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Neil Young: Deutschland-Tour im Sommer

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Neil Young ParadoxÜber seine „Archives“-Homepage hat Neil Young „mehrere Konzerte“ in Deutschland angekündigt, zusammen mit Promise Of The Real.

Neil Young kommt nach Deutschland. Das hat der Songwriter jetzt über seine „Archives“-Homepage angekündigt. Er werde „mehrere Konzerte“ spielen, denn Deutschland sei immer einen Besuch wert.

„Die meisten, wenn nicht alle Shows werden NYA-Shows sein“, heißt es weiter. Das bedeutet, dass Mitglieder von Youngs Fanseite neilyoungarchives.com vor allen anderen Tickets für die Auftritte erwerben können.

Wann genau der Kanadier hierzulande zu Gast sein wird, steht noch nicht fest. Die Auftritte – gemeinsam mit seiner Begleitband Promise Of The Real – sollen irgendwann im Juni und Juli 2019 stattfinden.

Video der Woche: Pink Floyd mit ›Apples And Oranges‹

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Pink Floyd press›Apples And Oranges‹ ist der letzte Song, den Syd Barrett für Pink Floyd geschrieben hat. Im Video ist bereits David Gilmour dabei.

Pink Floyd haben heuer einen Clip zu ›Apples And Oranges‹ veröffentlicht, der dritten Single der Band, die 1967 erschienen ist. Der Song ist der letzte, den der so genialische wie psychisch labile Frontmann Syd Barrett geschrieben hat, bevor er die Band verließ.

Das Video wurde in einem belgischen Obstladen aufgenommen. Barrett ist darin nicht mehr zu sehen, dafür der neu zur Gruppe gestoßene David Gilmour. Roger Waters bewegt die Lippen zum Gesang.

Pink Floyd im Video zu ›Apples And Oranges‹:

R.E.M.: Out Of Time – Up To Date, oder: „The World Is Collapsing …“

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remEs ist der 14. November 2016, ein klarer, klirrend kalter Sonnentag in Berlin. Vor gut 25 Jahren veröffentlichten R.E.M. ihr Multi-Grammy-, Multi-VMA- und Multiplatin-ausgezeichnetes Album OUT OF TIME, das sie schlagartig zur größten Alternative-Rock-Band des Planeten machte und so den Begriff „Alternative“ ad absurdum führte. Vor beinahe genau fünf Jahren dann entschloss sich die Band im Guten, ihr kreatives Schaffen einzustellen. Dennoch sind sie heute hier, die beiden Freunde, Songwriter und gedämpft sprechenden Stimmen von R.E.M.: Ihr Sänger und scheuer Paradiesvogel – ja, er trägt Schürze – Michael Stipe (auf Foto 2. v.l.) und der geerdete Bassist und musikalische Kopf Mike Mills (l.) wollen CLASSIC ROCK ihre Jubiläumsauflage von OUT OF TIME präsentieren.

Irgendwie scheint es, als wäre die Anti-Helden-Band aus Athens, Georgia wieder da. Es könnte alles so schön sein, doch vor sechs Tagen fanden die US-Präsidentschaftswahlen statt, das strahlende Wetter wirkt wie Spott von oben und *die fatalistische erste Textzeile des wiederbelebten Eröffnungs-Ohrwurms ›Radio Song‹ unangenehm realistisch. Darüber wollen Michael und Mike aber möglichst nicht sprechen. Zumindest nicht sofort.

Euch scheint ja einiges an diesem Re-Release zu liegen. Treibt ihr diesen doch ungewöhnlichen Aufwand, weil für euch OUT OF TI­­­­ME noch heute von großer Bedeutung ist?
Michael: Nun, ich glaube, unser ganzes „Vermächtnis“ ist wichtig, aber das war eine unserer besten Arbeiten. Eine neue Generation zu erreichen und die Leute von damals an ein Al­­bum zu erinnern, das so bedeutend war, das ist aufregend für uns. Wir sind glücklich, hier zu sein. Und ich liebe Berlin. Ich meine, gut, ich lebe hier. (lacht)

Mit dieser Platte änderte sich so viel für R.E.M. Könnte man OUT OF TIME als eine Art „Album des Wandels“ bezeichnen?
Michael: Auf jeden Fall! Dieser Übergang begann mit dem Vorgänger GREEN. Im Vergleich zwischen ihm und dem Nachfolger von OUT OF TIME erkennt man, wie viel Veränderung diese Zeit mit sich brachte. Man sieht deutlich, dass wir damit auf die Entwicklung unseres Karrierewegs reagierten. Wenn ich übrigens Karriere sage, meine ich die ursprüngliche Bedeutung. Die eigentliche Definition ist nämlich eine sehr schöne, die nichts mit dem Business-Begriff zu tun hat. Jedenfalls reagierten wir darauf und den gesamten politischen wie auch kulturellen Wandel, der von den 80ern zu den 90ern so schwerwiegend vonstatten ging, mit einer Reihe von Liedern, die stilistisch nichts miteinander zu tun hatten. Wir arbeiteten wirklich hart an uns, um nicht wieder ein Album mit typischen R.E.M.-Songs zu machen.

Mike: Ganz genau. Wann immer wir bemerkten, dass ein Stück zu sehr nach uns klang, verwarfen wir es sofort.

Die Weiterentwicklung war also eine be­­wusste Entscheidung?
Mike: Man muss sich selbst immer wieder herausfordern, denn sonst wird es nicht nur für das Publikum langweilig. Auf GREEN begannen wir deshalb bereits, andere Instrumente zu verwenden, und auch beim Songwriting versuchten wir andere Wege.

Michael: Klar, wir hätten auch wie andere Bands an unserem Erfolgsrezept festhalten können und immer wieder „denselben“ Song schreiben können, aber das war einfach nicht interessant. Bevor das geschehen wäre, hätten wir die ganze Sache wahrscheinlich beendet. OUT OF TIME, das war interessant! Wir sprangen einige Male von einer Klippe und landeten nicht immer auf unseren Füßen. Triumph und Niederlage gehören eben zusammen.

Durch OUT OF TIME wurdet ihr als „Alternative Rock Band“ schlagartig in den Mainstream katapultiert. Welche Bedeutung hatten und haben diese Begrifflichkeiten für euch?
Mike: Keine. Die einzigen, denen so etwas wichtig ist, sind Journalisten … und Plattenladenbesitzer, weil sie die Alben in die richtigen Kästen einsortieren müssen. Wir machen Musik, die uns gefällt. Ich fand es schon immer witzig, dass wir zehn Millionen Platten verkaufen konnten und „alternativ“ genannt wurden. Das sollte wohl nur heißen, dass wir keine Pudelfrisuren trugen und keine komisch geformten Gitarren spielten.

In einer Hinsicht wart ihr wirklich alternativ. Ihr bliebt immer so etwas wie Anti-Stars, ihr ließt euch nicht die Rechte an euren Master-Bändern abluchsen, ihr bewahrtet ein demokratisches System innerhalb der Band und traft auch mal unpopuläre Entscheidungen. Wart ihr einfach klüger als andere Rockstars?
Mike: Ja. Na ja, im Ernst, es sind drei Dinge nötig: Du brauchst Glück, musst gut sein und hart ar­­beiten. Da wir nie das Ziel hatten, berühmt zu werden, konnten wir immer sehr leicht auch mal eine umstrittene Entscheidung treffen. Und ja, wir waren vier intelligente Menschen. Was die Master-Bänder angeht: Wir hatten irgendwann einfach die Macht, uns gegen Labels durchzusetzen. Das will jede Band, hat also nicht wirklich etwas mit Integrität zu tun.

„Ich verachte Nostalgie und ich verachte Sentimentalität. Und dennoch bade ich mich schon mein ganzes Leben darin.“ (Michael Stipe)

Michael, ihr habt der Reissue ein ganz neues Gesicht verpasst. Warst du als früherer „Art Director“ von R.E.M. an der Umgestaltung beteiligt?
Michael: Ja, wie Peter damals sagte, ich war der „Kunst-Mann“ bei uns. Ich war für den ge­­samten visuellen Auftritt der Band zuständig. Damals habe ich den Job für OUT OF TIME sehr gerne übernommen (lacht) und so war es auch jetzt. Alle Komponenten, die Fo­­tos von Anton Corbijn und anderen Künstlern von damals zu nehmen und diese neu zu arrangieren, war großartig. Ich finde, das Ergebnis ist sehr zeitgemäß und fühlt sich wirklich nach 2016 an.

Mike, warst du derjenige, der die Ton-Archive durchforstete und entschied, was ihr verwenden wolltet?
Mike: Als wir erst einmal festgestellt hatten, dass es für jeden der Album-Tracks auch eine oder mehrere Demo-Versionen gibt, wussten wir, dass das der Weg sein würde. Bis jetzt hat sie nie jemand zu hören bekommen. Auch wir hatten sie seit der Zeit, in der wir an ihnen gearbeitet hatten, nicht mehr angehört.

Michael: Warum sollten wir auch?

Mike: Genau, warum auch? Jedenfalls, so entschieden wir uns, den Vorhang zu lüften und den Leuten den Prozess zu zeigen, wie die Dinge entstanden sind.

Als ihr die Demos zum ersten Mal nach 25 Jahren anhörtet, gab es da Highlights, auf die ihr gestoßen seid?
Mike: Für mich war das Beste Bill Berry, der eine Strophe bei ›Radio Song‹ sang. Ich denke, seine Version war einfach perfekt. Ich wünschte, wir hätten sie behalten. Das war einfach so ein wunderschöner Gegenpunkt zu deiner Stimme. Warum haben wir das nicht so gelassen?

Michael: Ich weiß nicht.

Warum hatte er diese Stelle überhaupt ge­­sungen?
Mike: Keine Ahnung! Vermutlich war es einfach: „Bill, übernimm mal ’ne Strophe!“ Wer weiß es schon genau?

Michael: Bei diesem Album nahmen wir das gesamte Regelwerk und warfen es zum Fenster hinaus. Ich meine, bei zwei Songs singt Mike die Lead-Vocals. Für uns war es aufregend, Gang Of Four und ihrem Beispiel, mehr als nur einen Sänger zu haben, zu folgen. Wir haben alles Mögliche ausprobiert.

Die neue Edition kommt mit einem Mitschnitt eurer „Mountain Stage Show“, einer Live-Radio-Sendung, die eines eurer wenigen Konzerte zu dieser Zeit übertrug. Habt ihr daran noch besondere Erinnerungen?
Michael: Oh ja, ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Mein Hund war bei der Show dabei. Max! Weißt du noch, Mike?

Mike: Oh ja! Max, der am meisten furzende Hund der Welt.

Michael: Na, aber er war krank!

Mike: Das war nur eine Feststellung, ich verurteile ihn nicht! (lacht)

Michael: Jedenfalls lag Max unter dem Mischpult und furzte den ganzen Tag. Es war fürchterlich, ja. Er lebte noch ein gutes, langes Leben. Eine Woche nach 9/11 starb er dann. Damals war eine Radio-Show etwas anderes als heute. Es war sorglos und eine gute Alternative zum Touren.

Michael, du hast einmal gesagt, dass du Nos­talgie verachtest. Der Prozess, eine solche Jubiläumsausgabe zusammenzustellen, ist aber schon ziemlich nostalgisch, oder?
Michael: Oh ja, ich verachte Nostalgie und ich verachte Sentimentalität. Und dennoch bade ich mich schon mein ganzes Leben darin.

Mike: Das hier ist aber nicht ausschließlich nos­talgisch. Es bietet viel neue Informationen für die Fans und natürlich auch solche, die es vielleicht dadurch erst werden. Das mag ich!

Ihr wart Teenies, als es mit R.E.M. losging, und seid als Mitglieder einer weltberühmten Band groß geworden. Vor fünf Jahren tratet ihr dann aus dieser Blase heraus. Wie verlief euer „reales Erwachsenwerden“ seit der Auflösung?
Michael: Ich erkannte, dass die Menge an Energie, die ich in R.E.M. gesteckt habe, andere Aspekte in meinem Leben ausgebremst hatte. Ein einfaches Beispiel wäre, endlich einmal einen Roman lesen zu können. Insgesamt muss ich sagen, dass mir der Übergang leichter fiel, als ich befürchtet hatte.

Und du kannst dir heute nicht mehr vorstellen, Sänger in einer Band zu sein?
Michael: In einer anderen Band als R.E.M.? Nein, das will ich auf keinen Fall überhaupt in Erwägung ziehen! Ich kann mich mir als Sänger von R.E.M. vorstellen, aber das ist schlicht und einfach vorbei.

Für euch zählte nur die Musik. Das einzige, was heute für euch von R.E.M. geblieben ist, sind Business-Meetings und Interviews, was auch nicht zu euren liebsten Beschäftigungen zählen soll. Stimmt euch das traurig?
Michael: Ich liebe Interviews! Ich weiß gar nicht, woher du das hast! Na gut, vielleicht habe ich einen gewissen Ruf. (alle lachen laut)

Mike: Ich wollte gerade sagen!

Michael: Ich unterhalte mich wirklich gerne mit Menschen. Ich hasse es nur, 6000 mal dieselben Fragen zu beantworten.

Dann muss ich diese jetzt besonders gerissen stellen: Als ihr 1991 mit ›Losing My Religion‹ bei den MTV Video Music Awards abräumtet, trugst du, Michael, mehrere Shirts mit unterschiedlichen Slogans wie „Handgun Control“, „Rainforest“, „Love Knows No Colors“. Das war kurz nach Ro­­nald Reagan und während der Amtszeit von George Bush. Würde diese Show nun morgen stattfinden, was könnten wir auf deinen T-Shirts lesen?
Michael: Oh mein Gott, sie würden mich herausschneiden, soviel steht absolut fest. Traurig ist, dass die 25 Jahre alten Sprüche von damals noch heute dringend angebracht wären. Das macht mich wirklich traurig. Ich dachte, unsere Generation würde es schaffen, erfolgreicher für unsere Anliegen zu kämpfen, als wir es am Ende taten. Natürlich wurde kulturell und politisch schon Großes erreicht, aber mir ging das alles nicht schnell genug.

Ist es nicht besonders deprimierend, dass es nach einigem erreichten Fortschritt jetzt weltweit Rückschläge setzt?
Michael: Ich hatte vor Jahren eine Unterhaltung mit Präsident Clinton über die amerikanische Politik, die immer zwischen Entwicklung und Rückgang schwankt. Die Entwicklung kann fortschreiten und fortschreiten und fortschreiten, doch immer werden irgendwann dem Fortschritt entgegenwirkende Rückschläge auftreten. Und hier befinden wir uns jetzt, eine Woche nach der „Mutter aller Rückschläge“. Und ja, das ist ein angsteinflößendes Szenario. Aber: Fortschritt wurde errungen und ich als öffentliche Person, als New Yorker, als Amerikaner, als Weltbürger, als Humanist werde sehr hart kämpfen und für die Dinge einstehen, an die ich glaube. Und ich werde mit jedem Schritt versuchen, eine Regierung davon abzuhalten, uns in irgendetwas zurückzuschleifen, das nicht progressiv ist.

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Die Top 50 Alben des Jahres: Platz 5-1

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Die 50 besten Alben 2018

Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz fünf bis eins!

Platz 5: Neil Young: ROXY: TONIGHT’S THE NIGHT LIVE + SONGS FOR JUDY (REPRISE/WARNER)

Auf „Onkel Neil“ ist Verlass. Nicht nur bringt er verlässlich gefühlt alle paar Monate ein neues Album heraus – er öffnet auch regelmäßig sein Archiv und zaubert dabei immer wieder wahrhaft Großartiges hervor. Dieses Jahr passierte das gleich zweimal. ROXY: TONIGHT’S THE NIGHT LIVE versammelt Aufnahmen aus dem September 1973, Young und Crazy Horse spielten damals eine Reihe von Konzerten im Roxy-Club in Los Angeles. Die meisten der zehn aufgezeichneten Tracks landeten zwei Jahre später auf der Studio-Platte TONIGHT’S THE NIGHT, der famose Titelsong etwa, ein bedrückender Nachruf auf den an einer Überdosis verstorbenen Roadie Bruce Berry – oder auch ›Mellow My Mind‹, ›Roll Another Number (For The Road)‹ und der epische Drogensong ›Tired Eyes‹. Die Stücke sind lakonisch, unheilschwanger, roh und zugleich ganz zart und herzerweichend. Eine Mischung, die niemand besser hinbekommt als der Kanadier. Als Rausschmeißer gibt’s das federnde ›Walk On‹ von ON THE BEACH.
Nun ist bekannt, dass Young bei seinen Auftritten in den 70ern gern eine Hälfte akustisch und eine mit Band absolvierte. Deshalb ist SONGS FOR JUDY die perfekte Ergänzung zum elektrischen ROXY-Mitschnitt. Hier begleitet sich der Sänger selbst abwechselnd an Klavier und akustischer Gitarre. Die Aufnahmen stammen aus mehreren Konzerten von Youngs Solo-Tour im November 1976. Dort setzte es jede Menge Klassiker: ›Heart Of Gold‹, ›After The Gold Rush‹, ›Harvest‹, ›The Needle And The Damage Done‹ – um nur ein paar zu nennen. Einmal wird’s richtig laut, zum dramatischen ›A Man Needs A Maid‹ dröhnt eine Orgel, ansonsten klimpert und zupft sich der große Songschreiber perfekt unperfekt durchs Repertoire. Was er manchen Liedern damit an melodischer Lieblichkeit nimmt, fügt er ihnen an aufgekratzter Unmittelbarkeit wieder hinzu. Einiges sollte danach lange nicht mehr live aufgeführt werden – ›White Line‹ oder ›Give Me Strength‹ etwa –, und mit der wehmütigen Pianoballade ›No One Seems To Know‹ findet sich sogar ein bisher unveröffentlichtes Stück. Essenzieller Stoff also.
Anspieltipp: ›Tonight’s The Night‹
David Numberger

Platz 4: Greta Van Fleet: ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY (UNIVERSAL)

Man denkt ange-strengt zurück, wann zuletzt ein derartiges Brimborium um ein Debütalbum ver­anstaltet wurde und kann sich nicht erinnern. Seit Greta Van Fleet auf der Bildfläche erschienen sind, versetzen sie die Musikwelt in Staunen, verwickeln den Hörer in Interessenskonflikte. „Die klingen doch exakt wie Led Zeppelin!“, schwappen die Meinungen von allen Seiten herbei und ja, diesen Vergleich werden sich die vier jungen Buben wohl noch lange anhören müssen. Denn natürlich rührt selbiger nicht von ungefähr: Das Drumkit, die Instrumente, die hippieske Optik und vor allem die Posen und unmissverständliche Stimmfarbe von Sänger Josh sind klar Led Zeppelin, so sehr die Jungs auch betonen, Plant und Co. nicht als vordergründigen Einfluss bezeichnen zu wollen. Auch wenn die eindeutig lasziven „Oh Mama“-Rufe wie noch in ihrem ersten Hit ›Highway Tune‹ von der EP FROM THE FIRES auf dem Debüt-Longplayer weniger und subtiler geworden sind, gibt es da dennoch diese markanten Passagen: Im wundervoll ruhigen Opener ›Age Of Man‹ beispielsweise wird sogar vom „land of the ice and snow“ gesprochen, also bitte… Doch sei es drum. Die Gretas haben mit ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY ein überaus stimmiges Erstlingswerk geschaffen, ein reifes, ausgewogenes und selbstbewusstes Statement, das der vorherigen Aufregung durchaus gerecht wird. Und drückt man mal großmütterlich ein Auge zu, kann man ihnen für den Beginn eines vielleicht noch langen und aufschlussreichen Weges die Inspirationsquelle ja erst mal nachsehen und abwarten, wohin einen das Quartett aus Frankenmuth in Zukunft führen wird. Neben ihrer unbekümmerten und lebenshungrigen Herangehensweise an den Rock’n’Roll ist an Greta Van Fleet nämlich noch etwas anderes wichtig: Sie stellen ein interessantes Fallbeispiel dar und werden demonstrieren, was in der zeitgenössischen, alternativen Musiklandschaft erfolgstechnisch noch möglich ist, wo die Grenzen und Optionen des Nachwuchses liegen, ob man sich heute mit echtem Labelrückenwind noch zu einer langlebigen Weltband mausern kann oder der Platz an der Ruhmessonne nurmehr als begrenztes Erlebnis erfahrbar ist. Es bleibt also spannend!
Anspieltipp: ›The Age Of Man‹
Jacqueline Floßmann

Platz 3: Paul McCartney: EGYPT STATION (CAPITOL/UNIVERSAL)

Ein Beatles-Album ist es natürlich nicht geworden, doch dieser ungebändigt kreative Paul McCartney, wie er sich in diesem Jahr auf EGYPT STATION mit seinen 76 Jahren präsentiert, kommt schon sehr nahe an den Beatles-Paule von damals ran – und das war wirklich nicht immer der Fall. Den Drang, irgendeinem Zeitgeist hinterher zu jagen, hat Macca abgelegt, stattdessen treibt er seinen früheren, ureigenen Entdeckerstil einfach weiter, der dadurch modern, aber vor allem das wird, was er in seinem Kern wie kein zweiter schon immer war: zeitlos. Elemente der späteren Studio-Beatles tauchen an jeder Ecke auf. Man stellt sich Paul vor, wie er von Cembalo, zu Piano, zu Rhodes, zu Orgel zu Höfner-Bass zu Gitarre spurtet, ein Streich-Quartett und Bläser dirigiert, sein Fußtappen als Taktgeber mikrofoniert, Handtücher auf die TomToms des Drummers legt, Gitarrenspuren rückwärts abspielt, Vogelgezwitscher in der Natur aufnimmt (aufnehmen lässt) – eben all diese Schönheiten, die er uns schon vor Jahrzehnten schenkte. Doch nicht falsch verstehen! Er hat es nicht nötig, sich selbst zu kopieren. Denn zugleich probiert er so einiges aus, ach, spinnt ganz schön rum: Ganz nebenbei, quasi im Vorbeigehen weist er all die kontemporären Popkünstler auf ihre Plätze, indem er diese seit ungefähr zwei Jahren scheinbar standardisierte Radio-Hit-Schablone nimmt, mit ›Fuh You‹ perfektioniert und zum ersten Mal sympathisch klingen lässt. Jugendliche Springerei (›Come On To Me‹), kleine Balladen (›Hand In Hand‹), geschmackliche Verrücktheiten (›Back In Brazil‹), textliche Spinnereien wie in ›Confidante‹ („In our imaginary world; Where butterflies wear army boots; And stomp around the forest; Chanting long lost anthems“), ausladende Kompositionen, die mehrere Songs in einem vereinen (›Despite Repeated Warnings‹) und Intermezzi, die einzelne Nummern Sgt. Pepper-ig miteinander verbinden, treffen hier aufeinander und sind in 14-facher Ausführung allesamt brandneu.
Anspieltipp: ›Happy With You‹/›I Don’t Know‹/›Despite Repeated Warnings‹
Paul Schmitz

Platz 2: Israel Nash: LIFTED (LOOSE MUSIC/ROUGH TRADE)

Es gibt viele langweilige Americana-Bands: Da werden dann ein paar musikalische Zutaten und Einflüsse zu­­sammengeworfen und am Ende kommt hoffentlich was Interessantes dabei raus. Nur passiert das nicht oft. Anders bei Israel Nash. Warum? Weil der hünenhafte Sänger weiß, wie man Songs schreibt, weil er ein wirklich großartiges Gespür für Melodien hat, und weil er sich vorsichtig aber stetig weiter entwickelt. Waren die Stücke auf dem Vorgänger SILVER SEASON episch und raumgreifend, dafür manchmal aber ein bisschen behäbig, so geht’s auf LIFTED poppiger, bunter, üppiger zu. Die Songs haben mehr Punch, dank Bläsern und Streichern auch mehr Schmalz (was Puristen vielleicht ärgern wird), sie sind leichtfüßiger und klingen durch die dezenten Synthesizer moderner. Geblieben ist die weite texanische Landschaft als Hallraum, das frei Fließende ist nicht verschwunden – Nash ging sogar so weit, die Geräusche von Klapperschlangen, von Grillen, Fröschen und rauschendem Wasser nahe seiner Ranch aufzunehmen und in die Musik einzuflechten.
Am eingängigsten ist ›Rolling On‹ geraten, das mit hymnischen Background-Vocals und Handclaps daherkommt, ›Looking Glass‹ klingt ein bisschen nach Neil Young mit Zuckerguss, ›Sweet Springs‹ erinnert mit seinen Harmoniegesängen an die Beach Boys. In Richtung klassischen Americana-Rock geht’s mit ›Lucky Ones‹, ›Northwest Stars‹ wiederum ist schwelgerisch und verträumt. Die Eagles stehen Pate, CSN&Y und ja, in den verspielteren Momenten auch die Beatles. Mit konkreten Bezügen auf die aktuell ja eher düstere Lage der US-Politik hält Nash sich zurück. Dafür lenkt er unseren Blick auf das Schöne am Dasein, er schafft gewissermaßen eine kosmische Gegenrealität, in der die Liebe regiert, in der wir alle Teil des großen Ganzen sind, Farben in der Luft liegen und die Sonne auf die Hügel scheint. Schmerz gibt es auch, klar, aber der hat keine Chance gegen den Optimismus, gegen den Hippie-Traum, der dieses Album ist. Und so fühlt man sich, wenn die rund 45 Minuten um sind, tatsächlich: lifted.
Anspieltipp: ›Rolling On‹
David Numberger

Platz 1: Ghost: PREQUELLE (SPINEFARM/UNIVERSAL)

Tiefschwarze Wolkentürme, eine dysfunktionale Umgebung, der Geruch von Unheil und Verderben in der Luft. „Ring around the Rosies, a pocket full of posies, Ashes, Ashes, we all fall down“ hört man zerbrechliche Kinderstimmen in der Ferne schwingen. Ein eigentlich unschuldig scheinendes Liedlein, dessen Ursprung man jedoch inoffiziell auf die Zeiten der Pest zurückdatiert und das in diesem Kontext dann doch schaudern lässt. Gerötete Kreise auf der Haut, Blumen, um den bestialischen Gestank zu übertönen, Asche von verbrannten Leichen. Wie einen auditiven History-Horror lässt Tobias Forge sein viertes langes Werk beginnen und tut wieder einmal das, was er am besten kann: Den Hörer fesseln, in eine andere Welt entführen, dieses Mal in die des Mittelalters. Und wie könnte man den schwarzen Tod besser einleiten, als mit einem Song über die Hauptüberträger? ›Rats‹ schneidet messerscharf in den anfänglichen Mäd­chengesang und leitet 37 brillante Minuten ein: Knallharte Metalriffs treffen auf Kaugummi-klebrigen 80er-Pop, großartige Melodien wölben sich über pompöse Synthesizer, türmen sich zu kompositorischen Meis­terwerken mit perlglatter Produktion auf und kulminieren vielleicht sogar schon knapp in der Mitte des Albums. ›Miasma‹ ist wahrscheinlich das gewaltigste Instrumental der letzten Dekaden, eine vertonte Geschichte mit unfassbarem Spannungsbogen, deren peripetierende Klimax in Form eines Saxophon-Solos in Erscheinung tritt, welches nicht von dieser Erde zu sein scheint. Wie ein versessener Musikwissenschaftler zementiert Forge hier feingliedrig Baustein an Baustein, überlässt nichts dem Zufall, hält hundert Fäden gleichzeitig in der Hand und dirigiert alles mit größter Perfektion, grande Virtuoso, zu dem er sich nun mal entwickelt hat. Viele meckerten natürlich trotzdem, denn wie immer, wenn sich der Pop in die Rockmusik schleicht, fühlen sich einige vor den Kopf gestoßen. Dazu kommt die bombastische Show, die Ghost live aufziehen, die Masken, der Mummenschanz und das okkulte Gespiele. Da beißt es bei vielen aus – „Trueness“ und so – die ewige Leier eben… Dass hier ein unfassbar talentierter Könner, Komponist und Arrangeur am Werke ist, geht bei diesen Diskussionen leider meist unter. Und wenn es schon nicht gefällt, dann muss man Tobias Forge am Ende des Tages trotzdem eines zugestehen: Mit Ghost hat er nicht nur eine Band, sondern ein Universum geschaffen, die Grenzen alternativer Musik ausgelotet, einen Diskurs erneut angestoßen. Und immer, wenn man sich die Frage stellt, was Rockmusik eigentlich darf, dann muss die Antwort lauten: alles.
Anspieltipp: ›Miasma‹
Jacqueline Floßmann

Die Top 50 Alben des Jahres: Platz 10-6

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Die 50 besten Alben 2018

Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz 30-21!

Platz 10: The Temperance Movement: A DEEPER CUT (EARACHE/WARNER)

„The firts cut is the deepest“ – doch der geht sogar noch tiefer: Die Veröffentlichung des Debüts THE TEMPERANCE MOVEMENT 2013 kam einer Sensation gleich – gut, einer kleinen, die viel zu wenige Leute mitbekamen, aber erste Aufmerksamkeit war geweckt. Tourneen und Publikum wurden größer. Besetzungsturbulenzen und ein überspannter Tourbogen zehrten an der Qualität des Nachfolgers WHITE BEAR. 2018 mit A DEEPER CUT bedeutete zum Glück die Rückkehr zu anfänglichem Pep, gepaart mit gereiftem, noch souveränerem (endlich wieder wahrhaft bärenstarkem) Songwriting.
Anspieltipp: ›Another Spiral‹

Platz 09: Elvis Costello & The Imposters: LOOK NOW (CONCORD/UNIVERSAL)

Fünf Jahre hat er sich seit dem Vorgänger Zeit gelassen – um in Hochform wiederzukommen. Zusammen mit seinen Imposters und dem kongenialen Burt Bacharach brilliert Costello zwischen Soulpop und Crooner-Balladen. Besser als auf Stücken wie ›Suspect My Tears‹ oder ›He’s Given Me Things‹ hat der Brite nie gesungen. Bleibt zu hoffen, dass er endlich auch mal wieder für Konzerte nach Deutschland kommt.
Anspieltipp: ›Burnt Sugar Is So Bitter‹

Platz 08: Bruce Springsteen: SPRINGSTEEN ON BROADWAY (COLUMBIA/SONY)

Zurück zum kleinen Rahmen. Nach mehreren Stadiontourneen mit der E Street Band wollte Bruce Spring­steen „so persönlich und intim wie möglich“ auftreten. Und so spielte er über ein Jahr lang im altehrwürdigen Walter Kerr Theatre an New Yorks Broadway – vor einigen hundert Leuten und nur an Klavier und Gitarre. Das Live-Album zur Konzertreihe kommt mit Liedern aus der ganzen Karriere des Songwriters daher.
Anspieltipp: ›Land Of Hope And Dreams‹

Platz 7: Amigo The Devil: EVERYTHING IS FINE (REGIME MUSIC GROUP/MEMBRAN)

Wer zur Hölle ist dieser Typ? Warum sind alle Songs auf diesem Album gottverdammte Hits? Und was zum Teufel ist das überhaupt für ein Stilmix? So, der passende Tonfall wäre schon mal getroffen, denn von den 15 auf EVERYTHING IS FINE enthaltenen Songs sind 13 Stück mit dem Warnhinweis für ausfallende Sprache versehen. „Explicit“ heißt es da. Die etwas ungeschickte Übersetzung dafür, „explizit“, trifft es eigentlich sogar am besten, denn dieser Amigo flucht nicht pubertär in der Gegend herum, um aufmüpfig zu wirken. Seine Sprache ist dermaßen deutlich, schneidend ehrlich und mit spitzem Humor („I hope your husband dies“) gespickt, und die von ihm behandelten Abgründe des menschlichen Daseins (bis in den Tod) so düster und schonungslos dargelegt, dass es schmerzen könnte, dieses Album zu hören, wäre es eben nicht so grandios.
Nun zur Klärung der oben aufgeführten, verflucht berechtigten Fragen: Amigo heißt eigentlich Danny Kiranos, ist 30 Jahre alt, stammt aus Florida und hatte bislang nur eine EP veröffentlicht. Dass sein allererstes Album gleich eine dermaßene Qualität erreichen konnte, dürfte neben Dannys brutalen Songs auch das beteiligte Personal mitverantwortet haben. Produzent Ross Robinson, der sonst für Korn, Glassjaw und At The Drive In tätig ist, brachte gleich ein Drummer-Schwergewicht namens Brad Wilk (Rage Against The Machine, Adioslave, Black Sabbath) ins urige 70er-Jahre-Studio in L.A. mit. Das Portfolio der beiden wohlverdienten Herren darf nun aber nicht täuschen, denn Amigo The Devil hat nichts mit den genannten Bands zu tun. Amigo The Devil, dieser bis auf die Finger tätowierte, langhaarige, optische Metaller ist ein brachialer Singer und Songwriter, ein rabenschwarzer Country-Berserker der Marke Johnny Cash und setzt dabei ein Instrumentarium des amerikanischen Folk in Kombination mit bitterbösen E-Gitarrensounds und geschickt gesetzten Orgel- und Synthie-Flächen ein, dass es auf unzähligen Schichten dieses Psycho-Zirkusses nur so rumpelt, kracht, wabert und zischt. Auf dem Blatt mag das überproduziert klingen, das Ergebnis aber ist das puristische und doch mächtige Gegenteil davon. Der „Monster Folk“ auf EVERYTHING IS FINE, wie Danny ihn selbst nennt, ist direkt und trocken wie das Schlagen von nacktem Knochen auf Knochen: ein „Bare-Knuckle-Fight“ von einem Album!
Anspieltipp: ›Hungover In Jonestown‹
Paul Schmitz

Platz 6: Tom Petty: AN AMERICAN TREASURE (REPRISE/WARNER)

Eine nicht ganz unkomplizierte Angelegenheit: Schnell verkommt eine posthume Archiv-Stö­­berei zur schnöden Fledderei ohne Ge­­schmack, Anstand oder jeglichen Mehrwert. Außerdem muss sich die Frage stellen, ob es sich bei diesem aufgetanen, bislang ungenutzten Fundus überhaupt um eines der Alben des Jahres 2018 handeln kann. Erstens, was Witwe Dana und Tochter Adria zusammengestellt haben, wird dem großen Tom Petty absolut gerecht. Zweitens, unter den insgesamt 60 Songs aus bislang unbekannten Alternativ-, Live- und Demo-Fassungen, sind es natürlich die unveröffentlichten „Outtakes“ aus vier­einhalb Jahrzehnten, die den „Albumwert“ von AN AMERICAN TREASURE be­­stimmen. Und die setzen diesen allesamt sehr, sehr hoch. Schon der bislang ungehörte Anspieltipp (siehe unten) von 1974, der noch aus Mudcrutch-Zeiten stammt, könnte alleine so manch aktuelle Langspielerveröffentlichung der letzten zwölf Monate in ihrer Gesamtheit in den Schatten stellen.
Anspieltipp: ›Lost In Your Eyes‹

Die Top 50 Alben des Jahres: Platz 20-11

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Die 50 besten Alben 2018

Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz 20-11!

Platz 20: The Sheepdogs: CHANGING COLOUR (DINE ALONE RECORDS)

Optisch erinnern einen die Durchstarter aus Kanada an Gram Parsons, und auch klanglich verweilen die Sheepdogs liebend gerne in dieser Ära: Die 60er und 70er fluten ungebremst durch ihre Kompositionen, die Allman Brothers, CCR und Co. lassen auch auf CHANGING COLOURS ganz deutlich grüßen, wobei sich auch ein paar Melodien á la ABBA, ein Hauch Santana und psychedelische Ergüsse mit viel Orgel eingeschlichen haben und so dem Etikett „Retro“ auf vielschichtige Weise alle Ehre gemacht wird.
Anspieltipp:
›I’ve Got A Hole Where My Heart Should Be‹

Platz 19: Lenny Kravitz: RAISE VIBRATION (BMG/WARNER)

Ein Protestalbum gegen Hass, Krieg, modernen Weltwahnsinn braucht nach Meinung von Lenny Kravitz keinerlei emotionale Ausbrüche Richtung Wut. Ganz im Gegenteil: Mantrische Soul-Grooves, erzeugt mit allen erdenklichen Klangerzeugern, klopfen einen weich, bis sich die Liebesrevolution nicht explosionsartig, sondern als Schwelbrand im Herzen des Hörers entfacht. Das klappt auf RAISE VIBRATION nicht ohne Schmalz, der sich durch Lennys bemerkenswertes Songwriting aber sehr geschmackvoll ergießt.
Anspieltipp: ›It’s Enough‹

Platz 18: Courtney Marie Andrews: MAY YOUR KINDNESS REMAIN (LOOSE MUSIC/ROUGH TRADE)

Anders als auf ihrem Durchbruch bringenden, vorwiegend akustischen Vorgänger wagt die 27 Jahre junge Courtney Marie Andrews aus Arizona für komplexere, elektrischere Arrangements ihre Stimme noch weiter zu dehnen und nimmt mit Soul, Motown und Americana die Hürde in den CLASSIC ROCK-Kosmos. Be­­stimmt nicht unbeteiligt an dem wundervollen Ergebnis: Produzent Mark Howard (Bob Dylan, Neil Young, Marianne Faithfull).
Anspieltipp: ›Border‹

Platz 17: Black Rebel Motorcycle Club: WRONG CREATURES (PIAS/ROUGH TRADE)

Ja, es gibt sie noch, die Bands, die ihr ganz eigenes Ding machen. Black Rebel Motorcycle Club tun das seit bald 20 Jahren so überzeugend, dass sie es zu ihrem achten Album geschafft haben – das einen echten Karrierehöhepunkt darstellt. Mal sphärisch, mal schräg, mal entrückt, mal knackig, aber immer faszinierend, sind die Kalifornier ein Unikum, das in seiner Nische dunkel funkelnd blüht und gedeiht.
Anspieltipps: ›Calling Them All Away‹,
›Ninth Configuration‹

Platz 16: The Damned: EVIL SPIRITS (CAROLINE/SPINEFARM)

Dave Vanian, Captain Sensible & Co. waren schlau genug, sich 41 Jahre nach ihrem Debüt nicht als alternde Radaubrüder zu geben. Auf EVIL SPIRITS huldigen The Damned viel mehr den Einflüssen, die damals zur Londoner Punk-Explosion ihr Alleinstellungsmerkmal waren: Späte Sixties und Glamrock regieren auf ihrem Comeback, das auch Producer-Legende Tony Visconti (David Bowie!) in alter Höchstform zeigt.
Anspieltipp: ›Standing On The Edge Of Tomorrow‹

Platz 15: Mark Knopfler: DOWN THE ROAD WHEREVER (EMI/UNIVERSAL)

Nicht spektakulär, aber gut gemacht. So waren die jüngsten Solowerke des Briten, und so ist auch sein neuestes. Zwischen Songwriter-Rock, Country-Folk und angejazzten Crooner-Stücken denkt Knopfler über das Alter und die Liebe nach – und kehrt in ›One Song At A Time‹ sogar in die Anfangsjahre der Dire Straits zurück. Die Platte eines Mannes, der niemandem mehr etwas beweisen muss, sondern einfach Spaß an der Musik hat.
Anspieltipp: ›Good On You Son‹

Platz 14: Marianne Faithfull: NEGATIVE CAPABILITY (BMG/WARNER)

Irgendwie gibt es kaum eine Bezeichnung, die dieser Frau wirklich gerecht wird. 60s-Ikone? Viel zu limitierend. Grande Dame? Viel zu oberflächlich, und wovon eigentlich? Überlebens­künstlerin? Fast schon herablassend, als sei das einzig Bemerkenswerte an ihr, noch nicht zerbrochen zu sein an all dem Mist, den sie durchgemacht hat. Dass man Marianne Faithfull bis heute automatisch mit den Rolling Stones in Verbindung bringt, die sie vor Urzeiten schlagartig so bekannt machten, hilft auch nicht unbedingt, denn seien wir mal ehrlich – sie hat mindestens in den letzten 30 Jahren viel mehr relevante Musik hervorgebracht als Mick Jagger und seine Kollegen. Und dass sie nun in ihren 70ern noch mal so ein Meisterwerk wie NEGATIVE CAPABILITY hervorzaubert, ist umso beeindruckender. Was hat die Dame nicht alles ertragen müssen – und dementsprechend schwermütig sind auch die Themen hier. Verlust, Krankheit, Einsamkeit, Sterblichkeit, alles wird hier angepackt, ohne Samthandschuhe, ohne Ver­klärung, ohne Filter, ohne mildernde Umstände, dafür mit dieser wahnsinnigen Stimme, die objektiv so gar nicht gut ist und doch so tief bewegt wie wenige andere. Faithfull fühlt jede Silbe, jeden Ton, doch erstaunlicherweise ist das Ergebnis kein depressives Wundenlecken, keine resignierte Abrechnung, sondern von einer entrückten Schönheit, die in all der Finsternis immer noch trotzig die Stirn bietet und sogar noch Raum für Lebensfreude findet. Und so wird man mit jedem Durchlauf weiter hineingezogen in diesen mal folkigen, mal dezent rockigen Reigen aus Offenbarungen, die in ihrer getragenen, zurückhaltenden, aber dennoch oder vielleicht gerade deswegen unglaublich mächtigen Emotionalität Betroffenheit und Euphorie zu verbinden verstehen, wie man das nur äußerst selten erlebt. Also bezeichnen wir die Britin doch einfach mal so: als große, erhabene, einzigartige Künstlerin, die ihre Seele stets maximal authentisch offenlegt. Und dafür sollten wir alle verdammt dankbar sein.
Anspieltipps: ›Born To Live‹,
›They Come At Night‹, ›No Moon In Paris‹
Matthias Jost

Platz 13: Alejandro Escovedo: THE CROSSING (YEP ROC/H’ART)

Der US-Sänger mit mexikanischer Abstammung gräbt sich ganz tief hinein in die Seele Amerikas. Aus der Perspektive zweier Immigranten erzählt er von einem verwundeten Land, das eigentlich wie kein anderes für Freiheit steht, in dem aktuell aber Mauern gebaut werden und Rassismus und Hartherzigkeit herrschen. Musikalisch ist er dabei zwischen Wüstenrock, 70s-Punk, Americana und auch Jazz unterwegs.
Anspieltipp: ›Silver City‹

Platz 12: Doyle Bramhall II: SHADES (MASCOT/ROUGH TRADE)

Mit den Vaughan-Brüdern aufgewachsen, mit Eric Clapton und Roger Waters auf Tour gewesen. Doyle Bramhall II hat jede Menge Erfahrungen gesammelt. Die kanalisiert der Meistergitarrist auf seinem fünften Solowerk. Wobei er so ganz allein auch hier nicht ist: Clapton und Norah Jones treten – neben anderen – als Gäste auf. Gemeinsam grooven sie sich zwischen Soul, Funk und Blues ein.
Anspieltipp: ›Everything You Need‹

Platz 11: Blackberry Smoke: FIND A LIGHT (EARACHE/ADA/WARNER)

Ihr sechstes Studioalbum macht Hoffnung, dass der Welt auch weiterhin Southern-Country-Folk-Hardrock, auf hohem Niveau be­­wahrt bleiben wird. Denn die sympathischen Herren aus Atlanta schrieben erneut eines der besten Südstaaten-Alben des Jahres. Blackberry Smoke zeigen einfach jedes Mal wieder, wie musikalische Leichtigkeit nach altem Prinzip aber mit stets neuer Frische auszusehen hat.
Anspieltipp: ›Run Away From It All‹