The Beatles: All White – Giles Martin im Interview

Beatles Weisses Album Interview50 Jahre „Weißes Album“. Das gehört gefeiert! Und zwar mit einer Deluxe-Ausgabe des epochalen Werks samt Begleitbuch, jeder Menge unveröffentlichter Aufnahmen und akustischen Fassungen von Klassikern wie ›Happiness Is A Warm Gun‹, ›Back In The U.S.S.R.‹ und ›While My Guitar Gently Weeps‹. Dafür verantwortlich: Giles Martin, der Sohn von Beatles-Produzent George Martin.

Interview: David Numberger

Giles, wann hast du das WHITE ALBUM zum ersten Mal gehört?
Es ist witzig: Tatsächlich erst, als ich ungefähr 23 war, also etwa 1993. Es war nicht das liebste Beatles-Album meines Vaters. Ich kannte es lange nicht besonders gut, das hat sich mittlerweile geändert.

Mochtest du es auf Anhieb?
Nun, ich kannte viele der Songs darauf, mir war nur nicht bewusst, woher sie kamen. Da sie so vielfältig ist, ist es schwer, die Platte nicht zu mögen. Wobei gerade das natürlich auch ein Grund sein könnte, sie tatsächlich nicht zu mögen. Für mich jedenfalls macht seine Variabilität das WHITE ALBUM zum mutigsten Werk der Beatles.

Hat dir dein Vater die Beatles in deiner Kindheit näher gebracht?
Nicht wirklich, denn in den 70ern und 80ern sah er sie als etwas, das er gemacht hatte. Sie waren damals allgemein nicht so populär wie heute. Es ist schwer vorstellbar, aber sie wurden nicht groß verehrt. Mein Vater fand eine Zeit lang schwer Arbeit, weil er mit ihnen gearbeitet hatte, so sehr hatte sich der Style verändert. Also nein, er hat mich nie systematisch in ihre Musik eingeführt.

Seit einigen Jahren erledigst du das Remixing für die Jubiläums-Neuauflagen der Beatles-Werke. Kannst du erklären, wie das funktioniert?
Ja natürlich. Wenn du etwas aufnimmst, dann im Multitrack-Verfahren, das heißt, alle Instrumente werden getrennt aufgezeichnet. Die Drums, der Bass, John Lennon, Paul McCartney, George Harrisons Gitarre. Ich nehme mir dann die analogen Tapes vor und verschmelze sie in einen Stereo-Track, erstelle also ein Stereo-Master. Und hier liegt der Unterschied zum Remastering. Da würde man einfach das Stereo-Master nehmen, das ich gemacht habe, und versuchen, dieses zu optimieren. Das Remixing geht viel tiefer, man kann dabei etwa den Sound der Drums oder den Klang der Stimme verändern. Beim Remastering geht das nicht, weil da ja alles miteinander verbunden ist.

Was ist das Kriterium dafür, dass etwas gut klingt?
Hm, gute Frage. Dafür gibt es nicht wirklich ein Kriterium. Stell dir vor, du isst einen Teller mit Suppe. Wann magst du die Suppe? Wenn sie salzig genug ist, wenn sie süß genug ist? Man weiß es einfach, wenn es so ist. Es ist schwierig, darüber zu reden, ohne arrogant zu wirken, aber mein Job ist es, Entscheidungen zu treffen. Klingt John Lennons Stimme gut? Wie ist es mit den Drums? Ich überlege, warum sich ein Song noch nicht ganz richtig anhört. Nimm ›Dear Prudence‹: Am Anfang kommt die Gitarre, und wenn man den Remix mit dem Original vergleicht, dann klingt der direkter und, ja, ich finde tatsächlich auch schöner. Als wäre John neben dir im Raum. Seine Stimme ist klarer, der Bass wärmer, alles wirkt organischer. Ein guter Mix gibt dir das Gefühl, näher an der Band zu sein. Meine Motivation ist es, dich glauben zu machen, du wärst im selben Raum mit ihr.

„Es ist schwierig, darüber zu reden, ohne arrogant zu wirken, aber mein Job ist es, Entscheidungen zu treffen.“

Auf welche Weise hat dein Vater die Musik der Beatles beeinflusst, oder an­­ders gesagt: Wie hätten sie ohne ihn geklungen?
Schwer zu sagen, denn es ist ja nicht so passiert. Von Paul habe ich gehört, dass mein Dad einfach einen großartigen Sinn für Musikalität hatte. Er war wohl auch so etwas wie ein Satellit, der all ihre verschiedenen Ideen einfing und auf Platte bannte. Wenn ich mir zum Vergleich etwa Gruppen wie die Kinks anschaue, dann haben sie ohne Zweifel brillante Songs, aber die Arrangements und die Aufnahmen an sich erscheinen mir nicht so gut wie bei den Beatles. Mein Vater brachte mir bei, nicht zu akzeptieren, Zweitbester zu sein. Keine Kompromisse, wir müssen einen großartigen Job machen. Wenn du ein Sänger wärst und mit mir ins Studio gehen würdest, müsste ich sicherstellen, dass du die beste Vocal-Performance deines Lebens ablieferst, nicht nur die beste der nächsten Tage. Wie schaffen wir das? Da lag die Stärke meines Dads: Er hat den Beatles die Tür geöffnet, sie daran glauben lassen, dass sie musikalisch alles machen konnten, was sie wollten.

Was hat dein Vater dir über die Aufnahmen zum WHITE ALBUM erzählt?
Er hatte keine wirklich glückliche Zeit. Im Jahr zuvor hatten sie SGT. PEPPER gemacht, das war die Art von Platte, die mein Dad machen wollte. Er mochte die Idee von einem Sound-Gemälde. Und da er sich schnell langweilte, zog er es vor, im Studio immer direkt das aufzunehmen, was zuvor er­arbeitet worden war. Alles sollte fertig ausgearbeitet sein, die Beatles aber wollten unbedarfter ins Studio gehen, sie wollten mehr Kontrolle haben. Zeitweise stand mein Vater quasi im Aus.

Ist es wahr, dass sein Assistent Chris Thomas bei einigen Stücken übernahm?
Zunächst mal arbeitete die Band ja teils zur selben Zeit in verschiedenen Studios. Aber ja: Zu einem gewissen Grad hatte mein Vater die Kontrolle über das Klassenzimmer verloren. Alles lief anders: Früher waren John und Paul ins Studio gekommen, hatten einen Song zusammen geprobt, dann kam mein Dad dazu und sie nahmen auf. Jetzt fing es damit an, dass die Musiker mit ihren Ideen im Studio jammten. Teils nahmen sie bis zu 100 Takes auf. Das ist für einen Produzenten sehr ermüdend.

Die Legende sagt, dass die Beatles beim WHITE ALBUM nicht mehr so recht als Band funktionierten und jeder mehr oder weniger für sich werkelte.
Ich habe wirklich nach Hinweisen darauf gesucht, doch wenn man nach den Konversationen im Studio geht, die im Bonusteil der neuen Deluxe-Ausgabe zu hören sind, dann haben sie ganz gut als Einheit gearbeitet. Sicher, George Harrison machte ›Savoy Truffle‹ für sich allein, bei ›Back In The U.S.S.R.‹ und einigen anderen Tracks war Ringo nicht dabei. Aber allgemein hatten sie eine gute Zeit, denke ich.

Bei den Aufnahmen war erstmals Yoko Ono mit im Studio.
Ja, aber ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied machte. Als Paul ›Blackbird‹ aufnahm, war ja auch seine Freundin dabei. Was passiert war: Früher waren die Beatles auf Tour und deshalb immer zusammen. Als sie aufhörten, Konzerte zu geben, haben sie mehr Zeit mit ihren Freundinnen oder Frauen verbracht, ihr Leben hatte sich einfach verändert.

Also war Yoko Ono nicht für das Ende der Band verantwortlich?
Nein, so sehe ich das nicht. Und die Beatles übrigens auch nicht, glaube ich, haha. Ich bin überzeugt, sie hätten sich auch unabhängig davon getrennt. Mein Vater dachte genauso. Die Vier lebten einfach dieses bi­­zarre Leben, der mentale Druck auf sie war außergewöhnlich. Auf gewisse Weise waren all ihre Träume wahr geworden, und zugleich waren sie zu Alpträumen geworden. Sie wollten die größte Band der Welt sein, und ohne Zweifel hatten sie das er­­reicht. Es ist ein bisschen wie bei Midas, und es passierte auch anderen Gruppen: Sie wurden zu Opfern ihres eigenen Er­­folgs. Zugleich finde ich auch, dass sie uns deshalb nicht leid tun müssen.

Was macht das WHITE ALBUM zu einem Klassiker?
Es ist einfach eine mutige Platte. So viele Bands haben sich davon beeinflussen lassen, weil es so vielfältig ist, so viele nennen es ihr Lieblingsalbum. Dazu ist es eines der meistverkauften Werke aller Zeiten. Davon abgesehen besitzt es eine erstaunliche musikalische Tiefe und klingt bis heute frisch. Als Paul vorbeikam und wir uns die neuen Mixes anhörten, sagte er: „Wow, ich hab ganz vergessen, wie modern dieses Album ist.“ Und er hat Recht. Was außergewöhnlich ist, wo es doch schon 50 Jahre alt ist.

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