Editions der Jimi Hendrix Experience und der Raritätensammlung SOUTH SATURN DELTA folgen weitere Klassiker in rundum optimierter Aufmachung. JIMI HENDRIX EXPERIENCE: BBC SESSIONS, JIMI HENDRIX: BLUES, LIVE AT WOODSTOCK sowie die bei Sammlern heiß begehrte EP MERRY CHRISTMAS & A HAPPY NEW YEAR.

Als Dreh- und Angelpunkt fungiert aber eine frisch kompilierte Werkschau namens WEST COAST SEATTLE BOY – THE JIMI HENDRIX ANTHOLOGY. Mehr als vier Stunden Musik offerieren erstmals die Gesamtübersicht über die Entwicklung des Virtuosen, der im Alter von 27 Jahren in London verstarb. Legacy Recordings und Experience LLC präsentieren auf dem 4-CD-Box-Set, das auch als BEST OF- Version vorliegen wird, zahllose bis dato unveröffentlichte Aufnahmen aus sämtlichen Epochen – der Blick reicht bis in die Anfangstage von Hendrix als Sessionmusiker oder Mitglied in Begleitformationen von Isley Brothers, Little Richard und King Curtis zurück.

Doch auch für die Zeit nach seinem Durchbruch im Jahr 1967 konnte einmal mehr Unveröffentlichtes aus den Archiven zutage gefördert werden. Erstmals zu hören: eine Coverversion des Dylan-Songs ›Tears Of Rage‹, akustische Solo-Fassungen von ›Long Hot Summer Night‹ und ›1983 (A Merman I Shall Turn To Be)‹ vom ELECTRIC LADYLAND-Album sowie Live-Mitschnitte aus Berkeley und des Auftritts der Band Of Gypsys im Fillmore East am Silvesterabend 1969/70. Dazu gesellen sich ungehörte Hendrix-Tracks wie ›Hear My Freedom‹, ›Hound Dog Blues‹ oder ›Lonely Avenue‹. Begleitet und abgerundet wird die Aktion durch die 90-minütige DVD-Dokumentation VOODOO CHILD von Grammy-Preisträger Bob Smeaton.

Firewind

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FirewindEs ist eine Mischung aus Glück und Können, die Gus G. momentan zu jeder Menge Aufmerksamkeit verhilft. Der griechische Gitarrist ist in aller Munde, seit ihn Ozzy Osbourne im vergangenen Jahr dazu auserkoren hat, einen Platz an seiner Seite einzunehmen. Damit ist er quasi über Nacht zu einem der angesagtesten Rock-Gitarristen geworden und hat ganz nebenbei auch noch Zakk Wylde vom Thron gestoßen – wenngleich unbeabsichtigt. Zudem hat Gus G., der mit bürgerlichem Namen Kostas Karamitroudis heißt, keinerlei Auflagen von seinem neuen Arbeitgeber bekommen, was seine weiteren Riff-Aktivitäten angeht. Heißt im Klartext: Wenn er seinen Job bei Ozzy ordentlich macht, kann er in seiner Freizeit tun und rocken, so lange und so viel er will. Und das tut Gus G. auch. Gerade hat er mit seiner Band Firewind ein neues Album fertig gestellt, es heißt DAYS OF DEFIANCE und wird am 22.

Oktober erscheinen. Darauf präsentiert die Band sich von ihrer abwechslungsreichsten Seite: Obwohl traditioneller Metal die Basis der Songs bildet, würden sich Karamitroudis und seine Kollegen Apollo Papathanasio (Gesang, auch bei den Spiritual Beggars aktiv), Petros Christodoylidis (Bass), Michael Ehré (Drums) und Babis Katsionis (Keyboard) nie selbst limitieren, indem sie einfach nur die Heavy-Riffs der Achtziger kopieren und mit einem modernen Touch versehen. Firewind lassen auch andere Stilistiken zu, so zum Beispiel bluesige Elemente oder klassische Hard Rock-Hooklines.

Diese Offenheit, mit der die Griechen bereits auf den Vorgänger-Alben ALLEGIANCE und THE PREMONITION überzeugen konnten, zahlt sich nun aus. Da durch das Engagement bei Ozzy auch Fans jenseits der Metal-Grenzen auf die Band aufmerksam wurden, steht zudem zu erwarten, dass die Karriere von Firewind in den nächsten Monaten einen kräftigen Schub bekommen wird. Eine Entwicklung, die Gus G. sichtlich freut: „Im Moment läuft alles hervorragend“, jubelt er. „denn obwohl Firewind ihren Stil auf DAYS OF DEFIANCE nicht großartig verändert, sondern lediglich verfeinert haben, bekomme ich viel mehr positives Feedback als bei den letzten Alben. Das hat sicher damit zu tun, dass sich jetzt mehr Menschen für die Band interessieren – und das haben wir nur Ozzy zu verdanken.“

Abgesehen vom Popularitätsschub gibt es auch Verbesserungen musikalischer Natur: So hat Apollo Papathanasio sich deutlich gesteigert, sowohl was seine Energie bei den Up-Tempo-Songs angeht als auch bei den ruhigeren Momenten. „Wir haben ihn einfach sein Ding machen lassen“, erläutert der Gitarrist. „Apollo lebt ja nicht in Griechenland, sondern in Schweden. Dort hat er sich im Studio verschanzt und viel experimentiert. Er war nicht gerade schnell, was das Einsingen angeht, aber dafür hat sich seine Mühe gelohnt. Er klingt besser denn je!“.

Guns N’Roses: Wien, Stadthalle

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Guns_G.Chin_366Unsterbliche Hits, aber maue Performance.

Er kommt spät, aber immerhin: Er kommt. Gegen 22.30 Uhr betritt Axl Rose endlich die Bühne in der Wiener Stadthalle, und im Gegensatz zu seinen Auftritten in Großbritannien, wo Setkürzungen und Flaschenhagel auf die Starallüren des Guns N’Roses-Frontmanns folgten, sind die Österreicher nicht auf Krawall gebürstet. Sie warten vielmehr gespannt auf das, was da nun endlich kommen soll. Doch schon der Startschuss ist nicht optimal platziert: Statt mit einem Klassiker eröffnet Rose mit ›Chinese Democracy‹, was für lange Gesichter sorgt. Das liegt nicht nur am Song an sich, sondern auch am Sound, der zu Beginn dermaßen kracht und scheppert, dass es einem schwer fällt, überhaupt etwas zu erkennen. Das bessert sich auch bei ›Welcome To The Jungle‹ nicht, die Melodien gehen völlig unter, doch zumindest hilft die Textsicherheit der Wiener über dieses Klangdesaster hinweg. Gegen die dröhnenden Bässe kommen selbst eigentlich unsterbliche Hymnen wie ›Mr. Brownstone‹ oder ›You Could Be Mine‹ kaum an, und auch Axl Rose ist stimmlich weit von seiner Bestform entfernt. Man hat den Eindruck, dass die Songs rauer und kantiger arrangiert wurden, um über die Defizite des Frontmanns hinwegzutäuschen – so fällt es weniger auf, dass er über weite Teile mehr schreit als singt, selbst ›Knockin‘ On Heaven’s Door‹ verkommt zur Leier-Nummer. Dabei gibt es durchaus Momente, in denen die Genialität von Rose durchschimmert und einem wieder vor Augen geführt wird, warum dieser Mann es geschafft hat, zu einem der bedeutendsten Rocker der Welt zu werden: ›November Rain‹ etwa, eingeleitet von einem Pink Floyd-Tribut, kommt ähnlich ergreifend daher wie zu seligen Gunners-Zeiten Anfang der Neunziger. Und auch das Wings-Cover ›Live And Let Die‹, das natürlich nach wie vor fester Bestandteil des Sets ist, kann die ein oder andere Gänsehaut herbeizaubern. Die Selbstläufer im Programm, allen voran ›Sweet Child O‘ Mine‹, sorgen schließlich dafür, dass sich das Biertrinken für die Fans doch noch gelohnt hat – endlich können sie enthemmt und aus voller Kehle mitsingen. Insgesamt aber ist die Leistung von Axl Rose und seiner Mannschaft, bestehend aus Bumblefoot und Richard Fortus an den Gitarren, Tommy Stinson am Bass, Schlagzeuger Frank Ferrer, DJ Ashba und Keyboarder Chris Pitman, nur mittelmäßig. Die Leidenschaft und Energie, mit der Guns N’Roses früher die Bühne und die Fan-Herzen im Sturm erobern konnten, scheint völlig verpufft zu sein. Vieles wirkt kalkuliert und einstudiert, die Posen, die Bewegungen, die Gesten. Und natürlich fehlen auch die alten Bandmitglieder, denn ein Slash lässt sich nicht durch einen einfachen Klamottentrick ersetzen, sein Stil und seine Hingabe an die Musik sind faktisch einzigartig. So wirken Guns N’Roses am heutigen Abend nicht wie eine Rockband, die in die Jahre gekommen ist – nein, es ist viel schlimmer: Sie erwecken den Eindruck, als würden sie vor 12.000 Menschen ihre eigenen Songs (und AC/DCs ›Whole Lotta Rosie‹) covern. Daher ist es allein der Grandiosität der Songs zu verdanken, dass überhaupt Jubel aufbrandet. Das liegt aber weniger an der Performance, sondern schlichtweg daran, dass sich hier Tausende Fans in ihre Jugendzeit zurückversetzt fühlen und Wien für einen Moment tatsächlich in die ›Paradise City‹ verwandeln. Doch die Euphorie ebbt schon auf dem Weg nach draußen wieder ab – was bleibt, ist ein zwiespältiges Gefühl: Die Songs, ja, die können alles. Axl Rose jedoch schafft es trotz der spieltechnisch einwandfreien Mitmusiker nicht mehr, den alten Zauber wiederzubeleben.

Cathedral: Bergen, USF Verftet (Hole In The Sky-Festival)

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Cathedral67Es ist raus: Die Norweger lieben nicht nur Black Metal.

Das Hole In The Sky-Festival ist ein Aushängeschild, wenn es um geschmackvolles, experimentierfreudiges Band-Booking geht: finstere Black Metal-Acts teilen sich hier die Bühne mit Kult-Riffern wie Pentagram oder den Prog-Aufsteigern Anathema und Opeth. In diesem Jahr übernehmen Cathedral die Rolle des musikalischen Außenseiters – denn mit ihren mal hippiesken, mal epischen-schweren Riffs setzen sie einen Konterpunkt zum ansonsten von flirrend-rasenden Gitarren dominierten Event. Dass die Briten stilistisch aus der Reihe fallen, ist hier jedoch kein Nachteil, sondern ein Pluspunkt. Die Fans in der Bergener Verftet, einer umgebauten alten Werfthalle direkt am Hafen, lieben den Sound der Vier. Aber Moment mal, heute stehen gar nicht vier, sondern fünf Musiker bei Cathedral auf der Bühne. Seit der Veröffentlichung ihres psychedelisch durchtränkten neuen Albums THE GUESSING GAME haben sich Lee Dorrian und seine Crew nämlich Live-Verstärkung mitgebracht. David „Munch“ Moore heißt der Mann an den Tasten, und er unterstützt die Band nicht nur mit seinen abgespacten Sounds, sondern springt auch munter im Takt auf und ab. Der Rest der Band, Fronter Dorrian, Gitarrist Gaz Jennings, Basser Leo Smee und Drummer Brian Dixon, sind gewohnt spielfreudig und auch um keine Pose verlegen. Speziell Smee, der den typischen Hippie gibt, und Lee Dorrian heizen der rund 1.000 Mann starken Menge ein. Dazu präsentieren Cathedral einen Querschnitt aus allen Phasen der Band-Historie: Vom drückend-zähen ›Cosmic Funeral‹ über das peitschende ›Ride‹ und die kommerziellste Ära (›Vampire Sun‹, ›Carnival Bizarre‹) bis hin zu neuem, herrlich ausuferndem Material (›Funeral Of Dreams‹) reicht das Spektrum. Erstaunlicherweise sorgen nicht nur die eingängigeren Songs für Jubel – die Fans applaudieren auch bei schwer zugänglichem Stoff. Ein Zeichen dafür, dass das Publikum daran gewöhnt ist, Musik auch jenseits des stampfenden Vier-Viertel-Takts genießen zu können. Bleibt jedoch abzuwarten, wie die Fans in Deutschland darauf reagieren werden: Im November touren Cathedral nämlich mit Gates Of Slumber durchs CLASSIC ROCK-Land – dann jedoch nicht im Rahmen eines Festivals, sondern als Headliner. Das bedeutet: eine Setlist, die deutlich auf das Material von THE GUESSING GAME zugeschnitten sein wird. Wir sind gespannt.