Eine Crowdfunding-Kampagne machte es möglich, dass die australischen Voyager auch 2014 ihre Musik ohne Einflussnahme Außenstehender umsetzen konnten. Die 13 Songs auf V mischen auf ganz wunderbare Weise Rock, Metal, Prog und Pop und dürften damit ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Dabei scheint ihre geschäftliche Vorgehensweise Teil eines übergeordneten Konzepts zu sein, denn mit dieser überzeugenden Musik hätte die Band sicherlich problemlos eine größere (und damit auch erfreulich zahlungskräftige) Plattenfirma finden können. Doch eigenwillig und selbstbewusst wie eh und je behaupten sich Voyager auch wirtschaftlich am Markt, unterwerfen sich weder konzeptionell, künstlerisch noch geschäftlich irgendeinem Diktat, sondern bleiben so erfrischend vielschichtig und spielfreudig, wie man es bereits auf ihrem 2011er-Werk THE MEANING OF I entdecken konnte.
Voyager – V
Saga – LIVE-EP
Als Anhängsel der neuesten Studioveröffentlichung SAGACITY und gleichzeitig Vorbote der anstehenden Double-Headlining-Europatournee mit den Kollegen von Magnum präsentieren Saga eine Live-EP mit fünf Klassikern wie ›Wind Him Up‹, ›On The Loose‹ und ›Careful Where You Step‹. Hand aufs Herz: So gut ihre Hits auch sein mögen, aber Liveaufnahmen gibt es mittlerweile weiß Gott ausreichend von den kanadischen Progrockern. Spannend wird vermutlich erst wieder das kommende Studiowerk, wenn Michael Sadler und seine Kollegen beweisen müssen, dass sie kompositorisch auch jetzt noch Profundes zu sagen haben.
Kenziner – THE LAST HORIZON
Obwohl niemand sie so wirklich vermisst hatte, zeigen die wiederbelebten Kenziner mit ihrem Comeback-Album THE LAST HORIZON, dass sie der Prog-Metal-Szene irgendwie doch gefehlt haben. Ihre tiefmelodischen Gesänge, der astreine Sound, die tadellosen handwerklichen Fertig-keiten aller Beteiligten, die Mischung aus progressiven und klassischen Attitüden, dies alles macht THE LAST HORIZON zu einem wahren Ohrenschmaus. Als ob die fast 15-jährige Pause spurlos an den Musikern vorbeigegangen ist, schmirgelt die finnische Band ihr Songmaterial trotz aller traditionellen Ausrichtung auf einem topaktuellen Niveau und ist in dieser Verfassung sicherlich eine lohnenswerte Alternative zu Symphony X, Eldritch oder sogar Dream Theater.
The Chant – NEW HAVEN
Vielleicht ist ja alles nur Einbildung, und vielleicht interpretiert man hier auch etwas in die Musik hinein, was so gar nicht vorhanden ist, wenn man die Songs auf NEW HAVEN von The Chant hört, aber irgendwie sieht man scheinbar die spröde Wald- und Moorlandschaft Lapplands an seinem geistigen Auge vorbeiziehen. A HEALING PLACE hieß der nicht minder gelungene Vorgänger und war ebenso wie NEW HAVEN ein Ausbund an künstlerischem Tiefgang und feinem Gespür für eindringliche Sounds. Dies hier ist also die insgesamt vierte Veröffentlichung der Finnen und dokumentiert damit, dass die Band lange bereits ihren eigenen Stil gefunden hat. Allerdings: In Punkto Dunkelheit und Melancholie sind die neuen Songs noch eine ganze Portion extremer und gewagter als die Kompositionen ihrer drei vorherigen Veröffentlichungen.
Riot Horse – THIS IS WHO WE ARE
Es braucht entweder ein gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung oder ziemlich dicke Eier, seinem Album den Titel THIS IS WHO WE ARE zu verpassen. In welche Kategorie Riot Horse fallen, wird auch ohne einen Blick in die Hosen der Beteiligten sehr schnell klar. Classic Rock, stolz den Rädelsführern Led Zeppelin oder Black Sabbath verpflichtet, dröhnt dreckig, markig und selbstbewusst aus den Boxen. Natürlich weder eine Offenbarung noch revolutionär, dafür aber vollgepackt mit all dem, was diese Musik so gut macht: Ein Sänger mit Mission, lässiger Drum-Groove, dröhnende Gitarren, verspielte Solos und akzentuierende Bass-Tupfer. Ja, so spielt man in Schweden und Dänemark Classic Rock! Hinter den länderübergreifenden Retro-Enthusiasten stecken allerdings auch keine Unbekannten, wie erwähnt werden sollte. Dass aber ausgerechnet Darkane-Sänger Andreas Sydow nach seinen Jahren im Dienste des Thrash Metals derart soulige, leidenschaftliche Rock-Töne anschlägt, darf durchaus als größte Überraschung auf THIS IS WHO WE ARE gewertet werden. Kein un-verzichtbarer Newcomer, aber eine schlicht schweinecoole Classic-Rock-Sause, die mit ›Didn’t See It Coming‹ einen der Psychedelic-Rock-Songs des Som-mers in petto hat. Reicht ja auch!
Rage – THE SOUNDCHASER ARCHIVES
Resteverwertung als Service für die harten Fans.
30 Jahre attackieren Rage mittlerweile die Trommelfelle der Metalverrückten und ein Ende ist nicht abzusehen. Höhen und Tiefen hat man durchschritten, Musiker kommen und gehen sehen, Mastermind Peavy Wagner steht aber unverwüstlich für den Namen Rage. Nun hat er in seinen Kellergewölben gewühlt und zum 30-jährigen Jubiläum unveröffentlichtes, skurriles, obskures und rares Bonusmaterial sowie unvollendete Songideen ausgebuddelt. Ein Sammelsurium an Hör- und unhörbarem Material- nicht selten wird die Schmerzgrenze überschritten. 30 Songs unterschiedlicher Phasen und musikalischer Qualität werden geliefert, und genau das ist der Schwachpunkt der Zusammenstellung. Warum nicht für solch ein Jubiläum einfach das Beste auspacken? Herr Wagner wird sich dabei schon was gedacht haben, das Ganze ist gut gemeint, aber nicht immer gut gemacht. In letzter Konsequenz erreicht man damit keine neuen Fans, sondern nur die Freaks, die alles brauchen. Da die 30 Songs ein Spektrum von einem bis zehn Punkte abdecken, gibt’s hier 5/10.
Picastro – YOU
Das Englische kennt den wunderbaren Begriff des „one-trick pony”, der eine Person oder Sache bezeichnet, die nur auf einem Gebiet nützlich oder kompetent ist. Hört man sich diese Kanadier an, könnte man durchaus auf den Gedanken kommen, ihre einzige Daseinsberechtigung bestünde darin, die wunderschön dissonanten Gitarrenklänge von Nine Inch Nails’ ›Hurt‹ als Basis für ihr gesamtes Schaffen zu verwenden. Jedes, wirklich jedes Lied lebt von dieser schrägen Morbidität, dem gewollten Unwohlklang. Das Erstaunliche dabei ist jedoch: Es funktioniert. Hat man sich mal auf dieses alles dominierende Prinzip eingelassen, öffnet sich die Tür zu einer Welt, in der psilocybingetränkter Mystizismus, zähnefletschende Sirenen und die finstersten Gestalten aus William S. Burroughs’ Fantasie verschmelzen. Wer die leichtverdaulichere Variante will: Freiburgs Krákow Loves Adana bevölkern die helleren Gefilde dieses Kosmos.
Night Ranger – HIGH ROAD
Ihre goldenen Zeiten hatten Night Ranger aus San Francisco in den 80ern, als sie mit ›Sister Christian‹, ›(You Can Still) Rock In America‹ oder ›Don’t Tell Me You Love Me‹ die Charts aufrollten. Die großen Arenen füllen die Musiker um Sänger/Bassist Jack Blades heute zwar nicht mehr, doch auch über 30 Jahre nach ihrer Gründung liefert die Band noch traditionellen Hard Rock von ordentlicher Qualität ab. Auf seinem elften Longplayer, HIGH ROAD, legt das Quintett mit dem Titelsong sowie ›Knock Knock Never Stop‹ und ›Rollin’ On‹ kraftvoll und eingängig los. Leider schleichen sich im weiteren Verlauf aber auch einige Durchhänger ein. Vor allem die obligatorischen Balladen wissen nicht immer zu überzeugen. Während ›Don’t Live Here Anymore‹ noch mit einer gewissen Melancholie und einem coolen Orgelsolo punktet, ist der kitschige Schmalzsong ›Only For You Only‹ schlichtweg unnötig. Auch in der harmlosen Popnummer ›Brothers‹ kriegen Night Ranger erst im letzten Drittel die Kurve. Dafür punkten die Hard-Rocker am Ende noch mal mit ›LA No Name‹, einem virtuosen Instrumental, das komplett auf Akustik-gitarren dargeboten wird. Insgesamt solide!



