Die Platte wurde überwiegend während des zweiten Lockdowns aufgenommen. Mitten im walisischen Winter. Brrr. In dieser Zeit entstand ›Still Snowing In Sapporo‹. Man hört wieder diese Leidenschaft im Refrain, gegen die kein Eis der Welt eine Chance hat. Doch wäre da auch die Geschichte mit dem Klavier, das James Dean Bradfield geerbt hat. Achtzig Prozent der Songs hat er auf ihm komponiert. Wie das hineinspielt, hört man an ›The Secret He Had Missed‹. James und Julia von der Band Sunflower Bean singen, die Gitarre nörgelt und besagtes Tastengerät will schon sehr nach Benny Andersson klingen. ›Diapause‹ ist ein Kontrastpunkt. Hier hört man den Einfluss von beißendem Frost in der Gesellschaft, wie die Vision Orwells und Angst vorm Untergang beunruhigen. ›Blank Diary Entry‹ mit Mark Lanegan funktioniert ähnlich, Post-Punk ist präsenter. Ja, diese Platte wird dem Freund von britischem Indie-Rock und 80er-Versatzstücken besser gefallen als dem Fan von GENERATION TERRORISTS. Aber man muss glücklich sein. Auch 35 Jahre nach Gründung holen die Manics immer noch diese Emotion aus ihrer Sache, setzen mit voller Wucht Licht gegen das Lamento. So, wie nur sie es können.
8 von 10 Punkten
Manic Street Preachers, THE ULTRA VIVID LAMENT, COLUMBIA/SONY
Gerade als die sympathischen AOR-Skandinavier mit ihrem letztjährigen Album AEROMANTIC auf den Bühnen durchstarten wollten, kam der Corona-Dämpfer. Was für die gesamte Musikwelt ein herber Schlag war und aktuell leider immer noch ist, wurde von vielen auch als Kreativchance genutzt. So schrieben TNFO einfach da weiter, wo sie aufgehört hatten. Wie – fast schon – gewohnt, wird erneut ein umwerfender 80er-Track über heiße, junge Liebe und Fernweh nach dem anderen abgefeuert, mit so ziemlich allen nostalgischen Vibes aus ihrem Lieblingsjahrzehnt. Zudem ist den Schweden mit ›Burn For Me‹ ein schwungvoller Sommerhit gelungen. Geschulte AOR-Ohren werden hier etwas an Totos ›Straight For The Heart‹ erinnert werden, was aber definitiv als Pro statt als Contra aufzufassen ist.
The Night Flight Orchestra sind und bleiben eine fantastische Stimmungsband, so lässt sich sagen, dass Teil zwei der AEROMANTIC-Saga nochmal eine Sphäre höher fliegt und gut auf den Punkt bringt, worum es bei dieser Band geht: In Bewegung bleiben und das Reisen romantisieren – manchmal sogar mit gebrochenem Herzen –, begleitet von den schönen Dingen des Lebens.
8 von 10 Punkten
The Night Flight Orchestra, AEROMANTIC II, NUCLEAR BLAST/ROUGH TRADE
Am 3. September veröffentlichen Splinter ihr Debütalbum mit dem Titel FILTHY PLEASURES. Das gute Stück, dessen Cover an eine Mischung aus STICKY FINGERS von den Stones, TOO FAST FOR LOVE von Mötley Crüe und ALBUM von Joan Jett erinnert, erscheint bei ROBOTOR RECORDS, dem relativ frisch gegründeten Label von Kadavar.
Splinter, das ist die Fahne, unter der sich ehemalige Mitglieder von Death Alley, Birth Of Joy und Vanderbuyst nun formiert haben, um sich uneingeschränkt hochenergetischem und Punk-getriebenem Rock’n’Roll inklusive Hammond-Orgel zu widmen. Unbarmherzig rotzig, angenehm eingängig und absolut tanzbar.
Dieses US-Debütalbum der Stray Cats war tatsächlich ein Sampler aus ihren beiden britischen Veröffentlichungen STRAY CATS und GONNA BALL von 1981. Es erschein in einer Zeit, als das Shredding angesagt war, doch Brian Setzers brandheißes Spiel auf ›Stray Cat Strut‹, ›Runaway Boys‹ und ›Rumble In Brighton‹ erweckte wieder das Interesse am Rockabilly der 50er und an großen, orangenen Gretsch-Gitarren. Beeinflusst vom Look und Sound des Ur-Rockers Eddie Cochran, suchte Setzer nach einer Gretsch G6120 Chet Atkins wie der seines Helden und fand schließlich für ein paar hundert Dollar ein Modell von 1959. 1981 war die Produktion von Gretsch-Gitarren in den USA eingestellt worden, doch dank Setzers Enthusiasmus für die Marke feierte sie in den 90ern in Japan ihre Wiederauferstehung. Als Belohnung wurde Setzer der erste Gitarrist seit Chet Atkins, der von Gretsch mit einem Signature-Modell gewürdigt wurde.
Stevie Ray Vaughan & Double Trouble TEXAS FLOOD (1983)
Dieses Album sollte eigentlich ab Werk jeder neuen Strat beiliegen, denn es zeigt den Klang dieses Modells im absolut besten Licht. Anfang der 80er war der Blues zu einem Randphänomen verkommen und fast komplett aus dem Mainstream verschwunden. Dann kam Stevie Ray Vaughan, ein junger Gitarren-Heißsporn, der den Blues nach seinen Vorstellungen neu definierte. Dies war Texas-Blues, fiebriger, spektakulärer und leidenschaftlicher als das überproduzierte Zeug, das damals selbst Titanen wie B.B. King und Buddy Guy feilboten. Dieses Album rettete also den Blues, und tut es bis heute dank all der Kids mit Strats, die in seiner Bugwelle folgten.
Joe Satriani SURFING WITH THE ALIEN (1987)
Mitte bis Ende der 80er gab es eine wahre Flutwelle von Instrumental-Gitarrenalben. So zum Beispiel das ernste Shredding-Zeug von Shrapnel Records, von Acts wie Racer X, Vinnie Moore und Marty Friedman. Doch so begabt diese Typen auch waren, das alles schien so hochspezialisiert und kaum mainstreamtauglich. Und dann landete Joe Satriani mit SURFING WITH THE ALIEN einen Monsterhit. Die Folge: Ein Verbund von Jazz-Fusion mit elektrisierendem Rock’n’Roll war plötzlich denkbar, Gitarrentechnik wurde wieder cool, und zum ersten Mal seit dem Surf-Hype der frühen 60er konnte ein reines Instrumentalalbum auch kommerzielles Potenzial haben. Sogar Satriani selbst war von diesem Erfolg überrascht.
Mit ihrem 17. Studio-Output haben die eisernen Briten erneut eine Platte zustande gebracht, die in puncto Opulenz ihren Meister suchen muss, aber nicht finden wird. Zu Beginn glänzt der Titeltrack ›Senjutsu‹, ein symphonisch brillanter Opener, eine Smith/Harris-Komposition. Neben ›Empire Of The Clouds‹ von THE BOOK OF SOULS der stärkste Maiden-Song seit dem Reunion-Album BRAVE NEW WORLD und zugleich bester Maiden-Album-Opener seit ›Aces High‹ von POWERSLAVE oder ›Where Eagles Dare‹ von PIECE OF MIND.
Im Midtempo folgt ›Stratego‹ mit einer etwas spröden Strophe, aber tollem Chorus. Umgekehrte Vorzeichen findet man bei der ersten Single ›The Writing On The Wall‹, hier ist der Refrain etwas öde. Ein wenig untypisch für Maiden sind der Beginn sowie der phantastische Solopart – schon fast Southern Rock. Dass in bekannter Maiden-Manier ständig der Refrain wiederholt wird, ist eine ein wenig in Mode gekommene Unart seit der Wiedervereinigung, an der man sich durchaus stören kann. Dass es jedoch immerhin einen Chorus gibt, ist eher eine Seltenheit auf SENJUTSU, das weitestgehend ohne wiederkehrende Kehrreime auskommt. Was kein Nachteil ist.
Das überzeugende ›Lost In A Lost World‹ ist einer von vier Tracks, den Bassist Steve Harris allein zu Papier gebracht hat (gab es schon seit VIRTUAL XI nicht mehr in dem Ausmaß). Die Nummer beginnt wie sie endet, mit einem melodischen ruhigen Teil, dazwischen dominieren wie gewohnt zahlreiche Gitarren-Duelle und Maiden-Rhythmen. ›Days Of Future Past‹ markiert den kürzesten Song, recht einfach strukturiert, recht bedeutungslos und neben ›Death Of The Celts‹ (mit Gaukler-Gesängen zu Beginn) die schwächste Nummer von SENJUTSU. ›The Time Machine‹, nach ›Stratego‹ der zweite Gers/Harris-Track, fängt sehr spannend an, bevor der wiederum für Maiden typische Reiter-Takt einsetzt – einer der Gewinner der Scheibe.
Der Rhythmus und die Gesangsmelodie zu Beginn erinnern frappierend an die Briten Stray. Kurioserweise heißt auch der Stray-Track ›Time Machine‹ – ein Schelm, wer hier Böses denkt. (Siehe dazu auch das CLASSIC-ROCK-Interview mit Bruce Dickinson, in dem Iron Maiden diesbezüglich entlarvt werden.) ›Darkest Hour‹, atmosphärisch düster, ganz klar der beste der drei Smith/Dickinson Tracks, die Gesangsleistung hier kann schlichtweg als gigantisch bezeichnet werden. ›The Parchment‹ ist mit fast dreizehn Minuten die längste Nummer des Albums und auch eine der besten (man denkt ein wenig an ›Powerslave‹), die fast sechsminütigen Gitarrenduelle sind nicht von dieser Welt.
›Hell On Earth‹, mit über elf Minuten ebenfalls verspielt und progressiv lang, lässt den Fan atemlos zurück. Ein Wermutstropfen an Iron Maidens bisher zweitlängstem Opus: Man hätte es locker auf zwei statt auf drei LPs unterbringen können. Rohstoffverschwendung. Das Artwork von Mark Wilkinson ist schön anzusehen, die Detailverliebtheit und Brillanz eines Derek Riggs erreicht es freilich nicht. Davon abgesehen ist SENJUTSU die beste Maiden-Platte seit SOMEWHERE IN TIME.
Niemand äußert sich so gern und häufig über den Verfall des Rock’n’Roll wie Gene Simmons von Kiss. In einem jüngsten Interview mit der US Weekly sprach der „God Of Thunder“ zum wiederholten Mal über die Probleme im Musikbusiness.
„Neue Künstler werden nie wieder dieselben Chancen wie wir bekommen. Die Plattenfirmen haben uns damals Millionen an Dollars gegeben, als wir erfolgreich wurden. Als Vorschuss, mit einem Tantiemen-System. Wir mussten nicht nebenher in normalen Jobs arbeiten. Als junge Band kannst du dir deinen Lebensunterhalt wegen all der pickligen College-Kids nicht verdienen. Die hassen mich übrigens, weil ich behaupte, dass das Diebstahl ist. Mit den Downloads und dem Filesharing klaut man. Mich betrifft das nicht, unsere Band gab es schon, als das alles noch ein echtes Geschäftsmodell war. Aber für die jungen Künstler tut es mir wirklich Leid. Das ist, als würde man kleinen Babys einfach nichts zu essen geben. Ihr nehmt ihnen das Essen weg, also müssen sie nebenbei arbeiten gehen und haben nicht genug Zeit für ihre Kunst.“
„Wer das Musikbusiness zerstört hat? Die Fans! Keine höhere Macht, keine Aliens, sondern die Fans. Und wen mache ich verantwortlich? Die Plattenfirmen, weil sie damals eben nicht den ersten Trottel verklagt haben, der in den Hühnerstall einbrach und die Eier geklaut hat. Sobald man den ersten Fuchs in den Hühnerstall lässt, damit er sich umsonst mit den Eiern bereichern kann, kommen die restlichen Füchse auch.„
„Die Büchse der Pandora wurde geöffnet. Millionen von Fans weltweit sind so konditioniert, dass sie nicht mehr für Musik bezahlen. Was macht das mit neuen Bands? Es bringt sie um. Wenn man den Wert von etwas wegnimmt, wird es logischerweise wertlos.“
John Mayall’s Blues Breakers JOHN MAYALL’S BLUES BREAKERS WITH ERIC CLAPTON (1966)
Besser bekannt als das „Beano Album“, wurde diese Platte genauer unter die Lupe genommen als die Schriftrollen vom Toten Meer. Sie ist auch der Grund dafür, dass Joe Bonamassa all sein Taschengeld in alte Les Pauls investiert. Sie war ebenfalls der Auslöser von Gary Moores Vorhaben, auf STILL GOT THE BLUES von 1990 dem Metal den Rücken zu kehren und die Musik wieder zu entdecken, die ihn als Kind inspiriert hatte. Eric Clapton veränderte mit diesem Werk die Rockgeschichte. Er spielte darauf eine Gibson Les Paul Standard, über eine Marshall-Kombination sehr laut aufgedreht, und veranlasste somit etwa Peter Green oder Jeff Beck, es ihm gleich zu tun. Dank Beano und seiner Epigonen wurde die Les Paul mit einzelnem Ausschnitt, die 1960 zugunsten der SG eingestellt worden war, 1968 wieder aufgelegt.
The Jimi Hendrix Experience ARE YOU EXPERIENCED
Das Debüt der Jimi Hendrix Experience ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Nicht nur, weil es der Fender Stratocaster den Arsch rettete. Anders als die Gibson Les Paul war sie zwar nie eingestellt worden, doch ihre Beliebtheit hatte seit ihrer Glanzzeit Anfang der 60er deutlich abgenommen. Dann kam Jimi und plötzlich wollten alle wieder eine Strat. Nicht, dass ihn das davon abgehalten hätte, ein paar davon zum Vergnügen zu zertrümmern. Das Spektakel, ihm dabei zuzusehen, wie er eine gegen einen Marshall-Turm trockenfickte und sie dann verbrannte, während sie ihre letzten gequälten Schreie von sich gab, treibt jedem Sammler klassischer Gitarren Tränen in die Augen. Mit seinem frühen Tod half Jimi Fender, zahllose Exemplare zu verkaufen. Seine Verwendung von Wah-wah- und Fuzz-Effekten war zudem ein großer Einfluss auf viele aufstrebende Rocker – ganz zu schweigen von unzähligen Porno-Soundtracks der 70er …
Led Zeppelin LED ZEPPELIN (1969)
Wir gehen davon aus, dass die meisten bei Jimmy Page in Aktion ein bestimmtes Bild im Kopf haben: nackter Oberkörper, Drachenanzug, Haare wie eine geplatzte Matratze – und eine 59er Sunburst Les Paul Standard, die etwa auf Höhe der Eier hängt. Jahrelang gingen Gitarristen allerorten davon aus, Jimmy habe auf allem eine Gibson gespielt, doch auf weiten Teilen des ersten Zeppelin-Albums erzeugte er diese klassischen „Les Paul“-Klänge mit derselben 59er Fender Telecaster, die er schon bei den Yardbirds beackert hatte. Und zwar durch eine alte, stark modifizierte Supro-1695T-Coronado-Kombination und MK-II-Tone-Bender-Fuzz. Dieses Album markiert den Moment, in dem der britische Blues einen Gang zum Hardrock hochschaltete. Und es ist ein Klang, den Gitarrengeeks bis heute nachzuahmen versuchen. Später verwendete er dieselbe Tele und denselben Supro-Verstärker, um das Solo auf ›Stairway To Heaven‹ aufzunehmen.
Laut der Los Angeles Time haben Mötley Crüe David Lee Roth gefragt, ob er auf ihrer großen „The Stadium Tour“ für sie eröffnen wolle. Diamond Dave habe diese Bitte laut Nikki Sixx abgelehnt mit der Begründung, dass er nicht für Bands den Abend eröffne, die er beeinflusst hat.
In einem Interview in der „The Mike & Carla Morning Show“ meinte der Van-Halen-Mann 2019: „Hairbands waren eine Imitation von Van Halen.“. Auch ohne Roth haben Mötley Crüe ein ordentliches Line-Up am Start: Auf ihrer US-Tour werden sie von Def Leppard, Poison und Joan Jett unterstützt.