Schmerzgeplagt nach operativen Eingriffen, durch eine gebrochene Hüfte und Arthritis. In Trauer ob des Verlusts einiger enger Freunde. Verfolgt von den Geistern der Sterblichkeit und Einsamkeit. Aus diesen Umständen hat Marianne Faithfull ein außergewöhnliches Album erschaffen, das nur so strotzt vor roher, gnadenloser Ehrlichkeit und überwältigender emotionaler Kraft. Mit mehr Originalen als sonst zeigt sie NEGATIVE CAPABILITY in Bestform, u.a. auf der bemerkenswerten Eloge auf ihre Freundin Anita Pallenberg (›Born To Live‹). Die Terrorattacken in Paris inspirierten sie zur Komposition ›They Come At Night‹ mit Mark Lanegan, und mit 71 kehrt sie zurück zu ›As Tears Go By‹, jenem Song von Jagger/Richards, der sie einst als engelsgleiche Klosterschülerin von 17 Jahren der Welt vorstellte. Es ist eine reichhaltige, bewegende und von Lebensweisheit kündende Darbietung von solch einer Stärke, dass sie etwa Johnny Cashs Interpretation von ›Hurt‹ oder Joni Mitchells 2000er-Neuauflage von ›Both Sides Now‹ in nichts nachsteht. Nick Cave steuert auf ›The Gypsy Fairie Queen‹ Gesang bei, die Produktion von Rob und Warren Ellis fängt jede noch so kleine Nuance der vorherrschenden Stimmung perfekt ein. Daran, dass Faithfull hier als unwiderstehlich fesselnde Grande Dame im Mittelpunkt steht, besteht keinerlei Zweifel. Es wird diesen Monat kaum eine bessere Platte geben, und auch im gesamten Jahr nur wenige, wenn überhaupt. Ein Juwel für die Ewigkeit.
Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz 30-21!
Platz 30: Monster Truck: TRUE ROCKERS (MASCOT/ROUGH TRADE)
Ein klassischer Monster Truck eben… Die Kanadier haben schnell zu ihrem eigenen Sound gefunden und präsentieren diesen auch – bis auf ein paar wenige, sehr radiotaugliche Ausnahmen – auf ihrem dritten Longplayer in Reinform. Anspieltipp: ›True Rocker‹
Platz 29: Fifth Angel: THE THIRD SECRET (NUCLEAR BLAST/WARNER)
Mit ihrer ersten neuen Platte nach 30 Jahren musikalischer Abwesenheit beweisen Bandchef Ken Mary und seine Engel eindrucksvoll, dass Heavy Metal der alten Schule keineswegs eingerostet klingen muss. Anspieltipp: ›Dust To Dust‹
Platz 28: Frank Turner: BE MORE KIND (POLYDOR/UNIVERSAL)
Der ursympathische Brite schafft es auch auf seinem siebten Album wieder, ernste Botschaften mit Witz, Charme und Offenherzigkeit zu transportieren – nicht zu vergessen mit eingängigen Pop-Rock-Folk-Songs ohne Allüren. Toll. Anspieltipp: ›Make America Great Again‹
Platz 27: Alice in Chains: RAINIER FOG (BMG/WARNER)
Es ist immer noch schwer zu glauben, dass sich die Ikonen aus Seattle vom Verlust Layne Staleys erholen konnten, ohne zu ihrer eigenen Tribute-Band zu verkommen. Die Bilanz bleibt unangetastet: alle Alben Volltreffer. Anspieltipp: ›The One You Know‹
Platz 26: Monster Magnet: MINDFUCKER (NAPALM/UNIVERSAL)
Dave Wyndorf ist immer dann am besten, wenn er richtig angepisst ist. Wie auf diesem furiosen, von räudiger Punk-Energie besessenen Rundumschlag gegen alles, was gerade schiefläuft. Rock’n’Roll will save us all! Anspieltipp: ›When The Hammer Comes Down‹
Platz 25: The Ace Of Cups: THE ACE OF CUPS (H’ART)
Ein Debütalbum, das erst 50 Jahre nach Bandgründung erscheint. Klingt wie aus dem Märchen, vor allem auch auf musikalischer Ebene. San-Francisco-Hippie-Classic-Rock mit ganz viel Herz. Anspieltipp: ›Pretty Boy‹
Platz 24: Ace Frehley: SPACEMAN (SPV)
Aktuell befinde er sich am Höhepunkt seiner schöpferischen Kräfte, deswegen sei ihm auch SPACEMAN so gut gelungen. Getrost kann man Herrn Frehley hier zustimmen und sich an seinem astreinen Rock’n’Roll erfreuen. Anspieltipp: ›Rockin’ With The Boys‹
Platz 23: Joan Baez: WHISTLE DOWN THE WIND (PROPER/H’ART)
Stimmen wie ihre sind rar geworden, dabei brauchen wir sie dringender denn je. Die große Friedensaktivistin legt einmal mehr – und hoffentlich nicht zum letzten Mal – die Finger in die Wunden der hohlen Heilsversprechen unserer zerrissenen Welt. Anspieltipp: ›Civil War‹
Platz 22: Brian Fallon: SLEEPWALKERS (ISLAND/UNIVERSAL)
Ob mit The Gaslight Anthem oder solo: Der Mann aus New Jersey hat einfach ein Händchen für energetische, emotional aufgeladene Rocksongs. Hier ist er oft ganz nah dran am mitreißenden Motown-Soul der 60er. Anspieltipp: ›If Your Prayers Don’t Get To Heaven‹
Platz 21: Billy F. Gibbons: THE BIG BAD BLUES (UNIVERSAL)
2018 und Billy is back. Und zwar exactemento genau so, wie wir ihn haben wollen: Bärtig, erdig, bengelig schmunzelnd und seine Pearly Gates in den knorrigen Händen haltend. Hach, er ist schon einfach ein cooler Opa, wie direkt aus dem Bilderbuch entsprungen, diese wandelnde Legende, die sich auf ihrem jüngsten Soloalbum THE BIG BAD BLUES wieder solide den eigenen Wurzeln zugewendet hat und bluesed was das Zeug hält. „Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues“ vereint der Gitarrist eigenen Angaben zufolge darauf. Die eher Kritischen unter uns konnten getrost innehalten und mussten nicht entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wie sie es vielleicht bei seinem vorletzten Streich namens PERFECTAMUNDO getan haben. Mr. Gibbons hatte wohl vorerst einmal wieder genug (Dank sei Gott dem Herrn) von Autotune, hispanischen Fantasiegeplapper, Salsa-Pop und pseudo-modernen Musikvideos, in denen er in irgendeiner mittelmäßigen Diskothek irgendeiner 25-Jährigen in knallrotem Minikleidchen auf den Allerwertesten gafft. Gut, die einzige spagnolische Ausnahme stellt dieses Mal vielleicht der wunderbar augenzwinkernde Textwist „I do your laundry and Guacamole, too“ im Cover von Bo Diddleys ›Crackin‘ Up‹ dar, aber für derartige Spielereien liebt man ihn schließlich. Neben eingängigen Eigenkompositionen wie ›Second Line‹, ›My Baby She Rocks‹ oder das von seiner Ehegattin Gilligan geschriebene ›Missin’ Yo Kissin’‹, die allesamt saftigen ZZ Top-Odor versprühen, zollt der Bärtige auf THE BIG BAD BLUES auch seinen größten Vorbildern wie Muddy Waters und Jerome Green ehrfurchtsvoll Tribut. Wenn Ikonen Ikonen ehren… Seltsamerweise gibt es nichts von BB King zu hören und das, obwohl selbiger sogar aufgrund seines Sonderstatus in Billys Leben zur Bandnamensfindung der Lil’ Ol’ Band aus Texas vor über 50 Jahren beigetragen hat. Als Begründung meint Gibbons: „BB King ist unantastbar“. Kann man so stehen lassen. Anspieltipp: ›Second Line‹ (Text: Jacqueline Floßmann)
Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz 40 bis 31!
Platz 40: The Marcus King Band: CAROLINA CONFESSIONS (FANTASY/UNIVERSAL)
Das blutjunge Songwriter-Wunderkind Marcus King präsentiert 2018 ein schillerndes Werk, das ihn und seine Bandmitglieder in einer musikalischen Homogenität zeigt, die gegenwärtig einzigartig sein dürfte. Anspieltipp: ›Goodbye Carolina‹
Platz 39: Slash: LIVING THE DREAM (ROADRUNNER/WARNER)
Während er die gefühlt zehnte Weltumrundung mit den reformierten Guns N’ Roses hinter sich brachte, schaffte es Slash nebenbei, sein bislang stärkstes Soloalbum mit Myles Kennedy und den Conspirators aufzunehmen. Anspieltipp: ›Sugar Cane‹
Platz 38: Rick Parfitt: OVER AND OUT (Earmusic/Edel)
Bis zu seinem Tod 2016 arbeitete der Status-Quo-Gitarrist an seinem Solodebüt. Benannt nach einem seiner Lieblingssprüche, ist es dieses Jahr erschienen. Es ist eine Mischung aus Balladen und Oldschool-Rock geworden. Anspieltipp: ›When I Was Fallin’ In Love‹
Platz 37: Nathaniel Rateliff & The Nightsweats: TEARING AT THE SEAMS (STAX/CAROLINE/UNIVERSAL)
Nathaniels zweites Studioalbum mit den Night Sweats strotzt dermaßen vor goldgelb gereiftem, knisterndem R&B- und Soul-Selbstverständnis, dass man ganz unaufgeregt auf die Jagd nach einem zweiten ›S.O.B.‹ verzichten konnte. Anspieltipp: ›You Worry Me‹
Platz 36: Jon Spencer: JON SPENCER SINGS ALL THE HITS (IN THE RED/CARGO)
Eigentlich kann man sich bei diesem in Stein gemeißelten Namen gar nicht vorstellen, dass erst 2018 die Zeit für Jon Spencers Solodebüt gekommen war. Auch alleine zeigt er sich als kompromisslos sound-subversiver, sexy Fuzz- und Rumpel-König des maximal verzerrten Garagen-Rock und -Soul – und schillernder Selbstironie. Anspieltipp: ›I Got The Hits‹
Platz 35: DeWolff: THRUST (MASCOT/ROUGH TRADE)
Holland ist nicht gerade berühmt für großkalibrige Rockacts, doch De Wolff fahren trotz ihres noch jungen Alters von jeher riesige Geschütze auf, so auch auf ihrem virtuosen Werk THRUST. Retro und doch ganz eigen. Anspieltipp: ›Big Talk‹
Platz 34: David Crosby: HERE IF YOU LISTEN (MBG/WARNER)
Die Kreativsträhne hält an: Gemeinsam mit Michael League, Michelle Willis und Becca Stevens veröffentlicht der Folkrock-Altmeister sein viertes Album in fünf Jahren. Inklusive Seitenhieb gegen Donald Trump. Anspieltipp: ›1974‹
Platz 33: The Night Flight Orchestra: SOMETIMES THE WORLD AIN’T ENOUGH (NUCLEAR BLAST/WARNER)
Mit ihrem radiotauglichen AOR, der bisweilen auch nach melodischer Meat-Loaf-Musicalbühne klingt, treffen die Schweden – was immer noch untypisch für eigentliche Death-Metaller ist – mitten ins Glücks-Zentrum. Anspieltipp: ›Barcelona‹
Platz 32: The Magpie Salute: HIGH WATER I (MASCOT/ROUGH TRADE)
Dass sich die Robinson-Brüder nicht vertragen, ist nach wie vor traurig, aber immerhin beschert uns dieser Zwist zwei tolle Bands. The Magpie Salute ist die Griffigere der beiden und begeistert auf ganzer Linie mit herzerwärmend klassischem Rock. Anspieltipp: ›For The Wind‹
Platz 31: Roger Daltrey: AS LONG AS I HAVE YOU (POLYDOR/UNIVERSAL)
Was für ein unfassbares Glück, dass er nicht gestorben ist, bevor er alt wurde. Der The-Who-Frontmann zählt mittlerweile 74 Lenze und brilliert mit kraftvollem Soulrock, der uns glatt die Hauptband vergessen lässt. Einfach schön. Anspieltipp: ›Get On Out Of The Rain‹
Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018!
Platz 50: Thunderpussy: THUNDERPUSSY (REPUBLIC/UNIVERSAL)
Ein Debüt, so abwechslungsreich und frisch – irgendwo zwischen Indie und Rock’n’Roll –, dabei so unprätentiös und gut gemacht, dass einem die Spucke wegbleibt. Und live sind diese Damen ein echtes Erlebnis. Anspieltipp: ›Speed Queen‹
Platz 49: Shakey Graves: CAN’T GET UP (DUALTONE/SPV)
Der texanische alt.Folk-Troubadour ist hiermit seinen Bandcamp-LoFi-Anfängen endgültig entwachsen. CAN’T WAKE UP changiert farbenfroh zwischen Ryan-Adams-Indie-Rock und Disney-eskem Chamberfolk. Anspieltipp: ›Mansion Door‹
Platz 48: Buddy Guy: THE BLUES IS ALIVE AND WELL (SONY)
Ein variantenreiches Blues-Album, das Jagger, Richards und Beck zu seinen Gastmusikern zählt und von Buddy Guy höchstpersönlich kuratiert wird: Kann da etwas schief gehen? Mit Sicherheit nicht…. Anspieltipp: ›Cognac‹
Platz 47: Judas Priest: FIRE POWER (COLUMBIA/SONY)
Rob Halford und seine Band-Kollegen können es noch immer und haben mit FIREPOWER voraussichtlich eines der letzten wichtigen (klassischen) Heavy-Metal-Alben in der Geschichte des Genres veröffentlicht. Anspieltipp: ›No Surrender‹
Platz 46: Steve Kilbey : SYDNEY ROCOCC (GOLDEN ROBOT/SOULFOOD)
Lässig und souverän, aber auch verspielt kreativ fasst der The-Church-Frontmann auf seinem 14. Soloalbum die Erfahrung aus 40 Jahren im Alternative-Rock zusammen. Ein später Karrierehöhepunkt für die australische Ikone Anspieltipp: ›Lagoon
Platz 45: Seasick Steve: CAN YOU COOK? (BMG/WARNER)
Der Erfolg kam spät, aber er kam. Mittlerweile ist der US-Songwriter bei seiner achten Platte angekommen. Auch dort richtet er sich zwischen Blues, Country und Folk ein – und klingt dabei alles andere als gestrig. Anspieltipp: ›Last Rodeo‹
Platz 44: Reef: REVELATION (EARMUSIC/EDEL)
18 Jahre hat die neue Platte auf sich warten lassen und wandert irgendwo gemächlich an der unscharfen Grenze zwischen (auffällig unerwartetem) Hardrock, Pop und Gospelsoul entlang. Anspieltipp: ›First Mistake‹
Platz 43: Lucifer: LUCIFER II (CENTURY MEDIA/SONY)
Viele springen jüngst auf den Okkult-Zug auf, doch nur wenige wirken dabei authentisch. Lucifer um Johanna Sadonis und Nicke Andersson hingegen verkörpern ihn perfekt, diesen doomigen Vibe mit erotischer Note, und füllen ihn noch dazu mit Seele. PS: Das Stones-Cover ist echt cool. Anspieltipp: ›Reaper On Your Heels‹
Platz 42: Joe Bonamassa: REDEMPTION (MASCOT/ROUGH TRADE)
Der Duracell-Hase des Bluesrock schafft es auch auf seinem gefühlt 64. Album, uns neue Facetten zu zeigen und mit einer Extraportion Power unter die Haut zu gehen – gewohnt exquisite Saitenkunst natürlich inklusive. Anspieltipp: ›Redemption‹
Platz 41: The Vintage Caravan: GATEWAYS (NUCLEAR BLAST/WARNER)
Islands junge Rock-Hoffnung sorgt längst für eine eigene Duftmarke in der Welt der harten psychedelischen Musik – mit Songs, die den Rock-Zeitgeist der 60er- und 70er-Jahre eindrucksvoll wieder aufleben lassen. Anspieltipp: ›Reflections‹
Der niederländische Songschreiber hat ein Album mit rein instrumentalen Liedern aufgenommen. Warum er so was macht? Er hat’s uns verraten.
Eine Vorliebe fürs Experimentelle und Psychedelische hatte Jacco Gardner ja schon immer. Doch waren die Klangerkundungen auf seinen beiden ersten Platten CABINET OF CURIOSITIES (2013) und HYPNOPHOBIA (2015) noch schmückendes Beiwerk zu den in Folkrock und 60s-Pop verwurzelten Stücken, so sind sie jetzt die Hauptsache. „Das Verhältnis hat sich umgedreht verglichen mit meinen ersten beiden Alben“, erklärt Gardner.
Der Titel der neuen LP, SOMNIUM, kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: Traum. Und Träume interessierten den Multi-Instrumentalisten schon immer. Allerdings gar nicht so sehr ihr konkreter Inhalt, sondern vielmehr die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt. Sie symbolisieren für ihn so etwas wie „die Tür zum Geheimnisvollen und Wundersamen“. Die Leute würden heute so sehr mit Informationen zugeschüttet, findet Gardner, da sei es fast nicht mehr erlaubt, ein Träumer zu sein, seiner Einbildungskraft freien Lauf zu lassen.
„Mein Album ist darauf ausgelegt, deine Einbildungskraft frei fließen zu lassen“ (Jacco Gardner)
SOMNIUM bezieht sich aber auch auf ein ganz konkretes Werk, nämlich das gleichnamige Buch von Johannes Kepler aus dem 17. Jahrhundert. Darin beschreibt der Autor die Erfahrung einer Reise zum Mond – rein aus der Fantasie natürlich. „Vieles von dem, was er schildert, stimmt wirklich mit dem überein, was man erlebt, wenn man im Weltraum unterwegs ist“, erklärt Gardner. „Diese Zukunftsvision, die doch nur aus seiner Vorstellung kommt, ist erstaunlich.“ Ganz allgemein interessiere er sich für die Zeit Keplers, in der Wunder, Vorstellungskraft, Zeichen und Symbole zu einer einzigen Realität verschmolzen seien. Eben diese Seite der Wirklichkeit, die man vielleicht als traumartig beschreiben kann – und die auch in der bewusstseinserweiternden Erfahrung des Drogenrauschs zugänglich sei, wie Gardner noch hinzufügt – wolle er in seiner Musik erlebbar machen. Damit uns der Sinn für die Fantasie, für unser Einbildungsvermögen nicht abhanden kämen.
Um das zu erreichen, verzichtet der Niederländer auf quasi alles, was einen in sich geschlossenen Poptrack ausmacht, auch auf den Gesang. Stattdessen orientiert er sich an Musikern wie Mike Oldfield, Vangelis oder deutschen Experimental- und Ambient-Spezialisten wie Tangerine Dream und Hans-Joachim Roedelius. Die Stücke auf SOMNIUM fließen ineinander, sie klingen spacig, elektronisch-verschnörkelt und verträumt. Und sie sind ganz klar dafür gemacht, am Stück gehört zu werden.
In Streaming-Zeiten sei das leider nicht mehr üblich, sagt Gardner, sich wirklich in etwas zu vertiefen. Doch das ermutige ihn nur noch mehr, sein eigenes Ding zu machen. „Mein Album ist darauf ausgelegt, deine Einbildungskraft frei fließen zu lassen“, macht er klar. Und er hat Recht, das gelingt einem beim Song-Hopping auf Spotify nicht mehr allzu oft.
Heute jährt sich Joe Cockers Todestag zum vierten Mal. Mit dem ‚Video der Woche‘ gedenken wir seinem vielleicht legendärsten Auftritt überhaupt…
Heute vor vier Jahren ist der große Joe Cocker gestorben. In Gedenken an den Sänger mit der markanten Reibeisenstimme gibt es im ‚Video der Woche‘ einen seiner wohl berühmtesten Auftritte überhaupt zu sehen. 1969 trat Cocker beim Woodstock-Festival auf und machte sich vor allem mit seiner Version des Beatles-Songs ›With A Little Help From My Friends‹ frühzeitig zur Legende.
Von der gleichen Show gibt es heute die Performance von ›Let’s Go Get Stoned‹ zu sehen. Der Song stammt im Original von The Coasters, wurde durch Ray Charles zum Hit und diente Cocker als Opener seines Woodstock-Auftritts, wahrscheinlich, weil der Text recht gut zur Stimmung auf dem Event passte…
Ihr glaubt, die besten Alben dieser oft belächelten Dekade zu kennen? Dann lasst euch eines Besseren belehren. Wir präsentieren die Platten, die wirklich wichtig waren.
Willkommen zu unserem monumentalen Countdown der WAHREN 100 besten Alben der 80er – der Auswahl für echte Kenner. Bitte hereinspaziert zu Platz fünf:
5 Aerosmith: DONE WITH MIRRORS Geffen, 1985
TOXIC WINS! Die Kritiker hassten sie, ihr Vermögen war weg und sie waren den Drogen verfallen – 1979 lösten sich Aerosmith im Streit auf. Als sie sich endlich wieder zusammenrauften, bildete DONE WITH MIRRORS die entscheidende Brücke zwischen den gefährlichen Wilden der 70er und den Stadionrock-Titanen der 80er und 90er. (Text: Paul Rees)
Als er hört, dass DONE WITH MIRRORS als eines der großen verlorenen Alben der 80er Jahre neu bewertet wird, ist Joe Perry überrascht. Eigentlich will er es gar nicht glauben. Von dem Moment, als er anfängt zu sprechen, kann der heute 66-Jährige kaum einen zusammenhängenden Satz formulieren, um seine Gedanken zum achten Studioalbum von Aerosmith auf den Punkt zu bringen. Denn als es erschien, war es ein Kandidat für ihr ungeliebtestes Werk, eine Schande, die es mit dem direkten Vorgänger teilte: ROCK IN A HARD PLACE, entstanden ohne Perry und der absolute Tiefpunkt in der Karriere der Bostoner. Nach mehreren grammatischen Fehlzündungen, viel Ächzen und Seufzen formuliert er schließlich diese Frage: „Äh, was hat euch nur geritten, euch ausgerechnet die auszusuchen?“
Perry selbst hat DONE WITH MIRRORS mehrmals als das Aerosmith-Album bezeichnet, das er am wenigsten mag – ein ziemlich hartes Urteil angesichts der zweifelhaften Qualität von etwa JUST PUSH PLAY von 2001. Ja, als es 1985 erschien, fielen die Kritiker darüber her wie eine Horde wilder Hunde. Der „Rolling Stone“ fand diese deutlichen Worte: „Das Werk ausgebrannter Hohlköpfe, deren Mangel an musikalischem Einfallsreichtum ihren abstoßenden Texten in nichts nachsteht“. Die Mehrheit der Fans schien diese Meinung zu allem Übel auch noch zu teilen. DONE WITH MIRRORS stieg auf einem peinlichen Platz 36 in den Billboard-Charts ein und stürzte sofort ab.
Es war eine kurze, recht schmalbrüstige Platte, gerade einmal acht Tracks (ein neunter, ›Darkness‹, wurde später noch als „Bonus“ auf die CD-Version gepackt), nicht mal 36 Minuten lang. Und sobald 1987 PERMANENT VACATION folgte und zwei Jahre später PUMP – beide kraftvoll, poliert und kommerzielle Blockbuster –, wurde es vergessen und unter den Teppich gekehrt wie Schmutz, der einem peinlich ist. Aus der Distanz jedoch steht das ungeliebte Kind von Aerosmith wesentlich besser da und konnte an Substanz und Statur gewinnen. Drei Jahrzehnte später kann man dieses Album endlich als das sehen, was es ist: vielleicht der wichtigste Wendepunkt in ihrer Karriere, die Brücke zwischen ihren Glanzzeiten der 70er und der sauberen zweiten Inkarnation, die mit den richtigen Songs auf den Multiplatinerfolg der späten 80er und gesamten 90er getrimmt wurde.
Auf MIRRORS standen Aerosmith dank ihrer eigenen Trödelei und Dämonen mit dem Rücken zur Wand – und gingen verzweifelt, mit irrem Blick in den Augen, in die um sich spuckende und tretende Offensive. Dies war dieselbe rohe, ungeschminkte Version der Band, die 1976 das legendäre ROCKS und 1979 das durchwachsene, durchgeknallte NIGHT IN THE RUTS gemacht hatte. Letztere Platte war wie ein Zwillingswerk zu MIRRORS – auf beiden spürt man, dass die Truppe einen Drahtseilakt vollzieht, nach einer euphorischen Befreiung greift und gleichzeitig nur einen Fehltritt vom Sturz in den Abgrund entfernt ist. DONE WITH MIRRORS ist das Album, auf dem wir Aerosmith am Boden sehen, schmutzig und blutig, mit Dreck unter den Fingernägeln, aber entschlossen in den Sternenhimmel blickend. Mit TOYS IN THE ATTIC von 1975, der Heimat von ›Walk This Way‹ und ›Sweet Emotion‹, sowie ROCKS waren sie zur größten lebenden Rockband Amerikas geworden. Dank unverrückbaren Klassikern mit breitbeinigem Selbstbewusstsein, die alle von Axl Rose und Slash bis zu Kurt Cobain inspirierten und ihr Ticket in die Stadien der USA waren. Doch bald wurden sie unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Eine Kombination aus Hybris und exzessivem Drogenkonsum wurde zu ihrem Fallstrick, insbesondere für Tyler und Perry, die nicht zu Unrecht als „Toxic Twins“ bezeichnet wurden.
Ihr nächstes Album, DRAW THE LINE von 1977, war dann schon eine ziemlich unausgegorene Angelegenheit. Bei den Aufnahmen in einem verlassenen Kloster im Bundesstaat New York war Tyler in einem so extremen Drogenwahn, dass er später angab, dreifach gesehen zu haben. Als sie dann die Arbeit an NIGHT IN THE RUTS unterbrachen, um am 28. Juli 1979 eine Stadionshow in Cleveland zu spielen, fiel das Kartenhaus endgültig zusammen. Während eines Streits backstage warf Perrys damalige Frau Elyssa ein Glas Milch nach Terry, der Frau von Bassist Tom Hamilton. Tyler konfrontierte Perry danach mit diesem Vorfall, mit dem Ergebnis, dass der ausstieg (Perrys Version) bzw. gefeuert wurde (Tylers Version). Tyler erklärte später nur trocken, dass sich die Band tatsächlich (gemäß dem Sprichwort „crying over spilt milk“) wegen vergossener Milk aufgelöst habe.
Die folgenden Jahre waren wahrlich mager. Kurz nach dem Split hatte der Frontmann einen Motorradunfall und verbrachte zwei Monate im Krankenhaus. Sobald er wieder geheilt war und die Band ihre nächste Platte ROCK IN A HARD PLACE in Angriff nahm, warf Brad Whitford ebenfalls das Handtuch. Das Album floppte, Tyler stürzte in eine schwere Depression, verfiel gänzlich dem Heroin und war offenbar pleite. Perry erging es nicht besser. Er gründete das Joe Perry Project, dessen Debüt LET THE MUSIC DO THE TALKING von 1980 moderaten Erfolg hatte, doch die nächsten Werke wurden komplett ignoriert und auch er versank immer tiefer im Drogensumpf. 1983 wurde er von Elyssa geschieden, eine Trennung, die möglicherweise dadurch beschleunigt wurde, dass sie ihm bei einer besonders heftigen Zankerei ins Gesicht gebissen hatte. Er hatte so wenig Geld, dass er auf der Couch seines Managers schlafen musste. Beide waren somit ein geeignetes Ziel für den cleveren Promoter Fred Bohlander, der ihnen eine Reunion-Tournee anbot, falls sie das Kriegsbeil begraben würden. Doch die Chancen standen zunächst nicht besonders gut. An Silvester 1983 besuchte Perry Tyler in seiner Garderobe, bevor dessen todgeweihte Aerosmith-Inkarnation eines ihrer letzten Konzerte in Worcester, Massachusetts, spielte. Dabei ging es im wahrsten Sinne des Wortes „high“ her – so sehr, dass Tyler danach auf die Bühne wankte, umgehend umkippte und nicht mehr auf die Beine kam.
1984 kam es dann tatsächlich zur „Back In The Saddle“-Tour (auch Whitford war zurückgekehrt), die mittelmäßigen Erfolg hatte. Tyler hatte noch diverse andere Bühnenausfälle und die Band wurde immer noch von einem dichten Drogennebel umweht, doch sie absolvierte 58 Konzerte in sechs Monaten und zog im ganzen Land Menschen an, die auf ein Wiedersehen mit ihrem Geist der 70er hofften.
In der Rubrik „Album des Lebens“ stellen unsere CLASSIC ROCK-Autoren die Platte vor, die ihr Leben für immer verändert hat…
Es war der 21. Januar 2011… Warum ich das noch so genau weiß? Weil es der Freitag nach meinem 16. Geburtstag war, an dem ich mich nach der Schule, mit ordentlich Geld in der Tasche, zum lokalen Plattenladen aufmachte, um mir ein paar Heavy- Metal-Alben fürs Wochenende zu holen. Aber es sollte alles ein bisschen anders kommen. Auf meiner Liste standen Sachen wie Motörhead, Iron Maiden oder Running Wild, beim Eintritt fiel mir wieder der Verkäufer auf, der fast immer mit einem ranzigen Shirt der Band „Rush“ hinter dem Tresen stand. Ich ließ mich nicht weiter beirren und fing an, die Platten zu durchstöbern. Als ich unter „R“ nach Running Wild suchte, musste ich feststellen, dass Rush auch dort mehr als üppig vertreten waren. Mein Interesse wurde dann langsam doch geweckt, obwohl mich die etwas verspulten Cover zunächst verdutzten, denn ich war ja zu diesem Zeitpunkt auch nur stylische Artworks à la Maiden gewohnt. Als ich schließlich MOVING PICTURES in den Händen trug, drehte ich mich zum Verkäufer um und fragte: „Was können denn die so ?“, worauf er grinsend antworte: „Mh… alles“. Er war darauf so nett, mich die Scheibe testhören zu lassen und was dann geschah, lässt sich nur als Magie bezeichnen. Die ersten Synthie-Klänge vom Opener ›Tom Sawyer‹ erklangen und ich fühlte mich so ähnlich wie Harry Potter in seinem ersten Kino-Film, als er beim Zauberstab-Händler endlich den passenden Stab in die Hände bekommen hat und alles um ihn herum verflog. So oder so ähnlich lässt sich meine Erleuchtung beschreiben. Von da an war es um mich geschehen, es dauerte keine zwei Monate, bis ich alles vom heiligen kanadischen Trio besaß. Ich machte mich im selben Jahr sogar noch auf die Reise nach Frankfurt (ohne Einverständnis meiner Eltern), um sie im Rahmen ihrer „Time Machine“-Tour live zu erleben. Bei dieser wurde das MOVING PICTURES-Album sogar komplett auf die Bühne gebracht. Ich bin dem Heavy Metal zwar immer noch treu, aber seit diesem Erlebnis hat sich mein musikalischer Horizont um einiges erweitert.