Spannung UND soziales Gewissen, zu allem Überfluss auch noch mit reichlich Sozialrealismus angereichert? Das klingt eindeutig nach zuviel „sozial“. Doch so kann man sich irren. Denn wer sich ob dieser Vorurteile den zweiten Film von Südkoreas Regie-Hoffnung Na Honkjin („The Chaser”) entgehen lässt, verzichtet auf einen der besten Genrefilme des letzten Jahres. In dessen Mittelpunkt steht ein mittelloser Taxifahrer, der trotz Schulden und Kredithai-Drohungen die Finger nicht vom Spielen lassen kann. Immer tiefer rutscht er so in die Miesen, bis ihm sein Chef ein ebenso verlockendes wie lukratives Angebot macht: Von der wenig einladenden Grenze Nordkorea-China soll er nach Südkorea reisen und dort mit einem Auftragsmord sämtliche Schulden vergessen machen. Und gleichzeitig könnte der arme Tropf dort auch nach seiner verschollenen Gattin fahnden, die sich vor vielen Jahren ins gelobte Land aufmachte, um dort ihr Geld zu verdienen. Ungemein spannend, mit tiefen Einblicken in das gesellschaftliche Klima an der Peripherie des südostasiatischen Booms, erweist sich Hongjins Krimithriller als schlicht großes Genrekino.
The Yellow Sea
Dame König As Spion
Autor John Le Carré kennt sich bestens aus im Geheimdienstgeschäft. Als Mitarbeiter beim britischen MI6 sammelte im Lauf von sechs Jahr-zehnten Erfahrungen und lieferte bereits frühzeitig interessante Innenansichten des Spionagegeschäfts. Die Authenzität seiner Geschichten, von Hollywood mit Verfilmungen wie „Der Spion, der aus der Kälte kam” und „Krieg im Spiegel” gewürdigt, geben trotz aller Dramatisierungen spannende Einblicke in die Atmosphäre aus Paranoia und Kalkül, die Kalten Krieg auf der Tagesordnung stand. Der Schwede Tomas Alfredson („So finster die Nacht”) widmet sich nun dem bekanntesten Protagonisten der Carré-Romane, dem Anti-Bond George Smiley. Großartig verkörpert von Gary Oldman, soll Smiley Mitte der siebziger Jahre einen sowjetischen Doppelagenten in den höchsten Kreisen der britischen Intelligence Organisation ausfindig machen. Statt den gängigen wilden Verfolgungsjagden und Faustkämpfen liefert der komplexe und bestechend gute Spionagethriller ein brillant besetztes Film-Puzzle, das mit scharfer Charakterzeichnung und dichter Atmosphäre besticht.
Community – Season 1
Comedy-Serien, die sich nicht auf den kleinsten gemeinsamen Humornenner einlassen und sich nicht auf Derb-Pointen, Altherren-Kalauer und Sitcom-Klischees verlassen, haben keinen leichten Stand. So sehr sie von Kritikern und einem eingeschworenen Fankreis auch geliebt werden, stimmen die Einschaltquoten und Werbeein-nahmen nicht, zählt Qualität wenig, die offensichtlichen PayTV-Kandidaten wie „Curb Your Enthusi-asm” und „Louie” einmal außen vor. So wie es einst die Serien-Genialität „Arrested Development” traf, die trotz Preisauszeichnungen, überschwänglichen TV-Kolumnisten und begeistertem Publikum nach nur drei Staffeln ihr Ende fand, scheint es auch der College-Serie „Community” zu ergehen. Nach ebenfalls drei Staffeln schien die Geduld der Programm-verantwortlichen am Ende, von der baldigen Abset-zung der Serie wurde gemunkelt. Vorerst scheint „Community” gerettet – die Beobachtung, dass sich kommerzielle Interessen der Sender und der ungewöhnliche Cocktail skurrilen Humors der Macher nicht vertragen, überrascht jedoch wenig.
Im Mittelpunkt der Serie steht eine Gruppe frisch gebackener Studenten, die sich am qualitativ eher als lausig zu kategorisierenden Community College von Greendale einfinden. Die öffentlich finanzierten Lehranstalten genießen bei amerikanischen Bil-dungskarrieristen grundsätzlich keinen guten Ruf – und die Studienfrischlinge können diese Einschät-zung nur unterstreichen: ein Anwalt ohne Zulassung, eine einst tablettensüchtige Streberin oder der schwerreiche Seniorenstudent sind da nur einige der Wissenshungrigen, die sich auf das Abenteuer „zweiter Bildungsweg” einlassen. Die Mischung aus genialen Pointen, die auch einmal über drei Seasons hinweg aufgebaut werden, um dann im Hintergrund verheizt zu werden, augenzwinkerndem Meta-Hu-mor, der Genres, Filmklassiker und Klischees aufs Korn nimmt, und genug frischen Ideen, um damit sechs eigene Sitcoms zu starten, macht aus „Com-munity” eine großartige Comedy-Serie. Die sich offensichtlich mit ihrer eigenen Genialität ein Bein stellt. Für die deutsche Synchro übernehmen wir keine Haftung, OV ist hier Pflicht!
Frank Schäfer – BEING JIMI HENDRIX. EIN ESSAY
Wirklich aufregende Worte über den Gitarrenmeister
Über Jimi Hendrix ist natürlich alles Wichtige längst gesagt. Gut. Dann können wir endlich dazu übergehen, die wirklich aufregenden Worte über den Gitarristen, Sänger, und Zerstörer von Hörgewohnheiten zu verlieren. Diesem Buch gelingt es. Zunächst klingt das so la la: kleines Bändchen von nur 96 Seiten aus einem, wenn auch beachtenswerten, doch weithin unbekannten Verlag, der zudem noch in der Pampa verortet ist. Meine bei Braunschweig ist der Sitz von Andreas Reiffers Familienbetrieb. Doch bereits der Einstieg lässt erahnen, dass der Autor Frank Schäfer hier das Duell aufgenommen hat: Wenn ich schon über so eine Größe schreibe, dann muss ich ihr auf Augenhöhe begegnen, diesen Kampfgeist atmet jede Zeile von „Being Jimi Hendrix“. Es beginnt mit Szenen in „Land-Rock-Discos“ wie Panopticum oder Schlucklum in Lucklum und einer Szene, die schildert, unter welchen Bedingungen noch in den 1980er Jahren die so genannte Black Music gehört wurde. Von dort aus geht es noch weiter zurück in die Zeit von Hendrix, doch auch hier bindet Frank Schäfer immer wieder ein, wie er Hendrix hört, wie seine Bekannten Hendrix erlebt haben. Und am Ende, nach dem Tod des Helden, liefert Schäfer abermals jede Menge Zeitkolorit, indem er den absurden Text von „Jimi, oh Jimi Hendrix“ abdruckt: der Versuch eines Pfarrers, den Drogenesser Hendrix post mortem in die Dienste der Drogenaufklärung einzugliedern. Ein kluges Stück Unterhaltung.
Holy Motors
Oha. Regisseur Leos Carax, enfant terrible des französischen Kinos, begibt sich auf Lynch-Terrain. Carax‘ Hang zum Surrealen ist dabei nicht neu, mit seinem Arthaus-Rundumschlag geht er einen entschiedenen Schritt Richtung bizarrem wie faszinierendem Experimentalkino, nachdem Carax‘ fünf Jahre dauernden Versuche genügend finanzielle Mittel für eine Big Budget-Produktion loszuseisen, scheiterten. Carax zog seine Lehren und zeigt mit „Holy Motors” einen Film über die Digitalisierung und Atomisierung der Gesellschaft. Dabei folgen wir dem Protagonisten DL (Denis Lavant) durch seinen Arbeitstag, der defintiv in den Bereich „seltsam” fällt: DL wird morgens in seiner Limo von einem Anwesen abgeholt. Im Fond der Luxuskarosse bereitet er sich auf die Ter-mine des Tages vor, die unter anderem beinhalten, sich als altes Muttchen zu verkleiden und an Touri-Sehenswürdigkeiten zu betteln. Oder aber im grünen Leprechaun-Anzug durch die Kanalisation zu tollen, um Eva Mendes von einem Fotoshoot zu entführen und anschließend ihre Haare zu essen. Als wilder Streifzug durch die Filmgenres bleibt Carax dabei stets überraschend bis derangiert. Eine brillantere Inkantation der puren Magie des Kinos gab es jedoch selten.
This Ain’t California
Einerseits die Dokumentation „Dogtown“ und „Z-Boys“, andererseits der darauf basierende Spielfilm „Lords of Dogtown” widmen sich beide dem gleichen Thema mit verschiedener Herangehensweise: den Köpfen des kalifornischen Skateboardings rund um die berühmte Zephyr-Crew. Fakt und Fiktion, Doku-Ansatz und Rekonstruktionen verbindet jetzt das deutsche Äquivalent zum Dogtown-Phänomän sehr viel spielerischer zu einem wunderbaren Seitenblick auf die jüngere deutsche Geschichte. Filmemacher Martin Persiel beleuchtet eine Bewegung, die aus heutiger Sicht wie ein Widerspruch wirkt: Skateboard in der DDR. Anhand alter Super-8-Privat-filme, TV-Material, nachgestellten Aufnahmen und stimmungsvollen Interviews erzählt Persiel das Leben des Skaters Denis, der gemeinsam mit seinen Freunden in den letzten Jahren der SED-Herrschaft das „Rollbrettfahren” für sich entdeckt und damit die Einstellung einer jungen Generation repräsentiert, die von der zentralen Staatsmacht kaum noch verstanden wird. Innovativ in seiner Collage eines Lebensgefühls und die Grenzen des Dokumentarfilms austestend, ein mitreißender Film über … auch wenn’s schmalzig klingt … den Freiheitsdrang im totalitären System.
Cabin In The Woods
Horrorbrachialitäten, die sich mit ernster Miene durchs Genre-Unterholz metzeln, gibt es genügend. Dass dabei die eigene Seriö-sität schnell unfreiwilliger Komik weichen kann, kennt jeder, der schon einmal in der Mitternachts-vorführung eines mittelmäßigen Gruselschockers amüsiertes Kichern statt Laute des Schreckens von seinen Sitznachbarn vernommen hat. Die Lösung liegt nahe, verlangt vom jeweiligen Filmemacher jedoch mehr Fingerspitzengefühl als eine Bomben-entschärfung: Humor. Denn besser lässt sich dem gesättigten Publikum wohl kaum die Formelhaftigkeit des Genres vor Augen führen als mit einigen selbstreferentiellen Seitenhieben und einem gewissen Maß an Selbstironie. Hier ist es ein Duo aus Genre-kennern, die beste Referenzen mitbringen, um diese Heldentat zu wagen: Produzent Joss Whedon, dessen Avengers-Abenteuer eines der Highlights der Blockbuster-Saison stellte und der sich mit Vam-pirschlächterin „Buffy” als Experte für selbstironischen Horror andient, sowie Regisseur Drew God-dard, der als Autor für „Buffy”, „Angel”, „Alias” und „Lost” so etwas wie die Quadriga des Geek-TVs in seinem Lebenslauf vereint. Die Ausgangssituation ihres Horrorslashers ist altbekannt: Fünf Teenager suchen in idyllischer Abgelegenheit nach dem Frei-raum, sich hedonistischen Genüssen von Alkohol bis Sex hinzugeben. So etwas endet nach dem kleinen Horror-1×1 bekanntermaßen stets in jeder Menge Spontanamputationen und Blutverlust samt Todes-folge. Mit einem kleinen aber genialen Dreh persiflieren Whedon und Goddard die Klischees des Genres ohne zu vergessen, an der Terrorschraube zu drehen. Denn tief unter der abgelegenen Hütte, in der die Jugendlichen feiern, manipulieren zwei zynische Wissenschaftler sämtliche ihnen zur Verfügung stehenden Variablen, um in einer Mischung aus „Tru-man Show” und Gore-„Big Brother” ihre undurchsichtigen Ziele zu verfolgen. Dank wunderbar hakenschlagendem Drehbuch zeigt sich „Cabin In The Woods” großartig zwischen Spoof und knallhartem Horror platziert und führt einen spielerischen Umgang mit dem Genre, der vielen anderen blutrünstigen Slashern ebenfalls gut zu Gesicht stehen würde.
Game Of Thrones
Mit einer Multimillionen Dollar teuren Fantasy-Serie anzutreten, die auf der unfertigen Buchreihe des Autors George R.R. Martin beruhte, war selbst für den erfolgsverwöhnten Pay-TV-Sender HBO eine mutige Entscheidung: Fantasy haftet immer noch das Stigma des Nerdigen an, bekannte Gesichter gab es außer Sean Bean auf der Besetzungsliste nicht auszumachen, die Aufgabe, glaubhaft eine vollkommen fremde Welt zu erschaffen, erschien diffizil. Was die er-ste Season von „Game Of Thrones“ dann aber bietet, ist nichts weniger als die neue Messlatte für jegliche Form von historischem oder fiktionalem Mittelalter-Spektakel.
Im Mittelpunkt der Ereignisse steht das Adelshaus Stark, das im hohen Norden des Kontinents Westeros herrscht. Mit der Aufgabe betraut, die nördliche Grenze gegen die barbarischen Wildlinge zu verteidigen, ist Clan Stark mit seinem Anführer Eddard (Bean) militärisch wichtiger Eckpfeiler der Sieben Königreiche. Die Zeiten des Friedens sind jedoch vorbei, die Omen künden von stürmischen Zeiten. Während die Königreiche untereinander um Machtpositionen ringen, kündigt sich ein neu-er Angriff aus dem Norden an. Gleichzeitig sammelt die enteignete und verstoßene Prinzessin Daenerys auf der anderen Seite des Ozeans eine Streitmacht, um sich ihren Thronanspruch zu sichern.
Was nur ein verschwindend kleiner Teil der schwelenden Konflikte, intrigenreichen Machtkämpfe und des Dutzende Personen umfassenden Figurenpersonals ist, mit denen Martin hier jongliert. Diese komplexen Beziehungen darzustellen, hunderte Jahre unbekannter Historie spannend zu verpacken und eine ab der ersten Minute faszinierende Fantasywelt zum Leben zu erwecken, ist eine nicht hoch genug zu lobende Leistung.
Womit HBO vollkommen zu Recht mit „Game Of Thrones“ das nächste Juwel dem Kronschmuck hinzufügen darf. Denn sehr viel besser als diese Fantasy-Extravaganz ist Fernsehen nur sehr selten.


