Vielleicht ist ja alles nur Einbildung, und vielleicht interpretiert man hier auch etwas in die Musik hinein, was so gar nicht vorhanden ist, wenn man die Songs auf NEW HAVEN von The Chant hört, aber irgendwie sieht man scheinbar die spröde Wald- und Moorlandschaft Lapplands an seinem geistigen Auge vorbeiziehen. A HEALING PLACE hieß der nicht minder gelungene Vorgänger und war ebenso wie NEW HAVEN ein Ausbund an künstlerischem Tiefgang und feinem Gespür für eindringliche Sounds. Dies hier ist also die insgesamt vierte Veröffentlichung der Finnen und dokumentiert damit, dass die Band lange bereits ihren eigenen Stil gefunden hat. Allerdings: In Punkto Dunkelheit und Melancholie sind die neuen Songs noch eine ganze Portion extremer und gewagter als die Kompositionen ihrer drei vorherigen Veröffentlichungen.
The Chant – NEW HAVEN
Kenziner – THE LAST HORIZON
Obwohl niemand sie so wirklich vermisst hatte, zeigen die wiederbelebten Kenziner mit ihrem Comeback-Album THE LAST HORIZON, dass sie der Prog-Metal-Szene irgendwie doch gefehlt haben. Ihre tiefmelodischen Gesänge, der astreine Sound, die tadellosen handwerklichen Fertig-keiten aller Beteiligten, die Mischung aus progressiven und klassischen Attitüden, dies alles macht THE LAST HORIZON zu einem wahren Ohrenschmaus. Als ob die fast 15-jährige Pause spurlos an den Musikern vorbeigegangen ist, schmirgelt die finnische Band ihr Songmaterial trotz aller traditionellen Ausrichtung auf einem topaktuellen Niveau und ist in dieser Verfassung sicherlich eine lohnenswerte Alternative zu Symphony X, Eldritch oder sogar Dream Theater.
Saga – LIVE-EP
Als Anhängsel der neuesten Studioveröffentlichung SAGACITY und gleichzeitig Vorbote der anstehenden Double-Headlining-Europatournee mit den Kollegen von Magnum präsentieren Saga eine Live-EP mit fünf Klassikern wie ›Wind Him Up‹, ›On The Loose‹ und ›Careful Where You Step‹. Hand aufs Herz: So gut ihre Hits auch sein mögen, aber Liveaufnahmen gibt es mittlerweile weiß Gott ausreichend von den kanadischen Progrockern. Spannend wird vermutlich erst wieder das kommende Studiowerk, wenn Michael Sadler und seine Kollegen beweisen müssen, dass sie kompositorisch auch jetzt noch Profundes zu sagen haben.
Voyager – V
Eine Crowdfunding-Kampagne machte es möglich, dass die australischen Voyager auch 2014 ihre Musik ohne Einflussnahme Außenstehender umsetzen konnten. Die 13 Songs auf V mischen auf ganz wunderbare Weise Rock, Metal, Prog und Pop und dürften damit ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Dabei scheint ihre geschäftliche Vorgehensweise Teil eines übergeordneten Konzepts zu sein, denn mit dieser überzeugenden Musik hätte die Band sicherlich problemlos eine größere (und damit auch erfreulich zahlungskräftige) Plattenfirma finden können. Doch eigenwillig und selbstbewusst wie eh und je behaupten sich Voyager auch wirtschaftlich am Markt, unterwerfen sich weder konzeptionell, künstlerisch noch geschäftlich irgendeinem Diktat, sondern bleiben so erfrischend vielschichtig und spielfreudig, wie man es bereits auf ihrem 2011er-Werk THE MEANING OF I entdecken konnte.
Howlin’ Rain – LIVE RAIN
Stürmischer Woodstock-Rock voll blühender Flower-Power.
Ein mächtiger Bart ziert das Gesicht von Sänger/Gitarrist Ethan Miller, eine Haartracht, die an Rick Rubin erinnert. Bis vor kurzem war die Band aus San Francisco auch noch bei Rubins American Recordings (bzw. dessen Sub-Indie Birdman Records) unter Vertrag. Ganz offensichtlich gefiel dem einflussreichen Produzenten der Stil des Vierers, der aus Psychedelic, Blues und Rock besteht. Mit seiner vorigen Band Comets On Fire hatte Ethan Miller sich einen Kult-Status erarbeitet. Howlin’ Rain – seit 2008 aktiv – tönen weniger avantgardistisch, die meisten Einflüsse der Hippie-Kapelle stammen aus der Zeit zwischen 1965 und 1975. Auf dieser Live-CD (Doppelalbum als Vinyl) offerieren Howlin’ Rain ausgedehnte Rocksongs und kosmische Balladen mit stürmischen Gitarrensoli, Schlagzeug-Ausflügen und Millers melodramatischen Gesängen. Elemente von Hendrix, Ten Years After, The Who, Grateful Dead und Santana tauchen auf. Fazit: Howlin’ Rain hätte bestens ins Programm von Woodstock gepasst.
Sivert Høyem – ENDLESS LOVE
Nordisches Morgengrauen-Moll im Breitwandformat.
Als Frontmann der gegenwärtig auf Eis liegenden Madrugada etablierte Sivert Høyem einen gleichsam melancholischen wie dynamischen Stil. Mit eigenwilligen Alben wie INDUSTRIAL SILENCE (’99), THE NIGHTLY DISEASE (’01) und THE DEEP END (’05) erspielte sich die Truppe aus Stokmarknes Akzeptanz weit über Norwegens Grenzen hinaus. Vor allem Høyems zwischen Scott Walker und Mark Lanegan angesiedelter Bariton sorgten für Wiedererkennungswert. In etwa gleichem stilistischen Spannungsfeld entwickelt sich auch die Solokarriere des Vokalisten, Gitarristen, Komponisten und Texters. Mit ENDLESS LOVE, dem fünften Werk im Alleingang, bündelt Høyem sämtliche Kreativhöhenflüge der vergangenen 15 Jahre und liefert einmal mehr gewohnt Anspruchsvolles: Sakrale Kirchenorgel und kraftvoller Duane-Eddy-Gitarren-Twang lenken im hypnotischen Titelsong gleich zu Auftakt in die richtige Richtung. ›Enigma Machine‹, jenes Chiffriergerät, mit der das deutsche Militär im Zweiten Weltkrieg wichtige Nachrichten verschlüsselte, dient als Metapher für einen runden Ohrwurm, der David Bowies STATION TO STA-TION zumindest als Textzeile zitiert. Als empathische Gospel-Hymne empfiehlt sich ›Hand-some Savior‹. Nancy Sinatras Arrangement von ›Bang Bang (My Baby Shot Me Down)‹ stand offensichtlich Pate für die introspektive Zeitlupenode ›Little Angel‹. Sein Vintage-Gretsch-Modell an die Grenzen der Belastbarkeit bringt Mr. Høyem im heftig auf Rockabilly getrimmten ›Wat Tyler‹, einer Hommage an gleichnamigen englischen Bauernführer des 14. Jahrhunderts. „I was alone… I was a rolling sto-ne…“, schallt es im verhallten Blues-Stil zu tiefen Klavierakkorden im Intro von ›Görlitzer Park‹ – und der geneigte Hörer fragt sich, was in Berlins Grünfläche im Ortsteil Kreuzberg wohl passiert sein mag, dass der 38 Jahre alte Norweger gleich ein derart gigantisches Breitwandopus mit schleppendem Rhythmus danach benennt. Besinnlich gestaltet sich der Ausklang mit einem weiteren Sakralopus, ›At Our Evening Table‹, sowie der filigranen Akustikballade ›Ride On Sister‹. Schlicht perfekt!
IQ – THE ROAD OF BONES
Prog Rock in Vollendung: So machen Dramatik und Tiefgang Spaß!
Um Qualität und Niveau braucht man sich nie Sorgen machen, wenn der britische Prog-Rock-Großmeister Peter Nicholls mit seiner Band IQ ins Studio geht. Die Frage lautet vielmehr: Wie heavy werden diesmal die neuen Songs? Und wie dunkel/melancholisch? Und dann noch: Wie viel Jazz findet man, wie viele Zugeständnisse an den Mainstream? Nun, für THE ROAD OF BONES gilt: Peter Nicholls wird allem und jedem gerecht, also seinen langjährigen Fans, neu Interessierten, aber auch Kritikern und Kollegen. Denn der Mann hat den guten Geschmack gepachtet, führt seine Mitmusiker mit klarer Stimme und wunderbar poetischen Texten durch unterschiedliche Stimmungen. Im knapp neunminütigen Titeltrack erreichen IQ die künstlerischen Höhen von Yes, mischen Dramatik mit Tiefgang und nehmen sich die Zeit, jede Idee in voller Ausdehnung zu zelebrieren. Mittelpunkt des neuen Albums ist das fast 20-minütige ›Without Walls‹, das vermeintlich unscheinbar mit sanfter Klavierpassage startet und sich sukzessive zu einer wahren Hymne mit unzähligen Quer- und Gegenbewegungen aufbäumt. Gerade hier zeigt sich, wozu IQ generell und Nicholls Stimme im Besonderen in der Lage sind: einen Spannungs-bogen auch über mehr als zeitlich begrenzte Radioformate aufrechtzuerhalten, ohne den roten Faden zu verlieren oder den Zuhörer zu überfordern. Ziemlich kunstvoll.
Johnny Crash – FIGHT THE CAUSE
Cash, Crow und Co. im AC/DC-Gewand.
Auf BEYOND THE HIGHWAY TO HELL (2012) verpackten Johnny Crash Johnny-Cash-Lieder in AC/DC-Gewänder. Somit begingen die Augsburger gleich zwei Sakrilege, doch das Ergebnis gab ihnen Recht: Cash hinterließ im Pubrock-Rahmen eine ordentliche Figur. 2014 drehen Johnny Crash neben Cash auch andere Künstler durch den australischen Wolf und präsentieren eine Hand voll eigener Songs. Der erste und mit Abstand stärkste, ›Fight The Cause‹, klingt dann auch gleich, als sei Bon Scott auferstanden und zu AC/DC zurückgekehrt. In Sachen Coverversionen bescheren einem die Süddeutschen weiterhin gemischte Gefühle: Auf der einen Seite profitiert Sheryl Crows ›Redemption Day‹ von tollen Stones-Leads, auf der anderen brechen Johnny Crash am laufenden Band eiserne Regeln des „An diesen Stücken für die Ewigkeit sollst du dich niemals vergreifen“-Gesetzbuchs. Dazu zählen Cashs ›Man In Black‹ und ›Get Rhythm‹ ebenso wie U2s ›One‹ oder Depeche Modes ›Personal Jesus‹. Dass Johnny Cash diese und andere Fremdkompositionen zu Lebzeiten glanz- und stilvoll interpretiert hat, bedeutet eben nicht, dass sich auch Normalsterbliche an ihnen vergreifen sollten…


