KISS haben im Januar ihre Abschieds-Tournee gestartet. Seitdem brodelt die Gerüchteküche…
„Ich weiß, dass ich auf dieser Tour toll klingen werde.“ Das erklärte Paul Stanley letztes Jahr im November selbstbewusst gegenüber der australischen Herald Sun. Bezogen war diese Aussage auf die aktuell laufende Abschiedstournee von KISS, deren Startschuss im Januar in Vancouver fiel.
Seitdem kursieren einige Videos auf Youtube, die bescheinigen sollen, dass KISS sich vor-eingespielter „backing tracks“ und Gesangsspuren bedienen. Der Vorwurf lautet im Klartext: KISS spielen nur halb live, Paul Stanley tut teilweise nur so, als würde er singen.
›Do You Love Me‹ in Vancouver:
KISS „live“ mit ›Psycho Circus‹:
Prominente Vertreter dieser Meinung sind beispielsweise Radiomoderator Eddie Trunk sowie Nikki Sixx von Mötley Crüe. Trunk betont in mehreren seiner Sendungen, dass er dieses Verhalten von KISS als unverschämt empfindet und dass er nicht nachvollziehen kann, warum Fans für diese Scharade Geld bezahlen wollen.
Eddie Trunk über KISS:
Sixx hat sich seit der gemeinsamen Tour im Jahr 2012 aufgrund persönlicher Meinungsverschiedenheiten stark von KISS distanziert. (Gene Simmons hat Sixx sogar bei Instagram blockiert) Erst kürzlich twitterte er im Kontext der Lyp-Sinc-Aufregung um Kiss, dass Mötley Crüe schon seit langem auf Backing Tracks zurückgreifen, ohne dies jedoch zu verheimlichen.
Zuletzt warf er den Schminke-Rockern außerdem vor, die Produktion und Effekte der Crüe-Abschiedstournee geklaut zu haben.
Wenn KISS tatsächlich Lip-Synchen, wäre das umso pikanter vor dem Hintergrund eines Interviews mit Gene Simmons, in dem der Bassist sich im Jahr 2015 vehement gegen diese Praktik aussprach: „Ich habe ein Problem damit, wenn man 100 Dollar zahlt, um eine Live-Show zu sehen und dann benutzt die Band „backing tracks“ Es sollte auf jedem Ticket draufstehen: Du bezahlst 100 Dollar, 30-50% der Show sind nicht live. Manchmal singt der Sänger selbst, manchmal „playback“. Man sollte wenigstens ehrlich sein.“
Jüngst meldete sich auch Sebastian Bach zu Wort. Der ehemalige Sänger der Band Skid Row meinte über eine kürzlich von ihm besuchte KISS-Show: „Auf welchem Konzert wart ihr bitte? KISS spielen nicht playback, sie sind zu sehr damit beschäftigt, die beste Rockshow aller Zeiten aufzuziehen.“
Die Band selbst hat sich bisher noch nicht offiziell zu den Vorwürfen geäußert…
Nach einer beeindruckenden Reise in die 70er von den Sheepdogs liefern die Headliner eine Lektion in Sachen Qualität, Klasse und Potenzial ab.
Die Sheepdogs sehen gut aus. Richtig gut. Mit Outfits, die scheinbar aus der Requisite der grauenhaften Serie „Vinyl“ von Martin Scorsese kommen, bringen sie den Klang und den Geist der 70er so akkurat auf die Bühne, dass es beinahe überrascht, dass das Roundhouse nicht nach Fondue und Old Spice riecht. Die Gitarristen Ewan Currie und Jimmy Bowskill strahlen in funkelnden, strassbewehrten Anzügen, Bassist Ryan Gullen ist ein wandelndes Medley aus Wildleder-Quasten und Leder, während das Muster von Keyboarder Shamus Curries Krawatte an die Tapete eines indischen Restaurants ca. 1973 erinnert und sein hängender Schnurrbart ebenfalls seit mindestens 40 Jahren aus der Mode ist. Sie sehen umwerfend aus.
Man könnte sie aufgrund dieses Aussehens leicht als kitschigen Retro-Act abtun, eine weitere von vielen Bands, die eine Vergangenheit parodieren, wenn ihr Auftritt nicht ohne auch nur einen Anflug von Ironie vonstatten ginge – und sie nicht so verdammt gute Songs hätten. Vom grandiosen Southern-Rock von ›I‘ve Got A Hole Where My Heart Should Be‹ bis zum benebelten Boogie von ›Who?‹ und den breitbeinigen Swagger von ›Bad Lieutenant‹ trieft den Sheepdogs Melodie aus jeder Pore. Sie agieren in einer Zeit, in der viele Bands lieber mit Riffs um sich schlagen als einen Refrain zu schreiben, und auch wenn ihnen noch kein ›Sweet Home Alabama‹ gelungen sein mag, haben sie schon jetzt mindestens ein Dutzend Songs, die in die richtige Richtung gehen. Das abschließende ›Nobody‹ beinhaltet sogar eine Passage, die klingt wie Wings zu ›Jet‹-Zeiten. Der Geist der Allman Brothers ist dabei natürlich immer präsent, und wenn Currie und Bowskill an den Bühnenrand treten, um diese wunderbar ineinander verschlungenen Harmoniesoli zu spielen, könnte man wirklich im Fillmore East stehen, und zwar im März 1971. Wer die Gelegenheit hat, sie zu diesen Sommer zu sehen, sollte sie sich nicht entgehen lassen.
Auch die Rival Sons sind markant gekleidet. Frontmann Jay Buchanan ist vielleicht der einzige Weiße seit Clint Eastwood, der einen Poncho tragen kann, während Scott Holiday immer aussieht, als sei er gerade frisch von einem Herren-Friseursalon des frühen 20. Jahrhunderts gekommen – perfekt in Form geölter Schnauzer und belebend parfümiert.
Doch so beeindruckend ihre Garderobe sein mag, bleibt doch ein nagender Zweifel. Auf jedes ›Keep On Swinging‹ und ›Electric Man‹, Song, bei denen Holidays lebendige Riffs auf denkwürdige Refrains treffen, kommt eine ganze Reihe Songs, bei denen sie das nicht tun. Buchanan weist auch noch unabsichtlich darauf hin, als er rührend davon erzählt, wie das Publikum bei der epischen Weltreise als Vorgruppe von Black Sabbath jeden Abend auf ›Jordan‹ reagiert („Den Scheiß würde ich gegen nichts in der Welt eintauschen“, sagt er). Doch wenn ein einziges Stück so weit herausragt, muss man sich fragen, was mit den anderen los ist.
Nach einem Jahr, in dem sie vor Menschen auftraten, die sich erst von sich überzeugen mussten, stehen die Rival Sons nun aber wieder vor Fans, die sich bereitwillig von ihnen von den Socken hauen lassen. Es ist die erste Headliner-Show der Band in London seit vier Jahren (im April 2015 spielten sie in genau dieser Halle), und nach einem atmosphärischen Intro, bei dem eine Skelettversion des Hundes vom Albumcover von FERAL ROOTS auf die Kulisse projiziert wird, während ein Herzschlag durch den Saal hallt, stürmen die Kalifornier mit ›Back In The Woods‹ auf die Bühne. Und es klingt nicht gut. Es ist, als hätte jemand eine dicke Schicht Sirup in die Anlage gekippt und so einen basslastigen Brei erzeugt, durch den sich Buchanans Stimme und Holidays Gitarre nur mit Mühe kämpfen. Bei den folgenden ›Sugar On The Bone‹ und ›Pressure And Time‹ ist es dasselbe. Erst bei ›Electric Man‹ kommt das Publikum richtig in Fahrt und selbst das wunderschöne ›Jordan‹ leidet unter dem halbherzigen – und letztlich zwecklosen –Versuch der Fans, das Lied nach seinem Ende fortzuführen.
Doch dann wendet sich das Blatt. Und zwar mit dem Titelstück des neuen Albums. Plötzlich ist der Sound glasklar und Buchanans Stimme steigt empor wie ein Vogel. Das lange akustische Intro zu ›Feral Roots‹ klingt, als sei es in einer baufälligen Hütte in der walisischen Provinz geschrieben worden, aber viel wichtiger ist, dass es einen Refrain hat. Einen, der so richtig abhebt. Der sich in der Psyche festbeißt und erst lange nach Verlassen der Halle wieder loslässt. Wenn Mike Miley hier die Felle verprügelt wie einst John Bonham und die Fans diesmal noch lange über das Ende des Songs hinaus mitsingen, weiß man, dass dieser Gig noch nicht verloren ist.
Was sich dann auch bestätigt. Die Fans toben. Frauen tanzen. Das Mitsingen wir mitgesungen. ›Torture‹ stottert funky-verschwitzt daher, wobei Holiday all seine Page-ismen auspackt. Die Band gleitet rhythmisch durch ›Stood By Me‹, eines der neuen Stücke, die die kreative Spannung im Herzen der Rival Sons am besten demonstrieren: Holidays höllische Gitarre gegen Buchanans offensichtliches Verlangen, in den Himmel zu schießen.
Der Frontmann tauscht eine schweißdurchtränkte Jacke gegen ein frisch gewaschenes Exemplar aus, während die Songs ineinanderfließen. Die Stimmung steigt weiter mit der Beatles-go-Gospel-Euphorie von ›Imperial Joy‹ und einem donnernden ›Open My Eyes‹. ›End Of Forever‹ zollt mit seinem stotternden Intro und einem gen Horizont wirbelnden Refrain AC/DCs ›Whole Lotta Rosie‹ Tribut, bevor ›Do Your Worst‹ das Set mit einer weiteren Mitsing-Orgie beschließt.
Und gerade, wenn man denkt, dieser Abend könnte nur besser, wenn der Vorhang noch mal aufginge und dahinter ein Gospelchor zum Vorschein käme, passiert genau das. Der Roundhouse Choir kommt auf die Bühne, um ein passend himmlisches Backing für ›Shooting Stars‹ zu liefern. Wie ›Jordan‹ ist dies ein Song, der Buchanans Stimme Raum zum Atmen gibt, und er sieht überglücklich aus darüber, von so ergreifenden Mitmusikern umgeben zu sein.
Den krönenden Abschluss bildet ein wildes ›Keep On Swinging‹. Die Kehlen ächzen, der Triumph ist bestätigt. Und zehn der 16 Songs heute Abend stammten von FERAL ROOTS, was eindeutig beweist, dass Rival Sons nach sechs Alben gerade erst aufgewärmt sind und jetzt endlich so richtig loslegen. Greta Van wer?usik immer bei uns sein wird, und er somit auch.
Am diesjährigen Roskilde herrscht Ikonen-Alarm: Robert Plant und Bob Dylan wird es auf der Bühne zu sehen geben.
Seit über 45 Jahren zählt das Roskilde-Festival in Dänemark zu den beliebtesten Events eines jeden Festival-Sommers. Auch in diesem Jahr glänzt das Non-Profit-Projekt wieder mit interessanten Künstlern.
Sogar für alle Classic-Rock-Fans wird einiges geboten sein, da niemand Geringerens als Bob Dylan und Robert Plant mit seinen Sensational Space Shifters als Hauptacts bestätigt wurden.
Unter den über 180 Künstlern finden sich außerdem The Cure, Tears For Fears, Testament, Phil Anselmo & The Illegals und viele mehr. Das Roskilde wird dieses Jahr zwischen dem 29. Juni bis zum 6. Juli stattfinden.
D’Angerous rücken kurz vor dem Release ihres Debüts noch eine weitere Single raus.
Was passiert, wenn man Berlin mit einer Prise Neuseeland mischt? Scheinbar kommt dabei knackiger Rock’n’Roll heraus, zumindest wenn man sich die Newcomer D’Angerous anschaut, eine deutsche Kombo um den englischsprachigen Frontmann Carl O’Sullivan.
Deren erster Longplayer erscheint am 15. März, nach der Single ›Rule The World‹ kommt jetzt ein weiterer Track des Debüts.
›Elektropolis‹ ist etwas weniger geradlinig rockig als der Vorgänger-Track, glänzt dafür aber mit einem tanzbaren Beat und modernerem Sound.
Kommendes Wochenende steigt Europas größtes Country-Event C2C erstmals überhaupt in Deutschland. Genauer: in Berlin. Wir verlosen 2×2 Tickets für den Festival-Samstag (2. März) – samt Meet & Greet mit Jungstar Hunter Hayes!
Nach „Bohemian Rhapsody“ steht uns der nächste Queen-Film ins Haus. Diesmal geht es um eine Doku, die sich auch dem neuen Sänger Adam Lambert widmet.
Im April wird es, zunächst auf dem US-Sender ABC, eine neue Queen-Dokumentation geben: „The Show Must Go On: The Queen + Adam Lambert Story“.
Wie der Titel nahelegt, verfolgt der Film nicht zuletzt den Aufstieg von Lambert – vom „American Idol“-Teilnehmer bis zum Sänger von Queen, mit denen er seit 2011 auf Tour geht.
„The Show Must Go On“ soll rare Konzertaufnahmen und exklusive Interviews mit den Queen-Originalmitgliedern Brian May, Roger Taylor sowie eben mit Lambert enthalten.
Dazu werden neben anderen Rami Malek, der gerade für seine Darstellung von Freddie Mercury in „Bohemian Rhapsody“ einen Oscar bekommen hat, und Taylor Hawkins von den Foo Fighters zu Wort kommen.
Mark Hollis ist mit 64 Jahren gestorben. Als Bandleader von Talk Talk sorgte er anfangs für Hits wie ›It’s My Life‹ und ›Such A Shame‹, später verlegte er sich auf experimentellere Musik.
Mark Hollis ist tot. Der Sänger von Talk Talk ist im Alter von 64 Jahren gestorben, das vermeldeten gestern mehrere Medien unter Berufung auf Hollis‘ Schwäger Anthony Costello, mittlerweile hat auch sein früherer Bandkollege Paul Webb die Nachricht bestätigt.
Er sei „schockiert und traurig“ über Hollis‘ Tod, schrieb Webb auf Facebook. „Musikalisch war er ein Genie und es war eine Ehre, mit ihm in einer Band gewesen zu sein. Ich habe Mark seit vielen Jahren nicht gesehen, aber wie viele Musiker unserer Generation war ich zutiefst beeinflusst von seinen bahnbrechenden musikalischen Ideen.“ Er sei „einer der Großen“ gewesen, „wenn nicht der Größte“.
Hollis kam am 4. Januar 1955 in Tottenham zur Welt. 1981 gründete er in London Talk Talk, als Sänger und Songschreiber machte er die Band mitte der 80er mit den Synthpop-Hits ›It’s My Life‹ und ›Such A Shame‹ weltbekannt.
Mit dem Album THE COLOUR OF SPRING von 1986 und den Folgewerken SPIRIT OF EDEN und LAUGHING STOCK verschob sich die Musik von Talk Talk in Richtung Post/Art-Rock, sie wurde experimenteller und weniger zugänglich.
Nach dem Ende seiner Gruppe 1991 veröffentlichte Hollis 1998 seine einzige, nach ihm selbst benannte Soloplatte. Danach zog er sich aus dem Musikbusiness und der Öffentlichkeit zurück.
50 Jahre „Weißes Album“. Das gehört gefeiert! Und zwar mit einer Deluxe-Ausgabe des epochalen Werks samt Begleitbuch, jeder Menge unveröffentlichter Aufnahmen und akustischen Fassungen von Klassikern wie ›Happiness Is A Warm Gun‹, ›Back In The U.S.S.R.‹ und ›While My Guitar Gently Weeps‹. Dafür verantwortlich: Giles Martin, der Sohn von Beatles-Produzent George Martin.
Interview: David Numberger
Giles, wann hast du das WHITE ALBUM zum ersten Mal gehört?
Es ist witzig: Tatsächlich erst, als ich ungefähr 23 war, also etwa 1993. Es war nicht das liebste Beatles-Album meines Vaters. Ich kannte es lange nicht besonders gut, das hat sich mittlerweile geändert.
Mochtest du es auf Anhieb?
Nun, ich kannte viele der Songs darauf, mir war nur nicht bewusst, woher sie kamen. Da sie so vielfältig ist, ist es schwer, die Platte nicht zu mögen. Wobei gerade das natürlich auch ein Grund sein könnte, sie tatsächlich nicht zu mögen. Für mich jedenfalls macht seine Variabilität das WHITE ALBUM zum mutigsten Werk der Beatles.
Hat dir dein Vater die Beatles in deiner Kindheit näher gebracht?
Nicht wirklich, denn in den 70ern und 80ern sah er sie als etwas, das er gemacht hatte. Sie waren damals allgemein nicht so populär wie heute. Es ist schwer vorstellbar, aber sie wurden nicht groß verehrt. Mein Vater fand eine Zeit lang schwer Arbeit, weil er mit ihnen gearbeitet hatte, so sehr hatte sich der Style verändert. Also nein, er hat mich nie systematisch in ihre Musik eingeführt.
Seit einigen Jahren erledigst du das Remixing für die Jubiläums-Neuauflagen der Beatles-Werke. Kannst du erklären, wie das funktioniert?
Ja natürlich. Wenn du etwas aufnimmst, dann im Multitrack-Verfahren, das heißt, alle Instrumente werden getrennt aufgezeichnet. Die Drums, der Bass, John Lennon, Paul McCartney, George Harrisons Gitarre. Ich nehme mir dann die analogen Tapes vor und verschmelze sie in einen Stereo-Track, erstelle also ein Stereo-Master. Und hier liegt der Unterschied zum Remastering. Da würde man einfach das Stereo-Master nehmen, das ich gemacht habe, und versuchen, dieses zu optimieren. Das Remixing geht viel tiefer, man kann dabei etwa den Sound der Drums oder den Klang der Stimme verändern. Beim Remastering geht das nicht, weil da ja alles miteinander verbunden ist.
Was ist das Kriterium dafür, dass etwas gut klingt?
Hm, gute Frage. Dafür gibt es nicht wirklich ein Kriterium. Stell dir vor, du isst einen Teller mit Suppe. Wann magst du die Suppe? Wenn sie salzig genug ist, wenn sie süß genug ist? Man weiß es einfach, wenn es so ist. Es ist schwierig, darüber zu reden, ohne arrogant zu wirken, aber mein Job ist es, Entscheidungen zu treffen. Klingt John Lennons Stimme gut? Wie ist es mit den Drums? Ich überlege, warum sich ein Song noch nicht ganz richtig anhört. Nimm ›Dear Prudence‹: Am Anfang kommt die Gitarre, und wenn man den Remix mit dem Original vergleicht, dann klingt der direkter und, ja, ich finde tatsächlich auch schöner. Als wäre John neben dir im Raum. Seine Stimme ist klarer, der Bass wärmer, alles wirkt organischer. Ein guter Mix gibt dir das Gefühl, näher an der Band zu sein. Meine Motivation ist es, dich glauben zu machen, du wärst im selben Raum mit ihr.
„Es ist schwierig, darüber zu reden, ohne arrogant zu wirken, aber mein Job ist es, Entscheidungen zu treffen.“
Auf welche Weise hat dein Vater die Musik der Beatles beeinflusst, oder anders gesagt: Wie hätten sie ohne ihn geklungen?
Schwer zu sagen, denn es ist ja nicht so passiert. Von Paul habe ich gehört, dass mein Dad einfach einen großartigen Sinn für Musikalität hatte. Er war wohl auch so etwas wie ein Satellit, der all ihre verschiedenen Ideen einfing und auf Platte bannte. Wenn ich mir zum Vergleich etwa Gruppen wie die Kinks anschaue, dann haben sie ohne Zweifel brillante Songs, aber die Arrangements und die Aufnahmen an sich erscheinen mir nicht so gut wie bei den Beatles. Mein Vater brachte mir bei, nicht zu akzeptieren, Zweitbester zu sein. Keine Kompromisse, wir müssen einen großartigen Job machen. Wenn du ein Sänger wärst und mit mir ins Studio gehen würdest, müsste ich sicherstellen, dass du die beste Vocal-Performance deines Lebens ablieferst, nicht nur die beste der nächsten Tage. Wie schaffen wir das? Da lag die Stärke meines Dads: Er hat den Beatles die Tür geöffnet, sie daran glauben lassen, dass sie musikalisch alles machen konnten, was sie wollten.
Was hat dein Vater dir über die Aufnahmen zum WHITE ALBUM erzählt?
Er hatte keine wirklich glückliche Zeit. Im Jahr zuvor hatten sie SGT. PEPPER gemacht, das war die Art von Platte, die mein Dad machen wollte. Er mochte die Idee von einem Sound-Gemälde. Und da er sich schnell langweilte, zog er es vor, im Studio immer direkt das aufzunehmen, was zuvor erarbeitet worden war. Alles sollte fertig ausgearbeitet sein, die Beatles aber wollten unbedarfter ins Studio gehen, sie wollten mehr Kontrolle haben. Zeitweise stand mein Vater quasi im Aus.
Ist es wahr, dass sein Assistent Chris Thomas bei einigen Stücken übernahm?
Zunächst mal arbeitete die Band ja teils zur selben Zeit in verschiedenen Studios. Aber ja: Zu einem gewissen Grad hatte mein Vater die Kontrolle über das Klassenzimmer verloren. Alles lief anders: Früher waren John und Paul ins Studio gekommen, hatten einen Song zusammen geprobt, dann kam mein Dad dazu und sie nahmen auf. Jetzt fing es damit an, dass die Musiker mit ihren Ideen im Studio jammten. Teils nahmen sie bis zu 100 Takes auf. Das ist für einen Produzenten sehr ermüdend.
Die Legende sagt, dass die Beatles beim WHITE ALBUM nicht mehr so recht als Band funktionierten und jeder mehr oder weniger für sich werkelte.
Ich habe wirklich nach Hinweisen darauf gesucht, doch wenn man nach den Konversationen im Studio geht, die im Bonusteil der neuen Deluxe-Ausgabe zu hören sind, dann haben sie ganz gut als Einheit gearbeitet. Sicher, George Harrison machte ›Savoy Truffle‹ für sich allein, bei ›Back In The U.S.S.R.‹ und einigen anderen Tracks war Ringo nicht dabei. Aber allgemein hatten sie eine gute Zeit, denke ich.
Bei den Aufnahmen war erstmals Yoko Ono mit im Studio.
Ja, aber ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied machte. Als Paul ›Blackbird‹ aufnahm, war ja auch seine Freundin dabei. Was passiert war: Früher waren die Beatles auf Tour und deshalb immer zusammen. Als sie aufhörten, Konzerte zu geben, haben sie mehr Zeit mit ihren Freundinnen oder Frauen verbracht, ihr Leben hatte sich einfach verändert.
Also war Yoko Ono nicht für das Ende der Band verantwortlich?
Nein, so sehe ich das nicht. Und die Beatles übrigens auch nicht, glaube ich, haha. Ich bin überzeugt, sie hätten sich auch unabhängig davon getrennt. Mein Vater dachte genauso. Die Vier lebten einfach dieses bizarre Leben, der mentale Druck auf sie war außergewöhnlich. Auf gewisse Weise waren all ihre Träume wahr geworden, und zugleich waren sie zu Alpträumen geworden. Sie wollten die größte Band der Welt sein, und ohne Zweifel hatten sie das erreicht. Es ist ein bisschen wie bei Midas, und es passierte auch anderen Gruppen: Sie wurden zu Opfern ihres eigenen Erfolgs. Zugleich finde ich auch, dass sie uns deshalb nicht leid tun müssen.
Was macht das WHITE ALBUM zu einem Klassiker?
Es ist einfach eine mutige Platte. So viele Bands haben sich davon beeinflussen lassen, weil es so vielfältig ist, so viele nennen es ihr Lieblingsalbum. Dazu ist es eines der meistverkauften Werke aller Zeiten. Davon abgesehen besitzt es eine erstaunliche musikalische Tiefe und klingt bis heute frisch. Als Paul vorbeikam und wir uns die neuen Mixes anhörten, sagte er: „Wow, ich hab ganz vergessen, wie modern dieses Album ist.“ Und er hat Recht. Was außergewöhnlich ist, wo es doch schon 50 Jahre alt ist.