Rival Sons & The Sheepdogs: London, The Roundhouse (06.02.2019)

Rival Sons Too BadNach einer beeindruckenden Reise in die 70er von den Sheepdogs liefern die Headliner eine Lektion in Sachen Qualität, Klasse und Potenzial ab.

Die Sheepdogs sehen gut aus. Richtig gut. Mit Outfits, die scheinbar aus der Requisite der grauenhaften Serie „Vinyl“ von Martin Scorsese kommen, bringen sie den Klang und den Geist der 70er so akkurat auf die Bühne, dass es beinahe überrascht, dass das Roundhouse nicht nach Fondue und Old Spice riecht. Die Gitarristen Ewan Currie und Jimmy Bowskill strahlen in funkelnden, strassbewehrten Anzügen, Bassist Ryan Gullen ist ein wandelndes Medley aus Wildleder-Quasten und Leder, während das Muster von Keyboarder Shamus Curries Krawatte an die Tapete eines indischen Restaurants ca. 1973 erinnert und sein hängender Schnurrbart ebenfalls seit mindestens 40 Jahren aus der Mode ist. Sie sehen umwerfend aus.

Man könnte sie aufgrund dieses Aussehens leicht als kitschigen Retro-Act abtun, eine weitere von vielen Bands, die eine Vergangenheit parodieren, wenn ihr Auftritt nicht ohne auch nur einen Anflug von Ironie vonstatten ginge – und sie nicht so verdammt gute Songs hätten. Vom grandiosen Southern-Rock von ›I‘ve Got A Hole Where My Heart Should Be‹ bis zum benebelten Boogie von ›Who?‹ und den breitbeinigen Swagger von ›Bad Lieutenant‹ trieft den Sheepdogs Melodie aus jeder Pore. Sie agieren in einer Zeit, in der viele Bands lieber mit Riffs um sich schlagen als einen Refrain zu schreiben, und auch wenn ihnen noch kein ›Sweet Home Alabama‹ gelungen sein mag, haben sie schon jetzt mindestens ein Dutzend Songs, die in die richtige Richtung gehen. Das abschließende ›Nobody‹ beinhaltet sogar eine Passage, die klingt wie Wings zu ›Jet‹-Zeiten. Der Geist der Allman Brothers ist dabei natürlich immer präsent, und wenn Currie und Bowskill an den Bühnenrand treten, um diese wunderbar ineinander verschlungenen Harmoniesoli zu spielen, könnte man wirklich im Fillmore East stehen, und zwar im März 1971. Wer die Gelegenheit hat, sie zu diesen Sommer zu sehen, sollte sie sich nicht entgehen lassen.

Auch die Rival Sons sind markant gekleidet. Frontmann Jay Buchanan ist vielleicht der einzige Weiße seit Clint Eastwood, der einen Poncho tragen kann, während Scott Holiday immer aussieht, als sei er gerade frisch von einem Herren-Friseursalon des frühen 20. Jahrhunderts gekommen – perfekt in Form geölter Schnauzer und belebend parfümiert.

Doch so beeindruckend ihre Garderobe sein mag, bleibt doch ein nagender Zweifel. Auf jedes ›Keep On Swinging‹ und ›Electric Man‹, Song, bei denen Holidays lebendige Riffs auf denkwürdige Refrains treffen, kommt eine ganze Reihe Songs, bei denen sie das nicht tun. Buchanan weist auch noch unabsichtlich darauf hin, als er rührend davon erzählt, wie das Publikum bei der epischen Weltreise als Vorgruppe von Black Sabbath jeden Abend auf ›Jordan‹ reagiert („Den Scheiß würde ich gegen nichts in der Welt eintauschen“, sagt er). Doch wenn ein einziges Stück so weit herausragt, muss man sich fragen, was mit den anderen los ist.

Nach einem Jahr, in dem sie vor Menschen auftraten, die sich erst von sich überzeugen mussten, stehen die Rival Sons nun aber wieder vor Fans, die sich bereitwillig von ihnen von den Socken hauen lassen. Es ist die erste Headliner-Show der Band in London seit vier Jahren (im April 2015 spielten sie in genau dieser Halle), und nach einem atmosphärischen Intro, bei dem eine Skelettversion des Hundes vom Albumcover von FERAL ROOTS auf die Kulisse projiziert wird, während ein Herzschlag durch den Saal hallt, stürmen die Kalifornier mit ›Back In The Woods‹ auf die Bühne. Und es klingt nicht gut. Es ist, als hätte jemand eine dicke Schicht Sirup in die Anlage gekippt und so einen basslastigen Brei erzeugt, durch den sich Buchanans Stimme und Holidays Gitarre nur mit Mühe kämpfen. Bei den folgenden ›Sugar On The Bone‹ und ›Pressure And Time‹ ist es dasselbe. Erst bei ›Electric Man‹ kommt das Publikum richtig in Fahrt und selbst das wunderschöne ›Jordan‹ leidet unter dem halbherzigen – und letztlich zwecklosen –Versuch der Fans, das Lied nach seinem Ende fortzuführen.

Doch dann wendet sich das Blatt. Und zwar mit dem Titelstück des neuen Albums. Plötzlich ist der Sound glasklar und Buchanans Stimme steigt empor wie ein Vogel. Das lange akustische Intro zu ›Feral Roots‹ klingt, als sei es in einer baufälligen Hütte in der walisischen Provinz geschrieben worden, aber viel wichtiger ist, dass es einen Refrain hat. Einen, der so richtig abhebt. Der sich in der Psyche festbeißt und erst lange nach Verlassen der Halle wieder loslässt. Wenn Mike Miley hier die Felle verprügelt wie einst John Bonham und die Fans diesmal noch lange über das Ende des Songs hinaus mitsingen, weiß man, dass dieser Gig noch nicht verloren ist.

Was sich dann auch bestätigt. Die Fans toben. Frauen tanzen. Das Mitsingen wir mitgesungen. ›Torture‹ stottert funky-verschwitzt daher, wobei Holiday all seine Page-ismen auspackt. Die Band gleitet rhythmisch durch ›Stood By Me‹, eines der neuen Stücke, die die kreative Spannung im Herzen der Rival Sons am besten demonstrieren: Holidays höllische Gitarre gegen Buchanans offensichtliches Verlangen, in den Himmel zu schießen.

Der Frontmann tauscht eine schweißdurchtränkte Jacke gegen ein frisch gewaschenes Exemplar aus, während die Songs ineinanderfließen. Die Stimmung steigt weiter mit der Beatles-go-Gospel-Euphorie von ›Imperial Joy‹ und einem donnernden ›Open My Eyes‹. ›End Of Forever‹ zollt mit seinem stotternden Intro und einem gen Horizont wirbelnden Refrain AC/DCs ›Whole Lotta Rosie‹ Tribut, bevor ›Do Your Worst‹ das Set mit einer weiteren Mitsing-Orgie beschließt.

Und gerade, wenn man denkt, dieser Abend könnte nur besser, wenn der Vorhang noch mal aufginge und dahinter ein Gospelchor zum Vorschein käme, passiert genau das. Der Roundhouse Choir kommt auf die Bühne, um ein passend himmlisches Backing für ›Shooting Stars‹ zu liefern. Wie ›Jordan‹ ist dies ein Song, der Buchanans Stimme Raum zum Atmen gibt, und er sieht überglücklich aus darüber, von so ergreifenden Mitmusikern umgeben zu sein.

Den krönenden Abschluss bildet ein wildes ›Keep On Swinging‹. Die Kehlen ächzen, der Triumph ist bestätigt. Und zehn der 16 Songs heute Abend stammten von FERAL ROOTS, was eindeutig beweist, dass Rival Sons nach sechs Alben gerade erst aufgewärmt sind und jetzt endlich so richtig loslegen. Greta Van wer?usik immer bei uns sein wird, und er somit auch.

(Text: Fraser Lewry)

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